Donnerstag, 1. Oktober 2009

New Morning in Gelsenkirchen?

Morgen spielt die Eintracht gegen Schalke. Noch vor zwei Wochen hätte ich gesagt: Wenn’s gut läuft, holen wir einen Punkt. Wenn wir verlieren und einigermaßen ordentlich mitspielen – auch nicht schlimm. Tja. Ganz so entspannt sehe ich das heute nicht mehr. Doch wieder und schon wieder mal ein Wendepunkt , an dem wir stehen. In der Arena auf Schalke war ich noch nie, aber in Gelsenkirchen, doch, da war ich schon. Und das ist noch gar nicht so lange her....

Erinnerungsflash. Sommer 2006. Ja, genau – der WM-Sommer. Deutschland feiert sich selbst, Sönke Wortmann dreht einen Film darüber und wir machen uns am 2. Juli auf den Weg Richtung Gelsenkirchen – der ersten Station unserer diesjährigen Dylan-Tour, von dort aus geht es dann weiter nach Lille. Gelsenkirchen ist WM-Austragungsort. Aus den Fenstern der Wohnblocks, an denen wir vorbeifahren, hängen entweder deutsche oder türkische Fahnen – daneben jedoch fast immer auch eine blau-weiße. Gestern haben hier die Engländer im Viertelfinale gegen Portugal gespielt und sind ausgeschieden.
Wir hatten das fast schon wieder abgehakt – die Engländer werden daran noch eine Weile knabbern. Das wird uns spätestens beim Einchecken im Hotel klar, als wir in der Lobby auf ein paar reichlich zusammengedonnerte englische Fans treffen. Sie sind wirklich – also: wirklich - fertig. Und auch das Hotel-Personal macht einen leicht angeschlagenen Eindruck. Die meisten Engländer sind heute morgen schon wieder aufgebrochen. Nichts wie weg. Einige sind geblieben - sie hängen noch einen Tag dran und wollen, wie wir, zum Dylan-Konzert. Bevor wir uns aufmachen Richtung Nordsternpark wollen wir im Supermarkt um die Ecke noch ein paar Flaschen Bier kaufen – die Regale sind leergefegt. Ritzratzleer. „Das waren die Engländer,“ sagt die Frau an der Kasse, „die haben alles leergekauft.“
Das Dylan-Konzert findet im Amphitheater im Nordsternpark statt. Nordsternpark? Natürlich haben wir vorher schon mal gegoogelt, was das denn ist: Ein renaturierter Park auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche. Überfüllte Busse bringen uns bis zum Parkgelände, der Anmarsch zum Open-Air-Gelände führt mitten durch den Park, vorbei an ehemals industriell genutzten Gebäuden und Gerätschaften, Fördertürmen, die jetzt wie riesige Ur-Insekten mitten in der blühenden Landschaft stehen. Obwohl es bereits auf den Abend zugeht und die Sonne bereits tief hängt, ist es noch sehr warm. Die Wiesen rund um künstlich geschaffene Bachläufe und Seen sind von Menschen bevölkert. Spielende Kinder. Radfahrer. Fußballspieler.

Vor dem Amphitheater hat sich eine lange serpentinenförmige Schlange gebildet. Hier hat gestern auch das Public Viewing stattgefunden, für die, die keine Karte fürs Stadion mehr bekommen haben. Hoch oben in einem Baum hängt eine Perücke, auf der ein Hut in England-Farbe steckt. Bleibt zu hoffen, dass der arme Kerl, dem die Perücke mal gehört hat, gestern abend nicht ebenfalls dort oben gelandet ist.
Die Freilichtbühne ist direkt in den Rhein-Herne-Kanal hinein gebaut. Das Halbrund der nach oben gebauten Sitzplätze mit Blick auf den Kanal, die Bühne scheint über dem Wasser zu schweben. Eigentlich sind die Rituale bei einem Dylan-Konzert genau festgelegt. Licht aus. Ankündigung aus dem Off. Licht an. Dylan und seine Band stehen auf der Bühne und legen los. Wir fragen uns, wie das heute funktionieren wird und mein Mit-Adler meint, dass es wahrscheinlich jetzt, heute, so weit sein wird: Bob wird übers Wasser gehen und die Bühne von hinten betreten. Ganz so ist es dann nicht – auch hier erklingt die "fanfare of a common man" und Bob und Co erscheinen wie aus dem Nichts (obwohl wahrscheinlich doch eher direkt aus dem seitlich geparkten Tourbus) auf der Bühne.

Es ist immer noch hell. Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Die Menschen am gegenüberliegenden Ufer winken. Ab und zu tuckert ein Frachtdampfer vorbei.

Wir erleben ein schwebendes, federleicht hingetupftes Konzert (morgen in Lille erwartet uns dann das Kontrastprogramm). Aber jetzt ist heute, und es rollt und rockt. Einfach nur Musik und Luft und Himmel. Into the great wide open. Die flockige Stimmung überträgt sich auf den schwarzgekleideten Herrn, der da am Seitenrand der Bühne sein Keyboard bearbeitet. Auf dem Fluss nähern sich Menschen in Paddelbooten von hinten an die Bühne, Bob winkt mit seiner Harp. Something is happening and you don’t no what it is. Es wird dunkel und um uns her bleibt es trotzdem hell. Zum Schluss tanzt und hüpft das ganze Amphitheater. Neben mir ein ungefähr zwei Zentner schwerer englischer Hard Rocker mit nacktem Oberkörper von oben bis unten tätowiert. „This place dont’t make sense to me no more.“ Fast kann er über diese Worte aus des Meisters Mund schon wieder lachen. Vor mir swingen zwei nicht mehr ganz junge Ladies im Sommerkleidchen mit hochhackigen Schuhen. Links ein cooler Oldie (schätzungsweise 70) mit Sonnenhut. Schräg hinter uns ein Pulk megacooler Youngster im Bobbie-Look (Wer ist Bob Dylan? Immer der mit dem Hut!). With Bob on our side, wird die TAZ morgen texten.

Stopp. Eigentlich wollte ich ja an dieser Stelle ein paar Gedanken zum bevorstehenden Spiel der Eintracht gegen Schalke zu Papier bringen. Aber vielleicht kam der Schwenk nicht von ungefähr, denn – ganz ehrlich - mir ist flau, wenn ich an das Spiel morgen denke. Ein einziger, deprimierender Nachmittag gegen den VFB hat gereicht, dass die bereits bröckelnde leise Euphorie, die uns durch die ersten Wochen dieser Saison noch bis zum Pokalspiel gegen Aachen getragen hat, verpufft ist. Smokerings of my mind. Summer days are gone. Die Zeiten ändern sich. Aber vielleicht ist ja gerade Gelsenkirchen der richtige Ort für einen New Morning. Denn so viel ist sicher: Den gibt es immer. Und besonders schön ist er meistens dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Nachtrag: Einen richtigen Vorbericht auf das Spiel gibt es wie immer hier. Sehr informativ und sehr witzig - auch wie immer! Aber das wisst ihr sicher selbst :-)

Kommentare:

  1. Ein schöner Morgen war das heute. Mit der Eintracht hatte er nur leider nichts zu tun.

    Schöner Eintrag, Kerstin. "With bob on your side." :-)

    Gruß vom Kid

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  2. Ja, das stimmt. Der Morgen war wunderschön. Trotz gestern. Und weil er so schön war, hat er mir dabei geholfen, die leise hereinbrechende Eintracht-Depriphase abzufedern. Ich hoffe, das Gefühl hält noch eine Weile vor. Nach den Ergebnisse des heutigen BuLi-Spieltags und einem vorsichtigen Blick ins Eintracht-Forum wird das nicht einfach...

    Danke fürs Lesen und Kommentieren :-)

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  3. New Morning in G.: Das einzige was die Engländer in den Regalem gelassen haben, waren alkoholfreies Bier und Stilles Wasser; ein paar Prinzipien hat man halt immer noch! Das Konzert war großartig, bei dem venue aber auch so surreal wie Bobs unnatürlich gute Laune.
    Keep on keeping on!

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  4. @Celtix: Ach, wie nett, dass du dich auch mal zu Wort meldest. Da musste erst Bob kommen **gg
    Und, ja: Ich keepe :-) Danke!

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