Freitag, 30. Juli 2010

Kopflos ist "in"

Für Diskussionsstoff sorgt vor jeder Saison die Frage nach den neuen Trikots – die der Eintracht, aber auch die der anderen Mannschaften: Design, Tragekomfort, hübsch, häßlich, modern oder retro. Alles extrem wichtig. Und jedes Jahr kann man sich darauf verlassen, dass auch wieder die eine oder andere Gruseligkeit dabei ist. Keine besondere Aufmerksamkeit habe ich bisher darauf verwendet, wie die einzelnen Vereine ihre Trikots präsentieren. Das hat sich geändert, seit ich mir gestern auf der Kicker-Homepage die „Slideshow“ „Was ‚in‘ ist in dieser Saison?“  angeschaut habe.

Der erste richtige Hingucker ist Hoppenheim (Bild 11) Das Trikot wird nämlich nicht von einem Spieler, sondern von „Hoppi“, dem Elch (ist es ein Elch?) präsentiert. Na ja, das passt. Ebenso beim 1. FC Köln (Bild 13): Kein Spieler, stattdessen eine junge Dame (laut Bildunterschrift „Rosi“), die eine Tasche umhängen hat und im neuen Auswärtstrikot vor dem Kölner Dom platziert ist. (Rosi? **grübel** Steht die nicht eigentlich „draußen vor der großen Stadt“?) Auch nicht schlecht: Der FCK! Bei dem ist nämlich gemäß Bildüber- und Unterschrift alles neu – „Neues Trikot, neues Wappen, neuer Sponsor“ Auf dem Bild (Nummer 17) besonders gut zu sehen, ist dementesprechend die Farbe des Trikots (lila?) und ein (also nur ein)  riesengroßes Emblem auf dem Bauch - vermutlich das neue „Wappen“, wobei es mich schon ein wenig wundert, dass die Lauterer ihr Logo so gründlich überarbeitet haben, dass dort jetzt nicht mehr „1.FCK“, sondern „Allgäuer Latschenkiefer“ steht.

Das abschließende Highlight bildet der 1. FC St. Pauli. Wir sehen Spieler in - nun ja, eher häßlichen – braun glänzenden Trikots, jedoch ohne Kopf. Die Hand des linken Spielers ist mit seiner Hose beschäftigt. Auf der Brust steht: „Ein Platz an der Sonne.“  Ob St. Pauli auf diese Weise dort landet? Abwarten!

Ein wenig nervös war ich vor diesem Hintergrund schon, mit welchem Motiv (und welcher Bildunterschrift) das neue Eintracht-Trikot ins Bild gesetzt werden würde. Aber siehe – ich bringe frohe Botschaft: Alles paletti! Bild 10 zeigt das bekannte Patti Ochs-Motiv: Er steht da mit breiter Brust und weit geöffneten Armen. Grinst. Glück gehabt. Die Saison kann kommen!

Nachtrag: Der Testspielgegner der Eintracht vom kommenden Sonntag wird natürlich auch in der kommenden Saison zuhause in Blau auflaufen. Auf der Homepage des FC Chelsea kann man sich die Heim- und Auswärtstrikots der letzten 105 Jahre  auf einen Blick anschauen – per Mouse-Rollover kann man sie vergrößern und die dazugehörige Jahreszahl einblenden. Witzig gemacht!

Donnerstag, 29. Juli 2010

Lieblingsspieler

Letzten Samstag feierte Du Ri Cha seinen 30. Geburtstag. Ich mag Du Ri sehr und wünsche ihm bei Celtic alles Gute. Gestern war Ralf Fährmann  bei der Kinderpressekonferenz im Eintracht Museum zu Gast. Auch er ist sicher für den ein oder anderen Eintracht-Fan ein potenzieller Lieblingsspieler.

Mmh. Lieblingsspieler. Ein weites Feld. Es gibt nämlich die unterschiedlichsten Gründe, einen Spieler ganz besonders zu schätzen oder ihn gar als „Lieblingsspieler“ zu bezeichnen. Während sich bei nicht mehr aktiven Spielern im Laufe der Jahre so etwas wie eine höhere Rangordnung ergibt, fußballerische Leistung und Persönlichkeit miteinander verschmelzen, ist das bei aktiven Spielern ein bisschen schwieriger. Natürlich ,-) steht die fußballerische Leistung im Vordergrund – aber selbst bei Spielern, deren Leistung „eigentlich“ und „objektiv“ außer Frage steht, kann man durchaus unterschiedlicher Auffassung sein, gerade dann, wenn es sich um Spieler der eigenen Mannschaft handelt. Mitunter mag man Spieler, weil man sich von ihnen Großes erhofft oder weil man etwas in sie hineininterpretiert, von dem sich dann herausstellt, dass es gar nicht da ist. Es kann vorkommen, dass man Spieler auch dann noch mag und schätzt und an ihnen festhält, wenn man objektiv eigentlich zugeben müsste, dass die Leistung vielleicht nicht (mehr) reicht. Und es soll sogar Spieler geben, die bei den einen – aus Überzeugung, aus Trotz, aus (ja, auch das gibt es durchaus nicht nur bei kleinen Mädchen) Schwärmerei - besonders hoch im Kurs stehen - und für andere fast so etwas sind wie ein rotes Tuch.

Die Vergangenheit relativiert manches. Aber rote Tücher bleiben in der Regel rote Tücher. Und so liegt es nahe, dass man im Laufe eines Fußballerlebens eine Reihe Lieblingsspielerleichen im Keller liegen hat. Eine davon ist bei mir (ich traue es mich kaum hinzuschreiben) Andi Möller. Ja. Doof. Aber so ist es nun mal. Auch dann als er in meinem nicht gerade zimperlichen Adler-Umfeld längst nur noch… tschuldigung... die „Turiner Drecksau“ genannt wurde, versuchte ich, mir wider besseres Wissen und gegen alle „Kannste abhaken“- und Heulsuse-Denker irgendwie zu erklären, was wohl in ihm vorgegangen sei, warum und warum nicht und wie das, was er mir und der Eintracht angetan hatte, irgendwie zu rechtfertigen sei. Um es gleich zu sagen: Davon bin ich inzwischen vollständig geheilt. Und zwar spätestens seit der Saison 2003/04 als Andi Möller von Willi Reimann noch einmal reaktiviert wurde. Regelrecht aufgeregt war ich, als ich – von einem Geschäftstermin – nach Egelsbach raste, um Andi Möller bei einem seiner ersten Auftritte wieder zurück im Eintracht-Trikot zu erleben. Mit quietschenden Reifen angerollt, noch kurz in den Acker gefahren, um die Klamotten zu wechseln, rein ins Stadion. Und dann: Nichts. Wer ist dieser Fremde, der da mit dem Adler auf der Brust über den Platz trabt? Und die schmerzliche Erkenntnis: Nein, auch ich will „den“ nicht mehr im Eintracht-Trikot sehen. Es hatte sich ausge-andi-t.

„You can always come back, but you can’t come back all the way,” singt Bob Dylan und hat – wie so oft ,-) – recht. Wenn ich heute Andi M. in seiner neuen Rolle als Manager der Oxxenbächer sehe und ungefähr auf die gleiche Art schwätzen höre wie vor 20 Jahren, da komme ich schon ein wenig ins Grübeln darüber, was mir denn wohl damals im Kopf herum gegangen sein muss.

Ein unverbrüchliches Zeugnis meiner „Lieblingsspielerleiche“ gibt es allerdings doch noch: In einer heute äußerst selten verwendeten Tasche befindet sich ein Duplo-Sammelbild mit dem verschämt lächelnden Konterfei von Andi Möller. Das Bildchen hat mir Anfang der 90er ein Kollege geschenkt, um mich zu ärgern. Es wanderte als Glücksbringer in die Tasche – und ich denke mal: Da bleibt es jetzt auch. Der Leiche zum Trotz ,-)

Apropos Bildchen:
Neulich in einer Buchhandlung fiel mir das Buch "Keiner verliert ungern" von Arnd Zeigler in die Hände. Es zeigt auf dem Titel ein Bild von Andi Möller, bei dem ich mich gefragt habe, ob es am Computer nachbearbeitet oder tatsächlich echt ist. Es ist wohl echt. Wäre ich Andi Möller (was ich zum Glück nicht bin) würde es mich dazu bringen, künftig jede Form von Öffentlichkeit zu meiden. Was ich täte, wenn ich Ioannis Amanatidis wäre und mich tief dekolletiert in einem goldenen Kleid auf dem Cover des 11Freunde-Sonderheftes zur Bundesligasaison 2010/11 wiederfände - das weiß ich allerdings auch nicht. Muss nicht sein, oder?

Mittwoch, 28. Juli 2010

Die Wissenschaft hat festgestellt

Bei einem 4-4-2 kann ich die echte Raute von einer flachen 4 unterscheiden, ich kann Dreiecke verschieben und auch als Freund des Offensivfußballs die möglichen Vorteile eines 4-2-3-1 erkennen. Trotzdem gehöre ich unterm Strich in die Schublade der Fußball-Romantiker. Ich behalte die Wirklichkeit fest im Blick, aber das, was Fußball für mich ausmacht, liegt jenseits aller Gesetzmäßigkeiten und Berechnungen. Da geht es mir mit dem Fußball wie Christophe Lemaitre mit dem Laufen. Der lässt sich nämlich „nicht von wissenschaftlichen Theorien zur schnellen Fortbewegung beirren“ – und läuft, obwohl es für einen Weißen – rein wissenschaftlich und genetisch gesehen  ,-) - gar nicht möglich ist, die 100 Meter unter 10 Sekunden.

Es war neulich, bei einem der vielen Grillfeste dieses Sommers, als mich ein guter Bekannter auf das Buch „Die Fußball-Matrix“ von Christoph Biermann ansprach. „Kennst du das schon?" Nö, kenn ich noch nicht. „Also eigentlich“, meinte er „Eigentlich finde ich, sollte man gar nicht mehr ins Stadion dürfen, wenn man das nicht gelesen hat…“

Vor meinen Augen erscheint das Bild eines Fußballfans, der ein Buch, aber – selbstverständlich! - kein „mechanisch betriebenes Lärminstrument zur Geräusch- und Sprachverstärkung“ bei sich trägt und  vor Betreten des Stadions drei Fragen beantworten muss. Vielleicht gar keine schlechte Idee - wobei ich auf Fragen nach dem System oder gar nach möglichen „Identitätsverknotungen“ dann doch lieber verzichten würde. Wenn ich da an einige Erlebnisse im Waldstadion denke, würde manch einer nämlich bereits an der Aufforderung „Nennen Sie drei Spieler Ihres Vereins!“ oder „Wie heißt der heutige Gegner der Eintracht?“ scheitern.

Zum Glück kommt auch der von mir häufig, wenn auch nicht immer und in allem geschätzte Christoph Biermann, in seiner Fußball-Matrix zu dem Fazit, dass "Fußball auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos" bleibt.

Wollen wir mal hoffen, dass die Eintracht dies auch in der kommenden Saison unter Beweis stellt. Und dass keiner auf die Idee kommt, dass wir eigentlich alle nichts anderes sind als mechanisch betriebene Lärminstrumente zur Geräuschverstärkung.

Montag, 26. Juli 2010

Kleines Fußball-ABC - Heute "C" wie Contador

Contador, das (pl.: Contador-n, die; vereinz. auch: Contador-e, die), nicht zu verwechseln mit: Contador, Alberto (spanischer Radfahrer und dreifacher Tour-de-France-Sieger)

Dialekt./hess.*  für: Tor, das von einer in die Defensive gedrängten Mannschaft aus der Abwehrbewegung heraus durch überraschenden, konsequent ausgespielten Gegenzug erzielt wird. Contadore sind nicht selten spielentscheidend. Voraussetzung dafür sind schnelle → Contastürmer.

*erstm. nachgewiesen im rheinhessichen Eimsheim

Donnerstag, 22. Juli 2010

Ketekeophomphone

Super-U (sprich: Super-Ü) – klingt als wär es der Spitzname von Ümit Korkmaz, ist aber der Name einer französischen Supermarktkette. Muckenschopf. Ein Ort, durch den man fährt, wenn man sich - aus dem Elsass kommend – dem Städtchen Kehl nähert. Wer trostbedürftig ist oder Zuspruch braucht, kann noch einmal im nächsten Ort Halt machen - in der „Gaststätte zur Hoffnung“. Dann weiter immer gerade aus, durch noch ein Dorf und noch ein Dorf. Ein heftiger Gewitterregen geht nieder und die Welt, die bisher geglüht hat, fängt an zu wabbern und zu dampfen. Und dann ist man auch schon in Kehl, folgt dem Schild mit dem Ball, fährt vorbei an den vielen, vielen Polizeiautos – wupp dich – ist man im Rheinstadion – dort, wo die Eintracht ein Testspiel gegen Racing Straßburg austrägt. Und hier kommt endlich auch Ketekeophomphone ins Spiel: Im Sturm von Racing Straßburg.

Nach einem zwar nicht hochklassigen Spiel, aber hochinteressanten und aufschlussreichen Momentaufnahmen (zum Beispiel Petkovic: Wow. Oka: Ach du Schreck.), einer lecker roten Wurst und vollgepackt mit Eindrücken und Erlebnissen tappert man zurück zum Parkplatz, entdeckt am Wegrand allerlei Unfug und manch Schönes, steigt träge, glücklich und babbelig in sein Auto und braust durch die Nacht zurück ins Hessische. Und wenn man ganz viel Glück hat, dann hat auch die Rückfahrt noch eine Überraschung zu bieten. Die Straße glänzt vor Feuchtigkeit. Regen spritzt und stiebt unter den Reifen. Die Lichter der Fahrzeuge blinken und spiegeln sich auf dem nassen Asphalt. Und dann – kreischjubelwinkeintrachtschalschwenk - tatsächlich: Aus dem Dunkel schält sich ein Adler. Die Rückfront des Eintracht-Busses. Direkt vor uns.

Es war ein feiner Tag.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Rotundschwarzes Schnipsel-Allerlei - Ende Mai bis Mitte Juli (Vor-, Während- und Nach-der-WM-Edition)

Warnung: Viele, viele Tage = elend viele Schnipsel!

Samstag, 29. Mai
Lena, tatsächlich Lena, gewinnt den Grand Prix. Wir haben die Fenster geöffnet, die Nachbarn offensichtlich auch. Und wie bei einem Fußballspiel hört man aus allen Fenstern, die „Ahs“ und „Ohs“ und Jubelrufe, jedesmal wenn Lena Duuze points bekommt.

Aber Jimmy Jump war auch nicht schlecht.

Sonntag, 30. Mai
Ausflug an den Rhein. Es regnet und stürmt und deswegen trauen wir uns sogar bis Rüdesheim. Den Rheindampfer haben wir fast für uns allein, stehen im klatschenden Regen auf dem Vorderdeck, sitzen bei Kaffee und Kuchen an einem der überdachten Tische, freuen uns über die durchbrechende Sonne und staunen darüber wie schön die Welt und wie gewaltig der Rhein ist. Ich glaube, die Wellen verschlingen. Am Ende Schiffer und Kahn.

PS: Fundstück



Montag, 31. Mai
Das Ölloch im Golf von Mexiko kann nun doch nicht gestopft werden. So richtig interessieren tut das keinen. „Is your money that good?“

Nach Ballack fällt nun auch Westermann für die WM aus.

Bundespräsident Köhler tritt zurück. Besonders gut bei seiner Rede gefällt mir die kleine Pause, die er bei seiner Rücktritterklärung macht.

„...erkläre ich meinen Rücktritt.“ Pause. „Mit sofortiger Wirkung.“ Doch, das hat was.

Dienstag, 1. Juni
Schon werden Kandidaten für die Köhler-Nachfolge gehandelt. Heiße Favoritin: Lena. Auch Lothar Matthäus soll bereits verkündet haben, dass er jederzeit zur Verfügung steht. Oder wie wär’s mit Joschka „deeply concerned“ Fischer? Ach, es wird sich doch einer finden lassen, der Bock hat.

Mittwoch, 2. Juni
Ursula von der Leyen macht’s. Oder Christian Wulff. Bei der Eintracht steht unterdessen der Nachfolger für den Posten des Aufsichtsratschefs bereits fest. Für mein Becker kommt wem-auch-immer-sein-Bender

Donnerstag, 3. Juni
Christian Wulff macht es. Oder Joachim Gauck.

Die Autos sind in diesen Tagen wieder mit Deutschland-Fähnchen bewaffnet. Ist das noch wegen Lena? Oder schon wegen der WM? Oder wegen Bu-Prä? Ach, nein. Das, dann doch nicht.

Samstag, 5. Juni
Pokalauslosung. Drücke die Daumen für einen Adler-Freund im Norden, der immer sehnsuchtsvoll darauf hofft, dass die Eintracht zu ihm in den Norden kommt. Und – yep – dieses Mal klappt es: Wilhelmshaven.

Maik Franz grüßt auf seiner Homepage aus Thailand. Und als neue Spieler bei der Eintracht grüßen: Schorschi Tzavellas und Sebastian Rode.

Sonntag, 6. Juni
Thomas Mann wird heute 125 Jahre alt und Tony Yeboah hat heute auch Geburtstag

Mittwoch, 9.Juni
Der Vertrag von Michael Ballack beim FC Chelsea wird nicht verlängert.

Schweres Gewitter. Es fallen bereit die ersten dicken Tropfen als ich noch einmal in den Garten witsche und Pflücksalat abschneide. Kein Gewittergrollen und dann, plötzlich: ein dumpfer, trockener, übermäßig lauter Schlag als ob die Welt zusammenbricht. Sie steht noch. Irgendwie.

Donnerstag, 10. Juni
Morgens ein Anruf: „Der Bembel, der Sie bestellt haben, kommt in den nächsten Tagen.“ Bembel am morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Bembel am Abend - genau!

Philipp Lahm’s Lieblingslied ist „Weil’s a Herz hast wie a Bergwerk.“ Lukas Podolski mag Michal Jackson. Und Mario Gomez mag Xavier Naidoo. Wen oder was wohl Jogi Löw mag? Das wollen wir vielleicht lieber gar nicht wissen.

In der Zeitung lese ich: „Seehund beendet Wildsau-Streit.“ Stutz. Ach so: Seehofer.

Freitag, 11. Juni
Warm, leichter Wind. Heute wird die WM eröffnet. Wir wollen das Eröffnungsspiel zusammen mit Adler-Freunden schauen, sitzen dann aber einfach draußen in der sinkenden Dämmerung, schwätzen, essen Pizza und sind vergnügt. Von drinnen tröten die Vuvuzelas.

Samstag, 12. Juni
Kühler Sommertag. Wind. Sonnenfetzen. Am Rande des Marktplatzes in der Mainzer Innenstadt stehen vier Youngster, die Jazz – echt war – richtigen Jazz spielen. Mit vier Saxophonen. Notenblätter flattern im Wind. Sehen aus wie live aus den 50ern. Dicke Brillen, dünne Rollkragenpullover, schmale Hosen. „Könnt ihr auch Moon River?“ Fragt ein Passant. Sie stimmen sich kurz ab. Ja, können sie auch. Cool.

Beim Metzger ist die Bedienungscrew im WM-Look. Mit Trikots vertreten sind: Schweiz, Südafrika, Brasilien. Am Gemüsestand auf dem Markt: Einheits-Schland.

Sonntag, 13. Juni
Mein Lieblings-Public-Viewing entdecke ich in einem dunklen Seitengässchen in der Mainzer City. Ein winziges italienisches Café, Tresen und Barhocker, eine Art Höhle. Drinnen sitzen einige Menschen am Tresen, Kaffetassen klappern. Vorne auf dem Tresen steht ein kleiner Fernseher mit dem Gesicht zur Straße und flimmert mit irgendeinem WM-Spiel vor sich hin.

Deutschland gewinnt das Auftakt-Spiel gegen Australien mit 4:0. Der Löw - das ist schon einer ,-)

Montag, 14. Juni
Südafrika trötet uns eins. Auf der eigens gegründeten Platform "Gegen Vuvuzelas - Pro Stimmung" haben sich innerhalb weniger Tage 20.000 Fußballfans an einer Petition beteiligt, über 150.000 Fans sind bereits auf der Platform registriert. Das ist mir unheimlich. Ja. Die Vuvus nerven. Aber - hey … Erwäge kurz, eine Organisation gegen Verbote zu gründen. Als erstes verbieten wir dann jede Art von Organisationen, die etwas verbieten wollen. Mmh. Ok. Is ja schon gut. Ich lass es.

Mittwoch, 16. Juni
Zu viert fahren wir abends nach Langenselbold und freuen uns über den Halbfinal-Hinspielspieg der Eintracht B-Junioren. Auf der Rückfahrt hängen wir hinter einer Kolonne von Schwertransportern. Aha, das neue Windrad. Gemäß Bebauungsplan wird nämlich jedes Jahr ein weiteres Windrad im Hinterland des Ortes, an dem wir leben, aufgestellt. Für den Transporter ist der Kreisel am Ortseingang zu schmal, deswegen wird der Blumenhügel in der Mitte aus gegebenem Anlass immer wieder platt gemacht und dann wieder neu begrünt. Auch eine Form des Öko-Kreislaufs.

Donnerstag, 17. Juni
Im Spiel der Griechen gegen Nigeria wechselt Otto Rehhagel kurz vor Schluss. „Man höre und staune“, sagt der Reporter. „Otto Rehhagel setzt auf die Jugend und bringt einen 27-jährigen.“ Gnihihihi. Hab mich verhört. Er bringt einen 20 jährigen. Logisch.

Freitag, 18. Juni
Deutschland verliert 0:1 gegen Serbien. Jogi Löws Zukunft als Nationaltrainer steht in den Sternen.

Das Öl im Golf von Mexiko läuft und läuft. Wie gut, dass es seit einiger Zeit diese schönen Unterwasseraufnahmen gibt, auf denen man sieht, wie das Öl unaufhörlich sprudelt. Da weiß man doch wenigstens was ist. Das hat eine beruhigende Wirkung. Es läuft. Es läuft immer noch. Und immer noch. Wie ein Sedativ. Ist doch ganz normal. Läuft. Läuft. Läuft.

Samstag, 19. Juni
Zwei Tage aus der Zeit – mit Bob in Dornbirn und mit Flogging Molly in Zürich.



Montag, 21. Juni
Noch bevor heute abend die Schweizer gegen Chile spielen, fahren wir wieder zurück von Zürich ins Rheinhessische. Am Ortsausgang von Zürich erstreckt sich eine Schrebergartenkolonie. An jedem Häuschen sind Fahnen geflaggt – vollkommen unterschiedliche Nationalitäten: Schweiz, Italien, vereinzelt Deutschland, Brasilien, Spanien, Frankreich.

Aufstand in der französischen Mannschaft, die in Südafrika nach der Niederlage gegen Mexiko bereits in der Gruppenphase vor dem Aus steht. Morgen das entscheidende Spiel gegen Südafrika. Trainer Domenech meint: „Wir werden morgen sehen, wer Lust hat zu spielen.“ Hä?

Dienstag, 22. Juni
O du wunderbare Bären-Zeit. Pflücke eine große Schale mit Him-Bären. Lecker.

Der Nachbarschaftsstreit, der im Rücken unseres Gartens tobt, eskaliert. Der Bürgermeisterinnen-Gatte hat zwischen seinem Garten und dem Garten des Bürgermeisterkandidaten eine Betonwand errichten lassen. Exakt zwei Meter hoch – das darf er. Die Mauer stößt an unsere Garage. Wir stellen uns davor auf: „Die Mauer muss weg. Die Mauer muss weg.“ Keiner hört uns.

Mittwoch, 23. Juni
Der von der Bank in Südafrika wieder nach Frankreich zurückgekehrte Thierry Henry bittet um einen Termin bei Nicolas Sarkozy. „Thierry Henry hat für Mittag-Gipfel mit voller Französisch Präsident Nicolas Sarkozy mit Les Bleus 'World Cup wehe das einzige Thema auf die Tagesordnung gekommen.“ Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Das Öl im Golf von Mexico läuft immer noch. Deutschland gewinnt gegen Ghana und zieht jetzt also doch ins Achtelfinale ein. Jogi Löw muss unbedingt bleiben.

Donnerstag, 24. Juni
Über 11 Stunden dauerte das Erstrunden-Match in Wimbledon zwischen dem Amerikaner John Isner und dem Franzosen Nicolas Mahut. Im Heute-Journal wird berichtet: „Eine Dame auf der Tribüne bekam einen hysterischen Lachanfall und musste nach draußen geführt werden.“ Wie es heißt, lacht sie immer noch.

Zweifelsfreier Moderatoren-Höhepunkt dieser WM sind Katrin Müller-Hohenstein und Oli Kahn. Das streng zurückgekämmte Haar. Die gestärkte Bluse. Frage mich, was sie vorstellt: Moderatoren-Domina? Vorsteherin im Fußball-Internat? Dazu Oli Kahn mit seiner angedeuteten Max-und-Moritz-Tolle auf dem Kopf. „Achtung“, sagt einer meiner Mit-Adler „Jetzt macht er wieder sein Analyse-Gesicht.“

Auch die Italiener können nach dem Spiel gegen die Slowakei in Südafrika bereits nach der Gruppenphase die Koffer packen. Sie sitzen auf dem Boden und weinen. Mein Mit-Adler erklärt, für ihn sei die WM damit beendet.

Freitag, 25. Juni
Neue Hoffnung im Öl bzw. im Golf von Mexiko. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn BP mal bei den Lesern der Blöd-Zeitung nachfragen würde. Die haben nämlich Ideen, mit denen sich das Problem ganz einfach lösen ließe. Mit einem Spreizdübel. Mit einem Betonpilz. Mit Stahlnetz, Sand und Kies. Mit Pressluft und Gummi-Birne. Aber vielleicht reicht einfach auch ein weicher Keks?

In der kommenden Saison wird die Eintracht in einem neuen Heimtrikot auflaufen. Es ist rotundschwarz gestreift. Schönes Detail: Den Eintracht-Spielern sitzt jetzt Europa im Nacken. Mir wäre ja lieber, es wäre umgekehrt.

Der oberste Gerichtshof der USA spricht in einem Grundsatzurteil den US-Bürgern das Recht auf Handfeuer-Waffen zu. Das gilt nicht für eigene Boden-Luft-Raketen, betont ein Rechtsexperte. Da hammer ja grad nochma Glück gehabt, mir Zwei.



In der Halbzeitpause des Spiels Spanien gegen Chile wird ein verkürztes Heute-Journal ausgestrahlt. Am Ende, wie gewohnt, die weiteren Aussichten für die kommenden Tage – für Freitag, Samstag und Sonntag. Heute ist Freitag. Huch.

Samstag, 26. Juni
Endspiel um die Deutsche B-Junioren-Meisterschaft am Bornheimer Hang.Die Sonne brennt vom Himmel. Wir zittern, schreien, jubeln, feiern. Deutscher Meister ist nur die SGE. Von Frankfurt aus fahren wir eine Kurve über Mainz, dort ist derzeit Johannisfest. Uns zieht es, wie jedes Jahr, besonders zum riesigen Bücherflohmarkt in der Innenstadt. Und zum Prager Schinkenbrötchen. Im Vorbericht in der Mainzer Allgemeinen Zeile wurde insbesondere auf die in diesem Jahr besonders lange Rammelmeile hingewiesen. Rummelmeile. Tschuldigung. Türlich.

Sonntag, 27. Juni
Deutschland trifft im Viertelfinale mit auf England. Mick Jagger sitzt auf der Tribüne. Deutschland gewinnt sang- und klanglos mit 4:1. Bäh. Bäh. Bäh. Wieder drauf reingefallen, dass die Engländer dieses Mal aber ganz bestimmt ein starkes Turnier spielen werden. (Rooney ist doof. Weitersagen.)

Montag, 28. Juni
Die vergangene Woche war arbeitsmäßig heftig, die kommenden werden: Heftiger. Zeitdruck. Abgabetermine. Eigentlich alles zu spät. Für ein Projekt, für das wir im vergangenen Jahr ca. ein viertel Jahr Zeit hatten, haben wir in diesem Jahr genau diese eine Woche. Wie soll das gehen? Mmh. Wird schon. Kopf aufkrempeln.

Es ist heiß. Nachts träume ich von einer Expedition durch Schnee und Eis. Ich mache noch einmal Halt, dann wird der Weg durch Kälte und Eis führen, kein Unterschlupf weit und breit.

Die Holländer schlagen die Slowakei mit 2:1. Die WM-Diskussionen wenden sich von den Vuvus ab und den Schiedsrichterleistungen zu. Stand Tevez beim 1:0 der Argentinier gegen Mexiko im Abseits? Ja. War der Ball beim nicht gegebenen Ausgleich der Engländer gegen Deutschland im Tor? Doppel-Ja.

Faszinierend: Die Max-und-Moritz-Tolle von Olli Kahn wird jeden Tag ein bisschen kecker. „Wir wolln den Olli sehen.“ Wenn wir ihn stattdessen nicht mehr hören müssen?

Dienstag, 29. Juni
Jetzt ist es offiziell: Halil Altintop verlässt die Eintracht. Bleibt doch. Geht. Bleibt. Geht. Bleibt. Geht doch. Bleibt. Also jetzt definitiv. Und Marcel Heller bleibt auch. Bin mir nicht so sicher, ob mir das eine so gut gefällt wie das andere.

Mittwoch, 30. Juni
Heute wird der neue Bundespräsident gewählt. Am Ende wird es dann mit Ach und Krach doch Christian Wulff, der sich gegen den „Kandidaten der Herzen“ Joachim Gauck durchsetzt, obwohl Gauck sich unglaublich großer Beliebtheit im Volk, insbesondere bei der Jugend, erfreut. Schon klar.

Der Ex-Trainer der französischen Nationalmannschaft Dominech muss sich vor der Nationalversammlung verantworten. Eine Frage von nationaler Tragweite. Es muss etwas geschehen. Handeln sie sofort. In Nigeria gibt es unterdessen kein großes Federlesens - der Präsident löst den Verband auf, die Nationalmannschaft wird von allen internationalen Wettbewerben zurückgezogen.

Freitag, 2. Juli
Du Ri, unser Du Ri, wechselt zu Celtic Glasgow. Hammer. Freu. Celtic gegen die Eintracht – das wär eine feine Paarung, sagen wir mal: In der übernächsten Eurobbabogaaal-Runde?!

Das erste Halbfinale in Südafrika steht jetzt fest: Holland gegen Uruguay. Da freut sich auch Prinz Pilsje.

Samstag, 4. Juli
Die WM greift um sich. Immer mehr Rückspiegel mit Deutschland-Überzieher. Echt: Mich packt bei dem Anblick ein Würgereflex. Dieses Etui-hafte. Biedermeierliche. Angezogene. Wie Vorhänge an einem Einmann-Zelt. Fast noch schlimmer als Clopapier-Überzieher in schwarzrotgold. Wenn einem ein Auto entgegenkommt, mit diesen an beiden Seiten nach außen Geklappten schwarzrotgold verkleideten Spiegeln – mal ehrlich: Das sieht doch aus wie Arsch mit Ohren.

Eine Bekannte, die sich nicht für Fußball interessiert, tippt, dass Argentinien Weltmeister wird. Warum? Wegen Maradonna? „Nö. Mir gefallen die Trikots so gut.“ Und: „Ich hab Bettwäsche, die genauso aussieht.“

Deutschland gewinnt 4:0 gegen Argentinien, spielt richtig guten Fußball und ist jetzt WM-Favorit. Jogi Löws Vertrag sollte sofort bis in alle Ewigkeit verlängert werden.

Sonntag, 4. Juli
Auf dem Weg zum Patti Smith-Konzert in Bonn überholen wir auf der Autobahn einen kleinen Transporter mit der Aufschrift “Ingo Roberts on Tour“ und dem Konterfei eines dicklichen Herren mit Brille und gelbem Jackett. Im Vorbeifahren können wir einen Blick auf Ingo Roberts himself werfen. Er ist matt im Beifahrersitz zusammengesunken, kommt wohl gerade von einem „Gig“ – wir tippen auf die Kerb in Simmern. Der spätere Blick auf seine Homepage übertrifft alle Erwartungen. Dass es so was noch gibt.

Montag, 5. Juli
Trainingsauftakt bei der Eintracht. Wir sind auf der Rückfahrt aus Bonn - deswegen findet er in diesem Jahr leider ohne uns statt. Die WM-Teilnehmer fehlen noch. Aber Tzavellas ist schon da, Vasi und Ama tun mit, Üüüüüüüüümit überzeugt mit neuer Frisur und Sonny Kittel ist eifrig.

Ursula von der Leyen stellt erste Umsetzungsmöglichkeiten vor, um Kindern von Hartz IV-Empfängern per Chip den Zugang zu Musikschulen und Sportvereinen zu ermöglichen, ohne sie zu stigmatisieren. Ist das Dummheit oder Zynismus? Ich denke, noch weniger stigmatisierend wäre, wenn wir jedem Hartz IV Empfänger direkt einen Chip im Ohr einsetzen würden. Dann braucht überhaupt kein Geld mehr zu fließen und es kann zweifelsfrei sichergestellt werden, dass das arbeitsscheue Volk unsere Steuergelder ausschließlich in gesunde und sinnvolle Ernährung investiert.

Dienstag, 6. Juli
Erinnerungsflash. Ende der 80er. Neben dem Studium jobbe ich bei einem Kurierunternehmen, das zwar weltweit tätig und ziemlich erfolgreich, aber auch noch ziemlich klein ist und außerdem die coolste und abgefahrenste Firma auf der ganzen Welt. Ich arbeitet in der Zentrale in Frankfurt, bin für die Mitarbeiterzeitung zuständig und deswegen viel in den Niederlassungen unterwegs. Heute bin ich in der Station in Berlin, die – ebenso wie die in Frankfurt ,-) – sehr speziell ist. Folgende Szene in der Abfertigungshalle. Gewusele und Hektik, Abfertigungsstress. Ein Fahrradkurier kommt durch die Halle getappert. Den Sack mit den Sendungen, die er abgeholt hat, hat er geschultert. Eine merkwürdige Gestalt – Helm auf dem Kopf, leicht gebeugt, fast wie abwesend. Er geht zum Sortiertisch, kippt die Sendungen aus, wechselt ein paar Worte mit einem Kollegen, der winkt einen anderen heran – „Hey – helf doch ma einer dem Fritze.“ Rundherum wird ganz normal weiter gearbeitet, keiner schenkt der Szene besondere Aufmerksamkeit. Kennt ihn ja jeder. Na logisch, ist Fritz Teufel, den alle Fritze nennen, der irgendwie dazu gehört, ein paar Routen für uns fährt. Gut und zuverlässig. Nur mit dem Paperwork kommt er nicht so gut klar – aber da findet sich immer jemand, der ihm dabei hilft.

Heute ist Fritz Teufel in Berlin gestorben.

Mittwoch, 7. Juli
Ringo Starr wird heute 70 und Jürgen Grabowski wird 66 Jahre alt.

Abends scheidet die deutsche Nationalmannschaft in Südafrika im Halbfinale gegen Spanien aus. Hola! Was wird jetzt aus Jogi Löw?

Donnerstag, 8.Juli
Die Tagesschau vermeldet: In Deutschland wurde mit Bakterien verseuchtes Fleisch in Umlauf gebracht. Niemand weiß so genau wo. Die Bakterien sind nicht nachweisbar. Gesundheitliche Auswirkungen sind nicht bekannt. Aber es wird dringend gewarnt.

Freitag, 9. Juli
Noch eine gute Nachricht: Die Teuerung ist gesunken. Das ist so ähnlich wie wenn die Hitze Kälter wird oder die Kälte wärmer. Oder wie wenn der Besitz derjenigen, die wenig haben, gewachsen ist. Oder wenn die Klugen dümmer werden.

Samstag, 10. Juli
Martin Walser erkennt in dem – nach der Niederlage gegen Spanien – auf der Erde knienden Schweinsteiger den Typus des neuen deutschen Helden und verfasst einen offenen Brief. „Der gloriose Fußballer kniet allein...“ Glaubt er wirklich, was er da schreibt? Oder will er Punkte sammeln im Wettstreit mit Günter Grass, der immerhin eine Unterschrift beim Aufruf „Wir sind Finke“ und einen Besuch beim Pokalfinale in Berlin vorzuweisen hat.

War es je anders als heiß. Hatten wir je mehr am Körper als ein Shirt, ein kurze Hose, ein Top. Einfach fallen lassen in diesen Rhythmus aus Himmel und Arbeit und Wärme und Schweißtropfen. Das Leben bekommt einen eigenen Rhythmus –mit offenen Fensterflügeln, verdunkelten Räumen, leise wehenden Vorhängen, Buttermilch und Wassermelone. Das Spiel um die goldene Ananas ist beendet. Alle Türen und Fenster sind weit geöffnet. Im TV flimmert die Aufzeichnung des Newport-Festivals. Mich drängt es nach draußen, nehme mein Glas und setze mich auf einen noch tagwarmen Steinvorsprung am Teich. Wetterleuchten über den Bäumen. Wind kommt auf. Unser Kater setzt sich neben mich. Dann auch mein Mit-Adler. Und so sitzen wir zu dritt. Schweigen. Schwätzen. Trinken. Also: Zumindest zwei von uns. Ein paar dicke Tropfen fallen. Wind weht. Um halb vier falle ich wohlig und müde ins Bett.

Sonntag, 11. Juli
In der Samstagsausgabe der TAZ eine ganzseitige Todesanzeige für Fritz Teufel, unterzeichnet von allem, was die linke und grüne berliner Haut-Volée zu bieten hat. Statt Blumen wird um eine Spende für eine Grabstelle gebeten. Ich könnte kotzen. Findet sich unter all den Unterzeichnern keiner, der Manns oder Frau genug ist, um ohne großes Aufheben zu machen, die Kosten zu übernehmen? Widerlich. Erster Impuls. Zum Telefonhörer greifen und rufen: Ich übernehm das.

Spanien ist Weltmeister. Und Jimmy Jump mit seinem Mützje war auch hier dabei. So schließt sich der Schnipselkreis.

Dienstag, 13. Juli
Zur Grillsaison hat der Metzger unserer Herzens, der immer so wunderbar muffelig ist, ein Schild in sein Schaufenster gehängt. Darauf kann man lesen, was es derzeit gibt und zwar:

„Verschiedene“ Würste und „marinierte“ Steaks.

Gänsefüßchen sind ja auch nicht jedermanns Sache. Aber ansonsten ein richtig guter „Metzger“.

Montag, 12. Juli
Nach einem Termin in Frankfurt brause ich mit Buddy Holly über die Autobahn.



Treffen mit Freunden in der Mainzer Innenstadt. Etwas essen, trinken. Warmer Wind weht. Auf der Heimfahrt glüht der Himmel im Abendrot. Sundown, yellow moon.


Dienstag, 13. Juli
Beim nächtlichen Zappen bleibe ich in Bayer 3 hängen. Südwild, ein Jugend-Magazin. Es geht ums Intranet, um die veränderte Medienlandschaft, um Medienkonzentration. Eine Expertin wird interviewt. Sie sagt: „Die Inhalte werden dadurch nicht vielfältiger, sondern einfältiger.“ Sie hat ja so recht.

In einigen ICEs sind die Klima-Anlagen ausgefallen. Das ist nicht schön. Noch weniger schön ist der Hype, der jetzt darum gemacht wird. Hurra. Ein Thema. Die Schulkinder, die im Zug gesteckt hatten, müssen in den nächsten Tagen „viel trinken.“ Ach. Die Titelseite der TAZ erinnert stark an die Titelseite zu Zeiten des Erdbebens in Haiti: Katastrophe.

Mittwoch, 14. Juli
Marco Russ hat die Sommerpause dazu genutzt, seinen rechten Arm von oben bis unten tätowieren zu lassen. Das ist cool. Damit steigen seine Chancen auf die Nationalmannschaft. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Übrigens, Marco: Eine Rose ist kein Australian Shephard. Sie ist kein Labrador. Und schon gar kein Mops. A rose is a rose is a rose. Basta.

Die Eintracht gewinnt beim Testspiel in Ober-Ofleiden mit 10:3. Drei Gegentore gegen einen Kreisligisten. Macht ja nix – dafür haben wir ja jetzt im Sturm „eine sehr gute Qualität“.

Donnerstag, 15. Juli
Das Ölloch ist gestopft. Ein glücklicher Tag. War was?

Freitag, 16. Juli
Beim Einkaufen läuft direkt vor mir ein Herr in Adiletten, der einen Kinderwagen schiebt. Er trägt modische Dreiviertel-Sommershorts. Über den Hintern läuft quer der Schriftzug „Deutschland“. Soll wohl das Gegenteil heißen, sieht aber aus wie: Deutschland geht mir am Arsch vorbei. Das wär doch auch mal ein Ansatz ,-)

Wieder einer dieser lauen Abende unterm Sternenhimmel. Von Ferne Stimmen und Lachen. Leichter Wind. Da, auf einmal, unverkennbar – ein kräftige Wolke aus Grasgeruch zieht von der Straße an uns vorüber. Fast genug für so was wie ein „Contact-High“. Danke.

Samstag, 17. Juli
Um 6 Uhr wache ich auf und höre es plitschen und platschen. Ich tappere zum geöffneten Fenster, ziehe den Rolladen ein Stück hoch – tatsächlich. Regen fällt, dicht und gleichmäßig. Die Luft riecht frisch und kühl. Lege mich wieder ins Bett, strecke mich wohlig. Ach, wie schön. Mir geht’s nämlich wie den Klimaanlagen bei der Bahn: Eigentlich bin ich nur für Temperaturen bis 32 Grad ausgelegt. Und sollte es doch wieder heißer werden – dann trete ich eben zurück. Wehe, wenn mir dann Kritik kommt!

Sonntag, 18. Juli
Die Eintracht gewinnt zum Abschluss des ersten Trainingslagers in Grünberg mit 3:0 ihr Testspiel gegen Marburg. Per SMS-Ticker sind wir im Forum live dabei. Zwei Tore Gekas und ein Flitzer. Nein, diesmal ist es nicht Jimmy Jump. Oder?

Abends tritt wie erwartet Ole van Beust zurück. Mein Mit-Adler liest derzeit ein eher unbekanntes, seit kurzem in neuer Übersetzung vorliegendes Buch von James Fenimore Cooper - The Monikins - und unterhält mich allabendlich mit Geschichten aus Nieder-Hupf und Ober-Hupf. Oder wie es bei uns heißt: Gehupft wie gesprungen.

Montag, 19. Juli
Heute um Mitternacht hat der Vorverkauf für Tagestickets der ersten Eintracht-Heimspiele begonnen. Nach wenigen Minuten war alles ausverkauft. Na ja. Fast.

Dienstag, 20. Juli
Jogi Löw verlängert. Ein glücklicher Tag für die gesamte Nation. Wär doch wieder mal ein schöner Anlass, um Fahnen zu hissen.

Die Temperaturen sind längst wieder auf über 32 Grad gestiegen und ich bin nicht zurückgetreten. Im  Gegenteil. Ich sitze immer noch hier am PC und arbeite. Überaschende SMS von einem meiner Lieblings-Forums-Adler. Er ist grad in der Gegend, ob er kurz....? Klar. Fata Adleriana. Wir trinken eine Tasse Kaffee zusammen, sind verblüfft, dass wir uns hier so unverhofft an einem schattigen Plätzchen gegenüber sitzen, schwätzen über Dies und Das. Und Dies und Das. Und über die Eintracht. Über die Eintracht. Eurobbabogaal. Doch. Dieses Jahr. Wirklich. Trust me.


*** To be continued ***

Unterwegs: Mit Patti Smith in Bonn

Es ist ein Sommer, an den ich mich lange erinnern werde – an diese heißen, flirrenden Tagen, an denen ich vom frühen Morgen bis spät in die Dämmerung – versunken in einem Berg von Arbeit und Terminen – im abgedunkelten Büro vor dem PC sitze, und an die Abende und Nächte voller Gezirpe und Froschgequake, die ich, die wir draußen verbringen, auf dem Bänkchen, auf den noch warmen Steinfließen der Terrasse – den Sternenhimmel über uns. Wir essen eine Kleinigkeit, trinken und schwätzen über die Ereignisse des Tages und über die Welt an sich. Am Morgen, am Abend nehmen wir jeweils den Faden wieder auf, knüpfen nahtlos an, an den vorhergehenden Tag, an den vorhergehenden Abend an. Eine endlos scheinende Kette von Tagen, hinter denen – wie ein Teppich – die Weltmeisterschaft in Südafrika und die großen und kleinen Sommerpausenereignisse der Eintracht ablaufen - immer wieder unterbrochen durch kurze Ausflüge in die Welt. Frankfurt. Mainz. Dornbirn. Zürich. Bonn. Mainz. Berlin. Unterlegt von Rock und Folk und Punk. Hey hey my my.

Anfang Juli: Bonn. Hier wird abends an der Museumsmeile Patti Smith ein Konzert geben. Beginnen will ich meinen Bericht jedoch mit dem Ende, mit der Rückfahrt. Auf dem Hinweg hatten wir uns in Bonn verfahren: eine Irrfahrt durch einen Vorort, der uns belustigt und erschreckt hatte: Alles voller Deutschland-Fahnen. Also nicht nur das, was man während der WM ohnehin gewohnt war, sondern wirklich alles voll. Überall. „Das muss ich fotografieren.“ Denke ich. Und deswegen fahren wir also, bevor wir uns auf den Heimweg machen, noch einmal zurück. Wir kommen dieses Mal von der anderen Seite und sehen das, was wir gestern nur ahnen konnten: Hier ist das Ende der Welt. Hier ist Schluss mit lustig.

Zunächst ist die Gegend fast noch ein wenig ländlich, dann mehren sich die städtischen Vorzeichen. Ein verfallenes Haus, im zugewucherten Garten steht ein verrotteter Wohnwagen mit der Aufschrift „Imbiss“. Dann erste, vereinzelte Wohnhäuser. Ganze Fassaden, die quasi in schwarzrotgold eingewickelt sind. Aus den Fenstern hängen Fahnen, Fahnen sind an Masten gehisst, an Bäumen, an Sonnenschirmen sind Fähnchen befestigt. Überall schwarzrotgoldene Girlanden. Fahnenketten. Wasserbälle in Gärten. Dann weiter zum Ortsinneren. Xxxxx Wohnblocks, einer hinter dem anderen. Und Deutschland-Fahnen. Hier handelt es sich um befreites (oder besetztes) Gebiet. An den Straßenecken stehen kleine Grüppchen, meist Männer, rauchend. Unser Auto wird angestarrt. Gibt es so etwas wie Spießruten-fahren? Ja, gibt es. Wir fahren vorbei an dem Block, der gestern zunächst unsere Aufmerksamkeit geweckt hatte. Eben war ich noch wild entschlossen, dieses Haus zu fotografieren. Jetzt weiß ich buchstäblich nicht, ob ich mich traue. Wir fahren in eine Seitenstraße. Parken. Jeder unserer Schritte scheint beobachtet zu werden. Ich nehme an: Die einzigen Ortsfremden, die sich ab und zu hierher verirren, sind Sozialarbeiter, die die hier lebenden Menschen beglücken oder retten und ihnen die Welt erklären wollen. Fühle mich wie ein Voyeur, der durch ein Guckloch späht. Aber irgendwie will ich jetzt auch nicht unverrichteter Dinge wieder gehen. Ich mache ein paar Fotos. Verschämt, so dass es keiner sieht. Wir fahren weiter.

Event-Kultur und Spaßgesellschaft? Fanmeilen und Jubel-Gedöns? Ja, zweifelsohne - die gibt es. Und das hier - das ist das andere Ende davon. Es ist bereits vollbracht. World has gone wrong. Nicht nur in Brandenburg, auch hier im Westen sind ganze Gebiete bereits abgekoppelt, ausgegrenzt von der Welt da draußen. Werden nur noch verwaltet. Wehren sich auf ihre Weise. Gegen das Katalogisiert und zum- Fall-Erklärt-Werden. Gegen Zwangs-Gesund-Ernährung. Gegen Kondome, die gönnerhaft kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Gegen Musikschulbesuche, mit denen ihre Kinder zwangsbeglückt werden sollen. Mit was wehren sie sich? Mit Deutschland-Fahnen.

Zurück zum Abend davor. Zurück zur Kunst- und Ausstellungshalle, wo Patti spielen wird. Es ist sehr heiß, und da nicht so recht klar ist, wann das Konzert anfängt – tatsächlich schon um 7 von wegen Anwohner und spätestens Schluss um 10? – ballt sich der Besucherstrom um kurz vor sieben an den Eingängen. Eine endlos lange Schlange, die sich in zwei Serpentinenschleifen vor dem Gebäude aufreiht. Drinnen: Viel weniger voll als es von draußen zu erwarten war, ein merkwürdig steriler Innenhof zwischen hohen Gebäuden – Gläser klirren, Bratwurst und Pizzageruch. „Solarworld“ als Veranstalter und Poldi, der von einem überdimensionalen Plakat grinst und „immer Strom“ hat.

Das Patti Smith Publikum ist gemischt in jeder Hinsicht. Der überwiegende Anteil ist mittelalt, aber es gibt auch ältere – und es gibt eine ganze Reihe von sehr Jungen und Jungen. Es sind mehr Männer, viele Paare und eine Fülle unterschiedlicher Frauen. Ich habe selten - nein, nicht einmal bei der Eintracht - so viele ungewöhnliche Frauen auf einem Fleck erlebt: Witzig. Schräg. Eigen. Entspannt. Cool. Unaufgesetzt. Einfach so. Eine dieser Frauen erzählt mir in der Schlange vor dem Klo, dass vorhin, als der Museumsinnenhof bereits anfing sich zu füllen, Patti herumgelaufen sei. Sie hat fotografiert, kurz hier oder da ein Wort gewechselt. Auch einfach so. Auch cool.

Letztes Jahr waren wir bei Patti Smith in Frankfurt – wow! – deswegen wissen wir ziemlich genau, was wir für heute Abend erwarten dürfen. Und dann wird es doch ganz anders. Denn heute abend gibt Patti Smith ein Konzert für uns, für die Lebendigen – aber sie gibt es auch und vor allem für die Toten. Wäre es nicht Patti Smith, die da vorne auf der Bühne steht, die rockt, deklamiert, die Bühne, den Raum füllt – es könnte peinlich sein. So ist es einfach nur überwältigend. Eine schmale, fast magere Person, in Jeans, mit Jackett, mit wehenden, langen Haaren. Kraftvoll. Warm. Schön. Emphatisch. Schlicht. Wahrhaftig. Stark. Und rockig, unglaublich rockig. Dafür sorgt nicht zuletzt der unfasslich coole Gitarrist Lenny Kaye, der schon seit den Tagen der Patti Smith-Group mit Patti Auf der Bühne steht. Das Konzert hat keine Message, aber es ist eine Manifestation: Es ist eine merkwürdige, eine elende, verwirrende Welt. (Warum sprudelt immer noch das Öl im Golf von Mexiko? „It’s greeeeeed!“) Aber es ist auch die Welt, in der Goethe und Hank Williams, Joyce und Johnny Cash, Beethoven und Joe Strummer, unsere Mütter, Väter, Freunde leben, gelebt, gedacht gefühlt haben. Und wir. Leben. Be happy. Ruft sie ins Publikum bevor sie nach der letzten Zugabe die Bühne verlässt. „Be happy. Be free. Be alive. Be fucking alive.“ Glaub an das, was du siehst und fühlst und weißt. Schau dir alles genau an. Gib die Dinge, die wichtig sind, nicht dran. Trau dich. Mach das richtig, was du richtig machen kannst. Sei du selbst, dann bist du lebendig. Und dann bist du aufgehoben in etwas, das mehr ist als der Moment, als die Zeit. Sorg dafür, dass etwas bleibt. Gib Zeugnis, testify – vom gelebten Geist, vom Fühlen, vom Denken. Von Menschen. People who died who died. Tony thought he could fly, but he couldn’t fly. He was my friend and he died. I miss him. He died.“

Auf dem Marktplatz in Bonn lassen wir den Abend ausklingen. Das Bier ist kalt. Sterne funkeln. Es wird kühl. Alive. Fucking alive.



Donnerstag, 15. Juli 2010

Alles neu

Während die Eintracht in Grünberg im Trainingslager schwitzt, wird derzeit draußen im Wald das neue Commerzbank-Logo auf das Stadiondach montiert. Nein nicht rot, nicht schwarz, nicht weiß. Auch nicht grün. Immer noch gelb. Aber anders. Neu.


„Also, mir gefällt das neue Logo so gut, dass ich mir als Kunde… sehr gut vorstellen kann zur Commerzbank zu wechseln.“ Lese ich im Designblog. Na ja, irgendwelche Gründe , um sich für oder gegen etwas zu entscheiden, muss der Mensch ja haben.

Ich halte es da eher mit einem Musiker der Wiener Philharmoniker, der – so heißt es zumindest in einer Anekdote – mal gefragt wurde, welches Stück denn der berühmte Gastdirigent heute Abend spielen würde. Antwort: „Mir egal was der spuit – MIR spielen die Eroica.“ Oder mit dem Eintrachtler, hinter dem ich vor einiger Zeit auf dem Weg zu einem Heimspiel der Eintracht her gelaufen bin. Der Mann war im Eintracht-Trikot, hatte seinen kleinen Sohn dabei, ebenfalls im Eintracht-Trikot. Wir kamen aus Richtung Haupteingang und liefen also geradewegs auf die Haupttribüne zu. Von hinten sah man, wie der Junge den Kopf in den Nacken legte und angestrengt auf das Stadiondach starrte. „Duuuu“, fragte er seinen Vater, „was heißt denn das, was da gelb auf dem Dach steht?“ Kurzer Moment der Stille. Dann die Antwort: „Waldstadion.“

Alles neu? Immer eine Frage der Perspektive.



PS: Auf der Homepage der Commerzbank findet sich im Text zum neuen Marktauftritt und zur Installation des neuen Logos auf 1.200 Gebäuden bis Ende August 2010 folgender Hinweis: „Mit Rücksicht auf die fünf nistenden Wanderfalken wird mit der Anbringung des dreidimensionalen gelben Bandes am Westturm der Frankfurter Zentrale zunächst noch gewartet. Wanderfalken sind vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz.“
Pah. Wanderfalken. Und wer spricht von Attila? .-)

Mittwoch, 14. Juli 2010

Rosarot

(Nachtrag zu einem Interview in der Frankfurter Rundschau vom 10. Juli 2010)

Die weibliche (Fußball-)Fankultur unterscheidet sich grundlegend von der männlichen. Zu diesem Ergebnis kommen die beiden Soziologinnen Sybille Frank und Silke Steets, die selbige erforscht haben. Im Stadion kann man als Frau z.B. nicht einfach nur Fußball kucken, sondern ist gefordert, sich zur dort vorherrschenden "geballten Männlichkeit" zu verhalten – eine Möglichkeit ist es, die herrschenden Vorurteile - von wegen „Frauen und Fußball“ – zu ironisieren. Und wie tut man das? Z.B. mit einem rosa Fanschal. Aha.

Es ist außerdem auch nicht so leicht, als Frau in der Fankurve zu stehen. Warum? Weil: „Frauen können ja schlecht mitbrüllen, wenn es heißt: Unser Schiri hat den Längsten!“ Unser Schiri? Den Längsten? Stimmt. Jetzt fällts mir auch auf – ständig wird das im Stadion gebrüllt. Ständig. Und ja, wirklich schade, dass es in unseren Stadion – anders als in den USA – noch keine Kinderbetreuungsangebote gibt. „Kinder tauchen bei Bundesligaspielen höchstens auf den Schultern ihrer Väter auf.“ Genau. Richtig. So ist das. Und nicht anders.Noch eine abschließende Frage an die beiden Autorinnen: „Gehen Sie selbst auch gerne ins Stadion?“ Antwort: „Ja, aber leider viel zu selten.“

Stimmt.

Dienstag, 13. Juli 2010

Neues aus der Informationszentrale

Seit Tagen nervt uns ein Anrufer, der tagsüber mehrmals auf dem Privattelefon ein Stockwerk tiefer anruft, aber nie eine Nachricht hinterlässt.

Dienstag, 13. Juli, 16 Uhr 35 Minuten. Das Telefon klingelt. Schon wieder. Mein Mit-Adler hat die Faxen dicke, stürzt die Treppe hinunter, hechtet zum Apparat, nimmt ab.

Aus dem Hörer ertönt – nein kein Sprech-o-mat – sondern eine lebendige, forsche, gänzlich unbekannte Stimme:

„Guten Tag, Herr rotundschwarz“, sagt die Stimme „Hier spricht Alexander Schmidt von der Informationszentrale Berlin.“
Hääää? Kurzer Moment der Verblüffung.

„Was um des Himmelswillen ist die Informationszentrale in Berlin?“ ruft mein Mit-Adler in den Hörer.

Der Kontakt bricht ab.

Aha. Also doch. Ich habe es immer geahnt. Und jetzt weiß ich: Es stimmt. Danke für diese Botschaft. Irgendwo im Universum sitzt also einer, der für all das, was da kommuniziert, informiert, gebabbelt und gebrabbelt wird, verantwortlich ist. Alles hat einen höheren Sinn. Dort laufen die Fäden zusammen. Nein, nicht im Himmel, nicht in der Hölle. Sondern in der Informationszentrale in Berlin. Bei Alexander Schmidt.

Vielleicht war dem Mann aber einfach nur zu heiß.

Apropos: Heiß wird es sicher auch morgen abend in Homberg Ober-Ofleiden. Die Eintracht kommt und zwar in genau

Mittwoch, 7. Juli 2010

Montag, 5. Juli 2010

Kleines Fußball-ABC - "T" wie Trainingsauftakt

Trainingsauftakt, der (sing.): Erstes Training einer Mannschaft nach einer längeren Spielpause. Der Trainingsauftakt nach der → Sommerpause findet einige Wochen vor dem Beginn der neuen Saison statt, traditionell bei heißen Temperaturen. Bei sehr berühmten Mannschaften kommen 13.000 oder sogar 1.000 Zuschauer. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Spieler, die schon immer (Bsp.: → Nikolov, Oka) oder schon lange (Bsp.: → Meier, Alex; → Russ, Marco; → Ochs, Patrick) oder schon eine ganze Weile da sind (Bsp.: → Fenin, Martin; → Korkmaz, Ümit; → Franz, Maik. Und → Caio) . Oder: Die, die eigentlich fast schon weg waren , aber dann trotzdem noch (Bsp.: → Heller, Marcel; → Altintop, Halil) oder wieder (Bsp.: → Steinhöfer Markus) da sind. Dann gibt es noch: Die zum Glück Wiedergenesenen (Bsp.: → Amanatidis, Ioannis; → Vasoski, Alexander). Die Verletzten, die immer noch verletzt sind (Bsp.: → Bajramovic, Zlatan). Und die Spieler, die sich beim Trainingsauftakt eine frische Verletzung zu ziehen (Bsp.: → Chris). Außerdem die Spieler, die in der vergangenen Saison ihren Durchbruch geschaffft haben (Bsp.: → Jung, Sebastian) oder ihn in der kommenden Saison schaffen wollen (Bsp.: → Tosun, Cenk; → Alvarez, Marcos; Titsch-Riveiro, Marcel). Dann noch die besonders jungen (Bsp.; → Kittel, Sonny; → Rössl, Andreas), kleinen (Bsp.: → Köhler, Benny), großen (Bsp.: → Fährmann, Ralf) oder dicken Spieler (Bsp.: ---) . Und natürlich die, die neu zur Mannschaft gestoßen (Bsp.: → Rode, Sebastian) und/oder griechisch (Bsp.: → Tzavellas, Georgios) sind. Nicht gesehen werden können dagegen die Spieler, die überraschend (Bsp.: Teber, Selim) oder wie erwartet noch gar nicht (Bsp.: → Schwegler, Pirmin; → Clark, Ricardo; → Bellaid, Habib) da sind – auch dann nicht, wenn sie griechisch (Bsp.: → Gekas, Teofanis) sind.

Für die → Fans ist der Trainingsauftakt, eine gute Gelegenheit, um die lange entbehrten Spieler des Lieblingsvereins endlich wieder zu sehen und erste Prognosen abzugeben (Bsp. neg.: „Fehleinkauf.“ Bsp. ugs.: „Der schlägt ein.“ Bsp. fach: „4-3-2-1.“) Weitere Beobachtungen sind: neue Frisur, schön braun geworden, übermäßiger Bartwuchs. Üblich ist auch das Wiederaufgreifen liebgewonnener Rituale (Bsp.: „De Caio – so schlank.“ Altern.: "De Caio – wieder e paar Kilo zuviel“ Commun.: „Wart ab uff de Laktattest.“).

So ein Trainingsauftakt ist → sehr schön.

Sonntag, 4. Juli 2010

Rotundschwarze WM-Randgänge - Viertelfinal-Nachlese-Schnipsel

Brasilien – Niederlande
Statt vor dem Fernseher sitze ich um vier Uhr immer noch vor dem PC und am Telefon. Die Hitze brütet. Ich auch. Im Zimmer nebenan haben wir einen Fernseher laufen. „1 : 0 Brasilien“, verkündet mein Mit-Adler nach einer Viertelstunde. „Die sind klar überlegen.“ Ok – dann läuft’s also wohl wirklich auf ein Endspiel Brasilien-Argentinien raus. Denkste. „Jetzt 1:1!“ ruft es über den Flur. „2 zu eins Holland“, kreischt es während eines Telefonats im Hintergrund aus dem Bürogewölbe eines Kunden. „Brasilien trägt Trauer,“ verkündet der TV-Reporter. Die Kamera schwenkt auf zwei brasilianisch verkleidete Fans, die den Kopf hängen lassen. Sie entdecken, dass die Kamera auf sie gerichtet ist und jubeln und winken ins Bild.

Ghana – Urugay
Was von diesem Spiel im Gedächtnis bleiben wird, sind Gesichter und Szenen, die in schneller Folge ablaufen. Das Gesicht von Asamoah Gyan, dem 1000%sicheren Elfmeterschützen, vor dem Elfmeter. Von Angst, wirklich: von Angst, gezeichnet, fast als ob ihm die Haare im Nacken zu Berge stehen. Die weit aufgerissenen Augen eines Ghanaers im Publikum. Sein Gesicht ist vollständig in den Nationalfarben bemalt, nur unten sieht ein grauer, gestutzter Bart heraus. Der vom Platz gestellte Suarez, der gerade dabei ist das Stadion zu verlassen, die Hände vom Gesicht reißt, jubelt, zusammensackt. Der Kreis, den die Ghanaer vor der Verlängerung, noch in den Katakomben bilden. Wer ist das, den sie da in die Mitte nehmen? Gyan? Dann ist es wieder Gyan, der – merkwürdig gefasst, fast abwesend – als erster im Elfmeterschießen für Ghana antritt. Trifft. Sein befreites Lachen. Arbeu, der zum entscheidenden Elfer für Uruguay antritt, fast lässig, so als ginge ihn das gar nichts an. Der Lupfer. Sein unter dem Trikot zum Vorschein kommendes Patchwork-Trikot. Und wieder Asamoah Gyan, der sich krümmt, das Trikot übers Gesicht zieht, sich im Shirt verbeißt, den tröstenden Händen ausweicht, trotzdem umfangen wird, den Kopf schüttelt, um sich schlägt.

Wahnsinn. Fußball, richtiger Fußball. Und vielleicht sogar noch mehr. Armer Gyan.

Argentinien – Deutschland
Morgens beim Kaffee erzählt mir mein Mit-Adler folgende Geschichte, die sich vor einigen Wochen in dem kleinen Laden hier in unserem Ort abgespielt hat:


Eine sehr alte Dame berichtet von der verheerenden Unordnung, die in der Wohnung eines Verwandten herrscht. Er hebt alles auf, wirft nichts weg. „Des is e rischdische Wessi.“ Wessi? „Sie meine Messi...“ korrigiert die Ladenbesitzerin.

Apropos: Ob Messi heute gegen Deutschland endlich sein erstes Tor macht? Um kurz vor drei schleppen wir uns durch die Gluthitze zu unserem Auto. Die Mainzer Innenstadt ist bereits fast entvölkert. Wer jetzt noch unterwegs ist, ist unterwegs zum Spiel: Ein junger Mann mit Deutschlandhelm und wehender Fahne radelt vorbei. Ein junges Pärchen – beide mit Deutschland-Armbinde, wohl auf dem Weg zum Public-Viewing am Rheinstrand. Eine alte Dame mit Deutschland-Kapp und Fähnchen, das sie an ihrem Rucksack befestigt hat. Ein muskulöser Typ mit nacktem Oberkörper, kurzer Hose und riesiger Piratenfahne. Piraten? Na gut.

Das 1:0 nach drei Minuten. Zu früh. Denke ich. Das werden die Argentinier noch drehen. Es klingelt an der Tür – wer ist DAS denn? Die Nachbarin, der ein Huhn abhanden gekommen ist, das sich in unserem Garten verirrt hat. Den Rest der ersten Halbzeit verbringen wir damit, das gackernde Viech (nein, es ist nicht schwarzrotgold, sondern einfach braun) in die Enge zu treiben.

In die Enge wird Argentinien jetzt auch die deutsche Mannschaft treiben. Oder? Nix da. Fassungslos sitzen wir vor dem Fernseher. Also – ich mag sie nicht. Aber das, was die da im Moment in Südafrika anstellen – das ist grandios. Der alles überragende Thomas Müller, der als Typ Fußballer irgendwie retro wirkt - athletisch, schnell, ballsicher, ein bisschen mean. Und Schweini, tatsächlich Schweini – wie jemand, der sich endlich seiner Fähigkeiten bewusst geworden ist und sie perfekt nutzt. Lahm, der um jeden Milimeter fightet. Klose, selbstbewusst, verbissen - der optisch immer mehr einen Hauch von Fritz Walter verströmt. Irgendwie wirklich ein Team. Wahnsinn. Das hätte ich ihnen, das hätte ich dem Bundes-Jogi (der anscheinend das blaue Shirt mit V-Ausschnitt zum Gewinnershirt erklärt hat) nie im Leben zugetraut. Aus allen Ecken trötet, schreit, hupt und singt es. Kurz vor Abpfiff setzt der angekündigte Gewittersturm ein. Es braust und tobt ums Haus. Dazwischen mischen sich die Tröten der Vuvuzelas. Mmh. Jubel will sich bei mir nicht so recht einstellen, aber man kann ja seinen Fußballverstand auch nicht ausblenden. 54. 74. 90. 2010. Dann soll das wohl so sein. Und ein ganz klein wenig graut es mir vor dem, was uns da jetzt wir-sind-Deutschland-mäßig noch so bevor steht.

Wieder mein grantelnder Mit-Adler: „Und am besten im Finale dann noch gegen Holland – dann kann man es in ganz Mitteleuropa nicht mehr aushalten.“

Paraguay – Spanien
Wie heißt eigentlich die Hauptstadt von Paraguay? Richtig: Asunciòn. Und – nur mal angenommen – bei uns würde jemand einen öffentlichen Striptease für den Einzug ins Finale versprechen – wer könnte das sein? „Heidi Klum“, schlage ich vor. Aber das wäre dann vielleicht eher eine Drohung.

Und wie geht es jetzt weiter? Mein Mit-Adler sagt: Uruguay wird Weltmeister. In Vertretung der Italiener, sozusagen. Und ich? Ich sage gar nichts mehr. Ach, doch: Morgen ist Trainingsauftakt bei der Eintracht.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Unterwegs: Mit Bob in Dornbirn

Mag ja sein, dass der Begriff „Sommerloch“ irgendwann mal seinen Sinn hatte – wer aber heute noch immer die Mär desselben verkündet und über die Leere unausgefüllter Zeit klagt, der hat sie nicht mehr alle. Wenn sie doch bloß irgendwann mal ein wenig still stünde, die Zeit – aber sie tut es nicht, es gibt keine Pausen. Siege. Niederlagen. Leben. Tod. Events. Feiern. Termine. Besuche. Katastrophen. Glücksmomente. Eine Meisterschaft. Ein neuer Bundespräsident. Immer weiter, immer neu, was war noch gleich gestern? Schnee. Im Versuch, den Dingen, wenn schon keine Zeit oder Dauer, dann zumindest Raum zu lassen, jetzt hier: Ein Bericht über eine Reise, die vor langer Zeit (= am vorletzten Wochenende) statt gefunden hat.

Jedes Jahr, wenn Bob Dylan auf seiner neverending Tour in Europa vorbeikommt, klinken wir uns ein und fahren ein Stück mit ihm an seiner Tour entlang. Eins, zwei, drei, viele Konzerte – Berlin, Gelsenkirchen, Frankfurt, Freiburg, Lille, Worms, Wetzlar, Erfurt, Hannover, Hamburg, Basel, Straßburg – wie eins doch rumkommt. Dieses Jahr für uns leider nur einmal Bob – in Dornbirn, einem Ort, von dem wir bisher nicht einmal wussten, dass es ihn gibt.

Dornbirn liegt im Vorarlberg, unser Hotel steht mitten im Ort, davor erheben sich hohe Berge, die wir leider nur ahnen können, denn es regnet in Strömen und die Berggipfel sind von Nebelschwaden umhüllt. Bus zur Messehalle? Um die Ecke, alle zwanzig Minuten. Das klingt gut.

Als wir anfangen zu ahnen, dass der Bus wohl heute nicht mehr kommen wird, ist es kurz nach 7. All right. Dann also los. Der Regen fällt gleichmäßig und in Strömen. Wir laufen. Immer gerade aus an der Hauptstraße entlang. Autos zischen vorbei, Wasser spritzt. Weiter. Immer noch Häuser mit Blumenkästen – das sieht nicht aus wie kurz vor Messegelände. Hilfe. Gleich halb acht – und Bob startet pünktlich. Bei Toni Hämmerles Traffique (tatsächlich: Hämmerle wie Humba) zieht sich eine Frau gerade ein Päckchen Zigaretten. Zur Messe? Mindestens noch zwanzig Minuten. Kurzes Entsetzen. Aber es nützt ja nix. Weiter. Es regnet. Wir laufen. Und dann tatsächlich am Horizont. Ein Schild. Eine Halle und Menschen. Einmal um das Gelände herum – um zehn vor acht stehen wir am Eingang.

Die Halle ist auf eine sorglose Art altmodisch, so wie alle Hallen einmal waren, funktional, ein bisschen abgeschubst. Security? Gibt es nur pro Forma, ein paar angerostete Schilder von wegen „Bitte nicht rauchen“, kein Foyer – wir betreten die Halle und stehen direkt in der Halle im Pulk, rechts hinter uns der Getränkestand, links schräg vor uns die Bühne. Toiletten? Aah ja – auf der anderen Seite der Halle – durch die Menschen durch, rechts die Empore nach oben und dann um die Halle herum. In der dunklen Halle sind am oberen Hallenrand vereinzelt Schattenrisse von Menschen zu erkennen, die es bis zur anderen Seite geschafft haben. Wie im Höhlengleichnis.

Die Halle wartet auf Bob. Rauchschwaden. Hey, hey. Klatschen, rufen. Aus dem Lautsprecher im Hintergrund die Stimme eines Vorlesers. Wir mutmaßen: Sean Penn, der aus den Chronicles liest. Nein, nicht zu fassen: Der Text, der da vorgelesen wird ist aus „On the road“. Cut. Dunkel. Die bekannte Stimme aus dem Off, die den Meister ankündigt: „Please welcome.... Columbia Recording Artist – Bob Dylan“ – und da ist er: Klein, schmal, mit Hut, heute in hellgrauem Anzug mit dunklen Paspeln an der Hose, aus der Zeit gebeamt, wie einer, der aus einer anderen Welt herab herabsteigt. „Times have changed,“ sagt Pat Garett. „I have not“, sagt Billy, the Kid.

Dylan-Konzerte sind wie ein Sog. Nur Bob und die vier, manchmal auch fünf Musiker seiner Band. Keine Special Effects auf der Bühne, eine nur sparsame Andeutung von Lightshow, kein Schnickschnack. Die Band taucht aus dem Dunkel auf, spielt ein Stück. Dann wird es wieder dunkel, Flash on – das nächste. Jeder Abend eine eigene Geschichte, ein Kosmos, eine eigene Dramaturgie, die sich in der täglich wechselnden Setlist wiederspiegelt. Ein Hineintauchen in eine Woge aus Musik und Worten. Rock und Blues. Folk und Rap. Shuffle, Walzer, Groove, Country. Einsamkeit. Wahrhaftigkeit. Würde. Schicksal. Kraft. Tod. Liebe. Wut. Treue. Es ist, als ob man Picasso dabei zuschaut, wie er sein Wohnzimmer streicht, hat mal jemand über ein Dylan-Konzert geschrieben. „Some people say i’ve got the blood of my land in my voice.” Yep. Alles. Genau. So.

In diesem Jahr gehört Charlie Sexton, der vor Jahren bereits mit auf Tour war, wieder zu „his Band“ – der Sound ist also deutlich gitarrenlastiger, satter. Bob wechselt häufiger zwischen seinem an der rechten Bühnenseite versteckten Keyboard und der Bühnenmitte hin und her. Swingt, tänzelt, stakst, krümmt sich, greift zur Harp, spielt Gitarre.

Lasse mich fallen in die Geschichte, die Bob heute erzählt. Rockig und ruckelnd geht es los mit Leopard-Skin Pill-Box hat. Don’t think twice: Nein, es hat keinen Zweck seinen Namen zu rufen. "I gave her my heart, but she wanted my soul", ächzt Bob und versucht den Refrain zu verstecken. "Just like a women" hält die Halle dagegen und Bob echot, über sein Keyboard gebeugt, zurück. Mein Highlight des Abends ist High Water. Dylan steht in der Bühnenmitte am Mikrofon – in der linken Hand die Harp, die rechte Hand am Mikrofon und erzählt vom Untergang - eindringlich, fast diabolisch. „It’s rough out there, high water e v e r y w h e r e." Er betont jede Silbe. Die Harp jault. Charlie Sexton kniet auf der Bühne.

Hattie Carroll. Gibt es eine vernichtendere Abrechnung mit Hohlheit und Ignoranz? Der trockene, harte Schlag der Drums von George Recile betont das Stakkato. Now. Ain’t. No. Time. For. Your. Tears. Hinaus gepresst, fast gezischt. Desolation road. Jeder Satz wie ein ganzes Leben. Everyone is making love or else expecting rain. Beim Working Man Blues ist es fast andächtig still. Bei Thunder on the mountain hebt die Halle ab. Rock vom Feinsten. Kreischen. Jubel. Bobbie. Do you Mr. Jones? Auf der hellerleuchteten Fläche im Hintergrund der Bühne erscheint überdimensional der Schatten von Dylan. Mit ausgebreiteten Armen steht er da, wie ein Moritatenerzähler, der sich in den Gitarrenklängen wiegt.

Aus. Dunkel. Jubel. Vorbei, aber Hey…hey..hey…hey…. ja… er wird noch einmal kommen. Wie immer. Like a Rolling Stone ist seit einiger Zeit als Zugabe gesetzt. Was dann weiter? Der Blowing-in-the-wind-Polka aus dem vorletzten Jahr? Oder All along the watchtower, das in jedem Jahr apokalyptischer wird? Keins von Beidem: Heute setzt Bob den Schlusspunkt mit Forever young. Leise. Rauh. Abweisend. Fast geflüstert. May your heart always be joyful. Tränen kullern. Aus. Noch einmal Licht, noch einmal die sechs Männer, die unbeweglich vorne an der Rampe stehen. Sich verneigen. Ein leichtes Nicken von Bob – und weg sind sie.

Jubeln. Trampeln. Erfüllt von Musik, von Worten, von allem. Dieses Mal wird er noch einmal kommen. Ganz sicher. Ganz sicher nicht. Nicht nach dieser Version von Forever young. Sitzt wahrscheinlich schon im Bus und schreibt am zweiten Band seiner Chronicles. Zögernd verlassen wir die Halle, noch einen Moment nachwirken lassen. Einfach stehen bleiben. Schauen. Fühlen. Stelle mir vor, wie Bob es irgendwann doch noch einmal tut: Allein auf die Bühne kommen, nur mit Gitarre. Was wird er singen? Tambourine Man. Mississippi. It ain’t me, Babe. Der Pulk schwappt uns nach draußen.

Cut. Es regnet immer noch. Nein, jetzt sind wir genug gelaufen. Bus fährt keiner mehr. Ein Taxi witscht vorbei. Noch eines. Das nächste stoppen wir einfach, ein Cab. Aus dem Dunkel taucht ein Herr im Business Outfit auf, mit Aktenkoffer, hinter ihm eine langhaarige, blonde Dame in High-Heels mit schmalem Kostüm. Was machen die denn hier? Waren die auch bei Bob? Das Taxi ist groß genug – vielleicht könnten wir ... zusammen? „´S’macht uns goar nix aus, wenn Sie uns unser Daxi wegnehmen“, raunzt der Mann. Kurzes Zwiegespräch mit dem Taxifahrer. Gleiche Richtung…genug Platz für alle… Ok – wir steigen alle ein. Mein Mit-Adler vorne, wir zu dritt hinten.

"Wo willst sitzen?“ fragt die Dame ihren Begleiter. „Is mir egal, solang i nix redn muas...“ raunzt der Herr. An mir solls nicht liegen. Der Herr sinkt auf die Polster nieder, schmeißt seine Tasche auf die gegenüberliegende Sitzreihe, links und rechts davon quetschen die Dame und ich uns. Unterdrücke meinen Lachreiz und werfe aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Herrn im Anzug. Er leidet, greift nach seiner Tasche, kramt ein Päckchen mit Pillen heraus, wirft eine ein. „Dös wird Konsequenz’n hab’n...“ röchelt er. „Dös wird mer alles z’viel....“ Der Taxifahrer gibt Gas – Ruckzuck sind wir im Ort. Klar, dass wir die Kosten bis hierher übernehmen. Aufstöhnen. „Um Gott’s willen...“ Nix da. Der Taxifahrer fragt, ob wir eine Quittung...? Nein, brauchen wir nicht. „A Quittung.“ Ächzt der Herr und greift sich an die Schläfe. „Dös dauert mer z’lang...“ Is ja schon gut.

Und schon stehen wir wieder auf der Straße, schauen dem davonbrausenden Taxi hinterher und können uns gar nicht mehr einkriegen vor Lachen. Muhahaha. Wie in einem Stück von Thomas Bernhard. Es regnet immer noch, aber dort hinter den Scheiben einer Gaststube leuchtet ein freundliches Licht. Durst. Und kurz darauf stehen zum hellen Glück meines Mit-Adlers zwei Halbe vor uns auf dem Tisch. Das es so was noch gibt. Richtige Halbe.

Cut. Zurück im Hotel. Auf dem Weg in unser Zimmer stolpern wir in eine Szenerie, die dem Abend noch einen ganz besonderen Glanz aufsetzt. Im Foyer findet eine Familienfeier statt. Silberne Hochzeit? 60igster Geburstag? Wir stoppen auf ein, zwei Absacker an der Hotelbar und lauschen dem Alleinunterhalter, der seine Zwischenmoderationen vor sich hinnuschelt. „Noch a letztes Lied, ihr seids a großartiges Publikum…. Noch a letzter Tanz…“ Er quetscht die Töne aus seinem Akkordeon. Rehbraune Augen hat mein Schatz. Schenk mir diese eine Nacht. Sierra, sierra madre del sur. Herren in weißen Hemden und Krawatte. Leicht derangierte Damen in bunten Blusen mit Perlenkette. Die Paare schwenken sich auf der Tanzfläche herum. Lost. Anrührend. Sentimental. Peinlich. Melancholisch. Weißgedeckte Tische, heruntergebrannte Kerzen, verwelkte Blumendekoration. Helles Licht, rote Köpfe, Nüsschen. Wie aus einem Film von Faßbinder. Oder wie am Ende von Renaldo and Clara. "In the morning of my live.“



Der nächste Morgen. Mit Bob können wir in diesem Jahr nicht weiter ziehen, aber wir werden auf dem Rückweg eine Kurve über Zürich zu fahren. Weiter auf Tour. Im Volkshaus spielt heute abend Flogging Molly und wir rollen ihnen mit Rolling Thunder durch Tunnel und über Straßen entgegen. Machen einen Zwischenstop, stehen staunend am Rand der Autobahn und blicken hinunter auf den Bodensee, der unter uns im Horizont versinkt und matt leuchtet. Die Berge sind in Nebelschwaden getaucht. Auf dem Bodensee schaukelt ein einsames kleines Segelboot.

Zürich. Unser Hotel ist zwischen engen Häuserreihen in den Hang geklebt. Eine gehobene Jugendherberge, mit winzigem Bad und Ikea-Duschvorhang. Ein schmaler Balkon auf einen begrünten Hinterhof. Der Preis des Zimmers hat leider gar nichts von einer Jugendherberge. Übernächtigt und hungrig sind wir. Tappern durch die Innenstadt, machen Halt in einer „Spagetti-Factory“ und verzehren jeder einen großen Teller heiße, köstliche Nudeln. Auf der Leinwand flimmert das WM-Spiel Paraguay gegen die Slowakei und wie in Deutschland sind auch in der Schweiz die Autos ach-so-lustig mit Fähnchen und Spiegelwärmern dekoriert. „Mir zeige alle Spieli.“ Per SMS erhalte ich die Info, dass die U17 der Eintracht auch in Berlin gewonnen hat. Finale. Yep.

Mit der Tram (ah - wenigstens etwas, das in der Schweiz richtig billig ist: Öffentliche Verkehrsmittel) fahren wir den Zürichberg hinauf – dort wo der Zoo und gleich nebenan die FIFA-Zentrale ist. Aber uns zieht es woanders hin, wir laufen ein Stück zurück zum Friedhof Fluntern, der grün und still und ehrwürdig da liegt und uns mit einem Zauber umfängt. Wir stehen am Grab von James Joyce und spüren wie alles jenseits von Zeit und Raum miteinander zusammen hängt. Joyce hätte sicher auch seinen Spaß daran gehabt, dass eine der Seitenstraßen zum Friedhof den Namen einer Frauenrechtlerin trägt, die für alkoholfreie Wirtschaften kämpfte. Finnegans Wake.


Am frühen Abend wandern wir zum Volkshaus, das schon lange vor Konzertbeginn gefüllt ist. Im Foyer im ersten Stock flimmert Brasilien gegen die Elfenbeinküste auf einer Großbildleinwand. Was für eine merkwürdige Melange von Menschen sich hier versammelt hat – alle Altersstufen, viele Youngster, Freaks, Punks, aber auch ganz adrette junge Menschen im Twinset und mit Föhnfrisur. Auf der Bühne schrammelt als Vorgruppe eine drittklassige Country-Punk-Band, die Kids sitzen auf dem Hallenboden und zeigen sich gegenseitig ihren iPod-Touch. Aaarrrrrrrrrrg. Gibt es noch jemanden, der keinen hat?

Um kurz vor zehn legen die Mollys los. Wild. Laut. Schräg. Das fordert den Mann resp. die Frau – hopsen, hüpfen, tanzen oder zumindset das tun, was der Ire dafür hält. Drunken Lullabies. Nass geschwitzt, wackelig, ausgepowert. Die letzte Zugabe findet heute abend ohne uns statt. Wir laufen durch das nächtliche Zürich, das an diesem Sonntagabend nicht brennt, sondern schläft. Die Luft ist kühl und klar. Bei McDo kaufen wir uns noch ein paar Dosen Carlsberg, die wir mit auf unser Hotelzimmer nehmen. Die Tür zum Balkon ist geöffnet, leichter Wind weht, letzte Regentropfen. My heart is not weary, it’s light and it’s free.

CU.