Freitag, 29. November 2019

Wow!

Hättet ihr das für möglich gehalten? Nach diesem Spiel gegen Wolfsburg? Nach dieser Katastrophenhalbzeit? Ich ehrlich gesagt  nicht.  Wenn wir zur Pause drei oder vier zu null hinten gelegen hätten, hätten wir uns keineswegs beschweren können. Bei Arsenal flutschte es, zumindest bis zum Strafraum und schon vor der Pause piepste pausenlos mein Whats App - bing, bing, bing -, alles durchweg eine Art "Kondolenz-Whats apps". "Was ist da bloß los?" "Erkennst du die Herren in Schwarz überhaupt noch wieder." "Das war's dann." "Na gut, jetzt können wir uns auf die Bundesliga konzentrieren."  "640 Millionen Etat gegen 200 - das konnte ja nix werden."  Maaan. Das war der Punkt, an dem der Zorn bzw. Kampfgeist in mir erwachte.  Nein. So gehen wir nicht in die zweite Hälfte. Und so ein blödes Geschwätz haben wir schon zwei Mal nicht nötig.  "Abwarten. Hinten werden die Gänse..." antwortete ich. "Schau mer mal." "Warum gehen die Leut ins Stadion? Weil sie nicht wissen wie das Spiel ausgeht."

Diese unglaubliche Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte, dieser - vom Reporterteam mehrfach als "indisponiert" abqualifizierte - Daichi Kamada und  - nicht zu vergessen - dieser Frederic Rönnow, spillig, irgendwie immer ein wenig "gakelig" in seinen Bewegungen - aber was für ein mutiger Teufelskerl, der uns in der ersten Halbzeit im Spiel gehalten hatte. Und nach dem Ausgleich lief dann auf einmal auch der Ball. Die Pässe kamen an (sogar die von Hinti, die in Halbzeit 1 regelmäßig in den Füßen der Gegner gelandet waren). Die langen Bälle über die Außen, die plötzlich auch wieder mit scharfen Flanken vors Tor gekrönt wurden. Und ein fast wie befreiter Gacinovic, der zwei, drei Mal das Feld in kompletter Länge überquerte wie einst im Mai in Berlin. Hach, wie wäre es schön gewesen, wenn er einen dieser Läufe mit einem weiteren Tor veredelt hätte. Und - echt! - nach dem 2:1 war ich mir (auch in der durchaus vorhandenen Drangphase von Arsenal) absolut sicher, dass wir das Spiel nicht mehr aus der Hand geben. Jetzt nicht mehr. Da war es wieder, dieses Funkeln, diese Überzeugung, dieses Wollen. Und was für wunderbare Momente, in denen das wilde kleine hessische Trüppchen oben auf der Tribüne dann die Support-Regie übernommen hat und das - geisterhaft stille - Stadion  auch stimmlich eroberte. Auch da dachte ich zuerst, ich traue meinen Ohren nicht. Europacuuuuup. Dawei, dawei, uh. Moskau, Wien oder Athen. Das hatte wirklich was vom aufständischen, kleinen gallischen Dorf. 

Wisst ihr was? Am Ende ist es vollkommen schnurz, wer, seit wann, warum, wie lange Eintrachtler ist. Schon ein bisschen älter, noch ganz jung,  Reise- oder Event-Fan, Auswärtsdauerfahrer, Liedermacher, Ultra, Althauer, Ab- und zu ins Stadion-Geher, Modefan, stiller Leider, Sänger, Schweiger, Diskutierer, von zu Hause Mitfieberer.  Jeder so wie er mag und nach seiner Facon. Alles zusammen ergibt diesen wilden, wehrhaften, hessischen Haufen, den (heute will ich das einfach mal wieder glauben) auch kein Marketingkonzept ins Wanken bringt. Dass wir so viele - und so viele verschiedene sind - das macht uns aus. Zusammen gewinnen und zusammen verlieren. Ich muss nicht pausenlos fliegen, aber wenn wir zwischendurch immer mal wieder sooo abheben, bleibe ich ganz bestimmt nicht auf dem Boden...

PS: Was das jetzt für die Liga bedeutet (und was nicht), darüber denke ich in den nächsten Tagen nach. Nach dem Abpfiff habe ich übrigens tunlichst  darauf verzichtet, etwaige "Ätschbätsch"-Apps zu verschicken. Pfff.

Samstag, 23. November 2019

Alles Standard?


Seit meinem letzten Blogeintrag ist einige Zeit ins Land gegangen und dementsprechend hat sich viel getan. Bei der Eintracht, in der Bundesliga und in der Welt. Da die Welt  (und mehr noch die Bundesliga) ein doch etwas zu weites Feld für ein Update wäre, halte ich mich einfach mal an die Eintracht und an das muntere Auf und Ab von Höhenflügen und Niederlagen der letzten Wochen. Das Last-Minute Gegentor im Heimspiel gegen Lüttich, die Auswärtsniederlage beim newborn Meisteraspiranten Gladbach (manche sagen: unverdient), die dabbische Niederlage bei Standard Lüttich, der grandiose Sieg gegen die Bayern und die, unverdient-verdiente Niederlage in Freiburg mit der durchaus ungewöhnlichen Einlage von David Abraham, der jetzt erst einmal eine Weile fehlen wird. Nicht so richtig gut gefallen mir die Meldungen vom Eventuell-Winter-Transfer von Filip Kostic, aber der beste Manager von allen wird schon die richtigen Entscheidungen  zu unser aller Wohl treffen.  Irgendwie scheint dem Eintracht-Höhenflug ein wenig die Luft auszugehen und ich kann nicht einmal wirklich behaupten, dass mich das so wirklich unglücklich macht. Ich fühl mich einer Eintracht auf dem Boden der Tatsachen irgendwie näher als einer Eintracht im kontinuierlichen Höhenflug, vielleicht die Macht der Gewohnheit. War ich „früher“ vor jedem, wirklich jedem Spiel aufgeregt und hibbelisch ohne Ende, bin ich heute in der Regel weitgehend gelassen, zwar segr gespannt, ob und mit welchen Salti  (oder sollte ich sagen „Märchenstunden“) Trainer und Mannschaft uns heute überraschen werden, aber händeringend aufgeregt – nö.

Heute also gegen Wolfsburg, die nach starkem Saisonauftakt im Moment ein wenig vor sich hin dümpeln, zuletzt zuhause gegen Leverkusen verloren haben. Also vor der Länderspielpause, die den Saisonverlauf einmal mehr zerstückelt hat  Gefühlt spielen wir gegen Wolfsburg (ähnlich wie – sic! - gegen Mainz) immer im Dezember – diese Erinnerungstäuschung mag daran liegen, dass ein Heimspiel gegen Wolfsburg das kälteste Spiel war, dass ich je im Stadion erlebt habe. Es war (wie ich eben nochmal im Eintracht-Archiv gecheckt habe) in der Saison 2009/10 und wir bibberten kurz vor Weihnachten bei minus 17 Grad, das heißt: wir bibberten nicht einmal mehr, wir saßen oder standen fest gefroren, stocksteif und bewegungslos auf unseren Sitzen, nur unterbrochen von zwei kurzen „Arme zum Torjubel nach oben strecken“-Unterbrechungen. Mein Mit-Adler hatte keine Handschuhe dabei und die Hoffnung, im Eintracht-Shop schnell noch welch erstehen zu können, erwies sich als falsch – andere hatten den gleichen Gedanken und waren schneller. Das Spiel endete 2:2, so wie (auch dies gefühlt) alle Spiele gegen Wolfsburg enden. Z.B. erinnere ich mich an ein Auswärtsspiel der Eintracht in Wolfsburg (ich vermute, es war in der Saison 2007/08), bei dem ich – am Rande eines Abends mit Gerd Knebel im Mainzer Unterhaus – in der Pause zufällig mit meinem Eintracht-Schal neben Henni Nachtsheim an der Getränkeausgabe stand und ihm auf Nachfrage den Halbzeitstand aus Wolfsburg übermittelte. (Endstand - logisch: 2:2)

Die Eintracht läuft heute mit einem Sondertrikot auf, das statt Sponsor in groß, Sponsor nur in klein und stattdessen ganz viele Flaggen und damit die Vielfalt der Eintracht zeigen wird. Kann man sicher auch gleich im Shop erwerben und ich vermute, dass der Vorrat größer sein wird als damals der an Handschuhen. Ist es nicht erstaunlich, dass unser Präsident, über ein groß-groß-großartiges Trikot mit fast genauso maßlosem Enthusiasmus und wilder Verve schwärmen kann wie über einen Pokalsieg? Muss daran liegen, dass wir einfach die größten sind. Der beste Präsi. Die besten Fans. Die genialsten Trikots. Die beste Mannschaft Europas. Und natürlich die vielfältigste. Also ganz in echt jetzt.

Heute ist es noch nicht ganz Dezember, es ist auch nicht sonderlich kalt. Sonnig, windig, kühl – prima Fußballwetter. Aber das Ergebnis wird am Ende sein wie immer gegen Wolfsburg. 2:2. Echt.