Dienstag, 29. März 2011

Der Gerommel-o-mat

Es gibt Dinge im Leben, die muss man nicht verstehen, die muss man einfach hinnehmen. Dazu gehört für mich, dass einer meiner jungen Mit-Adler nicht nur Eintrachtler, sondern auch Hardcore-Fan des 1. FC Köln ist. Schon immer und mit unverbrüchlicher Hingabe und Loyalität – durchaus schätzenswerte Eigenschaften - und so lebe ich eigentlich ganz gut damit, bis auf zwei Mal pro Saison, aber in der Regel kriegen wir auch das ganz ordentlich hin.

Jedenfalls führt die (wie das so ist) mit akribischer Verfolgung des Vereinsgeschehens verknüpfte FC-Verbundenheit des Nachwuchsadlers dazu, dass ich aus Köln schon mal ein bisschen mehr mitbekomme oder sehe als das bei anderen Bundesligavereinen der Fall ist und es ist nur logisch, dass auch das letzte Köln-Gastspiel von Christoph Daum vor ein paar Jahren immer wieder ein Thema bei uns war. Besonders deutlich in Erinnerung ist mir ein Ausflug zu einem Vorbereitungsspiel der Kölner bei Eintracht Trier, bei dem wir uns darüber mokierten, wie Christoph Daum nach dem Spiel von mehreren Platzwarten vor der – durchaus überschaubaren – Menge geschützt und ohne links und rechts zu kucken, zum Mannschaftsbus geleitet wurde. Dort unterschrieb er in Windeseile einen Stapel Autogrammkarten und ließ die Karten dann von einem Assistenten an die Umstehenden verteilen. Ob sie wollten oder nicht. Das war doof.

Von ganz anderer Art ist ein zweites Überbleibsel aus dieser Zeit. Ein Begriff, der überdauert und einen festen Platz in meinem Sprachschatz gefunden hat, sich dort fast schon verselbstständigt und von der Person Christoph Daum gelöst hat, bis – ja bis Christoph Daum dort gelandet ist, wo ich ihn im Leben nie vermutet hätte: Bei uns, bei der Eintracht.

Die Rede ist vom Gerommel-o-mat.  Und um zu verstehen, was gemeint ist,  stellt euch bitte Folgendes vor:

Flashback

Ein Fernsehbericht. Christoph Daum steht in einem Raum, über den sich in meiner Erinnerung eine domförmige Glaskuppel spannt. Er ist umgeben von Unmengen blinkender Bildschirme, auf denen Grafiken und Animationen und Zahlenkolonnen zu sehen sind. Das hier, verkündet der Sprecher aus dem Off, sei so etwas wie die Schaltzentrale des FC. Hier werden tausende und abertausende Informationen über Spieler in aller Welt gesammelt, verarbeitet und ausgewertet. Fähigkeiten. Fertigkeiten. Tore. Technik. Hobbies. Haarschnitt. So ist es möglich, die talentiertesten und charakterstärksten Spieler überall auf der Welt aufzuspüren. Tausende von Profilen, die in unterschiedliche Konstellationen und Mannschaftsgefüge eingepasst, korreliert und verglichen werden können. Listen mit geeigneten Spielertypen können jederzeit eingegrenzt, abgerufen und daraus dann einzelne Spieler ganz gezielt, anhand bestimmter Vorgaben, ausgewählt werden. Das, liebe Leute, das ist die Zukunft. Und beim FC hat sie bereits begonnen. Kaum ein anderer Verein, der über ein so ausgeklügeltes System verfügt.

Ein erstes Ergebnis hat der FC auch schon vorzuweisen: Geromel. Ja, genau: Pedro Geromel, der brasilianische Verteidiger. Nur dank des überaus klugen Systems konnte der nämlich aufgespürt und verpflichtet werden. Der passt zum FC. 1000-prozentig. Und das ist nur der erste Schritt - der FC wird künftig in Stand gesetzt sein, jederzeit passgenau und bedarfsorientiert genau die Spieler zu verpflichten, die gerade benötigt werden. Per Mausklick. Wahnsinn.

Flashbackende.

In diesem Moment war er also geboren, der Gerommel-o-mat, der sich – anders als der leibhaftige Geromel – natürlich nicht „brasillianisch“, sondern hessisch (= Gerommel) ausspricht, und den ich immer einmal gerne in die Runde werfe, wenn nach einer einfachen, hundert Prozent sicheren Lösung eines Problems gesucht wird: „Dann nimm doch einfach den Gerommel-o-mat.“

Tja. Und nun sind also Christoph Daum, Roland Koch, Daum-Sohn Marcel und – wie ich fest annehme – mit ihnen auch eben jener Gerommel-o-mat in Frankfurt, bei der Eintracht, im Waldstadion angekommen. Die ganze Welt (und vielleicht auch das Tor in Wolfsburg) stehen uns offen. „Wir sind Adler“, „Wir sind Eintracht“ – das ist der Anfang. Ich bin sicher: Sobald Christoph Daum einen Moment Zeit erübrigen kann, wird er die Namen „Jürgen Grabowski“ oder „Bernd Hölzenbein“, gern auch „Uwe Bein“ in den Gerommel-o-mat eingeben. Dann rattern die Listen. Dann wissen wir, was zu tun ist. Dann steht auch uns die Zukunft offen. Endlich.

Mann, bin ich froh!


Donnerstag, 24. März 2011

Alles so schön bunt hier.

War es tatsächlich erst vorgestern, dass uns Angst und Bange war, vor dem was kommt? Dass wir die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben über das fußballerische Desaster, das wir gerade erlebten? Tatsächlich erst vorgestern, dass Michael Skibbe von seiner Tätigkeit als Eintracht-Trainer beurlaubt wurde? Es ist der Wahnsinn, wie sehr sich alles über Nacht verändert zu haben scheint. Diskussionen. Abstiegsangst. Zweifel an der Qualität der Mannschaft. Schlotternde Knie. Schicksalsergebenheit. Hoffnungslosigkeit. Freier Fall. Pulverisiert, fast wie nicht gewesen. Die Uhren gehen anders. Der Tag hat jetzt 25 Stunden und jeder von uns hat drei Beine.

Mittwoch, 23. März. Der Countdown läuft und auch wir, die wir heute nicht im Waldstadion sein können, sind schon vormittags in dieser merkwürdigen Gickel- und Gackel-Stimmung und auf allen Kanälen dabei. Aha. Bereits um zehn Uhr werden die ersten Fans am Trainingsgelände gesichtet. Aha. Die Ankunft von Christoph Daum im Waldstadion um 10.57 Uhr wird per Foto dokumentiert. Er trägt einen grauen Anzug und ist braun gebrannt. 10 Fernsehanstalten, Radiosender und über 100, ach was: 200, 1000, eine Million Journalisten sind um 12 Uhr vor Ort. Ab 12. 30 Uhr läuft die Pressekonferenz. Die Eintracht ist überall. Kein Entrinnen. Foto-Ticker. Hotlines. Gebabbel. dpa-Meldungen. Kicker, klar. HR-online, klar. Spiegel online. Sport 1. Stern.de . Ein (nur bedingt lustiger) Live-Ticker auf 11 Freunde.

Endlich. 15.30 Uhr. Die Live-Übertragung aus dem Waldstadion beginnt. Ich glotz TV. Natürlich. Menschentrauben ums Trainingsgelände. Blauer Himmel, Sonnenschein. Thomas Berthold. Werner Damm, der vermeldet dass wir so was hier in Frankfurt noch nicht erlebt haben. Nicht mal damals, in den 70ern. Hat Bernd Hölzenbein gesagt, und der muss es wissen.

Im Hintergrund des Bildes, auf dem Rasen, steht eine lebhafte rotundschwarze Gruppe, die lacht, sich umarmt und gegenseitig auf die Schulter klopft. Ist das..., sind das...? Ja. Es sind die Jungs, die am Samstag wie-auch-immer den Sieg gegen St. Pauli ins Ziel gezittert haben, also: der Teil davon, der derzeit in Frankfurt weil, verstärkt durch den talentierten Nachwuchs (doch, wir haben noch welchen ,-). Ich erkenne Erik Wille, den Kapitän der Schui-U17-Meistermannschaft. Da ist Marco Russ. Caio blinzelt verdutzt in die Sonne. Großaufnahme Alex Meier. Er kratzt sich am Kinn.

In der Rückblende sehen wir das neue Trainerteam, das unter dem Beifall der Menge, das Trainingsgelände betritt. Jetzt ist kein Zweifel mehr möglich. Es ist wirklich wahr. Der Mann, der da lächelnd voran schreitet ist unverkennbar Christoph Daum. Er hat einen Adler auf der Brust, auch wenn darunter Gazi steht und die Farbe des Trainingsanzugs irgendwie nicht zu stimmen scheint. Der hoch aufgeschossene Mann im Partnerlook dahinter - ja, der, der aussieht als sei mit ihm nicht gut Kirschen essen – das muss dann wohl Roland Koch sein, Daums treuer Begleiter auf allen Wegen und also unser neuer Co.

Erinnere mich an den Trainingsauftakt von Michael Skibbe vor knapp 2 Jahren, vor der Wintersporthalle. Ein paar hundert Leute waren da. Mann, war das heiß damals. So ein Durst. Aber es gab nichts zu trinken (heute gibt es Bier). Von Aufbruchstimmung war die Rede. Die Last der "Ära Funkel" sei von der Eintracht abgefallen. Wenn ich mir das jetzt hier so anschaue: Wie groß muss dann die Last der "Ära Skibbe" gewesen sein? Wie groß muss unsere innere Not gewesen sein, dass Christoph Daum – „ausgerechnet“ Christoph Daum – eine solche Euphorie auslöst? „Als Eintracht-Fan würde ich mich erschießen“, war die erste Reaktion eines Freundes, der die Geschicke der Eintracht aus der Distanz und dem Blickwinkel eines Ex-Liebhabers verfolgt, „aber aus neutraler Sicht find ich’s großartig – das wird lustig.“ Mmh.

Oder ist alles ganz anders: Skibbe. Daum. Das hat gar nichts miteinander zu tun? Ist das hier ein Zeitpsrung? Kontinuität oder Wandel? Oder Bruch? Muss man sich ändern, um der zu bleiben, der man ist? Ist das der Kern unseres Eintracht-Seins, der sich da nach außen kehrt oder äußerer Schein? Anfang oder Ende? Liegt das, was hier abgeht, an Christoph Daum oder liegt das an uns? Ein kollektives Erwachen. Endlich dürfen wir wieder Eintracht sein. „Subbä,“ war der Mail-Kommentar des oben bereits erwähnten Freundes mit Blick auf die Live-Übertragung des Hessischen Rundfunks: „Subbä. Das is wie annodunnemals beim Stepi.“

Einblendung der Pressekonferenz. Aha. Daum und die Eintracht sind von Anfang an „wir“ und nicht „ich und der Verein“. Mit dem Spiel gegen Wolfsburg beginnt eine neue Saison. „Wir wollen in den letzten sieben Spielen der Spitzenreiter sein.“ Das Wort Abstieg gibt es nicht mehr. Klassenerhalt. Aaaah. Internationales Flair. Aaaahh. Das geht runter wie Öl. „Ich möchte, dass die Menschen den Namen ... dieses Verein wieder mit Stolz nennen.“ Hoppla, ich glaube, da war ihm doch kurz entfallen, wie dieser Verein heißt. Macht ja nichts. Es kommt trotzdem gut.

Wieder live auf dem Trainingsgelände. Heribert Bruchhagen im Interview. Traue meinen Augen kaum. Auf den Fotos der letzten Tage sah der Mann grau und eingefallen aus, um Jahre gealtert. Heute ist er locker, die Gesichtszüge glatt und entspannt. Jungenhaft, fast ein wenig spitzbübisch. Das muss wohl an der Sonne liegen, die über dem Waldstadion strahlt.

Nicht nur dort, auch hier bei uns, im Rheinhessischen Hinterland, ist der Himmel heute blau. Noch ein Blick auf Werner Damm und Thomas Berthold, der als einziger ein wenig griesgrämig wirkt. Was hat er nur? Die Live-Übertragung aus dem Waldstadion geht zu Ende. Mein Mit-Adler und ich haben uns erhoben. Ich führe die Trillerpfeife, die ich seit heute an meinem Eintracht-Bändchen um den Hals baumeln habe, zum Mund. Hey. Hey. Hey. Wir umarmen uns und klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, verstärkend bearbeite ich mit der Faust den Adler auf meiner Brust.

Konstatiere: Ich bin voll motiviert. Die Mission Klassenerhalt kann starten. „Hundert Mann und ein Befehl“ – na ja, da wird uns hoffentlich noch was Besseres einfallen.

Dienstag, 22. März 2011

Daum. Dialektisch.

Gestern , sehr spät abends, habe ich an einigen Stellen im Netz zum ersten Mal den Namen „Christoph Daum“ als potenziellen Skibbe-Nachfolger gelesen und als vollkommenen Quatsch abgetan. Was für ein Unfug.

„Argmpfffffffff…????...Häääääääääää?....Ich fass es nicht…kreisch…Wie jetzt?...**wasist DASdenn**…gnihihi…Äääächt?…boah…Hammer…Hiiiiiiilfe….“ So ungefähr sieht es in meinem Kopf aus, als heute morgen dann tätsächlich vermeldet wird: Christoph Daum. Neuer Eintracht-Trainer.

Es ist nicht nur mein Kopf, in dem es durcheinander wirbelt. Die Reaktionen per SMS, Mail und Handy aus allen Richtungen hören sich alle ziemlich ähnlich an. „Machstu Witze?“ „Es is doch noch gar nicht der 1. April.“ "Wer soll das bezahlen..."  „Da wird endlich mal eine klare Linie gezogen…“ „Schwarz und weiß wie Schnee…“ Hey. Halblang. Die Sache ist ernst.

Muss jetzt erstmal meinen Mit-Adler, der radio- und nachrichtenlos irgendwo auf den Straßen Rheinhessens unterwegs ist, telefonisch auf den neuesten Stand bringen. Bevor ich zu Wort komme, gleich die Frage: „Und? Wer ist neuer Trainer?"  „Nenn einfach die drei abwegigsten Namen, die dir einfallen…“ Kurze Stille. Erster Versuch: „Otto Rehagel.“ Zweiter Versuch: „Jupp Heynckes.“ Dritter Versuch: „Peter Neuru….“ Bevor wir noch bei Steppi oder Loddar Matthäus landen unterbreche ich ihn harsch und verrate den Namen. Das hat gesessen. Die Reaktion: Sekundenlanges Schweigen.

„Absteigen tun wir jetzt jedenfalls garantiert nicht“, höre ich mich sagen. Huch. Da weiß ich also schon mehr als ich.

Das Eintracht-Forum ist inzwischen unter der Last von über 5.000 Usern zusammengebrochen. Wenn ich zwischendurch mal kurz durchkomme, lese ich Wortfetzen wie „geil“, „cool“, „endlich". dpa-Meldungen. Kicker. Spiegel-Online. Ha, wir haben sogar die Magath-, Heynckes-, Rangnick-, Dutt-, Kloppo-, Tuchel-, Oenning-Schlagzeilen getoppt. Keine Frage, der Unterhaltungswert der Eintracht ist mit einem Schlag ums Tausendfache gestiegen. Und während ich innerlich noch versuche, ganz ernsthaft mit mir zu Rate zu gehen, wie ich die Situation und den neuen Trainer einschätze, merke ich, dass auch mein Stimmungspegel stark nach oben geschnellt ist. Das liegt nicht nur am Hoch „Nicole“ (hallo!), das sich stabil über dem Ärmelkanal festgesetzt hat und für überwiegend sonniges Wetter in Hessen sorgt. Endlich Schluss mit der Lethargie, die seit Wochen über der Eintracht hängt. …Und sie bewegt sich doch. Hurra, wir leben noch. Christoph Daum – warum eigentlich nicht?... Der Mensch ist eben doch ein flexibles Wesen.

Inzwischen gibt es Videos von der Pressekonferenz. Heribert Bruchhagen erläutert, wie die Entscheidung gefallen ist. Man hat alle Faktoren Pro und Contra gegeneinander abgewogen. Was spricht dafür, was spricht dagegen. Eine dialektische Aufstellung gemacht. Er sagt tatsächlich „dialektisch“ und da, in diesem Moment, wird mir klar: Hier ist nicht einfach eine Entscheidung getroffen worden. Nein, im Waldstadion hat der Geist geweht, der Geist der Frankfurter Schule. Anders ist es ja nicht zu erklären: Heribert Bruchhagen trifft wahr- und wahrhaftig in der Stunde der größten Not vollkommen rational eine vollkommen abgedrehte Entscheidung. These. Antithese. Und zwischendrin: Der Moment aufblitzender Erkenntnis: Christoph Daum. Jetzt ist klar: Nur so und nicht anders konnte der neue Trainer der Eintracht heißen.

Das erste Training mit Christoph Daum wird morgen ab 15.30 als „Heimspiel! Extra“ im hessischen Fernsehen übertragen. Live. Werner Damm und Thomas Berthold werden moderieren.

So ist er halt, der Geist der Frankfurter Schule: Er trägt manchmal ganz schön dick auf. Jetzt müssen wir also fest  die  – Achtung, Wortspiel! - Daumen drücken, dass nicht nur der Geist, sondern (noch eins!)  auch ein frischer Wind durch und übers Waldstadion fegt.

Wir werden ihn brauchen.

Sonntag, 20. März 2011

Man muss. Man muss.

Gab es tatsächlich jemanden, der gestern zum Spiel der Eintracht gegen St. Pauli  ins Stadion gegangen ist und ein gutes Fußballspiel, spielerische Ansätze, eine Leistungssteigerung erwartet hat? Also: Ich nicht. Dieses Thema ist für diese Saison abgehakt. Ich erwarte nichts, ich erhoffe nichs. Alles, was ich heute will, sind drei Punkte. Nicht mehr, nicht weniger.

Und obwohl ich glaube, innerlich gegen alles gewappnet zu sein, obwohl ich zu wissen glaube, was mich erwartet, geht es mir im Stadion dann, wie es jedem gehen muss, dem die Eintracht am, ach was: im, Herzen liegt: Ich bin bis ins Mark erschüttert. Was soll das sein, was wir da sehen. Fußball? Die Eintracht? 11 vollkommen überforderte, mit sich selbst alleingelassene Spieler stehen da auf dem Platz. Absolut hilflos. Zurückgeworfen auf das fußballerische Niveau einer schlechten Zweitligamannschaft, womit man – bei Licht besehen - der Zweitligamannschaft unrecht tut. Es ist kaum auszuhalten, es tut körperlich weh.

„Was haben Sie mit meiner schönen Oberprima gemacht?“ fragt im Film "Die Feuerzangenbowle" der Direktor Knauer den als Professor Schnauz verkleideten Schüler Pfeiffer, der die Klasse vermeintlich mit einem Alkoholdestillat  bis kurz vors Delirium abgefüllt hat. „Was haben Sie aus der Eintracht gemacht?“ Würde ich gerne Michael Skibbe fragen. Aber vielleicht ist der ja auch nur verkleidet. Als was? Genau: Haha. Als Trainer.

Fassungslos verfolgen wir, was sich auf dem Platz abspielt. "Eintracht. Eintracht." Der Anfeuerungsruf wird fast zum Klagegesang. "Eintracht. Eintracht." In mir kämpfen Enttäuschung, Wut und Mitleid miteinander. Das Mitleid gewinnt. Sie versuchen es, sie können es im Moment nicht besser. Wenn Sie schon keinen Trainer haben, ich werde sie nicht  auch noch im Stich lassen. Alex Meier kämpft und ringt um jeden Ball, ist erkennbar nicht bereit, vor sich selbst zu kapitulieren. Ama, der heute die großen Gesten sein lässt und zwar wenig konstruktiv, aber unermüdlich unterwegs ist. Ricardo Clark, bei dem wir jetzt immer mehr ahnen, - haha -, warum er in den Planungen des Trainers so lange keine Rolle spielte: Er ist mutig und kann Fußball spielen. Marco Russ, dem man die Angst aus 100 Metern Entfernung ansieht und der trotzdem irgendwie versucht, sie und sich in den Griff zu bekommen. Versucht, Sicherheit zu gewinnen, in dem er immer wieder zu Fährmann zurückspielt. Sich - leider vergeblich – müht, für den nicht vorhandenen Schwegler den Spielaufbau zu übernehmen. „Wir mussten nur den langen Ball verteidigen“, wird Pauli-Trainer Stanislawski nach dem Spiel zitiert. Stimmt. Und der kam meistens von Russ.

Elfmeter erlebe ich im Stadion eigentlich fast immer mit dem Rücken zur Wand, tschuldigung: mit dem Rücken zum Spiel. Auch diesen, in der 35. Spielminute im Spiel gegen St. Pauli. Und doch ist es heute anders. Ich kauere in der Hocke. Nach vorne gebeugt. Will nicht in die Gesichter der um mich Stehenden sehen, will allein sein. Stille. Dann bricht, merkwürdig verhalten, der Jubel los. Fast wie in Zeitlupe drehe ich mich um. Mein junger Mit-Adler und ich sehen uns in die Augen. Ein Moment von Nähe und Vertrautheit inmitten des Getümmels. Wir umarmen uns, fest, ganz fest. Spüre das Zittern. Aus den Augenwinkeln sehe ich den kleinen Paul in der Reihe vor uns, der mit Eintracht-Kapp und – Schal ganz allein da steht und in den Himmel lacht. Merke wie sich meine Augen mit Tränen füllen, mir eine nasse Spur die Wange herunter rinnt. Für einen Moment denke ich, dass ich umkippe. Bloß keine Schwachheiten. Wir lassen uns los. Lachen. Hey. Tor. Wir führen. Tatsächlich wir führen.

Als Clark ausgewechselt wird, kann ich nicht anders – ich trete gegen die Lehne des Sitzes in der Reihe vor mir. Verdammt verdammt. Wenn er, dessen Namen ich nicht mehr gerne nenne, jetzt und hier wechselt, dann muss er Schwegler rausnehmen, aber stopp – das ging ja nicht, weil der ja sowieso nicht mitgespielt hat.

Nach dem 2:1 bin ich gleichzeitig wie paralysiert und fast schon hysterisch – geht das? Doch, geht. Kann es nicht glauben, dass das Tor tatsächlich gefallen ist. Wie konnte das passieren? Also doch wieder Gekas. Kein lauter Jubel, sondern einfach nur die Arme in die Luft gereckt, stehe ich da. Und fürchte mich vor den verbleibenden Minuten. „Lass uns das Ding nach Hause würgen und über alles andere denken wir nicht weiter nach“, sagt mein Mit-Adler, der heute in einem anderen Block saß und jetzt aus der Tiefe des Raumes aufgetaucht ist, um die letzten Minuten mit uns gemeinsam zu bangen.

Bitte. Irgendwie. Egal. Aber nicht wieder den Ausgleich. Mir ist schlecht. Flau. Springe auf, schreie. Sitze dann einfach da. Zusammengekrümmt, buchstäblich händeringend.

Nach dem Abpfiff. Erschöpft als hätte ich selbst auf dem Platz gestanden. Wackelig, aber fast emotionslos, ruhig. Keine Erleichterung, nur ein Durchatmen. Wir haben die 3 Punkte. Wir haben die 3 Punkte. Wir haben die 3 Punkte.

Auf dem Rückweg, noch im Stadion, hinter der Haupttribüne, überholt uns ein gut angetrunkener Pauli-Fan. Er schwankt, der dünne Zopf auf seinem Rücken wippt, sein Bierbecher schwappt.  "Wo geht's denn hier zus S-Bahn?"  Immer weiter hier entlang, alles richtig. "Okeee..."  Er muss nämlich nach Düsseldorf. Aha. Warum? Fliegt heute Abend noch nach Glasgow. "Ihr wisst doch: Celtic. Morgen. Gegen die Rangers." Und gestern war er in München. Die 60er gegen den KSC. Er nestelt am Reißverschluss seines Pauli-Sweatshirts und zeigt, was er darunter trägt: Ein 1860-München-T-Shirt. Die 60er, die gehen ihm nämlich über alles. Dann Pauli. Und Celtic. Wir sind beeindruckt. Ganz schön heftig, was er da an einem Wochenende runterreißt... München, Frankfurt, Glasgow...  Er zieht den Reißverschluss seines Sweaters wieder nach oben. Der Bierbecher schwappt. Ja, schon. Sicher. Heftig. Aber: "Was will man machen. Man muss, man muss..."

Wo er recht hat, hat er recht. Man muss. Und wir werden!

Freitag, 18. März 2011

Was bedeutet das für den Fischesser in Deutschland?

Seit Tagen quält die Menschheit eine Frage und jetzt, endlich, rund eine Woche nach Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe in Japan hat sich jemand erbarmt, und sich des drängenden Problems angenommen. Tod. Elend. Hunger. Obdachlosigkeit. Das ist ja alles furchtbar und nicht besonders schön. Aber jetzt kommen wir zu den Fragen, die uns wirklich aktuell unter den Nägeln brennen: Müssen Kinder in Deutschland künftig gesundheitliche Schäden fürchten, wenn sie IGLU- Fischstäbchen in sich hineinstopfen? Was soll aus uns werden, wenn wir hier in Deutschland künftig nicht einmal mehr bedenkenlos Sushi verzehren können? Was, wenn wir uns vor strahlendem Seelachs ängstigen müssen? An mehreren Standorten in Deutschland sind bereits Krisenstäbe eingerichtet worden. Mahnwachen haben Stellung bezogen. Für heute Abend sind Lichterketten in Sushi-Restaurants in mehreren Großstädten Deutschlands geplant. Noch wiegelt das industrienahe Fisch-Informationszentrum ab. Noch.

Sehr viel konkreter scheint mir die Gefahr einer weiteren Niederlage der Frankfurter Eintracht im morgigen Heimspiel gegen den FC St. Pauli. Schon klar, das wird dem Fischesser in Deutschland keine Furchen auf die Stirn treiben. Mir schon. Zumal wenn ich bereits vorab lese, dass wem auch immer vor dem Spiel die Beine zittern, die Lage aussichtlos und der vierte Abstieg bereits besiegelt ist, die Frankfurter Eintracht hilflos dem Abgrund entgegen taumelt, fußballerisch alles in Trümmern liegt, sich ein Berg von Versagensängsten aufgetürmt hat und weder ein Rettungsschirm, noch ein Leitwolf in Sicht ist. Wirklich nicht? Also – nachdem ich bereits die Kuh vom Eis geholt habe, will ich gerne noch einmal aushelfen:





Absteigen? Keine Chance. Nicht mit mir. Morgen wird gewonnen. Egal wie! Keine Ahnung, was der Seelachs morgen Abend macht, aber was ich mache, weiß ich: Strahlen!

Sieg – und sonst gar nichts!

Donnerstag, 17. März 2011

Offener Brief EFC Schwarze Bembel

Folgender Text des EFC Schwarze Bembel wird heute zeitgleich in vielen Eintracht-Blogs und im Eintracht-Forum veröffentlicht.

***
Sehr geehrter Herr Bruchhagen,
sehr geehrter Herr Skibbe,
liebe Spieler von Eintracht Frankfurt.

Als am Samstag Ralf den Ball im Strafraum fallen und sich von Raul überrumpeln ließ, lag blankes Entsetzen in der Luft. Als Tzavellas die Kugel aus 73 Metern in Tor schob, da war er da, der ersehnte Moment; dann folgten die Minuten, die Hoffnung machten - und mit Charisteas Treffer lachte uns die Geschichte aus; was blieb war trauriger Sarkasmus.

Als die Kommentare der Akteure nach dem Spiel uns allen Ernstes erklären wollten, wir hätten ein ordentliches Spiel gesehen, rieben wir uns die Augen. Die wollen uns verarschen, lautete die häufigste Reaktion. Hätte Fährmann nicht ein ums andere Mal waghalsig vor anstürmenden Schalkern gerettet, wir hätten gut und gerne mit 0:4 Toren verlieren können; kurz: Eintracht Frankfurt ist am Tiefpunkt angekommen.

Und wir tun so, als sei nichts geschehen. Nichts verändert sich und wenn, dann Kleinigkeiten und wenn, dann widerwillig. Obgleich noch acht Spiele zu absolvieren sind, glaubt derzeit kaum noch jemand ernsthaft an den Klassenerhalt - trotz der Tatsache, dass Eintracht Frankfurt bislang noch nicht einmal auf einem Abstiegsplatz stand. Gefühlt befinden wir uns in einem freien Fall und wir starren auf uns, wie das Kaninchen auf die Schlange.

Das muss ein Ende haben. Wir befinden uns tatsächlich seit geraumer Zeit in einer Art Schockstarre, die sich phasenweise in bitterbösem Sarkasmus löst. Dies mag für einen Moment notwendig sein, hilft auf Dauer aber nur dem Gegner. Altgediente Fans gehen nicht mehr ins Stadion, der Glaube an uns hat uns verlassen. Wie gelähmt präsentiert sich Eintracht Frankfurt und taumelt scheinbar rat- und tatlos dem Abstieg entgegen.

In neun Rückrundenspielen gelang ein einziges Tor und kein einziger Sieg, in den vergangenen 15 Partien nur zwei. Seit dem elften Spieltag hat die Eintracht ein Torverhältnis von 5:25, in elf Spielen gelang gar kein Treffer. Dazu das Pokalaus in Aachen. Dies sind die nackten Zahlen; Zahlen die üblicherweise einen Absteiger repräsentieren.

Der Trainer wirkt ratlos - und weiß um diese Erscheinungsweise, der Vorstand vermittelt derzeit nicht, dass es einen unbändigen Willen gibt, die jetzige Situation zu verändern und die Mannschaft scheint ein Trümmerhaufen - mit dem ärmsten Torhüter der Liga. Ralf Fährmann wird sich am meisten über seinen Bock gegen Schalke ärgern und er wird seinen Fehler wieder gutmachen, da muss ihm aber die Mannschaft helfen.

Es gibt genug Spieler, die lange im Verein sind, die auch nach außen hin Verantwortung übernehmen und sich kämpferisch der Situation stellen müssen, wie es augenscheinlich nur Ioannis Amanatidis macht, der sich dem Ernst der Lage bewusst scheint. Doch auch hier gilt: Worte schießen keine Tore.

Im Moment geht es nicht mehr um Einzelne, es geht nicht darum, wer spielt oder wie viel verdient. Es geht um das Schicksal der Frankfurter Eintracht, gegründet 1899. Wir laufen derzeit nicht nur Gefahr abzusteigen; wir laufen auch Gefahr, zum ersten Mal seit 1962 gegen den FSV Frankfurt um Punkte zu spielen und seit 1984 gegen die Kickers - während Mainz wohl mindestens im Uefa-Cup spielen wird.

Es geht im Moment nicht mehr darum, wer Schuld hat; der Vorstand, der Trainer, die Presse, das Umfeld und es geht auch nicht mehr darum, wer Recht hat. Es geht überhaupt nicht mehr um Einzelne, nur insofern, als dass jeder, dem die Eintracht am Herzen liegt, ab nun alles dafür tun muss, dass wir in der Liga bleiben. Selbst wenn wir gegen St. Pauli verlieren, ist die Eintracht nicht abgestiegen. Schluss ist am 34. Spieltag gegen 17:20, dann wird abgerechnet. Solange bis dahin noch eine Chance besteht, müssen wir diese nutzen.

Oka Nikolov war dabei, als die Eintracht durch Fjörtofts Treffer 1999 gegen den 1. FCK in der Liga blieb, eine Eintracht, die wenige Wochen zuvor unter dem Trainer Fanz genauso mausetot da lag, wie nun. Oka Nikolov war dabei, als Alex Schur in der Nachspielzeit die Eintracht gegen Reutlingen in die erste Liga schoss - obgleich nach dem zwischenzeitlichen 3:3 alles vorbei schien.

Oka, erzähl den Jungs, wie das gewesen ist. Ladet Alex oder Jan-Aage ein, trefft euch im Museum, schaut euch die Szenen an, die Freude danach, seid hungrig, das auch erleben zu wollen. Wolfsburg, Schalke, Hamburg präsentieren sich desaströs, Gladbach und auch St. Pauli liegen noch hinter uns - lasst diese Mannschaften ihr Ding machen und konzentriert euch nur auf die Eintracht.

Marco Russ, nicht für sich selbst spielen, sondern für die Eintracht, für die Hunderttausende, die keinen Verein wechseln können bei einem Abstieg.

Halil, du bist doch ein feiner Fußballer, zeig es und glaub an deine Fähigkeiten.

Alex Meier; Mensch du bist ein Kerl, zeig dich. Nicht großmäulig, sondern mit breiter Brust, reißt euch gegenseitig mit, lauft für den anderen und für uns, die wir uns aus dieser Schockstarre lösen müssen.

Trainer, jeder andere wäre an deiner Stelle geflogen, gib uns das vom Chef gegebene Vertrauen zurück, zeige Flexibilität, rauft euch zusammen - für die Wochen, die noch bleiben.

Pirmin, du führst die Eintracht als Kapitän aufs Feld. Als Nachfolger von Alfred Pfaff oder Jürgen Grabowski, Ralf Weber oder Alex Schur. In der Winterpause wolltest du deinen Vertrag nicht vorzeitig verlängern - mangels Perspektive. Wie kannst du als Kapitän auflaufen und auf dem Platz mit dieser Leistung voran gehen? Gib die Binde ab - oder zeige dich ihrer würdig. Der Kapitän der Eintracht zeigt auf dem Platz, wo es lang geht. Dass du es kannst, hast du bewiesen. Erinnere dich daran.

Wir stehen vor einem fußballerischen Desaster historischen Ausmaßes. Und ihr seid die Protagonisten. Alles, was ihr mit der Eintracht erreicht habt, zählt im Falle des Abstieges nicht mehr.

Das gilt auch für den Chef, Heribert Bruchhagen, der sich stets einer großen Gefolgschaft sicher sein konnte, auch wenn es nicht immer so wirkte. Die jetzige zögerliche und wenig Hoffnung versprühende Haltung lässt viele sich abwenden, die den Chef bis vor kurzem noch massiv verteidigten. Dies zu merken, ist unserem Vorstandvorsitzenden durchaus zuzutrauen, der Kampf kann aber nicht lauten: einige wenige gegen den Rest. Auch andere haben Ahnung vom Fußballgeschehen, sind lange genug dabei und wissen insbesondere, was es für Eintracht Frankfurt für eine Zeit ist.

Es ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, Überheblichkeit und Trotz. Es ist die Zeit der Selbstreflexion mit dem einzigen Ziel: Drinbleiben. Eintracht Frankfurt gegen den Rest der Liga.

Dies gilt natürlich auch für das Trainerteam und vor allem für langjährige Spieler. Ihr habt uns das Elend eingebrockt, also seid Männer und holt uns da raus. Im Falle des Abstieges seid ihr diejenigen, die die Eintracht in den Abgrund geritten haben. Das wird in der Geschichte für immer bestehen bleiben. Kämpft und rennt für euren Ruf, für eure Zukunft, motiviert euch gegenseitig und zeigt, dass ihr eine Mannschaft seid, auf die wir trotz der bislang katastrophalen Rückrunde stolz sein können.

Eintracht.

EFC Schwarze Bembel im März 2011

Dienstag, 15. März 2011

Die Kuh vom Eis

Diesen Satz nehme ich persönlich. Ca. 487 Kühe – schwarz und weiß, wie sich das für eine ordentliche Kuh gehört – bevölkern mein Zuhause; genug Kuhalität ist also auf jeden Fall vorhanden. Ein prominenter Vertreter der Herde – die Orakel-Kuh – ist den Leserinnen und Lesern dieses Blogs bereits bekannt. Obwohl ich heute bereits 15 Minuten in die Sonne geblinzelt habe und mich in den letzten Tagen nicht selten heftiges Unwohlsein, mitunter auch Fieber übermannt hat und es in meiner Bauchgegend ziemlich ekelhaft zwickt, bin ich keineswegs schlapp oder unpässlich. Mein Sprunggelenk ist in Ordnung, mein rohtundschwartzes Knie schmerzt nicht und auf dem Fahrrad kann ich alles, weswegen ich auch noch lange nicht bereit bin, mich in diesem wohligen ist-doch-sowieso-aussichtslos-Gefühl zu suhlen.

Gegen Pauli wollen wir jetzt also die Kuh vom Eis holen? Wenn das der Wahrheitsfindung und den drei Punkten dient, will ich das gerne vorab schon einmal vormachen. Voilà - I did it:

video

Und jetzt ihr! Eintracht!

Sonntag, 13. März 2011

Wieder mit dem gleichen Fleiße...

Samstagvormittag, vor dem Spiel der Eintracht auf Schalke
Eigentlich sollte ich aufgeregt sein, bin ich aber nicht. Im Gegenteil: ich bin auf merkwürdige Art ruhig. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich bin gefasst. Und zwar auf alles. Liegt diese ungewöhnliche Stimmungslage etwa daran, dass am anderen Ende der Welt selbige gerade untergeht? Oder dass hier, bei uns, heute die Vorstellung vom Weltuntergang sehr fern und stattdessen die Sonne scheint und die Welt nach Frühling riecht?

Weder noch. Ich habe in den letzten Tagen so viel im Kreis gedacht und diskutiert, so viel Kluges und Dummes, so viel Wut und Weh beim Gedanken an die Eintracht hin und her gewendet, dass ich ruhiggestellt bin. I made up my mind. Ich warte nicht auf ein Fußballspiel, ich warte auf ein Urteil. Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass bereits vor dem Spiel gegen Schalke hätte gehandelt werden müssen. Dies ist nicht geschehen. So ist es nun mal und jetzt wird halt nach diesem Spiel der Cut erfolgen, unvermeidlich,  und wir können leider erst nächste Woche wieder  anfangen, nach vorne denken. Vielleicht schaffen wir es sogar einen Punkt – (drei?) – aus Schalke mitzubringen. Jeder Punkt gegen den Abstieg ist ein wichtiger Punkt. Aber der Cut wird folgen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. „Die“ sind ja auch nicht blind. „Die“ wollen die Eintracht ja auch nicht sehenden Auges in den Abgrund schlittern lassen.

Sky-Interview mit Felix Magath vor dem Spiel: „Können Sie sich vorstellen, dass Sie nächste Woche nicht mehr Trainer auf Schalke sind?“
Magath: „Nein, kann ich nicht.“

Samstagnachmittag, direkt nach dem Abpfiff
Es ist vollbracht. Wir haben auch das noch durchgestanden. Das letzte Spiel unter Michael Skibbe. Wir haben verloren. Kurios verloren. Anders als gedacht (Merke: Fußball ist immer anders als gedacht). Der Fährmann. Der Tzavellas. Der Charisteas. Nicht zu fassen.

„Also, so wie das gelaufen ist, hätten wir den einen Punkt eigentlich auch mitnehmen müssen...“ Sage ich. „Eigentlich hätten wir vor dem Ausgleich schon drei null hinten liegen müssen...“ Sagt mein Mit-Adler. Und wir haben beide recht und sind froh, dass wir dieses Spiel hinter uns haben und dass es jetzt, endlich, ernst wird mit dem Kampf gegen den Abstieg. Verdammte Axt, nur noch zwei Punkte bis zum Relegationsplatz. Aber jetzt. Rumms. Ruck. Wir werden das schaffen. Wir alle. Gegen Pauli. Eintracht. Eintracht.

Samstagabend, zwei Stunden nach dem Abpfiff
Vorbei ist es mit der Fassung. Vorbei mit dem kämpferischen Ausblick. Habe Interviews und Statements gehört. Im Netz nachgelesen. Schwarz auf Weiß. Weiß jetzt, was sich bei der Eintracht ändern wird: Nichts. Bin konsterniert. Müd. Weh. Fühle mich hilflos und verfasse folgenden Eintrag für meinen Blog:

Kehraus!

Da Eintracht Frankfurt de facto aufgehört hat, sich ernsthaft am Spielbetrieb in der Bundesliga zu beteiligen und offensichtlich nicht vorhat, den Abstieg in die zweite Bundesliga aktiv zu verhindern bzw. sich überhaupt am Abstiegskampf zu beteiligen, beantrage ich hiermit, dass die Verantwortlichen der Eintracht uns den Rest der Saison ersparen mögen. Ich schlage vor, dass Eintracht Frankfurt in einem offiziellen Schreiben an die DFL erklärt, dass der Verein sich entschlossen hat, freiwillig in die zweite Liga zu gehen und zu den restlichen Spielen der laufenden Saison nicht mehr antritt. Hierbei handelt es sich um eine reine Formsache, da – wie gesagt – de facto ohnehin bereits kein ernsthafter Widerstand mehr geleistet wird. Durch die offizielle Einwilligung in den Abstieg können unnötige Kosten, hohes Verkehrsaufkommen und öffentliche Gefühlsaufwallungen aller Art (Wut, Trauer, Melancholie, Depression) vermieden werden. Außerdem könnte der Verein den Eintrachtlern unter uns, also denen, die den Adler im Herzen tragen, denen, die immer da sind, weil sie gar nicht anders können - zumindest eine kleine Gunst erweisen. Uns bliebe erspart, dass wir in einem nicht existenten Abstiegskampf zur „Fankulisse“ von „Eintracht Frankfurt“ funktionalisiert werden.

Hochachtungsvoll!

Ich sehe davon ab, den Eintrag zu veröffenlichten. Und trinke stattdessen lieber ein Bier. Zwei. Drei.

Sonntagvormittag
Bin wütend. Traurig. Resigniert. Habe einen Kloß im Hals. Klar. Selbstverständlich werde ich gegen St. Pauli im Waldstadion sein. Selbstverständlich werde ich, werden wir uns die Seele aus dem Hals brüllen, um zu retten, was zu retten ist. Selbstverständlich werden wir gegen St. Pauli gewinnen. Und irgendwie, irgendwie werden wir es schaffen, das Schlimmste zu verhindern. Wir werden nicht absteigen. Ich, wir werden auch diesen Weg mit der Eintracht gehen, sehenden Auges, aber wie auch immer es ausgeht – das, was jetzt gerade passiert bzw. nicht passiert, das ist falsch. “You are wrong, Mr. Bruchhagen!”

Wir werden die Herde trotzdem nach Missouri bringen. Klar. Selbstverständlich. Was sonst?

Und jetzt alle: Eintracht! Eintracht! Eintracht!

Freitag, 11. März 2011

Verdammt noch mal!

Jetzt ist es also soweit. 26. Spieltag. Morgen verliert die Eintracht also auf Schalke. Vielleicht holt sie auch einen Punkt. Oder – wenn es der Zufall will – gewinnt sie auch. Eh egal. Weil wir wissen ja jetzt schon: Aussichtslos. Es vollzieht sich jetzt halt. One Way. Nicht mehr aufzuhalten. Und ändern tut sich sowieso nichts.

Ist das eigentlich noch normal? Ist es nicht. Nicht einmal ansatzweise - es ist grotesk. Egal, was und wie man auch immer hat kommen sehen, schon immer gewusst oder geahnt hat – z.B. dass Michael Skibbe wahlweise ein Trainerdarsteller, eine Luftpumpe, ein Schaumschläger und Heribert Bruchhagen ein Zauderer , Betonierer oder Oberlehrer ist, dass wir uns spielerisch vor, zurück oder gar nicht entwickelt haben, unser System durchschaubar oder nicht vorhanden, die Aufstellung nicht nachvollziehbar und ein Umbruch unvermeidbar ist, dass die Eintracht die Zeichen der Zeit nicht versteht, die Talente alle vertrieben worden sind, die Auswechslungen zu spät kommen, einzelne Spieler sich selbst überschätzen, sowieso nur Söldner oder mit zu wenig zufrieden sind, nur die eigene Karriere im Kopf oder einfach nicht die notwendige Qualität haben, der Kader sowieso schlecht zusammengestellt, der Kaiser nackt und die Mannschaft längst kein Team mehr ist – scheiß egal, sei’s drum: Das, was jetzt hier bei uns, bei der Eintracht,  gerade passiert, das  ist Out of everything. Unglaublich. Selbst wenn alles, was im Moment diskutiert wird, zutrifft, so schlecht kann - jaja, Tasmania, ich weiß - keine Bundesligamannschaft der Welt sein, dass sie aus 17 Spielen nicht noch zehn Punkte holt. Schlimmer noch – dass ihr keiner zutraut, dass sie sie holt. Nicht mal sie sich selbst. O Jammer, o Elend. Haaaaallo. Wir sind Eintracht Frankfurt.

Nur noch mal zur Vergegenwärtigung: Wir reden nicht von einer Mannschaft, die sowieso und immer ein potenzieller Abstiegskandidat war und ist. Nein. Alle Welt hat der Eintracht – zum Teil euphorisch, zum Teil ein wenig skeptisch - vor dieser Saison bescheinigt, im Prinzip auf gutem Weg zu sein. Die Vorrunde schien das zu bestätigten. Pflicht mehr als erfüllt, mal sehen, ob wir in der Rückrunde nicht noch ein bisschen mehr bewegen können. Beispielhaft. Ein Traditionsverein, der es geschafft hat, sich solide und Stück für Stück wieder zu konsolidieren. Der sich nicht von seinem Weg abbringen lässt. Sich kontinuierlich weiterentwickelt. Perspektivenreich. Ein solider Stamm mit einigen herausragenden Einzelkönnern. Auf dem Weg, den Anschluss nach vorne zu finden. Ledig auch des entferntesten Gedankens an die Abstiegszone. Im Gegenteil. Vielleicht schon in dieser Saison die Etablierung im vorderen Tabellendrittel. Der Erste des Mittelfelds. Auf dem Sprungnach vorne.

Was war das? Potemkinsche Eintracht? Alles falsch? Alles Lüge!


Wir steigen ab und keiner merkt‘s? Genau umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir schreien sozusagen danach, absteigen zu dürfen. Wir arbeiten seit vier, fünf Wochen systematisch darauf hin, uns in eine aussichtslose Situation zu manövrieren. Oder haben wir darauf gewartet? Wir glauben es jetzt schon sogar selbst. Ist das, was jetzt abgeht, tatsächlich der Unfähigkeit einzelner handelnder Personen geschuldet? So unfähig können nicht mal die sein, von denen hier die Rede ist. Das ist auch kein psychologisches Phänomen mehr. Kopfsache. Quatsch. Ein kollektives Desaster. „Der Abstiegskampf wird dauern bis zum letzten Spieltag.“ Hallo. Wer ist hier eigentlich die Parodie von was? Original und Fälschung. Das ist ja wie Spitting Image.  (Prinz Philipp huldvoll winkend in der Kutsche neben der Queen: „Hey kuck mal – einige von den Idioten winken tatsächlich zurück.“) Oder sind wir im Kasperle-Theater? Vielleicht fällt gleich der Vorhang und wir sehen ein neues Stück. Oder hat jemand den Brabbel-Chip vertauscht? Bock umschmeißen? Wohl eher: Bock geschossen, und dass, wo wir doch eigentlich keinen Bock, sondern viel dringender ein Tor brauchen. War die Abstiegs-Flatrate grade im Angebot? Supäää. Mittendrin statt nur dabei. Abstiegsgarantie inklusive.

Hergottsakramentnochmal – warum haut keiner auf den Tisch. Irgendeiner. Soll ich? Frau kann! (Sagt Gunilla, die Frau von Großvater, und die muss es wissen).

…tschuldigung. Ich brabbele. Ich leide. Ich will das nicht. Verdammt noch mal: Jetzt reißt euch zusammen. Jeder an seinen Platz. Tut, was zu tun ist. Alle. Jetzt.  Huuuuuuuuu.....

Weg damit!

Sonntag, 6. März 2011

Rumms die Geige

Der Tag danach. Ein trüber Tag, grauer Himmel, fahle Sonne. Sitze hier vor meinem PC - an den Füßen meine wamen rotundschwarzen Socken, die die Mit-Adler-Mama für mich gestrickt hat, um den Hals (ich habe nicht nur Weh ums Herz, sondern auch Halsschmerzen) meinen Eintracht-Schal . Und ich frage mich, wo ich anfange, mit meinen Impressionen vom Spiel der Eintracht gegen den FCK. Am besten da, wo es am meisten wehtut: Beim Spiel.

Ein Desaster. Vom Anpfiff an. Den Hintergrund bilden,  fast grotesk, die Reste der aufwändigen Choreo. Rotundschwarzundweiss, die Formation, die im Laufe des Spiels immer weiter zerbröselt. Rote Tupfen im Weiß, im Schwarz. Ein Meer von Luftballons an der langen, langen Bande der Gegengeraden.  Schwarzundweiß wie Schnee. Und auf dem Platz: Ein fußballerischer Offenbarungseid. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Ein offensichtlich mit der Situation überforderter Trainer. Ohne Plan. Ohne Linie. Kein Fußball, nirgends. Eine alleingelassene Mannschaft, die nicht die Kraft (das Können? den Willen?) hat, sich selbst zu organisieren. Keiner weiß auch nur ansatzweise wie er das, was er kann (oder mal konnte) im Sinne der Mannschaft nutzen oder einbringen kann. 11, 12, 13, 14 einzelne Fußballer. Im Strudel. Hilfe. Wir sinken.

Nachts, irgendwann, die Aufzeichnung des Sportstudios. Das Spiel der Eintracht. Und da löst sie sich doch noch - wie im slowburn - die Schockstarre. Die 90. Minute. Lakic allein vor unserem Tor. Wie konnte er? wie konnte er? Also: Wie KONNTE er diesen Ball nicht reinmachen?  „Wollen wir mal hoffen, dass die Lauterer das Tor nicht per Fernsehbeweis nachträglich noch zugesprochen bekommen.“ Sagt mein Mit-Adler. Finde das nur bedingt komisch. Ama in den Katakomben, vollkommen außer sich, fassungslos, wild, aufgelöst brabbelnd. Ich schlage die Hände vors Gesicht. Bilder und Wortfetzen in meinem Kopf.

Die Heimfahrt durch das abendliche, fastnachtliche Mainz. Fast menschenleer, hier und da eine maskierte Gruppe. Ein einzelner Narr. "Als was gehen Sie dieses Jahr? Als Idiot?" "Nein, ich bin immer so." Bumbaaf. Bumbaaf. Luftschlangen im Schweinwerferkegel. Leuchtreklamen. Der Federpüschel eines einzelnen Gardeoffiziers, der aus dem Dunkel auftaucht und über einem Auto zu schweben scheint. Stoppschild, angestrahlt. Eine Frau im bauschigen Tüllkleid huscht über den Zebrastreifen. Vor einem hellerleuchteten Schaufenster ein Trupp Youngster mit Hörnern auf dem Kopf. Logisch.

Norman, der designierte Schlagerfuzzy bei DSDS, bringt - nach „dem Abkacker“ letzte Woche  - heute „eine gute Leistung“. Felix Magath hat eine Augenentzündung (Warum? Er hat unser Spiel doch gar nicht gesehen?) und sieht mit seiner spacigen, dunklen Schutzbrille aus wie ein Kobold. Bundesweit gab es heute mehrere Pro und einige Contra-Guttenberg-Demonstrationen. Eine befremdliche Vorstellung.  Oder auch nicht.  Leuchtend rote Bengalos im FCK-Block. Die Frau im Block schräg hinter uns, die ein herüber geschleudertes Bratwurstbrötchen wie einen Volleyball abklatscht und in den Graben lenkt. Fliegende Bierbecher. Der klebrige Sabbsch unter meinem Sitz. Meine Schuhe. Im Sabbsch. Daneben eine Rolle Drops. Im Sabbsch. Runtergefallen. Gelutscht.

Noch einmal Felix Magath. „Die Schiedsrichter kennen ihre Verantwortung nicht.“ Sagt er zu einem ihn befragenden Reporter. „Was meinen sie damit?“ fragt der Reporter. Magath: „Dass die Schiedsrichter ihre Verantwortung nicht kennen.“

Also: Ich gehe fest davon aus, dass diese Aussage auf diejenigen, die Verantwortung bei Eintracht Frankfurt tragen, nicht zutrifft.

Epilog.
Vor hundert Jahren, gestern, kurz vor drei. Im Menschenpulk-Stau am Haupteingang des Waldstadions.  Wir stehen und warten. Gedränge. Rufe. Unruhe. Anspannung. Kribbeln. Neben uns beginnt ein Trupp Eintrachtler sich zur Verkürzung der Wartezeit, Witze zu erzählen. Einzelne Wortfetzen in meinem Ohr. „Kennste den...?" „Erzähl..“ „Also, da stehen zwei Zahnstocher auf der Wiese. Sagt der eine zum anderen...“

Der Anfang klingt gut. Aber leider: Den Rest hab ich nicht mitbekommen. Deswegen hier und jetzt mein dringender Apell: Kennt jemand den Witz und kann ihn zu Ende erzählen? Ich hätt heute gern zumindest noch ein bisschen was zu lachen.

Samstag, 5. März 2011

Wir. Alle. Lauter, Lauter: Eintracht!

Seit Tagen strahlt die Sonne vom Himmel. Es ist kalt, aber der Himmel ist blau, die Vögel zwitschern. Ein Hauch von Frühling. Mit jedem Tag in dieser Woche ist die  Zuversicht für das Spiel der Eintracht am Samstag gegen den FCK gestiegen. Fast ist es als ob wir es schon gewonnen hätten. Ach, was gewinnen. Vom Platz werden wir sie fegen. 5:1, ein gar nicht mal so selten gehörter Tipp. Und wenn am Ende doch nicht? Haha. Immer lustig.

Schnitt. Locker war gestern. Heute ist: Lautern. Es gilt. Die Sonne scheint immer noch, fast ein wenig grell. Zuversichtlich? Ja. Aber locker und gefasst? Nein. Das Herz klopft wild, Adrenalin jagt durch die Adern, Bilder jagen durch den Kopf. Wir. Im Abstiegskampf. Hier und Jetzt. Kein Zweifel. Wahr- und wahrhaftig. Hilfe.

„Das wird ein wichtiges und schweres Spiel für die Eintracht. Und da schließe ich mich ein.“ Hat Michael Skibbe am Donnerstag in der Pressekonferenz gesagt und ich habe lange darüber nachgedacht, was der Nachsatz bedeutet und bin zu folgendem Ergebnis gekommen:

1. Michael Skibbe ist mit sich selbst einer Meinung.
2. Nicht nur für die Eintracht, auch für Michael Skibbe wird das heute ein schweres Spiel.

Yep. Vier. Alle. Und für uns alle. Da schließe ich mich ein.

Stefan Kuntz findet: „Wer dieses Spiel gewinnt, der wird die Kurve kriegen.“  Einer der Mainzer Obernarren hat gestern in der TV-Kappesitzung verkündet, dass noch ein bisschen was fehlt, damit es für Mainz 05 eine richtig gute Saison gewesen sein wird: Wenn die Eintracht im Mai absteigt.

Und wir, wir gehen jetzt einfach ins Stadion und treiben diesem Spuk ein Ende.

Sieg. Und sonst gar nix!