Mittwoch, 21. Juli 2010

Unterwegs: Mit Patti Smith in Bonn

Es ist ein Sommer, an den ich mich lange erinnern werde – an diese heißen, flirrenden Tagen, an denen ich vom frühen Morgen bis spät in die Dämmerung – versunken in einem Berg von Arbeit und Terminen – im abgedunkelten Büro vor dem PC sitze, und an die Abende und Nächte voller Gezirpe und Froschgequake, die ich, die wir draußen verbringen, auf dem Bänkchen, auf den noch warmen Steinfließen der Terrasse – den Sternenhimmel über uns. Wir essen eine Kleinigkeit, trinken und schwätzen über die Ereignisse des Tages und über die Welt an sich. Am Morgen, am Abend nehmen wir jeweils den Faden wieder auf, knüpfen nahtlos an, an den vorhergehenden Tag, an den vorhergehenden Abend an. Eine endlos scheinende Kette von Tagen, hinter denen – wie ein Teppich – die Weltmeisterschaft in Südafrika und die großen und kleinen Sommerpausenereignisse der Eintracht ablaufen - immer wieder unterbrochen durch kurze Ausflüge in die Welt. Frankfurt. Mainz. Dornbirn. Zürich. Bonn. Mainz. Berlin. Unterlegt von Rock und Folk und Punk. Hey hey my my.

Anfang Juli: Bonn. Hier wird abends an der Museumsmeile Patti Smith ein Konzert geben. Beginnen will ich meinen Bericht jedoch mit dem Ende, mit der Rückfahrt. Auf dem Hinweg hatten wir uns in Bonn verfahren: eine Irrfahrt durch einen Vorort, der uns belustigt und erschreckt hatte: Alles voller Deutschland-Fahnen. Also nicht nur das, was man während der WM ohnehin gewohnt war, sondern wirklich alles voll. Überall. „Das muss ich fotografieren.“ Denke ich. Und deswegen fahren wir also, bevor wir uns auf den Heimweg machen, noch einmal zurück. Wir kommen dieses Mal von der anderen Seite und sehen das, was wir gestern nur ahnen konnten: Hier ist das Ende der Welt. Hier ist Schluss mit lustig.

Zunächst ist die Gegend fast noch ein wenig ländlich, dann mehren sich die städtischen Vorzeichen. Ein verfallenes Haus, im zugewucherten Garten steht ein verrotteter Wohnwagen mit der Aufschrift „Imbiss“. Dann erste, vereinzelte Wohnhäuser. Ganze Fassaden, die quasi in schwarzrotgold eingewickelt sind. Aus den Fenstern hängen Fahnen, Fahnen sind an Masten gehisst, an Bäumen, an Sonnenschirmen sind Fähnchen befestigt. Überall schwarzrotgoldene Girlanden. Fahnenketten. Wasserbälle in Gärten. Dann weiter zum Ortsinneren. Xxxxx Wohnblocks, einer hinter dem anderen. Und Deutschland-Fahnen. Hier handelt es sich um befreites (oder besetztes) Gebiet. An den Straßenecken stehen kleine Grüppchen, meist Männer, rauchend. Unser Auto wird angestarrt. Gibt es so etwas wie Spießruten-fahren? Ja, gibt es. Wir fahren vorbei an dem Block, der gestern zunächst unsere Aufmerksamkeit geweckt hatte. Eben war ich noch wild entschlossen, dieses Haus zu fotografieren. Jetzt weiß ich buchstäblich nicht, ob ich mich traue. Wir fahren in eine Seitenstraße. Parken. Jeder unserer Schritte scheint beobachtet zu werden. Ich nehme an: Die einzigen Ortsfremden, die sich ab und zu hierher verirren, sind Sozialarbeiter, die die hier lebenden Menschen beglücken oder retten und ihnen die Welt erklären wollen. Fühle mich wie ein Voyeur, der durch ein Guckloch späht. Aber irgendwie will ich jetzt auch nicht unverrichteter Dinge wieder gehen. Ich mache ein paar Fotos. Verschämt, so dass es keiner sieht. Wir fahren weiter.

Event-Kultur und Spaßgesellschaft? Fanmeilen und Jubel-Gedöns? Ja, zweifelsohne - die gibt es. Und das hier - das ist das andere Ende davon. Es ist bereits vollbracht. World has gone wrong. Nicht nur in Brandenburg, auch hier im Westen sind ganze Gebiete bereits abgekoppelt, ausgegrenzt von der Welt da draußen. Werden nur noch verwaltet. Wehren sich auf ihre Weise. Gegen das Katalogisiert und zum- Fall-Erklärt-Werden. Gegen Zwangs-Gesund-Ernährung. Gegen Kondome, die gönnerhaft kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Gegen Musikschulbesuche, mit denen ihre Kinder zwangsbeglückt werden sollen. Mit was wehren sie sich? Mit Deutschland-Fahnen.

Zurück zum Abend davor. Zurück zur Kunst- und Ausstellungshalle, wo Patti spielen wird. Es ist sehr heiß, und da nicht so recht klar ist, wann das Konzert anfängt – tatsächlich schon um 7 von wegen Anwohner und spätestens Schluss um 10? – ballt sich der Besucherstrom um kurz vor sieben an den Eingängen. Eine endlos lange Schlange, die sich in zwei Serpentinenschleifen vor dem Gebäude aufreiht. Drinnen: Viel weniger voll als es von draußen zu erwarten war, ein merkwürdig steriler Innenhof zwischen hohen Gebäuden – Gläser klirren, Bratwurst und Pizzageruch. „Solarworld“ als Veranstalter und Poldi, der von einem überdimensionalen Plakat grinst und „immer Strom“ hat.

Das Patti Smith Publikum ist gemischt in jeder Hinsicht. Der überwiegende Anteil ist mittelalt, aber es gibt auch ältere – und es gibt eine ganze Reihe von sehr Jungen und Jungen. Es sind mehr Männer, viele Paare und eine Fülle unterschiedlicher Frauen. Ich habe selten - nein, nicht einmal bei der Eintracht - so viele ungewöhnliche Frauen auf einem Fleck erlebt: Witzig. Schräg. Eigen. Entspannt. Cool. Unaufgesetzt. Einfach so. Eine dieser Frauen erzählt mir in der Schlange vor dem Klo, dass vorhin, als der Museumsinnenhof bereits anfing sich zu füllen, Patti herumgelaufen sei. Sie hat fotografiert, kurz hier oder da ein Wort gewechselt. Auch einfach so. Auch cool.

Letztes Jahr waren wir bei Patti Smith in Frankfurt – wow! – deswegen wissen wir ziemlich genau, was wir für heute Abend erwarten dürfen. Und dann wird es doch ganz anders. Denn heute abend gibt Patti Smith ein Konzert für uns, für die Lebendigen – aber sie gibt es auch und vor allem für die Toten. Wäre es nicht Patti Smith, die da vorne auf der Bühne steht, die rockt, deklamiert, die Bühne, den Raum füllt – es könnte peinlich sein. So ist es einfach nur überwältigend. Eine schmale, fast magere Person, in Jeans, mit Jackett, mit wehenden, langen Haaren. Kraftvoll. Warm. Schön. Emphatisch. Schlicht. Wahrhaftig. Stark. Und rockig, unglaublich rockig. Dafür sorgt nicht zuletzt der unfasslich coole Gitarrist Lenny Kaye, der schon seit den Tagen der Patti Smith-Group mit Patti Auf der Bühne steht. Das Konzert hat keine Message, aber es ist eine Manifestation: Es ist eine merkwürdige, eine elende, verwirrende Welt. (Warum sprudelt immer noch das Öl im Golf von Mexiko? „It’s greeeeeed!“) Aber es ist auch die Welt, in der Goethe und Hank Williams, Joyce und Johnny Cash, Beethoven und Joe Strummer, unsere Mütter, Väter, Freunde leben, gelebt, gedacht gefühlt haben. Und wir. Leben. Be happy. Ruft sie ins Publikum bevor sie nach der letzten Zugabe die Bühne verlässt. „Be happy. Be free. Be alive. Be fucking alive.“ Glaub an das, was du siehst und fühlst und weißt. Schau dir alles genau an. Gib die Dinge, die wichtig sind, nicht dran. Trau dich. Mach das richtig, was du richtig machen kannst. Sei du selbst, dann bist du lebendig. Und dann bist du aufgehoben in etwas, das mehr ist als der Moment, als die Zeit. Sorg dafür, dass etwas bleibt. Gib Zeugnis, testify – vom gelebten Geist, vom Fühlen, vom Denken. Von Menschen. People who died who died. Tony thought he could fly, but he couldn’t fly. He was my friend and he died. I miss him. He died.“

Auf dem Marktplatz in Bonn lassen wir den Abend ausklingen. Das Bier ist kalt. Sterne funkeln. Es wird kühl. Alive. Fucking alive.



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