Freitag, 25. September 2009

Eintracht-Schnipsel (12. September - 25. September)

12. September

Spiel der Eintracht in Freiburg. Wir sind heute leider nur vor dem Bildschirm dabei. Zweikampf, an dem Maik Franz beteiligt ist. Großaufnahme. Sehe Maik an und weiß: Der wird heute das Spiel für uns entscheiden. Das macht er dann auch prompt. Die Last-Minute-Chance hat - wie immer - Alex Meier. Er nutzt sie. War doch klar, oder?

Unser nächster Gegner, der HSV, zeigt abends in der ersten Halbzeit ein grandioses Spiel gegen den VFB. Petric wird zu seinem neuen Mitspieler Ze Roberto befragt: "Nach außen ist er sehr introvertiert." Das kann man von Serena Williams nicht sagen. Sie verliert wegen eines Fußfehlers bei der US Open ihr Halbfinalmatch gegen Kim Cljisters und findet daraufhin freundliche Worte für die Linienrichterin: "Wenn ich könnte, würde ich verdammt noch mal diesen verdammten Ball in deine verdammte Gurgel stecken und dich umbringen, hörst du das?" Charming.

13. September

Die Bundestagswahl nähert sich mit großen Schritten. Heute findet das Fernsehduell der beiden Spitzenkandidaten statt. Bei der Einblendung der Frontalen, vor dem Schwenk auf die Kombattanten, fällt der Blick auf eine überdimensionale Flasche Heinz Tomaten-Ketchup, die dort zu Werbezwecken aufgestellt worden ist. Besser kann man eine Botschaft nicht auf den Punkt bringen.

14. September

Die Auswertung des fünften Spieltags unserer Rheinhessenliga liegt vor. Einer von uns hat das Trainerduo Klopp/Veh und schneidet an diesem Spieltag nicht besonders gut ab. Unser Auswerter textet: Das Duo Klopp/Veh sorgt für Koppweh. Die Kombination Babbeldutt gibt es in unserer Rheinhessenliga leider nicht.

15. September

Während Oskar Lafontaine heute einen Wahlkampfauftritt in Mainz hat und zum Aufbruch aufruft, wird bei uns im rheinhessischen Hinterland die Kerb beerdigt. Alte Weisheit: Bei Beerdigungen geht es manchmal lustiger zu als bei Aufbrüchen.

17. September

Die Premiere des Eintracht-Films "Träume in Schwarz und Weiß" habe ich trotz bester Absicht und vorab erstandener Karte verpasst, den Abend mit Kurz E. Schmidt im Eintracht-Museum habe ich mir beim besten Willen nicht frei schaufeln können. Heute kann ich nachlesen, was ich wieder einmal alles verpasst habe. Menno. "Überall kann ich nicht sein, und wo ich bin is nix." Hat meine Oma immer gesagt. In diesen Tagen weiß ich einmal mehr: Sie hatte recht.

Hessische Landtagsabgeordnete gründen einen parteiübergreifendenn Eintracht-Fanclub - sozusagen die ganz große Koalition. Das stelle ich mir lustig vor. Der grüne Eintrachtler singt am liebsten vom "Waldstadion", der CDUler von "Schwarz und Weiß wie Schnee", die FDPler schmettern "Hoch auf dem gelben Stadiondach", die Linke intoniert "Spieler hört die Signale". Und die Sozialdemokraten? Logisch: Die greifen ganz tief in die Traditionskiste: "Die Ehr ham wer gerettetetet, verloren ham wer net."

18. September

Der Spieler Blättel hat sich dereinst im Bett verletzt. Der Spieler Spycher verletzt sich beim Hochheben seines kleinen Sohnes. Der Spieler Hleb braucht sich gar nicht mehr zu bewegen, um sich zu verletzen. Er bekommt einfach eine Spritze in den Gesäßmuskel. Fertig.

19. September

Surreal? Weired? Oder - wie das New York Magazin meint - einfach "hilarious"? Bob Dylan hat eine Christmas CD aufgenommen. Der darf das. Der komplette Erlös kommt "Feeding America" zu Gute. Santa Bob ist coming to town.

Wie sagt es Bob himself in seinen "Chronicles": "There ain't no guarentees. Even not that life is nothing more than one big joke."

20. September
Ruhige, friedliche Spätsommertage. Mildes Licht. Herbstfäden zwischen den Ästen der Bäume.

Sonntagsspiel. Die Eintracht trifft heute auf den UEFA-Cup-geschädigten HSV. Bin mir sicher, dass wir heute den ersten Heimsieg dieser Saison landen werden. Die 05er haben gestern in Bochum gewonnen und sind an uns vorbeigezogen - heute Abend will ich in der Tabelle wieder vor ihnen stehen. Bin bereit für etwas ganz Großes - aber wie das so ist: Wirklich große Dinge passieren selten geplant, sondern immer vor allem dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Das Spiel ist nicht so besonders, naja, naja. Macht nix. Die Stimmung trotzdem gut. 1:1 gegen den Tabellenführer, Platz 6 - genial. Und was scheren mich eigentlich die 05er? Alex Meier hat übrigens auch heute wieder in letzter Minute den Siegtreffer auf dem Kopf. Klappt halt net immer,-)

21. September
Jörg Roßkopf ist zu Gast im HR-Heimspiel. Wir erfahren, dass er Eintracht-Fan ist, zudem mit Oka Nikolov befreundet, neben dem er quasi wohnt. Was Oka so über die Eintracht erzählt, will Moderator Volker Hirth wissen: "Wir reden nicht über Fußball." Stutz. Na ja. Wieso auch?

Der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie veröffentlicht eine aktuelle Statistik: Der Umsatz von Tabakwaren ist im ersten Halbjahr 2009 wieder gestiegen. Habe ich nicht neulich gelesen, dass die Anti-Rauch-Kampagne der Bundesregierung ein voller Erfolg sei? Ja, was denn nun? Sicher ist: Geraucht wurde und wird immer. Oder um es mit Marlon Brando zu sagen: "Gute Nacht, Leute. Raucht Optima-Zigarren!"

22. September
Die Frequenz der Wahl-Sendungen steigt täglich. Irgendwie scheinen in diesem Wahlkampf tatsächlich die Give-Aways eine besondere Rolle zu spielen. Seit der Sendung mit Sandra Maischberger weiß ich deshalb jetzt auch, was tatsächlich auf den Kondomen steht, die die Grünen verteilen: "Mehr Nah-Verkehr." Die Linke verteilt bekanntermaßen ebenfalls Kondome, hat aber auch einen roten Baby-Strampler - "Frech wie Oskar" - im Give-Away-Angebot. Also das Richtige für alle Fälle. Gibt es eigentlich auch Eintracht-Kondome? Und wenn ja: Was steht darauf? Mmh. Da würde mir schon einiges einfallen. Besser nicht.

Vor dem Schlafengehen noch ein stiller Moment im Freien. Die Luft ist kühl und frisch. ein überwältigender, aberwitzig schöner Sternenhimmel wölbt sich über die Welt. Nah und fern. Ein paar dicke, hell strahlende Sterne. Dahinter ein Teppich von winzig kleinen blinkenden Pünktchen. Sternensaal. Dancing in the dark. Bruce Springsteen wird morgen 60 Jahre alt.

23. September
Ein schräger, wilder, durchgeknallter, unglaublicher Pokalabend im Waldstadion. Die Eintracht gewinnt 6:4 gegen Aachen. Wow.
25. September

Stehe mit einem meiner Mit-Adler am Flurfenster und schaue auf die vollkommen still da liegende Straße. Plötzlich rennt von links ein Dackel durchs Bild. Galoppel, galoppel. High speed. Wutsch, weg isser. Was war das denn? Kaum haben wir Zeit uns zu wundern - huch - da kommt er schon wieder, dieses Mal von rechts. Wutsch. Wieder weg. Stille. Autogeräusch. von links schiebt sich jetzt ein Cabriolet mit offenem Verdeck ins Bild. Auf dem Rücksitz sitzt der Dackel mit wehenden Ohren. Sache gibt's.

In diesem Sinne: Immer die Ohren steif halten. Genug gebabbelt. Weiter machen mit Tore schießen. Siegen!

Dienstag, 22. September 2009

Stoff aus Aachen.

Ja, ja, is schon klar. Zu Hamburg fällt einem aus dem Stand natürlich viel ein. Is ja einfach. Aber zu Aachen? Aachen ist eine Tuchstadt erinnere ich mich. Karl der Große wurde hier gekrönt. Und zwar im Jahr 800 (eine der wenigen geschichtlichen Zahlen, die sogar ich mir merken kann). Der Karlspreis wird hier vergeben. Und der Preis wider den tierischen Ernst. Aber was ist mit Alemannia Aachen? „Jupp Kapellmann“ sagt mein Mit-Adler und ich zucke leicht zusammen. Der gehört doch eher nach Köln und Bayern? Ja schon, aber – mein Mit-Adler hat natürlich (wie so oft) recht - : Dr. Jupp Kapellmann hatte seinen ersten Profivertrag bei der Alemannia. Und auch ein anderer Jupp war mit Aachen erfolgreich: Jupp, der Wal (Wie war das noch gleich? Das einzige Säugetier, das von Fußball aber auch wirklich überhaupt keine Ahnung hat). Auch Torsten Frings wurzelt in Aachen (klick – oops!) - diese Tatsache war mir merkwürdigerweise vollkommen fremd. Anders als der Name von Willi Landgraf, der mit 508 Spielen den Zweitligaspiele-Rekord hält. Ein Kämpfer, ein Urgestein, ein Spieler, den „man“ eigentlich mag, mit dem ich mich aber trotzdem, warum auch immer, nie so recht anfreunden konnte. Und das obwohl seine Antwort auf die Frage, warum er nie in der ersten Bundesliga gespielt habe („Um ehrlich zu sein: Ich hatte nie ein Angebot.“) fast schon gerlandsche Größe hat. Inzwischen führt Willi Landgraf Fußballcamps durch und ist wenigstens nach seiner Spielerkarriere in der Bundesliga - als Jugendtrainer bei Schalke - gelandet. Nicht so Erik Meijer, sein Kumpel aus Aachener Tagen, der zwar Holländer ist, aber keine Wohnwagen mag und heute bei der Alemannia bei der Vermarktung des neuen Stadions „mit anpackt“. Kampf-
a.D.

Apropos Stadion. Den Tivoli kennt jeder. Jetzt muss erst einmal herausgefunden werden, ob er nach dem Umbau noch das ist, was er mal war. Wobei: Alles wird.

Ein Anruf bei einem Freund, der in Aachen aufgewachsen ist, bringt weitere Erstaunlichkeiten über Aachen zutage, denn – siehe da – die Aachener scheinen ein merkwürdiges Völkchen zu sein: Wenn sie sich sich irgendwo außerhalb ihrer Stadtmauern begegnen, zeigen sie sich den Klenkes. Echt wahr.
Den Klenkes. Und finden nicht mal etwas dabei.

Das war’s jetzt aber wirklich zu der Stadt, die sich eigentlich Bad Aachen nennen könnte, auf den Zusatz „Bad“ aber verzichtet, damit sie weiterhin ganz oben in der alphabetischen Liste der deutschen Städte stehen bleiben kann. Stopp, stopp – da ist doch noch was: Aachen als letzter Halt vor der belgischen Grenze fällt mir nämlich noch ein. Zu Studi-Zeiten, wenn wir Richtung Irland getrampt sind, war Aachen immer der Ort, bei dem es um Top oder Flop ging. Entweder wir bekamen hier einen Lift, der in einem Rutsch durch Belgien durchging – dann war alles klar. Oder wir wurden hier von einem Autofahrer aufgegabelt, dem belgisch zu Gemüte war. Zwei mal sind wir von Aachen gestartet und unter äußerst mysteriösen Umständen mitten in Belgien hängengeblieben. Lost in the middle of nowhere. Nein, das war kein Spaß – oder irgendwie doch.

Aber zurück auf den grünen Rasen. Dort wird die Alemannia spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends alle Jahre wieder als Mitfavorit für den Aufstieg von der zweiten in die erste Bundesliga gehandelt – und scheitert in der Regel. Endlich, in der Saison 2005/06 war es dann so weit – nach mehr als 35 Jahren Abstinenz, nach Sehnen und Hoffen gelang der Aufstieg - nach nur einem Jahr war der Traum - unser Glück, der Aachener Leid - wieder vorbei. Auch in der Pokalgeschichte gab es vor nicht allzu langer Zeit ein Aachener Highlight: Die Pokalrunde 2003/04. Da verlor die Alemannia zwar im Finale gegen Werder Bremen, qualifizierte sich aber trotzdem für den UEFA-Cup. Der Ausflug in den Europapokal endete dann nach der Gruppenphase. Na ja, das kommt in den besten Familien…ähem…Vereinen vor.

Zum Schluss noch zwei Spiele der Aachener, die mir besonders gut im Gedächtnis geblieben sind. Warum? Na klar, weil sie mit der Eintracht zu tun haben. Zum einen das Spiel der Aachener in der Saison 2002/03 gegen die 05er aus Mainz. Da gewannen die Aachener mit 3:0, die Eintracht spielte zu Hause zwar nur 0:0 gegen Union Berlin, zog aber trotzdem an den05ern vorbei und stand (4 Spieltage vor Saisonende) wieder auf einem Aufstiegsplatz. Beste Ausgangssituation für das direkte Aufeinandertreffen mit den M1ern am Bruchweg am nächsten Wochenende. Das lief dann leider anders als erhofft. Mmh. Na ja – am Ende ist ja dann – wie wir alle wissen :-) - trotzdem die richtige Mannschaft aufgestiegen. Das zweite Spiel ist das direkte Aufeinandertreffen mit den Aachenern im Waldstadion in der Saison 2006/07. Ein strahlend schöner Tag. Ein 4:0. Und nach den bitteren Heimniederlagen gegen Cottbus und Bochum endlich, endlich die Erleichterung, dass uns jetzt eigentlich nichts mehr passieren konnte, die Eintracht drin bleiben würde.

Nicht annähernd so dramatisch ist die Ausgangssituation für das Pokalspiel morgen. Zum Glück. Gewinnen werden wir auch morgen, so viel ist klar. Aber vier Tore müssen es gar nicht sein. Obwohl - schön wär’s schon. Doch. Schön wär’s.
PS: Sag noch mal einer, dass einem zu Aachen nichts einfällt. Und das ist längst nicht alles. Noch viel mehr rund um die Alemannia und Aktuelles zum Spiel am Mittwoch kann man im Eintracht-Forum nachlesen. Klick.

Freitag, 18. September 2009

HSVerlei.

Was fällt mir ein, wenn ich an den HSV denke? Das:

Blau. Uns Uwe. Pitralon. Hinterkopf-Kopfball. Volksparkstadion. Willi Schulz, der Worldcup-Willi. Charly Dörfel (wird heute 70!) . Toupet-Werbung. Die Plastiktüte von Ernst Happel. Grantler. „Wenn’s d Angst hast, brauchst net spuin.“ Günter Netzer, der schon mal bei einem Dylan-Konzert war: Und zwar genau einmal. Hier kommt Alex. Das Loch in der Wand der Trainerbank . Raute. Rote Stutzen. Ju-ju-jusufi. Juventus Turin. Die Riesensonnenbrille von Felix Magath auf dem Europapokalsiegerfoto. Mighty Mouse. Auslosung unter den Einsendern zum Tor des Monats. Keegan zieht, liest vor „Günther Netzer“ und lacht sich scheckig. Uli Stein. Der Fausthieb. 1991: Uli fällt wie eine Bahnschranke. 0:6 gegen den HSV im Waldstadion. Die Trennung von Jörg Berger. Das Kopfballungeheuer, der „Rubsch“ (so nannte ihn mein Opa immer). Die Bananenflanken von Manni Kaltz. Cosmos New York. Mladen Pralija, der schlechteste Torhüter der Welt. Doppelpass HSV – Eintracht: Uwe Bein. Tony Yeboah, alterslos. Jörn Andersen, Torschützenkönig. Jan Furtok, der Fuddler. Heinz, der Gründel. Naohiro Takahara schalalala. Mehdi. 2003/04: Abstieg in Hamburg besiegelt. Max und Konsorten. Ha- ha – ha – ha es vau. Uschi Faluschi. Thomas Doll. Herzenssache. Hamburg meine Perle. Lotto King Karl. Sorin = Der, der nie spielt. Wechsel-Theater um van der Vaart. Letztes noch verbliebenes Bundesliga-Gründungsmitglied. Die Uhr tickt. Dino. 2007/08: Heimsieg. Alexander Meier. Tor. Tooooooooor. Die Mannschaft des HSV, die sich im fast leeren Waldstadion nach dem Spiel ausläuft, während der Spielbericht über den Video-Würfel flimmert. 2008/09: 34. Spieltag, 90. Minute. Das 2:3 zum Abschied von FF. 2009/10: Der schöne Bruno. Elia, den ich gerne für meine Rheinhessenliga-Mannschaft verpflichtet hätte, den mir aber einer meiner Mitstreiter wegschnappt. Guerrero. Kreuzbandriss. Tabellenführer. 0: 3 gegen Rapid Wien. Spitzenspiel im Waldstadion. Erster Heimsieg der Eintracht seit über fünf Monaten. Yep.

Die Linke kommt, die Kerb geht, die Eintracht bleibt

Mainz, 15. September. Heute findet hier eine der zentralen Wahlkampfveranstaltungen der Linken statt. Oskar Lafontaine kommt. Könnte man sich eigentlich mal ankuckenhören? Könnte man eigentlich. Also los. Vor dem Theater ist eine Bühne aufgebaut, der Platz davor eingezäunt, ein Infostand. Eine relativ große Zahl von Flugblattverteilern und Wahlhelfern und eine relativ größere Zahl von Polizisten sind im Einsatz. Das Zuschauerinteresse hält sich noch in Grenzen. Allmählich füllt sich der Platz. Das Wetter ist gut, graumilchigmild. Die Menschen verteilen sich auf den Stufen vor dem Eingang des Staatstheaters. Wir auch. Um den Getränkestand und vor der Bühne bilden sich kleine Grüppchen. Der Mainzer Spitzenkandidat outet sich als 05er; ich freu mich, dass ich meine Eintracht-Jacke anhabe. Bühne frei für die Berliner Band Polkaholics, die getragen von polterndem und schepperndem Bläsersound von Döner Kebap und von Berliner Pflanzen singt. Der Dom bildet die Kulisse. Mein Mit-Adler kaut an einem Hamburger und ich lasse den Blick in die Runde schweifen. Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft, der hier versammelt ist, aber nicht gerade ein typischer. Auffallend viele junge Menschen sind da, um die zwanzig oder jünger – ungefähr ebenso viele nicht mehr ganz junge ab 40 und eine erstaunlich große Gruppe von Älteren und Alten. Kaum vertreten: Die Gruppe der 20 bis Mitte/Ende Dreißigjährigen, entsprechend auch nur ganz vereinzelt kleine Kinder. Die Linke als Aufbruchsbewegung, als Stachel im Fleisch, als Sammelstelle anders Denkender? Mag sein – der Aufbruch hat heute jedenfalls ein erkennbar anderes Gesicht als etwa zu den Anfangszeiten der Grünen. Das hier ist keine alternative Szene, wenig buntes, kaum Freaks. Keine Westen, Pullover, Hunde, Blumen, Stricknadeln. Keine grellen Outfits, Punks, Stirnbänder, Ketten, Bärte. Wenig Drop-Outs. Es überwiegt das Unauffällige und Solide. Anoraks und Turnschuhe. Jeans und Jackett. Erkennbar viele Alt-Linke, die sich schon optisch den Bewegungen zuordnen lassen, denen sie wohl mal angehörten. DKPler: Solides Schuhwerk, Frauen mit kurzen Haaren, Rücksäcken. Ehemalige K-Gruppen: Brille, Jeans, Jackett, die Männer häufig mit längeren, inzwischen ergrauten Haaren, zum Zopf gebunden. Die Frauen eher in Röcken als in Jeans. Friedensbewegte: Schmal, ernsthaft, T-Shirt, Strickjacke. Mütze. Alt-Sozialisten: Die Frauen mit grau gelockten Haaren, flachen Schuhen, Popelin-Mänteln. Die Männer mit Blousons, viele mit Hut auf dem Kopf, Zeitung unter dem Arm. Auch bei den Youngstern: Wenig „Szene“, eher ernsthafte junge Menschen.

Hinter der Bühne parkt das Oskar-Mobil und dort steht jetzt auch schon Oskar, der gleich seine Rede halten wird. Wahlhelfer postieren sich mit roten und blauen Fahnen unterm Publikum. Ca. drei- oder vierhundert Menschen werden es sein, hätte mehr erwartet, gedacht, dass der ein oder andere einfach auch aus Lafontaine-Neugier kommt. Die hält sich offensichtlich in Grenzen. Lafontaine spricht. Hartz 4 (Nein, kein Aufruf, die Signale zu hören). Mindestlohn. Finanzkrise. Afghanistan.

Witzigerweise habe ich mich in den vergangenen Tagen mit der Analyse von Reden beschäftigt und kann jetzt meine Kenntnisse testen. Alles da. Anapher. Epipher. Klimax und Antiklimax. Exclamatio. Hyperbel. Ironie. Sarkasmus. Interjektion. Paradoxie. Pluralis auctoris. Rhetorische Frage. Imperativ. Nochmal: Rhetorische Frage. Imperativ. Beifall. Winken. Abgang. Noch einmal die Polkaholics. Die Menge löst sich auf.

Schnitt. Zurück im rheinhessischen Hinterland. Die Dämmerung hängt bereits über dem Ort. leichter Wind. Erstaunlich viel los ist heute noch auf den Straßen. Na klar: Am Wochenende war Kerb, heute ist der letzte Tag. Kerbebeerdigung. Kenne natürlich dieses jährlich stattfindende Ritual, war aber noch nie dabei. Überall kleine Trupps von Menschen, die Richtung Ortsmitte unterwegs sind. Wir zögern einen Moment. Verständigen uns kurz. Ok. Wir strömen mit. Der Kerbeplatz ist rund um die alte Schule aufgebaut, die heute als Ortsverwaltung dient. Am Bratwurststand sind (T-Shirts können sprechen) die Kerbevädder und Kerbemüdder im Einsatz. Ein Bierstand. Eine Schießbude, davor ein kleines Karussell, links ein Stand mit Süßigkeiten, das war’s. Im eingezäunten ehemaligen Schulhof stehen Biertische und Bänke unter Kastanienbäumen. Bunte Lichterketten. Am Wochenende war es hier gerammelt voll, jetzt sind nur noch vereinzelte Tische besetzt. Da hinten sitzt der letztjährige Kerbejahrgang – auch er (logisch!) erkennbar an den entsprechenden T-Shirts. Dort zwei Kids, die sich eine Currywurst teilen. Das Gros der Leute hat sich um den Bierstand gruppiert, Anwohner haben sich Stühle vor ihre Häuser gestellt, sitzen dort und beobachten das, was der Kerbejahrgang als „Kerbespiele“ angekündigt hat. All das könnte grotesk oder „tümlich“ sein, vielleicht sogar peinlich - ist es aber nicht. Irgendwie scheint es richtig, so wie es ist. Wir grüßen hier und da einen Bekannten, trinken unser Bier bzw. unseren Sauergespritzten, essen unsere Wurst. Lachen. Stimmengewirr. Wem ist die Kerb? Unser. Ich klettere auf das Mäuerchen, das den Schulhof einfriedet, halte mich an dem verschnörkelten Eisengitter fest und habe alles bestens im Blick. Der Kerbejahrgang rennt, robbt und trinkt. Die Kerbegäste nehmen lebhaft Anteil. Klatschen, feuern an. Das letzte Spiel. Aus.

Zeit für ein paar informelle Dankesreden, die trotz schwerer Zunge einigermaßen fehlerlos durch die Yamaha-Lautsprecher auf uns hernieder schallen. Die Mütter des Kerbejahrgangs werden herbei gerufen und mit Blumen beschenkt. Mit dumpfen Paukenschlägen nähert sich der Kerbe-Beerdigungszug. Die Kerb wird an den nächsten Kerbe-Jahrgang weitergegeben. Aufgereiht stehen sie jetzt dort oben, neben dem Karussell, gickeln und kündigen an, dass im nächsten Jahr die Kerb noch viel schöner werden wird. Letzter Auftritt auch für die diesjährigen Kerbemüdder: Sie tragen große Bleche mit Riwwlkuchen, die der ortsanssässige Bäcker hat – wie jedes Jahr – gestiftet hat und der jetzt an alle Beerdigungsgäste verteilt wird. Schön war’s. Wir machen uns auf den Heimweg.

Schnitt. Der nächste Abend. Der Tag, die letzten beiden Wochen waren anstrengend, holprig, aufreibend. Trotzdem. Meine Karte für den Eintracht-Film „Träume in schwarz und weiß“ habe ich mir letzte Woche schon im Museum besorgt, setze mich also um zwanzig nach sieben in mein Auto und fahre in Richtung Frankfurt. „Fahr vorsichtig!“ „Klar, mach ich!“ Trotz IAA sind die Straßen relativ leer. Alles easy! Um Punkt 8 bin ich in Frankfurt – um viertel nach 8 soll es losgehen. Kein Problem. Eigentlich. Es ist schon dunkel als ich am Museumsufer vorbei über die Brücke Richtung Innenstadt fahre. Joe Strummer singt. „Somewhere in my soul – it’s always Rock’n Roll.“ Die Skyline hebt sich gegen den graublauen Himmel, erste Lichter blinken, der Main glitzert. Wow.

Bilde mir ein, dass ich mich eigentlich ein bisschen auskenne in Frankfurt (Eschenheimer Anlage. Weiß doch jeder. Ist mitten in der City. Das werde ich schon finden.) Aber jemand, der sich, wie ich, wenn’s drauf ankommt sogar in seiner nächsten Umgebung schon mal verirrt, sollte mit solchen Aussagen vorsichtig sein. Nachdem ich also zum dritten Mal die Kaiserstraße, die Mainzer Landstraße und den Rossmarkt gekreuzt habe und die Uhr 8.20 zeigt, verfalle ich in leise Resignation. Biege hier ab, dort ab – kreuze durch – huch! - vollkommen verlassene finstere Ecken, ein japanisches Paar huscht über die Straße, ein Mann in Jogging-Hose mit großem Hund, eine Kneipe mit dämmrigem Licht, davor ein paar leere Tische. Plötzlich wieder erleuchtete Ladengalerien. Links? Rechts? Entscheide mich für links. Fahre wieder ins Dunkel und lande wieder am Main-Ufer. Obwohl ich jetzt heute schon zum vierten Mal hier vorbei komme, überwältigt mich dieses Mal der Anblick - der Eiserne Steg, das erleuchtete Museumsufer auf der anderen Main-Seite, die Lichter blinken auf dem Wasser. Überlege ob ich einfach aussteige, entschließe mich doch noch einmal Richtung Hauptbahnhof zu fahren. Wieder die Mainzer Landstraße. Rechts bin ich vorhin schon mal abgebogen. Richtung Messe ist falsch, ganz sicher. Halte mich halbrechts und finde mich auf einer Ausfallstraße wieder. Fünf nach halb neun. Jetzt gebe ich auf und fahre einfach weiter. Fast habe ich vergessen, warum ich eigentlich hier bin. Zubringer zum Rebstockbad, zur Messe. Menschenleer. Hochhäuser mit erleuchteten Fensterreihen.

Richtung Höchst, Grießheim? Egal. Fahren. Fahren. Fahren. Merke wie ich eine Art konzentrierte Entspanntheit falle. Keine Musik mehr. Nur ich, das Auto und die Nacht um mich her. Straßen und Lichter. Häuserreihen. Zwei knutschende Teenies neben einer Ampel. Wolkenformationen. Gefühl als sei da nichts mehr zwischen mir und der Nacht; es ist nicht das Auto, es bin einfach nur ich, die da durch die Schwärze der Nacht fliegt. Der Verkehr um mich herum wird wieder lebhafter. Autobahnzubringer, fädele ein. Passiere den Flughafen. Schemenhafte Gebäude, links und rechts. Hell erleuchtet das Steigenberger. Oder ist es ein Hyatt? Blinkende Lichter von den Masten. Abfahrt Rüsselsheim. Wie lange war ich nicht mehr hier? Warte auf das bekannte wehe Gefühl, das mich jedesmal einholt, wenn ich mich der Stadt nähere, in der ich aufgewachsen bin. Nichts. I can stand it. Vorbei am Friedhof. Hell leuchtet die Mauer. Fahre durch vertraute Straßen. Life - statt Live-Stream. Halte kurz an. Weiter. Auto wieder anlassen. Rechts, rechts und wieder links. Schön langsam. Hier wird überall geblitzt. Fahren. Fahren. Fahren. Wieder eine Brücke, dieses mal über den Rhein. Vorbei am Industriegebiet. Die schnurgerade Rheinhessenstraße. Wieder zu Hause. Halb 11. Steige aus und merke, dass mir die Beine ein wenig wackeln. Bin hungrig und müde wie ein Stein. Mir fällt ein, dass ich eigentlich losgefahren war, um mir den Eintrachtfilm anzusehen. Manchmal muss man aufbrechen, um zu bleiben. Taste nach der Eintrittskarte in meiner Hosentasche. Träume in schwarz und weiß. Irgendwie hat das Ticket auch ohne Kino seine Funktion erfüllt. Und den richtigen Film, den schau ich mir später auf DVD an.

Freitag, 11. September 2009

Eintracht-Schnipsel (26. August - 11. September 2009)

26.08.09
Das
Frankfurter Städel wird erweitert. Gelbe Stiefel (als „Symbol für gemeinschaftliches Anpacken“) sind das Erkennungszeichen der begleitenden Spendenkampagne, die auch von der Eintracht unterstützt wird. Das ist nur logisch. Denn das Städel ist eine Frankfurter Institution. Genau wie die Eintracht, die wie Heribert Bruchhagen es formuliert hat, „Teil der Kultur dieser Stadt“ ist. Wo er recht hat, hat er Recht. Das merkt man auch schon daran, dass sich auch die Aufstellung im Städel sehen lassen: Im zentralen Mittelfeld der wuchtige Rembrandt. Auf der linken Außenbahn: Der junge, mitunter noch etwas ungestüme Picasso. In der Innenverteidigung der kompromisslose Beckmann neben dem abgeklärten Franzosen Renoir. Auf der Sechs: Der kreative Paul Klee, der mit dem öffnenden Pass in die Tiefe – direkt auf Matisse. Tooooor.

Abends beim Fernsehen bleibe ich an einem Dokumentarfilm über den „neuen“ Prenzlauer Berg hängen, der mir den Schweiß auf die Stirn treibt. Die Menschen, die dort leben, sind Weltbürger. Sie sind Anwälte, Ärzte oder Architekten. Sie sind jung und schön –kaum einer ist älter als 40 („Das finden wir ja gerade so angenehm“). Eine homogene, mit sich selbst sehr zufriedene Gutmenschen-Gemeinschaft, die (fast) alles, was früher mal den Prenzlauer Berg bevölkerte, weg saniert hat. Sie sind intelligent, kulturbeflissen und erfolgreich und: Sie haben zwei Kinder, mindestens. Die schieben sie alle im gleichen Buggy durch die Gegend, in der ein Lädchen malerischer ist als das vorhergehende, in der es Straßencafés, Kulturzentren, Delikatessgeschäfte, vorbildlich ergonomisch ausgestattete Kinderspielplätze und Bioläden gibt. Sie verwirklichen neue Lebensmodelle, diskutieren alles aus, gehen zur Baby-Massage, kaufen Dachgeschosswohnungen, essen ihren Basmati-Reis in ihrer Designerküche und schützen das Klima. Auch die TV-Moderatorin Sandra Maischberger lebt hier und berichtet, dass sie jetzt, wo sie ein eigenes Kind hat, „endlich auch dazu gehört.“ Das Leben – ein Event. Herzlichen Glückwunsch.

27.08.09
In der Champions-League-Auslosung sind wir in diesem Jahr leider noch nicht dabei. Aber vielleicht ist es ja schon in 30, 40 Jahren soweit und dann feiern wir ein „Freudenfest im Altersheim bei Himbeersaft und Haferschleim.“ So der Titel des Theaterstücks, das heute von einer Laientheatertruppe in der Gutsschänke bei uns im Ort aufgeführt wird. Duffdä.


28.08.09
Also doch. Bayern verpflichtet Arjen Robben. Die Frankfurter Rundschau bezeichnet ihn geistreich als „dribbelnde Antithese zum Kurzpass-Spiel“. Grübel. Heißt ja wohl: Kurzpass-Spiel ist nur solange das einzig Wahre bis einer kommt, der richtig Fußball spielen kann.


Markus Pröll und Dragoslav Stepanovic haben heute Geburtstag. Rätselfrage: Markus wird X, Stepi (2 x X) + 1 Jahre alt. Wie alt ist der eine und wie alt der andere?


29.08.09
Heimspiel gegen Dortmund. Auf dem Weg ins Waldstadion müssen wir noch einen wahlkämpfenden Mit-Adler aufpicken und erhalten einen Eindruck davon, welch genau kalkulierte Strategie hinter dem Einsatz von Give Aways im Wahlkampf steckt. Die Linke verteilt z.B. Kondome mit der Aufschrift „Rot ist die Liebe“. Das weiß ich allerdings nur aus Erzählungen. Denn für ältere Menschen – jaja, dazu gehöre ich wohl – werden keine Kondome, sondern stattdessen - zielgruppengerecht - Kreditkartenhalter und Brillenputztücher bereit gehalten. Ein ebensolches benutze ich jetzt, um mir die Augen zu reiben. Stimmt – sehr praktisch. Ööt. Ööt. Einsteigen. Wir fahren los. Im Auto blödeln wir weiter herum. Wenn die Grünen ebenfalls Kondome verteilen, dann böte es sich ja an, das Päckchen mit ihrem Wahlkampfmotto – WUMS – zu verzieren. Mein Mit-Adler ergänzt: „Und es bliebe zu hoffen, dass sie darauf verzichten, ‚mal wieder‘ hinzuzufügen.“


Vor dem Spiel noch eine lecker Bratwurst am Fantreff Black & White und ein überraschendes Treffen mit einem alten Freund am Rande des Spiels. Im Stadion sehen wir ein höchst ansehnliches, ein richtiges Fußballspiel - Nervenkasper. Tore. Uffreschung. Schöne Kombinationen. Eine bis zum Schluss spielende und kämpfende Mannschaft. Der Fast-Siegtreffer in letzter Minute. Und zum Schluss: Ama, der coole griechische Held, der gefeiert wird und sich feiern lässt.

In den Sonnenuntergang fahren wir nach Hause. Froh. Müd. Durstig. Kurzer Stopp an der Tankstelle, um ein kaltes Getränk zu erwerben. Was ist das? Die Tankstelle wurde vor kurzem überfallen, aus Sicherheitsgründen läuft der abendliche Verkauf deshalb jetzt via Nachtschalter – einer Art Klappe mit lautsprecherverstärktem Mikrofon auf beiden Seiten der Glaswand. Und so schallt es gut hörbar in die dämmrige Landschaft, dass der grauhaarige Herr einen Schokoriegel und eine Blöd-Zeitung, die blondgelockte Dame im Trainingsanzug ein Päckchen Zigaretten und wir eine Flasche Limo, Tabak und Kaugummi kaufen. Brave new world.


30.08.09
Die SPD bleibt bei der Landtagswahl in Sachsen mit knappem Zugewinn gerade mal so über der 10%-Marke, , bleibt in Thüringen deutlich unter 20% und hält in Saarbrücken, wenn auch mit deutlichen Verlusten, einen knappen Vorsprung vor Uns Oskar. Frank-Walter Steinmeier erklärt, dass dieser Wahlabend für die SPD ein guter Tag sei und es Grund zur Freude gibt. Man stelle sich vor: Die Eintracht hat zuhause zwei Mal hintereinander 0:0 gespielt und im dritten Heimspiel eine 1:3 Niederlage gegen die Oxxenbächer kassiert – trotzdem bricht nach dem Spiel Jubel aus, weil über den Videowürfel verkündet wird, die Bayern und die Hoffenheimer hätten auch verloren. Mmh.


31.8.09
Er kommt. Er kommt nicht. Er kommt. Er kommt nicht. Er kommt. Während in Frankfurt über den Last-Minute-Transfer von Lincoln verhandelt wird, erstreckt sich über dem Ort, an dem ich lebe, ein wunderschöner, hoch gewölbter Regenbogen. Um 22 Uhr 56 ist klar: Lincoln kommt. Doch nicht. Wie sagt man im Hessischen: „Da hammern auch net gewollt.“


1.9.09
Im Eintracht-Forum wird dazu aufgerufen,
Ama zum Tor des Spieltages zu wählen.

2.9.09
Beim Testspiel in Hofheim flüchtet Markus Pröll vor Autogrammjägern, fällt dabei über ein kleines Mädchen und zieht sich eine
Schultergelenkssprengung zu. Die Verletzung ist alles andere als lustig, die Situation, in der es dazu kam, zumindest kurios. Kann mich trotzdem nicht so richtig darüber amüsieren. Wer in den letzten Wochen mal bei einem Testspiel war, weiß, dass man als Eintracht-Spieler schon mal einen Grund haben kann, um vor seinen Fans zu flüchten.

Sebastian Jung gehört zum Aufgebot für die U20-WM, die Ende September in Ägypten statt findet. Freue mich.
4.9.09
Eigentlich wollten wir heute zum Testspiel nach Mörfelden. Aber ein Termin zieht und zieht sich und schließlich ist es zu spät zum Losfahren. Es regnet in Strömen. So etwas kann einen Eintrachtler nicht schrecken. Wild und entschlossen wird dem Wetter getrotzt und per
SMS-Ticker ans Forum berichtet. Überlege, ob ich sympathetisch meine Füße in einen Wassereimer stellen soll. Ach nein, doch nicht.

5.9.09
Bundesligafreies Länderspiel Wochenende. Stürmischer Wind, ein Hauch von Herbst liegt in der Luft.


Jetzt geht der Umbau im Städel richtig los – heute findet das Spatenstichfest statt. Auch die Brauerei Binding (ebenfalls Teil der Frankfurter Kultur?) unterstützt die Erweiterung. In einem Gewinnspiel wird dazu aufgerufen, einen Vierzeiler zu verfassen. Als ersten Preis gibt es eine Jahreskarte fürs Städel – schön. Die nächst Platzierten können immerhin “ Binding-Design-Gläser“ und – klar – gelbe Gummistiefel gewinnen. Mal sehen, ob mir was einfällt:

Im Städel wird gebaut
Bei Binding wird gebraut
Im Stadion wird gelacht
Eintracht Eintracht.


Mmh. Zweiter Versuch:

Im Städel schäumt Prosecco
Bei Binding schäumt das Bier
Im Wald, da siegt die Eintracht
Dann schäumt die Stimmung hier.


Na ja. Aber mal ehrlich: Bei den schlappen Gewinnen kann man auch nicht mehr erwarten.


6.9.09
Gestern war die Welt wild und stürmisch, heute ist sie sonnig und der Tau glitzert im Gras. Verbringe den Vormittag im Garten, erst rupfend und zupfend, dann sitze ich träge in der Sonne, lese, träume. Eine Libelle sonnt sich auf meinem nackten Knie. Sie ist rot, nein, tatsächlich sie ist: rotundschwarz. Der Kopfteil mit grünen Einsprengseln, der Körper gestreift. Sehe ihr zu, wie sie mit dem Kopf arbeitet, die Flügel – auf jedem ein kleiner runder Fleck – ausbreitet. Die Sonne steht jetzt schon ziemlich hoch. Beobachte die Wolken, die durchsichtig weiß über den milchigblauen Himmel ziehen. Licht. Die Hank Williams-Dokumentation, die ich gestern gesehen habe , klingt in mir nach. Eine Freundin von damals erinnert sich an Hank, der neben ihr hinten in einem Auto sitzt und „I saw the light“ singt. Er bricht plötzlich mitten im Satz ab. Sie fragt ihn warum. Er: „The problem is – there ain’t no light.”


Die Libelle hat inzwischen wie ein Hubschrauber abgehoben und setzt zum Landeanflug auf meinem Fußzeh an. Sie ist so leicht, dass ich nichts von ihr spüre. Mir fällt ein, dass gestern ja doch auch irgendwie Fußball war. Ama hat (wieder,-) gegen Wuschu verloren, so viel habe ich mitbekommen. Aber wie hat eigentlich unsere Nationalmannschaft gegen Südafrika gespielt? Hinter mir plumpst ein reifer Apfel ins Gras. Ok ok. Schon verstanden: Heute kein Fußball.

7.9.09
Andreas Rössl , unser vierter Torwart, ist jetzt auch verletzt. Langsam geht sogar uns der Vorrat aus. Michael Skibbe redet zu aller Freude im HR-Heimspiel die Eintracht groß statt klein und erklärt, dass Caio zwar für den Verein noch nicht viel geleistet hat, aber in Frankfurt zum Symbol für schönen Fußball geworden ist. Außerdem sei er, Skibbe, immer noch traurig, ob der Chance, die die Eintracht verpasst hat, weil sie Lincoln nicht verpflichtet hat. Vorschlag zur Güte: Verpasste Chancen muss man abhaken. Jetzt lieber darauf konzentrieren, die nächsten nicht zu verpassen. Die vor dem Tor, meine ich.


8.9.09
Spontaner Kurzausflug zum Testspiel in Bruchköbel. Wir stecken im Stau, verirren uns und kommen zu spät. Sehen ein munteres Spiel, haben Spaß am Auftritt von Ümit und Juhvel, ärgern uns über Fans, die glauben, die Spieler seien ihr Eigentum. Und freuen uns über Maik Franz, der einem kleinen Mädchen im Rollstuhl sein Trikot schenkt und der einfach das ist, was man aus der Ferne nie vermutet hätte: Ein guter Typ und – wichtiger – ein richtig netter Kerl.


10.9.09
Rüsselsheim, die Stadt in der ich geboren bin, ist keine besonders heimeliger Ort. Rüsselsheim ist Opel. Mein Opa, mein Vater, mein Onkel Heinz, meine Tante Lisabeth – alle haben sie dort gearbeitet. Heute verkündet GM, dass Opel an Magna verkauft wird. Ob das gut oder schlecht ist, muss sich noch herausstellen. Zunächst herrscht überall Erleichterung. Der Pressesprecher von GM nutzt die Gelegenheit, um Opel neu zu positionieren: Nein, Opel produziert nicht einfach nur Autos, sondern das Unternehmen befindet sich „im unteren Segment des oberen Mittelklassevolumens“. Hey – genau wie die Eintracht. Das hätte Heribert Bruchhagen nicht schöner sagen können.


11.9.09
Der Kicker vermeldet, dass Freiburg beim Spiel gegen die Eintracht auf Jonathan Jäger verzichten muss. Hat Achillessehne. Das dürfte für uns nicht unbedingt ein Nachteil sein.


Am Rande eines Termins in Frankfurt fahre ich kurz am Waldstadion vorbei, um mir eine
Kinokarte zu besorgen. Das Abschlusstraining läuft, komme gerade noch rechtzeitig zu den letzten Minuten. Der Wind weht, die Sonne scheint. Alex Meier legt nach dem Training noch eine Sonderschicht ein. Torschusstraining. Mit dabei sind Mehdi Mahdavikia, der von rechts die Flanken vors Tor schlägt und Erman Muratagic, der morgen in Freiburg auf der Bank sitzen wird. Für einen Torhüter ist er, so kommt es mir vor, erstaunlich klein. Ein bisschen aufgeregt wirkt er. Kein Wunder. Alles noch so neu. Damit hatte er so schnell sicher nicht gerechnet. Bin gespannt, wie er sich macht. Flanke. Kopfball. Drin. Beinahe hätte er ihn noch gehabt. Flanke. Direktabnahme. Knapp drüber. Flanke. Kopfball. Muratagic fischt den Ball aus dem rechten oberen Eck. Reaktionsschnell. Flanke. Direkt abgezogen, dieses Mal ins kurze Eck. Hey, das sieht gut aus. Von beiden.

Freiburg, wir kommen!

Donnerstag, 10. September 2009

Schnipsel Info

Kurze Info für alle, die am gestrigen Mittwoch vielleicht (hoffentlich ,-) auf neue Schnipsel gewartet haben: Manchmal funktionieren die Dinge nicht so, wie man es gerne hätte. Deswegen eine kleine Verzögerung: Neue rotundschwarze Schnipsel gibt es aber auf jeden Fall noch vor dem Wochenende!

Mittwoch, 9. September 2009

Stippvisite in Bruchköbel

Nach Bruchköbel ist es nicht weit, es liegt irgendwo im Hanauischen. Trotzdem kann der Weg dorthin manchmal länger sein als man denkt. Zum Beispiel dann, wenn man nicht den direkten Weg wählt, sondern – wie in der Anfahrtsbeschreibung vorgesehen – immer Richtung Hanau-Nord fährt. Das ist nämlich überall. Zumindest kommt es uns so vor, nachdem wir drei mal im Kreis gefahren sind, ohne anzukommen. Aber als es uns dann endlich gelingt, aus dem Kreis auszuscheren, ist alles eigentlich ganz einfach. Niederau. Bruchköbel. Das Stadion liegt mitten in einem Wohngebiet, die direkte Zufahrt zum Stadion ist abgesperrt. Wir parken, wo wir noch einen Platz finden, Stadiongeräusche hängen in der Luft und wir hasten – sagte ich bereits das wir zu spät sind? – den Geräuschen und dem Bratwurstgeruch nach. In den Vorgärten, an denen wir vorbeikommen, herrscht Feierabendstimmung, hier wird ein Schwätzchen gehalten, dort das Blumenbeet geharkt. Nett hamses hier.

Endlich. Wir sind da. Nein, auf dieser Seite ist der Eingang für Menschen mit vorbestellten Karten. Also schnell auf die andere Seite. Uff. Das Spiel des Bezirksligisten SG Bruchköbel gegen die Eintracht hat natürlich längst begonnen. So verpassen wir also leider, leider auch die auf der Homepage angekündigte Premiere der eigens zum Jubiläum komponierten Vereinshymne. Schade. Immerhin sind wir noch rechtzeitig genug, um zu erleben, dass in Bruchköbel auch bei den Eintrittspreisen liebgewordene Traditionen gepflegt werden. Hier gilt noch das Motto „Frauen, Kinder, Greise, zahlen halbe Preise.“ Und so sind wir - obwohl noch nicht im Greisenalter - zu dritt für 23 Euro dabei. Der kleine Sportplatz ist ziemlich überfüllt und wir kommen gerade rechtzeitig, um – aus der zweiten Reihe – (huch, schon 25 Minuten gespielt und jetzt erst?) das 2:0 der Eintracht mitzubekommen. Ziemlich gleich danach verlässt Paddy Ochs frühzeitig das Spielfeld. Nochmal huch.

Wir sind hungrig und durstig. Die Bratwurst schmeckt. Bier, Äppler, Limo gibt es vermutlich im VIP-Zelt, aber auch an allen vier Ecken des Stadions. Die Toiletten befinden sich im Vereinsheim, wer sich auf der verkehrten Seite der Absperrung befindet, die so etwas wie den „Spielertunnel“ bildet, muss außen um das Gelände herum. Macht ja nix. Nahezu jeder im Stadion trägt ein Eintracht-Trikot, ein Shirt, einen Schal. Trotzdem spricht der Stadionsprecher hartnäckig und merkwürdig distanziert von „der Eintracht Frankfurt“. Auch die Spielernamen scheinen ihm nicht so recht geläufig: Medivakia, Koomas, Tsaumau. Peinlich? Man kann ja schließlich nicht jeden kennen. Zumindest wird später, kurz vor Ende des Spiels, beim 10:2 für "die Eintracht Frankfurt, ein allen geläufiger Name als Torschütze genannt: Manni Kaltz. Wie bitte? Na ja. Das lassen wir dann einfach mal so stehen.

Auf der Suche nach der Lücke, die uns einen besseren Blick auf das Spielfeld gewährt, umkreisen wir während des Spiels das Stadionrund und sehen also nicht alles, aber doch immerhin genug, um Spaß am Spiel zu haben und einen Eindruck der Spieler zu gewinnen. Die meisten der auf dem Platz befindlichen Stammkräfte – z.B. Marco Russ, Alex Meier – zeigen eine gute und engagierte, wenn auch nicht übermäßig aufgedrehte Leistung. Caio ist ebenfalls einer derjenigen, die bis zur 90. Minute durchspielen – obwohl wir uns Mitte der zweiten Halbzeit fragen, ob wir seine Auswechslung verpasst haben. Nein, nein. Er steht noch auf dem Platz. Leider im wahren Wortsinn.

Das Spiel läuft flüssig. Die, die zuletzt nicht zur Stammformation gehörten, sind bemüht, sich durch individuellen Einsatz in den Vordergrund zu spielen. Das gelingt dem einen mehr, dem anderen weniger gut. Benny Köhler z.B. bietet sich – wie zuletzt in der Liga – durch geradliniges, mannschaftsdienliches Spiel an. Sehr agil, immer anspielbar. Auch Üüüüüüümit zeigt eine starke Leistung, insbesondere in Einzelsituationen, schöne Dribblings, immer mit dem Versuch, den Angriff durch einen Torschuss abzuschließen. Weniger gut wirkt Marcel Heller. Fast schon überengagiert, trotzdem irgendwie glücklos. Wiederum erfreulich: Juhvel Tsoumou, der in der zweiten Halbzeit eingewechselt wird. Von ihm hatte ich zuletzt gelesen, dass er wegen Formschwäche auch bei der U23 auf der Bank saß. Hier agiert er sehr konzentriert, zielstrebig, bemüht, erzielt er zwei Tore – eines davon wunderschön aus schwieriger halbrechter Position. Wir beobachten ihn bereits eine Weile vor seiner Einwechslung beim Aufwärmen. Ernst wirkt er, der Bub, viel ernster jedenfalls als wir ihn vor seiner Verletzung schon erlebt haben. Aber vielleicht täuschen wir uns.

Fußball is – wie jeder weiß - auffem Platz - die schönste, aber auch die unschönste Szene in Bruchköbel fand für mich jedoch am Rande des Spiels statt.

Fangen wir mit dem weniger Schönen an: Nach dem Spiel. Der übliche Sturm auf die Spieler. Trauben auf dem Platz und danach um den Bus herum, der hinter dem Vereinsheim parkt. Eifrig wuselnde kleine Kinder, aber auch viele Halbwüchsige, der ein oder andere Erwachsene. Geschrei. Geschubse. Gedränge. Das ist nicht jeder Manns bzw. jeder Spielers Sache. Muss vielleicht auch nicht. Manche nehmen es geduldig und lächelnd, der andere wirkt genervt und angespannt, manch einer aber auch regelrecht panisch und gehetzt. Und man kann nicht sagen, es gäbe keinen Grund dafür. Nach dem Duschen kommen die Spieler direkt aus dem Vereinsheim durch eine dichte Traube von Menschen; rund um den – abgesperrten Bus – stehen Kids und andere Blick-auf-die-Spieler-Erhaschen-Woller – die Stimmung scheint lustig und entspannt und hat doch fast etwas – ja - latent aggressives. „Hey“ schreit einer von hinten als Mahdavikia kommt, „du Millionär – schreib ma hier was hin.“ „Los – Franz. Hier. Unterschreiben“, kreischt es von hinten, als Franz, der eigentlich schon im Bus sitzt, noch einmal herauskommt und Foto- und Autogrammwünsche erfüllt. „Der Bushido, der Penner, der kommt bestimmt net raus.“ Meckert es von hinten. „Hey, die Sch... Millionäre. Sollen sich net so anstellen“, wiegelt einer den neben ihm Stehenden auf.“ Wir sind doch diejenische, die diefinanziere...“ Bis gestern habe ich über Prölls Flucht vor den Autogrammjägern und die Umstände des Unfalls irgendwie auch ein bisschen gegrinst – seit gestern bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Und jetzt die schönste Szene. Rückblende. Halbzeit. Die Spieler gehen durch das bereits erwähnte abgezäunte „Gängelchen“ ins Vereinsheim. Am Rande der Abgrenzung drängeln sich die Zuschauer, vorne vor allem Kinder. Fotos. Autogramme. Auch hier: Einige der Spieler haben es eilig in die Kabine zu kommen, andere nehmen sich Zeit, reagieren auf die Zurufe. Caio, Russ, Mehdi, Maik Franz lächeln, schreiben, winken noch, während Juhvel und die anderen Youngster schon wieder aus dem Vereinsheim zurückkommen, um sich aufzuwärmen. Maik Franz bleibt bei einem winzig kleinen Mädchen stehen, das – bekleidet mit einem Eintracht-Trikot - direkt hinter der Absperrung in einem Rollstuhl sitzt. Er beugt sich zu ihr hinunter, unterschreibt das mitgebrachte Eintracht-Magazin, knuddelt sie, spricht mit ihr, ganz natürlich, lieb, freundlich. Dann richtet er sich auf, streift sich spontan das Trikot über den Kopf – und schenkt es ihr. Das Gesicht des kleinen Mädchens. Vollkommen überrascht. Strahlend. Wie in Glück gebadet sitzt sie da, hält das Trikot ganz, ganz fest. Franz grinst noch einmal, strubbelt ihr über den Kopf – und weg. Spontanes Klatschen aller Umstehenden. Sehr, sehr anrührend.

Voll von Eindrücken tuckern wir nach Hause. Ach, da ist ja schon wieder so ein Schild: Hanau-Nord. Aber - nö, nö - wir fallen nicht mehr darauf rein: Diesmal lassen wir es einfach links liegen und fahren weiter. Immer geradeaus.

Mittwoch, 2. September 2009

Der Tag, an dem Lincoln (beinahe) zur Eintracht gekommen wäre *

Montagmorgen. Während der Großteil der Eintrachtler noch damit beschäftigt ist, sich an dem ansehnlichen Spiel der Eintracht gegen Dortmund und dem sechsten Tabellenplatz zu erfreuen, werden im Hintergrund bereits große Pläne geschmiedet. Lincoln, der ehemalige Schalker Spielmacher, soll nach Frankfurt geholt werden. Heute um Mitternacht läuft die Transferperiode ab. Die Verhandlungen laufen. Wow! Lincoln? Ächt? Zur Eintracht? Aber mal ernsthaft: Brauchen wir den? Wir haben doch schon einen Brasilianer, der auf genau der Position spielt. Ok ok. Unser Caio ist vielleicht nicht ganz die große Nummer, die wir erwartet haben – aber er ist doch längst, nein, nicht „mein“, aber doch „unser Caio“, an den wir uns jetzt doch irgendwie alle gewöhnt haben.

Es ist warm heute, ich habe einen Abgabetermin. Kann mich schlecht konzentrieren. Kämpfe mich durch meine Mails. Wusel. Raschel. Papierberg. WO genau ist jetzt die Stelle, die dringend überarbeitet werden muss? Telefoniere mit einem Kunden und merke, dass ich auf dem Blatt Papier, das vor mir liegt, Dreiecke zeichne. Drei Punkte: Ein langer Dünner. Ein kleiner Blonder. Ein mittlerer Strubbeliger. Klar: Meier. Schwegler. Ama. Verschiebe Meier nach rechts und positioniere – jetzt brauche ich einen weiteren Punkt (= Chris = Kringel mit schwarzem Haarpüschel) – den verschiebe ich von der Mitte nach schräg links - schwups - ein neues Dreieck. Dreiecksgeschichten. So geht das, das Verschieben. Genau wie Philipp Lahm es neulich anhand von Gummibärchen im Sportstudio erklärt hat. Alle Spieler müssen einfach immer versetzt laufen, nie direkt hintereinander – so ergeben sich die Dreiecke ganz von selbst. Am Anfang sieht das ein bisschen schematisch aus So, wie wenn man ein Gericht zum ersten Mal und nach Rezept kocht und jede Zutat einzeln ganz genau abwiegt.

Apropos. Schon gleich zwölf und ich habe heute noch nichts gegessen. Kaffee. Brötchen. Das Fenster ist weit geöffnet. Eine Biene. Zwei.

Zurück zum PC. Schreiben. Denken. Kopf rauch. Telefon. Telefon. Telefon. Klick aufs Eintracht-Forum. Inzwischen ist es 15 Uhr, das Konzept, das ich heute abliefern muss, ist leider immer noch nicht fertig, aber an der Lincoln-Front verdichten sich die Gerüchte: HR 3 hat vermeldet, die Verhandlungen seien weit fortgeschritten. Noch nichts Definitives. Definitv ist dafür etwas anderes: Habib Bellaid geht zurück zu seinem alten Verein nach Straßburg. Als Ausleihe. Schade, schade – hatte mir so viel erhofft von dem Bub.

Im SAW-Gebabbel-, der heute zum Gerüchte-Fred wird, steigt die Stimmung. Matzel wirft die Vermutung in den Raum, die Verpflichtung von Lincoln sei ein geschickter Marketingschachzug, um die Logen doch noch zu füllen. adlerkadabra findet, das funktioniere wahrscheinlich am besten, wenn man Lincoln selbst mit dazu setzt. Allerdings könne an der Verpflichtgung ohnehin nix dran sein, da ja sonst längst ein Forumler vermeldet hätte, ihn beim Frisör, in der Pizzeria oder im Taxi gesichtet zu haben. Oder wird das etwa doch was? Der Zeugeyeboahs will nämlich bereits gehört haben, dass um 18 Uhr eine Pressekonferenz angesetzt sei. Abwarten.

Zwischenzeitlich werden neue Namen ins Gefecht geworfen. Zum Beispiel Sforza. Sforza??? War nur ein Verschreiber von Nordend, von wegen „Sforza SGE“. Aber wie wär’s mit Kringe? Schlägt Zeke vor. Den kennt Skibbe doch auch noch aus Dortmund. Auch im sport1-Ticker wird vermeldet, dass die Eintracht vor Transferschluss noch einmal nachlegt. Berechtigte Frage von Matzel: „Wen? Wohin?“ Offensichtlich Larsen, denn der wurde – laut SemperFi – ebenfalls von sport1 „in den Raum geworfen“. Nix da, der ist jetzt auch schon bei Hertha. Hey. Wollten nicht eigentlich wir – zumindest Misanthrop – jetzt alles, alles kaufen? Seventh son vermeldet, dass soeben ein italienischer Sportwagen vor der Geschäftststelle vorgefahren sei. Lt. Commander findet bestätigt, was er schon länger vermutet hat: Dass es in Foren grundsätzlich seriös und vertrauenswürdig zugeht. Zwischenzeitlich sind knapp 500 User im Forum anwesend, dafür keine Mods mehr. Es wird spekuliert, dass sie für die Verpflichtung von Lincoln allesamt verkauft werden mussten. Mr. Boccia vertritt die Auffassung, dass das Forum diesen Verlust mannhaft ertragen müsse.

Ich esse einen Joghurt. Das Telefon schweigt allmählich – kein Wunder, geht ja auf sieben Uhr zu – das sollte meiner Konzentration eigentlich förderlich sein. Drucke meine Arbeit aus. Lese, jaja, alles ganz ok. Bleibe jedoch am immer am gleichen Punkt hängen, muss ich noch mal neu machen. Mist. Eine Kollegin wartet auf meinen Input. Wird wohl ein langer Abend. Offensichtlich auch im Lincoln-Fred im Forum. Heinz Gründel meint: „Das geht jetzt bis Mitternacht so weida.“ Ich hege meinerseits die Hoffnung, dass ich dann nicht mehr hier sitze.

Kurzer Break für ein Abendessen (Gebackene Nudeln und Tomatensalat. Danke lieber Mit-Adler).Danach wieder zurück an den PC. Weiter. Weiter.

Um 21.58 vermeldet peter­_aus_wiesbaden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verpflichtung von Lincoln laut transfermarkt.de inzwischen bei 51% liegt, was Filzlaus dazu bringt sich endlich zu offenbaren: Lincoln kommt nicht erst, der ist schon da und sitzt zusammen mit Caio bei ihm im Gadde. 22.14. fastmeister92 vermeldet: Gleich. Ein Interview im DSF. Mit Heribert. Um 22.30 Uhr der erste Dämpfer: Noch keine Einigung. Immerhin sind es jetzt nur noch 85 Minuten bis Buffalo…ähem…Mitternacht. Um 12 Uhr ist alles vorbei. Das stimmt doch? Fragt Frankfurter-Bob. Doch ja stimmt, da die Verhandlungen ja nicht in Brasilien, sondern zu mitteleuropäischer Zeit stattfinden. FelixGnadenlos ist inzwischen so weit, dass er drei Kreuze machen will, wenn Lincoln nicht kommt. Und um 23.24 kann er dies getrost tun. Eine offizielle Pressemeldung bestätigt: Lincoln kommt nicht.

Auch ich bin jetzt endlich so weit, habe mein letztes Mail verschickt. Schluss für heute. Zehn vor 12. Will grade den PC runterfahren, da fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe. Nicht nur in der Bundesliga, auch in der Rheinhessenliga, unserer virtuellen Managerliga, ist heute Transferschluss. Ich wollte doch…. Schnell, schnell – ein Mail an unseren Spielleiter. Gebe den Spieler Cicero (Hertha) an den Pool ab und verpflichte dafür den Spieler Lin… ach, Quatsch: Wer will denn Lincoln? Verpflichte stattdessen den Spieler Meier (Eintracht Frankfurt). Cool. Freue mich.

Jetzt aber wirklich: Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Setze mich aufs Bänkchen hinterm Haus, blinzele in den Sternenhimmel, trinke ein kaltes Bier. Die Bäume schwanken im Wind. Der Frosch quakt.

Das Ende des Tages, an dem Lincoln beinahe zur Eintracht gekommen wäre.

*Klick

Nachtrag: Da es in diesem Beitrag vor allem auch um Ereignisse im Eintracht-Forum :-) geht, habe ich den Text dort ebenfalls eingestellt. Hier.

Dienstag, 1. September 2009

Die Meinung ist unendlich

Trainer Baade und Jako. Ein unglaublicher Vorgang und ein Thema, das in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren sicher noch häufiger und immer dringlicher nach oben schwappen wird. Das Internet als unendlicher Freiraum – und auf der anderen Seite: Das Internet, das zunehmend von Politikern, Recht-Habern, Firmen und Juristen als Hebel für Reglementierungen entdeckt wird, die weit über das Netz hinausgehen.

Die wiederholte juristische Abmahnung von Trainer Baade wäre eigentlich zum Lachen, wenn sie nicht so bitter ernst wäre. Es sieht so aus, als gehe es hier – schlimm genug - nicht um den einzelnen, individuellen Vorgang, sondern darum juristische Grenzen auszutesten, Präzedenzfälle zu schaffen. Jako hat eine Rechtsanwaltskanzlei damit beauftragt, seine Interessen im Internet zu wahren und durchzusetzen. Das muss man nicht mögen, ist heute aber in vielen Bereichen durchaus üblich. Der vor dem PC sitzende Internetbeauftragte eines Unternehmens, der Presseartikel, Blogs und Foren bis ins siebte Glied nach eventuell imageschädigenden Meinungen durchforstet – eigentlich, so sollte man meinen, eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Aber die Vorstellung eines Internetbeauftragten, der auch noch die verästelten Spuren einer bereits eliminierten Meinung aufnimmt – das setzt doch noch einen weiteren Glanzpunkt.

Man stelle sich den analogen Fall in einem Printmedium vor: Ein kritischer Kommentar zum Außenauftritt eines Unternehmens wird veröffentlicht, als rufschädigend verklagt, daraufhin aus dem Verkehr gezogen bzw. mit einer Gegendarstellung korrigiert, die Strafe wird akzeptiert und gezahlt. Wochen später entdeckt jemand in einem Archiv die Zeitung mit dem ursprünglichen Kommentar. Er kopiert den Kommentar und veröffentlich ihn. Ich bin kein Jurist: Aber könnte dafür der Autor juristisch belangt werden? Ich denke nicht. Wenn das möglich wäre, wäre das in der Konsequenz die Abschaffung der Geschichte. Lukas, der Lokomotivführer, hat heute bereits in vielen Neuauflagen des Kinderbuchs keine Pfeife mehr im Mund. „Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ werden aus Bibliotheken entfernt, weil in dem Buch geraucht wird und Menschen afroamerikanischer Herkunft als Nigger bezeichnet werden. Und im Internet darf man eine Meinung nicht nur nicht mehr weiter vertreten, sondern nicht einmal mehr gehabt haben?

Möglicherweise ist es richtig und wichtig, dass diese Sache jetzt vor einem Gericht geklärt wird. Grundsätzlich geklärt wird. Muss ein Blogger/Poster bei einer Veröffentlichung die Spezifitzität seines Publikationsmediums mitbedenken und kann er dafür belangt werden, wenn seine Texte oder Äußerungen, obwohl er sie zurückgezogen hat, weiter im Netz kursieren oder besser: sporadisch auftauchen? Oder gibt es diese Rechtssprechung bereits? Der kleine Klumpen im All, der irgendwann in tausend Jahren für einen möglichen Misserfolg von Jako verantwortlich gemacht werden kann? Die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Trainer Baade, die dereinst von der Kanzlei Habrecht & Erben zur Rechenschaft gezogen werden? Kann das sein? Man würde damit praktisch offiziell bestätigen, dass die Halbwertzeit einer im Internet veröffentlichten Meinung höher ist als die von Plutonium. Denn auch für Plutonium gibt es zwar Endlager, aber keine sicheren. Und die Justiziabilität einer einmal im Internet vertretenen Meinung wäre dann wohl wirklich nur noch in einem Fall endlich: Dann, wenn der große Internet-Gott kommt und den Stecker zieht.

Links zum Thema:
Tanz auf dünnem Eis
Jako ein Partner auf Augenhöhe
Zu kurz gesprungen
Zwanzig Jahre Sportsgeist

Dort überall viele weitere Verlinkungen.