Mittwoch, 28. Oktober 2009

Waldstadion, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 22 Uhr 17

Tooooooooooooooooooooooooooooor!
Nachtrag am 29.10.:
Mmh. Tore sind tatsächlich gefallen. Und die Kurve hat auch tatsächlich gefeiert. Mmh. Stimmungsmäßig haben wir so richtig gezeigt, wer Herr im Waldstadion ist. Das werden die sich merken, die Bayern.

Freitag, 23. Oktober 2009

Eintracht-Schnipsel 8. Oktober bis 23. Oktober

8.10.
Herta gewinnt. Und da diese Meldung in diesen Tagen ungewöhnlich ist, sorgt sie für einiges Aufsehen. Ein befreundeter Germanistikprofessor meint: „Doch, doch. Ich denke schon, dass sie zu den 100 besten deutschen Autoren gehört.“ Grass.

Lese, dass Herta Müller erst die zwölfte Frau ist, die den Literaturnobelpreis erhalten hat. Also in den letzten 109 Jahren immerhin eine Fußballmannschaft. Bekommen wir die Mannschaftsaufstellung zusammen? Pearl S. Buck. Sagt mein Mit-Adler. Ich kontere mit Nelly Sachs. Nadine Gordimer. Doris Lessing. Tony Morrison. Mmh. Selma Lagerlöf? Ja, Selma Lagerlöf gehört auch dazu. Und natürlich Elfriede Jelinek – als überraschend in letzter Sekunde eingewechselter Joker. Wären wir also bei sieben. Die anderen vier müssen wir nachschlagen. Sie heißen: Grazia Deledda (1926), Sigrid Undset (1928), Gabriela Mistral (1945), Wislawa Szymborska (1996). Jetzt also verstärkt durch Herta Müller. Sieht so aus, als müsse Jogi Löw sich zumindest vom Titel „Die Frisur“ schon mal verabschieden.

9.10.
Barack Obama überholt sich selbst und erhält den Friedensnobelpreis. Bei seiner kurzen Dankesrede wirkt er nicht besonders glücklich. Könnte sein, dass dieser …ähem… Schuss nach hinten losgegangen ist.


10.10.
Eintracht-freier Samstag. Herbsteinkäufe in der Stadt: Federweißer. Pflaumen. Äpfel. Der erste Feldsalat. Die letzten Tomaten. Ein T-Shirt. Sonnenblumen.


Entscheide mich nachmittags gegen die deutsche Nationalmannschaft in Russland und für Sebastian Jung und die U20-WM in Ägypten. Der Jung-e war zwar vor ein paar Wochen „noch nicht so weit“, um im Waldstadion auf der Bank zu sitzen, inzwischen ist es aber bis nach Frankfurt durchgedrungen, dass er „es hat.“ Leider scheidet die U20 heute trotzdem in der Nachspielzeit gegen Brasilien aus dem Turnier aus.

Apropos Nachspielzeit. Abends der Anruf eines Mit-Adlers. Er war heute den ganzen Tag unterwegs und hat das Länderspiel aufgezeichnet, um es sich später in Ruhe anzuschauen. Kopfhörer auf. Bus. Alles easy. Kein Ergebnis, nix mitgekriegt. Er steht vor der eigenen Haustür. Der Nachbar kommt ihm entgegen, winkt. Kopfhörer runter: „Deutschland – gut… 1:0 gewonnen.“ Gong. Tja. Wie gesagt: Auch außerhalb des Platzes dauert ein Spiel 90 Minuten. Und manchmal halt auch länger.

11.10.
Nicht nur die Eintracht, auch einer meiner Mit-Adler war in diesen Tagen auf Studienreise in Griechenland und kehrt heute zurück. Zwar nicht Xanthi, aber Korinth. Delphi. Athen. Abends im Restaurant. Ein launiger Gastwirt, der die deutschen Gäste nach ihren Lieblingsvereinen befragt. „Eintracht Frankfurt!“ Eintracht? Eintracht. Cool. "Da kennst du ja sicher auch die griechischen Spieler?" „Logisch: Amanatdis, Liberopoulos….“ Auch Kyrgiakos? „Klar! Auch Kyrgiakos.“ „Das ist mein Cousin!“ Und er präsentiert auch gleich die entsprechenden Fotos. Goscinny und Uderzo waren halt doch Realisten. Wie heißt es in „Asterix bei den Olympischen Spielen“ über die Griechen: „Alles Vettern!“
12.10.
Im Februar forderte Eintracht-Präsi Fischer, wenn die Eintracht kein Geld habe einen Gomez zu kaufen, dann
„müsse man halt einen machen.“ einen ähnlichen Gedanken verfolgt anscheinend die EKD, die es für sinnvoll hält, mit Plakaten für mehr Kindersegen zu werben und zu diesem Zweck z.B. Jens Lehmann und seinen Vater bemüht. „Mach dich unsterblich – werde Vater!“ Hilfe! Und wer garantiert, dass am Ende nicht wirklich ein Lehmann oder ein Gomez herauskommt?

13.10.
Patrick Ochs ist verletzt, Fenin noch angeschlagen, Bajramovic noch nicht ganz fit. Jetzt zwackt es auch Ama und Franz. Nicht ganz unrealistische Vision vom Abschlusstraining gegen Hannover: Alle sind verletzt, nur Schwegler, T-Bär und Russ trainieren – aber die sind fürs nächste Spiel gesperrt.
14.10.
Was tut man, wenn man zu tief ins Glas geschaut hat? Ganz einfach: Man ruft einen
Stinktierflüsterer. Zumindest dann, wenn man ein Stinktier ist. Ansonsten hilft am besten: Ausschlafen.

Übrigens: „Nichts außer der Vergangenheit gehört uns mit Gewissheit.“ (Evelyn Waugh, Wiedersehen mit Brideshead).

16.10.
Adlerbesuch aus Bremen. Eigentlich wollten wir heute unseren jährlichen Ebbelwoi-Cup im Tischtennis ausspielen, aber leider: Das Wetter spielt nicht mit. „Wie wär’s – wir fahren zum Abschlusstraining?!!“ Der Gast-Adler strahlt: „Da war ich noch nie!“ Bei SonneWindRegen fahren wir los, tappern durch das Waldstadion wie durch Eintracht-Wonder-World. Ein kleines Mädchen zeigt uns ein Bild, das sie gemalt hat und das sie neben Ama zeigt. Was sie damit will, steht ebenfalls auf dem Bogen: „Auto Kramer“. Maik Franz erzählt uns, dass er morgen spielt. Maddin sagt, dass er es gerne würde. Schwegler lächelt. Michael Skibbe findet es „cool“, dass es in Bremen vier Eintracht-Fans gibt. Und Oka sorgt freundlich, aber bestimmt dafür, dass wir nicht auf den Rasen treten. Glücklich fahren wir wieder nach Hause.

17.10.
Vor dem Spiel gegen Hannover. Fast schon auf dem Weg ins Stadion und dann plötzlich alles ganz anders. Der Tag zerbricht, die Welt steht einen Moment still. Hilflos. Klein. Ängstlich. Dann doch die erleichternde Nachricht: „Nur“ ein Warnschuss. Rechtzeitig. Alles wird wieder gut.

Die Eintracht tut mir, tut uns den Gefallen und gewinnt. Tatsächlich: Sie gewinnt. Kuller.

18.10.
Unwirklicher, sonnig-nebliger Tag. Blätter fallen. Bob singt. "My heart is not weary. It's light and it's free."

19.10.
Die Dinge gehen ihren Gang. Ich auch.

Dem Kicker entnehme ich, dass in der Spieler-Fairplay-Wertung des 9. Bundesliga-Spieltags Marco Russ an dritter Stelle steht. Klar, denke ich mir. Kein Wunder, dass der so weit vorne ist – der hat ja nicht gespielt. Stutz. Noch mal lesen: Ah, so. Es ist von Marco Reus die Rede. Marco Reus aus Gladbach. Na, dann!

20.10.
Hammer-Ergebnisse in der Championsleague. Glasgow verliert zu Hause 1:4 gegen Sevilla. Liverpool unterliegt Lyon mit 1:2. Real verliert gegen den AC Mailand mit 2:3 und Barcelona unterliegt – oops – Kasan mit 1:2. Jede Menge überraschende Auswärtssiege. Doch. Mit dem Gedanken könnte ich mich anfreunden.

21.10.
Wir sind zwar nicht das Volk, aber immerhin die Eintracht.
Wiedervereinigung am Stadtwald - titelt HR Online deshalb nicht von ungefähr und berichtet, dass jetzt auch bei uns zusammenwächst, was zusammengehört und die U23 jetzt endlich, wie die erste Mannschaft, im Waldstadion trainiert. Eine gute Nachricht. Herzlich willkommen.

22.10.
Nikos Liberopoulos läuft im Training gegen einen
Dummy und verletzt sich am Schienbein. Dumm gelaufen.

Massenschlägerei bei einem Turnier in Langgöns bei Gießen. Es sollte ein Zeichen für mehr Toleranz und Demokratie gesetzt werden. Zunächst, so wird berichtet, hätten sich nur zwei Spieler der zehn Teams gestritten. Am Ende seien bis zu 60 Personen in die Schlägerei verwickelt worden. Sauber. Und das ganz ohne Friedensnobelpreis. Wundert mich eigentlich aber nicht. Denn wie sagte schon Heinz Becker: „Ich bin weiß Gott net tolerant.“

Harte Zeiten und das trotz zu viel
Weichmachern. Nicht schön. Ärgerlich. Möglicherweise auch ein Grund, mal wieder über ein paar Dinge nachzudenken. Aber doch kein Grund zur Panik. Oder doch? Eintracht-Heimtrikot bis auf Weiteres am besten in Folie einschweißen und zugriffssicher verstauen. Danach schnell zur Schweinegrippeimpfung. Keine Zimtplätzchen zu Weihnachten. Und von zu viel Ebbelwoi bekommt man Durchfall. Die Welt ist voller Schrecken und Gefahren. Wir sollten die Dinge noch besser als bisher überwachen.

23.10.
Mehr Überwachung? Noch mehr Verbote? Bei Celtic Glasgow wird das bereits vorbildlich umgesetzt. Hier herrscht bereits
Feier- und Freuverbot. Brave new world statt brave hearts.

Der Kicker vermeldet, dass es in der Verfassung, in der die Bayern sich am Mittwoch gegen Girondins Bordeaux verloren haben,
„sogar“ gegen die Eintracht schwierig werden wird. Sogar gegen die Eintracht? Hoppla. Gerade gegen die Eintracht. Die Bayern fürchten sich vor uns? Selbstverständlich fürchten sie sich. Und mit was? Mit Recht.

Es ist angerichtet:

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel...

... sollte es heute hier eigentlich wieder geben. Aber leider, leider - ich werd's nicht schaffen, sie heute noch fertig zu stellen. Für alle hier eventuell vorbei schauenden Schnipselsucher die Info: Noch vor dem Wochenende geht es weiter :-) Werde mich vorher noch stärken - vielleicht ja mit einer Frikadelle?

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Vor dem Heimsieg gegen Hannover: Die Weissagung der alten Frikadelle

Zu allen Zeiten haben die Menschen nach Metaphern und Bildern gesucht, die ihnen dabei helfen, die Welt zu erklären und die Zukunft zu deuten. So z.B. auch jener Fernsehpfarrer, von dem mir vor einiger Zeit ein Freund relativ fassungslos erzählte. Der wählte nämlich einen Salatkopf, um das große Ganze zu erklären. "So wie ich diesen Salatkopf in der Hand halte", meinte er und hielt den Salat in die Kamera, "so sind auch wir alle in Gottes Hand." Ob das Bild stimmig ist, sei dahingestellt und keine Ahnung, warum mir das jetzt gerade einfällt, denn eigentlich will ich eine Geschichte von einer Frikadelle erzählen, die ich im März dieses Jahres in Hannover verzehrt habe. Genauer gesagt: die Geschichte einer Frikadelle, die ich nur zum Teil verzehrt habe. Aber ich will dem Ende meiner Erzählung nicht vorgreifen...

Es war spät abends als wir, aus welchem Grund auch immer, durch das Einkaufszentrum in Hannover irrten. Wir hatten einen langen Weg hinter uns, einen großen Bogen, entlang am Maschsee, über dem es kühl und feucht waberte. Wir waren müde, wir waren hungrig und wir waren durstig - allein: Es fand sich keine Kneipe, in die wir hätten einkehren können. Ein Punk, der mit seinem Hund am Rand der Fußgängerunterführung saß und zu dessen Kasse wir zwei Euro beisteuerten, wies uns die Richtung - besser nochmal ein Stück zurück, besser links als rechts, da müsste man selbst hier und selbst um diese Stunde irgendwo eine Kneipe finden. Wir folgten seinem Rat - und wirklich - ein freundliches Licht, eine Stufe, eine Wirtschaft. Drinnen sah es recht trostlos aus. Ein kleiner, fast leerer, verrauchter Schankraum. Hier waren offensichtlich nur die, die immer da sind. Wir traten trotzdem ein, ich zog meine Jacke mit dem Eintracht-Adler etwas fester um mich, drei Augenpaare starrten uns an. Am Tresen auf einem Barhocker ein in sich zusammengesunkener älterer Mann mit Schnurrbart, der schwer über seinem Bier hing. Daneben ein jüngerer mit Lederjacke und Schiebermütze, der am Tresen lehnte, hinter dem eine füllige, ältere Dame stand - geblümte Bluse, blondiertes Haar. Aus dem Lautsprecher tönte Udo Lindenberg. Wir setzten uns. Entdeckten, dass wir einen weiteren Gast übersehen hatten, eine ältere Dame, die an einem Tisch ganz hinten im Eck vor sich hin hustete, eingerahmt von mehreren Plastiktüten, und die jetzt gerade mit schwerer, heiserer Stimme noch einen Schnaps und ein Bier "für den Heimweg" orderte. Auch wir bestellten: Zwei Bier. Gibt's auch eine Kleinigkeit zu essen? Ein Schmalzbrot? Eine Bretzel? Nein. Das gibt es nicht - aber es gibt Frikadellen. Frikadelle? Ok - her damit. Wir bestellen eine. Das Bier kommt, ist gut gezapft und läuft - entgegen früherer Hannoveraner Erfahrungen - kalt und wohltuend bitter den Hals hinunter. Die Frikadelle? Ja, ja, kommt gleich. Und während ich gerade mein zweites Bier ansetze und mich allmählich schon gar nicht mehr hungrig fühle, kommt sie tatsächlich: Die Frikadelle. Sie liegt auf einem rostroten Tellerchen, einer Untertasse, auf deren Rand in weißer schnörkeliger Schrift "Guten Morgen" steht. Die Frikadelle ist nackt und bloß und liegt ziemlich in der Mitte des Tellerchens. Keine Scheibe Brot, keine Serviette, kein Klacks Senf, die von ihrem Anblick ablenken könnten. Die Frikadelle ist von grauer, fast bläulicher Farbe, etwa einen Zentimeter hoch: und sie ist - ich schwöre - quadratisch, eher gleichkantig als rechteckig, fast symmetrisch.

Wir starren das, was da auf dem Teller liegt, an. Ist mir beim Anblick der Frikadelle für einen Moment die Kinnlade nach unten geklappt? "Danke" sage ich. Die Bedienung dreht wieder ab und lässt uns mit dem Frikadellen-Tellerchen zurück. Was soll ich tun? Essen? Unmöglich! Nicht essen? Ebenso unmöglich - schließlich will man ja nicht als mäkeliger Schnösel dastehen, schon dreimal nicht, wenn man hier hier in fremder Stadt eindeutig als Eintrachtler zu erkennen ist. Adlerherz. In meiner Erinnerung gerinnt der folgende Moment zur Zeitlupe. Atemlose Stille. Alle im Schankraum Anwesenden starren mich, starren die Frikadelle mit angehaltendem Atem an. Singt da immer noch Udo Lindenberg? Ich höre nichts, greife das Objekt, führe es zum Mund und - beiße hinein. Ich versuche, möglichst wenig zu kauen und schlucke den Brocken in meinem Mund einfach hinunter. Würg. Schluck. Ok. Unten. Die Musik setzt wieder ein, die beiden Männer am Tresen nehmen ihr Gespräch wieder auf. Schnell ein Schluck Bier hinterher. Geht doch.

Damit ist die Geschichte eigentlich schon zu Ende, denn die entscheidende Hürde hatte ich jetzt genommen, die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste wendete sich wieder von mir ab. Es gelang uns, den Rest des frikadellenähnlichen Objekts unaufällig in ein Taschentuch und dann - zwecks späterer Entsorgung - in eine Jackentasche zu bugsieren. Wir trinken noch zwei (oder drei) Biere und entspannen uns. Na ja, auch gut. Richtig gut. Und Bier hilft bekanntlich gegen Hunger.

Was will uns diese Geschichte sagen? Vielleicht das: Manchmal muss man sich durchbeißen, damit am Ende alles gut wird. Und da ich jetzt schon mal "ausgerechnet" in Hannover in Vorleistung getreten bin, müssen unsere Jungs am Samstag gegen Hannover eigentlich nur noch eins tun: Nachlegen. Kein Aufzählen von Verletzungen, kein Konstatieren fehlender Schnelligkeit, kein Jammern über nicht vorhandene Lincolns - einfach rausgehen, durchbeißen und gewinnen. Heimsieg. Jetzt!

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Eintracht-Schnipsel (26.September bis 7.Oktober)

26.9.
In einer langen Wahlnacht hält die ARD im Vorfeld der Bundestagswahl Rückschau auf Wahlkämpfe in der BRD. Versunkene Bilder aus den 50er-Jahren. "Fräulein Dr. Adenauer" hat sich für ein paar Minuten von ihrem Rundfunkempfänger, mit dem sie das Wahlgeschehen verfolgt, entfernt und empfängt "in ihrer entzückenden Wohnung" ein Fernsehteam. Sie schildert das Zusammenleben mit ihrem Vater. Manchmal sind auch die Enkelkinder anwesend und "erfreuen ihren Großvater mit ihren kindlichen Scherzen." Sie selbst erfreue ihren Vater nach einem Wahlsieg gerne mit ein paar frisch geschnittenen Rosen auf seinem Schreibtisch. Heißt es nicht, dass der Adenauersche Rosengarten damals mit ein Grund dafür war, warum die Hauptstadtfrage gegen Frankfurt und für Bonn entschieden wurde? Macht nichts. Bonn ist heute noch Provinz und Frankfurt ist im Herzen von Europa.

Von wem oder was ist hier die Rede? Oxxenbach. Köln. Hamburg. Eintracht. Der tödliche Pass. Jay-jay. Tony. Andi. Heinz. Lady-Di-Augenaufschlag. WM in Italien. Fußball 2000. Lebbe geht weiter. 300 Bundesligaspiele, davon 150 für die Eintracht.

Klar: von Uwe Bein. Er wird heute 49 Jahre alt.

27.9.
Die Eintracht verliert mit 0:3 gegen den VFB Stuttgart, Marco Russ geht mit Rot vom Platz. Die Westkurve findet, dass dies ein Anlass ist, um "O wie ist das schön" zu singen. Der VFB-Anhang findet, dass dies genau das richtige Ergebnis ist, um drei Minuten vor Abpfiff Böller und Donnerschläge in Nachbarblocks und aufs Spielfeld zu werfen. Ein Trüppchen von Eintrachtlern bei uns im Block wiederum findet: Das ist eine gute Gelegenheit, um Stühle aus der Verankerung zu reißen. In diesem Fall bleibt es bei dem Versuch.

Und was finden wir? Einiges. Aber uns fragt ja eh keiner.

Spät in der Nacht hat sich der...ähem... die Nebel verzogen - im Sportstudio findet die Auslosung der nächsten Pokalrunde statt. Ach, wär das schön. Im Pokal überwintern. Ein paar richtig dicke Brocken sind schon raus - jetzt ein bisschen Glück mit der Auslosung. In Koblenz. In Oldenburg. Zuhause gegen den FCK. Nur noch sechs Kugeln, immer noch keine Eintracht. Nur noch vier. Immer noch nichts und - verdammt - die Bayern sind auch noch im Topf. Wieder nichts. Nur noch zwei. Krieg gleich zu später Stunde noch einen Nervenkasper. Bitte! Wengistens ein Heimspiel. Das klappt. Immerhin.

28.9.
Wahlsonntag. Auf dem Weg vom Wahllokal in der alten Schule hier im Ort spazieren wir am Flüsschen entlang zurück, das Licht ist weich und mild. Herbstfäden. Schon leicht verblühte, locker zusammengebundene Astern, einzelne, leuchtende Rosenblüten, die über den Zäunen hängen. Die Blätter der Bäume noch grün, aber nicht mehr satt. Letzte Äpfel und Birnen an den Bäumen. Schön.

Gong. 18 Uhr. Die ersten Trends. Es wird reichen für WUM. Historischer Tiefstand der SPD, die Linke wird zweitstärkste der gar nicht mehr so kleinen Parteien. Nachdem der Trend sich in der Prognose zur Gewissheit verdichtet hat, wird Frank Walter Steinmeier in der SPD Zentrale mit minutenlangem Klatschen und Standing Ovations begrüßt. Das hat weder mit dem Spielverlauf noch mit dem Ergebnis etwas zu tun. Fast wie in der Westkurve.

29.9.
Guttenberg und Westerwelle sind - laut Spiegel online - die bunten Hunde der Politik. Bunte Hunde sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

30.9.
Verbringe einen anstrengenden Workshop-Tag in Frankfurt. Zwiebelkuchen und Federweiße im Landgasthof hier im Ort habe ich mir abends wirklich redlich verdient. Vor der Wirtschaft parkt ein Bus mit Frankfurter Kennzeichen. Aha - die haben wohl heute hier die Weck, Worscht und Woi-Fahrt durch die Weinberge absolviert. Das muss ein Zeichen sein, für was auch immer. Umkreise den Bus mehrmals, kann aber leider keinen Eintracht-Bebber entdecken. Schade.

Patrick Ochs engagiert sich für Tierschutz und will nach seiner Karriere als Leistungssportler vegetarisch leben. Gerd Knebel kann er dann wohl nicht mehr zu sich einladen. Der mag nämlich eins am liebsten: Worscht.

1.10.
Paul Simon schrieb dereinst das Lied "50 ways to leave your lover". Die Expertenkommission der Bundesregierung legt heute ein Bulletin mit "83 Vorschlägen zur Verhinderung von Amokläufen an Schulen" vor. The times they are a changing. Oder wie meine Oma immer sagte: "Was sind das für Zuversichten."

2.10.
Die Eintracht verliert mit 2:0 auf Schalke. Einfach so. Hertha BSC gibt die Verpflichtung von Friedhelm Funkel bekannt. Da hat sich manch einer ja umsonst aufgeregt über den vermeintlich-der-Eintracht-endlos-auf-der-Tasche-Lieger-und-dadurch-Neueinkäufe-Verhinderer. Und: Mist, da muss man jetzt ja irgendwie der Hertha künftig sogar die Daumen drücken. Ob ich das hinkriege, wage ich zu bezweifeln. "Bei einem bin ich mir jedenfalls 100% sicher", sage ich zu meinem Mit-Adler: "Mit FF steigt die Hertha garantiert nicht ab." Der Mit-Adler lehnt mal wieder grinsend in der Tür: "Stimmt. Und weißt du was? Mit dem wär auch die Eintracht net abgestiegen." Habe leider dieses Mal grade kein Wurfgeschoss griffbereit.

3.10.
Der Spätsommer ist in diesem Jahr so weich und schön wie seit Jahren nicht mehr. Trotz Eintracht-Niederlage kann ich mich heute nicht elend fühlen. Bin still zufrieden und lasse mich durch den mildmattsonnigen Tag treiben. Die Ergebnisse des Spieltags schrecken mich ein wenig auf. Unser nächster Gegner Hannover wird mit jedem Spieltag stärker, die 05er schlagen am Bruchweg - nach den Bayern - jetzt auch noch die Hoppenheimer. Warum, warum, warum können DIE gegen "Große" gewinnen und wir nicht? Warum? Grummel.
Statt weiter zu hadern, kehre ich lieber wieder zu meinem Buch zurück. Im "Jugendroman" folgt Gerhard Henschel seinem Alter Ego, dem Teenie Martin Schlosser, zurück in die 70er Jahre und webt aus tausend ,-) Schnipseln ein übervoll mit zeitgenössischer Realität gesättigtes Bild seiner Jugend und der damaligen Zeit. Dazu gehört für den Gladbachfan - logisch - auch der wöchentliche Rapport der Bundesligaergebnisse. Wir sprechen von der Saison 75/76: "Dank zweier Tore von Henning Jensen konnte Gladbach im Parkstadion gegen Schalke wenigstens einen Punkt tretten. Unentschieden hatte auch Braunschweig gespielt und die Bayern waren im Waldstadion untergegangen. 6:0 für Eintracht Frankfurt! Da hatte die launische Diva wieder mal hingelangt."

6:0 gegen die Bayern? Krame in meinem Gedächtnis. Mmh. Dazu fällt mir nichts ein. Oder - Moment. War das nicht eines der Spiele, in denen Bernd Nickel eine Ecke... direkt...? Mal sehen, welche Informationen ich dazu im netz finde. Erster Klick - natürlich - aufs Eintracht-Archiv. Und - hey - das alles kann man sich sogar anschauen. Schon zur Halbzeit stand es 5: 0 durch Tore von Wenzel (8. Minute, Kopfball nach Ecke Nickel von links), Nickel (17. Minute, Freistoß von rechts), Grabi (28. Minute, was für ein Ding, aus dem Lauf, von halblinks, direkt aufs Tor gezogen), Holz (40. - ein typischer Holz, aus ca. 8 Metern direkt genommen mit links) und Neuberger (45.) aus 3 Metern an Meier vorbeigespitzelt. Nickel traf in der 61. Minute noch einmal - und das ist sie dann tatsächlich - die direkt verwandelte Ecke von links: 6:0.

Nach dem Spiel steht die Eintracht auf Platz 9 - da, wo sie auch am Ende der Saison stehen wird. Das Ende der Ära Dietrich Weise. Was damals enttäuschend war, damit wären wir heute hochzufrieden. Und für ein 6:0 am 28. Oktober gegen die Bayern würde ich auch dieses Jahr gerne ein, sagen wir mal, ein 5:3 beim Rückspiel in Bochum hinnehmen. Kann ja alles noch passieren. Abwarten.

4.10.
Kontrastprogramm zum mildruhigen Frühherbstwetter von gestern. Es stürmt, die Bäume biegen sich. Stapfe, nein: fliege, laufe, hopse durch die Weinberge und lasse mich durchpusten. Drachen steigen in den Himmel.

Nachmittags tritt der HSV in Berlin an. Das erste Spiel für Friedhelm, sehr merkwürdig, ihn im blauen Hertha-Anorak an der Seitenlinie im Olympiastadion stehen zu sehen. Noch merkwürdiger allerdings sind der Spielverlauf und die Tore für den HSV.

Skibbe bekundet, bei der Niederlage auf Schalke an Lincoln gedacht zu haben. Christoph Spycher denkt weiterhin an 45 Punkte. Und im Eintracht-Forum ist die Ära Skibbe bei manch einem praktisch fast schon wieder abgehakt - nein, nicht weil man an Skibbes Fähigkeiten zweifelt, sondern weil selbst er gegen die übermächtigen zementenen Altlasten, die Funkel in den Köpfen der Spieler angerichtet hat, nicht ankann und Heribert Bruchhagen dafür sorgt, dass das auch so bleibt. Ja, dann.

5. 10.
Die Auswertung des 8. Spieltags in unserer virtuellen Manager-Liga liegt vor. Was e Elend. Wieder nur 14 Punkte von 30 möglichen. Als Tabellenführer habe ich die Saison angefangen und bin jetzt auf den fünften Platz (von 5) durchgereicht worden. Sollte ich vielleicht darüber nachdenken, weniger Eintrachtler aufzustellen?

6.10.
Kurzfristig entschließen wir uns, zum Spiel der U23 nach Frankfurt zu fahren. Mal sehen, was Titsch-Riveiro, Heller, Juhvel, Toski so machen und eine gute Gelegenheit, den neuen Bornheimer Hang kennen zu lernen. Hinter Oxxenbach und am Kaiserlei stehen wir im Stau, egal - wir freuen uns auf einen beschaulichen Fußballabend bei Nieselregen und Flutlicht, auf eine Bratwurst und ein bisschen Fachsimpeln in familiärer Atmosphäre. Am Bornheimer Hang angekommen, haben wir eher das Gefühl in einen zwar fast menschenleeren, aber gut bewachten Hochsicherheitstrakt vorzudringen. Der Ultras-Support schallt von der ersten bis zur letzten Minuten durchs Stadion, auch die zwischendurch fallenden Tore sind kein wirklicher Grund für eine Unterbrechung. "Wir sind Hooligans. Wir sind Hooligans." Ok, ok. Spätestens nach diesem Abend kann keiner behaupten, er hätte es nicht vernommen ,-)

Warum waren wir noch gleich hier? Richtig. Da unten auf dem Platz findet ein Fußballspiel statt. Die Eintracht gewinnt mit 3:0, auffallendster Spieler ist Marcel Heller, der nach schönem Alleingang auch das dritte Tor macht. Kurt E. Schmidt steht im Innenraum neben dem Spielertunnel und gibt an der Bande Autogramme. Nach Abpfiff nimmt ihn die Mannschaft mit in die Kurve zum Feiern. Die (wie mir berichtet wird) im Stadion anwesenden Herren Bruchhagen, Hölzenbein und Borchers entdecke ich leider nicht, dafür treffe ich am Rande des Spiels Mit-Adler aus dem Forum. Eine Umarmung, ein paar persönliche Worte, ein kurzer Meinungsaustausch. So hat der Ausflug durch die Nacht doch auch seine netten Seiten. Um viele Erkenntnisse und Eindrücke reicher, fahren wir nach Hause.

7.10.

Nicht so besonders gut wird die weitere Hinrunde für die Eintracht verlaufen, wenn man der Prognose eines Statistikprogramms glaubt. Gegen Hannover ein 1:1. Bei Bayern - ok - eine 1:0-Niederlage. Gegen Bochum? Klar: Ein 1:1. In Leverkusen? Dito. Gegen Gladbach? Überraschung: Das Spielt wird mit 0:0 enden. Und in Berlin? Reden wir nicht drüber (obwohl: darauf würde ich tatsächlich auch jetzt schon fast wetten, dass dieses Spiel so ausgeht). Bleibt noch das Spiel gegen Mainz, das zur Abwechslung - na, wie wohl? - mit 1:1 ausgeht. Zum Ende der Rückrunde dann doch noch ein paar Abweichungen von der Regel: einer 2:1-Niederlage in Hoppenheim wird vor Weihnachten zum Hinrundenabschluss ein 0:2-Niederlage gegen Wolfsburg folgen, womit wir dann also mit 15 Punkten und ohne Heimsieg in die Pause gehen würden. Das Deprimierendste an dieser Prognose ist, dass die einzelnen Ergebnisse nicht so richtig unrealistisch klingen. Wie gut, dass ich nicht an Statistiken glaube.

Nachtrag: Das war gestern schon zu spät, um es noch mit zu verschnipseln. Aber wow: Mit 3:2 besiegt die deutsche U20 in der Nachspielzeit das Team aus Nigeria und trifft am Samstag im Viertelfinale auf Brasilien. Sebastian Jung ist dabei. Freu mich.

Samstag, 3. Oktober 2009

Jetzt geht's los!

Das muss man erstmal verdauen, oder? „Eigentlich“ ganz ordentlich mitgespielt. Stark in den Zweikämpfen. Wuseliger Köhler. Wieder erstarkter Chris. Sehr starker Schwegler. Schwache, sehr schwache Schalker. Hey, hier können wir heute was holen. Der Ball läuft flüssig von hinten heraus und durchs Mittelfeld. Fehlerquote gegenüber dem VFB-Spiel deutlich gesenkt. Nur vor dem Tor. Null. Nichts. Gar nichts. Oka verletzt? Das ist jetzt nicht wahr. Nicht auch noch Oka. Doch. Oka wird rausgehen in der Halbzeit. Dann halt mit Zimmermann. Hey. Das wird.

Und dann? Statt in der zweiten Halbzeit etwas drauf zu packen, kombinieren wir nett weiter. Immer schön eng, immer durch die Mitte. Könnte ja sein, dass man sich aus den Augen verliert, noch mal kurz, noch mal kurz. Und – wutsch - weg isser der Ball. Haaaallo – ohne ein Tor zu schießen, hat noch keine Mannschaft ein Spiel gewonnen. Und falls die Unsrige gehofft hatte, dass 0:0 gefällig nach Hause zu tändeln (verwalten?) – spätestens als Asamoah eingewechselt wird, ist klar: Das wird nichts. Bei uns kommt Caio und findet einmal mehr nicht statt. Meier heute leider auch nicht. Michael Skibbe nagt ratlos an seiner Unterlippe. Ernüchternde Bilanz nach Abpfiff: Letztlich sang- und klanglos 2:0 verloren. Oka ist verletzt. Schwegler mit gelbrot raus und auch T-Bär (der mitohne Haare und gestutztem Bart ein bisschen zum Fürchten aussieht und manchmal auch so spielt), wird gegen Hannover seine fünfte gelbe Karte absitzen.


Schon vor dem Spiel hatten wir im Kamin draußen Feuer gemacht. Nach dem Spiel Fernseher aus – nein, keine Lust mehr auf Interviews - versammeln wir uns hier. Lagerfeuer-Atmosphäre. Das Bier ist kalt. Schaue in die Flammen. Schwierige Tage werden auf die Eintracht und auf uns zukommen. Wieder mal. Kühl ist es geworden. Ich fröstele, rücke ein wenig näher ans Feuer, ein Holzstück bricht knisternd nach unten, die Flammen züngeln. Schön. Merke, wie die Spannung von mir abfällt. Bin ganz ruhig. Blätter rascheln. Ziehe die Kapuze meines Sweatshirts ins Gesicht. Licht im Dunkel.
Der Morgen danach. Habe tief und fest geschlafen, die Woche war anstrengend, war müd und matt gestern. Beim Aufwachen warte ich auf das zusammengedonnerte, dumpfwehe Gefühl, das nach jeder Eintracht-Niederlage in mir nagt. Nichts. Nur ein leises Ziepen. Fenster auf. Raus in den Garten. Ein weiterer dieser fast unwirklich schönen Frühherbsttage, die dieses Jahr uns beschert. Ein geschenkter Tag. Mattfarbene Blüten. Sonne, die durch die Zweige bricht. Die ersten Nüsse sind vom Baum gefallen und liegen wie Ostereier im Gras. Aus den Weinbergen tönt das leise Plop-plop der Schreckschussanlagen. Alles ist gut. Gute Stimmung haben, wenn alles gut läuft ist leicht. Kann jeder. Hey – jetzt wissen wir Bescheid. Überflieger. Größenwahn. Ganz so einfach wird es nicht sein. An ein paar Schräubchen drehen und alles ist anders. Anfangsschwung. Neue Besen. Nein, nein. Jetzt wissen wir: Es führt kein Weg daran vorbei: Das hier – genau das ist unsere Mannschaft. Mit genau diesen Spielern, mit ihren Fähigkeiten - und mit ihren Schwächen.

Jetzt fängt es doch eigentlich erst richtig an. Jetzt kann die Mannschaft zeigen, ob und wie sie mit dem neuen Trainer einen neuen Weg gehen kann. Jetzt kann Michael Skibbe zeigen, was er wirklich kann und ob der Weg, den er geht, neu ist. Und vielleicht können ja jetzt auch wir als Fans anfangen, unseren neuen Trainer „anzunehmen“. Nicht nur als „Nachklapp“ von Friedhelm, der – je nachdem wie tief beim Einzelnen die Schrunden der letzten Saison sind – entweder euphorisch, abwartend oder kritisch ausfällt. Sondern einfach als Michael Skibbe, Trainer von Eintracht Frankfurt.

Jetzt, jetzt wollen wir doch mal sehen, was diese Mannschaft kann und was wir mit ihr erreichen können. Traut euch. Kopf aufkrempeln.

Hallo Welt! Hallo Eintracht!

Donnerstag, 1. Oktober 2009

New Morning in Gelsenkirchen?

Morgen spielt die Eintracht gegen Schalke. Noch vor zwei Wochen hätte ich gesagt: Wenn’s gut läuft, holen wir einen Punkt. Wenn wir verlieren und einigermaßen ordentlich mitspielen – auch nicht schlimm. Tja. Ganz so entspannt sehe ich das heute nicht mehr. Doch wieder und schon wieder mal ein Wendepunkt , an dem wir stehen. In der Arena auf Schalke war ich noch nie, aber in Gelsenkirchen, doch, da war ich schon. Und das ist noch gar nicht so lange her....

Erinnerungsflash. Sommer 2006. Ja, genau – der WM-Sommer. Deutschland feiert sich selbst, Sönke Wortmann dreht einen Film darüber und wir machen uns am 2. Juli auf den Weg Richtung Gelsenkirchen – der ersten Station unserer diesjährigen Dylan-Tour, von dort aus geht es dann weiter nach Lille. Gelsenkirchen ist WM-Austragungsort. Aus den Fenstern der Wohnblocks, an denen wir vorbeifahren, hängen entweder deutsche oder türkische Fahnen – daneben jedoch fast immer auch eine blau-weiße. Gestern haben hier die Engländer im Viertelfinale gegen Portugal gespielt und sind ausgeschieden.
Wir hatten das fast schon wieder abgehakt – die Engländer werden daran noch eine Weile knabbern. Das wird uns spätestens beim Einchecken im Hotel klar, als wir in der Lobby auf ein paar reichlich zusammengedonnerte englische Fans treffen. Sie sind wirklich – also: wirklich - fertig. Und auch das Hotel-Personal macht einen leicht angeschlagenen Eindruck. Die meisten Engländer sind heute morgen schon wieder aufgebrochen. Nichts wie weg. Einige sind geblieben - sie hängen noch einen Tag dran und wollen, wie wir, zum Dylan-Konzert. Bevor wir uns aufmachen Richtung Nordsternpark wollen wir im Supermarkt um die Ecke noch ein paar Flaschen Bier kaufen – die Regale sind leergefegt. Ritzratzleer. „Das waren die Engländer,“ sagt die Frau an der Kasse, „die haben alles leergekauft.“
Das Dylan-Konzert findet im Amphitheater im Nordsternpark statt. Nordsternpark? Natürlich haben wir vorher schon mal gegoogelt, was das denn ist: Ein renaturierter Park auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche. Überfüllte Busse bringen uns bis zum Parkgelände, der Anmarsch zum Open-Air-Gelände führt mitten durch den Park, vorbei an ehemals industriell genutzten Gebäuden und Gerätschaften, Fördertürmen, die jetzt wie riesige Ur-Insekten mitten in der blühenden Landschaft stehen. Obwohl es bereits auf den Abend zugeht und die Sonne bereits tief hängt, ist es noch sehr warm. Die Wiesen rund um künstlich geschaffene Bachläufe und Seen sind von Menschen bevölkert. Spielende Kinder. Radfahrer. Fußballspieler.

Vor dem Amphitheater hat sich eine lange serpentinenförmige Schlange gebildet. Hier hat gestern auch das Public Viewing stattgefunden, für die, die keine Karte fürs Stadion mehr bekommen haben. Hoch oben in einem Baum hängt eine Perücke, auf der ein Hut in England-Farbe steckt. Bleibt zu hoffen, dass der arme Kerl, dem die Perücke mal gehört hat, gestern abend nicht ebenfalls dort oben gelandet ist.
Die Freilichtbühne ist direkt in den Rhein-Herne-Kanal hinein gebaut. Das Halbrund der nach oben gebauten Sitzplätze mit Blick auf den Kanal, die Bühne scheint über dem Wasser zu schweben. Eigentlich sind die Rituale bei einem Dylan-Konzert genau festgelegt. Licht aus. Ankündigung aus dem Off. Licht an. Dylan und seine Band stehen auf der Bühne und legen los. Wir fragen uns, wie das heute funktionieren wird und mein Mit-Adler meint, dass es wahrscheinlich jetzt, heute, so weit sein wird: Bob wird übers Wasser gehen und die Bühne von hinten betreten. Ganz so ist es dann nicht – auch hier erklingt die "fanfare of a common man" und Bob und Co erscheinen wie aus dem Nichts (obwohl wahrscheinlich doch eher direkt aus dem seitlich geparkten Tourbus) auf der Bühne.

Es ist immer noch hell. Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Die Menschen am gegenüberliegenden Ufer winken. Ab und zu tuckert ein Frachtdampfer vorbei.

Wir erleben ein schwebendes, federleicht hingetupftes Konzert (morgen in Lille erwartet uns dann das Kontrastprogramm). Aber jetzt ist heute, und es rollt und rockt. Einfach nur Musik und Luft und Himmel. Into the great wide open. Die flockige Stimmung überträgt sich auf den schwarzgekleideten Herrn, der da am Seitenrand der Bühne sein Keyboard bearbeitet. Auf dem Fluss nähern sich Menschen in Paddelbooten von hinten an die Bühne, Bob winkt mit seiner Harp. Something is happening and you don’t no what it is. Es wird dunkel und um uns her bleibt es trotzdem hell. Zum Schluss tanzt und hüpft das ganze Amphitheater. Neben mir ein ungefähr zwei Zentner schwerer englischer Hard Rocker mit nacktem Oberkörper von oben bis unten tätowiert. „This place dont’t make sense to me no more.“ Fast kann er über diese Worte aus des Meisters Mund schon wieder lachen. Vor mir swingen zwei nicht mehr ganz junge Ladies im Sommerkleidchen mit hochhackigen Schuhen. Links ein cooler Oldie (schätzungsweise 70) mit Sonnenhut. Schräg hinter uns ein Pulk megacooler Youngster im Bobbie-Look (Wer ist Bob Dylan? Immer der mit dem Hut!). With Bob on our side, wird die TAZ morgen texten.

Stopp. Eigentlich wollte ich ja an dieser Stelle ein paar Gedanken zum bevorstehenden Spiel der Eintracht gegen Schalke zu Papier bringen. Aber vielleicht kam der Schwenk nicht von ungefähr, denn – ganz ehrlich - mir ist flau, wenn ich an das Spiel morgen denke. Ein einziger, deprimierender Nachmittag gegen den VFB hat gereicht, dass die bereits bröckelnde leise Euphorie, die uns durch die ersten Wochen dieser Saison noch bis zum Pokalspiel gegen Aachen getragen hat, verpufft ist. Smokerings of my mind. Summer days are gone. Die Zeiten ändern sich. Aber vielleicht ist ja gerade Gelsenkirchen der richtige Ort für einen New Morning. Denn so viel ist sicher: Den gibt es immer. Und besonders schön ist er meistens dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Nachtrag: Einen richtigen Vorbericht auf das Spiel gibt es wie immer hier. Sehr informativ und sehr witzig - auch wie immer! Aber das wisst ihr sicher selbst :-)