Freitag, 4. Dezember 2009

Vor dem Spiel der Eintracht gegen M1: Auftakt mit Henni Nachtsheim

"Ich sitz am Meer,
Schau in die Wellen.

Und sehne mich nach Frikadellen."

Nein – dieses Gedicht stammt nicht von mir, sondern von Hennes, dem Metzgerssohn. Der hat dereinst mit Henni Nachtsheim in der B-Jugend gekickt und sozusagen als Gegenschlag zum Pseudopolit-Gequake der „intellektuelleren“ Mannschaftskameraden („Ey, de Che Guevara, supä. Middem Moped war der unnerwegs, bei de Leprakranke.“) die Gedichtkeule ausgepackt. Die Geschichte von Hennes ist nur eine von vielen, die Henni Nachtsheim uns am Dienstagabend im Unterhaus in Mainz erzählt hat. Ja, genau – das war am 1. Dezember, also vier Tage vor dem Spiel, das sie in M1 schon mal gerne „Derby“ nennen und das für uns so unwichtig ist, das z.B. im Eintracht-Forum der - wie immer wunderbar gereizte - Vorbericht zum Spiel (Stand: 4.12., 19.32 Uhr) 6573 Klicks und 55 Posts zu verzeichnen hat (zum Vergleich: Vorbericht Hertha – 21 Posts, 1824 Klicks) und außerdem noch flankiert wird von „Wie geil seit ihr auf das Spiel gegen die Mainzer?“ (= 63/3856), „Das denkt der Gegner“ (244/30.117) und „Aufstellungen und Tipps gegen Mainz“ (112/7229). Nun gut.

Als wir am Dienstagabend im Unterhaus einliefen, hatten wir, ehrlich gesagt, etwas mehr Eintracht-Präsenz im Publikum erwartet – aber immerhin: Außer mir - in meinem Henni-Ankündigungsplakat-affinen-Grabi-und-Holz-Shirt - sichten wir doch noch einige – dort ein Schal, dort eine Kapp, hinter mir höre ich zwei junge Männer über die Eintracht schwätzen, na also.

Nein, macht Henni gleich zu Beginn seines Programms deutlich, nein: Bei dem, was er hier auf der Bühne veranstaltet, handelt es sich um keine Lesung aus seinem Buch. Trotzdem wird es sich nicht vermeiden lassen, dass auch mal von Fußball und in diesem Zusammenhang auch von der Eintracht die Rede ist – aber natürlich ist dieser Abend auch 05er verträglich. Ach wirklich? Schade.

Aber was interessiert den Hessen an sich sein Dummgeschwätz von eben? Er weiß ja, dass ihm als geborenem Futurologen („Wie sieht die Zukunft aus?“ – abwägendes Hin- und Herbewegen der nach vorne gestreckten Hand – Schulterzucken), in der Welt sowieso nicht die Anerkennung zuteil wird, die ihm eigentlich zustünde. Und trotzdem lässt er sich nicht davon abhalten, immer weiter zu babbeln, selbst wenn er naggisch und mit Helm auf dem Fahrrad mitten in der Nacht ein Rennen austrägt . Henni Nachtsheim ist zwar heute abend nicht nackt, trägt auch keinen Helm, stattdessen erhält er als Geschenk eine überdimensionale, selbst gestrickte rotundschwarze Unterhose - aber er ist Hesse. Und so schwätzt und babbelt er nicht nur den Engel, der ihm vor ein paar Monaten erschienen ist, in Grund und Boden, sondern auch sich fast ohne Atem zu holen durch sein zwei-stündiges Programm.

Live-Mitschnitte an der Leinwand im Hintergrund der Bühne zeigen, dass Henni Nachtsheim nicht nur schwätzen, sondern auch Fußball spielen kann. In den größten Stadien der Welt hat er gespielt, wichtige Tore geschossen. Ächt wahr? Das fragt sich vielleicht der junge Mann in der ersten Reihe, der – oops - leider noch nie etwas von Uwe Seeler gehört hat. Falls ihm auch Jürgen Grabowski nicht bekannt gewesen sein sollte – nach diesem Abend kennt er ihn und weiß, warum der Anblick des in der Hölle schmorenden Lothar Matthäus ein überaus erfreulicher ist. Warum die B-Jugend von Rödermark in ihrer Kabine vor jedem Spiel einen Esel schlachtete – das bleibt dagegen im Dunkeln. Ebenso wie Oli, der Freund von Hennis Tochter, der auf HipHop steht und Hennis Musik „old school“ findet. Weswegen es auch nur recht und billig ist, wenn er den nächtlichen Nachhauseweg durch den dunklen Wald - ganz „old school“ - zu Fuß zurück legt.

Zum Abschluss des Abends basteln wir alle gemeinsam eine Stadiongeräuschkulisse. Johlen. Jubeln. Rhythmisch klatschen. Schwätzen (Männer im Publikum: „Ei Gude Renate.“ – Frauen im Publikum: „Ei Guude Kall-Heinz“). Wir spielen Attila – Flügelflattern durch „Flattern“ mit der Unterlippe . Und wir buhen den Schiedsrichter aus (Henni: „Und alle – buuhhhh.“ Alle: „Buuuuuh.“ Einzelner Ruf aus dem Publikum: „Drecksau.“ Henni: „Also Drecksau war jetzt grad net gefordert.“) Aber wie sieht’s aus mit Singen? Henni meint: „Mir könne ja ganz neutral summe…“ Alle: „Mm mmmmm m m m m m - m mmmmmm…“ Summen? Ach, was. Zunächst noch leise, aber dann ganz deutlich und immer lauter schält sich aus dem Summton Gesang heraus: „Steht auf, wenn ihr Adler seid…“ singen wir – mein Mit-Adler, ich, die Dame mit Adler auf ihrem Shirt hinter uns, der neutral gekleidete junge Mann neben mir, der ältere Herr rechts. Und spätestens ein paar Minuten danach, als wir das Unterhaus verlassen, da hat es auch der letzte der möglicherweise anwesenden Mainzer verstanden. Da schallt es nämlich auch durch die Lautsprecher: Hennis, mein, unser Herz schlägt für Eintracht Frankfurt.

Kommen wir noch einmal auf Hennes, den Metzgerssohn zurück. Genauer gesagt: Auf das allererste Gedicht von Hennes. „Erst ess isch Worscht, dann hab ich Dorscht.“ - so lautet es. Und getreu diesem Motto beenden wir den Abend in der 05er-Kneipe gleich um die Ecke. Ebbelwoi gibt es hier keinen. „Aus dem Schlauch – in de Bembel – ins Geribbte – in de Härbärt.“ – für derart feine Rituale hat man hier keinen Sinn. Meenz bleibt halt Meenz. Und wir, wir sind Adler. Auch wenn das Spiel morgen so, ähem, unwichtig ist, wie schon lange keins. Sieg.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel 19.November - 2.Dezember

19. November
Meine Besuche bei Eintracht-Veranstaltungen standen in diesem Jahr unter keinem besonders guten Stern. Ich habe mich verfahren, kam gar nicht an, war zu spät, musste in letzter Minute absagen. Aber heute klappt es: Charly Körbel ist zu Gast im Eintracht-Museum und ich bin dabei. Hallo hier, hallo da. Aaaah da ist ja auch… Das Museum ist gut gefüllt. Leider finde ich im Gewirr nur einen Teil der Forums-Mitadler, die ich heute hier treffen wollte. Schnell noch etwas zum Trinken holen. Würstchen werden über den Tresen gereicht. Stimmengewirr. Stühle scharen. Die Reihen sind schnell besetzt, wir bleiben im Hintergrund stehen. Und da ist er auch schon: Charly Körbel, der zur Eintracht gehört wie die Musik zum Handkäs. Der schon immer da war und (hoffentlich) sein wird. Beve sagt in einer seiner Zwischenmoderationen: „Ich hatte immer das Gefühl – so lange Charly Körbel bei der Eintracht spielt, kann nichts schiefgehen.“ Genau so ist es.

Der Abend selbst ist eine merkwürdige Erfahrung aus Nähe und Ferne. Ich kenne Charly Körbel nur als Fußballer – und trotzdem ist es ein Gefühl, als ob da vorne ein naher Verwandter sitzt und Geschichten erzählt. So vertraut, so sehr auch mit den eigenen Erinnerungen verknüpft. Manche Anekdote hat man schon öfter gehört. Einiges ist verblüffend und neu. Noch anderes weiß man zwar irgendwie, hört es aber zum ersten Mal live und aus Charlys Mund.

Charly spricht und erzählt und holt aus – und bis in die Wortwahl ist alles genau so wie früher bei seinen Interviews nach dem Spiel: „Das ist die Qualität, wo eben…“ Bin gerührt, lächele, freue mich. Einem Blumenstrauß für Mama Körbel ist es zu verdanken, dass der junge Charly sich damals schlussendlich für die Eintracht entschieden hat. Erich Ribbeck trug auf seinen Kontrollgängen einen langen schwarzen Mantel. Bum Kun Cha wurde deutsche Kultur in Form einer Schweinshaxe verabreicht und als der evangelische Charly seine (katholische) Verlobte heiratete, gab es nur eine Lösung: Eine „ökonomische“ Hochzeit. Kommentar eines neben mir stehenden Adler-Freundes: „Aha - da gab’s nur Käsbrote.“ Wir gickeln wie die Teenies. (Sollt mer net, ich weiß. Aber es war halt auch ein sehr putziger Versprecher *g)

Mit viel Applaus wird Charly Körbel nach gut 90 Minuten verabschiedet und hat in der Nachspielzeit noch jede Menge Trikots, Bücher und Autogramme zu signieren. Ich schlendere noch ein wenig auf dem nachtdunklen Stadiongelände herum, genieße die frische Luft, atme die Stadionatmosphäre. Schön war’s. Ich komme bestimmt wieder. Pünktlich, versteht sich.

20. November
Arbeit. Arbeit. Arbeit. Bin damit beschäftigt, die wichtigsten Inhalte einer Präsentation aufzubereiten. Überschrift auf der ersten Seite: „Motiviert, aber orientierungslos.“ Um was geht es hier? Um die Eintracht?

Zwischendurch schnell zum Einkaufen in die Stadt. Woran merkt man in M1, dass die Fastnachtssaison wieder begonnen hat. Klar - Klaus, der Zuuuchplakettscheverkäufer ist wieder in der Innenstadt unterwegs und sammelt für die Finanzierung des Rosenmontagszugs. Momentemal momentemal – schon wieder ein Spruch, den man nahtlos auf die Eintracht übertragen kann: „Jedes Jahr die selbe Leier – das Geld ist rar, die Spieler deier.“ Bumbaaf. Bumbaaf. Bumbaaf.

Am Blumenstand ein altes Ehepaar. Er bemerkt, dass ihr Blick an den Mistelzweigen hängen bleibt. „Kauf dir doch einen.“ Sie, fast schüchtern: „Soll ich wirklich…?“ Er: „Ja, natürlich.“ Sie wählt einen aus, lächelt. Er: „Freust du dich.“ „Ich freu mich sehr,“ sagt sie und strahltstrahtlstrahlt ihn an. So einfach kann Glück manchmal sein. Ich wünsche beiden eine frohe Vorweihnachtszeit und hüpfe nach Hause.



21. November
Heute spielt die Eintracht gegen Gladbach. Über Norddeutschland ist in den letzten Tagen das Sturmtief Jürgen hinweggefegt - der Trümmerhaufen ist heute aber leider in Frankfurt. Auch die Anwesenheit des Städels im Stadion kann hier keine künstlerisch wertvolle Aufbauarbeit leisten. Vor dem Spiel gibt es eine Schweigeminute – für Robert Enke und für die in der Nacht verstorbene Ute Hering, die ich persönlich leider nicht kannte und die für viele ein Herzstück der Eintracht war. Stille, traurige Momente.


30 Minuten nach Anpfiff ertappe ich mich bei etwas, dass mir im Waldstadion noch nie passiert ist: ich starre aufs Spielfeld und frage mich, was das, was sich da vorne abspielt, eigentlich mit mir zu tun hat. Planlos. Uninspiriert. Überfordert. Bin zunächst sprachlos. Komme dann doch mit dem netten Dauerkartennachbar rechts von mir ins „Dischbediere“. Hadere mit Michael Skibbe. Alle und alles doof.

Dietrich Weise wird heute 75 Jahre alt und auch mein lieber Mit-Adler hat heute Geburtstag. Wir fahren nach Hause, sperren die Welt nach draußen und sitzen und trinken und reden und trinken und hören Musik. Die Sterne blinken und die Katze maunzt. May you stay.

22. November
Im Eintracht-Forum wird ein altes
Interview mit Heribert Bruchhagen aus der FAZ wieder heraus gekramt. Dort spricht er z,.B. über die Veränderungen im Profi-Fußball von früher bis heute. „Damals wurde über Frauen und Skat gesprochen, heute hören die Spieler (im Mannschaftsbus) Musik und verfolgen die Börsennachrichten, sie haben feste Freundinnen und ernähren sich alle vernünftig.“

Möglicherweise ist genau das das Problem?

23. November
HR-Heimspiel. Vor dem Spiel gegen Hertha – ein Interview mit Friedhelm Funkel. Der kennt die Eintracht aus dem FF. Wie auch sonst?


24. November
Mc Donalds wechselt die Farbe und ist künftig grün statt rot. Das ist dann also grade umgekehrt wie bei den Trikots von Hannover 96.


25. November
Marschroute für das Spiel in Berlin: Möglichst lange das 0:0 halten. Ach so.

26. November
Heute steht in der Zeitung, was einige andere und ich schon lange wissen:
Alex Meier ist für die Eintracht unersetzlich.

27. November
Wir lassen Forum, Eintracht und Arbeit hinter uns und fahren zu einem lange geplanten und immer wieder verschobenen Familienbesuch ins Schwäbische. Die letzten Tage waren anstrengend und zäh. Nichts bleibt wie es war. Alles ändert sich. Vorbei. Vorbei. Am Himmel türmen sich graue Wolken. Beim Zwischenstopp an einer Autobahnraststätte merke ich, wie die Melancholie allmählich aus meinem Körper weicht. Hey. Die Welt. Da ist sie. Garstig. Flüchtig. Laut. Aber immerhin: Lebendig. Der Kaffee ist heiß. Das Käsebrötchen pappig. Nach Überwinden des vollautomatisierten Technoparcours zum Betreten der Toilette vernehme ich zarte Geräusche aus den Lautsprechern: Vogelzwitschern. Yep.


„Das Schöne schwindet, scheidet, flieht.
Fast tut es weh, wenn man es sieht.
Dich will ich loben Häßliches.
Du hast so was Verlässliches.“

(Robert Gernhardt, „Nachdem er durch Metzingen gegangen war“)

Hallo Welt!

28. November
Verbringe die Nacht frierend mit einer nur dünnen Decke und einem Eintracht-Schal um den Hals auf einer bockelharten Bettcouch. Erst gegen Morgen schlafe ich ein. Vielleicht liegt es daran, dass sich auch mit dem Näherrücken des Anpfiffs in Berlin nicht der gewohnt gnadenlose Vor-dem-Spiel-Optimismus einstellen will. Die Eintracht gewinnt trotzdem. Nicht nur das – sie spielt sogar Fußball. Auf diesen Verein ist eben niemals Verlass. Zum Glück.

Wir erleben das Spiel auf der Autobahn am Radio bzw. in der Raststätte per - dankedankedanke - SMS Live-Ticker mit. In dem Moment, in dem wir an der an die Autobahn geklebten „SAP-Arena“ vorbeifahren, vermeldet der Reporter im Radio den Ausgleich der Hoppenheimer. Ich lasse die Scheibe des Autos herunter und höre die Lautsprecherdurchsage gleichzeitig im Radio und aus dem Stadion. Strange.

29. November
Die neue Bundesregierung möchte schnellstmöglich das Wachstumsbeschleunigungsgesetz weiter auf den Weg bringen. Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Kann man sich so ein Wort ausdenken, ohne das einem unmittelbar danach der Kopf abfällt? Erinnere mich an ein Gespräch mit einem alteingesessenen Mainzer Buchhändler, von dem mir mein Mit-Adler erzählt hat: „Wissen Sie“, sagte der mittlerweile recht betagte feinsinnige, alte Herr, „Wissen Sie: Während meiner Buchhändler-Lehre haben wir über Orwell gelacht. Und jetzt ist alles viel schlimmer gekommen.“

Heute feiern wir den ersten Advent. In einer Volksabstimmung entscheidet sich die Mehrheit der Schweizer „Stimmbürger“ dafür, den Bau neuer Minarette künftig zu verbieten. Im Mainzer Staatstheater steht in dieser Saison „Andorra“ von Max Frisch auf dem Spielplan.

30. November
Hauptversammlung der Eintracht. Erstmals ist auch der Trainer der Profi-Mannschaft anwesend. Zunächst hält Heribert Bruchhagen
eine emotionale Rede und fordert Solidarität. Dann erhält Michael Skibbe für seine Vision viel Applaus. Solidarische Visionen. Visionäre Solidarität. Schon wär's.

Eine schwere Zeit hat er hinter sich. Wirkt Bescheiden. Zurückhaltend. Witzig. Seine Augen funkeln. Der Bub ist „knitz“, würde man im Schwäbischen sagen: Ümit Korkmaz ist heute zu Gast im HR-Heimspiel. Wär das genial, wenn er sich bei der Eintracht doch noch durchsetzen würde! Wir werden sehen - vorerst sitzt er jedenfalls hier auf der Heimspiel-Interview-Couch. Und das ist so spannend, dass er seine Zeit dazu nutzt, um SMSe mit Andreas Ivanschitz auszutauschen.

1. Dezember
Zur Einstimmung auf das Spiel am Samstag verbringen wir den Abend mit Henni Nachtsheim im Mainzer Unterhaus. Wie’s war? Aaaaalso… (mehr dazu schon bald hier in diesem Theater ,-)

2. Dezember
Der Friedensnobelpreisträger Barack Obama verkündet, dass die USA
30.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken wird und erklärt in der gleichen Rede den Krieg quasi für beendet. „The beat goes on."

Am vergangenen Sonntag hat Christoph Preuß im Spiel der U23 beim SSV Ulm zum ersten Mal nach seiner Verletzung wieder 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Am nächsten Sonntag wird er wahrscheinlich beim Heimspiel gegen Großasbach am Bornheimer Hang auflaufen. Es geht immer weiter. Kick it!

**to be continued**

Samstag, 28. November 2009

Voodoo Child

Ich sammele schwarzundweiße Kühe und von Freunden, die das wissen, bekomme ich deswegen mitunter eine Kuh geschenkt. So auch vor dem Spiel der Eintracht gegen Hannover 96. Da hat mir ein Adler-Freund eine Kuh mitgebracht, die einen selbstgestrickten Eintracht-Schal um den Hals trägt. Allein diese Tatsache macht die Kuh natürlich zu etwas Besonderem. Aber diese spezielle Kuh trägt noch ein besonderes Geheimnis mit sich, das mir bei der Übergabe anvertraut wurde: Sie ist ein Orakel und kann sprechen. Wenn man ihr vor einem Eintracht-Spiel eine Frage stellt und dann auf ihren Bauch drückt, dann gibt sie die richtige Antwort - es ertönen nämlich drei Muhs.

„Drei Mal Muh? Hahaha – das kann ja gar nicht funktionieren!“ Ich höre förmlich, wie der ein oder andere Leser dieser Zeilen diesen Satz eben ausgerufen hat. Jede Woche drei Mal Muh – das würde ja bedeuten: Die Eintracht gewinnt jede Woche – und dass das nicht stimmt, wissen wir ja leider alle.

Allein – wer das Orakel und seine Fähigkeiten so schnell abtut, der zeigt möglicherweise, dass er etwas von der Eintracht versteht, aber er macht gleichzeitig deutlich, dass er vom Wesen eines Orakels nicht die allerleiseste Ahnung hat. Denn: Ein Orakel irrt niemals. Allerdings gibt es nur dann die richtige Antwort, wenn man ihm die richtige Frage stellt. Immer die gleiche Frage – z.B. „Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?“ – das wäre ja albern. Kein Orakel der Welt würde das auf Dauer mitmachen, im Gegenteil: Es würde - wie jeder einigermaßen Orakelgeübte zu sagen weiß - höchst ungemütlich reagieren. Wenn es nämlich merkt, dass es ausgetrickst werden soll, dann reißt so einem Orakel ratzfatz und ohne großes Vertun blitzgeschwind der Orakel-Geduldsfaden. Und dann? Ausge-orakel-t. Und wer will so etwas schon riskieren? Ich jedenfalls nicht.

Seit dem Spiel gegen Hannover hat das Kuh-Orakel also jede Woche eine andere Frage von mir beantworten müssen. Aber lest selbst:

Erstes Spiel im Zeitalter des Kuhorakels: Eintracht Frankfurt – Hannover 96
Frage vor dem Spiel: Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?
Ergebnis: 2:1


Zweites Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Bayern München – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen heute?
Ergebnis: 2:1


Drittes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Eintracht Frankfurt – VFL Bochum
Frage vor dem Spiel: Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?
Ergebnis: 2:1


Viertes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Bayer 04 Leverkusen – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen in den ersten 11 Minuten?
Mmh. Genau.


Fünftes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Eintracht Frankfurt – Borussia Mönchengladbach
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen heute?
Ergebnis: 1: 2


Sechstes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore schießt die Eintracht heute?
Ergebnis: 1: 3 **hüpfhüpfhüpf**

Seid ehrlich: Wer, wenn nicht ein waschechtes Orakel, hätte vor dem Spiel in Berlin diese Antwort geben können? Na? Na also!

Und deswegen bin ich mir sicher, dass ihr jetzt von mir wissen wollt, welche Frage ich dem Kuh-Orakel am nächsten Samstag vor dem Spiel gegen die 05er stellen werde? Aber das verrate ich natürlich nicht! Denn - pssst! - mit den Orakel-Fragen ist es wie mit den Sternschnuppen-Wünschen: Wenn man sie laut ausspricht – dann gehen sie nicht in Erfüllung. Aber ich verspreche hiermit feierlich: Damit bei der Fragerei garantiert nichts schiefgeht, werde ich vor dem Spiel zur Sicherheit zusätzlich auch noch eine Frikadelle essen.

Montag, 23. November 2009

Chefsache

...heißt es im Comic "Asterix bei den Goten" . Stellt sich die Frage, wer bei der Eintracht heute möglicherweise ebenfalls Grund hat, diesen Seufzer auszustoßen:
- Heribert Bruchhagen
- Michael Skibbe
-
Pirmin Schwegler
Möge bitte jeder den aus seiner Sicht zutreffenden Namen ankreuzen!
,-)

Freitag, 20. November 2009

Vor dem Spiel der Eintracht gegen Borussia Mönchengladbach

Zum Sturme drängt, am Sturme hängt doch alles ,-)

Sieg! (Und falls - ich sage: falls - das morgen trotzdem schief geht, dann ist noch längst nicht aller Tage Abend. Dann verpflichten wir einfach Theodor Sturm...)

Donnerstag, 19. November 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel (6. November bis 18. November)

6. November
Der Herbst nimmt Fahrt auf. Kehre, kehre, Kehre. Fünf Säcke voller Blätter.
Ob die Eintracht heute auch in Leverkusen den Sack zu machen wird? War die ganze Woche skeptisch, aber je näher das Spiel kommt, desto sicherer bin ich mir: Doch, irgendetwas Zählbares werden wir schon mitnehmen. Adler fällt aus gegen die Adler. Auch das muss für uns kein Nachteil sein. Huch, wir spielen mit Caio. Und während ich noch überlege, ob ich das mutig oder dumm finde, steht es bereits 1:0. Ein Mit-Adler steckt im Bus fest und konnte nicht rechtzeitig zum Anpfiff zu Hause sein. Ich halte ihn per SMS auf dem Laufenden. 2:0. 3:0. Jetzt fährt der Bus wieder. Prima.


Tom Bayer, der die Fernsehübertragung kommentiert, erläutert, dass die Eintracht in der ersten Halbzeit ein 4-4-2 und jetzt in der zweiten ein 4-3-3 spielt. Vielleicht sollten wir es einfach mal mit Fußball spielen probieren? Michael Skibbe weiß nach dem Spiel, woran es gelegen hat –an unserem unterdurchschnittlichenKader und der mangelnden Qualität. Ich finde: Hier mangelt es an etwas ganz anderem.

7.November
Samstagseinkäufe. Mit Eintracht-Schal und Jacke in der M1er Innenstadt. Jetzt erst recht. Uffrescht wie die Sparschel und wie der Sprüche mehr sind. Wie gewohnt, erweist sich der Eintracht-Schal taktisch als günstig, wenn es darum geht, im Kampf 1 gegen 1 einen Parkplatz zu erobern. Ein Eintrachtler? Da fürchten sich die Leut hier in Meenz und zucken zurück. Es regnet. Melancho-Stimmung. Zwischenstopp. Trinke eine Tasse Kaffee, aus dem Lautsprecher klingt „I did it my way“. Muss grinsen. Is ja gut, Kerstin. Jetzt mach mal halblang.


Ein kleines Trüppchen von vielleicht 100 „Gegnern der Jagd“ zieht mit einem Demonstrationszug durch die Innenstadt, wird von Polizisten auf Motorrädern eskortiert. Seitlich stehen einige Zuschauer, ein junger Mann telefoniert. „Stell dir vor“, berichtet er aufgeregt, „Bin hier in Mainz. Hier ist grad voll die Demo...“ Welche Demo?

Guillermo de Hollanda hält in Mexico in, nun ja, fast perfektem Spanisch eine Rede und wird dabei aus Versehen ganz unköniglich ordinär. Da merkt man es mal wieder: Qualität ist manchmal auch eine Frage der Wortwahl.

8. November
Anruf eines befreundeten, verheirateten Adlers, der mir die Geschichte eines Bekannten erzählt. Folgender Dialog:
A:
“Stell dir vor, den hat seine Frau verlassen. Er kam abends heim – sie war weg und hatte den PC, den Fernseher und den Kühlschrank mitgenommen.“
I: „Gibt‘ so was wirklich? Du liebes bisschen....“
A: „Yep. Da wo vorher der PC war, stand eine Flasche Bier. Da wo der Fernseher war, stand eine Blumenvase. Wo der Kühlschrank war, war ein weißer Fleck.“
I: „Ach du scheiße....“
A:
„Mir passiert so was nie…“

9. November
Wir warten aufs Christkind oder doch zumindest auf so etwas ähnliches: Michael Skibbe ist heute abend zu Gast im Heimspiel des Hessischen Rundfunks und es wird erwartet, dass er dort weitere Qualitätsvisionen ...ähem... hat. Der Auftakt der Sendung ist verheißungsvoll. Der Trailer zu Beginn ist hinterlegt mit „Pussy“ von Rammstein. Dabei ist die Sendung doch gar nicht jugend- sondern nur nervengefährdend.


Aber nicht nur Michael Skibbe, auch andere haben etwas zu verkünden. Z.B. die Universität Halle, die in ihrem Infoletter berichtet, dass sie im „Shanghai-Ranking“ als zweitbeste ostdeutsche Universität auf Platz 302 geführt wird. Die Freuden der Globalisierung. Je nach Standpunkt und Standort kann es sich hierbei um eine gute oder um eine nicht ganz so gute Nachricht handeln. Alles eine Frage des Blickwinkels. Was schrieb mir meine Klassenlehrerin in der Grundschule dereinst in mein Poesiealbum: „Denn wer sich kann im Kleinen freuen, der kann sich freuen oft und viel.“ Sie hatte recht.

10.November
Jetzt ist es raus. Unser (doch, doch!) Kapitän Ioannis Amanatidis muss noch einmal am Knie operiert werden und fällt wohl für den Rest der Saison aus. Michael Skibbe sagt, dass die Eintracht durch den Ausfall von Ama 20% schwächer wird. Wie war das noch gleich? Durch den Kauf von Lincoln wären wir auf einen Schlag um 20-30% besser geworden. Die müssen wir dann also auch noch abziehen und sind dann nur noch bei gut 50%. Der Kader des aktuellen Bundesligatabellenführers Bayer Leverkusen entspricht, wie wir seit letzten Freitag wissen, noch zu etwa 80% dem Kader, den seinerzeit Michael Skibbe zusammengestellt hat. Vor diesem Hintergrund sind wir natürlich ohnehin nur Durchschnitt – damit halbiert sich die Qualität noch einmal, wären wir also bei 25%. Wenn wir jetzt noch bedenken, dass wir hauptsächlich Luschen scouten (-10%), unsere Nachwuchsspieler uns derzeit noch nicht weiterhelfen können (-5%) und auch unser junger Brasilianer dazu wenig Anstalten macht (noch einmal -10%) - dann stehen wir also praktisch bei Null. Darauf kann man aufbauen.


All diese Überlegungen sind schlagartig nicht mehr so wichtig. Verbringe einen langen und anstrengenden Workshoptag in Frankfurt. Komme nach Hause. Bin müde, hungrig. Ein Anruf. Robert Enke ist tot. Stille.

11.November
Auch wenn die (Fußball)-Welt derzeit in einer Art Schockstarre liegt, geht und schnipselt das Leben weiter.


Helau. Pünktlich um 11 Uhr 11 wird in Meenz mit viel Dschingderassa die neue Fastnachtskampagne eröffnet. Bereits im Vorfeld wurde – wie in jedem Jahr – das Kampagnenmotto ermittelt. Dabei wird ein aktueller Bezug vorgegeben , jeder kann sich mit einem Vorschlag beteiligen – eine Jury entscheidet. Das diesjährige Motto heißt: „Bei uns in Meenz gilt die Devise. Die Fassenacht kennt keine Krise.“ Aber ich krieg gleich eine.

Apropos Krise: Das goldische Meenzer Mädsche Margit Sponheimer, das eigentlich aus Frankfurt stammt, wird ausgeliehen ins Hessische und fungiert in diesem Jahr als Sitzungspräsidentin bei der HR Prunksitzung. Sag noch mal einer, dass die Frankfurter kein gutes Scoutingsystem haben. Ob allerdings die Qualität der Sitzung durch diesen Transfer um 5% gesteigert wird, bleibt vorerst noch offen.

„Es war kalt in Bogotá.
Alle Restaurants hatten Ruhetag
in Mindelheim an der Mindel.
Auf Fidji strömender Regen.
Helsinki war ausgebucht.
In Turin streikte die Müllabfuhr.
Überall Straßensperre
in Bujambara. Die Stille
über den Dächern von Pécs
war der Panik nahe.
Noch am ehesten auszuhalten
war es unter dem Birnbaum
zu Hause."


(„Kleiner Abgesang auf die Mobilität“ von Hans Magnus Enzensberger. Er wir heute
80 Jahre alt.)

12. November
Der
wahren Tabelle der Fußballbundesliga kann, wer will, entnehmen, dass die Eintracht sich in dieser Saison in (fast) allen Belangen verschlechtert hat. Weniger Ecken. Weniger Flanken. Weniger Torschüsse. Weniger gewonnene Zweikämpfe. Mehr Ballbesitz. Aha – das liegt am Kurzpasskombinationsspiel. Da wäre es ganz schön uncool, wenn Friedhelm Funkel tatsächlich auch noch Ümit Korkmaz nach Berlin holen würde. Obwohl : Statistisch wird das ja nicht weiter auffallen.

Der Löwe ist los. In Wuppertal wird aus Versehen ein Löwe
gestohlen und wiedergefunden . Ähnlichkeiten mit Leoparden bzw. tatsächlich existierenden Filmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Bring it up, Baby!

13. November
Lost in translation? Das ist noch gar nichts gegen „Lost in security“. Wir fahren zu dritt zu einem geschäftlichen Termin nach Frankfurt. Bevor wir das Firmengelände betreten dürfen, müssen wir uns einen Security Film ansehen und anschließend einen Test absolvieren = 4 Fragen zum Film richtig beantworten. Wir stehen nebeneinander und stieren jeder auf einen Touchscreen, auf dem nacheinander verschiedene Szenen ablaufen.. Ein Arbeiter auf dem Werksgelände will sich eine Flasche Bier öffnen – hurtig eilt eine adrett gekleidete Dame herbei und erklärt ihm – „Nein, nein!“ – das geht nicht. Ein Herr im Anzug schlendert über das Firmengelände, will gerade auf seine Kamera klicken – da ist schon wieder die freundliche Dame: „Nein, nein.“ Auch das ist nicht erlaubt. Jetzt erscheinen auf dem Bildschirm zwei Menschen in einem Büro. Durch das Fenster hinter ihnen sieht man, wie eine dicke schwarze Wolke aus einem Schornstein quillt. Und jetzt? Duck and cover?

Ich ertappe mich dabei, dass ich vor mich hin gickele wie ein Teenie. Mal ehrlich: Wär so ein Film mit anschließendem Test nicht was für die Eingangskontrollen am Stadion? 50.000 Menschen, die nacheinander... Hilfe. Jetzt hab ich auch schon Visionen.

14. November
Michael Skibbe verstärkt an diesem Wochenende das Scouting-Team der Eintracht und reist irgendwo ins Europäische. Für
Christoph Preuß liegt dagegen das Gute heute nicht in der Ferne, sondern ganz nah: Bei strömendem Regen steht er beim Freundschaftspiel in Eschersheim heute zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder mit dem Eintracht-Trikot auf dem Platz. Freu mich für ihn. Und für uns.

Spät abends sehen wir uns einen alten Western mit Paulette Godard und Gary Cooper an. Die ersten Bilder flimmern, das Logo der Produktionsfirma – ein Adler. Dann der Titel: "Die Unbesiegten." Seufz.

15. November
In Hannover findet heute die Trauerfeier für Robert Enke statt. Wirrwarr an Gedanken und Gefühlen. Nein, die Trauerfeier schaue ich mir nicht an, ich will raus. Laufe durch den Regen. Die Wege sind matschig, der Himmel grau, Wolken ziehen.
Abends schweigt Dittsche.

16. November
Ich leiste. Du leistest. Er leistet. Wir leisten. Ihr leistet. Sie leisten. Apropos Leisten. Martin Fenin wird heute wieder an selbigen operiert. Was e Elend.

17. November
Nein, (noch) ist uns der Himmel nicht auf den Kopf gefallen. Trotzdem wird es heute den ganzen Tag über nicht hell. Die Welt dampft und wabert. Es schüttet ohne Unterbrechung. Der Bildungsstreik geht in die nächste Runde. So gesehen - nichts Neues: Die künftigen Bachelor stehen jetzt schon im Regen.


18. November
Beim Aufwachen blinzelt die Sonne durch die Jalousie.


WM-Qualifikation auf der Zielgeraden. Vor dem fast aussichtslosen Spiel der Griechen in der Ukraine meint Angelos Charisteas, dass „unser Trainer uns schon zeigen wird, wie wir das meistern.“ Und tatsächlich. Otto zeigt es. Die Griechen gewinnen in der Ukraine und fahren im nächsten Jahr nun doch zur WM. Bis dahin wird es sich dann auch bis zum dümmsten Reporter herumgesprochen haben, dass die Griechen während der Quali grundsätzlich mit 3 Stürmern gespielt haben. Die Iren scheitern gegen die Franzosen in letzter Minute doch noch. Und die deutsche Nationalmannschaft spielt in aller Freundschaft auf Schalke 2:2 gegen die Elfenbeinküste. Poldi rennt, dribbelt, schießt und spielt sich frei. Ein nachdenklich-stiller, anrührend, ja, erwachsener Per Mertesacker im Interview nach dem Spiel. Wege finden.

In gut vier Wochen ist Weihnachten. Das ultimative Weihnachtsvideo gibt es aber jetzt schon. **singanundhüpf** Ho ho ho –
Must be Santa, must be Santa, must be SantaSanta Boooooooob **singausundhüpfweiter**
(Und auch beim Anschauen dieses Videos nicht vergessen: Wer ist Bob Dylan? Immer der mit dem Hut!)


*To be continued*

Sonntag, 15. November 2009

Schutz suchen

Die Woche, in der Robert Enke sich das Leben genommen hat, wird mir in Erinnerung bleiben als eine Woche, die in unterschiedlichen Grautönen verschwimmt. Das Grau bildet einen verlässlichen, ruhigen Hintergrund für eine wirre Abfolge von Bildern und Geschichten. Ich bin per Auto unterwegs zu einem Geschäftstermin in Frankfurt - der Himmel ist blassgrau, eine bleiche Sonne steht hinter dünnen Wolken. Ich fahre zurück – der Himmel ist schwarz verhangen, die bunten Blätter der vorbeirasenden Bäume leuchten im Dunkel. Mit dem Auto unterwegs zu einem Termin in Frankfurt Höchst – der Himmel ist fahl, die Schweinwerfer spiegeln sich in der nass glänzenden Straße. Wo immer ich an- und hinkomme in dieser Woche, treffe ich merkwürdigerweise auf Menschen, Maschinen und Maßgaben, deren Aufgabe darin besteht, unsere Welt sicherer zu machen. Sicherheitsschleusen. Zugangsberechtigungen. Sicherheitsbeamte. Ein vor dem Betreten des Unternehmensgeländes zu absolvierender Sicherheitstest. Ein Fahrstuhl mit Sicherheitscode. Hier wird der Pass kontrolliert, dort für die Dauer des Besuchs einbehalten. Hier werden meine Kontaktdaten überprüft, dort mein Kofferraum. Rauchen ist verboten. Fotografieren auch. Handys bitte ausschalten. „Zu Ihrem Schutz, zu Ihrer Sicherheit“.

Zu Hause. An- und Innehalten. Ich bin hungrig. Vor mir auf dem Tisch dampft das Abendessen. Mein Blick fällt durch die Fensterscheibe in den nachtdunklen Garten. Schemenhaft erkenne ich im Grau die schwarzen Silhouetten der Bäume. Blätter wirbeln. Die Müdigkeit des Tages mischt sich mit den Bildern im Fernsehen. Der erste unmittelbare Schock. Hilflosigkeit. Die Menschen, die sich vor dem Stadion von Hannover 96 versammeln, Lichter und Kerzen anzünden und einen Ort, einen gemeinsamen Raum für ihre Gefühle suchen. Sicherheit im Zusammenhalt. „Halt das Himmelstor sauber.“ Durcheinander wirbelnde Gefühle und Gedanken. Bilder, die sich übereinander schieben und nicht zueinander passen. Das Gefühl hinschauen, aber auch kein Voyeur sein zu wollen.

Der Morgen. Grau, fast durchsichtig der Himmel. Das Eichhörnchen, das auf den dünnen, kahlen Zweigen des Nussbaumes balanciert. Telefon. Ein Konzeptpapier. Rechnungen. Ein Blick ins Eintracht-Forum. Vereinzelte Diskussionen. Gebabbel-Threads. Auch ich bemühe mich, dem Alltag Raum und der Normalität ihr Recht zu geben. Alles „as usual“. Kein falsches Pathos. Teresa Enke. Eine zierliche, schwarz gekleidete Person, die Schutz in der Öffentlichkeit sucht und uns mit zittriger Stimme eine ganz persönliche Geschichte erzählt, die wir für einen Moment mit ihr teilen. Nasse Fahnen, die traurig auf Halbmast hängen. Der weinende alte Mann mit 96-Schal im Trauerzug, dessen Worte in Tränen ersticken: „Alles vorbei.“ Endgültigkeit. Die aufblitzende, öffentlich greifbare Erkenntnis: Irgendetwas ist falsch in unserem Leben. Grundsätzlich falsch. Die Kraft des Augenblicks. Und genau in dem Moment in dem wir das begreifen, ist der Moment des Ergreifens schon wieder vorbei. Das ehrliche Mitgefühl kippt in den Überschwang. Emphase des Mitleidens. Es ist etwas geschehen – ab jetzt wird es vor allem auch "statt finden". Die Öffentlichkeit schlägt zurück.

Hätte alles anders kommen können, wenn Robert Enke früher den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hätte? Spätestens als wir gestern davon gelesen haben, dass heute, am Sonntag, fünf TV-Anstalten die Trauerfeier übertragen, der Sarg am Mittelkreis aufgebahrt wird, ahnen wir: Nein. Das wäre es wahrscheinlich nicht. Was bleibt, ist eine tragische, eine ganz persönliche Lebensgeschichte, die dann, als es zu spät war, den Nerv eines kollektiven Unbehagens getroffen hat und in der größten öffentlichen Trauerfeier mündet, die seit dem Tod Konrad Adenauers in Deutschland stattgefunden hat. Wir trauern um Robert Enke, wir trauern mit seiner Frau und seiner Familie und seinen Freunden. Und in den tiefsten Momenten eines ehrlichen Mitgefühls haben wir in dieser Woche vielleicht irgendwie auch um diese Welt getrauert. Und um uns selbst. Es könnte sein, dass wir Grund dazu haben.

PS: Ich habe keinen Moment auch nur in Erwägung gezogen, die Trauerfeier im Fernsehen zu verfolgen. Wie ich lese, war sie würdevoll und bewegend und hat vielen Menschen etwas gegeben. Ich hoffe, dass sie vor allem den direkt Beteiligten geholfen hat, mit dem Geschehen umzugehen. Vielleicht erwächst daraus Kraft für das Leben danach. Vielleicht.

PPS: War es im Vorfeld der Trauerfeierlichkeiten wirklich notwendig zu betonen, dass die Stadt Hannover und der Verein sich einvernehmlich darüber verständigt hätten, dass im und ums Stadion herum kein Alkohol ausgeschenkt wird? Was ist schlimmer: Die Vorstellung, jemand käme auf den Gedanken bei einer Trauerfeier Bier- und Bratwurststände zu erwarten – oder die Unterstellung, es könnte so sein?