Dienstag, 29. Juni 2010

Spanien : Portugal - App

Vor einigen Jahren hatte ich eine überaus schwierige Begegnung mit dem Spanischen. Nur eine Woche vor einer wichtigen Prüfung erfuhr ich, dass mein Colloquium in der Landessprache – spanisch – zu führen sei. Nun war ich des Spanischen zwar einigermaßen mächtig, aber vollkommen ungeübt, zumal in einem doch recht komplizierten und sehr speziellen Themenfeld, das da lautete: „Nietzsche en España“.

Von der Prüfung habe ich nicht mehr allzu viel in Erinnerung – immerhin: ich habe sie bestanden. Für immer in mein Gedächtnis eingebrannt ist jedoch die Übersetzung für Nietzsches Übermenschen, der auf spanisch wirklich und wahrhaftig „Superhombre“ heißt. Genau den gleichen Ausdruck benutzen die Spanier auch für Superman, was zwar in der Sache richtig sein mag, aber doch ein irgendwie befremdliches Bild auf Nietzsche wirft. Was das mit dem Spiel heute Abend zu tun hat? Na ja, könnte ja schließlich sein, dass Villa (oder Torres?) heute zum Superhombre wird. Und wenn die Spanier heute abend gewinnen, dann hätte ich auch schon eine schöne Schlagzeile: Super, hombres! (Aua!)

Aber was, wenn nichts los ist in Sachen Superhombres und es kurz vor Abpfiff noch, sagen wir, unentschieden steht? Dann halte ich es mit Pepe*:

(Aus: Axterix bei den Spaniern)

Das hat noch immer funktioniert – olé!

Sonntag, 27. Juni 2010

Am Hang im Glück

In der Nacht von Freitag auf Samstag habe ich vom Endspiel der U17 geträumt. Ein Fußballplatz, der eigentlich mehr so etwas wie eine große Wiese war, überall Eintrachtler, die im Grünen saßen, ein Fläschchen in der Hand, die Sonne schien. Die Eintracht gewann mit 2:0.

Vom Traum zur Wirklichkeit. Wir sind früh dran, an der Autobahnabfahrt Richtung Riederwald bildet sich ein kleiner Stau, vor uns ein Eintrachtler, neben uns ebenfalls und als wir an der Eissporthalle parken, fängt mein Herz an zu hüpfen: Tatsächlich. Von allen Seiten strömen Menschen heran, die sehen wollen, wie unsere Jungs, wie die Jungs von Alex Schur sich im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft schlagen. In Eintracht-Trikots, Bembel-, Traumatisiert- und Frankfurt-Shirts, mit Eintracht-Kapp und Eintracht-Fahnen. Kleine EFC-Trupps, Grüppchen von Ultras, Mama, Papa, Kind – alle, alle sind da. Am Tickethäuschen eine Schlange („Ach wär das schön, wenn man auch bei einem richtigen Eintracht-Spiel ganz selbstverständlich am Kartenhäuschen noch Tickets kaufen könnte...“), aber schon bei den Einlasskontrollen merken wir, dass auch hier und heute die Fußballwelt längst nicht mehr heil ist. Security, abtasten, Taschen öffnen – „Hey , hier spielen 16, 17-jährige, habt ihr se noch all ...“ ruft einer und schon sind wir drin, in diesem feinen, wunderbar kompakten Stadion am Bornheimer Hang.

Die Fankurve hinter dem Tor ist schon gut gefüllt, die Sonne brennt vom Himmel, ein leichtes Lüftchen - zumindest das – wir versorgen uns mit Wasser und Worscht und sehen den Mannschaften zu, die bereits mit dem Aufwärmen begonnen haben - bei den Leverkusenern sieht das fast brasilianisch aus – sie begleiten ihre Übungen mit rhythmischem Klatschen. Die abschließenden Torschussübungen nutzt einer meiner Mit-Adler, um mir die Tücken des WM-Balls noch einmal genauer zu erklären – schießen immer mit dem Innen- oder Außenrist, eher Schlenzen – beim Einfach-Drauf-Halten bekommt der Ball zu viel Effet, wird zu schnell, zischt dann häufig nicht nur knapp, sondern weit am oder überm Tor vorbei. Durch die Lautsprecher schallt die „Klassenfahrt zum Titi-See“ und spätestens jetzt ist klar, dass Beve, der Beve auch heute wieder als Stadionsprecher am Mikro sitzt.

Kurzes Innehalten: Schweigeminute für den in dieser Woche verstorbenen Jörg Berger. Zum Gedenken an ihn haben die Ultras hinter dem Gästetor ein Transparent aufgehängt. Helden leben länger, Legenden sterben nie. Eine schöne, anrührende Geste.

Dass es sich hier um eine offizielle DFB-Veranstaltung handelt, ist nicht zu übersehen: Über dem Stadion flattern die Fahnen von Bayer Leverkusen, der Eintracht und des DFB. Die um den Spielfeldrand platzierten Fotografen haben DFB-Leibchen übergezogen, am Mittelkreis ist das DFB-Logo ausgebreitet. Die Mannschaftsaufstellungen – auch die Eintracht-Namen in rascher Folge, ohne Fan-Chor – gut so, wäre ja schon doof, wenn von all den talentierten Jungs nur der im Vorfeld am meisten verbreitete Name ein Echo bekommen hätte. Einlaufkinder. Applaus. Die Nationalhymne. Befremdlich – aber irgendwie unterstreicht es vielleicht ja auch die Besonderheit des Augenblicks und die Bedeutung, die dieses Spiel hat: Deutscher Meister – eine der beiden Mannschaften dort unten wird heute die Meisterschaftsschale mit nach Hause nehmen.

Die Jungs der Eintracht bilden einen Kreis – lange stehen sie eng aneinander gedrückt, scharren mit den Beinen. Die Leverkusener haben schon Aufstellung genommen. Jetzt, der Kreis löst sich auf, ein letztes Abklatschen. Yep. Jetzt gilt’s.

Leverkusen spielt in Weiß, mit Spielernamen auf dem Trikot - die Eintracht in den neuen rotundschwarz gestreiften Heimtrikots (gut sehen sie aus), nur mit Nummern. Erst mal orientieren. Huch. Andere Nummernverteilung als in Langenselbold. „Das ist im Jugendbereich so“, belehrt mich mein Mit-Adler. „Da gibt es keine festen Nummern – die Nummern werden nach Position in jedem Spiel neu vergeben.“ Wieder was gelernt. Hat was für sich. Aber warum ist es bei den Leverkusenern anders? Mmh.

Schon die ersten Spielminuten zeigen, dass sich da zwei technisch feine Mannschaften gegenüberstehen, die sich nicht viel schenken. Die Leverkusener erarbeiten sich Vorteile im Spiel Mann-gegen-Mann, überbrücken das Mittelfeld schnell und strahlen immer Torgefahr aus. Die Eintracht verfügt über den besseren Spielaufbau und hat leichte Feldvorteile, kombiniert gefällig, mitunter fehlt ein wenig der Zug zum Tor. Sonny Kittel ist durch, müsste auf rechts passen, geht selbst – abgeblockt. Freistoß Kittel - Pfosten. Der körperlich kleine Gianluca Asta, der im Halbfinale in Langenselbold das vorentscheidende 1:0 erzielt hat, steht heute weitgehend auf verlorenem Posten. Er müht sich, wuselt, trickst – aber am bärenstarken 3er, dem Kapitän der Leverkusener – ist kein Vorbeikommen, zumal er Asta um zwei Köpfe überragt. Die Eintracht erhöht den Druck. Wow. Pfosten. Ecke. Gewimmel vor dem Tor. Schuss aus kurzer Distanz. Der Leverkusener Torwart lässt abprallen. Kittel setzt nach. Ein Eintrachtler ist da. Noch einer. Der Ball liegt frei. Ein Leverkusener Bein ist dazwischen. Boah. Der hätte drin sein müssen. Ein Schuss aus der Halbdistanz (von Okan Derici?) aufs Tor der Leverkusener, der Schuss scheint deutlich drüber zu gehen, senkt sich ab, wird länger – der Torhüter pflückt ihn vor der Torlinie herunter, kommt ins Straucheln, steht mit dem Ball hinter der Torlinie. Tor. Tor. Das war ein Tor. Keiner reklamiert. Weiter geht’s.

Apropos Torhüter: Der Leverkusener Torhüter, der in der ersten Halbzeit direkt vor unserer Kurve steht, wird diesen Tag mit Sicherheit nicht vergessen. Er heißt Lomb – und in Nullkommanix ist aus ihm „Lombo“ geworden und er bekommt die ganze Palette der Torwart-Gesänge zu hören. „Lombo du bist nervös“ und „Lombo ist... naja...“ – sind zum Glück schnell vom Tisch (muss ja bei einem U17-Spiel werklisch net sein) - aber „Lombo wink ein Mal“ und „Winken für Lombo“ werden zum running Gag des Spiels. Zunächst ist der Junge sichtlich ein wenig irritiert, aber dann arrangiert er sich zunehmend mit der Situation, wirkt sogar amüsiert. Grinst. Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Cool und sehr sympathisch. Ein starker, sicherer Rückhalt seiner Mannschaft.

Die Stimmung im Stadion ist grandios. Klatschen. Singen, Rufen. Sprechchöre. Eintracht. Eintracht. Deutscher Meister wird nur die SGE. Uiiiiiiii. Aaaaaaaaaah. Pfuuuuuuuui. Auf geht’s Jungs. Eintracht. Eintracht. Lombo wink einmal...

Zehn Minuten vor der Halbzeit verlagern sich die Spielvorteile Richtung Leverkusen. Das Spiel der Eintracht läuft zu sehr über die Mitte, die Mannschaft zeigt bei Ballverlusten Schwächen in der Rückwärtsbewegung, das „Übernehmen“ gelingt häufig nicht, die Jungs stehen nicht eng genug – im Mittelfeld klafft immer öfter eine Lücke – und das nutzen die Leverkusener aus. Sie kontern mit langen Bällen in die Spitze, tauchen ein ums andere Mal gefährlich vor dem Tor auf. Aber die Abwehrreihe mit Schorr, Dudda, Hien, Söder steht sicher – beindruckend wie die Jungs auch unter Druck die Ruhe bewahren, die Bälle nicht einfach raushauen, sondern sich läuferisch und spielerisch durchsetzen. Krasser Abwehrfehler, halbrechts aus kurzer Distanz zieht ein Leverkusener ab. Tor. Entsetzen – und Erleichterung: Er gibt es nicht. Abseits? Sah eigentlich nicht so aus, aber der Schiri wird wissen, was er tut. Weiß er ja immer ,-)

In der zweiten Halbzeit flacht das Spiel ab. Die Hitze. Gleichzeitig steigt spürbar die Anspannung. Wieder ein Tor für Leverkusen. Dieses Mal aus klarer Abseitsposition. Eintracht. Eintracht. Und die Jungs zeigen Spirit. Versuchen ihr Glück mit Distanzschüssen. Aaaaaaah....Latte. Lukas Ehlert, der sich erst vor eineinhalb Wochen in Langenselbold die Hand gebrochen hat, kommt für Asta, wirkt ein wenig gehemmt und hat doch starke Szenen. Pfosten. Der war knapp. Julian Dudda, einer unserer Innenverteidiger, hat bisher bereits ein überragendes Spiel gezeigt hat und jetzt setzt er noch einen drauf, nimmt das Heft in Hand nimmt. Er ist überall. Klärt vor dem Tor in letzter Sekunde vor einem heranstürmenden Leverkusener. Ordnet das Spiel. Strahlt Ruhe und Übersicht aus. Immer wieder wird er von seinen Mitspielern gesucht, schaltet sich ins Spiel nach vor auf, geht selbst, verteilt die Bälle, treibt die Mannschaft nach vorn. Wird zwischendurch wegen Krämpfen behandelt. Weiter. Großartig.

Abpfiff. Verlängerung. Ob da noch was geht? Die Jungs sind platt. Aber das scheinen sie in den nächsten zwanzig Minuten zu vergessen. Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Beide Teams wollen es wissen, hängen sich rein – es ist heiß, die Beine werden schwer, aber der Traum ist so nah. Der starke Kapitän Erik Wille geht unter Applaus vom Platz. Frische Kräfte für die letzte viertel Stunde. Das Stadion geht voll mit. Eintracht. Eintracht. Und dann, als wir uns alle eigentlich schon auf Elfmeterschießen eingestellt haben – tatsächlich, sie sind durch – er müsste selbst, maaaan, spielt noch einmal, legt ab auf den besser postierten Mitspieler - Gonzalves zieht ab ins lange Eck - und jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Tor. Tor. Tor. Die Eintracht ist Meister. Die Jungs da unten rasten aus vor Glück, wir strahlen, hüpfen, schreien. Ja. Ja. Ja. Die Eintracht hat es geschafft. Deutscher Meister. Noch drei Minuten, jeder Ball, der aus dem Strafraum herausgeschlagen wird, wird bejubelt, beklatscht. Kollektives Aufstöhnen. Noch ein mal eine Ecke für die Leverkusener. Lombo kommt mit nach vorne. Abgeblockt. Gegenangriff. Eine Bogenlampe Richtung Leverkusener Tor. Abpfiff.

Die Leverkusener sacken in sich zusammen. Was für eine Tragik. Alles gegeben. So kurz vor dem Ziel gescheitert. „Ihr werdet nie Deutscher Meister...“ singt das Stadion – ja, ja nicht schön, aber das musste irgendwie raus - aber dann ist auch Schluss mit dem leisen Anflug von Häme und es ist nur noch Jubel und Hüpf und Humba. Die Jungs hüpfen und tanzen und singen vor der Fankurve, klatschen Freunde und Bekannte ab, streifen sich die Meisterschafts-Shirts über. Das Stadion wackelt vor Glück. Trauben auf dem Platz. Such den Fischer - ach, da ist er ja und schüttelt jedem der Jungs einzeln die Hand. Meister. Die Eintracht ist Meister. Alex Schur. Alex Schur. Intonieren wir. Und: Wir wollen den Trainer sehen. Und er kommt noch einmal in die Kurve. Klatscht. Bedankt sich.

Dann die offizielle Ehrung der Mannschaften. Vize-Meister – sicher kein leichter Gang für die Leverkusener, die mit freundlichem Beifall verabschiedet werden. Die Übergabe der Meisterschaftsschale. Und jetzt lässt auch Stadionsprecher Beve seine Neutralität fallen – was für ein Gefühl, es jetzt in die Welt hinein zu rufen. „Deutscher Meister – Eintracht Frankfurt.“ Fotos. Händeschütteln. Winken. „Im Herzen von Europa“ schallt es aus dem Lautsprecher und alle, alle singen mit.

Allmählich leert sich das Stadion, einige der Jungs gehen noch auf eine letzte Stadionrunde, bleiben hier kurz stehen, klatschen dort ab, hier noch ein Foto. „Danke schön!“ sagt Julian Dudda als er bei uns vorbeikommt. Hey – wir sind es, die zu danken haben!

Mannschaftsaufstellung – klick!
Meisterschaftsfoto – klick!
Video - klick!
Diskussionen und Einschätzungen - Klick!


PS: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen ,-) (und auch aus dem DFB-Video-Interview mit Alex Schur) erfahren habe, wird die Mannschaft jetzt zusammen ein paar Tage auf Mallorca verbringen. Was immer dort abgeht – genießt es!

Donnerstag, 24. Juni 2010

Der Coach

Als Jörg Berger 1988 aus Freiburg zur Eintracht wechselte, war ich noch an der Uni und jobbte nebenher. An meinem Arbeitsplatz sorgte die Verpflichtung von Berger für große Heiterkeit. Die Eintracht spielte gegen den Abstieg – kein Wunder, sie hatte ja auch einen Zweitligatrainer verpflichtet. Haha. Lächerlich. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich ihn mochte – und nicht wenige in meinem Adler-Umfeld, zum Beispiel auch mein Vater, waren skeptisch. „Mmh…ich werd net warm mit dem…“ Seine merkwürdig gravitätische Art, der Dialekt, der ihn eindeutig als „Zoni“ auswies, die bunten Trainingsanzüge (gerne in lila) mit den dicken Schulterpolstern, denen er schnell entwuchs und fortan immer betont modisch und elegant auftrat. Apropos wachsen: Auch mir wuchs er im Laufe der Jahre immer mehr ans Herz. Er war eigenwillig, fast ein wenig stur – gut so. Er war standhaft und wehrhaft – noch besser. Er hatte keine Scheu, Gefühle zu zeigen – Zorn, Erschütterung, Glück, Trauer und doch hatte die Art, mit der er sich in seine Rolle als „Feuerwehrmann“ fügte etwas Stoisches, in sich Gekehrtes, fast ein wenig Trotziges. Er war authentisch und geradlinig – gerade auch dadurch, dass er immer zu sich und seiner Geschichte stand. Sogar mein in alter Eintracht-Manier gerne vor sich hin grummelnder Vater hatte längst seine Meinung geändert: „Der Berscher – der is in Ordnung.“

Ich weiß noch genau, wie einer aus unserer Adler-Truppe damit anfing, von Jörg Berger als „der Coach“ zu sprechen. Berger war ja eher der Typus „Fußballlehrer“ und so schien die Bezeichnung „Coach“ die denkbar unpassendste zu sein – vielleicht passte sie gerade deshalb so gut. Irgendwie schien sie die kleinen Ungereimtheiten seines Auftretens auf fast liebevolle Art zu bündeln: Das bei aller nach Außen getragenen Nonchalance häufig ein wenig Ungelenke. Das betont Coole, vielleicht ja im Bemühen besonders westlich und besonders professionell zu sein, fast ein wenig Arrogante, das man ihm nicht so recht abnehmen wollte.

Jedenfalls hatte er von diesem Tag an bei uns den Beinamen „der Coach“ weg - wie einer, der der Prototyp von etwas ist. Und ein Prototyp war er. Alle Trainer, die danach kamen, waren Trainer oder bekamen einen aus ihrem Namen oder ihrer Funktion abgeleiteten Beinamen. Der Titel „der Coach“ war und blieb bei uns für immer Jörg Berger vorbehalten, gleichgültig bei welchem Verein er gerade tätig war. Von seiner Krebserkrankung erfuhr ich vor ein paar Jahren durch den Anruf eines Adler-Freundes: „Hast du schon gehört – der Coach hat Krebs.“ Heute am frühen Nachmittag erhielt ich eine Mail: „Der Coach ist gestorben.“

Ich habe ihm sehr gewünscht, dass er es noch einmal schafft, sich gegen seine Krankheit zu wehren. Leider ist nicht jeder Kampf erfolgreich.

Mach’s gut, Coach. Und danke für alles!

Samstag, 19. Juni 2010

Rotundschwarze WM-Randgänge: Bildstörung

Es war auf dem Weg zur U17 nach Langenselbold als uns zum ersten Mal der Gedanke kam: Vielleicht ist diese Weltmeisterschaft in Südafrika gar nicht echt, sondern sie ist einfach ein gigantisches Fantasy-Spiel. Es würde so vieles erklären. Z.B. diese merkwürdigen Bilder von Fußballspielen, die wir täglich im Fernsehen zu sehen bekommen. Wie bei FIFA oder Pro Evolution Soccer. Vollkommen steril und leblos. Im Hintergrund des Spielfelds die Stadionkulisse – immer nur bis zu einer bestimmten Höhe des Unterrangs zu sehen, merkwürdig einheitlich, die Köpfe verschwommen. Ab und zu winkt ein einzelnes Fähnchen – fast könnte ich wetten, dass es immer an der gleichen Stelle ist. Die immer gleiche Einstellung auf das ganze Feld. Die manchmal heran gebeamten Gesichter oder Figuren der Spieler, bei denen im Hintergrund die Kulisse immer weiter verschwimmt. Und am allermerkwürdigsten: die ab und zu eingeblendeten Fangruppen. Da stehen sie. Meistens komplett maskiert, springend oder hüpfend. Beim Spiel der Mexikaner sind sie alle in grün gekleidet und haben Sombreros oder Masken oder Püschel auf dem Kopf. Wenn Algerien spielt erscheinen sie in rot und weißen Trikots. Die Nordkoreaner sitzen in roten Jacken ordentlich aufgereiht. Die Griechen sind blau und weiß und sehen griechisch aus, alle. Die Italiener sind grünrotweiß und Italienisch. Kurzer Schwenk auf den immer gleich großen Ausschnitt. Jubel, aha – Mexikaner.

„Die sind zumindest gecastet,“ meint einer meiner Mit-Adler. „Das sind doch immer die gleichen“, meint ein anderer. Eine dritte Stimme: „Ich könnte wetten, dass da neulich, bei den Dänen, Kalkofe mitten drin rum gesprungen ist.“ Muhahaha. Stimmt. Man kann es sich genau vorstellen: In irgendeinem Fernsehstudio ist ein Trupp von Menschen passend zum jeweiligen Spiel eingekleidet worden. Steht bereit. Stadionkulisse. Sitzbänke. Schwätzt, popelt noch in der Nase, lümmelt herum. Noch letze Regieanweisungen.„Hey du da - Grüner – raus. Mexikaner sind erst morgen wieder dran.“ *grummel* Ok. Das Spiel läuft. Im Regiebuch steht: „Fangruppe“. Schwenk ins Studio. Achtung – jetzt: Jubel, Jubel, gröhl. Und wieder zurück aufs Spielfeld.

Und dann die Sache mit den Vuvuzelas. Wo kommt das Geräusch eigentlich her? Das müssen doch Massen sein, die da gleichzeitig tröten. Hat die schon mal einer gesehen? Schwarze, die tröten? Warum sieht man die nicht? In der gecasteten Fangruppe – ja, stimmt – da ist meistens einer, der eine Tröte in der Hand hält, passender- und folkloristischer Weise in der Farbe seiner Nationalmannschaft. Ich glaube meistens steht er am linken Bildrand. Und die Südafrikaner? Tröten die vielleicht vor den Stadion, weil sie nicht reindürfen? Sind die Vuvus vielleicht gar kein Support, sondern – wie ja von Fankulturforschern bereits recherchiert – doch eine Kampfansage?

Überhaupt: Außerhalb des Stadions. Von da gibt es keine Bilder zu sehen. Menschen verschiedener Nationen, die sich auf Straßen oder durch Städte bewegen. Singen. Fahnen schwenken. Einheimische. Wo sind die? Vielleicht findet die WM unter einer riesigen Glasglocke statt, die vielleicht ja tatsächlich in Südafrika steht. Vielleicht bekommt sogar jede der teilnehmenden Nationen, die Spiele in einer eigenen Version übertragen. In der deutschen Version haben die Deutschen gegen Australien gewonnen. In der Schweizer Version die Schweizer gegen die Spanier. Und in der spanischen...

Zum Glück sind wir kurz vor Langenselbold als einer meiner Mit-Adler sich in diese dann doch allzu absurde Weltverschwörungsidee verstrickt. Ein kleiner Zweifel blieb jedoch. Bis gestern. Da hat die deutsche Nationalmannschaft nämlich gegen Serbien verloren – und das wäre bei einer speziell deutschen WM-Version doch sicher nicht passiert. Wo wir grade so schön in Feierlaune sind. Uff, was für ein Glück. Dann ist ja doch alles echt! Danke für die Bildstörung!

Freitag, 18. Juni 2010

England : Algerien - "Apps"

Algerien
Für ihn liegt das Eigentliche einer Sache nicht im Typischen, sondern gerade in dem - vielleicht sogar winzigen - Moment, der davon abweicht. Im Verstreuten, Abwegigen, Disparaten. Wie Habib Bellaid ist auch er ein algerisch stämmiger Franzose. Er träumte davon Berufsfußballer zu werden. Dazu hat es nicht gereicht. Stattdessen ist Jacques Derrida einer der bedeutendsten und umstrittensten Philosophen der Gegenwart geworden. Auch nicht ganz schlecht.

Und wer oder was macht heute Abend im Spiel der Algerier gegen die Engländer den Unterschied? Ich glaub, ich weiß es. Aber abwarten - vive la differance!

*Das Foto von Jacques Derrida (links) und seiner Mannschaft stammt aus dem Buch "Jacques Derrida - Ein Porträt von Geoffrey Bennington und Jacques Derrida", Frankfurt 1994

Donnerstag, 17. Juni 2010

Schon Halb (im) Finale

Mittwoch, 16. Juni. Bei der WM in Südafrika laufen heute die letzten Spiele der ersten Vorrundenetappe, im Hanauischen gibt es heute bereits ein Halbfinale zu sehen – die U17 der Eintracht spielt gegen Hertha um den Einzug ins Meisterschaftsfinale der B-Junioren. Den Termin habe ich mir schon lange vorgemerkt, die Tickets liegen seit Tagen auf meinem Schreibtisch und dann, im letzten Moment, sieht es dann doch so aus, als könnten wir nicht fahren. Bei uns tobt im Moment arbeitsmäßig der Bär, wir wussten, dass es eng werden würde mit dem Fahren. Aber jetzt. Um drei. Um vier. Um fünf. Als hätten alle sich verschworen. Das muss unbedingt noch raus. Frau M.wartet auf Feedback, Frau F. braucht noch Input, Herr S. will anfangen zu drucken. Wir kommen nicht weg, Halbfinale ohne uns. Kacke. Menno. Gibt’s doch nicht. Wut. Ich will, ich will. Noch ein Mail. Schluss jetzt. Basta. Egal - wir fahren.

Schnell noch zwei Mit-Adler abholen, um zwanzig vor sechs sitzen wir zu viert im Auto Richtung Frankfurt. Im Radio laufen die letzten Minuten der WM-Partie Spanien gegen Schweiz. Nicht zu fassen. Tatsächlich. Die Schweizer. Ohne unseren Pirmin, aber mit unserem Benni. Hammer. Auf der Autobahn staut sich der Feierabendverkehr, hinter Babenhausen drehen wir eine unfreiwillige Runde durch die Schönheiten der Landschaft („Bruchköbel? Stimmt – als wir letztens bei einem Spiel der Eintracht nach Bruchköbel wollten, waren wir da nicht zuerst in Langenselbold…“ Ha, ha.) Als wir dann endlich am Leistungszentrum in Langenselbold landen ist es kurz nach sieben. Vielleicht fängt das Spiel ja doch erst um halb acht an? Nein, sie spielen schon. Aber es gibt außer uns noch andere Nachzügler, die von allen Seiten heranströmen. Na ja, sie strömen nicht gerade, sie tröpfeln.

Das neue Sportzentrum der Spielvereinigung Langenselbold liegt am Ortsrand und ist ein weitflächiges Gelände mit mehreren Rasen- und Kunstrasenplätzen, einer Tartanbahn, Sand- und Sprunggruben – an den Fahnenmasten neben dem Eingang sind die Eintracht- und die Hertha-Flaggen gehisst. Alles sehr nett, aber eigentlich hatte ich mir das alles ein bisschen stadionmäßiger und offizieller vorgestellt – hey: Wir sind Eintracht Frankfurt. Das hier ist das Halbfinale um eine Deutsche Meisterschaft. Die Bande auf der Gegengeraden sind gut gefüllt - das denn doch - wir suchen uns ein Plätzchen in der Sonne hinter dem Tor, nehmen auf dem Weg dorthin (Hunger!) noch für jeden eine Bratwurst mit. Sie ist kross gebraten und schmeckt, ist aber leider kalt. Macht nix.

Ich habe die U17, diesen „goldenen Jahrgang“ bisher noch nicht spielen sehen, und bin sehr gespannt. Ob es am Druck oder an der Nervosität liegt - in der ersten Halbzeit ist von der Mannschaft, die so souverän die Südwest-Meisterschaft gewonnen hat, wenig zu sehen. Das Spiel ist insgesamt eher schwach, aber die Hertha dominiert das Geschehen und die Eintracht überzeugt vor allem durch gute Defensivarbeit – sehr aufmerksam, technisch stark, hohe Laufbereitschaft. Auffallend, dass kaum gegrätscht wird –die Bälle werden abgelaufen, auch kritische Situationen an der eigenen Torlinie werden versucht, auf spielerische Weise zu lösen. Ich suche nach Julian Dudda und Erik Wille, die ich neulich im Museum kennen gelernt habe. Dudda spielt eine sehr starke Partie in der Innenverteidigung, Kapitän Wille versucht vor der Abwehr (als 6er?) nach vorne aufzubauen, was in der ersten Halbzeit nur bedingt gelingt. Nach vorne läuft wenig, kaum ein Pass, der seinen Mann findet. Zudem markieren die Herthaner unsere Spitzen sehr eng, Sonny Kittel hängt in der Luft, bekommt kaum Bälle, holt sie sich auch nicht (wie ich hinterher erfahre: Er ist angeschlagen, spielt unter Schmerzen). Aber wie gesagt: Hinten stehen die Jungs gut – und das ist auch nötig, denn Hertha, die in unsere Richtung spielt, wird stärker, arbeitet sich immer mehr Chancen heraus. Ein Herthaner rutscht fünf Meter vor dem Tor einschussbereit am Ball vorbei. Boah, das war knapp. Angriff über links, der Herthaner ist schon im Strafraum – vertändelt den Ball, schießt doch noch, ein zwei Eintrachtler dazwischen. Uaah… geklärt. Halbzeitpfiff. Wenn die Hertha mit ein oder zwei Toren führen würde, dürften wir uns nicht beschweren.

Im Stadion leider keine Spur von Halbfinalstimmung, stattdessen Feierabend-Athmosphäre. Blauer Himmel, ein paar Wölkchen, Sonne, kühler Wind, Bratwurstduft, hier ein Schöppsche, dort ein Bier. Kein Support, vereinzelt ein paar Fahnen und Rufe. Rund ums Spielfeld sind in kurzen Abständen kleine Jungs als Balljungen aufgestellt. Aus der Entfernung sehen sie aus wie kleine rote Punkte und nehmen ihren Job sehr ernst („Du musst deine Position halten.“) Der Stadionsprecher (Ist das Beve? Er ist’s, er ist’s) verkündet die offizielle Zuschauerzahl - 900 - und hofft auf lautstarke Unterstützung für unsere Jungs in der zweiten Halbzeit.

Die Mannschaften kommen wieder aufs Feld und beide haben sich erkennbar etwas vorgenommen – Alex Schur scheint einige Umstellungen in der Mannschaft vorgenommen zu haben. Sonny Kittel, der bisher als – sehr weit vorne – hängende Spitze agierte, rückt weiter nach links und wird jetzt immer öfter mit langen Flankenwechseln aus dem Halbfeld bedient. Überhaupt: Immer wieder lange Bälle, Seitenwechsel, die Abwehr der Hertha ist gezwungen, ihre Ordnung aufzulösen – allerdings steht auch die Eintracht-Defensive nicht mehr so sattelfest wie in der ersten Halbzeit. Das Spiel wird immer laufintensiver - das, was man einen offenen Schlagabtausch nennt. Auch am Spielfeldrand kommen die Vibes an, Rufe, vereinzelt wird „Eintracht, Eintracht“ intoniert. Rasseln. Fahnen. Tröt. Huch – da wird doch nicht jemand – doch ,-)

Jetzt zeigt auch die Eintracht-Offensive, was sie drauf hat. Uns fällt vor allem der 9er – der, wie ich jetzt weiß, Lukas Ehlert heißt - auf. Er setzt sich immer wieder auf der rechten Seite durch, auch im Spiel Mann gegen Mann gegen die körperlich sehr robusten Herthaner durch. Der Elfer – Okan Derici – zeigt ebenfalls ein starkes Spiel. Und auch Sonny Kittel kommt mit zunehmender Spieldauer immer besser ins Rollen – spielt seine Schnelligkeit aus, schafft Räume, ist Dreh- und Angelpunkt für Konter, geht selbst (schöner Alleingang gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit) setzt seine Mitspieler ein, vertändelt aber auch viele Bälle – noch ein Übersteiger, noch ein Zidane-Dreher.

Ungefähr in der 60. Minute muss Lukas Ehlert leider vom Platz. (Verdacht auf Handbruch wie ich später lese). Für ihn kommt Gianluca Asta („Boah, ist der klein.“) In der Tat wirkt der Junge auf dem Platz – insbesondere wenn er neben einem baumlangen Herthaner hertrabt, sehr schmächtig (also: Benny Köhler vs. Alex Meier ist nix dagegen) – aber er ist sehr wendig und wuselig, fast übereifrig, bietet sich an, geht in die Spitze – kein Zufall, dass er es ist, der schließlich das 1:0 für die Eintracht macht. Sonny Kittel ist auf links durch, wird abgedrängt, müsstekönnte selbst schießen, fast ist die Chance vorbei, da sieht er Asta heranspritzen, schiebt den Ball in die Mitte. Tor. Tor. Tor. Die Jungs kriegen sich kaum ein vor Glück. Gianluca reißt sich das Trikot vom Leib und kassiert prompt die gelbe Karte. Jubelknäuel. Wiederanpfiff. In den nächsten Minuten dreht die Eintracht auf. Jetzt läuft der Ball – mit langen Bällen wird die Hertha-Abwehr ein ums andere Mal ausgekontert. Nur fünf Minuten später fällt das 2:0. Derici. Bärenstark. Das hat er sich verdient.

Fast sieht es jetzt nach einem Kantersieg der Eintracht aus, aber dann mmh… irgendwie ist die Luft raus. Die Konter werden nicht mehr ausgespielt, die Abwehr wackelt, das Spiel wird unkontrollierter, die Jungs sind platt. Hertha wirkt physisch stärker, prompt fällt aus einem Getümmel vor dem Eintracht-Tor aus kurzer Distanz der Anschlusstreffer (die Strafraumbeherrschung unseres Torwarts hat, wie mir scheint, Optimierungsspielräume *g). Noch zwei Auswechslungen in der 77. und 79. Minute, Nachspielzeit. Jetzt bloß nicht noch der Ausgleich. Ok. Abpfiff. Die rotundschwarzen, aber auch die blauen Jungs sacken auf dem Spielfeld zusammen. Platt.

"Mein Herz schlägt schwarz, mein Herz schlägt rot und das auch noch gestreift" klingt es aus dem Lautsprecher, ein frohes Kribbeln durchauert mich. Hey. Wahnsinn. Cool. Unsere Jungs. Fast im Finale. Ich schlendere um den Platz herum, vorbei am Hertha-Bus, der hinter der Tribüne geparkt ist, schaue, ob ich bekannte Gesichter entdecke, winke hier, schwätze da. Heribert Bruchhagen war da, bekomme ich erzählt. Peter Fischer sowieso. Auch Michael Skibbe sei gesichtet worden. Ob das 2:1 reichen wird? Schwer zu sagen - das Rückspiel ist bereits in drei Tagen. Einige Spieler sind angeschlagen. Jedenfalls zählen auswärts geschossene Tore nicht doppelt. Bei 2:1-Gleichstand geht es direkt ins Elfmeterschießen. Wollen wir hoffen, dass das nicht nötig sein wird. Hey – Jungs – ihr packt das! IHR PACKT DAS! „Tschö – bis zum Endspiel am Bornheimer Hang.“

Am Ausgang rollt ein Offizieller gerade die Hertha-Fahne ein - huch – mussten die Herthaner ihre Flagge selbst auf- und wieder abhängen? In der Abenddämmerung machen wir uns auf den Heimweg, vor dem Hintergrund einer aberwitzig schönen Himmelskulisse. Die untergehende Sonne begleitet uns, zunächst als roter Ball, dann versinkt sie in rotlilaorangen Streifen am Horizont. „Das Spiel der Südafrikaner gegen Uruguay ist das bisher schlechteste Spiel dieser WM“, verkündet der Sprecher aus dem Radio. Ach, noch eins? Jedenfalls führen die Urus. Na dann!

Montag, 14. Juni 2010

Rotundschwarze WM-Randgänge: Das ganze Dorf war da!

Public Viewing auf dem Lande. Ja. Doch. Natürlich. Auch. Da traf es sich gut, dass in dem kleinen rheinhessischen Ort, in dem ich lebe, am Wochenende Weinfest war. Das Zelt war sowieso aufgebaut, es gab zu essen und zu trinken. Und da am letzten Abend des Weinfestes das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft auf dem Plan stand und ein verlassen daliegender Festplatz auch nicht so das Wahre ist, lag der Gedanke nah: Wir machen Public Viewing.

Als wir uns gestern um halb acht auf den Weg "ins Ort" machen, ist es ruhig in den Straßen. Vor uns ein paar Kiddies im Deutschland-Trikot mit Vuvus. Trööt. (Ich finde es gar nicht so einfach, einen gleichmäßigen Ton aus einer Vuvuzela herauszubekommen – das geht den Jungs vor uns wohl ähnlich. Elefant. Maus. Gekreische. Alles dabei. Sie gickeln sich halbtot. Nur ein Ton? In Südafrika vielleicht. Bei uns: Von wesche. )


Kerb und Weinfest finden bei uns am Platz bei der alten Schule mitten im Ort statt. Der ohnehin spärliche Verkehr wird umgeleitet. Der Public Viewing-Gedanke trägt - zwar ist heute abend nicht das ganze Dorf da – die so genannten Neubürger scheinen sich eher zurückzuhalten - aber Festplatz und Zelt sind gut gefüllt. Und anscheinend gibt es im ganzen Ort keinen Menschen, der kein Deutschland-Trikot besitzt. South Africa. DFB. Daneben gibt es: Deutschland-Mützen in Ballform, Fahnen aller Größen, Deutschland-Puschel, schwarzotgoldene Tröten und Riesenwinke-Hände, vereinzelt Schals, Kappen.

Auch wir sind mit Adler da, aber natürlich mit einem anderen. Ein kurzer Orientierungsblick ins Zelt, dort werden grade noch die letzten Strippen gezogen und die Lausprecherboxen zurechtgestellt. Das Bild auf der Leinwand flimmert. Wir holen uns schnell noch eine Bratwurst mit lecker Pommes. Ein paar Regentropfen fallen. Neben dem Getränkestand ist ein Fernsehapparat aufgestellt, ein Baldachin darüber gespannt – hier bildet sich ein kleiner Pulk, der die Vorteile einer schnellen Getränkezufuhr höher einschätzt als die Größe des Bildschirms.

Um kurz nach 8 verlagert sich der Großteil des Geschehens allmählich ins Innere des Zeltes. Lachen, schwätzen. "Ei Gude.." Mit Fußball hat das nur am Rande zu tun, aber die Stimmung ist gut. Neben uns am Tisch ein Stammtisch älterer Damen, alle mit einem Schöppsche vor sich, bekleidet mit Trikots und Deutschland-Girlanden um den Hals. Hinter uns ein Trupp Jugendlicher (ich vermute: der Kerbejahrgang). Auch sie fast alle in Trikots, die meisten ohne Aufdruck - einen Schweinsteiger erkenne ich. Einen Ballack. Und Otto.

Die Mannschaften nehmen Aufstellung. Flackern. Flimmern. Das Bild ist weg. Kollektives aufstöhnen. Hurra, da isses wieder. Die Mannschaften laufen ein. Neuer, Mertesacker, Friedrich – jeder hat ein kleines, schwarzes Kind an der Hand, nur neben Poldi läuft ein äußerst pausbäckiges weißes Mädchen. Bei der Nationalhymne erhebt sich im Zelt der ein oder andere von seinem Sitz. Was singen die da? Wird die Nationalhymne etwa in Südafrika ebenfalls getrötet? Auf der Leinwand sehe ich im Publikum den Kopf von Uwe Seeler leuchten. Er singt. Hat die Hymne schon angefangen? Auch die Jungs des DFB-Teams scheinen das nicht recht zu wissen und öffnen und schließen irgendwie zeitversetzt ihr Münder – ist doch ok. Jeder singt irgendwas und am Ende hören alle zusammen auf. „….laaaand.“ Auch Jogi, der mit Sakko und blauem Shirt wieder trés chic aussieht. Am gleichartigen modischen Outfit erkennt man dann auch gleich, dass Hansi Flick ebenfalls dazu gehört und wichtig ist.


Kurz vor Anpfiff habe ich das Gefühl, dass ich vielleicht doch ein klitzekleines bisschen aufgeregt bin. Der sichtlich unter Strom stehende dicke Herr mir gegenüber vermeldet: „Jetzt…jetzt geht’s los!“ Und er hat recht. Die Australier starten erstaunlich offensiv (Bela Rethy: „Damit hatte niemand gerechnet.“ Ei, vielleicht mache ses deshalb?). Boah – ein Raunen geht durchs Zelt – der hätte eigentlich drin sein müssenkönnen. Aber dann kommt doch alles wie es kommen muss. Poldi trifft, Klose versemmelt und trifft dann doch und das Zelt bebt und jubelt. Meine Beziehung zur deutschen Nationalmannschaft ist eine durchaus gespaltene, mein Tipp vor dem Spiel war ein 1:1 – deswegen bin ich schon überrascht über das Auftreten. Das sieht gut aus. Von hinten heraus wird das Spiel aufgebaut und in die Breite gezogen und dann blitzschnell auf Angriff umgeschaltet – die Bälle in die Spitze kommen präzise. Poldi legt ein, zwei Mal ganz wunderbar den Ball steil in den Lauf von Özil, Thomas Müller und Philipp Lahm setzen sich wechselseitig auf der rechten Seite in Szene. Khedira, der das Spiel antreibt. Immer wieder Özil, der wuselt, verzieht, wieder neu ansetzt. Die Australier sind schwach, sehr schwach. Du liebes bisschen – was für ein Abwehrverhalten. Zwei Meter vom Mann weg. Müller, Özil, Poldi gehen immer wieder problemlos vorbei. Stellungsspiel scheint es keines zu geben – immer wieder startet ein deutscher Spieler in den freien Raum, steht bei Flanken besser zum Ball, nimmt den kürzeren Weg. Die Nationalmannschaft steht mir wahrlich nicht sehr nah, die Australier sind grottenschlecht, aber – doch: Ehre wem Ehre gebührt - das da ist mit Abstand das bisher beste Spiel bei dieser WM.

In der Halbzeitpause verziehen wir uns nach draußen, allmählich sinkt die Dämmerung herab, die Lichterketten flimmern und durch den Eisenzaun, der den Festplatz einzäunt, können wir das Spiel auf der Leinwand weiterverfolgen. Wir holen uns noch einen Schoppen, der jetzt in der zweiten Halbzeit nur noch 1 Euro 50 kostet, im Zelt wird das 3:0 bejubelt. Käsebrötchen sind alle, aber Mett gibt es noch und die sind auch sehr lecker. Durch die Stäbe des Zauns sehe ich Cacaos Jubel über das 4:0, am Bratwurststand wird jetzt eine überdimensionale Deutschland-Fahne gehisst. Abpfiff. Jubel. Vereinzeltes vuvuzeln. Erstaunlich schnell leert sich das Gelände. Auch wir leeren unser Gläser und machen uns auf den Nachhause weg. Auf der Hauptstraße, die durch den Ort führt, begegnet uns der Autokorso: Drei hupende Autos, eine Fahne, eine Vuvuzela: Trööt.

PS:
Anmerkung meines Mit-Adlers: „Fast schon dämonisch finde ich das Komma.“ (Das befindet sich hinter dem Rudolph - mit ph - da, wo leider der Blitz drüber liegt.) Und es stimmt.

Sonntag, 13. Juni 2010

Deutschland : Australien - "App"

Deutschland im Juni 2010 – was für ein Idyll. Nachmittags standen sich in Südafrika die Mannschaften von Serbien und Ghana gegenüber (0:1, gut für „uns“), heute abend spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Australien und wir alle waren und sind dabei. „Der Fußball ist eine der wichtigsten Aktivitäten, die Menschen zusammenzubringen,“ sagt Nelson Mandela und wir nehmen ihn beim Wort. Nachmittags gehen wir mit Kind und Kegel zum Public Viewing ins evangelische Gemeindezentrum und führen in der Halbzeit ein gutes Gespräch. Abends zieht der Herr der Familie dann ein paar Häuser weiter, lässt die Vuvuzela blasenden Kinder hinter sich und sucht das Bordell seines Vertrauens auf, um – nein, natürlich nicht dazu – sondern, um sich dort das Deutschland-Spiel anzusehen.

Falls der Public Viewende Bordellbesucher doch noch andere Pläne mit seiner Stippvisite verbindet, muss er sich gut überlegen, wie er sich seine Zeit einteilt. Halbzeitpause vielleicht. Denn nach dem Spiel ist nämlich des Verweilens nicht mehr. Wenn das knackige 1:1 gegen Australien in Sack und Tüten ist, heißt es: Nix wie rein ins Auto und ab geht der Autokorso. Bitte beachten: Mehrmaliges Hin- und Herfahren, unmotivertes Hupen und zu geringer Sicherheitsabstand sind verboten. Auch Schals und Fahnen sollte man gemäß Straßenverkehrsordnung nicht aus dem Fenster hängen. Und nach 23 Uhr ist – zumindest bei uns im Rheinhessischen – dann sowieso Schicht. Ausgehupt und Getrötet. Deutschland, einig Land von Hedonisten.

Ich mach mich jetzt auch auf den Weg. Zum Weinfest, inklusive Public Viewing. Hier in unserem kleinen rheinhessischen Ort. Die Stimmung dort stelle ich mir ungefähr so vor:



PS: Und meine Vuvuzela nehm ich mit. Jawohl. Wer weiß? Vielleicht ist sie morgen gemäß Unsere-WM-muss-trötfrei-bleiben-Eilverordnung schon verboten. Tröööt :-)

Samstag, 12. Juni 2010

England : USA - "Apps"

Wayne Rooney entspricht so ziemlich genau all dem, was man mit englischem Fußball verbindet. Und deshalb wird er auch in nahezu jedem Pressetext als Held, Liebling, Perle oder Ikone der englischen Arbeiterklasse bezeichnet. Oder wie eine mir unbekannte Kabarettistin es gestern in Waldis WM-Club ausdrückte: „Nach dem Spiel ungeduscht in den nächsten Puff und hoch die Tassen.“

Beim ultimativen „WM-Spaß-Quiz“ landet Rooney jedenfalls in allen Kategorien ziemlich weit vorn, z.B. auch vor Lionel Messi, der heute Mittag gegen Nigeria gezeigt hat, was er kann – und dass auch er nicht immer trifft. Rooney ist (laut Quizkarte) schneller, impulsiver, haariger – nur beim Kuschelfaktor hängt Messi („so lala“) den Engländer deutlich ab: „Schwer vermittelbar.“ Mir egal. Ich mag beide – als Fußballer, versteht sich ,-)

Hör- und/oder Lesetipps zu England? Zu den USA? Wo anfangen, wo aufhören? Ich piekse mal irgendwo rein (beide Teams spielen ja zum Glück noch öfter ,-)


England
Eine weitere Perle der (irischen) Arbeiterklasse, die mitten ins englische Herz trifft.



USA
Was für England der Fußball, ist in den USA – eigentlich – der Baseball. Und was bei uns im Stadion die Bratwurst und - wie man liest - in Südafrika der Biltong – das ist in den USA offensichtlich Cracker Jack . Drum lauschet den Fangesängen aus dem Herzen der USA (ganz ohne Vuvuzela *g): "Buy me some peanuts and cracker jack, i don’t mind if i never come back..."

Freitag, 11. Juni 2010

Südafrika : Mexiko - Meine "Apps" zum Spiel

Südafrika
Lesetipp: Barbara Trapido "Karierter Affe" (Berlin Verlag, 2005).

Barbara Trapido ist eine im besten Sinn englische Romanautorin: Sarkastisch, schräg, unterhaltsam, abgründig - ganz in der Tradition anderer großer englischer Schriftstellerinnen wie z.B. Nancy Mitford. Ihre Kindheit und Jugend verlebte Barbara Trapido in den 40er/50er Jahren in Südafrika und über diese Zeit hat sie einen halb-autographischen Roman geschrieben. "Karierter Affe" erzählt vom Heranwachsen der kleinen Dinah, die mit ihrer Familie zunächst in Kapstadt, dann in Durban lebt. Dinah ist weiß und schmächtig; ihre Familie ist sehr englisch, sehr eigenwillig, ein bisschen versponnen, naiv, weltfremd und liebenswert. Dinah sturzelt durch diese Welt, in der Häkeldeckchen, Klaviermusik, schwesterliche Kabbeleien und weiße Söckchen auf eine exotische, geheimnisvolle, pragmatische Welt voll Hitze und Staub und allgegenwärtigem Rassismus treffen. Dinahs Familie ist jeglicher Rassendünkel fremd und so erleben sie staunend, zunehmend wütend und ungehorsam wie die Apartheid ("Jeder weiß, dass Schwarze stinken.") mit der Machtübernahme der Nationalisten institutionalisiert wird. "Das Hauptgeschäft der neuen Regierung besteht darin, das Leben der Schwarzen zu einem noch größeren Albtraum werden zu lassen, als es bereits vor den Wahlen war." "Um Weiße von Nichtweißen zu unterscheiden, kommt es vor, dass ein besonderes, von der Regierung eingesetztes Komitee einem einen Bleistift ins Haar steckt, und wenn er herausfällt, wird man als weiß eingestuft." Die Schwarzen heißen jetzt nicht mehr Einheimische, sondern Bantus. Alle unabhängigen schwarzen Schulen müssen schließen, der Staat übernimmt die Leitung - und wie ein neuer Kabinettsminister bemerkte: "Welchen Sinn macht es, einem Bantu-Kind Mathematik beizubringen?"

Ein ganz erstaunliches Buch - witzig, melancholisch, rabenschwarz (ähem *g), bitterböse, traurig, politisch, human, erschreckend, warmherzig. Aus diesem Buch weiß ich auch, wie man Affen vertreibt. Es gibt zwei Methoden: Entweder man nagelt einen toten Affen an einen Baum. Oder man tunkt einen lebenden Affen in weiße Farbe. Die anderen Affen flüchten. Beide Methoden: Nicht schön!

Mexiko
Hörtipp:

Mittwoch, 9. Juni 2010

Rotundschwarze WM-Randgänge: Let's go schopping!

Deutschlandfähnchen, schwarzrotgelbe Tröten, Eimerchen, Kopfbedeckungen, Badelatschen – die gibt es derzeit überall. Einen Akzent der ganz anderen Art setzt das Backhaus Lüning zu Mainz mit seiner eleganten Tragetasche im African Style. Mag sein, dass der Jogi bei Nacht schläft, der Elefant jedenfalls ist hellwach und trabt zielstrebig dem untergehenden Ball, also der Sonne, entgegen. Das ist dezent. Das ist trendy. Das ist cool.

Und ordentlich Grillgut und Adlerschoppe zur ambulanten Versorgung in der freien Natur bringt man in diesem Ungetüm auch unter. Yebo!

Dienstag, 8. Juni 2010

Auf nach "Langenselbold" *

„Alles drin – in eenem Satz“, pflegte mein guter Freund Axel (er kommt aus dem Hunsrück) zu sagen – und zwar immer dann, wenn er seine Begeisterung für einen literarischen Text, eine Zeile in einem Lied oder einem Gedicht zum Ausdruck bringen wollte, und ihm die Worte fehlten.

So etwas ähnliches ist mir gestern Nachmittag durch den Kopf geschwurbelt, als ich den neuesten FuFA-Newsletter in meinem Mail-Eingang fand. Direkt nebeneinander wird dort nämlich über den Mitglieder-Vorverkauf für zwei Spiele informiert: Für das Freundschaftsspiel der Eintracht gegen den FC Chelsea am 1. August und für das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft , das die U17 der Eintracht heute in einer Woche in Langenselbold austragen wird. Alles drin – zwar net in „eenem Satz“, aber in ,-) eenem Newsletter - Kontraste, wie sie größer nicht sein könnten und die doch trotzdem den Bogen, von dem, was Fußball ist, von einem Ende zum anderen spannen: Der FC Chelsea und die Spielvereinigung Langenselbold. Europa und das hessische Hinterland. Fußball als Event und Fußball, bei dem der Erfolg noch erarbeitet sein will. Showbühne und Provinz. „Fußball“ und Fußball. Und doch in beidem ein Keim von dem, was das Eintracht-Herz in seinem Innersten bewegt: Die Sehnsucht nach Europa. Die Sehnsucht nach der Deutschen Meisterschaft.

Bei der Sehnsucht muss es ja nicht bleiben. Seit ich neulich im Museum „Die Stars von morgen“ gesehen und gehört und danach noch ein wenig im Netz gestöbert habe, weiß ich: Die Eintracht-Jugend hat bisher drei Titel geholt: Den ersten im Jahr 1977. Da schlug die U 17, die damals noch B-Jugend hieß, im Endspiel den 1. FC Schalke 04 mit 2:1 – Torschütze zum 1:1 war Fred Schaub. Ja, genau: Der. Der nächste Titel folgte nur drei Jahre später, wieder gegen Schalke. Für die Eintracht standen z.B. Hans-Jürgen Gundelach und Thomas Berthold auf dem Platz, trainiert wurde die Mannschaft von Klaus Mank. Der letzte Titel wurde dann im Jahr 1991 nach Frankfurt geholt. Am Bornheimer Hang war die Eintracht (z.B. mit Matthias Hagner und Michael Anicic) nach Elfmeterschießen mit 8:4 erfolgreich – gegen Hertha BSC.

Hertha BSC heißt mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Gegner, auf den die Eintracht am nächsten Mittwoch im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft treffen wird. Die erste Meisterschaft seit 19 Jahren ist in Greifweite. Manche mögen diese Wochen vielleicht Sommerpause nennen, auch die Weltmeisterschaft im fernen Südafrika ist sicher eine unterhaltsame Angelegenheit. Aber am 16. Juni kann es nur eines geben: Auf nach Langenselbold. Anpfiff ist um 19 Uhr. Und zwar zweifelsohne.

* Leise Zweifel scheint es in Langenselbold allerdings doch zu geben. Nein - nicht, wegen des Zeitpunkts. Aber anscheinend ist man sich dort schon seit geraumer Zeit nicht ganz sicher, wer denn nun dieser Ex-Profi ist, der die U17 der Eintracht trainiert. Handelt es sich um Alexander Schur? Oder doch nur um jemanden, der vorgibt Alexander Schur zu sein? Oder heißt Alexander Schur eigentlich sowieso ganz anders und „Alexander Schur“ ist nur sein Künstlername? Mmh. Also, liebe Langenselbolder: Der Mann, der die U 17 der Eintracht zur ersten U 17-Meisterschaft nach 19 Jahren führen wird, heißt Alexander Schur. Das ist so sicher wie - wie das Tor, mit dem eben jener Schui am 25. Mai 2003 im Spiel gegen den SSV Reutlingen in der 93. Minute die Eintracht wieder zurück in die Bundesliga befördert hat. Mit dem Kopf – und ganz ohne Gänsefüßchen ,-))

Sonntag, 6. Juni 2010

Rotundschwarze WM-Randgänge: Eins, zwei, drei mit großen Schritten

Es kann keinen Zweifel geben: Die WM naht mit großen Schritten. Das merkt man zuvorderst daran, dass die PKWs, die einem auf der Straße entgegenkommen, seit diesem Wochenende nicht mehr nur mit einem Fähnchen (dem für Lena), sondern jetzt gleich beidseitig beflaggt sind. Vor vier Jahren hatten wir ein inszeniertes Sommermärchen, in diesem Jahr sind wir gründlicher, denn: Jetzt wissen wir ja schon wie das geht. Jetzt ist alles institutionalisiert – wir haben unsere Standards. Wär doch gelacht, wenn wir das jetzt nicht generalstabsmäßig durchziehen werden. Melde gehorsamst: Auto vorschriftsmäßig beflaggt, Fahnenmast vor der Haustür bereits installiert, pünktliche Hissung der Flagge bereits terminiert.

Ebenfalls rechtzeitig zum Feier-Countdown ist bei Buch Habel ein Tisch mit Fußball-Lektüre aufgebaut worden. Bei „Nelson und Mandela“ handelt es sich um ein - erstaunlicherweise rechtzeitig zur WM erschienenes - urkomisches Kinderbuch. Bei „111 Gründe den Fußball zu lieben“ (Autor: Thomas Bessauer /) um eine urkomische „Hommage an den Fußball“. Zucke automatisch zurück und nehme das Büchelchen dann doch in die Hand, um darin zu blättern. Ah ja... Grund siebzigweißnichtmehr: „Weil auch Frauen etwas davon haben können“ – so, so - die Sache mit den durchtrainierten Männerkörpern. Urkomisch, wirklich.
Da in einem Kapitel auch die 18 Bundesliga-Mannschaften als je ein Liebesgrund genannt werden müssen, gibt es zwangsläufig auch eine Seite, die sich mit der Eintracht beschäftigt. Bei diesem Thema denkt der Autor zunächst an Dragoslav Stepanovic (klar, der war ja auch immer so - wie doch gleich? - richtig: lustig!) und an die Eintracht-Fans – die hat er mal bei einem Spiel beim VFL Wolfsburg erlebt, bei denen war eine super lustige Stimmung.

Ich klappe das Büchlein zu und wende mich stattdessen – von wegen lustig - einem kleinen kompakten Bändchen zu, das einen Titel trägt, der keine Frage offen läßt: „Fußballwitze“. Mal sehen: „Fritzchen und sein Vater sind bei einem Fußballspiel. Einer der Stürmer bleibt immer wieder einmal stehen, hustet. „Was hat denn der Spieler?“ fragt Fritzchen. „Vielleicht ist er erkältet“, meint sein Vater. Dazu Fritzchen: „Kein Wunder, wenn er dauernd im Sturm steht.“ Oder wie wär’s mit dem? „Nach dem Schlußpfiff. Zwei Spieler einer Mannschaft verlassen gemeinsam das Spielfeld. Der eine schimpft auf den Schiedsrichter: "Wenn ich den erwische, dem trete ich in den Hintern.“ „Besser nicht“, antwortet der andere, „du triffst doch heute sowieso nicht.“

Also - egal wie ich heute in Form bin. Ich würde den Richtigen treffen. 111% garantiert.

Auch das Schaufenster des Shops der Mainzer Allgemeinen Zeitung ist vorweltmeisterlich dekoriert. Neben der 05er-Devotionalien-Ecke gibt es jetzt auch eine Deutschlandecke – das Deutschland-WM-Fanpaket – mit Wimpel, Servietten und schwarzrotgoldener Tröte. Und das "ultimative WM-Spaßpaket". Ich lasse mich aus Testzwecken dazu hinreißen, es für 8 Euro 99 käuflich zu erwerben (vielleicht zum - ähem - Weiterverschenken?). Das Päckchen enthält u.a. ein WM-Quartett mit superlustigen Cartoons, die Spieler sind klassifiziert nach Oberbegriffen wie „Darlings“, „Bestien“, „Diven“ oder „Chancentode“ , die Bewertungskriterien sind z.B. die "Beinbehaarung" (besonders ausgeprägt bei Sotirios Kryrgiakos: "19 cm"), der "Höchstgeschwindigkeit" (ganz vorn Ribery) oder dem "Kuschel-Faktor" (Höchstwertung „o la la“ für Fernando Torres, am Ende der Skala Wayne Rooney als „schwer vermittelbar“ – ähnlich übrigens wie Sotos. Hä?). Richtig lustig ist eigentlich nur, dass Miroslav Klose unter der Rubrik „Tormaschinen“ firmiert. Und dass der Zeichner Guido Schröter – ebenso wie der Autor der „111 Gründe“ – Fußball-Fan ist und zwar von - naaaaaaain, nicht was ihr denkt, sondern des 1. FC St. Pauli. Das wundert mich allerdings nicht, seit ich bei meinem letzten Besuch in Hamburg das Gespräch zweier – tschuldigung – Schicksen am Nebentisch angehört habe, die sich gegenseitig versicherten, wie voll cool es am Millerntor ist. Der 1. FC St. Pauli ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Treffer. Versenkt.


Falls ich es vergessen habe zu erwähnen: Irgendwie freue ich mich – trotz Event, trotz Jogi - auf die WM und bin also wild entschlossen, mir meinen WM-Zugang nicht zu verbauen. Also entschließe ich mich, besser erst einmal einen Bogen um die sich auf das Ereignis vorbereitende Nation zu machen. Nach einem bei Äppler, Bratwurst und Froschgequake im Freien verbrachten Abend schnell noch die Sportstudio-Aufzeichnung mit der DFB-Pokal-Auslosung durchgezappt. Aha - Wilhelsmhaven! Aha - der heute an der Torwand antretende Zuschauer hat sich einen WM-Maskottchen-Kopf über den eigenen gestülpt – wer weiß, vielleicht ist das ja eine optische Verbesserung.

Denke, dass das Thema WM für dieses Wochenende damit erst einmal abgehakt ist, aber so einfach komme ich nicht davon. Es trifft mich (wieder einmal) unvermittelt bei der Lektüre des hiesigen Ortsanzeigers. (Ich würde mich anheischig machen, dass ich die Verblödisierung der Welt allein durch einen Vergleich „Ortsanzeiger 2005“ im Vergleich mit den Inhalten im „Ortsanzeiger 2010“ nachweisen kann. Ehrlich. Das könnte ich. Aber das ist ein anderes Thema).

Heute also lese ich - zwischen einem Vorbericht über ein „Kommunikationstraining für Eltern pubertierender Kinder“ und einem Aufruf an potenzielle Kinder im Grundschulalter, die Lust haben „Bachpate“ zu werden und „nach intensiver Schulung und erfolgreicher Begeisterung“ (sic!) garantiert unbefristet eine Bachpatenschaft übernehmen dürfen – dazwischen also lese ich eine Vorankündigung der Evangelischen Kirchengemeinde, die zum „Public Viewing“ einlädt. Zitiert wird Nelson Mandela: „Der Fußball ist eine der wichtigsten Aktivitäten, die Menschen zusammenzubringen.“ Und da will auch die Evangelische Kirche in Deutschland „ein Zusammenkommen anlässlich der Weltmeisterschaft“ ermöglichen. Der Eintritt ist frei, Essen und Trinken können in einer nahegelegenen Gutsschänke erworben werden. „Weitere Vorführtermine von Fußballspielen“ können im Internet abgerufen werden.


Aber das ist noch nicht alles, der kleine Ort, in dem ich lebe, will sich auch sonst WM-technisch nicht lumpen lassen. Am nächsten Wochenende, also justament zur WM-Eröffnung, findet nämlich unser jährliches Weinfest statt und in diesem Jahr werden wir auch dort also erfahren wie man „alteingesessene Festlichkeiten mit neuen, innovativen Ideen verbinden kann“. Neu und auch noch innovativ?? Hoho. Und was genau heißt das? Ganz einfach: Vom 11. bis zum 13. Juni wird die Hauptstraße, die durch unseren Ort führt, zur offiziellen Fan-Meile erklärt. Neben „guter Laune und Livemusik“, „erfrischenden Mixgetränken“ und „den besten Tropfen der umliegenden Weinberge“ kann man im Festzelt auch „den Fußball genießen“. Wer zum Eröffnungsspiel am Freitagabend im Deutschland-Trikot kommt, erhält einen - mmh?? - Fanklopfer. Und als Highlight und gleichzeitig zum krönenden Abschluss des Festes kann man am Sonntag Abend, ebenfalls im Zelt, das Spiel Deutschland – Australien anschauen.

Also – ich glaub, da gehen wir mal hin. Natürlich ohne Deutschland-Trikot (Hilfe!) – aber vielleicht kann ich ja auf diesem Weg herausfinden, was das denn eigentlich ist, ein „Fanklopfer“. Vielleicht kann ich sogar einen abstauben. Es hört sich nämlich so an, als könnte man für ein solches Utensil im Laufe der kommenden Wochen durchaus noch Verwendung habe.

Ich halte euch auf dem Laufenden :-)


Nachtrag: Apropos "Bachpate" und von wegen unbefristete Übernahme "nach intensiver Schulung und erfolgreicher Begeisterung" - ich glaube, dieses Modell sollten wir WM-technisch übernehmen. Jeder. Vier Wochen vor dem ersten Spiel. Zweitägiges Intensiv-Seminar - Bekleidung, Dekoration, Fangesänge, Jubelrituale, halbstündige Rundfahrt mit Hupen auf eigens ausgebauter Rundstrecke. Ich bin sicher: Damit können wir den Euphoriefaktor bereits im Vorfeld einer Weltmeisterschaft ins Unermessliche steigern ,-)

Ausgerechnet.

Ausgerechnet gegen Wilhelmshaven muss die Eintracht also in der ersten Pokalrunde antreten. Ausgerechnet gegen eine Mannschaft gegen die es einem wirklich schwer fällt, sich ein „ausgerechnet“ auszudenken. Unter dem Blickwinkel des „ausgerechnet“ hätte es doch weitaus bessere Gegner gegeben: Ausgerechnet Oxxenbach (gähn). Ausgerechnet Mainz (gähn gähn). Ausgerechnet der FSV (Schon besser). Oder wenn schon im Norden dann doch zumindest Osnabrück, das ist nämlich ausgerechnet der Heimatort unseres voraussichtlich neuen Bundespräsidenten. Oder doch lieber ein Heimspiel – z.B. ausgerechnet gegen den VFL Bochum. Na ja. Das war wohl nix. Stattdessen also Wilhelmshaven. Dort ist Meer und es ist sehr schön da, aber ansonsten weisen Wilhelmshaven und der dort ansässige Fußballverein als Erstrundenpokalgegner leider ein „Ausgerechnet“-Potenzial auf, das streng gegen Null tendiert. Dachte ich. Wollte ich eigentlich hier schreiben. Aber wie gut, dass es den Blog von Kid Klappergass (und das Eintracht-Archiv) gibt. Seit ich nämlich dort nach geschaut habe, weiß ich: Doch: Ausgerechnet der SV Wilhelmshaven ist ein Gegner, bei dem das „ausgerechnet“ einmal seine Berechtigung haben könnte. Groundhopper allez! Und außerdem kenne ich eine Reihe von Nord-Adlern, die sich gestern Abend einen Ast gefreut haben, dass die Eintracht nach Wilhelmshaven kommt. Ausgerechnet. Na dann: Leinen los!