Freitag, 31. Dezember 2010

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel (Jahresabschluss-Edition) - Teil 3: Zwischen den Jahren

Teil 2? Klick!

Samstag, 25. Dezember
Die letzte Tür ist geöffnet und die Adventskalenderaktion für das Eintracht-Museum ist beendet. Über 7000 Euro sind zusammengekommen. Wahnsinn, was alles geht, wenn man's nur macht.
 
Zunächst sporadisch, in den letzten Wochen häufiger und jetzt, seit Weihnachten, regelmäßig, haben wir einen Kater zu Gast. Er hat nur einen halben Schwanz, sieht aber gut gepflegt und genährt aus, verlangt sehr nachdrücklich Einlass und verhält sich ausgesprochen kooperativ. Hat er ein Zuhause und liebt die Abwechslung? Streunt er und kommt mal hier, mal da unter? Wir konnten es bisher nicht herausfinden, aber zumindest wissen wir , wie unser Besucher heißt: Jens. Das habe ich nämlich neulich geträumt und mich noch im Traum gefragt, wer seiner Katze wohl einen dermaßen dämlichen Namen geben würde. Hätte ich nicht „Grabi“ oder „Elvis“ oder wenigstens „Maunzerle“ träumen können. Aber was will man machen? Geträumt ist geträumt. Jens kommt täglich, frisst einen großen Napf leer, schläft sich auf dem Sofa in meinem Zimmer aus und  lässt sich kurz durchknuddeln. Weihnachtsasyl. Dann verschwindet er wieder in die Nacht.


Sonntag, 26. Dezember
Blättere in diesen Tagen öfter einmal in „Sirius“ von Walter Kempowski: „Ich hatte als Kind eine sonderbare Idealvorstellung von meinem Leben: Ich wollte im Bett liegen, Dick-und-Doof-Filme sehen und dazu Marmeladenbrote essen.“

Könnte sein, dass heute ein guter Tag gewesen wäre, um damit anzufangen.

Montag, 27. Dezember
Die Eintracht trauert um einen jungen Mitarbeiter, Christoph Safran, der mit nur 25 Jahren an Weihnachten gestorben ist. So jung. So furchtbar jung.

Die Welt ist eisig und still und grau. Die Tage fließen ruhig dahin, aber ich komme in diesem Jahr nicht so richtig zur Ruhe in diesen Tagen zwischen den Jahren, die ich so mag. Bin aufgewühlt. Müde. Nachdenklich So vieles was mir im Kopf herumschwirrt und neu gedacht und eingeordnet sein will. Etwas zu Ende denken – geht das?

Dienstag, 28. Dezember
Marco Russ ist operiert worden . Es hat sich herausgestellt, dass die Verletzung schwerwiegender war als gedacht. War nicht vor ein paar Tagen noch die Rede davon, dass er vielleicht gar nicht operiert werden muss, vielleicht durchhält bis zum Sommer? So viel zur Fürsorgepflicht.

Hier mal - also: nur mal so -  eine kleine Auswahl der Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang stellen könnte:Wusste Marco Russ, auf was er sich im Sommer eingelassen hat bzw. wurde er hinreichend informiert? **Wurde ihm die Möglichkeit gegeben, sich gegen die Ärzte-Meinung zu entscheiden? **Was wäre gewesen, wenn er in Köln nicht die fünfte gelbe Karte bekommen hätte? **Aufgrund welches Sachverhaltes - wenn nicht auf Basis der Kernspintomographie vor dem Köln-Spiel - wurde nach dem Köln-Spiel die Entscheidung pro sofortiger Operation getroffen, die doch vor dem Spiel nur eventuell in Betracht gezogen wurde?**Wenn ein einziges Spiel ausreichen kann, um den Meniskusschaden von "unverändert" auf "schwerwiegend" zu verändern, warum hat man dann das Risiko von Spiel zu Spiel weiter vergrößert?** Wenn man wusste, dass Marco Russ angeschlagen ist, warum wurde dann nicht bereits im Sommer über die Verpflichtung eines weiteren Innenverteidigers nachgedacht bzw. ein Innenverteidiger aus dem eigenen Nachwuchs frühzeitiger ins Profi-Training integriert? **Ach... und so weiter und so weiter...

Zornig. Macht mich das.

Dienstag, 29. Dezember
Der designierte Präsident des Flughafenverbandes schlägt vor, Fluggäste künftig nach Risikoklassen zu unterteilen. Hellgrüne und Dunkelgrüne. Von wegen Anti-Terror-Prävention. Das hätte den Vorteil, dass die Abfertigung für die – Terror-unverdächtigen - Hellgrünen dann wesentlich schneller ginge. Wie praktisch. Das Modell könnte man doch glatt für andere Bereiche übernehmen – z.B. bei Eingangskontrollen in Stadien. Bastele mir vorsorglich schon einmal einen Button: „Ich bin ein Sicherheitsrisiko.“

Wie lange läuft eigentlich die Courbet-Ausstellung in der Schirn noch? Klick auf die Homepage – aha, noch bis Ende Januar – und auch sonst erfährt man hier allerlei Posierliches: Der Audio-Guide zur Ausstellung wird gesprochen von Hannelore Elsner. Jeden Mittwoch gibt es Art & Lunch. Das heißt: Eine ausführliche Betrachtung von 2-3 Werken der Ausstellung mit anschließendem Lunch im Restaurant TABLE in der Schirn. Die Schirnherrschaft für die Ausstellung hat übrigens Bundespräsident Wulff. Schirmherrschaft.

Es ist manchmal wirklich nicht leicht, gute Laune zu bewahren.

Mittwoch, 29. Dezember
Auch die Homepage der großen Staufer-Ausstellung in Mannheim  verspricht nichts wirklich Gutes. Theo zu Guttenberg nebst Gattin war neulich da. Die CD „Klang der Staufer“ (aha, eingespielt von der Capella Antiqua Bambergensis) liegt auf Platz 2 der Charts für Alte Musik). Der Reinerlös wird der Ministergattin Stephanie bzw. ihrem Verein „Innocence in Danger“ zur Verfügung gestellt. „In Danger“ ist hier ganz etwas anderes.

Nein, nichts da. Wir lassen uns nicht abschrecken. In Mannheim ist eine solche Fülle von Originaldokumenten, Kunstwerken, Materialien der Stauferzeit zusammengetragen – das muss man sich einfach ansehen. Unternehmenslustig, hochmotiviert und neugierig fahren wir los – und sind dreieinhalb Stunden später froh, dass wir wieder draußen sind. Zu viel von allem, zu planlos, zu warm, zu kalt, zu voll. Ein herzliches Dankeschön geht an die „Tomate“ zwei Straßen weiter für zwei große Teller Rigatoni und ein freundliches Plätzchen.

Ein Ausstellungsstück ist mir zwar nicht mehr in seinem Bezug zu den Staufern, aber trotzdem besonders deutlich in Erinnerung – ein „Fragment mit Adler“. Mal ehrlich: Sind wir das nicht alle irgendwie?

Freitag, 31. Dezember
Patrick Ochs glaubt an eine „rosige Zukunft“  für die Eintracht. Ümit Korkmaz findet „Es kann ja eigentlich alles nur besser werden.“ Und deswegen freut er sich. Aufs Hallenturnier in Höchst am Sonntag. Und aufs neue Jahr. Freuen wir uns einfach mal mit. 

Willkommen 2011. Wir tun unser Bestes. Und du?


*** to be continued ***

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel (Jahresabschluss-Edition) - Teil 2: Von Köln über Dortmund und Aachen bis Weihnachten

Teil 1? Klick!

Sonntag, 12. Dezember
Bruno Labbadia wird neuer Trainer beim VFB Stuttgart. Mein Mit-Adler, der zwar hauptamtlich Adler ist, aber von wegen schwäbischer Wurzeln auch Sympathien für den VFB Stuttgart hegt, ist schwer erschüttert.
Was hat der Sky-Reporter gestern noch gleich über den VFL Wolfsburg gesagt: „Mit dem Probleme lösen haben die Wolfsburger so ihre Probleme.“ Da sind sie offensichtlich nicht die einzigen

Montag, 13. Dezember
Die Eintracht hat am Samstag in Köln verloren. Ein guter Zeitpunkt, um endlich mal zu sagen, dass man es sowieso gewusst hat und die Punkte zur Sprache zu bringen, an denen es hängt. Kann ja gar nichts werden mit der Eintracht in dieser Saison. Fehlt überall. Hinten und vorne. Immer nur Gekas. Dürfen wir uns nix vormachen.

Merke: Nach überraschenden Siegen gegen Große unken und auf Schwachstellen aufmerksam machen, das kann jeder. Aber nach einer überflüssigen Scheiß-Niederlage bei einem potenziellen Absteiger den Teufel an die Wand malen und den nahenden Untergang erahnen – den Mut muss man erstmal haben.  Dazu gehört Sachverstand und Unerschrockenheit. Vor allem: Unabhängigkeit vom Main-Stream.

Wie? Was? Umgekehrt wird ein Schuh draus? Na gut. Auch recht ,-)

Dienstag, 14. Dezember
In Italien wird Silvio Berlusconi wieder gewählt. Die TAZ titelt: „Italien ist berechenbar.“ Das wäre ja grad noch zu verkraften.

Das Buch ist als Weihnachtsgeschenk nach wie vor sehr beliebt. Aus unserer Tageszeitung fällt mir ein Prospekt entgegen, auf dem eine vermutlich als gutaussehend geltende Grinsebacke in die Kamera guckt und ein farblich zur Headline passendes Buch auf eine Art in der Hand hält, dass man sofort sieht: Es ist das erste Mal. Oben drüber steht: „Ich lese!“ Glaub ich nicht, glaub ich nicht.

Mittwoch, 15. Dezember
Slaven Skeledzic, der bisherige Trainer der A-Jugend der Eintracht, verlässt nach 11 Jahren den Verein, Alex Schur übernimmt seinen Job - und damit auch wieder einen Großteil der Jungs, mit denen er letztes Jahr Deutscher Meister geworden ist. Jetzt, in der höheren Altersklasse, steht die Mannschaft derzeit nur 3 Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt. Schuis Nachfolger bei der B-Jugend wird Uwe Bindewald.

„Da hammers widder mir Zwei.“ Den Abend verbringen wir aber nicht mit Zico 24, sondern mit Henni Nachtsheim und Gerd Knebel in der Phönixhalle in Mainz.

Donnerstag, 16. Dezember
Die Hartz IV-Reform (wir erinnern uns: 5 Euro mehr plus Bildungs-Chipkarte für Kinder) scheitert im Bundesrat an den Stimmen der SPD-regierten Länder. Mir ist nicht ganz ersichtlich, warum (6 statt 5 Euro?) – aber sei’s drum. Frau von der Leyen ist jedenfalls wild entschlossen auch über Weihnachten nicht zu rasten und zu ruhen und tüchtig für die gute Sache weiter zu verhandeln. Weil: „ Die Kinder warten darauf.“ Echt, mich schüttelt's bei diesem falschen Pathos. Was sie da wohl vor Augen hat? Heerscharen von bedürftigen Kindern, die „Bildung für mich statt Bier für Papa“ rufen und sich auf den dringend notwendigen Besuch im Porzellan-Museum freuen? Schau an - der Elefant war schon da.

Letztes Jahr ist die Weihnachtsfeier unserer Rheinhessenliga ausgefallen, der Schnee hatte uns ein Schnippchen geschlagen. Dieses Jahr nicht noch einmal. Nicht mit uns. Dieses Jahr trotzen wir Schnee und Wind und Wetter, rutschen noch ein Stückchen weiter ins rheinhessische Hinterland und verbringen einen Abend mit lieben Freunden. Essen. Trinken. Schwätzen. Das zurückliegene Jahr. Der Fußball. Die Lage der Liga. Die Welt an sich. Schön.

Freitag, 17. Dezember
Nicht "Sarrazin-Gen", nicht "Femitainment" auch nicht "Stuttgart 21" - Wutbürger ist das "Wort des Jahres". Also, ich weiß natürlich was gemeint ist – aber – mal ehrlich - das Wort hatte ich vorher noch nie gehört. Klingt aber gut: „Jetzt bei McDO – Wutburger-Wochen“

Samstag, 18. Dezember
Auf dem Weg nach Frankfurt tanken wir noch schnell und entdecken an der Tankstelle einen Lieferwagen mit Adler in der Heckscheibe. Im und ums Waldstadion versinken wir in Schnee und Schneematsch. Die Treppen zum Stadion sind glatt und rutschig und werden von Männern in gelb (nein, keine Dortmunder) bewacht. Also: bewacht (und nicht etwa geräumt). Das ist praktisch: Wenn nämlich einer fällt, ist gleich einer da, der ihm dabei zukuckt.

Morgens hatte ich in unserem „Ortsanzeiger“ gelesen, dass heute um 17 Uhr am Weihnachtsbaum in der Ortsmitte ein weihnachtliches Treffen mit Tanz und Gesang stattfindet. Keine Ahnung, ob um diese Zeit bei uns im Ort tatsächlich jemand singt und tanzt – im Waldstadion wird gehüpft und gesungen. Bäume und Weihachtsmützjer gibt es auch.Was für ein genialer, großartiger, atemloser und dann auch noch verdienter, tatsächlich verdienter Sieg gegen den künftigen Deutschen Meister. 60 Sekunden zwischen Niederlage und Sieg.Durchgefroren, mit nassen Füßen, aber laut singend brausen wir durch die Winterlandschaft nach Hause. Siebter. Wir sind Siebter. Jetzt noch am Mittwoch im Pokal in Aachen gewinnen und Weihnachten kann kommen.

Als Eintrachtler habe ich heut wenig zu kritisieren. Anders die Wutbürger. Ihnen gefällt nicht, dass Wutbürger zum Wort des Jahres gekürt worden ist. Sie sind keine Wutbürger, sondern machen konstruktive Vorschläge. "Scho recht." Und wie zum Beweis hat Onkel Heiner auch gleich einen konstruktiven Kompromissvorschlag ausgearbeitet. Nicht Wut-Bürger, Mut-Bürger muss es heißen. Oder doch vielleicht Gut-Bürger? Wie auch immer. Seufz.

Sonntag, 19. Dezember
Hajo Rauschenbach ist in dieser Woche verstorben und - Mann, Mann, was hab ich diese Woche eigentlich gemacht? - erst in Kids Blog bekomme ich es mit. Erinnerungen an versunkene Fernsehzeiten. Hajo Rauschenbachs Markenzeichen waren seine blumenreiche Sprache, sein Toupet, seine Metaphern, die nicht immer charmant, und oft knapp daneben waren und manchmal genau deshalb ins Schwarze trafen. Früher war alles besser? Weiß ich nicht, glaub ich nicht. Aber das Alltägliche war liebenswerter und harmloser. Schnaps war Schnaps. Darauf einen Dujardin.

Schaffner sein, das war einmal was. Das gilt wohl auch für den Sportreporter. Und für das Wetter. Ok. Es schneit. Ok. Es ist wilder, wilder Winter. Aber ist das eigentlich normal, dass jetzt alles zusammen bricht? Je vernetzter, desto crash. Graaaaaaade jetzt, wo jeder unbedingt noch irgendwo hin will, wo er gar nicht hin muss. Die Autos können nicht fahren. Die Bahn kann nicht rollen. Die Flieger können nicht fliegen. Unser Rat: Bleiben Sie mit Ihrem Arsch einfach zu Hause.

Abends tobt ein Sturm ums Haus, es tropft und plitscht vom Dach, der Schnee schmilzt.

Montag, 20. Dezember
Doch nicht. Schneeschmelze war gestern. Heute ist: Schnee. Um zehn Uhr fängt es an und dann wirbeln und fallen die Flocken. Dicht und weich. Unser lieber alter Kater verschläft die Tage auf dem Kaminbänkchen.

Dienstag, 21. Dezember
Ich weiß gar nicht, was immer alle haben. Wenn ich mir die Stapel mit den Bestsellern in der Buchhandlung anschaue – kein Zweifel, wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Links: Josef Ratzinger „Licht der Welt“, rechts: Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab“. Und in der Mitte: Keith Richards „Life“.

Mittwoch , 22. Dezember
Das Elfmeterschießen in Aachen verfolgte ich mit dem Kopf unter einem Kissen nur anhand der „Tonspur“ im Nebenzimmer. Ich weiß, dass Martin Fenin als erster schießen wird. Ein kurzes „Jaaa!“ von nebenan. Ok. Drin. Verrauschtes Jubeln. Ok. Der zweite Aachener hat auch getroffen. Jetzt kommt Alex Meier. Bitte, denke ich, bitte, bitte. Wenn es denn wirklich sein muss, dass einer von uns verschießt, dann bitte nicht er. Stille. Aufstöhnen. „Oooooo Maaaaaaaan..." Caio – trifft. Ama – trifft. Nützt alles nichts, Wenn jetzt der letzte Aachener („Wer?“„Auer!“) trifft, dann ist alles vorbei. Ziehe mir mein Kissen fester über die Ohren. Von ganz fern - verrauschte Stimmen, Stadionkulisse, pfeifen. Dann Stille (Auer läuft an). Dann: „Ok, das war’s.“ Und wieder Stille. Einer meiner Mit-Adler hat den Fernseher ausgeschaltet.

Donnerstag, 23. Dezember
Bin immer noch gedetscht, aber irgendwie auch stolz und aufgewühlt. So ist Fußball. Alles gegeben, gekämpft. Am Ende doch verloren. Und dabei hätte doch eigentlich alles ganz anders ausgehen können. Müssen. Hätte. Wenn nur. Wenn nur nicht. Eigentlich. Trotzdem. Es ist vorbei. Kleiner Trost: Wir können jetzt sicher sein, dass auch unser Trainer weiß, warum Martin Fenin bei uns bleiben sollte. Gell?

Die Zeit erklärt das Jahr 2010 zum Jahr der Charismatiker – Barack Obama, Julian Assange, Theodor zu Guttenberg. Ach du Scheiße.

Apropos Assange, Apropos WikiLeaks: Ist der Anspruch, alles wissen zu wollen, im Namen der Freiheit so sehr verschieden vom Anspruch, alles wissen zu wollen, im Namen der Sicherheit? Und entbirgt am Ende nicht beides vor allem eins: Unfreiheit. Mein ja nur.

Freitag, 24. Dezember
In der Nacht von Donnerstag und Freitag hat in Mainz ein Erdbeben stattgefunden. Das Epizentrum lag, wie es heißt, genau am Standort der Coface Arena. Die Stärke des Bebens lag bei 3,5 auf der nach oben offenen Richterskala. Pah. Wetten, dass wir das nächstes Jahr besser hinkriegen?

Aber jetzt erst mal: Weihnachten. Letzte Einkäufe. Die Buden auf dem Weihnachtsmarkt werden schon abgebaut. Einzelne Marktstände kauern sich verfroren in den engen Straßen der Altstadt. Hier ein Gruß, ein Nicken. Frohes Fest. Die Stadt wird still. Wir essen noch eine Kleinigkeit und fahren dann auf dem Nachhauseweg noch eine Kurve nach Rüsselsheim, zum Friedhof. Oma. Opa. Papa. Dicker Schnee auf Gräbern und Bäumen. Graues Licht, fühle mich traurig und froh, dankbar und wehmütig. Hey alle. Schon wieder ein Jahr vorbei. Schnee rieselt. Lichter blinken. Wir fahren heim.



Weiter zu Teil 3? Hier!

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel (Jahresabschluss-Edition) - Teil 1: Von München über Mainz bis Köln

Freitag, 26. November
Die Mainzer Allgemeine Zeitung berichtet über einen Banküberfall in einer Sparkasse, im Bild ist deutlich zu sehen, dass der Räuber eine 05er B-Cap auf dem Kopf hatte. Was e Kapp.

Abends sind dann die Nürnberger die Kappen – sie verlieren gegen die Mainzer mit 3:0.

Samstag 27. November
Über Nacht ist es richtig kalt geworden, zum ersten Mal in diesem Jahr ist der Teich im Garten gefroren.

Die Eintracht startet in München überraschenderweise mit Marcel Heller und mit – aaaaa, da isses ja das Händchen für die Jugend – Sonny Kittel. Minuten vor Abpfiff wird Ama eingewechselt und schüttelt Michael Skibbe demonstrativ die Hand. Offensichtliches Handspiel. Verwarnung

Das Spiel in München endet 4:1. Also echt, man kann ja in München verlieren, aber so...mmh. Noch schlimmer ergeht es den Schalkern auf dem Betze: Sie verlieren mit 0:5. Der Sky-Reporter kommentiert das erste Tor der Lauterer: „Lakic erzielt vollkommen unbedrängt das 1:0 während die Schalker im Raum decken.“ Hihi.

Es schneit.

Sonntag, 28 November
Advent. Advent. Es ist bitterkalt. Will heute die ersten Plätzchen backen, aber zuerst wird das Vogelhäuschen im Garten aufgestellt. „Schön Hühnchen, schön Hähnchen und du schöne bunte Kuh – was sagst du dazu?“  Apropos Kuh: Zum Backen trage ich meine rotundschwarze Kuh-Schürze, die ich vor kurzem von Freunden geschenkt bekommen habe. Da können die Plätzchen ja nur gut werden. Und so ist es dann auch :-)

Per SMS ereilen mich Fußballnachrichten aus Nah und Fern: Mein fußballspielender junger Mit-Adler ist vor dieser Saison von der Jugend- in die Frauenmannschaft gewechselt und heute hat sie - hurrahurra - ihr erstes Pflichtspieltor für das neue Team erzielt. Ein Adler-Freund aus dem Norden hat spontan von einem Bremer Bekannten, dem es - Sache gibt’s - zu kalt fürs Stadion war, ein Ticket fürs Spiel der Bremer gegen St. Pauli übernommen und bibbert undercover in der Bremer Fankurve. „Nix los hier.“ Bei uns im Ort schon: Weihnachtsmarkt des Gewerbevereins. Es dämmert schon und wir beschließen, uns das Großereignis einmal anzuschauen. Wir erwarten ein paar einsame Büdchen und treffen auf ein buntes, glitzerndes Treiben. Schmuck und Kerzen, Getöpferes und Gestricktes. Und Selbstgebranntes. Es duftet nach Glühwein und Bratwurst und Waffeln. Das ganze Dorf ist da.

Montag, 29. November
Ein nerviger Montag. Die Arbeit zieht sich zäh wie Brei. Eintracht-Parallelwelten im Netz. Der Online- Vorverkauf für das Pokalspiel in Aachen läuft an und der Eintracht-Andrang legt den Aachener Server lahm. Beve berichtet über einen Rundgang entlang von Eintracht-Gräbern, im Blog G werden Kochrezepte ausgetauscht und aus allen Ecken hört man von 05ern, die auf keinen Fall zum Spiel ins Waldstadion fahren werden. Mein Lieblingszitat: „Hab keine Lust mich von der Hartz IV-Tribüne anpöbeln zu lassen.“ Ja, fein. Dann bleib zu Hause.

Dienstag, 30. November
Pappnase für Fastnacht (wahlweise für ein Spiel der 05er)? Ein Grill für 9 Euro 99? Ein Notenheft? Haargummis? Einmachringe? Das „Kaufhaus auf dem Lande“ hier bei uns im Ort ist winzig, aber es gibt alles, vor allem auch das, von dem man sonst nicht wüsste, wo man es herbekommt. „Frag erst mal bei der Marianne.“ Mach ich: „Habt ihr noch Weihnachtslichterketten ohne LED-Lichter?“ Momentemalmomentemal. Doch, eine ist noch da. Der UPS-Bote, der die Post abgeben will, steht wortlos wartend daneben. Kopfhörer auf dem Kopf. Die Musik dröhnt. Das ist doch...? Hey Joe.

Mittwoch, 1. Dezember
Heute startet im Eintracht-Forum die große Adventskalender-Aktion, die Forums-Mod gereizt zugunsten des Eintracht-Museums ins Leben gerufen hat. Am ersten Tag wird ein Riesen-Plüsch-Attila versteigert. Der hätte gut zu der Riesenholzfigur im 05er Trikot gepasst, die ich letztes Jahr von der Weihnachtspyramide auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt geklaut und weggeschleppt habe. Mist, grad neulich hab ich sie wieder zurückgeschickt. Harhar.

Die Pflegeversicherungen vermelden, dass jeder Dritte Deutsche (56% der Männer, 78% der Frauen) im Laufe seines Lebens dement wird. Ha, das hätten sie wohl gerne.

Seit diesem Herbst besitze ich einen Eintracht-Schal mit persönlicher Charly-Widmung für rotundschwarz (Danke, liebe C-Willi :-) Heute hat Charly Körbel Geburtstag. Er wird 56 Jahre alt.

Abends schauen wir uns im TV die Verfilmung von Sven Regeners „Neue Vahr Süd“ an. Vor zwei Jahren habe ich einem befreundeten Adler, der in Bremen lebt, das Buch zu Weihnachten geschenkt – zusammen mit einer (wie ich dachte) transportsicher verpackten Flasche Apfelwein. Klarer Fall von denkste. Das Buch ist inzwischen getrocknet, verströmt aber immer noch einen leichten Apfelduft. Eingehessischt. Sollte ich mir vielleicht patentieren lassen.

Donnerstag, 2. Dezember
Schon wieder so ein schräger, doofer Tag. Bin übermüdet und durch den Wind. Unangenehme Nachrichten aus allen Ecken, im großen wie im Kleinen.

Um die Jugend zu schützen soll das Jugendmedienschutzgesetz verschärft werden. Es ist vorgesehen, dass Beiträge im Internet – z.B. in Blogs - mit einer Altersfreigabe versehen werden müssen, damit das gefährdete Kind nicht mehr auf die ihn gefährdende Seite zugreifen kann. Zappe hier, zappe da. Ok. Man  kann das im Moment wohl alles noch mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis nehmen. Trotzdem zum Kotzen dieser nicht mehr aufzuhaltende Kontrollwahn. Erst wenn die letzte Mail kontrolliert und der letzte Winkel der Welt standardisiert worden ist, werdet ihr merken, dass ihr euch vor euch selbst nicht schützen könnt.

"Sometimes I think, the whole world is just one big prison yard. Some of us are prisoners, the rest of us are guards." (Bob Dylan). „This machine kills fascists“ hatte Woody Guthrie auf seiner Gitarre stehen. Keine Ahnung, warum mir das jetzt gerade einfällt.

Schokolade ist gut für die Nerven – ich öffne das zweite Türchen des Eintracht-Adventskalenders. Hinter jedem Türchen verbirgt sich ein anderes Fußballmotiv, heißt es. Was finde ich heute? Aha - 0 : L…. Hä? Ach so. Umdrehen…

Die Sache mit der Schokolade scheint jedenfalls zu funktionieren, sehe die Dinge auf einmal deutlich entspannter. „Polizist droht Rhein mit Klage.“  lese ich z.B. in der Frankfurter Rundschau und stelle mir vor, was der Polizist wohl gegen den Rhein vorbringen könnte: „Zum allerletzten Mal warne ich Sie vor weiteren Übertretungen.“ Na ja, es  ist halt alles im Fluss.

Freitag, 3. Dezember
Vor ein paar Tagen ist in den USA der erste Band der Autobiographie von Mark Twain erschienen. Sie stammt aus seinem Nachlass. Es war Mark Twains Wunsch, dass das Buch erst hundert Jahre nach seinem Tod veröffentlich werden sollte – also jetzt. Ohne vermittelnden Übergang aus dem Jahr 1910 in die Jetztzeit gebeamt. Fast ist es ein bisschen so als ob Mark Twain persönlich erscheint und nachkuckt, was aus der Welt geworden ist. Der arm Kerl.

Die Fifa vergibt die WM 2018 und 2022 an Russland und an Katar. Fassungslosigkeit. Nix mit „Football is coming home“ – stattdessen Katar-Stimmung.  In Katar ist Kamelreiten beliebter als Fußball spielen. Vielleicht sollte dann die „Katar Open“ demnächst in London im Wembley Stadion stattfinden?

Samstag 4. Dezember
Heute also das ach-so-unwichtige Spiel gegen die 05er. Es ist kalt. Matschig. Egal. „Wir werden euch besiegen. Shalalala.“ Ein Spiel wie im Wirbel. „Frankfurt geht baden“ – blinkt es zwischendurch immer wieder auf der animierten Leuchtbande vor der Haupttribüne. (Wie dämlich ist dieser Slogan denn hier an diesem Ort?) Baden gegangen wird nicht. Schon gar nicht heute. Die Eintracht spielt und kämpft. Die West leuchtet. Schürrle gibt den Bruchweg-Boy. Voll cool, ey. Zumindest in der Provinz. Aber nicht bei  uns und schon gar nicht vor unserer Fan-Kurve. Nur noch fünf Minuten. Meier im Zweikampf mit Kirchhoff. Hand, das war Hand. Elfer. Er gibt ihn. Kollektiv weit aufgerissene Augen. Offenstehende Münder. Hände vor dem Gesicht. Gekas läuft an. Yep. He did it. Der Mann hat keine Nerven. Wir hüpfen im Block und Gekas hüpft auf dem Videowürfel.

Da schaut man doch gerne abends noch mal in Sportstudio, zumal lustigerweise auch Schalke heute  gewonnen hat.  Gegen Bayern. Nach dem Spiel-Interview mit Neuer und Metzelder „. ...Na, da hat der verschärfte Magath-Kurs dann wohl gefruchtet?“ „...Na, war wohl nicht so furchtbar angenehm in dieser a.rschkalten Woche in kurzen Hosen zu trainieren? „ Nein, nein", beteuern die beiden. Die Mannschaft hat sich ausgesprochen. Deshalb. Und es gab auch gar keine offizielle Ansage, dass Mützen oder lange Hosen und Handschuhe beim Training verboten sind. „Die langen Trainingshosen, die wir normalerweise i m Training anhaben, sind sowieso unbequem...“ Glück gehabt.

„No fear. No envy. No meanness.“ Das hat Liam Clancy irgendwann in den 60igern einmal zu Bob Dylan gesagt. Ein feines Motto für ein aufrechtes Leben. Heute vor einem Jahr ist Liam Clancy gestorben. Er wurde 74 Jahre alt.

Sonntag, 5. Dezember
Dortmund schießt in der 92. Minute das 2:0 in Nürnberg. Yep. Genau mein Tipp – 13 Punkte im Tippspiel im Eintracht-Forum.  Endlich einmal.

Montag, 6. Dezember
Nikolaustag. Morgens setzt Tauwetter ein.  Maik Franz wird am Bauchmuskel operiert. Oka hat einen Sehnenabriss in der Fußsohle. Er fällt länger aus, und abends fällt Eisregen, während am Riederwald die Eintracht-Mitgliederversammlung stattfindet und das neue Leistungszentrum eingeweiht wird. Ohne uns, mein Mit-Adler hat keine Lust, den fernsehtauglichen Vorzeige-Adler zu geben. So sehen wir uns also im Heimspiel einen gut gelaunten Heribert Bruchhagen und einen vergeblich mit Ariane Friedrich flirtenden Peter Fischer an. Ob da jemand gerade „Vision“ mit „Illusion“ verwechselt?

Dienstag, 7. Dezember
Wie es aussieht, wird Calli Calmund im Jahr 2011 als Stargast bei „Holiday on Ice“ auftreten. Den Satz „Die Würde des Calli ist unantastbar“ sollten wir demnächst vielleicht einfach aus dem Grundgesetz streichen. Das steht da gar nicht? Na dann is ja gut.

Ein Freund, der als Prof an der Uni arbeitet, schickt mir ein Mail mit allerelei universitärem Unsinn. Uni goes modern life. Oder so. Der Unishop bietet allerlei interessantes für den Weihnachtsmann – z.B. runnergesetzte Tee-Shirts für die „Damenwelt“ und Babymützchen mit niedlichem Uni-Aufdruck. Beim Penthalonprojekt können Studi-Gruppen in witzigen Projekten ihre Schlüsselkompetenzen trainieren. Und jetzt steht auch der Gewinner des Marketingwettbewerbs für eine neue, zeitgemäße Gestaltung des Außenauftritts der Uni fest. Der "Tag der offenen Tür" wird künftig "UniverCityOpen" heißen. Ich nehme an, dann wird auf dem Campus so richtig abgedanct ("Hey, hey, Studis - das ist fett/hier an der Uni wird gerappt")   und alle tragen coole Uni-Klamotten. EU-Norm-gerecht wird mit Modulen jongliert und am Ende „Wir sind ein Team“ gerufen. Oder so ähnlich.

Mittwoch, 8. Dezember
Der Meniskuseinriss, den Marco Russ anscheinend schon länger mit sich herumschleppt, macht Probleme. Eventuell fällt er für das Spiel in Köln aus. Meier bricht ebenfalls das Training ab.

„Das hat doch was – als Momentaufnahme.“ (Zitat: Gerhard Henschel „Liebesroman“)

Sitze vor dem PC, es ist schon dunkel, da fängt es an zu schneien und zu schneien und zu schneien. Mich hält es nicht mehr drinnen. Anorak, Schal, Kapuze über den Kopf und hinaushinaus. Nasse Schneeflocken wirbeln am dunklen Nachthimmel, gehe bis ins freie Feld, so weit ich mich in der Dunkelheit traue, kräftiger Wind treibt mir die nassen Flocken ins Gesicht. Fühle mich lebendig und froh.

Globaler Emissionshandel. Globale Emissionshandelkrise. Globale Emissionshandelkrisenprävention. Globaler Emissionshandelkrisenpräventionsgipfel. Gescheitert.

Donnerstag, 9. Dezember
Mein Mit-Adler ist ein eigenwilliger Mensch – und war dies offensichtlich bereits in seiner Kindheit. Noch heute wird in seiner Familie fast ein wenig stolz darüber berichtet, wie er sich als kleiner Junge nach einmaligem Besuch geweigert habe, weiter in den Kindergarten zu gehen. Es war ihm zu doof – oder mit seinen eigenen Worten: „Da bin ich gleich wieder ausgetreten.“ Heute lese ich in der Zeit ein Interview mit Gerhard Polt. Er erzählt, dass er seine vielleicht größte Lebensleistung darin sieht, dass er niemals einen Kindergarten besucht hat. Na so was!

Freitag, 10. Dezember
Treffe mich mit einer Freundin in der Mainzer Innenstadt. Vor dem Eingang zum Sportgeschäft von Dimo Wache, bis vor kurzem Torwart der 05er, haben sich vier Halbwüchsige postiert. „Eintracht Frankfurt, Eintracht Frankfurt,“ rufen sie. Einer rennt kurz ins Geschäft, zeigt den Stinkefinger. Alle rennen weg.

Wir frühstücken in einem Café, meine Begleiterin verschwindet noch schnell zur Toilette. Ich bestelle ein amerikanisches Frühstück und  ein Frühstück Hemingway (es heißt tatsächlich so, tschuldigung) und zwei Tassen Kaffee. Die Bedienung fragt: „Kommt da noch jemand?“ Fragt sie mich das jetzt im ernst? „Ach… nöööö!“

Samstag, 11. Dezember
Vormittags koche ich einen Riesentopf Rotkraut. Heute abend findet das jährliche Gans-Essen bei Freunden statt. Nachmittags spielen die Adler in Köln. Und vor dem Spiel singen die Höner.  Hey - merkt ihr was? Alles was Flügel hat fliegt. Der Adler stürzt ab. So ein überflüssiger Scheiß – aber es geht ihm immer noch besser als der Gans – die wird nämlich hinne uffgeschnitte.

Unter den Gans-Essern befinden sich 05er und ein Kölner. Und wir. Um das Thema Fußball machen wir einen Bogen. Dann zu fortgeschrittener Stunde doch noch die obligatorische Wette: Wetten, dass die 05er am Ende der Saison vor der Eintracht stehen? Ich halte dagegen. Natürlich. Gerade heute. Mag sein, dass die Mannschaft nicht kann oder nicht will – ICH schon!


*** Teil 2?  Klick!  ***

Dienstag, 28. Dezember 2010

Orakel on Ice. Dreifach.

Wer das aktuelle Fußballgeschehen und speziell das Wohl und Wehe einer bestimmten Mannschaft verfolgt und begleitet, weiß, dass es nicht schaden kann, im Vorfeld eines Spieles der eigenen Mannschaft – unabhängig von der allgemeinen Lage, von statistischem Zement, Verletzungspech oder sonstigen Unkenrufen - gewisse ergebnisunterstützende Maßnahmen zu ergreifen. Dazu zählen bestimmte regelmäßig einzuhaltende Rituale (z.B. - äußerst erfolgreich! - das trotz Bemühen um frühzeitige Ankunft erst kurz vor knapp im Stadion einlaufen), das Anlegen bereits gewinnerprobter Bekleidung (Achtung! Auch Zeitpunnkt und Reihenfolge können eine Rolle spielen), das frühzeitige Erkennen gewisser Glück und Erfolg verheißender Zeichen (z,.B. „Heute war so ein Scheißtag – das kann nur Gutes bedeuten“) und und und.

Zu meinen regelmäßigen Abläufen gehört es – wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen ,-) – , die Orakel-Kuh nach ihrer Meinung zu befragen. Die Orakel-Kuh ist ein Orakel, das etwas auf sich hält. Sie lässt nicht mit sich Schlitten fahren und gibt auf jede Frage, die man ihr stellt, stoisch und unerbittlich die gleiche Antwort: Ein dreifaches Muh. Ihre prognostischen Fähigkeiten offenbart sie also nur dem, der sie nicht durch immer gleiche Fragen aufs Glatteis führt, sondern ihr mit rotundschwarzem Geschick und Ideenreichtum begegnet und genau die Frage findet, die dazu taugt, ihr eine Prognose zu entlocken. So ist halt nicht nur das Fußballspielen, sondern auch das Orakeln letztlich eine Frage der Kuhalität.

Vor einigen Wochen hatte ich eine  Orakel-Kuh-Zwischenbilanz der ersten 12 Spieltage der Hinrunde gezogen und war äußerst zufrieden. In neun von zwölf Fällen hatte die Orakel-Kuh recht behalten und eine überdurchschnittliche Trefferquote von 75%  erzielt. Ich war also zuversichtlich, dass sie diese Bilanz in den letzten fünf Spielen halten oder gar noch verbessern könnte, und war ein wenig enttäuscht als ich mir das Prognose-Ergebnis ansah. Nur zwei von fünf Spielergebnissen hatten wir (= ich durch meine rotundschwarzen Fragen und die schwarzundweiße Kuh durch ihre Antworten) richtig eingeordnet, magere 40% - im Bild sieht das so aus:


Ausgeorakelt? Nein, nein – so schnell wollte ich die Orakel-Kuh dann doch noch nicht aus der Verantwortung entlassen und beschloss, mir das Hinrundengesamtergebnis ein wenig genauer anzuschauen und nach weiteren Deutungshinweisen zu suchen.

„Neun aus zwölf“ und „Zwei aus Fünf“ richtige Auskünfte – aha, das heißt: In 11 von 17 Spielen hat die dreifachmuhende Kuh in der Hinrunde richtig orakelt – das entspricht einer Gesamtbilanz von ca. 65 %, was zwar nicht überragend, aber doch ganz ordentlich ist.

Jetzt im Vergleich dazu das Ergebnis, dass die Eintracht auf dem Platz erspielt hat: Sie steht auf dem siebten Tabellenplatz, hat 26 Punkte geholt, weist eine positive Torbilanz von (logisch!) + 3 auf  und liegt damit – muhmuhmuh – genau drei Punkte hinter einem Europapokalplatz.  26 Punkte sind ganz wunderbar, aber es sind – in Prozenten ausgedrückt - „nur“ gut 50% aller Punkte, die in der Hinrunde vergeben wurden. Da hat die Orakelkuh also einen Vorsprung Und genau da haben wir ihn, den Hinweis, an dem – zumal zum orakelintensiven Jahresende - der Orakelhase begraben liegt. Wieso? Ganz einfach: Nur mal angenommen die Mannschaft zieht in der Rückrunde nach und holt – wie die Orakel-Kuh – 65% aller möglichen Punkte. Das wären dann 33 Punkte (also: Drei und Drei). Und wenn das dann so wäre, dann könnte man sich natürlich auch gleich fragen, auf welchem Platz in der Tabelle sie dann stünde? Kleiner Tipp: Die Orakel-Kuh wüsste auch diese Antwort. 100%.

Uff. Na also Da habe ich die Kuh für dieses Mal nochmal vom Eis geholt. Aber  - ok ok - ich weiß schon: Nach ein paar Spieltagen in der Rückrunde ist das sowieso alles nur Schnee von gestern...


Übrigens: Das Frankfurter Hallenturnier, das am nächsten Sonntag in der Höchster Ballsporthalle ausgetragen wird, ist das 33. Noch Fragen?

Freitag, 24. Dezember 2010

Von draus vom Walde komm ich her...

Heiligabend. Leise rieselt der Schnee. Attila, der Adler, hat bereits den Kopf unter seine Flügel steckt. Die Welt wird still. Doch, da - wer genau hinschaut und hinhört, kann entdecken, dass sich hier und da doch noch etwas regt. Ganz, dort hinten, blitzen nicht nur weiße, sondern auch rotundschwarze Mützchen über den Tannen und in den Städten. Dort weht ein Adler-Schal, dort sind Kinder, dick eingepackt in Adlerjacken, mit einem Schlitten unterwegs. Eintracht, Eintracht, ruft es im Wald. Ein rotundschwarzer Ball kullert durch den weißen Schnee. Und auch drinnen, in den Wohnzimmern, ist noch der ein oder die andere damit beschäftigt, einen Adler-Toaster, ein Eintracht-Trikot, ein Jahrbuch, das er bei der Adventskalenderaktion im Forum ersteigert hat, zu verpacken. Rotundschwarzes Papier raschelt. Der Schnee wird dichter. Knirscht. Psssst. Jetzt: Still.

Ganz herzliche Weihnachtsgrüße an alle, die diesen Blog (und damit auch mich) durch das vergangene Jahr begleitet haben. Freunde, Mit-Adler, regelmäßige Leser, zufällig vorbeischauende Gäste, Ab-und-Zu-Mitleser – danke schön, dass ihr euch die Zeit nehmt. Mein Blog ist mir lieb und wert – auch deshalb, weil ihr ihn belebt und mit euren Gedanken und Geschichten dazu beitragt.

Euch allen ein frohes und friedliches Weihnachtsfest.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Emotionen, all inclusive.

Heute morgen habe ich – zur Einstimmung auf das Pokalspiel der Eintracht in Aachen – ein wenig auf der Homepage der Alemannia herum gezappt und allerlei mehr oder weniger Interessantes erfahren. Der Tivoli ist nahezu schneefrei. (Gut!) Seit vier Spielen ist die Alemannia ungeschlagen, auch im letzten Spiel gegen Bielefeld am letzten Freitag hat sie wieder „eiskalt zugeschlagen“  (Ha, ha!) Vom kürzesten Weg zu Ruhm und Ehre spricht der ach, so sympathische Trainer Hyballa. Benjamin Auer ist so motiviert, motivierter geht nicht. Fan-Projekte und Fan-Beauftragte wenden sich gemeinsam gegen, quatsch, natürlich an die Fans und die „magischen Zwei“ schwadronieren in ihrem Podcast über Frankfurter Würstchen und singen Weihnachtslieder.

Die Alemannia weist im Übrigen darauf hin, dass  am heutigen Abend die Eintrittskarten beim Eintritt in den Stehplatzbereich vom Ordnungsdienst (um "Überfüllung des Blocks zu vermeiden") eingezogen und beim Gang zur Toilette bzw. zu Essens- und Getränkeständen für diesen Zeitraum wieder ausgehändigt werden. Hilfe. Das klingt verheißungsvoll. Und es ist ein Glück, dass es als kleinen Ausgleich die Aktion „5 Freunde müsst ihr sein“ gibt, mit der Gruppen ab 5 Personen aufwärts den „Hexenkessel Tivoli“ erleben können. Für 41 Euro pro Nase kann man eine ermäßigte Eintrittskarte, einen Fan-Schal aus der aktuellen Kollektion und eine Tivoli-Karte im Wert von 10 Euro für Speisen und Getränke erwerben - ein so genanntes „Kartoffelkäfer-Paket“  .

Vielleicht sollte man sich als Kartoffelkäferpaket-Kunde vorsichtshalber direkt bei Kauf danach erkundigen, ob man Eintrittskarte und Fanausstattung auch tatsächlich während des gesamten Aufenthalts im Stadion und darüber hinaus behalten darf? Obwohl es ja auch sein könnte, dass die versprochenen Emotionen nicht den Erwartungen entsprechen. Für diesen Fall empfehle ich ausdrücklich den zusätzlichen Abschluss einer Fanausstattungsrücknahme-Garantie. Oder noch besser: Eine Emotionsverlustausgleichs-Versicherung.

Flashback.

Vor dem Spiel gegen den BVB. Zwei nicht mehr ganz nüchterne junge Männer im Eintracht-Outfit unterhalten sich.
Erster Eintrachtler: „Also, wenn die Eintracht heut gewinnt – dann besauf ich mich.“
Zweiter Eintrachtler, nickt zustimmend: „Und wenn sie verliert?“
Erster Eintrachtler: „Dann besauf ich mich auch.“
Zweiter Eintrachtler: „Und bei einem Unentschieden?“
Erster Eintrachtler: „Ich versprech’s: Dann geh ich sofort nach dem Spiel heim und schlaf mich aus.“

Flashback-Ende.

So viel kann ich versprechen: Damit wird es heute sicher auch nichts!

Eiskalt! Einzug ins Viertelfinale! Sieg!

Dienstag, 21. Dezember 2010

Mütz muss man haben!

Mein Opa trug zeit seines Lebens einen Hut, rustikal, aber von klassischer Form. Da all seine Kleidungsstücke grundsätzlich eine gedeckt grüne Farbe hatten (nein, er war kein Jäger), war auch sein Hut grün. Im Sommer aus leichtem Material, im Winter aus Filz oder Loden. Wie der Hut wechselte auch die Oberbekleidung – von leichtem (grünen) Jackett zum grünen Lodenjackett und schließlich – wenn gar nichts mehr ging und es so kalt war wie in diesen Tagen – zum langen grünen Lodenmantel.

Opa war – ebenfalls sommers wie winters – mit dem Rad unterwegs. Bei sehr kaltem Wetter kam er also nicht umhin, seine - leicht abstehenden - Ohren zu schützen. Dies war aber kein Grund, zur Mütze zu wechseln – mein Opa trug Ohrenschützer (schwarz oder grün) – und darüber dann seinen Hut. Opa unbehütet? Undenkbar.

Auch mein Vater war Zeit seines Lebens mit dem Rad unterwegs und trug immer, wenn er das Haus verließ, eine Kopfbedeckung – bei ihm war es allerdings kein Hut, sondern eine Kapp. Er besaß Kappen in großer Fülle und Vielfalt, auch die ein oder andere Eintracht-Kapp, obwohl er – wie mein Opa – beim Fußball, im Stadion äußerst selten Eintracht-Kleidung trug. Wenn man ins Stadion ging zog man sich „gut“ an. Der Adler war im Herzen und noch nicht von außen sichtbar auf der Brust.

Times have changed - und doch auch wieder nicht. Ich fahre zwar nur wenig Rad, aber wenn ich fahre, dann mit dem Papa-Rad, das ich von meinem zu früh, zu schnell verstorbenen Vater übernommen habe und in Ehren halte. Ich gehe im Eintracht-Outfit (nicht nur) ins Stadion, trage selten grün und nur äußerst selten einen Hut oder eine Kapp auf meinem Kopf. Aber wie mein Opa und mein Vater habe ich den Adler im Herzen. Und in diesen Tagen kommt sogar die Kopfbedeckung zu neuen Ehren. Ein Hauch des Geistes von Hut und Kapp reborn als Mützje. Na also!

Sonntag, 19. Dezember 2010

Und dann alle so:Yeah!

Die Welt versinkt in Schnee – und wir versinken mit. Auch auf dem Weg zum Waldstadion zum Spiel der Eintracht gegen Borussia Dortmund sind allerlei Hürden zu überwinden. Beim Überqueren der Straße zum Gehweg verschwinde ich bis zum Knie im aufgeschütteten Schnee. Beim Anmarsch zum Stadion stapfe und rutsche ich durch eine noch frische, harschige Schneedecke. Zum Verzehr meiner Bratwurst erklimme ich tapfer einen Eisberg, plitsche und platsche dann durch den Schneematsch am Eingang, knirsche und knarze durch den festgetreteten Harsch im Wald, tapere und titsche auf den Treppen zum Stadion, halte mich rutschend und schlitternd auch auf dem Glibsch im Stadion-Inneren wacker auf den Beinen und – wupps – gleite ich mit einem eleganten Sidefallstep punktgenau zum Europalied in den Block. „Du sollst heute siegen.“

Der geheizte Rasen ist grün und saftig, und sieht aus als ginge ihn der Winter nichts an. Und genau das hat sich wohl auch der kleine Vogel gedacht, der uns in den ersten Minuten des Spiels beschäftigt. Gleich nach Anpfiff taucht er plötzlich auf dem Platz auf, umflattert Schiri und Spieler, wird weggescheucht und landet direkt auf der Torauslinie hinter dem Dortmunder Tor. Dort sitzt er nun, offensichtlich vom Lärm und Licht vor Schreck erstarrt. Gleich wird er weg fliegen, tut er aber nicht, und wir fangen an, uns ein wenig Sorgen um ihn zu machen. Die Dortmunder stehen weit aufgerückt, die Eintracht ist zunächst vorrangig in der eigene Hälfte beschäftigt – schlecht für uns, aber gut für den Vogel, der jetzt endlich auch von einem Security-Menschen erspäht worden ist. Sein ungeschickter Rettungsversuch geht nach hinten los – der Vogel flattert, aber leider in die verkehrte Richtung, schräg rechts vor dem Strafraum sitzt er jetzt – genau auf der Seite, auf der gerade über Sebi Jung und Patrick Ochs ein vielversprechender Angriff der Eintracht dem Dortmunder Tor (und dem kleinen Vogel) entgegen rollt. Die Dortmunder Defensive formiert sich, Hummels rammt im Rückwärtsgang seinen Fußballschuh nur Zentimeter neben dem Vogel in den Rasen, der (doch, tatsächlich) seine Schultern hochgezogen hat und sich an den Boden drückt. Patrick Ochs, der Ball nähern sich, eine Zehntelsekunde stutzt Patti, legt den Ball am Vogel vorbei, ein Dortmunder Bein ist dazwischen. Der Ball ist aus.

Abschlag Weidenfeller, der Strafraum leert sich. Der kleine Vogel hebt vorsichtig den Kopf (doch, tut er) – vielleicht ist es doch besser, wenn er sich einen etwas ruhigeren Ort sucht. Fliegen scheint nicht in Frage zu kommen - er trippelt, erst ganz langsam, dann immer zielstrebiger im Rücken von Weidenfeller in Richtung Tor. Vielleicht ist kleine Kerl doch klüger als es den Anschein hatte – das Dortmunder Tor könnte sich als relativ sicherer Ort herausstellen. Aber was, wenn wir gleich treffen? „Besser erschossen als zertrampelt“, kommentiert mein junger Mit-Adler und ich denke mir, was für eine merkwürdige Welt es doch ist, die einen Vogel vor eine solche Alternative stellt.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit jetzt voll und ganz aufs Spiel. Aha – Schwegler steht heute weiter zurückgezogen, wechselt sich (huch) mit Clark in der Viererkette ab – mit Clark, der keine Spur von Fremdkörper und kaum eine Unsicherheit zeigt, im Gegenteil: Er harmoniert wunderbar mit dem starken Vasoski und ebenso gut mit dem überragenden Schwegler. Wenn Schwegler sich – selten – nach vorne einschaltet, sichert Clark ihn ab und umgekehrt. Die Eintracht steht kompakt – das sieht nicht aus wie Notlösung.

Die Dortmunder sind nicht ganz so stark wie erwartet, aber sehr geradlinig, schnell, kraftvoll – allen voran Nuri Sahin, der das Spiel antreibt und mit klugen Pässen lenkt. Der BVB  hat  mehr Spielanteile, mehr Ballbesitz, sie versuchen konsequent aufzurücken, das Spiel zu kontrollieren -  wir sind hellwach, halten dagegen, setzen uns in den Zweikämpfen durch, haben mehr Chancen - aber auch ein unverkennbares Loch im Mittelfeld. Clark zieht ab. Der Ball streicht knapp über die Latte. Gekas ist rechts durch, müsste schießen, will auch noch Weidenfeller umkurven, schießt dann doch. Schad, einen Tick zu spät. Weidenfeller ist dazwischen. Boaaaaah. Das war knapp. Aber auch die Dortmunder haben Chancen. Ein Schuss von Barrios rutscht Fährmann unglücklich durch die Hände, Götze (war es Götze?) muss ihn nur noch über die Linie drücken, der Ball verspringt, Pfosten, aus. Durchatmen.

Meier wird – einmal mehr - zum Buhmann im Eintracht-Spiel. Ich fahre meine Krallen aus. Ja, Meier ist derzeit weit von dem entfernt, was er kann, wirkt merkwürdig kraftlos, agiert unglücklich. Aber wenn ein Spieler bereits vor dem ersten Ballkontakt, was sage ich, bevor das Spiel überhaupt angepfiffen ist , gebasht wird (am Bratwurststand, ein Mann zum anderen: „Bei der EFC Weihnachtsfeier... der Meier... war ja klar...“), weigere ich mich fußballsachlich gerecht zu sein. Meier hängt sich rein, Meier arbeitet für die Mannschaft, Meier gewinnt 90% seiner Kopfballduelle. Basta.

Zwischendurch bringt sich unser Vogel wieder in Erinnerung. Er ist inzwischen auf der anderen Spielfeldseite angekommen und hat sich vor der heute besonders gräßlich flackernden Leuchtebande platziert. Ein rührend kleiner, schwarzer Punkt, der bei „Offizielle Stadionwurst“ (= schwarzer Hintergrund) verschwindet und bei „Mainova“ (= weißer Hintergrund) wieder auftaucht.

Zweite Halbzeit. Das Spiel nimmt Fahrt auf – hier stehen sich zwei Mannschaften gegenüber, die dieses Spiel gewinnen wollen. Von Kombinationsfußball und System ist bei uns jetzt nicht mehr viel zu sehen, aber – wer hätte das gedacht – wir spielen trotzdem Fußball. Ehrlichen, graden Fußball-Fußball. Zunächst sieht es so aus als hätten die Dortmunder heute nichts mehr zuzusetzen, das Spiel verflacht. Aber dann gewinnt der BVB die Hoheit über das Spiel wieder zurück, erhöht seinen Druck. Fährmann fischt einen Heber von Kagawa mit den Fingerspitzen aus dem Eck. Wär vielleicht sowieso vorbeigegangen, aber – hey, stark – gut fürs Selbstbewusstsein.

Die Eintracht wankt, aber weicht nicht. Der angeschlagene Tzavellas muss vom Platz (hoffentlich war es kein Fehler ihn spielen zu lassen), Allzweck-Benni Köhler nimmt seine Position hinten links ein und dann kommt endlich auch Martin Fenin. Motiviert bis in die Haarspitzen, athletisch, draufgängerisch, durchsetzungsfähig. "Was e Ähnlichkeit," hat die leicht verwirrte Oma einer Freundin vor Jahren einmal zu mir gesagt, als sie mich nach einer Pause von mehreren Jahren wieder gesehen hat. Und so geht es mir jetzt: Der Fenin heute erinnert mich endlich wieder an den von vor zwei Jahren. „Madddin. Maddin.“ "Eintracht. Eintracht."

Unser Spiel wird druckvoller. Blick auf den Videowürfel. Was? Nur noch 5 Minuten. Keine Sekunde glaube ich daran, dass dieses Spiel torlos ausgehen wird. Entweder die – oder wir. Hilfe. Neeeein. So war das nicht gemeint. Nicht. Die. Oder doch? Barrios frei vor Fährmann. Den muss, den wird er machen. Drüber. Der Ball ditscht an die Latte, Chance vertan. Danke lieber Fußballgott oder wer immer dafür verantwortlich ist. Ok. Ok.  Dann nehmen wir den Punkt. Is ja auch sehr schön. Oder doch nicht?

Gekas holt sich den Ball kurz hinter der Mittellinie, passt kurz auf Ochs, langer Ball auf Fenin – was macht der dann da? Wow. Lässt den Ball durch, verlängert ihn mit der Hacke... Da steht Gekas, tatsächlich, Gekas ist mitgelaufen, im Rücken von Hummels. Phantomenal. Steht da. Nimmt Maß. Trifft. Er trifft. Tor. Tor. Tor. Wir hüpfen, trampeln, schreien. Arme, Schals, Mützen fliegen. Ich mache alles gleichzeitig. Umarme einen mir unbekannten, heute links neben mir sitzenden jungen Eintrachtler, packe meinen Mit-Adler und wirbele ihn herum, schreie, schreie. Patsche den vor mit Sitzenden auf die Schulter, auf die Mützen, greife nach ausgestreckten Händen.

Und da mitten in all dem Jubel sehe ich ihn wieder: Den kleinen Vogel von vorhin. Kein Witz – tatsächlich. Da ist er: Flattert, breitet jetzt – endlich – seine Flügel aus und hebt ab. Und wenn ich es aus dem Augenwinkel richtig erkenne, hat er ein rotes Eintracht-Mützje im Schnabel.

Die letzten drei Minuten steht, hüpft und schreit das ganze Stadion. Aus. Gewonnen. Den Tabellenführer geschlagen mit einer vermeintlichen Rumpftruppe. 26 Punkte. Großartig. Mir doch egal, das Geschwätz von Zement und Statistik und Erfahrungswerten. Siebter, wir sind siebter. Und warum sollen wir es nicht schaffen, in der Rückrunde noch einen drauf zu setzen?

Danke, Eintracht. Und jetzt aber wirklich - alle so: Yeah!


(Danke an Happy Adler Meenz, der das Video-Würfel-Foto gemacht hat!)

Freitag, 17. Dezember 2010

Ushida Kagawa.

Kicker Managerspiel. Communio. Gibt es in tausend Varianten. Macht heute fast jeder. Aber: Pah. Die Rheinhessenliga – unsere selbst geregelwerkte Managerliga – ist so etwas wie die Traditionsliga aller Fußballmanagerspiele – es gibt sie nämlich jetzt bereits seit sage und schreibe 18 Jahren (Ja, genau, seit damals...)

Die Rheinhessenliga besteht aus 5 Mannschaften, also auch aus fünf Managern. Woche für Woche stellen wir – parallel zum Bundesligageschehen – unsere Mannschaften auf, werten jeden Spieltag anhand von sechs Kategorien aus und küren am Ende der Saison unseren Meister. Höhepunkte des Ligabetriebes sind die Einkaufsversammlungen im Sommer und im Winter, in denen wir unsere Kader zusammenstellen. Anders als in anderen Managerligen treffen wir uns dazu persönlich, was jedesmal eine aufregende, witzige und sehr lange Angelegenheit ist. Spieler werden reihum vorgeschlagen, meistbietend gekauft, nach einem bestimmten System dürfen Spieler aus dem Vorjahreskader optiert werden, es gibt Vorkaufsrechte und und und. Ein Spieler, der von einem Manager gekauft worden ist, ist in jedem Fall vom Markt – jede Rheinhessenliga-Mannschaft besteht also aus einem eigenen 25-Mann-Kader.

Besonderer Clou: Am Ende der Einkaufsversammlung stellt sich außerdem jeder Manager einen eigenen Nachwuchskader zusammen. Der hat – wie in der wirklichen Liga – in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Für wenig Geld können dort Spieler geparkt werden, die weniger als 20 Bundesligaspiele bestritten haben oder jünger als 20 Jahre sind: tatsächliche Jugendspieler, von denen man sich Großes erhofft, Zweitligaspieler, die im nächsten Jahr vielleicht in der Bundesliga spielen – aber auch Bundesliga-Neueinkäufe, sofern sie in der regulären Einkaufsversammlung noch nicht über den Tisch gegangen sind. Bei Nachwuchskräften wird nicht geboten – wer einen Spieler nennt, erhält für einen festen Betrag den Zuschlag. Hier kann man also ein Näschen beweisen und sich ein Reservoir von Spielern anlegen, die man dann gegebenenfalls in der laufenden oder nachfolgenden Saison für wenig Geld aktivieren kann.

Womit wir bei dem Thema bzw. dem Spieler angekommen wären, der für mich seit diesem Sommer zum persönlichen Nadelstich geworden ist: Shinji Kagawa.

Von einem Mit-Adler hatte ich vor der diesjährigen RHL-Einkaufsversammlung einen Tipp bekommen und ganz oben auf meiner Einkaufsliste notiert: „Nawuka. Wichtig! Unbedingt den Japaner kaufen.“ Und so war der Plan, als nachts um halb zwei die reguläre Einkaufsrunde beendet wurde. Alles war (so sah es damals aus) ganz gut gelaufen, vielversprechender Kader für die Saison, jetzt also als i-Tüpfelchen noch die Nachwuchskaderrunde. Der Japaner war noch auf dem Markt und da ich die Erste sein würde, die einen Nachwuchsspieler benennen würde, war das Ding also gelaufen. Harhar – der Japaner – meiner!

Die Runde beginnt, ich bin dran, jetzt also, aber… Mmh. Kleinen Moment noch. Ich wühle in meinen Notizen, hacke auf meinem Laptop herum. Der Japaner, klar, aber – Mensch – wie heißt der noch gleich? Meine Managerkollegen sind schon leicht genervt. Es ist spät. „Mach voran.“ Ja, gleich. Ok, alles klar. Und dann nenne ich ihn, den Namen: „Ushida, Schalke.“ Beifälliges Nicken in der Runde, ja, der könnte was werden. Der nächste ist dran und dann genau in dem Moment, in dem der zweite Name genannt wird, weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe: „Kagawa, Dortmund.“ Verdammt – der war’s. Den wollte ich kaufen. Mein Mann. Aber jetzt ist es zu spät. Zu spät.

Woche für Woche werde ich seitdem an diesen kleinen, aber so weitreichenden Fehler erinnert. Woche für Woche trifft Kagawa, erspielt für Borussia Dortmund und für Torflut Eimsheim wichtige Punkte, während Ushida und Schalke (was zu verschmerzen ist), aber eben auch Turbokuh Selzen… Ach, lassen wir das.

Morgen wird der japanische Spieler in den Reihen der Dortmunder auf eine höchst fragile Eintracht-Abwehr treffen, in der Chris, Marco Russ und Maik Frank (sic!)  fehlen. Wie es aussieht, wird er es stattdessen mit Ricardo Clark (oder vielleicht doch mit Kevin Kraus?) zu tun bekommen – Namen, die er wahrscheinlich noch nicht so furchtbar oft gehört hat. Aber ich bin sicher: Er wird sie nicht mehr vergessen. Im Sinne einer höheren Gerechtigkeit gehe ich nämlich fest davon aus, dass Clark (oder Kraus) morgen ein bärenstarkes Spiel machen wird. Kagawa – schnell, wendig, torgefährlich – einfach abgemeldet.

Auch Dortmund ist irgendwann mal wieder fällig. Morgen. Bei uns. Sieg!

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Nachts. Heim. K(ein) nebel.

Den gestrigen Abend haben wir in der Phönixhalle in Mainz verbracht. Dort waren – am ersten von (wow!) drei ausverkauften Abenden – Badesalz mit ihrem neuen Programm "Binndannda" zu Gast. Die Phönixhalle liegt auf einem alten Industriegelände in Mombach, dem heimlichen Zentrum von Mainz. Der Schnee knirscht, es ist kalt. Wir schlittern und tapern vom vereisten Parkplatz zur Halle. Keine Zeit mehr noch etwas zu trinken. Gong. Auf der Bühne eine sparsam angedeutete Holzhütte, verschiedene Kisten und Kasten, eine Wäscheleine, auf der ein paar Sweatshirts trocknen, eine Gitarre, ein Saxophon.

Im letzten Badesalz-Programm vor zwei Jahren wollten Henni Nachtsheim und Gerd Knebel aus einem vor sich hindümpelnden Musikladen im Hessischen zusammen nach Dugi Otok aufbrechen. In diesem Jahr sind sie bereits da – nein, nicht in Dugi Otok, aber irgendwo, an einem geheimnisvollen Fleckchen Erde, das von einer undurchdringlichen Zauberwand umgeben ist. Henni bzw. der Dosenfabrikant Peter Lembach aus Nieder-Aulbach ist hier nach einem missglückten Paragliding-Flug gelandet, den seine Frau Christa beim ehemaligen Schulfreund und heutigen Leiter des Edeka-Marktes (Carsten „Air“ Bär) erstanden und ihm geschenkt hat. Einmal hinter der Zauberwand gestrandet, gibt es kein Entrinnen. Davon berichtet Noah, der dort in einer halb verfallenenen Hütte lebt und sich von Ratte a la Berlusconi, Maden, Waldbeerenschnaps und Ebbelwoi ernährt. Es muss wohl die Zauberwand sein, die Henni alias Peter die Sinne so verwirrt, dass er den vor Ort anwesenden Präsidenten von Mainz 05 - Harald Strutz - so herzlich zu begrüßen bemüht ist, dass zwar im Laufe des Abends diverse Seitenhiebe auf Offenbacher zu hören sind, der Name „Eintracht Frankfurt“ aber nicht ein einziges Mal fällt.

Na ja. Da ist es ja ein Glück, dass ich für ein Gegengewicht sorge, weil ich die Phönixhalle grundsätzlich nie ohne Eintracht-Schal betrete. Spätestens seit ich hier im letzten Jahr ein Schulkonzert erlebt habe, in dem Minderjährige öffentlich von Lehrkörpern dazu animiert wurden, sich 05er-Trikots über den Kopf zu streifen, rotweiße Fahnen zu schwenken und „You’ll never walk alone“ zu singen.

Zurück zu Noah und Peter. Die können die Zauberwand nämlich nur überwinden, wenn es ihnen gelingt, die Außerirdischen davon zu überzeugen, dass das Leben hier auf der Erde nicht ausschließlich aus Vorabendserien besteht. Eine leere Kiste steht bereit, die mit wertvollen kulturellen Erzeugnissen gefüllt werden muss. Und so wird nach und nach alles gesammelt, was hineinpassen könnte: ein Lied, ein Kabarettprogramm, ein Gedicht und schließlich dann doch auch noch eine Vorabendserie, auch wenn die daran scheitert, dass Udo Jürgens zwar „Griechischer Wein“ und „Aber bitte mit Sahne“ gesungen hat - das Lied „Sie liebt den DJ“ aber von dem noch furchtbareren  Michael Wendler stammt. Mist. Henni-Peter verbringt zwischendurch zwei Nächte auf dem Eimer, rapt, singt und sieht manchmal aus wie Stink (ja, richtig, das ist der von Police). Er erinnert sich an seinen Sohn Holschää, an die Kardoffelsupp seiner Frau Christa, bringt Noah französisch bei und erzählt von seinem Onkel, der immer alles am besten wusste. Zum Beispiel, dass Rhababer dann am besten schmeckt, wenn man statt Rhabarber Himbeeren rein tut und dass Schweinefleisch am schmackhaftesten ist, wenn man die Sau erst gar nicht schlachtet. Ob der Hesse tatsächlich im Sappermurkt einkauft, bleibt dann aber doch ungeklärt.

Also: Am Ende ist die Kultur zwar einigermaßen gerettet, aber es stellt sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre. Denn nach Ablauf von knapp zwei Stunden funktionieren die Lautsprecheranlage und der Handy-Empfang wieder und der Dosenfabrikant Lembach kann sich wieder auf den Weg nach Hause machen. Is ja zu Fuß nur eine Viertelstunde. Noah - so erfahren wir – heißt gar nicht Noah, sondern Norbert. Der von einer geheimnisvollen Zauberwand umgebene Ort ist gar nicht aus der Welt und der Zeit gebeamt, sondern es handelt sich um einen kurzfristig durch einen Sturm von der Außenwelt abgeschnittenen Campingplatz, irgendwo im Hessischen.

Und jetzt erschließt sich mir auch die heimliche Botschaft, sozusagen der Subtext, den Henni Nachtsheim uns Eintrachtlern im Publikum mitgeben wollte: Der einzige Mist, auf dem nix wächst, das ist nämlich der Pessimist. Deswegen ist es gut, dass man mit dem von Noah-Norbert entwickelten Babbel-Generator sämtliches Dumm-Geschwätz der Welt in Energie umwandeln und damit den Klimawandel (und also auch die Dortmunder) besiegen kann. Ganz zur Not können wir den Regenwald, wahlweise die Dortmunder, ja auch in einer riesengroßen Dose verschließen – dann passiert gar nix mehr. Und wenn doch, bleibt immer noch eine weitere Chance: Wenn man sich nämlich etwas wünscht, also ganz wirklich wünscht – dann muss man einfach ganz fest daran glauben – und bis vier zählen. Im allerschlimmsten Fall, also: wenn die Eintracht sich auch dann noch partout weigert, die Zauberwand , die sie von den Europapokal-Plätzen trennt, zu überwinden, bleibt immer noch ein Trost: Es sind noch zehntausend Liter Ebbelwoi da. Damit werden wir eine Weile durchhalten.

Um kurz vor Zehn nach einem letzten Lied ist das Spiel aus aus aus. Im Foyer hat „Hey-Gabi, du heute auch hier in Mainz“ einen Stand mit Badesalz-Devotionalien aufgebaut, an dem es jetzt endlich auch Badesalz-Badesalz – mit Grapefruit-Lemongras-Flavour und voll öko – gibt. Draußen rieselt leise der Schnee. Nett war’s, wenn auch nicht ganz so lustig wie es bei Badesalz schon war. Trotzdem klare Sache: Am 19. Januar stellt Henni Nachtsheim im Eintracht-Museum sein Eintracht-Tagebuch vor. Am 18. Dezember spielt die Eintracht im Waldstadion gegen Borussia Dortmund. In beiden Fällen gilt: Bin dann da.

Freitag, 10. Dezember 2010

Der Himmel über Köln

Im Juni 2009 war ich zum letzten Mal in Köln. Neil Young machte dort Station und gab ein wunderbar schwebendes Konzert am Tanzbrunnen. „Somewhere on a desert highway, she rides a Harley Davidson, her long long hair flying in the wind“. Tatsächlich: Der Wind wehte.

Nach dem Konzert fuhren wir hungrig und durstig in die Innenstadt, kauften uns einen Döner, tranken zwei, drei Biere (kein Kölsch) und beschlossen dann – es war mitten in der Woche und nicht viel los - uns auf den Weg zu unserem Hotel zu machen. Nein, nicht um schon schlafen zu gehen, dazu war die Nacht zu weit und froh, aber irgendwo dort in der Nähe würden wir sicher noch eine Kneipe für ein paar Biere finden, der Weg zum Bett wäre dann kürzer.

Wir laufen also los. Da wir sehr knapp vor dem Konzert in Köln angekommen waren - Tasche ins Hotelzimmer geworfen, ein bisschen Wasser ins Gesicht gespritzt und gleich wieder los, zum Bahnhof, zum Bus – kennen wir zwar immerhin den Namen unseres Hotels, haben auch eine ungefähre Orientierung, wo es ist – am Bahnhof, am Dom vorbei und dann grade aus rechts ab, dann wieder links – aber wir wissen es eben nur ungefähr. Jetzt ist es dunkel und wir tapern vorbei am düster angestrahlten Dom, der nachts noch mehr als tagsüber aussieht wie eine dramatische Theaterkulisse. Zwei drei Pärchen, ein paar Jugendliche mit Flaschen, ein Trupp mit leuchtenden T-Shirts („Junggesellenabschied“) auf den Stufen der Dom-Treppe, leise Musik hängt in der Luft. Dann wird der Weg unbelebter. Noch ein knutschendes Pärchen, ein einzelner, sichtlich angetrunkener Mann, schließlich nur noch eine dunkle, ruhig daliegende Seitenstraße, hohe Häuserreihen, nur noch vereinzelt Licht an den Fenstern. Ob wir hier wirklich richtig sind? Doch, doch. Hier entlang muss es sein. Immer grade aus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir rechtzeitig links... Oder doch rechts? Wir laufen weiter, kein Mensch, kein Hotel, keine Kneipe. Mist. Wäre schon nicht schlecht, wenn wir wüssten, wo wir sind.

Plötzlich entdecken wir, dass wir nicht so alleine sind wie wir dachten. Ein paar Meter vor uns, wie wir mitten auf den unbelebten Straße, geht eine schmale dunkle Gestalt. Sieht aus wie ein Mann. Mit Hut, im Anzug. Der Kragen seines weißen Hemdes leuchtet im Dunkeln. Huch, wo kommt der denn her? War der die ganze Zeit schon da? Wir schließen zu der Gestalt auf – und wirklich: Es handelt sich um das, was man einen feinen älteren Herrn nennen würde, sehr distinguiert, sehr freundlich, sehr korrekt. Unter den Arm hat er eine schmale Aktentasche geklemmt. Ja, er kennt unser Hotel. Er weiß, wo es ist. „Kommen Sie einfach mit mir mit, ich habe den selben Weg.“ Und so laufen wir neben ihm her. Er sei auf dem Nachhauseweg, erzählt er uns. Habe noch ein wenig Büroarbeit erledigt (wir stellen ihn uns später zwischen Bücherreihen im Hinterzimmer eines Antiquariats vor), jetzt wird er zuhause noch ein Glas Wein trinken, freut sich auf sein Bett.

Am linken Straßenrand taucht verlockend eine kleine Eckkneipe auf, freundliches Licht hinter getönten Scheiben, aber wir trauen uns nicht, uns von dem Herrn zu verabschieden. Er plaudert so nett, ist so freundlich und hilfsbereit von dem Gedanken getragen, uns den rechten Weg zum Hotel zu zeigen, dass wir ihm folgen. Schließlich macht er Halt. Hier – in dieser Straße, dort sind wir richtig. Wir verabschieden uns höflich und mit Händedruck. Der Herr geht weiter. Verschwindet in der Nacht. War er überhaupt da? Der Himmel über Köln.

Wir sind jetzt also dort, wo wir hin wollten, aber wo um-des-Himmels-Willen bekommen wir jetzt noch etwas zu trinken her? Das Schild des Hotels leuchtet, sonst ist alles dunkel, keine Kneipe nirgends. Wir überqueren die Straße, biegen ab – und da: Hurra, hurra - Licht und Leben. Wir sind offensichtlich in einer etwas angeschubsten Ecke von Köln gelandet, kleine Lädchen, türkische Imbisse und Geschäfte mit buntem Sammelsurium in den Schaufenstern, Kneipen. Wir nehmen die erste – Weinhaus Vogel – ob es hier auch Bier gibt? – treten ein und es ist hier, wo ich anfange zu verstehen, das an Köln (das ich eigentlich ganz schrecklich finde) vielleicht doch etwas dran sein könnte. Stimmengewirr, Rauchschwaden, Steinfußböden, auf dem die Zigarettenkippen ausgetreten werden, seitlich ein paar einfache Holzbänke – aber die meisten der anwesenden Gäste stehen in kleinen Gruppen vor und neben der langen Theke – eine vollkommen gemischte Gruppe. Deutsche, Türken, hinten im Eck zwei bereits fortgeschritten lustige ältere Ehepaare, zwei Frauen, die offensichtlich ein Paar sind, ein zahnloser junger Mann, eine Frau im folkloristischen Wallegewand unterhält sich mit einer jungen Frau im Business-Kostüm. Sieht aus, als ob das alles Leute sind, die hier im Viertel wohnen und hier abends ihr Bier trinken. Wir bestellen – bekommen wie selbstverständlich zwei Kölsch. Es ist nicht der Ort, um zu reklamieren. Na gut. Ein Schluck – und leer isses. Es ist kühl und schmeckt. Tatsächlich es schmeckt. Noch zwei. Und noch. Die nächsten werden dann, sobald wir unsere Gläschen geleert haben, auf Fingerzeig automatisch herübergeschoben. Sagen wir mal so: Wirklich praktisch, dass unser Hotel direkt um die Ecke ist.

Am nächsten Morgen schauen wir uns noch einmal an, wo genau das war, wo wir gestern abend hängen geblieben sind. Und tatsächlich – alles klar. Schräg gegenüber: Eintracht-Straße. Der nächtliche Herr muss wohl doch ein Engel gewesen sein.

Aber...ähem... ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte:
Morgen. Himmel über Köln. Rotundschwarz. Sieg!

Montag, 6. Dezember 2010

Je höher desto platsch.

Beim Pokalsieg gegen den HSV haben wir das Europalied hechelnd in den Stadiongängen mitgesungen und waren punktgenau mit dem Anpfiff im Stadion. Beim Zaubersieg gegen Wolfsburg standen wir beim Europalied oben auf der Treppe zum Block und konnten im Stadion mitsingen.

Heute, beim Spiel gegen die Nullpfümpfa (hallo L. :-), ist alles ganz anders. Wir sind trotz Stau, trotz Wetter und hungerbedingtem Verzehr einer Worscht früh dran und stehen bereits um 10 vor 3 in der Schlange vor dem Haupteingang. Und da stehen wir nun also. Und stehen. Eine fahle Sonne am grauen Himmel über uns, unter uns grauer Schneematsch. Wir stehen, eng an eng. Es tut sich. Nichts.

Drei Uhr. „Hey, ihr da vorne...hallo... das geht auch schneller.“ Null Bewegung. „Noch schneller.“

Zehn nach drei. Raumgewinn bisher: Ein Meter. Ich stehe mitten in einer Riesenpfütze, die Flüssigkeit sickert allmählich durchs offensichtlich nicht mehr ganz dichte Schuhwerk. Der Pulk wird unruhig, der Ton bärbeißiger. Galgenhumor. „Wir wollen rein. Wir wollen rein.“ „Hey – alle, die die nix dabei haben, schon mal die Hände heben, die können durchgehen.“ Die Welt könnte so einfach sein. „Frankfurter Jungs, Frankfurter Jungs.“ Links, ganz hinten in der Schlange, weht eine einsame 05er-Fahne. „Tor auf. Tor auf.“ Das wär doch mal eine Geschäftsidee: Eine Sky-Sportsbar direkt neben dem Eingang.

Zwanzig nach drei. Raumgewinn in der letzten halben Stunde: Zwei Meter. Vor mir steht ein kleiner, älterer Herr mit Bommelmütze. „Was isn des fer en Nikolos da vorne?“ Was? Ein Nikolov an der Eingangskontrolle? „Ei, kein Wunder, dass wir immer noch hier stehen – der Nikolov lässt keinen rein.“ Muhahaha. Trotzdem, so ganz allmählich isses nicht mehr lustig. Der bommelbemützte Herr erzählt inzwischen Schmönkes aus seinem Fan-Dasein. Damals, im letzten Winter gegen weiß-nicht-mehr-wen, da war seine Frau mit im Stadion und die hat den Jägermeister im Büstenhalter nach drinnen transportiert. Hat keiner gemerkt. Haben sie drinnen dann erstmal einen getrunken. „Nein. Quatsch. Keine Literflasche. Was denkst dann du? So kleine Fläschjer.“ „Haha. Flachmänner.“

Zwei vor halb. Jetzt endlich stehen wir an der Einlassschleuse. Der Security-Mensch ist gut gelaunt. Scherzt. Tuchelt (aha!) noch kurz irgendetwas mit seinem Kollegen, bevor er den nächsten Schwerbewaffneten von Kopf bis Fuß abtastet. Hat der sie noch alle? Hallo. Da drinnen wird Fußball gespielt.

Wir sind durch. Vor-dem-Spiel-Ritual und Anpfiff heute also ohne uns. Scheiße. Laufschritt. Hecheln. Hetzen. Hey. Ho. Haaaaallo. „Kerstin?“„Nicole?“ Nicht zu fassen. Nie schaffen wir es, uns leibhaftig zu treffen und jetzt rennen wir hier nebeneinander durch den Wald. Wilde Horden. Die rasenden Töchter Attilas. Zusammen mit der winzigen Rosa, die in ihren dicken Thermohosen nicht so schnell vorwärts kommt wie sie möchte. Sieg. Sieg. Und weiter. Schwacher Trost: Wir sind nicht allein. Im und ums Stadion überall hektisch rennende Eintrachtler. Im Vorbeiwitschen ein kurzer Blick durchs Tor unter der Haupttribüne aufs Spielfeld. Ah. Ama spielt. Weiter. Die Treppe nach oben. Achtung, glatt. Und dann endlich. Im Block. Uff. Fünf Minuten sind schon gespielt. "Eintracht. Eintracht."

Gut zweieinhalb Stunden später tappern wir wieder durch den Wald, deutlich gemächlicher und beschwingter. Meine Knie sind noch wackelig, mein Magen flau, aber mein Herz hüpft wie Gekas nach dem verwandelten Elfer. Ein klar überlegenes Spiel gezeigt. Gekämpft. Gespielt. Gewonnen. Gewonnen. War eng, aber hoch verdient. Sieg. Sieg. Sieg. Das hier war kein Derby. Schon klar. Jaja. Das unwichtigste Spiel des Jahres. Blabla. Mag sein, dass manche hier und da das so sehen. Ich nicht, denn für uns Eintrachtler, die wir in und um Mainz herum wohnen, haben die kommenden Wochen jetzt einen besonderen Glanz. Nicht, dass wir uns hier verstecken, wenn es bei der Eintracht mal nicht so läuft. Das ist nicht Adler-Art. Aber jetzt sind die Dinge sozusagen auch von offizieller Seite wieder gerade gerückt und wir können mit froher Erwartung – fast bin ich geneigt zu sagen: ein wenig schelmisch ,-) - all dem entgegenblicken, was da so auf uns zukommt: Weihnachtsfeiern und Gansessen. Liga- und Kappesitzungen. Abiturparties. Bezirksligaspiele. Weihnachtsmärkte. Silvesterfeten. Geschäftstermine. Schulkonzerte. Theaterbesuche.

Mein Herz glitzert und blinkt und blitzt wie die Westkurve in der zweiten Halbzeit.

Fein war’s. Danke.



Epilog beim Bier

„War es ein Elfer oder war es kein Elfer?“

„Sagen wir mal so: Was ist der Unterschied zwischen einem Krokodil?“„Je größer, desto schnapp.“

„Richtig! Und der Unterschied zwischen einem Sprungbrett?“ „Je höher, desto platsch.“

„So ist das. Und der Unterschied zwischen einem Sieg?“ Stille. „Je dreggischer, desto hüpf?“ "Genau!"

Irgendwie ist am Ende dann halt doch alles eine Frage des Timings.

Samstag, 4. Dezember 2010

Schluss mit lustig!

Dezember 2010. Es ist kalt in Deutschland. Und die Lage bei Eintracht Frankfurt ist beängstigend. Zum Haareraufen. Verzweifelt. Fast ist man geneigt zu sagen: Aussichtslos. Mechanisch drehen die Spieler ihre Trainingsrunden draußen im Walde. Zwei wichtige Spieler fallen aus und der Trainer hat die einzig richtige Entscheidung getroffen: Er hat den roten Alarmknopf gedrückt. Das kann ganz bitter für uns werden. Am Samstag. Ein wichtiges Spiel vor ausverkauftem Haus im Waldstadion. An guten Tagen haben wir die Qualität, um mit jedem Gegner mitzuhalten. Heute stehen wir mit unserer Defensive am Rande der Konkurrenzfähigkeit und können nur darauf hoffen, dass die Fans im Waldstadion sich endlich einmal aufraffen und die Mannschaft unterstützen statt bei jedem Fehlpass zu pfeifen. Weil: Wenn die Angriffe, dann so auf einem Zurollen, da ist das leicht gesagt - von wegen weiter spielen, Druck aufbauen - da kann man schon mal in Bedrängnis kommen. Und da ist es gut, dass das ja nicht wirklich schlimm ist. Wenn wir gegen Mainz gewinnen, haben wir 23 Punkte. Wenn nicht haben wir 20. Hört man aus Spielerkreisen und kann daraus schließen, dass zumindest die für mathematische Detailarbeit zuständigen Partien des Gehirns noch nicht eingefroren sind. Da wird es uns auch nichts nützen, dass wir vorne den gierigen Gekas haben, und dass die Mannschaft schon gezeigt hat, dass wir jeden ersetzen können. Mit verblüffender spielerischer Leichtigkeit und Reife. Aber schon klar. Logisch. Oje: Mit Alex Vasoski statt Maik Franz kann von den rosigen Aussichten natürlich nicht viel übrig bleiben.

Mini Flashback. Mein Mit-Adler hat lange Jahre Nachhilfe gegeben und dabei allerlei lustiges erlebt. Besonders nachhaltig in Erinnerung ist mir der kleine Mainzer Junge, der Probleme mit der Interpretation literarischer Texte hatte und auch bei traurigen und anrührenden Texten immer auf der Suche nach der möglicherweise doch irgendwo versteckten Schlusspointe war. So kam er sogar am Ende von Hemingways „Old man at the bridge“ zu dem Fazit: „Ja... und dann hat sich rausgestellt: Es war alles nur Fasching.“ Mini-Flashback-Ende.

Haha. Zurück in die Zukunft. Zurück zum Spiel der Eintracht gegen Mainz 05, das in knapp vier Stunden im Waldstadion angepfiffen wird. Hat jemand wirklich geglaubt, wir meinen das ernst? Ätsch. Bätsch. Schluss mit lustig. Jetzt können wir es euch ja sagen: Das war alles nur Fasching. Und den Rest der Fastnacht überlassen wir gerne den Mainzern. Und wir (hallo HappyAdler) werden heute kein weiteres Material für Büttenreden liefern! Warm anziehen: Wir und die Mainzer. Ärmel aufkrempeln: Ihr rotundschwarzen da unten auf dem Platz. Heute scheint die Sonne, heute gibt es nichts zu interpretieren.

Ohne wenn und aber: Sieg!

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Eintracht plus.

Wer die Zukunft will, muss immer auf dem Qui Vive sein. Wieder einmal gilt es, richtungsweisende Weichen für die Eintracht zu stellen. Nicht zuletzt deshalb haben die Diskussionen in den vergangenen Tagen heftig gewogt, fast schon schien es, als seien die Positionen verhärtet. Aber hier naht Abhilfe.

In mühe- und aufopferungsvoller Kleinarbeit hat rotundschwarz die Faktenlage und die unterschiedlichen Positionen gründlich geprüft. Mit allen Beteiligten wurden intensive Gespräche geführt, um zu einem Schlichterspruch zu gelangen. Die verschiedenen Gruppierungen haben statistische Gutachten vorgelegt, die eindeutig belegen, dass das ausgegebene 50 Punkte-Ziel a) auf jeden Fall, b) vielleicht erreicht werden kann oder c) vollkommen aussichtlos ist. In einer per Großbildleinwand in die ganze Welt übertragenen Podiumsdiskussion konnten wir alle uns außerdem davon überzeugen, dass die Zielsetzung a) Ergebnis genauer Berechnungen, b) nichts weniger als selbstverständlich bzw. c) Ausdruck maßloser Selbstüberschätzung ist.

Begünstigt durch einen glücklichen Zufall ist es rotundschwarz außerdem gelungen, vollkommen geheime Geheimdokumente von „LigaLeaks“ einzusehen. Auf diese Weise konnten noch einmal völlig neue Einsichten gewonnen und in das Meinungsbild einbezogen werden. Z.B. konnte rotundschwarz erstmals einen Blick auf bisher unveröffentlichte Trainingsbeobachtungsbulletins werfen, die von der einen (oder anderen) Seite in Auftrag gegeben worden  bzw. von jungen, aufstrebenden Eintracht-Fans am Rande des Trainings erlauscht und protokolliert worden sind. Sie enthalten völlig überraschende, verblüffend detaillierte Charakterskizzen der handelnden Personen (Bulletin 1: Skibbe: Innovativer Gewinnertyp – setzt auf die Jugend./Bruchhagen: Typischer Oberlehrer. Sparbrötchen. Hält sich für einen Realisten, ist aber geborener Pessimist.“ Bulletin 2: Skibbe: Mal-so-mal-so-Meiner, geringe Stress-Resistenz, Pseudo-Visionär, Medien-Profi./Bruchhagen: realistischer Denker und Lenker.“ ) .

So kann heute  mit Fug und Recht behauptet werden, dass die vergangenen Tage einen wichtigen Beitrag zu mehr Transparenz geleistet und zu mehr Fan-Demokratie beigetragen haben. Es wird nie wieder möglich sein, ein Großprojekt - wie das Erreichen der 50-Punkte-Marke – anzugehen, ohne vorher alle beteiligten Gruppen – Spieler (einzeln), Fangruppierungen (repräsentativ), Leserbriefschreiber, Zeitungsredakteure, Udo Lattek - zu hören.

Der rotundschwarze Schlichterspruch lautet: Das 50-Punkte-Ziel wird beibehalten, muss aber nachgebessert werden. Die Eintracht muss sich in den kommenden drei Wochen einem Stresstest unterziehen und nachweisen, dass sie in der Lage ist, 5 Punkte aus drei Spielen zu holen, wobei insbesondere drei Punkte aus dem Spiel gegen Mainz 05 als Nachweis einer qualitativ stabilen Grundausrichtung gewertet werden wird. Zur präventiven Abwehr möglicher neuer Differenzen und zur Sicherstellung eines friedlichen Weihnachtsfestes wird außerdem dringend empfohlen, mit einem Sieg bei Alemannia Aachen ins Viertelfinale des DFB-Pokals einzuziehen. Ansonsten wird spätestens in der Winterpause ein neues Schlichterverfahren eröffnet bzw. ein Fan-Entscheid herbeigeführt. Hauptsache: Die Richtung stimmt!