Mittwoch, 29. Juni 2011

Auf Sand gebaut?


Zement war gestern. Heute ist Sommer, Sonne, Strand. Und - ganz ehrlich - wer hätte nicht schon mal davon geträumt, "Attila im Sand zu verewigen"?  Wollen wir mal hoffen, dass das allerallertollste Sandkunstwerk nicht ausgerechnet im heimischen Frankfurt entsteht.

Montag, 27. Juni 2011

The night Bob Dylan came to town

„Look – he’s playing with a Band“, wundert sich hinter uns ein Herr, - ein paar Minuten, bevor Bob Dylan am Samstag in Mainz die Bühne im Volkspark betritt. („Zum letzten Mal ohne Band – das muss ungefähr 1965 gewesen sein“, grummelt mein Mit-Adler).

„Ich bin sehr musik-affin,“ sagt eine junge Frau zu den um sie herum stehenden (gut zehn, fünfzehn Jahre älteren) Menschen, mit denen gemeinsam sie offensichtlich zum Konzert gekommen ist. „Wenn auch eigentlich mehr bei neueren Sachen, Lady Gaga und so.“ Und sie fügt hinzu: „Obwohl ich zugeben muss, dass die Musikszene früher vielfältiger war.“ Auch ein Herr aus ihrer Begleitgruppe hat noch etwas zu sagen: „Ich war ja auch noch nie bei einem Dylan-Konzert“, sagt er „ich wollt ihn zumindest noch mal sehen bevor er stirbt.“

Da wussten wir, dass wir gut beraten sein würden, uns hier ganz schnell vom Acker zu machen und uns ein Stückchen weiter weg von der Gruppe zu platzieren. Halb schräg vor uns jetzt ein grauhaariges Paar, rechts neben uns zwei Youngster ganz in schwarz – er mit Brille und Rolli wie einst die Exis – wir mittendrin. Ein guter Platz. Wie überhaupt der Volkspark in Mainz am Samstag Abend ein guter Platz war, um zu sein.

Bereits um sieben Uhr sollte das Konzert regulär beginnen. Das hängt mit den Volkspark-Anwohnern zusammen, die alle Jahre wieder gegen die Konzertlärmbelästigung protestieren und irgendwann Recht bekommen haben. Nach zehn Uhr geht hier nichts mehr und obwohl Bob - ganz gegen seine Gewohnheit – erst eine Viertelstunde später auf die Bühne tänzelt, wird er rechtzeitig fertig werden..

Leonpard-Skin Pill box hat oder Gonna change my way of thinking waren bei der diesjährigen Tour bisher als Opener gesetzt. Minuten später wissen wir: Heute - keins von beidem, statt dessen – yep - Rainy Day women. Every body must get stoned. Bob grooved relaxt, aber sehr konzentriert. Noch drei weitere Titel werden wir heute hören, die auf dieser Tour zum ersten Mal auf der Setlist stehen. Girl from the North Country – zerbrechlich, einsam, wehrhaft - zum Heulen schön. Hattie Caroll – ein fast heiter, hingetupfter Walzer ist den Strophen hinterlegt, um so pointierter die bitterböse Anklage von Heuchelei und Dummheit. Now ain‘t no time for your tears. Das Lied verebbt. Fast schmerzlich. Noch einmal. Noch einmal. Leiser. Ganz leise. Aus. Ganz anders Desolation Row – tatsächlich, er spielt heute Desolation Row – dieser wunderbare Text, scheinbar surreal-hingetupft, und doch eigentlich ein Spiegelbild. Das Innen vom Außen. Sehr straight, fast sachlich, ein ziehender, gleichmäßiger Rock-Rhyhtmus, der Text fast gerappt, und am Ende dann lässt Bob sein Keyboard gegen den Strich aufjaulen. Wütend. Wie ein Aufbäumen.  Überhaupt: Die Mundharmonika und das Kinderklavier, das Bob bearbeitet. Beide nutzt er als Melodie- und Rhythmusinstrumente, aber fast noch mehr setzt er damit die dramaturgischen Effekte. Performing Artist. Weh. Wild. Fast schräg, inbrünstig, trotzig. So ähnlich muss das einsame Harmonium im Panhandle geklungen haben.

Zwischendurch lässt Bob es rocken - Summer Days, Highway 61, Thunder on the mountain - sehr bluesig, mit viel Drive, aber doch ein wenig gedämpft und verhalten. Ob das auch an den Lautsprecherdämmungsregelungen im Volkspark liegt, die vor ein paar Jahren bei einem Van Morrison zu einem Eklat geführt haben? (Der hatte irgendwann keine Lust mehr und ging nach einer Stunde).

Bereits zwei Titel vor dem Ende des regulären Sets dockt der Bob-Bus an die Bühne an, was nicht überall gut ankommt. Der Tagespresse war zuvor zu entnehmen, dass Dylan nach dem Konzert von einem Mainzer Restaurant gecatert würde, dass er 20 Stiche mit Mainz-Ansichten und ein Gutenberg-Buch in seinem Bus vorfindet. Nützt alles nix, Interviews geben oder gar dem Bürgermeister die Hand schütteln und ggf. einen Handkäs oder eine Flasche Wein in Emfpang nehmen – das wird er ganz sicher auch heute nicht. Ballad of a thin man zum Abschluss – wie zuvor schon Ballad of Hollis Brown fast wie ein kleines Theaterstück.  Archaisch. Überzeitlich. Bob steht in der Bühnenmitte, raunt, deklamiert, mehr denn je erinnert seine Gestik an die von Charlie Chaplin, die Mundharmonika jault. Bob. Bobbie. Klatschen. Jubel.

Die Zugabe – in diesem Jahr fast immer ein Dreier-Set – eine dem Original sehr affine (*g) Fassung  von Like a Rolling Stone – eine - im Vergleich mit dem apokalyptischen Donner der Vorjahre - dämonisch-hallende Version von All along the watchtower - Blowing in the Wind als fließender Blues. Das Konzert ist aus. Heute nicht einmal eine kurze Vorstellung der Band, nur ganz kurzes Verharren der nebeneinander aufgereihten Combo-Mitglieder an der Rampe. Bob nickt, sie gehen.

Auch nach dem Konzert wurde einiges gesagt. Zum Beispiel von der vierköpfigen – am Dialekt eindeutig als pfälzisch identifizierbaren - Familie am Bratwurststand. Mutter: "Wenn ich des gewusst hätt...“ Sohn: "E Unverschämtheit. Was e Gekrächz. Mer hat ja kein Wort verstanden.“ Tochter: „Und kein einzische Ton hat er gesagt. Net mal hallo...“ Vater: „Da hätte mer auch daheim bleibe könne und grille...“

Wir tappern noch ein wenig über das Gelände. Beobachten die Roadies beim Abbau des Equipments. Die Busse mit Bob und seiner Band sind bereits auf dem Weg nach Hamburg, während hier auf der Wiese noch nicht einmal die Dämmerung eingesetzt hat. Der Volkspark ist auch an Tagen, an denen nicht gerade Bob Dylan vorbeischaut, ein feiner Ort. Hier wird gepicknickt, Federball oder Fußball gespielt, gechillt, Musik gemacht. Heute Abend liegt trotz leicht verhangenem Himmel eine spielerische Sommerabendleichtigkeit über der weitläufigen Parkanlage. Decken. Fahrräder. Gesprächsgruppen. Thermoskannen. Bierbecher. Bratwurstduft. Multikulti Sprachgewirr. The night Bob Dylan came to town. Eben noch, jetzt nicht mehr. War er wirklich da? Im Biergarten stehen die Menschen Schlange, am Brunnen klimpert ein Alt-Freak auf der Gitarre, aus der Lautsprecheranlage des Getränkestands klingt Musik. Tatsächlich: Dylan. Was ist es? Ahh.. ja. Is your love in vain. Street Legal.

Mit zwei älteren Damen und einem ganz jungen Pärchen, die ebenfalls vom Bob-Konzert kommen, warten wir an der Bushaltestelle auf den Shuttle-Bus. Der junge Mann hat lange Haare und trägt einen Bob-Hut. Sie ist zierlich, hat die langen Haare hoch gesteckt, Ohrringe baumeln, ein weites Blümchenhemd, schwarzes Jackett. Sind aufgekratzt, still vergnügt, beseelt von dem Erlebten, wollen noch ein bisschen in die Altstadt. Wir erklären ihnen den Weg.

Es geht weiter. Immer weiter. Bob would have liked them.

PS: Bob and his Band. Auf dem Weg zum O.K Corral. In Peking. In Tucson. In Melbourne. In Cork. In Albuquerque. In Mainz. In Hamburg. Hier: In Mailand.

Vorher:


Nachher:

... CU, Bob!

Freitag, 24. Juni 2011

Die Acht

Als ich noch ein kleines Mädchen war und Sonntags mit meinem Opa in Rüsselsheim ins Stadion (zu den Oplern) ging, konnten die Nummern, die die Spieler auf dem Rücken hatten, sprechen und waren mit der Position des Spielers identisch. Wenn es vorher geheißen hatte: „Die habbe en gude Zehner“ – dann war vom Spielmacher die Rede und der trug auch tatsächlich die 10 auf dem Rücken. Und wenn z.B. mein Opa vor dem Spiel erzählt hatte, dass der kommende Gegner einen besonders guten Mittelstürmer hatte – dann wusste ich: Achte auf die 9. (Die 9 bei der Eintracht trägt in diesem Jahr übrigens Mittelstürmer Theofanis Gekas, der nicht nur bei der Wahl seiner Vereine, sondern auch bei der Rückennummer flexibel zu sein scheint. Noch in der Rückrunde der vergangenen Saison hat er sich einen Namen als „winkende 21“ erarbeitet, was sich dann ja jetzt – hoffentlich in jeder Hinsicht - erledigt hat).

Je variabler die Spielsysteme wurden, desto uneindeutiger wurde die Sache mit den Rückennummern. Jeder Spieler bekam eine feste Nummer, die Nummern der ersten 11 entsprachen in der Regel noch der jeweiligen Stammposition, die aber ebenfalls immer variabler interpretiert wurde.  Der 5er wurde immer wichtiger - das war einer, der konnte verteidigen, aber auch mit nach vorne gehen. Wie Bruno Pezzey. Der 11er war der Linksaußen (wie einst Bernd Hölzenbein und heute noch Ümit Korkmaz); der 7er spielte rechts (wurde aber irgendwann zur Nummer der heimlichen Mittelfeldregisseure – Mehmet Scholl , David Beckham). Der 8er spielte im Mittelfeld halbrechts (Jürgen Grabowski!).

Die Außenverteidiger sind auch heute noch häufig „klassisch“ durchnummeriert. Die 2 (im Moment bei der Eintracht nicht vergeben) spielt rechts, die 3 (nominell Petkovic) links.

Der 6er rückte erst dann in den Blickpunkt als er nicht mehr auf seiner ursprünglichen Position (wie ich jetzt nachgelesen habe: Außenläufer) spielte, sondern die für den Spielaufbau im modernen Fußball immer wichtigere Position im zentralen defensiven Mittelfeld übernommen hatte. Bastian Schweinsteiger z.B. spielt auf der Sechs, hat aber die Rückennummer 31, unsere „bleibt-definitiv“ Sechs - Pirmin Schwegler - hat die 27. Auch Michael Ballack ist ein guter Sechser – trägt aber traditionell die Rückennummer 13. Genau wie einst Jermaine Jones bei der Eintracht die 13 hatte, die aber eigentlich zu Uwe Bindewald gehört, fußballerisch alles andere als ein Sechser, eher ein Vierer – wie Charly Körbel.

Heute wird meistens mit zwei Sechsern  (4-2-1-2-1 oder 4-2 -3-1) gespielt, der so genannten Doppelsechs. Die zweite 6 ist dann die 8. Unsere neue 8 ist Matthias Lehmann. Der ist ein Sechser. Das passt. Aber jetzt wird es schwierig. Denn – wie ich der aktuellen Systemdiskussion entnommen habe - wird die Eintracht unter Armin Veh künftig ein 4-4-2, genauer gesagt ein 4-1-2-3 spielen – nur mit einem Sechser, dafür mit zwei 8ern. Einer dieser Achter könnte Sebastian Rode sein. Der trägt die 20, hat aber im Vorjahr häufig auf der zweiten 6 gespielt, obwohl er sich „ohnehin auf der 8 am wohlsten fühlt.“

Verwirrt ich bin. Sagen wir mal so: Ich glaube, wir werden in der kommenden Saison öfter über die Außen kommen. Oder mit den Worten meines Opas: „Denkt an mich – basst mer uff uf die Acht.“ Welche Nummer die dann auch immer haben wird.

Dienstag, 21. Juni 2011

Ein Spielplan wie gemalt

Es ist schon ein paar Jahre her. Damals gab es noch „Wendy’s“, eine Hamburger Kette, die sich durch ein vielfältigeres und irgendwie auch gesünderes Angebot von McDo und BurgerKing unterscheiden wollte. Wendy‘s war zwar auch Fast Food – es gab hauptsächlich Hamburger -, aber es gab auch ein Salatbuffet, den Belag der Hamburger konnte man sich indiiduell zusammenstellen, das Essen wurde auf Papptellern statt in Schachteln ausgegeben etc.

Wie bei McDo hingen auch bei Wendy’s über der Theke Leuchtkästen mit bunten Bildern der Essensangebote. Die Hamburger waren aber nicht (wie meine Tante Lisabeth gesagt hätte) „abfotegraffiert“, sondern sie waren in bunten Farben gemalt – im Stil von Plakaten der 50er Jahre. Sehr appetitlich sah das meiner Erinnerung nach aus. Da stand ich also in der Schlange, wartete, vor mir war ein mittelalter Herr im Anzug dran, der die Leuchttafeln sorgfältig inspizierte und schließlich einen Hamburger deluxe, extra groß, mit extra Salat, Gurken und Tomate und dazu Pommes bestellte. Es dauerte nicht lange – da wurde sein Teller vor ihn hingestellt. Aha. Das, was da auf dem Teller lag, sah aus wie ein ganz normaler, eher kleiner Burger. Unter dem Brötchen war von Salat nichts zu sehen, kein Drandenken, dass etwa - wie auf dem Leuchtbild - Tomaten und Gurken unter dem Sesamdeckel hervorgequollen wären.

„Ähem“, räusperte sich der Herr, „das soll der Hamburger deluxe sein? Da oben auf der Abbildung sieht der aber ganz anders aus.“ Die Frau hinter der Theke drehte lässig den Kopf schräg nach hinten, musterte die Anzeigetafel, ließ sich aber nicht aus dem Konzeptbringen: „Ei, was denke Sie dann? Gemalt bin ich aach schöner.“

Das sind doch erfreuliche Perspektiven. Falls der Zeitpunkt kommt, an dem uns die vor uns liegende Zweitligasaison nicht nur nicht, sondern überhaupt nicht mehr gefällt, wenn alles grau in grau ist – dann malen wir sie uns einfach schön.

Mit dem Spielplan der Hinrunde habe ich schon mal angefangen ,-)

Montag, 20. Juni 2011

Plopp!

Am Sonntag hat die Eintracht im Trainingslager in Leogang ihr erstes Testspiel - gegen den slowakischen CL-Qualifikationsrundenteilnehmer FK Senica - absolviert. „Da ist fast so was wie Vorfreude“, schrieb gereizt im Vorbericht in seiner täglichen Blog-Schau im Eintracht-Forum. Und auch mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Tatsächlich - ich freu mich auch.

Noch besser kam es dann heute morgen. Da habe ich mich tatsächlich sogar dazu hinreißen zu lassen, so etwas wie „Die Euphorie ist wieder da“ vor mich hin zu brabbeln. Das war natürlich ironisch. Und .- na ja -  natürlich ist sie das nicht. So einfach geht das nicht. Dazu liegen zu viele Dinge im Argen und drücken auf den Magen. Ama, zum Beispiel. Eine so ungute und noch dazu dämliche Geschichte, so daneben, dass sie auch fast schon wieder den Stempel „typisch Eintracht“ verdient hat.

Trotzdem, ich kann mir nicht helfen, irgendwie steigt da so ein „Vierzig Wagen Westwärts“-Gefühl in mir nach oben. Plopp.

Vierzig Wagen westwärts? Ihr wisst schon – das ist die Westernkomödie, in der erzählt wird, wie der Bergwerkstadt Denver ein langer Winter bevorsteht und die Whiskey-Vorräte zu Ende gehen. Panik droht. Monatelang ohne Alkohol. Wie soll das gehen? Das Dorf-Orakel – Jones, ein alter Säufer – muss befragt werden. Orakel-Jones sieht aber nur etwas, wenn man ihn vorher ordentlich mit Whiskey abfüllt, was die ohnehin knappen Whiskey-Vorräte noch weiter reduziert. Immerhin – der Aufwand lohnt sich: „Ich sehe Whiskey.“ Und tatsächlich, Orakel-Jones hat recht: Vierzig Wagen voll gepackt mit Whiskey-Fässern machen sich vom fernen Julesburg auf nach Westen.

Bis sie allerdings da sind, müssen noch viele Hürden überwunden werden. Unterwegs lauern Indianer, die das Feuerwasser für sich beanspruchen. Deswegen wird der Whiskey-Convoy von der US-Kavallerie eskortiert. Aber es gibt noch weitaus schlimmere Gefahren: Eine Truppe von Temperenzlerinnen hat Wind davon bekommen, welch brisante Ladung da unterwegs ist, und macht sich ebenfalls auf, um die Ankunft zu verhindern und die Einwohner von Denver vor der gefährlichen Fracht zu schützen.

Der Whiskey-Treck trotzt allen Widerständen, aber dann, kurz vor dem Ziel, landet er in einem Sumpf mit Treibsand. Alle Fässer sind auf Nimmerwiedersehen versunken. Aber es geschieht ein Wunder. Als Orakel-Jones so da sitzt und eigentlich keine Hoffnung mehr hat, da macht es plopp. Kurz darauf wieder: Plopp. Ein Fass. Noch ein Fass. Er muss nur lange genug warten, dann werden die kostbaren Fässer durch den Auftrieb alle wieder nach oben gedrückt. Eins nach dem anderen. Erst langsam, dann immer schneller. Plopp. Plopp.Plopp.

Auch bei der Eintracht nehmen die Dinge allmählich Fahrt auf. Erst drangen die Plopps nur ganz allmählich bis ins Bewusstsein vor, ganz leise. Z.B.:  Hey - stimmt ja. Ümit Korkmaz ist wieder da. Endlich wieder Tempo über links. Das Üüüüüüü fegt wieder über den Platz, und belebt damit auch wieder die Hoffnungen, die wir in ihn gesetzt hatten, und die Erinnerung daran, was für ein netter Bub er ist. Plopp. Mit Stefan Bell kommt ein talentierter Innenverteidiger (Vielleicht kommt er am Ende auch nicht? Doch. Wird schon.) Plopp. Constant Djakpa wechselt zur Eintracht. Djakpa? Das war doch der mit dem Eigentor? Hannover. Linksfuß. Den hatte keiner auf der Rechnung. Noch mehr Druck für die linke Außenbahn. Und dann auch noch ein „Ivorer“. Hurra. Plopp. Mit Shaid Mamon fährt ein weiterer Spieler mit ins Trainingslager, der vorher auf keiner Liste zu sehen war. Überraschung. Cool. Klingt interessant. Plopp. Marcos Alvarez ist wieder zurück. Na also. Plopp. Das Habibsche auch. Der wird! Plopp. Noch eine Überraschung: Pirmin Schwegler war gar nicht mit verantwortlich für den Abstieg. Armin Veh findet, er sollte trotzdem helfen, wieder gut zu machen. Kann sein, dass ich das falsch verstanden habe. Trotzdem: Plopp. Die Verpflichtung von Jimmy Hoffer ist unter Dach und Fach. Ich war skeptisch als ich das erste Mal von der geplanten Verpflichtung gehört habe. Aber jetzt sind alle rundum so begeistert, dass ich gar nicht anders kann: Ich bin es auch (und bedanke mich bei Üüüümit für die Einblicke in Herrn Hoffers offensichtlich ungewöhnliche physiognomische Gegebenheiten). Plopp(o)!

Mein Lieblings-Whiskey-Fass im Moment? Eindeutig das Interview mit Armin Veh nach dem Testspiel gegen Senica. Lange, lange habe ich nicht mehr gehört, wie jemand auf auf so grummelige Art und Weise Zuversicht ausstrahlt. Ein winziger Hauch von Ernst Happel. (Nachtrag: Leider entzieht es sich meiner Kenntniss, ob er während des Interviews auch eine Plastiktüte bei sich getragen hat).  Eieieiei. Ich werde doch nicht wirklich anfangen, den Mann nicht nur irgendwie neutral-wohlwollend-skeptisch zu betrachten, sondern ihn tatsächlich zu mögen?

Aaaaaaaaaah… sag ich doch: Plopp! Auf nach Denver!


PS: Matthias Lehmann. Stefan Kessler. Natürlich auch :-)

Sonntag, 19. Juni 2011

Ein Hessentag

Bei der letzten Staffel von „Germanys next Topmodell“ habe ich den Begriff „Körper-Klaus“ kennen gelernt. (Jaja. Ich weiß: Die Sendung ist ein großer Scheiß. ) Der Körper-Klaus jedenfalls ist ein Mensch, der seine Motorik nicht so recht koordiniert bekommt. Und daher weiß ich jetzt auch, was ich bin: Ein Orientierungs-Klaus. Zwar ansonsten durchaus Herr bzw. Frau meiner Sinne, dazu auch eine gute (mmh…), eher offensive Autofahrerin. Aber wenn ich mich mit meinem Auto in eher unbekannten Gefilden bewege, geschieht mit mir mitunter eine merkwürdige Verwandlung. Ich komme überall an – das ist nicht das Problem – aber der Weg dorthin ist in der Regel chaotisch und führt über die merkwürdigsten Pfade. Die Verwirrung kann großräumig wirken (ich bin z.B. schon einmal von Hannover in Richtung Berlin nach Frankfurt gefahren), innerstädtisch (das Kino, in dem vor knapp zwei Jahren der Eintracht-Film „Träume in schwarz und weiß“ Premiere hatte , habe ich dreiviertelstundenlang eingekreist und dann doch verfehlt) – oder auf engstem Raum. So kann es durchaus vorkommen, dass ich auf einer Fußballtrainingstransportfahrt in eines der umliegenden Käffer zielsicher den falschen Ort ansteuere, von da aus die verkehrte Richtung nehme und schließlich – mit einem Riesenumweg, aber immerhin doch - ankomme. Zu spät, leider. („Wie? Ihr habt euch verfahren? Denkt euch mal eine bessere Ausrede aus – wie kann man sich von Selzen bis hier verfahren?“). Doch. Man kann.

Eine meiner fast schon obligatorischen Verwirrgegenden ist Oberursel. Seit einiger Zeit lebt dort eine liebe Bekannte von mir, die ich ab und zu besuche, und ich habe es bisher nicht ein einziges Mal geschafft, auf direktem Weg zu ihr hinzufinden. Fast schon zu einem Trauma werden bei diesen Fahrten die „Drei Hasen“ – so heißt eines der Gewerbegebiete in Oberursel. Die Drei Hasen sind mein Orientierungspunkt. Von dort aus muss ich in Höhe von „Weiß-nicht-mehr“ nach links (oder doch rechts?) abbiegen, dann weiter in die „Weiß-der-Geier“-Straße, dann gleich wieder links oder rechts und immer geradeaus, um an meinen Zielort zu gelangen.

Hessentag in Oberursel. Idealer Anlass für einen Besuch. Dieses Mal konnte ja eigentlich nichts schiefgehen, dachte ich, alles ausgeschildert. Extra für mich, überall leuchtende LED-Schilder „Hessentag“, zwei große, ausgewiesene Parkplätze –„Die drei Hasen“ und „Hessentagsarena.“ Mein Leid geplagter Mit-Adler hatte mir wohlweislich außerdem mehrere Routenbeschreibungen ausgedruckt. Ach was, brauch ich doch heute nicht: „Ich parke bei den drei Hasen – da kenn ich mich aus.“ Aus Oberursel dann die Kunde: „Lieber nicht die drei Hasen, der Parkplatz an der Hessentagsarena ist viel praktischer.“ Ok –kein Problem. Ich bin ja ortskundig. Und – wie gesagt: Überall Hinweisschilder.

Für drei Uhr sind wir verabredet, um kurz vor halb drei komme ich los und bin ratzdifatz und fast pünktlich in Oberursel. Hessentag hier geht’s lang. Hessentag Parken – mmh, handelt es sich jetzt um de „Drei Hasen“- oder um die „Arena“ –Parkplätze? Leider nicht zu identifizieren, einfach nur „P“, wird schon passen – ich biege ab, Autoschlange, freundliche Menschen in Orange und Gelb: „Welcher der beiden Parkplätze ist das hier, bitte?“ „Ich weiß nicht.“ Mal ehrlich: Woher soll ich es dann wissen? „Das ist P1,“ weiß der nächste Mensch in Gelb. P1 sind die Hasen. War ja klar, aber wie geht es von hier aus zu P2? Schwierig. Die Innenstadt ist gesperrt. Drehen geht auch nicht. Also über den Parkplatz, durch die Äcker. Wieder auf die Autobahn. Den Schildern nach.

So mache ich es. Autobahn. Leuchtschild. Hessentag. P-Schild. Wieder ohne 1 oder 2. Besser geradeaus. Hier können Sie nicht durch. Also wieder zurück, Autoschlangen. Gelb. Orange. Arrrrg. Die Gesichter kenne ich schon. Die drei Hasen. Zwei orange Mädels essen gerade eine Bratwurst. Was habe ich falsch gemacht? Können wir Ihnen leider auch nicht sagen. Ist aber alles ausgeschildert. Ein weiterer Gelber gesellt sich hinzu. Können Sie mir vielleicht...? „Isse schwierig. Habbe se kein Navi?“ Alles klar. Mir ist inzwischen gut warm und ich bin auch nicht mehr ganz so entspannt. Aber ich werde es schon finden. I’ll kill that cat. 45 Jahr und Elektroingenieur, lost in Oberursel. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Um genau 16.35 Uhr kann ich telefonisch vermelden, dass ich angekommen bin. Ich stehe. Bei den drei Hasen. Wo sonst?

Von jetzt an erlebe ich einen Nachmittag wie hingetupft, bunt und laut, witzig und ein wenig melancholisch, voll von Bildern und Eindrücken. Es ist schwülwarm, schon zu ahnen, dass es bald Regen geben wird. Aber jetzt ist es trocken und warm, wir lassen uns durch die Straßen treiben. Der Hessentag scheint in den Ort geschmiegt, fließt - wie der kleine Bach „Ursel,“ dem der Ort seinen Namen verdankt – durch die Straßen, schwappt in Innenhöfe und Gässchen, überflutet die Plätze, verdichtet sich zu Knotenpunkten und sucht sich dann wieder neue Bahnen. Zwei große Adern, die Hessentagsmeilen, die in verschiedene Richtungen zu den großen Veranstaltungsorten (und Parkplätzen ,-) führen. Ruhige, spärlich beleuchtete Nebenstraßen, sozusagen Backstage. Wunderbar. Meine Gastgeberin hat sich vorgenommen, mir auch ein bisschen was von Oberursel zu zeigen. Wir rollen das Ganze von der Altstadt her auf. Das historische Rathaus. Marktplatz. Das Brauhaus.

Weiter den Büdchen und Ständen nach. Hier etwas essen (nmmh...lecker Feuerpfanne). Trinken. Schwätzen. Staunen. Schmuck aus Silberlöffeln. Ein Modell der Hessentagsprinzessin, die zu meinem großen Bedauern „Ursella“ und nicht „Orschel“ heißt. Töpfer. Maler. Puppen. Viel Schönes, leider wenig Hessisches. Apfelwein. Natürlich. Hessenshirts. Wir entdecken eine über der Menschenmenge hüpfende Luftballonkuh – so eine will ich auch -, dem Luftballonmann sind die Kühe leider ausgegangen, aber extra für mich holt er eine aus seinem nahe gelegenen Depot.

Nach gut drei Stunden haben wir uns müde gelaufen, zurück mit der S-Bahn zur Wohnung meiner Freundin, die direkt hinter dem Areal der Hessentagsarena liegt. Hier spielen heute Abend die – arrgs - Scorpions. Die Vorgruppe steht schon auf der Bühne. (Leadsänger: „Ohohoho.“ Menge: „Ohohoho.“ Leadsänger: „Gut, genauso machen wir das nachher auch.“), der Platz vor der Bühne ist bereits gut gefüllt, aber es sind auch noch letzte Konzertbesucher im Anmarsch, außerdem eine ganze Welle von Menschen, die Position auf der Wiese hinter der Arena beziehen. Eine wunderliche Mischung. Nicht mehr ganz junge Pärchen und Gruppen in schwarzer Lederkluft. Youngster mit Klappstühlen und Bierkästen. Alte Damen (mit Blouson und Perlekettsche. Echt.) Normalos mit Schirmen und Picknicktaschen. Wir machen einen Zwischenstopp in der Wohnung meiner Freundin, sitzen auf dem Balkon, trinken ein Glas Secco. Jubel braust auf. Bässe dröhnen. „Hallo Oberursel!“ Dann legen sie los mit dem merkwürdig aseptisch-bombastischen Rock’n-Roll-Brei, den ich früher schon nicht mochte. Im Gebüsch vor dem Balkon zwitschern die Vögel.

In den Abend hinein mache ich mich auf den Weg zur U-Bahn, Über die Äcker und Wiesen – links akkurat mit rotweißen Bändern eingeteilte Parkflächen, rechts Kohlköpfe – immer entlang am Areal der Hessentagsarena. Die Bühne leuchtet durch die dicken schwarzen Wolken, die sich inzwischen über Orschel zusammengebraut haben, was nicht ursächlich mit dem Aufritt der Scorpions zusammenhängen muss, aber, wer weiß, vielleicht doch. Erste Regentropfen fallen. Vom Wind verweht, die Stimme Klaus Meines: „Hey jetzt alle“. Rock me like a hurrican. Trotz drohender Flut sind immer noch ziemlich viele Menschen auch auf der Wiese hinter der Arena.. Die Bierstände eng umlagert. Kleine Gruppen und Pärchen kauern unter Regencapes. Noch nieselt es nur. Eine wunderbar schwebende, abgedrehte, fliegende Stimmung. Meine Kuh flattert. Zurre den Reißverschluss meiner Eintracht-Regenjacke nach oben. Der Regen wird stärker.

Ich steige in die S-Bahn, Endstation Bahnhof. Es schüttet wie aus Eimern. Flüchtende Menschen, zusammengedrängt unter Vordächern und in Eingängen. Das Riesenrad steht leuchtend wie ein riesiges Auge
am Nachthimmel.  Die letzten Tage waren traurig und weh, aber jetzt schwappt eine fast schon verzweifelte Welle von Leben und Glück über mich hinweg. "Alive. Fucking Alive." Die Welt glitzert, Wind und Regen wehen mir ins Gesicht. Macht nichts. Ich bin sowieso schon nass.Meine Kuh verträgt das Wasser von oben nicht, statt über mir zu schweben, lässt sie sich jetzt von mir ziehen. Aber wir beide glitzern, stapfen, schlittern weiter.

Die Hessentagsmeile ist jetzt wie leergefegt. Vor zwei Stunden noch wuseliges Treiben, jetzt plattert der Regen dicht und stetig. Vereinzelt hastende Menschen, ein Pärchen, eng aneinander gedrückt unter einem Riesenregenschirm. Körbe mit Kerzen, Ständer mit Buttons, Stühle, Kisten und Kasten kauern sich unter Plastikhüllen. Standbetreiber zurren an Planen. Dort baumelt ein riesiger Stoff-Bär in Wind und Regen. Unter dem Vordach eines Stands mit Tapas und Cocktails ist eine Gruppe gestrandet, die offensichtlich einen Junggesellenabschied feiert (alle tragen die gleichen T-Shirts), sie prosten sich zu. Musikfetzen. „Barfuß im Regen.“

Die Kuh und ich haben es nicht besonders eilig. Wir laufen, schauen, hören, tropfen. Immer weniger Lichter, weniger Menschen. Die Flanierzeile geht allmählich ins Hinterland über. Vorbei an den Info-Zelten der Bundeswehr, und da ist auch schon das große HR-Festzelt, aus dem Scooter dröhnt und auf dem oberen Teil der riesigen Leinwand, die über den Zaun ragt, sehe ich ihn hüpfen.

Wieder bei den Drei Hasen. Juhu. Es zahlt sich aus, dass ich heute Nachmittag – ganz gegen meine „ich-find-das-schon“-Gewohnheit - einen der Scooter-Security-Gards nach einem Orientierungspunkt gefragt hatte. Ich finde mein Auto. Tatsächlich und ohne groß zu suchen. Pitschpatschnass, glücklich verstaue ich die Kuh im Kofferraum und schäle mich im Auto erst einmal aus meinen Klamotten. Ein triefend nasses Bündel. Wickele mich in ein Sweatshirt, das zum Glück im Auto lag, und mache mich auf den Heimweg.

Es war ein wunderschöner Tag.

Freitag, 17. Juni 2011

So ist das wohl

Es ist jetzt fast zwei Wochen her. Ein Tag voller Glück und Liebe, voller Pläne, ein warmer Frühsommerabend. Abenddämmerung. Wir sitzen draußen, trinken und schwätzen, Katz und Kater begeben sich, wie immer um diese Zeit, auf einen letzten abendlichen Rundgang. Das Kätzchen kommt nach einer Stunde zurück, das Katerle nicht. "Das hat er ja noch nie gemacht." "Wo treibt der sich denn noch rum?" Na ja, Sommer. Abenteuer. Wir rufen, suchen. Werden zunehmend unruhig. Sind besorgt. Gehen schlafen. Stehen wieder auf. Porius. Porius. Der Morgen graut. Schließlich doch ins Bett. Er wird noch kommen. Sicher. Er kam nicht.

Seit diesem Tag erlebe ich die Welt aus einem merkwürdigen Blickwinkel: Laufend und suchend. Hellwach und dabei müde wie ein Stein. Käseglocke. So viel zu tun, zu denken, zu fühlen. Arbeit. Zum Glück. Viel Arbeit. Wenig Schlaf. Wie werde ich mich in ein paar Monaten, Jahren an diese Tage erinnern? „Weißt du noch...?“

Die Eintracht. Eben noch Skibbe. Shootist. Europa. Daum. Eben noch brennende Kurve. Polizeihundertschaften auf dem Platz und der GründelHeinz mit Arm in der Schlinge. Abgestiegen. Und jetzt schon: Saisonvorbereitung. Oder das, was man gemeinhin so nennt. Matthias Lehmann. Thomas Kessler. Bruno Hübner. Armin Veh. Moppes Petz. Wenn diese Namen fallen, zucke ich derzeit noch leicht zusammen, die Synapsen im Hirn brauchen einen Moment bis sie die Information verarbeitet haben. Von was ist die Rede? Ach so, klar. Von der Eintracht.

Vielleicht von einem Hund erschreckt und geflüchtet, irgendwo aus Versehen eingesperrt, verletzt und verkrochen. Bin nicht bereit, diesen weiteren Verlust hinzunehmen. Wir haben keine tote Katze im Straßengraben gefunden – Katerle lebt. Basta. Handzettel. Aushänge. Suchanzeigen. "Auch nach Tagen oder Wochen gibt es Chancen, die vermisste Katze wieder zu finden." 46 von 100 Katzen tauchen erst nach einer Woche wieder auf. Nach zwei Wochen sind es immer noch 26. Nach drei Wochen 12. Letztlich ist es irgendwann Zufall, aber man kann den Zufall durch Hartnäckigkeit zwingen. Und so laufe ich weiter zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten wie eine wandelnde Klagemauer durchs Ort. Porius, Porius. Peinlich? Mir doch egal.

Anderswo ist Sommerpause, bei uns ist Trainingsauftakt im kleinen Kreis. Pfingsten. Familienfest am Riederwald. Mit Autogrammstunde der Frauen-Mannschaft. Wieder ein Laktattest. Caio als running gag (obwohl ja eigentlich genau das Gegenteil – „German soccer club Eintracht Frankfurt proudly presents – Caio - not running gag“ ). Marco Russ geht vielleicht nach Wolfsburg. Dafür kommt Helmes. Helmes? Ach was wollen wir denn mit dem. Wir holen Drei noch bessere. Gekas soll kann will gehen oder bleiben. Aber Schwegler, der bleibt geht. Definitiv. Auf jeden Fall. Nach Mainz. Werder will Jung. Er muss bleiben. Oder doch nicht. Man weiß es nicht.

Was ich bisher auch noch nicht wusste: In Australien gibt es Kamele. Wilde Kamele. So viele, dass sie – wie bei uns die Wildschweine – zur Plage werden. Dagegen muss etwas getan werden. Tötungen im großen Stil. Daraus lässt sich etwas machen. Kamele rülpsen und stoßen dabei böses, böses Methan aus. Wer ein Kamel erschießt, tut also etwas für den Klimaschutz und erhält deshalb ein Umweltzertifikat im Wert von 75 australischen Dollar. Im Dienst der guten Sache. Ekelhaft. Vielleicht sollte man jetzt schon damit anfangen, in Griechenland Kamele aus zu wildern? Eine Option auf die Zukunft.

Im fernen Kanada feiert einer meiner jungen Mit-Adler seinenihren 18. Geburtstag. Heute hier, morgen da. Erst kommt es mir absurd vor, und dann tue ich es doch. Backe, koche, rühre. Buttercremtorte. Wie jedes Jahr. So wie früher meine Oma jedes Jahr für mich eine gemacht hat. Sogar mit Gittermuster. Besonders schön. Nichts bleibt wie es war. I havent’t changed much. Man muss dagegen halten.

Garagen. Büsche. Einfahrten. Höfe. Gesprächsfetzen. Grillduft. Lachen. Hellerleuchtete Fenster. Flimmernde Fernsehgeräte. Stille. Ein letztes Auto. Rascheln. Mann mit Hund. Dunkelheit. Nichts. Katzen, viele Katzen: Miau. Getigerte, Getigerte mit weißen Pfötchen. Schwarz. Schwarz mit Tigerdecke. Rot. Schwarz und weiß. Struppig. Dick. Nur einer. Fehlt.

Marcos Alvarez kommt von den Bayern Amateuren zurück zur Eintracht. Vielleicht. Das freut mich. Stefan Bell ist ein begabter junger Innenverteidiger. Er kommt aus Mainz. Ausgeliehen. Sicher? Wahrscheinlich. Ist schon da. „Stefan Bell wird Eintrachtler.“ „Wohl.“ Verleihnix (zumindest nichts, was du nicht besitzt).

Und so geht alles weiter seinen Leogang. Weiter. Immer weiter. Bell, Alvarez und - huch - Shai Mamon fahren mit ins Eintracht-Trainingslager, wo der der Eintracht gleich am ersten Trainingstag Wind und Regen ins Gesicht weht, und auch ich werde bei meiner Wanderung duch die Nacht von einem Guss erwischt. Porius. Porius.

Am Ende ist ja ohnehin selber schuld, wer alles glaubt, was er liest. Vielleicht ist das hier gar kein Blog? Vielleicht bin auch ich ein digitales Gespenst und sitze nicht im Rheinhessischen, sondern auf dem Mond? Vielleicht ist die Eintracht gar nicht abgestiegen? Und wenn doch? Dann haben wir trotzdem keinen Grund uns zu beklagen, denn schließlich haben wir es vorher gewusst, haben „handfeste Kritik“ geübt und trotzdem „in voller Kenntnis alle eklatanten Schwächen“ den Dingen ihren Lauf gelassen.

Ich überlege derzeit ernsthaft, ob ich mich künftig - statt zu grübeln, zu hadern und zu kämpfen - lieber doch öfter mal an das „Institut für Zukunftsdeutung“ halte, das mich vorgestern bei einer nächtlich-schlaflosen Tasse Pfefferminztee in irgendeinem Privatsender erschreckt hat. Da sitzen Menschen wie Untote hinter einem Tisch, vor ihnen aufgebaut wahlweise eine Kugel, ein Kartenspiel oder ein Laptop. Man muss nur ein paar Stichworte sagen, ihnen eine Frage stellen, dann sagen sie – jeder auf seine unglaublich spirituelle Weise - die Zukunft voraus. Der Anruferin, die gerne schwanger werden will, versprechen zum Beispiel die Karten mit leicht österreichischem Akzent: „Tragen’s einen Mondstein am kleinen Finger. Links. Oder nehmen’s an Lapislazuli oder an Smaragd her. Rechts. Am Mittelfinger. Dös klappt dann schon.“ Oder wie steht es um die Zukunft von Fukushima. Dort, im fernen Japan, „wird alles immer noch viel schlimmer.“ Das kann gut sein und damit ist das Thema auch bereits erschöpfend behandelt und eine weitere Anruferin wird ins Studio durchgestellt. Auch sie hat eine Frage, auf die sie gerne eine Antwort hätte. Schade, dass nicht ich die Anruferin war, obwohl doch auch ich im Moment zwei Anliegen habe, die mir brennend auf der Seele liegen:

„Werden wir unser Katerle wieder finden?“ „Wie geht es weiter bei der Eintracht?“

Ich klau mir einfach die Antwort, die der Anruferin in der Sendung auf ihre Frage gegeben wurde.

IfZ: „Schon ab August sehe ich beste Aussichten. So gut wie seit 28 Jahren nicht mehr.“
Anruferin: „Super!“

Mittwoch, 8. Juni 2011

"Nähe ist gut"-Kapp oder "cumulus futurus"?

Kennt ihr den Witz, in dem ein Mann einen psychologischen Test macht und nach seinen Assoziationen zu bestimmten Begriffen gefragt wird? Der Psychiater fragt: „Was fällt Ihnen bei dem Wort Apfel ein?“ Der Mann antwortet: „Marilyn Monroe.“ „Baum?“ „Marilyn Monroe.“ „Schnitzel mit Pommes frites?“ „Marilyn Monroe.“ „Feuerwehr?“ „Marilyn Monroe.“ „Traktor?“ „Marilyn Monroe.“ „Jetzt ist aber genug mit dem Unfug“, sagt der Psychiater, “so hat das ja überhaupt keinen Sinn. Sie müssen mir ehrlich antworten…” “Aber das tu ich doch. Ich denke pausenlos an Marilyn Monroe.”

So ähnlich geht es mir mit der Eintracht. Wenn es heißt, dass im Moment wenig über die Eintracht in den Nachrichten und Zeitungen zu lesen und zu sehen ist, kann ich darüber nur lachen. I see Eintracht (und also auch trouble) everywhere. Ähnlich wie die Frankfurter Rundschau, die sogar dann etwas über die Eintracht sagt, wenn sie nichts sagt, obwohl es doch so viel zu sagen gäbe - etwa über eine merkwürdige Häufung der doppelten Verneinung in den einträchtlichen Verlautbarungen. Beispiele?  Der – für einen Fußballer nicht ganz unwichtig – wieder des Laufens fähige Chris sagt, „nicht Nein zur zweiten Liga“  (merkwürdig, bei mir ist es gerade umgekehrt: Ich sage nicht Ja), während Heribert Bruchhagen zwar nichts Genaues sagen kann, aber in Sachen Amanatidis versichert, dass „Ioannis nicht unehrenhaft von der Eintracht entlassen wird“. (Aber wohl auch nicht ehrenhaft, sonst könnte man das ja ruhig so sagen.)  Und auch bei der Präsentation des neuen Eintracht-Auswärtstrikots fungieren Heribert Bruchhagen und Alexander Rohtweiler (wie ich jetzt weiß: Bereichsleiter Vertrieb bei der Jako AG) sozusagen als leibhaftig gewordene doppelte Verneinung. Sie schauen nicht nur nicht besonders glücklich, sondern fast schon unglücklich aus der vorgeführten neuen Wäsche: Eine (?) Zielscheibe des Spottes mit "großflächig im Rücken eingewebtem Adler", "Skyline-Prägung" auf beiden Ärme-Lenden, mit „Eintracht“ auf dem Rücken, „Im Herzen von Europa“ im Nacken und „Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen...“ im Saum des Bundabschlusses eingedruckt. Sieh, das Gute liegt so nah: Einfach mal gewinnen -  da haben wir ihn ja schon, unseren Matchplan.

Ich vermute, dass das neue Design Ausdruck einer „präreflektierten Unmittelbarkeit“ ist, wie sie beim evangelischen Kirchentag in Dresden von Frau Käßmann postuliert wurde. Das ist nicht nur „eigentlich ganz schön“, sondern eigentlich auch ganz schön clever, den eigenen Sündenfall als "Menschliches all zu menschlich" zu inszenieren und „in der Krise die Kraft für einen Neuanfang“ zu finden – statt Himmelfahrt bzw. Himmelfahrtskommando sozusagen eine vorgezogene Wiederauferstehung. Dachte ich, als ich das Foto sah, auf dem Frau Käßmann die Hände zum Himmel reckte und Tausende von Menschen hingerissen ihrer Exegese der Bergpredigt lauschten. Oder ging es etwa auch da um die Eintracht? Ok. Über Muslime haben wir uns speziell noch keine Gedanken gemacht. Aber Träumer und Visionäre haben auch bei uns einen schweren Stand. Doch, haben sie. Und obwohl bei uns (zum Glück) die – merke: verfolgte! – Minderheit der Gutmenschen und Mutbürger fehlt, haben wir stattdessen ein Herz für andere Minderheiten: Griechen. Brasilianer. Fußkranke. Lahme. Bucklige. Jede Art von Absteigern.

Visionärer Vorschlag: Wir stellen alle, die zum Trainingsauftakt am Riederwald erscheinen, auf den Platz und warten, ob sich über ihnen nicht nur eine Regenwolke, sondern vielleicht eine "cumulus futurus" bildet. Falls nicht können wir sie ja immer noch mit Klopapierrollen bewerfen oder das nachholen, was die Mannschaft der Eintracht in den letzten Wochen mit ihren Gegnern sehr selten geschafft hat: Wir machen sie nass. Wenn es sein muss mit der Gießkanne.

Jedenfalls: Die Vorbereitungen auf eine bessere Zukunft laufen. Die Energiewende ist eingeleitet.  Bio-Gas (vorsicht: EHEC) soll den geplanten Atomausstieg kompensieren. Was sich für mich ungefähr so liest wie: Bei der Eintracht soll "weiß-nicht-wer" den für "weiß-nicht-wann"-geplanten Ausstieg von "weiß-nicht-wem" kompensieren. Da ist es gut, dass wenigstens das „Fährmann-Erbe“ bereits geklärt ist (wobei es – rein formulierungstechnisch – merkwürdig anmutet, dass jemand ein Erbe hinterlässt, ohne vorher eines geschaffen zu haben). Jedenfalls hat die Eintracht bereits einen neuen Torwart verpflichtet – und dann auch zeitnah dafür gesorgt, dass am Samstag zum Trainingsauftakt jemand da ist, der ihn trainiert.  Das ist der überzeugende Beweis dafür, dass Bruno Hübner tatsächlich, für „alles Lösungen im Kopf“ hat.

Richtig clever wäre übrigens gewesen, wenn man das erste Heimspiel – statt umständlich einen Plan für die Durchführung auszuklügeln – einfach undercover mit Thessas Geburtstagsparty zusammen gelegt hätte. Via Facebook einladen, 14.500 statt nach Hamburg-Bramstedt ins Waldstadion routen und den Thessa-Song als Einpeitscher für den Zweitliga-Auftakt nutzen: „Eintracht, oh Eintracht – wir lieben dich so sehr. Die Party des Jahres, was wollen wir noch mehr.“ Yeah. Wer braucht da noch die Ultras?

Wenn ihr jetzt noch wissen wollt, was es mit der „Nähe ist gut“-Kapp auf sich hat (nein, dabei handelt es sich nicht um eine vielversprechende Neuverpflichtung aus der Region) einfach zum Hessentag nach Oberursel fahren. Und bei dieser Gelegenheit auch gleich noch: Herzlichen Glückwunsch, Charly Körbel! 

Freitag, 3. Juni 2011

Nachts, wenn ich um die Erde renne

Was im Fernsehen die Einschaltquoten sind, das ist in einem Blog der Besucherzähler. So weit ich weiß, hat jeder Blog einen - das ist sozusagen systemimmanent, meistens gibt es zusätzlich noch einen für den Blogleser sichtbaren. Der Besucherzähler sammelt statistische Infos zur Frequenz und Nutzung des Blogs. Man bzw. (um den neuen Sprachduktus zu verwenden) DU kannst sehen, wie viele Besucher insgesamt schon auf einer Page waren und oder wie viele Besucher/Klicks es an diesem Tag (in dieser Woche, in diesem Monat) gegeben hat, zu welchen Tageszeiten der Blog besonders häufig angeklickt wird, woher die Klicks kommen – Bookmarks, Links, Google-Suche etc.

Die Google-Suche hat darüber hinaus einige spannende Einblicke zu bieten. Eine Liste zeigt, mit welchen Suchbegriffen Leser zum Blog gelangt sind. Da gibt es natürlich einige Begriffe oder Wortkombinationen, die besonders häufig vorkommen – bei mir (logisch ,-) z.B. rotundschwarz. Da kann ich dann wohl davon ausgehen, dass Leser gezielt nach meinem Blog gesucht haben. Bei einem Blog, der sich überwiegend mit der Eintracht beschäftigt, ist es außerdem naheliegend, dass er auch mit einträchtlichen Begriffen ergoogelt wird. Und tatsächlich – so ist es. Da finden sich z.B. Begriffe und Worte aus dem aktuellen Geschehen – so was wie „Knapp daneben ist auch vorbei“, „Abstieg“ oder „Ceklfiz“ - aber auch Worte/Namen, die noch nicht oder nur punktuell im Blickpunkt stehen - z.B. von Jugendspielern wie Lukas Ehlert = hier. Oder aktuelle Namen werden in einem ganz bestimmten Kontext gesucht – z.B. „Marco Russ Baby“ (klick)  oder „Julian Dudda Freundin“ (die Stichworte finden sich im Eintrag, natürlich - aber vielleicht nicht immer ganz so wie von dem/der Googelnden erwartet). Oder es werden Namen „von früher“  gegoogelt – sagen wir mal Ralf Falkenmayer und  Fips Wacker - und: sie werden gefunden (klick und klick). Das freut mich dann ganz besonders.

Bei rotundschwarz geht es hauptsächlich um die Eintracht, aber es haben auch andere Themen ihren Platz – Bücher, Musik, Städte, Geschichten über die Welt im Allgemeinen und im Besonderen. Auch hier wird – hurra – der Suchende fündig. Aktuell zum Beispiel ein paar mal mit „Patti Smith“ oder „Patti Smith Mousonturm krank“. Einer der all time am meisten eingegebenen Such- und rotundschwarz-Find-Begriffe ist (wer mag, kann es hier nachlesen) „Das Lied vom alten Reisbrei“.  Strange, oder? Und fast ebenso häufig suchen Leser - und das zumindest hier im Blog erfolgreich ,-) - nach „Jacques Herrmann“ (= ein alteingesessenes, wunderbares Mainzer Geschäft für Fastnachtsbedarf und noch viel mehr, das - ungelogen – den Slogan „Größtes Spezialgeschäft von Deutschland“ auf Tüten und Taschen aufgedruckt hatte und dass es leider, leider nicht mehr gibt).

Besonders kurios sind häufig die Begriffe, die einmal und dann nie wieder auftauchen. „Forsaken world edelstein“ gehört z.B. in diese Kategorie. Oder „schwarzer Marterpfahl spritze“. Da fragt man, aber da fragst sicher auch du dich: Nach was um des Himmelswillen hat der Suchende gesucht und warum um des Himmelswillen ist er mit dieser Anfrage hier im Blog gelandet?

Genau so eine Einzelsuche war es, die mich heute zu diesem Eintrag angeregt hat. Zunächst konnte ich mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, was der Hintergrund für diese Google-Suche gewesen sein könnte. Doch dann, bei genauerem Nachdenken, erschloss sich mir ein höherer Sinn, fast so etwas wie eine tiefe Wahrheit:

Ich stinke nach Bier und renne nachts um die Erde.

Irgendwie freut es mich, dass man, also: dass du mit dieser Google-Anfrage hier in diesem Blog gelandet bist. Cool. Danke fürs Vorbeischauen.


PS: Ich hab den obengenannten Satz jetzt natürlich auch mal selbst gegoogelt und - yep – ich bin bei mir gelandet. Erde. Um. Vor. Nach. Nacht. Rennen. Bier. Probiert es aus. Na also.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Ilmeditsch

Dass die Eintracht einen  neuenTrainer hat, habe ich gleich am Montag Abend noch mitbekommen. Es war ein heißer, ein schwüler Tag. Jetzt wird es allmählich dunkel. Wir sitzen draußen, auf dem Bänkchen hinterm Haus. Leichter Wind in den Bäumen, auf dem höchsten Baum, einer gakeligen Tanne , tiriliert eine Amsel ihr Abendlied. Die beiden kleinen Kätzchen, die den ganzen Tag im Haus gedöst haben, werden allmählich munter. Gähn. Streck. Hüpf. Hosser. Wir sitzen und schauen in den Himmel, trinken Wein, knabbern Oliven, reden über die Welt und die Eintracht. Heute hat sich wieder nichts getan. Eieiei. Wir üben uns in Bruno-Sprech. Da musst du durch. Da kenne ich mich aus. Ich weiß wie der Hase läuft. Da brauchst du Ruhe und Gelassenheit. Und einen guten Torwart. Da musst du mal nach vorne gehen und schnell wieder zurücklaufen. Da musst du vorbereitet sein.

Eine unserer Katzen läuft von links durchs Bild. "Magst du noch einen Schluck Wein?" Ich mag. Der Wind weht.

Von der Eintracht sind wir beim lang, lang ists her und bei Geschichten aus der Schulzeit gelandet. Mein Mit-Adler kennt eindeutig die lustigsten. Zum Beispiel die vom höchst verwirrten Klaus Z., der durch sein merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit der anwesenden Lehrkraft erweckte. Ganz normales Klassenzimmer, Holzstühle, Holzbänke. Nur eine Schulbank sieht anders aus, die Oberfläche ist mit einer Art weißem Resopal überzogen. Dort sitzt Klaus. Der Unterricht hat bereits begonnen. Klaus sitzt, sichtlich aufgeregt, fast aufgewühlt, hinter seinem Tisch, streicht über die Oberfläche und murmelt etwas vor sich hin. Lehrer: „Klaus, was ist los mit Ihnen?“ Klaus (aufgeschreckt, stammelnd, gestikulierend, auf den Tisch zeigend): „Bank verwechselt, Bank verwechselt.“ Lehrer: „Und das beunruhigt Sie?“

Ich kann Klaus gut verstehen. Auch mich beunruhigen manchmal die merkwürdigsten Dinge.  Und da sind wir doch schon wieder bei der Eintracht, während justament in diesem Moment wieder eine Katze durchs Bild läuft, dieses Mal von rechts. Aufrechter, federnder Gang, vorbildliche Körpersprache. Was hat sie denn da im Maul? Das ist doch… ? Sie legt einen Zahn zu und verschwindet im Wohnzimmer. Mein Mit-Adler hechtet hinterher, um zu sehen, ob noch etwas zu retten ist, während ich – eher routinemäßig und ohne ernsthaft mit Neuigkeiten zu rechnen, nach dem neben mir liegenden Handy greife. Mal kurz checken, ob sich nicht doch vielleicht doch irgendwas getan hat. Da ist doch… Huch… Tatsächlich… Mein Mit-Adler erscheint in der Tür, eine miesmotzig vor sich hin fiepende Katze im Schlepptau: Die Maus ist gerettet. Und die Eintracht hat einen neuen Trainer.

Dienstag. Über Nacht habe ich vorsichtig damit angefangen, mich mit dem neuen Trainer anzufreunden. . Hey. Er ist jetzt unser Trainer. Das passt schon. Klares Erstliga-Signal. Es hätte besser, aber es hätte auch schlimmer kommen können. Dann die Pressekonferenz. Da sitzen sie also, dort, wo vor drei Wochen noch Christoph Daum den Kasper gemacht hat. Da sitzen sie nebeneinander: Armin Veh, Heribert Bruchhagen, Bruno Hübner. Ein kompetenter, freundlicher, sichtlich ein wenig melancholischer Trainer. Ein merkwürdig unscheinbar wirkender Vorstandsvorsitzender. Und ein Sportdirektor, der vor allem eins zu sein scheint: Unglaublich wichtig. Und auf einmal überfällt mich eine große Niedergeschlagenheit. Wie sehr hatte ich mir Lebendigkeit gewünscht. Aufbruch, Energie, Mut.  Wieder eine Chance liegen lassen. Das hier ist alles so staatstragend. Merkwürdig fremd, fast schon parodistisch. Wenn ich für eine Tragikkomödie mit dem Titel „Das Bayern München der zweiten Liga“ (arrgrmpf) die Besetzung hätte casten müssen – kann gut sein, dass sie so ähnlich ausgesehen hätte.

Armin Veh sagt, dass er bei uns vor allem auch Spaß haben will. Heissa. Fast ein bisschen traurig klingt auch das. Und, ja klar: Ich bin sicher. Wir werden Spaß haben. Wir werden uns noch eine Weile gegenseitig täglich neu versichern wie absurd, wie unglaublich komisch  oder wie e n t s e t z l i c h langweilig das alles ist. Wir im „Unterhaus“. Gähn. Ist die Zeit stehen geblieben? Uhren zurückgedreht? Sind wir, was wir waren oder werden wir, was wir sind? Manchmal werden wir uns vorkommen wie im falschen Film, aber dann wird der Funke springen, bei Heimspielen werden wir aus voller Kehle das Europa-Lied singen und bei der Mannschaftsaufstellung voller Hoffnung und Überzeugung „Caio“, „Gekas“, „Meier“ und „Köhler“ schreien. Vermutlich werden wir aufsteigen. Das wird dann der Hauptspaß.

Keine Ahnung, warum mir gerade jetzt, in diesem Moment eine weitere Schulgeschichte meines Mit-Adlers einfällt. Und zwar die von Dietmar „Ille“ L., dem Erfinder des Ilmeditsch. Ille hatte sich dieses Wort ausgedacht und es war zum running gag und zum Synonym für alles und jedes geworden. Dann kam die Klassenarbeit in Erdkunde. Südamerika. Und dabei die Frage: „Was weißt du über die Tierwelt am Amazonas?“ Ille schreibt: „Im und am Amazonas leben viele exotische und seltene Tiere: Piranhas. Amazonasdelphine. Tapire. Ilmeditsch.“ Die Klasse wartet gespannt auf die Rückgabe der Arbeit. Ille schlägt sein Heft auf, liest und - neu-sprech –:  rofl. Was ist passiert? Was steht denn da? Der Lehrer hat das Wort „Ilmeditsch“ rot unterkringelt und es kommentiert: „Unleserlich.“

Kann also gut sein, dass es Ilmeditsche am Amazonas tatsächlich gibt. Bei Eintracht Frankfurt derzeit jedenfalls nicht.

PS: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, ihn aber auch nicht zu früh beklagen. Abends fahren wir zu einem Patti Smith-Konzert nach Frankfurt. Mousonturm. Patti kommt auf die Bühne. Sie ist krank, krächzt, bekommt kaum ein Wort heraus. Sie wird es trotzdem versuchen. Und sie versucht es nicht nur: Sie macht es. Zart. Wild. Mutig. Rockig. Anrührend in ihrer Schwäche und mit ihrer Kraft. Witzig. Charmant. Zwischendurch nimmt sie manchmal ein paar Minuten eine Auszeit, kauert am Bühnenrand, trinkt Tee. Helpless. Die Band hilft ihr, wir helfen ihr. Lalala. Und zum Schluss schafft sie, schaffen wir zusammen tatsächlich sogar noch ein G l o r i a.

Nach zwei Stunden ist das Konzert zu Ende. Wir treten auf die Straße. Kühler Wind. Frische Luft. Es regnet. Was für ein großartiger Abend. Und dank Patti bin ich gerade wieder daran erinnert worden, dass auch auf mich, auf uns, auf Eintracht Frankfurt,  irgendwo noch etwas Wunderbares und Glückverheißendes wartet. Auch dann, wenn weit und breit gerade einmal kein Ilmeditsch in Sicht ist.




Nachtrag am 2. Juni: 
Patti hören? Zwei Mitschnitte vom Dienstagabend - Birdland - Rock'n Roll Nigger