Samstag, 30. April 2011

Auseinandergenommen

Nach dem Spiel. Das Interview mit einem unserer Spieler. Falls irgendetwas in ihm brodelt, an ihm nagt, ihn fertig macht. Er kann es gut verbergen. Fast unbeteiligt. Vielleicht ist es der Schock? Ein Gesicht, dem weder Kampf, noch Leid, noch Enttäuschung anzusehen ist. Hat er überhaupt geschwitzt? „So kann man im Abstiegskampf nicht bestehen.“ Nein, kann man nicht. Christoph Daum findet, jetzt muss man der Tatsache ins Auge schauen, dass die Frankfurter (wen meint er? Ach, so: Uns), bestenfalls noch um einen Relegationsplatz spielen. "Wir dürfen uns jetzt nichts mehr vormachen". Ach. Keine Sorge. Wir machen uns schon lange nichts mehr vor. „Das war’s für die SG Eintracht Frankfurt.“ Sagt der Sky Reporter.

Alle mal herhören. Ihr, ja Ihr! Ihr, die ihr euch da heute Nachmittag in Mainz habt vorführen lassen. Die ihr vom Platz gefegt worden seid. Kein erkennbares Lebenszeichen gegeben hat. Ihr, die ihr zugelassen habt, dass die Eintracht zur Lachnummer, zur komischen Figur der Liga geworden ist.. Keine Frage mehr offen. Alles geklärt. Dass euch der Adler, den ihr auf der Brust tragt, vollkommen scheiß egal ist – das wissen wir jetzt, das habt ihr jetzt hinlänglich bewiesen.

Adler auf der Brust, Adler im Herzen. Sentimentales Zeug. Schon klar. Wisst ihr was? Muss gar nicht sein. Aber dann habt wenigstens so viel Anstand, dass ihr den Verein, der zum Teil bereits über viele Jahre euer Arbeitgeber ist, nicht vollkommen kampf- und reglos in die Zweitklassigkeit abstürzen lasst. Und die Handvoll von euch, denen etwas an der Eintracht liegt – verdammt: Steht auf! Steht auf, wenn ihr Adler seid. Tretet all denen, bei denen es nicht so ist, in den Hintern. Verarscht uns nicht. Nehmt das Ding in die Hand. Übernehmt Verantwortung! Wenn ihr es nicht für uns tut, dann tut es für euch. Dafür, dass ihr als Fußballer weiter in den Spiegel kucken könnt. Acht Punkte. Acht Punkte aus 15 Spielen. Wisst ihr was? Jede Zweitligamannschaft hätte mehr Punkte geholt, sogar die ein oder andere Drittligamannschaft.

Ich tue euch allen unrecht? Ihr habt euch bemüht? Ihr seid Adler?  Es gibt solche Tage (Wochen? Monate?)? Na dann...tschuldigung, wenn ich übers Ziel hinaus geschossen bin  - ihr müsst das verstehen, ich hatte heute einen Scheiß-Nachmittag. Ja.Ja. Weiß schon: Es fehlt euch derzeit einfach an Selbstbewusstsein. Das ist nicht schön. Aber verdammt noch mal. Dann nehmt euer Herz in die Hand. Noch können wir, noch könnt IHR es für uns aus eigener Kraft schaffen. Schlimmer kann es nicht kommen. Geht unter mit fliegenden Fahnen. Aber wehrt euch.

Ich weiß nicht, was ihr nach dieser Saison macht. Wir bleiben. Eintracht!

Freitag, 29. April 2011

Rein hessisch in Mainz

Ich bin Hessin. Ur-Hessin. Mein Familie ist eine Fußballerfamilie, mein Opa, mein Vater waren Eintrachtler. Das bin ich auch. Seit vielen Jahren lebe ich in Mainz bzw. in der Nähe von Mainz, ich habe hier studiert, ich mag die Stadt. Ich mag sie sogar sehr. Und zwar trotzdem.  Bereits letztes Jahr, vor dem Spiel der Eintracht in Mainz, habe ich hier im Blog darüber geschrieben, wie „die 05“ Mainz verändert hat. Wollt ihr mehr davon hören? Bitte sehr:

Mainz 05 ist nur vordergründig ein Fußballverein. Umso tragischer, dass es (ich weiß verbindlich, dass es so ist!) auch unter den Anhängern der 05er eine ganze Reihe von Menschen gibt, die den Fußball lieben und eine ganze Menge davon verstehen. Mainz 05 ist wie eine zweite Haut, die sich die Stadt Mainz übergezogen hat. Es gehört zum guten Ton für „die 05“ zu sein, was unter anderem dazu führt, dass – tschuldigung – Mainz 05 eine unverhältnismäßig große Zahl weiblicher Anhänger hat. Das zieht sich quer durch alle Altersklassen und quer durch alle Gruppen der Gesellschaft – von der fünfjährigen Ballettschülerin zur Verkäuferin an der Kasse bei Hertie, von der tüchtigen Hausfrau zur (überdurchschnittlich häufig vertretenen) Zahnarztgattin, von der Lehrerin zur ZDF-Mitarbeiterin.

In der Regel haben die Menschen in Mainz gar keine andere Wahl – wir sind Mainz, also sind wir „05“. Zur Willkommenstüte für die „Erstis“ (die allerdings nicht nur an der Mainzer Uni so heißen) gehört schon mal ein 05er-Cap oder ein Gutschein für ein Heimspiel-Ticket. Bei Schulkonzerten (das habe ich livehaftig gesehen) werden bei der Zugabe kleinen Kindern 05er-Trikots übergestreift und 05er-Fähnchen in die Hand gedrückt bevor sie „You’ll never walk alone“ singen. Marktfrauen stehen mit 05er-Shirt und Kapp hinter ihrem Stand. Ob aus Überzeugung oder aus Opportunismus – mer waas es net. Im Theater werden sogar Klassiker-Aufführungen schon mal mit einer neckischen 05er-Anspielung garniert, der Papageno schwenkt ein 05er-Fähnchen und neben den Engelchen in der Pyramide auf dem Weihnachstmarkt dreht sich eine Holzfigur im 05er-Trikot (es sei denn, sie ist grade von einem Eintrachtler geklaut worden.)  Schaufenster von Sanitärgeschäften, Papeterien, Metzgereien sind mit 05er-Devotionalien dekoriert. Jeder (zumindest jeder zweite) Fastnachtsschal ist nicht nur vierfarbbunt, sondern auch mit einem 05er-Logo verziert. Je erfolgreicher die 05er gerade sind, um so mehr. Wer sich in der Schule als Nicht-05er, sondern sagen wir mal: Eintrachtler outet, bekommt schon mal zu hören, dass er „Kommunist“ ist (na ja, vielleicht auch deshalb, weil die Liebe zur Eintracht auch mit anderen "Abweichungen" korreliert).

Doch, es gibt sie auch in Mainz nach wie vor, die kleine qualifizierte Minderheit, die all dem widersteht. Auch wenn sie – und das ist der Kern der Angelegenheit – eigentlich nicht da sein dürfte. Wer kein 05er ist, hat sozusagen das Recht verwirkt, ein Mainzer zu sein. Stört das Stadtbild. Da sind die Anhänger des FCK, die hier keine einfache Stellung haben - schon weil sie (wie wir ja auch in Frankfurt gerne behaupten) dumme Kartoffelbauern sind, ganz besonders aber deshalb, weil sie das Vorrecht des „schon immer Dagewesenen“ und dadurch auch – ihnen aus Sicht der Mainzer nicht zustehende – Privilegien in Anspruch nehmen können.

Und dann gibt es uns: Die Eintrachtler. Gar nicht mal so wenige. Frankfurt. Das ultimative Feindbild. Böse. Aggressiv. Mean. Arrogant. (Gut so. "We are ugly, but we have the music.")  Wenn einzelne 05er (wie gerade in dieser Woche nach dem Spiel in Nürnberg) in einer Autobahnraststätte randalieren (siehe Kommentar!) – dann sind das einzelne verirrte Schafe. Wenn gleiches aus Frankfurt vermeldet wird, sind es die wilden Frankfurter Horden - von wegen:  "Das kennt man ja." (Ein Bekannter hat mir neulich berichtet, dass er das sogar beweisen kann, weil er im Stadion selbst schon erlebt hat, wie „ein Frankfurter einen Stuhl aus der Verankerung gerissen hat“. Mach Sache).

Vor dem jetzt anstehenden Spiel ist selbstverständlich die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen - appeliert wird jedoch nicht an alle oder an die 05-Fans (= die, die vor ein paar Tagen Autobahnraststätte verwüstet haben), sondern vorrangig an die Frankfurter, die wie einst die Wikinger in ihren Schiffen marodierend den Rhein herunterkommen und die Stadt überfallen.

Wir Eintrachtler regen uns immer noch, immer wieder neu und voll oldschool darüber auf, dass angeblich alle Welt, vor allem in Mainz, vom Rhein-Main-Derby spricht. Derby? Den Mainzern ist die Flüssevorherschaft derzeit ziemlich egal, viel schlimmer ist:  Sie drängen dahin, wo unser Platz ist: Ins Herz von Europa.

In den Lokalzeitungen wird der „Kampf um Europa“ ausgerufen, die Vor- und Nachteile des "Europa-Projekts" abgewogen.  Europa League.  "Klar, mir wolle das" – sagt der „normale“ 05er (z.B. auch Vorzeige-„Comedian“ und Berufs-Mainzer Sven Hieronymus im Vorberichts-Gespräch mit „unserm“ - leider weichgespülten -  Henni) – "...aber, wenn‘ s net klapp – dann halt net." Wie sympathisch, könnt mer meinen. Glückliches Laissez faire. Pah. Mitnichten. Wenn ein politisch-korrekter 05er so etwas sagt, klingt immer eine Form von devotem Dünkel mit durch. ("Das darf man nicht so verbissen sehen." "Ist doch alles nicht so wichtig." "Das, was wir schon erreicht haben, kann uns keiner nehmen." "Dabei sein ist alles."  "Wir wollen doch nur spielen.")  Goldisch? Arrrrrrrrrgmpppppfff. Meine Oma hätte gesagt „Da sieht mer de ganz Kerl.“

In der diesjährigen Fernsehkappesitzung hat der Präsident der Sitzung (als „Gutti Guttenberg“ auch eines ihrer Aushängeschilder) unlängst verkündet, dass die Saison 2010/11 für ihn als 05er erst dann so richtig erfolgreich gewesen sein wird, wenn die Eintracht abgestiegen ist. Ein Adler-Freund, der in Mainz arbeitet, hat von einem Kollegen in der vergangenen Woche zu hören bekommen: „Wir wollen am Samstag nicht nur gegen euch gewinnen, wir wollen euch demütigen.“

Genug der Vorrede. Irgendwie ist mir das alles egal. Ich bin am Samstagvormittag wie an fast jedem Wochenende in der Mainzer Innenstadt unterwegs. Im Eintracht-Shirt, wie so oft und wie immer an Spieltagen. Ich bin Hesse. Ich lebe in Mainz und ich mag die Stadt. Und ich bin Eintrachtler. Um 15.30 Uhr wird das Spiel angepfiffen. Thomas Tuchel sagt von sich selbst, dass er schlecht verlieren kann.  Morgen kann er das dann einmal mehr üben. Wir wollen unbedingt gewinnen. Wir müssen gewinnen. Und wir werden gewinnen!

Auswärtssieg!

Montag, 25. April 2011

Mitten ins Herz

Kennt ihr das? Wenn man sich so aufregt, dass man für einen Moment nicht mehr weiß, was man tut? Aufspringt. Aufstampft. Sich losreißt. Nicht zu halten ist. Hände, Arme, Körper, die zu nahe kommen, wegstößt. Laute ausstößt, die an den Schrei einer Hyäne erinnern. Worte schreit, kreischt, von denen man nicht einmal geahnt hat, das sie zum eigenen Sprachgebrauch gehören. Die Rede ist nicht von Maik Franz, sondern von mir. Gerade noch – eben, im Moment - hatte Gekas das 100 Prozent, ach was fünfhunderttrillionen Prozent sichere 2:0 auf dem Fuß. Und jetzt das. Und jetzt das. Das kann, das darf nicht wahr sein. Samstag, 23. April, 88. Minute, Waldstadion.

Leider. Ich neige zum Jähzorn, habe ihn in der Regel aber ganz gut im Griff. Und zum Glück habe ich Mit-Adler, die eine beruhigende Wirkung auf mich haben. Hey, komm. Alles gut. Punkt. Wir haben einen Punkt. Ok. Ich bin ja schon ruhig. Ganz ruhig. Händedrücken. Festhalten aneinander. Klaps auf den Rücken. Der kleine Junge im Bayerntrikot, der  mit seiner Mama drei Plätze neben mir sitzt, mustert mich neugierig, fast ein wenig ängstlich. Noch ist das Spiel nicht vorbei. Freistoß. Noch ein Freistoß für uns. Caio kommt„Also, wenn der jetzt trifft, dann fall ich auf der Stelle tot um“, höre ich den Eintrachtler hinter mir japsen...

Flashback.
Die ganze Woche hatte ich versucht, den Gedanken an das Bayern-Spiel zu verdrängen. Da war dieses überzeugende Spiel der Bayern gegen Leverkusen. Unsere kreuzdämliche Niederlage in Hoffenheim. Das Geschwätz die ganze Woche über. Ehrlich: Ich befürchtete das Schlimmste. Am Samstag Vormitag ist mein Magen flau. Zweckoptimismus. Brust raus, Kopf hoch. Wird schon gut gehen. Äußerlich ein Adler, innerlich ein Hase. Das schöne Wetter – ein weiteres schlechtes Omen. So was geht schief. Alles zu viel. Alles zu wenig.

Keine Ahnung, wann meine Stimmung gekippt ist. Vielleicht war es dieser kleine, witzige Moment auf der Mörfelder Landstraße: Anfahrtsstau, rotundschwarze Trupps ziehen über die Brücke zum Stadion. Und gerade läuft die zweite CD der „Tell Tale Signs“. „Cocaine – all around my brain“, röchelt Bob. Kicher.

Oder war es auf dem Waldweg hinter dem Stadion, als „Free“ aus dem Stadion schwappte. „All right now Baby, it’s a aaaaallright now.“ Wahrscheinlich aber war es doch genau der Augenblick , in dem wir das Stadion betreten haben. Dort brodelt es wie schon lange nicht mehr. Kein Firlefanz. Kein Schnickschnack. Fahnen. Gesänge. Stimmengewirr. Anspannung. Nervosität. Fiebrige Energie. Konzentrierte Schaffenslust. Es. Wissen. Wollen.

Und genau diese Stimmung ist auch direkt von dem Anpfiff auf dem Platz spür- und sichtbar. Benny Köhler. Sebi Jung. Sebastian Rode. Ralf Fährmann. Patrick Ochs. Halil Altintop. Martin „endlich mal wieder von Anfang an“ Fenin. Fanis Gekas. Marco Russ. Ricardo Clark. Pirmin Schwegler. Jede Faser des Körpers, jede Fußspitze angespannt. Wir sind da. Vom ersten Moment. Jeder einzelne zeigt: Wir werden uns nicht verstecken. Und wir werden hier und heute nicht untergehen. Wir nicht.

Was jetzt folgt, hätte ich im Leben nicht erwartet. Sie kämpfen. Sie sind hellwach. Ok.  Aber das ist es ja nicht allein. Unglaublich: Sie halten mit. Was für ein Unterschied zu dem plan- und hilflosen Haufen, der hier noch vor ein paar Wochen über den Platz gestolpert ist. Dieses Spiel ist aufwühlend, mitreißend, wogt hin und her – aber man kann es auch, wie das so schön heißt, „lesen“. Jeder einzelne hängt sich rein, das kann er aber auch deshalb, weil er jetzt endlich wieder einen Plan hat und weiß, was zu tun ist. Z.B. das konsequente Doppeln: Wenn die Bayern aufrücken, ziehen wir uns diszipliniert gestaffelt zurück. Der angreifende Spieler wird im Raum übernommen, immer – immer! – gedoppelt , wenn die Gefahr am größten ist, kommt noch ein dritter Spieler dazu. Alle, wirklich alle (doch, auch Gekas hab ich einmal am eigenen Strafraum gesehen ,-)), gehen mit zurück, in wechselnden Konstellationen – je nachdem, ob wir unter Druck stehen oder gerade selbst in der Vorwärtsbewegung waren. Erst relativ spät wird der Zweikampf gesucht, der anstürmende Bayernspieler direkt angegriffen, was für viele, viele Herzkasper-Momente während des Spiels sorgt („Hin.“ „Maaaaaaan... Greif an.“ „Rauuuuuuus.“) aber dafür sorgt, dass die Räume eng, sehr eng zugestellt sind. Der zweite, spätestens der dritte Ball ist unser – oder die Flanke, der Pass in den Strafraum kommt weniger präzis ins Zentrum. In den Strafraum – dort, wo Sebastian Rode (was für ein technisch feiner Fußballer, was für ein mutiger Kämpfer) rackert und wuselt. Dort, wo Marco Russ regiert.

Marco, der für mich irgendwie das  Symbol für den Wandel dieser Tage ist. Wie mich das freut. Endlich wieder. Turm in der Schlacht. Antreiber. Nichts mehr zu sehen, von der wandelnden Verunsicherung noch gegen St. Pauli. Er hält die Abwehr zusammen, grätscht, köpft, behält den Überblick. Nein, er ist nicht so ein eleganter Techniker wie Rode, aber er nutzt seine Körperlichkeit, hat immer noch eine Fußspitze dazwischen, bringt seinen Körper dazwischen, blockt ab. Klarer Fall von Kopf wieder frei. - Ich weiß, was ich tue. Und ich tue, was zu tun ist. Ich kann es. Ich mach es. – Wenn sich eine Lücke auftut, rückt er auf, geht selbst. Und wenn es sein muss, drischt er den Ball eben halt auch mal weg, irgendwo nach vorn, in die Spitze.

Überhaupt die langen Bälle auf Gekas: Ja. Wir spielen sie immer noch. Und immer noch zu oft. Aber wir spielen sie nicht mehr nur. Unsere Außen sind wieder besetzt. Da werden auch mal die Seiten gewechselt. Martin Fenin auf links tut dem Spiel gut, unterstützt von Benny Köhler, der – neben seinem Kämpferherz – deutlich mehr Spielwitz mitbringt als (schade!!) Tzavellas. Sebi Jung schaltet sich auf rechts wieder häufiger nach vorne ein (zwei, drei wunderbare Kurzpasskombinationsangriffe über Jung, Ochs, Schwegler). Schwegler, bei dem zumindest Ansätze seines Könnens wieder aufblitzen. Clark, der nur aus Beinen und Armen zu bestehen scheint, überall ist. Halil Altintop, der in Tornähe einmal mehr nicht glücklich aussieht, aber so unglaublich viel für die Mannschaft tut, Bälle verteilt (Ja, tatsächlich am Samstag hatten wir auch wieder ein Mittelfeld!).

Es ist die 85. Spielminute. 1:0. Wir führen. Das ist er, der Befreiungsschlag. Der Klassenerhalt. Jetzt bringen wir das Ding auch nach Hause. Das halten wir. Irgendwie. Nicht nachlassen. Konzentriert bleiben. Nach vorne spielen. Ja. Ja. Jaaaaaaaaaaaa. Da ist Platz. Sebi Jung. Spiel. Spiel ab. Da ist Gekas. Der Ball kommt. Der kommt. Da ist Gekas...

Flashbackende

Die Kind-im-Bayern-Trikot-Mama packt ihre Kamera ein, mit der sie vor ein paar Minuten im Bild festgehalten hat, wie Gomez sich den Ball am Elfmeterpunkt zu recht legt. Fährmann noch einmal korrigiert. Benny kreuzt. Gomez anläuft. Trifft.

Am Black and White-Bratwurststand habe ich Glück: Ich bekomme die letzte Currywurst. Und das ist nur recht und billig, weil ich heute noch nichts nichts nichts gegessen habe.

Wir haben einen Punkt. Wir fahren heim.

Rotundschwarz feat. Li - La -Launebär

*** folgt *** ,-)

Samstag, 23. April 2011

Li-La-Launebär

Christoph Daum will nicht immer nur den Li-La-Laune-Bär geben. Er will auch nicht Trainer einer Zweitliga-Mannschaft sein, was ich - aus Sicht eines Vorreiters der Tuchel-Generation - gut verstehen kann. Vermutlich hat er das ja sowieso nur deshalb gesagt hat, um letzte Motivationsreserven zumindest außerhalb des Platzes zu mobilisieren. „Christoph Daum muss bleiben. Schon allein deshalb müssen wir die Klasse erhalten“ – das hab ich gestern so oder so ähnlich mehrfach im Eintracht-Forum gelesen. Na ja. Einen Grund muss der Mensch haben.

Auch dass Christoph Daum genervt ist, wenn er jetzt – im Vorfeld des Spiels der Eintracht gegen Bayern – immer wieder auf Uli Höneß angesprochen wird – hat mein vollstes Verständnis. Da reagiert er allergisch. Dazu sagt er nichts, weswegen es sicher eine 1a-Entscheidung ist, heute Abend der Einladung ins Sportstudio zu folgen, weil dort sicher von diesem Thema überhaupt nicht die Rede sein wird, sondern stattdessen ausschließlich vom außergewöhnlich hohen Sieg der Eintracht gegen Bayern.

Außergewöhnlich? Es soll ja Leute geben, die fänden es außergewöhnlich, wenn die Eintracht den Klassenerhalt schafft (huch – war das etwa auch Christoph Daum, der in dieser Woche diese Meinung vertreten hat?). Mmh. Schon klar: Es wäre ausgesprochen außergewöhnlich, wenn eine durchschnittliche (oder - wie wir jetzt wissen – außergewöhnlich durch- vielleicht ja sogar unterdurchschnittliche) Bundesligamannschaft zwar Potenzial hat, aber es tatsächlich nicht einmal mit einem außergewöhnlichen Trainer und außergewöhnlichen Methoden schaffen würde, in der Rückrunde einer Bundesligasaison satte zehn und aus sieben Spielen sechs Punkte zu holen. Zehn. Sechs. Du liebes bisschen.

Normal ist jedenfalls anders. Deswegen ist es wirklich elend, dass jetzt auch noch Maik Franz ausfällt. Das findet auch Marco „Jeder spielt für sich“ Russ, denn: „So einer wie Maik, der auch mal übers Limit hinausgeht, ist nicht leicht zu ersetzen.“ Heißt ja wohl: Die anderen gehen nicht nur nicht übers Limit hinaus – nein: Sie tun es nicht einmal „mal“. (Das hat er nicht so gemeint. Beides nicht. Ich waaaaaiß, grad der Marco, der ist nicht so, der GEHT ans Limit - aber gesagt hat er’s.)

Jedenfalls war ich fast gerührt, als ich gelesen habe, dass wenigstens einer unverdrossen weiter ins Horn bläst respektive ganz tief in der Klischeekiste kramt. Yeah. Der FC Bayern kommt. „Ganz Frankfurt fiebert dem „Spiel des Jahres“ entgegen“, lässt Peppi Schmidt die Leser der Mainzer Allgemeinen Zeitung (und vermutlich auch die Leser anderer Zeitungen andernorts) wissen. Was auch sonst? Die Bayern kommen. Da gehen wir hier in Frankfurt voll ab. Boah.

Genug gebabbelt. Es ist Ostersamstag. Die Sonne scheint. Und die Welt könnte eigentlich schön sein. Wir jedoch fahren ins Waldstadion. Ich rechne mit allem, wirklich allem, und gehe fest davon aus, dass ich – zumindest solange ich mich heute im Waldstadion aufhalte – trotz jahreszeitlich bedingtem Überangebot weder Hasen noch Lämmer zu sehen bekomme. Ich will kein "Spiel des Jahres". Ich will keinen Li-La-Launebär. Mir reichen Adler. Vollkommen. Und zwar auf und neben dem Platz. Adler, die wissen, wie hoch uns das Wasser schon am Hals steht und die nicht darauf vertrauen, dass wir die nötigen Punkte in Mainz und gegen Köln holen werden. Und wenn es uns um 17.20 Uhr gelungen sein sollte, gegen die Bi-Ba-Butzemänner aus Bayern etwas zu reißen, wißt ihr was? Dann mach ich euch den Li-La-Launebär. Aber so was von.

Auf zum Adler Flash-Mob. Samstag, 23. April 15.30 Uhr. Waldstadion. Punkten gegen die Bayern. Jetzt!

Dienstag, 19. April 2011

Vorher/Nachher

Das Gesicht des Trainers ist der Spiegel des Zustands seiner Mannschaft. Sagt Christoph Daum.

Das ist wohl wahr:


Das gleiche gilt im Übrigen für das Gesicht eines Fans:


PS: Ein Daumenkino (sic!) mit dem Gesicht des Eintracht-Trainers vom ersten Trainingstag bis zum letzten Spieltag der Saison ist aus mannschaftszustandsdokumentarischen Gründen bereits in Vorbereitung.

Sonntag, 17. April 2011

Es ist wieder soweit

Das merkwürdigste an Fußballweisheiten ist, dass sie zutreffen. Immer und grundsätzlich. Zum Beispiel die Sache mit dem „das rächt sich“, wenn eine Mannschaft in einem Spiel ein um die andere Torchance nicht nutzt. „Das rächt sich“, denke ich, denkt wohl fast jeder. Und jedesmal, wenn ich diesen Satz denke, schiebe ich gleich hinterher: „Nein, heute nicht.“ Aber keine Chance. Der große Fußballgott, wo immer er sich derzeit aufhalten mag, lässt sich nicht austricksen. Am Ende, hat der obwaltende Geist des Fußballs sich materialisiert. Aus Visionen werden Fakten:  Es rächt sich. Immer.

So auch gestern, beim Spiel der Eintracht in Hoffenheim. Und deswegen haben wir jetzt den Salat: Es ist wieder so weit...

Die Menschen, die mich umgeben, nehmen merkwürdige Verhaltensweisen an. Entfernte Bekannte, die mich sonst nur flüchtig grüßen, bekommen, schon wenn sie mich von weitem sehen, einen besorgten Gesichtsausdruck. Noch bevor wir ein „Hallo“ oder „Guten Tag“ gewechselt haben, gleich die Frage: „Wie geht es Ihnen?“ Oder am Telefon. Ich melde mich – wie ich finde: vollkommen normal – auf der anderen Seite zunächst Stille und dann, mit gedämpfter Stimme: „Mmh… wie dein Wochenende war, brauch ich dich ja gar nicht zu fragen…“ Ganz schlimm auch der Weg mit Eintracht-Shirt oder Schal durch die Straßen. Sonst in der Gegend, in der ich lebe, ein ganz normaler Spießrutenlauf – jetzt weichen die Menschen vor mir zurück und ich ernte - je nach persönlichen fußballerischen Vorlieben der vorbei Eilenden - entweder ein hämisches Grinsen oder einen mitleidigen Blick. (Es ist noch sehr die Frage, was das Schlimmere von beidem ist).

Selbst auf meinen Mit-Adler färbt dieses Verhalten ab. Sobald ich das Zimmer betrete, legt sich seine Stirn in besorgte Falten. Die Katzen flüchten unters Sofa.

Ich kann das nicht verstehen. Was haben die alle bloß? Ok - gestern Nachmittag, ungefähr um 17. 20 Uhr, da bin ich etwas heftig von meinem Stuhl aufgesprungen und dabei über den Fernseher gestolpert. Ok. Meine Lieblingskaffeetasse ging dabei ebenfalls zu Bruch, der Katze bin ich auf den Schwanz getreten und nachdem ich zum zehnten Mal bei voller Lautstärke "Hang 'em High“ von den Dropkick Murphys gehört hatte, stand der Nachbar vor der Tür, um zu fragen, ob ich sie noch alle habe. Is halt dumm gelaufen. Ok. Heute Nacht hatte ich Schweißausbrüche und bin mehrfach zitternd im Bett hochgeschossen. Kein Grund für übertriebene Sorge. Warum ich allerdings beim Aufwachen ein vollkommen zerrupftes und zerbissenes Kissen zwischen den Zähnen hatte – keine Ahnung.

Na gut. Ich will gerne zugeben, dass ich derzeit ein kleines bisschen nervös bin. Im Morgengrauen den Garten wie ein Maulwurf umpflügen - das hätte ich vielleicht nicht machen sollen. Mag auch sein, dass ich seit gestern nachmittag bereits das ein oder andere Mal etwas heftig reagiert habe. Man muss nicht wie von der Tarantel gestochen aufspringen, wenn einem jemand freundlich über den Kopf streicht und dabei „Alles wird gut“ flüstert. Kugelschreiber wirft man nicht. Teller schon gar nicht. Man batscht nicht mit Türen und: Man tritt auch nicht gegen Gegenstände, die im Weg stehen. Auch nicht gegen Wände. Nein, das tut man nicht.

Aber dass ich vorhin, als ich - friedlich und entspannt (wie auch sonst?) – in der Sonne saß und in der Samstagszeitung rückblickend den Vorbericht auf das Spiel der Eintracht in Hoffenheim gelesen habe - also, dass ich da plötzlich aufgesprungen bin, die Zeitung auf den Boden geworfen und darauf herumgetrampelt habe. So was kann doch mal vorkommen. Oder nicht? ODER ETWA NICHT?

Wie gesagt: Es ist wieder soweit.

Samstag, 16. April 2011

Entgeistert.

Als Christoph Daum in seiner ersten Pressekonferenz bei der Eintracht vom Kopf erzählte, der das dritte Bein werden sollte, musste ich spontan an einen früheren Kollegen – Kai - denken. Kai galt als ein wenig schusselig – „verpeilt“ heißt das heute – und ihm passierten die merkwürdigsten Dinge, die immer noch ein bisschen merkwürdiger wurden, wenn er darüber erzählte. Einmal wurde er zufällig dabei beobachtet, wie er auf der Suche nach der richtigen Bürotür einen langen Flur entlanglief. Der Gang war vollkommen leer, nur vor einer Tür stand eine große Kiste – und genau auf die lief er mit voller Wucht zu. Peng. Kai hielt sich das Bein und jammerte: „Mein Kopf, mein Kopf.“ So wusste ich also schon lange vor Christoph Daum, dass der Kopf zum Bein werden kann.

Auch mit den anderen Daumschen Wortschöpfungen kann ich mich ganz gut anfreunden. Statt Abstieg heißt es Klassenerhalt. Nur logisch, dass der Abstiegskampf zum Klassenerhaltungskampf und dementsprechend das Abstiegsgespenst zum Klassenerhaltungsgespenst wird. Jetzt müssen wir es halt nur noch entgeistern. Quatsch. Entgeistern: Das ist ja das, was der DFB für St. Pauli entschieden hat. Bei uns geht es dann doch eher ums entspenstern. Oder so. Jedenfalls: „Dem Wind gehört die Zukunft,“ hieß es gestern in den Nachrichten. Und vielleicht ja auch ein klitzekleines bisschen der Eintracht.

Auswärtssieg!

Donnerstag, 14. April 2011

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel vom 29. März bis 13. April 2011 (Back-Again-Edition)

In diesem Jahr hat es noch keine Ausgabe der Schnipsel gegeben. Ich habe gesammelt und gesammelt, bin aber nicht zum Verarbeiten gekommen. Deswegen heute jetzt einfach ein Neueinstieg. Die Schnipselsammlung Januar, Februar und März gibt es dann irgendwann als Rückblick. Und die Zwei-Wochen-Schnipsel ab jetzt (hoffentlich) wieder einigermaßen regelmäßig.

Dienstag, 29. März
Gestern war die Welt grau und visionslos. Nach den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg hat jetzt auch die SPD wieder Visionen, was mich nicht unbedingt wundert. Schon eher erstaunt es mich, dass Jupp Heynckes an die Börse geht. Tut er nicht? Ach so. Die Rede ist von Osram. Naja, kann man schon mal verwechseln.

„Wenn du abhauen kannst, hau ab.“ Sagt Ansgar Brinkmann. Wie recht der Mann doch hat.

Mittwoch, 30. März
Bericht in der Lokalzeitung. Na, so was: In Mainz gibt es schon seit 15 Jahren eine Clowns-Schule.  Ich vermute mal, dort werden Komiteter für die Kappesitzung ausgebildet. Und wenn es dafür nicht reicht? Na, dann kann man ja immer noch diplomierter Mainz 05-Fan werden. Garantiert witz-fest.

Donnerstag, 31. März
Öffentlich oder nicht mehr öffentlich? Eigentlich haben wir unseren geplanten Besuch beim Eintracht-Training bereits gecancelt, da erhalte ich von einem Forums-Adler, der es wissen muss, kurzfristig die Info: Doch, heute auf jeden Fall noch öffentlich. Wir fahren hin und erleben das neue Trainingsfeeling, das ich bisher nur via Zeitung und aus den Trainings-Krümeln im Eintracht-Forum kenne, jetzt endlich auch einmal live. Wow. Das ist wirklich beeindruckend. Ein bunter, akribisch abgesteckter Parcours aus Stangen und Hütchen, der den Rahmen für immer neu Übungen und kleine Wettkämpfe bietet. Hütchenspiele. Mittendrin Roland Koch. Alle sind mit Eifer, Spaß und Konzentration bei der Sache. Hell wach alle immer und überall. Das gilt auch für uns und den gesamten Tross der anwesenden Trainingsbeobachter, die wir der Mannschaft den Hütchenparcours entlang folgen und schließlich mit ihr zum Trainingsplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Anlage wechseln. Kommentar eines Trainingsbeobachters: "Das sinse, die neue Trainingsmethode - da bleibe mir all in Bewegung." Voll von Eindrücken und Zuversicht brausen wir wieder nach Hause. Wolfsburg kann kommen.

In Schleswig-Holstein wird in einer Grundschule im Rahmen einer Projektwoche ein Kaninchen geschlachtet und hinterher verspeist. Bevor dem Hasen das Fell über die Ohren gezogen wird, streichelt jedes Kind ihm noch einmal über den Kopf und verabschiedet sich von ihm. „Tschüss, liebes Kanninchen.“ Denn: So lernt man Verantwortung. Mein lieber Schwan. Auf so einen Hirndreck muss man erst mal kommen.

Ach ja, noch eine Meldung: Der Fukushima-Betreiber Tepko kündigt an, das AKW vom Netz nehmen. Ach. Das ist es, was ich eine verantwortungsbewusste und schnelle Entscheidung nenne.

Freitag, 1. April
Bei welcher der folgenden Meldungen handelt es sich um keinen Aprilscherz:
„Daum schmeißt bei der Eintracht schon wieder hin.“
„Magath jetzt doch wieder zurück nach Schalke."
„Zu Guttenberg rehabilitiert.“ (Oder muss es vielleicht doch „habilitiert“ heißen?)
„Mangels Gelegenheit im richtigen Leben: Eintracht übt im Training Torjubel.“

Im Freitagsspiel verliert St. Pauli zu Hause mit 0:2 gegen Schalke und einer der Zuschauer außerdem kurz vor Schluss die Contenance. Bierbecherweitwurf. Die Bierduschen in Frankfurt sind irgendwie charmanter.

Samstag, 2. April
Sonne. Frühling. Blauer Himmel. Der Wochenmarkt in der Mainzer Innenstadt wuselt und wimmelt. Radieschen. Salatköpfe. Rettich. Tatsächlich – es gibt auch schon den ersten einheimischen Spargel. Boah. Das Pfund für 5 Euro 90. „Nein, danke - mir warte noch.“

Vor mir an der Kasse im Kaufhof ein altes Ehepaar. Der alte Herr mit Blouson und Schiebermütze trägt eine karierte Tasche mit Reißverschluss. Vorne kuckt der Kopf eines Dackels heraus. Der Hund schaut mich an, ich schaue ihn an. Wir sind verdutzt. Beide. „Was hat er denn, der arm Kerl?“ Frage ich sein Herrchen. "Einen Bandscheibenvorfall.“ Wie der Dackel das wohl hingekriegt hat?

Nachmittags trennen sich Werder und der VFB unentschieden. Gladbach und die Lauterer verlieren – heute spielen alle für die Eintracht. Jetzt müssen morgen nur noch wir selbst auch für uns spielen.

Sonntag, 3. April
Schon beim Aufwachen schlägt mein Herz bis zum Hals. Die Sonne scheint. Was wird passieren, heute in Wolfsburg? Alles gleich? Alles anders? Ich halte es drinnen nicht aus. Hinaus, hinaus. Ab in den Garten. Salatpflänzchen. Kohlrabi. Kresse. Spinat. Ich grabe, häckele und rupfe. Unsere beiden kleinen Kätzchen hossern um mich herum und entdecken die Welt. Eine Biene. Ein Frosch. Ein Grashalm. Wunder über Wunder. Sie buddeln in der Erde. Wälzen sich in der Sonne, alle viere in der Luft. Das Katerle tapert eilig an mir vorbei. Was hat es denn da im Mund? Tschüss, lieber Regenwurm.

Die Eintracht holt einen Punkt. Yep. Yep. Yep. Ein Lebenszeichen. Im Forums-Tippspiel habe ich trotzdem wieder nur drei Punkte. Maaaan. Lauter Last-Minute-Tore auf meine Kosten. Die Lederhüte ganz vorn. Attilas Töchter nur noch auf Platz 5. Und ich bin schuld. Baaaaaaaaaah.

Montag, 4.April
Deprimierender Tag voller aufreibender Diskussionen und trauriger Gedanken. Zäh. Montag, halt. Tell me why. Nachmittags dann der nächste Schock: Auch der Nachbar links oberhalb von uns fällt seine Bäume. Die riesige Blutpflaume steht gerade in voller Blüte, duftet. Darf der das? „Warum machen Sie das?“ „Wir bauen uns eine Solaranlage. Da werfen die Bäume zu viel Schatten.“ Aha. Das ist es also, das neue ökologische Bewusstsein. Knirschen. Krachen. Unsere Katzen flüchten nach Innen. Ich hinterher.


Dienstag, 5. April
Alexander Loulakis, Förderer, Ehrenspielführer, Urgestein der Eintracht ist gestern im Alter von 86 Jahren verstorben. Ich kannte ihn nicht, lese jetzt anrührende Nachrufe  und Erinnerungen. Schellack-Party-Geber. Gastronom. Unternehmer. Übervater der 59-er –Meistermannschaft. Tierschützer. Mensch. Frankfurter. Bunt und eigenwillig, schillernd und dabei bodenständig, liebenswürdig und immer ein bisschen gegen den Strich. Wie Frankfurt. Wie die Eintracht. Es ist gut zu wissen, dass ihm nach seinem langen Leben ein friedliches Ende vergönnt war.

Bis spät am Abend sitze ich am PC. Arbeit, Arbeit. Abgabetermin. Fast hätte ich es vergessen. Schalke spielt heute in der Champions League in Mailand. Als wir den Fernseher einschalten steht es bereits 2:4 für Schalke. Und das mit einer Mannschaft, die der Fußball-Lehrer Rangnick vor einer Woche in einem durch und durch desolaten Zustand von Vorgänger Felix Magath übernommen hat. Sache gibt’s.

Mittwoch, 6. April
Auch heute wieder strahlt die Sonne von einem blitzeblauen Himmel. Seit heute wissen wir, warum Christoph Daum am liebsten nicht öffentlich trainieren lässt: Er hat selbst nämlich auch geheime Trainingsbeobachter auf den Plätzen der nächsten Gegner. Geheim stimmt Christoph Daum also die Mannschaft, aber nicht uns, die lieben Fans, auf die kommenden schweren Aufgaben ein. Via Facebook sendet er uns eine Videobotschaft. Lassen wir das und ihn einfach mal so stehen.

Donnerstag, 7. April
Tipp eines Adler-Freundes, der in Frankfurt in der Berger Straße das KaufhausHessen entdeckt hat, das gerade einjähriges Jubiläum feiert. Was für eine geniale Idee: Von Hessinnen für Hessen aus Hessen  gibt es hier alles, was das hessische Herz begehrt. Ahle Worscht, Bembel, Eintracht-Trikots. Über 1.700 Produkte. Alles Original Made in Hessen. Z.B. auch die passenden T-Shirts für alle Lebenslagen. Für schlechte Tage: „Lieber blau als gar kein Bock.“ Und für Gute? „IGude.“ Witzig.

Foodwatch-Chef Thilo Bode hat vor dem Berliner Verwaltungsgericht eingeklagt, dass die Gästeliste der Geburtstagsfeier veröffentlicht wird, die Angela Merkel vor zwei Jahren für den Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann ausgerichtet hat. Jeder klüngelt mit jedem, Verflechtung von Politik und Finanzwirtschaft – ja, klar, nicht schön, das. Aber was hat das mit „Foodwatch“ zu tun? War etwa das servierte Essen aus nicht-ökologischem Anbau? Nein, Thilo Bode klagt als Privatmann. Im Namen der Informationsfreiheit. Im Namen der Bürgerrechte. Im Namen der Verbraucherrechte. Im Namen von blablabla. „There should be a law against you coming around.“ (Bob Dylan, Ballad of a thin man)

Freitag, 8. April
In unserem Garten ist wieder Frieden eingekehrt. Unsere Bäume und Büsche stehen zum Glück ja noch. Vögel zwitschern. Blüten duften. Der Teich plätschert. Ja, ja. Ich weiß schon: Niemand ist eine Insel. Probieren kann man's...

Apropos probieren: Nur noch ein paar Stunden bis zum Spiel gegen Werder und ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass  ich wirklich noch eine weitere Karte fürs Spiel auftreiben werde. Da – hurrahurra- der Anruf eines lieben Adler-Freundes. „Ich hab… hat sich ergeben… brauchst du noch?… willst du?“ Klar will ich. Wir verabreden uns für die Übergabe auf halber Strecke auf dem Parkplatz eines Baumarktes. Haben uns eine Weile nicht gesehen und doch in den letzten Monaten viel Leid und Freud miteinander geteilt. Wir schwätzen, brabbeln, lachen. Denken an die vergangenen Wochen, werden still. Schwätzen weiter. Das noch. Das noch. Von Hibbesje zu Dibbesje. Umarmen uns. Tschüss. Danke. Danke. Danke. Sieg. Eintracht!

Ca. sechs Stunden später. Die Halbzeit eines bewegenden und bewegten Spiels  Ich stehe an der Bande und fachsimple mit unserem DK-Sitznachbar Thomas, der in den vergangenen Jahren immer einmal wieder für eine Überraschung gut war. So hat er uns z.B. vor ein, zwei Jahre ganz beiläufig erzählt, dass er selbst mal Profi-Fußballer war. (Nein, den Verein für den er gespielt hat, nenne ich jetzt nicht *g). Vor ca. einem halben Jahr haben wir dann ebenso beiläufig erfahren, dass er verschwippschwägert mit Mehmet Scholl ist. Und was kommt heute? „Stell dir vor“, erzählt er, „am Sonntag nach dem Pauli-Spiel, da hab ich mit einem Kollegen telefoniert, dem Eberhard. Wir haben so rumgefrozzelt und ich hab zu ihm gesagt: Mensch, wir brauchen einen Trainer. Frag doch mal deinen Bruder, ob der Lust hat…“ „Wie heißt denn der Bruder vom Eberhard?“ „Na – Christoph Daum!“

Samstag, 9. April
Die Welt ist sonnig und weit. Ich habe seit der Trennung von Michael Skibbe nie mehr ernsthaft gezweifelt, dass die Eintracht den Klassenerhalt schaffen wird, erst recht nicht seit gestern, und dann, im Abendspiel, gewinnt der FCK beim VFB Stuttgart und mir ist als ob eine eiskalte Hand nach meinem Herz greift. Hatte die Lauterer fest als ersten Relegationsplatz-Kandidaten eingeplant und jetzt das. Wer bleibt dann noch? Wir. Der VFB. Vielleicht die Kölner. Wolfsburg eher nicht, die haben das leichteste Programm. Jetzt fehlt nur noch, das Pauli morgen in Leverkusen gewinnt. Hilfe. Wird schon. Hilfe. Wird schon. Hilfe.

Ich weiß: Doof. Blöd. Menschenverachtend. Bekenne trotzdem: Ich kucke gerne Casting-Shows. Mein absoluter Liebling bei der diesjährigen DSDS-Staffel ist Piedro Lombardi, der nicht besonders klug, aber freundlich und liebenswert ist, und vielleicht gerade deshalb Sätze von großer Tragweite von sich gibt. Z.B. seine Nachricht an die Welt da draußen: „Hey Leute - seid nicht so doof wie ich und vergesst euren Text.“ Eine Weisheit fürs ganze Leben.

Sonntag, 10.April
Beim Sonntagsfrühstück stoße ich in unserem Ortsanzeiger gleich auf mehrere Fundstücke:

Eine Klasse aus der Grundschule des Nachbarorts hat in ihrem Schulhof einen Baum gepflanzt. Bildunterschrift: „Die Zweitklässler der Grundschule mit ihrem Schulrektor, der Lehrerin und dem Herrn Bürgermeister.“ Einleitender Text: „Die Kinder der Grundschule begrüßten den Baum des Jahres 2011, die seltene Elsbeere, mit einem Frühlingslied.“ Ach du liebes bisje. Man hört es förmlich wie in Tadellöser und Wolff  schnarren: „Ein Lied…zwo…drei! - Die Grundschulklasse 2a verdirbt mir hier nicht die Innung.“

Rechts daneben entdecke ich eine Anzeige:


Wer hätte das gedacht?

Und schließlich: Ein Bericht über den ortsansässigen Fußballverein, der in der Kreisliga spielt. „Internationaler Flair“ – lautet die Überschrift, unter der berichtet wird, dass in und um den Verein allerlei Neuerungen Einzug gehalten haben. Seit neuestem wird der Ball – wie bei großen Spielen üblich – nicht mehr vom Schiedsrichter mit auf den Platz gebracht, sondern beim Einlaufen von einem – selbst geschreinerten – Podest genommen. Bei Heimspielen gibt es seit einiger Zeit einen VIP-Bereich. Und derzeit wird überlegt, ob künftig auch „Escort-Kids“ an der Hand der Spieler mit auflaufen werden. Bin mir nicht sicher, ob ich das ganz schrecklich oder ganz schrecklich rührend finde. Mein Mit-Adler schon. Er zitiert sinngemäß Tacitus: „Die Unerfahrenen dachten es wäre Kultur, dabei ist es Knechtschaft.“ Miesmacher.

St. Pauli führt in der 60. Minute in Leverkusen mit 1:0 und mir geht es wie Heribert Bruchhagen: Mir bleibt fast der Kuchen im Hals stecken.Würg. Uff. Grad nochmal gut gegangen.

Montag, 11.April
Louis van Gaal ist nicht mehr Bayern-Trainer. Andries Jonker hat das Training übernommen. Endlich kann an der Säbener Straße wieder "angstfrei" trainiert werden – vermeldet der Bayrische Rundfunk. Wer ist hier eigentlich der Vollpfosten?

Mittwoch, 13. April
Mail von Frank vom Eintracht-Archiv: Der Text über Fips Wacker ist jetzt auch im Eintracht-Archiv eingestellt. Das freut mich sehr! Frank schreibt „mit hektischen Grüßen“. „Muss mich beeilen, damit ich es rechtzeitig ins Eintracht-Museum schaffe.“ Dort ist nämlich heute Abend Toni Hübler zu Gast.

Auch ich hab mir den Termin dick in meinem Kalender gemarkert und schaffe es dann doch nicht, mich rechtzeitig auf den Weg nach Frankfurt zu machen. Mist, elender.

Erinnerungsflash
Ein sonnenumglänzter Sommertag im Jahr 1990 und eine Geschichte, die gar keine ist, die ich aber sicher hier im Blog schon mal in anderem Zusammenhang erzählt habe, weil sie eine sehr liebe Erinnerung ist, zu der auch Toni Hübler gehört. Studi-Zeiten. Zu Dritt machen wir uns auf den Weg nach Guntersblum, wo die Eintracht heute zu einem Freundschaftsspiel  antritt. Uli Stein. Andi Möller. Uwe Bein. Anthony Yeboah. Ralf Weber. Falke. Alle da. Wir lehnen an der Bande, schauen, schwätzen, käsen und blödeln herum. Nach dem Spiel wird die Mannschaft noch vor dem Vereinsheim verköstigt. Alle sitzen an langen Biertischen. Es gibt Schnitzel und Kartoffelsalat. Falke trinkt ein Cola-Bier und bis heute weiß ich noch, was Andi Möller (den ich damals sehr liebte) an diesem Tag nach dem Spiel an hatte: Er trug eine Jeans und ein T-Shirt mit rosa und grauen Blockstreifen. Etwas abseits steht der Mannschaftsbus der Eintracht. Die Tür ist offen. Der Busfahrer sitzt vorne im Bus und auf den Stufen des Busses sitzen Charly Körbel und Toni Hübler und essen ihre mitgebrachten Brote.

Müd und froh brausen wir durch den Sommernachmittag wieder nach Hause. Ungefähr so ,-) :


Fast kommt's mir heute so vor als sei das Leben später nie mehr so schwebend leicht gewesen.

*** to be continued***

(stimmungsmäßig am liebsten schon am Samstag!)

Montag, 11. April 2011

Smells like Team Spirit*

Freitag abend. Es ist zehn vor Acht als der Hessische Rundfunk live ins Walstadion schaltet. „Eine großartige Atmosphäre, das Stadion brodelt“, vermeldet Dirk Schmitt und bei uns im Auto macht sich Verzweiflung breit. Kann das wahr sein? Es ist zehn Minuten vor Acht und wir sitzen immer noch im Auto, stehen seit knapp einer Stunde im Stau, mittendrin, kein Ende in Sicht, alles dicht und wir sind noch nicht einmal vorbei am Rüsselsheimer Dreieck. Bis eben hatten wir uns noch mit Galgenhumor gerettet, herumgeblödelt („Cool, dass wir in letzter Sekunde noch eine fehlende Karte aufgetrieben haben..." (vielen, vielen Dank lieber Forums-Adler :-), "da haben wir jetzt noch eine mehr, die verfällt...“) aber jetzt blicken wir unerbittlich den Tatsachen ins Auge: Wir werden es tatsächlich nicht pünktlich ins Stadion schaffen. Zweite Halbzeit - vielleicht. Scheiße. Scheiße. Große Scheiße. Es wird still. Fast apathisch. Verdammt. Und da, plötzlich. Es ist wie ein kollektiver Ruck, der durch unser Auto geht. „Nein. Nein. Nein.“ Das kann es nicht gewesen sein. So nicht. Wir bleiben jetzt nicht hier stehen, fügen uns ergeben in unser Schicksal und warten bis Bewegung in die Kolonne kommt. Lieber mit fliegenden Fahnen untergehen. „Ich fahr jetzt hier runter“, sage ich, „keine Ahnung wie, aber irgendwie werden wir schon durch kommen.“ Einstimmiges „Yeah“ – wir brausen los.

Abenteuerfahrt. Flaches Land. Wie von Geisterhand gelenkt. Traumwandlerisch. Über die Dörfer. Menschenleer. Links nach Mörfelden? Links! Willi’s Pub mit Sky-Übertragung. „Vielleicht sollten wir hier...?“ Hihi. Nix da. Rechts. Links. Wo lang? Da lang. Und wieder zurück zur Autobahn. Alles frei. Gib Stoff. Acht Uhr und Siebzehn Minuten. Wir halten. Am Stadion. Irgendwo seitlich im Wald. Kaum zu glauben, tatsächlich. Wir sind da.

Der Weg vom Auto zum Stadion dauert im normalen Tempo locker eine halbe Stunde. Mein junger Mit-Adler und ich bilden die rasende Vorhut – auf halbem Weg hinter der Haupttribüne umschwirren uns zerrupfte Rudimente der Mannschaftsaufstellung. „Ralf....“ „.... Fährmann“, hecheln wir. „Marco...“ „....Russ“. Japs. „Und auf der Bank...“ Die Worte verhallen in der Luft. „Hast du was von Ama gehört?“ Im Moment höre ich nur das Rauschen in meinem Ohr und sehe wie das Stadiondach bei der Begrüßung des neuen Trainers fast abhebt. „Daum.“ Es braust ein Ruf wie Donnerhall.

Wir sind nicht die Einzigen, die zu spät sind und jetzt noch Richtung Stadion wuseln. Einige sind - huch - ganz gemächlich unterwegs, kleine Trupps im Laufschritt. Vereinzelte Gruppen scharen sich um die Getränkestände. Ein kleiner Junge mit Werder-Schal an der Hand seines weit ausschreitenden Papas. „Spielen die schon?“ Mir fällt auf, dass ich noch nie, während des laufenden Spiels auf dem äußeren Stadiongelände war. Wieso auch? Obwohl: Man könnte fast ins Überlegen kommen. Ein Zauber hängt in der Luft. Das leuchtende, flirrende Oval. Die wogenden Stadiongeräusche, ein Abbild des bereits angepfiffenen Spiel. Auf- und abschwellende Geräuschkulisse. Aufstöhnen. Gedämpfte Gesänge. Einzelne, ganz deutlich heraus hüpfende Rufe. Umgestülptes Außen des Innen. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.  Fast möchte man inne halten, aber wir hecheln natürlich weiter, immer weiter. 20 Uhr 34. Nicht zu fassen. Fast pünktlich, jedenfalls: Genau rechtzeitig. Wir sind da. An unserem Platz.

Die Eintracht ist es auch. Endlich, endlich wieder. Wir sehen eine Mannschaft, die spielt und kämpft. Die sich endlich nicht mehr selbst einschläfert, sondern aktiv auf das reagiert, was auf dem Platz abgeht. Wach. Hellwach. Wenn die Wege nach vorne zugestellt sind, dann spielen wir  halt hinten herum. Wenn die Bremer weit aufgerückt sind, spielen wir mit öffnenden langen Bällen, wechseln die Seiten. Und wenn Platz ist, sich Lücken auftun, kombinieren wir uns nach vorne. Ausputzen. Nachsetzen. Aushelfen. Die Seite wechseln. Laufwege verkürzen. Dazwischen grätschen. Sich anbieten. Die Lücke suchen. Sich mit letzter Kraft dazwischen werfen. Den Ball grade noch vom Fuß spitzeln. Torschüsse. Knapp. Gehalten. Drin, der ist drin - nein, doch nicht. Eine Hand. Den Kopf. Ein Bein dazwischen bekommen. Alles da. Alles da.

Die rechte Seite lebt wieder. Jung, Rode, Kittel  (boah, eine Szene in der ersten Halbzeit, die Ballführung, die Körpertäuschung, so was hab ich lange nicht mehr gesehen von einem Eintrachtler). Die drei Jungs bilden ein spiel- und lauffreudiges Dreieck. Bereits die Reihe der Namen klingt hell und weit und zeigt in die Zukunft. Ralf Fährmann, der heute alles hält, auch das, was physisch gar nicht haltbar ist. (Wie hat er das Ding noch über die Latte gelenkt? WIE?) Maik Franz, der als Kapitän endlich (fast) ganz ohne Mätzchen wieder das zeigt, was ihn ausmacht. Kampf. Teamspirit. Einsatz bis zur letzten, zur allerletzten, zur allerallerletzten Minute. Trost. Zuspruch. Marco Russ, der sich in einer einzigen, wahnwitzigen Sekunde mit seinem unbändigen Willen fast schon einen Platz in der Eintracht-Hall of Fame erspielt. Martin Fenin, der das Tor macht. Wie oft schon unglücklich, knapp, dann leider doch nicht. Heute: Drin. Tor. Punkt. Doch noch. Es bleibt schwer. Es wird noch schwer. Aber heute: Ein Punkt. Was für ein Glück. Wir packen das. So packen wir das.

Erschöpft, aufgewühlt, froh tappern wir gemächlich zurück zum Parkplatz. Mir tut alles weh. Spüre jeden Knochen meines Körpers. Fühlen. Atmen. Die Nacht leuchtet. Jetzt ist endlich auch Zeit für eine Bratwurst. Uff. Leggä.

Heute war das letzte Spiel in dieser Saison, das wir in unserer kompletten Adler-Besetzung erlebt haben. Zeit zum Aufbruch. Internationaler Flair. „Den Rest müsst ihr jetzt ohne mich hinkriegen“, sagt mein junger Mit-Adler und wir tun alle so, als ob wir keinen Kloß im Hals hätten. „Machen wir!“ Für die Eintracht. Für uns. Für dich.

Flieg, Adler, flieg!



* Die Überschrift ist - natürlich ,-) - eine kleine Reminiszenz an den Titel von Nirwana. Und an das congeniale Cover von Patti Smith.

Freitag, 8. April 2011

Wahnsinn. Vor dem Spiel der Eintracht gegen Werder.

Damals, in den Wochen nachdem die Mauer gefallen war, gab es allerlei Absurdes zu sehen und zu hören. Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir eine Live-Übertragung des Musikantenstadl , direkt aus Leipzig. Also – Hilfe – nicht, dass jemand auf den Gedanken kommt, dass ich zur Klientel der Musikantenstadl-Zuschauer gehöre (mir geht’s da eher, wie es einer der Weil-Brüder von den Biermösl-Blasn mal formuliert hat: „Dass man diese Sendung übersteht, ist für mich fast schon ein medizinisches Phänomen...“) - aber der Auftritt von Karl Moik in Leipzig ist in gewisser Weise sinnbildlich für die Wende-Semantik geworden. Der Text, den er in der drei-stündigen Sendung von sich gab, ach was: stammelte, bestand nämlich fast ausschließlich aus vier Worten: „Wahnsinn. Es ist der Wahnsinn.“

„Wahnsinn“ – das habe ich in den vergangenen Wochen mehr als einmal im Zusammenhang mit der Eintracht gedacht. Zum Beispiel auch in der zurückliegenden Woche, gleich am Montag. Da war Calli Calmund zu Gast im HR Heimspiel, saß zur rechten von Alex Schur, schwadronierte über Christoph Daum, über Chris und über die Eintracht und ich dachte: „Stimmt ja. Wahnsinn. Der ‚gehört“ jetzt ja auch irgendwie zu uns.“

„Wahnsinn“, dachte ich auch, als ich las, dass Christoph Daum gute Gründe hat, sein Training öfter einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Denn: Er weiß ja, wie das ist und wie man als Trainer an seine Informationen kommt - hat er doch selbst auch überall bei den Trainings der kommenden Gegner seine heimlichen Beobachter  und Berichterstatter vor Ort. Ooooh, was für ein weites Feld . Wahnsinn. Jobperspektiven, von denen ich bisher noch nichts geahnt habe. Professioneller Trainingskiebitz.

Ich stelle mir den Schrank des Profi-Kiebitz vor: Um für alle Tarnzwecke gerüstet zu sein, hängen dort - säuberlich nebeneinander aufgereiht - Schals von allen Vereinen der ersten Bundesliga (= kommende Gegner), der zweiten Bundesliga (= potenzielle Relegations- oder Pokalgegner) und von allen europäischen Spitzenmannschaften (= potenzielle Gegner dann, wenn uns bald wieder der internationale Wind um die Nase weht). Daneben – ordentlich gebügelt und gestapelt – die entsprechenden Trikots. Immer auf seinem Nachttisch: Ein Ausdruck des ausgeklügelten Terminplans – am PC erstellt und zwar mit einer eigens von Daum-Sohn Marcel entwickelter Super-Duper-Kiebitz-Software. Ein weltweit vernetzter und sich selbsttätig kontinuierlich aktualiserender Trainingsplan aller irgendwie relevanten Mannschaften, kombiniert mit den jeweils besten Flug- und Zugverbindungen, nebst preisgünstiger Übernachtungsmöglichkeit.

Seit gestern Abend abend weiß ich dann auch noch, dass Roland Koch, der in den drei Wochen, in denen er in Frankfurt ist, fast eine Art Kultstatus erworben hat, während seiner Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer der Beste seines Jahrgangs war und mit der August Bier-Plakette (August Bier = 1861 – 1949, deutscher Chirurg und Sanitätsoffizier und erster Leiter der Hochschule für Leibesübungen in Berlin) ausgezeichnet wurde. Das hat vor ihm für den fußballerischen Bereich nur ein anderer geschafft: Kein geringerer als Sepp Herberger. So schließt sich der Kreis. Sich vorzustellen: Wenn Sepp Herberger heute als Trainer wiederkäme, wäre er vielleicht: Roland Koch. Wahnsinn. Diese Nachricht wäre nur noch zu toppen gewesen, wenn der Namensgeber des Preises, den Herberger und Koch erhalten haben, nicht Bier, sondern - sagen wir: - "Apfelwein" geheißen hätte. Roland Koch, Co-Trainer von Eintracht Frankfurt, Träger des Erwin Apfelwein-Preises. Boah. Wahnsinn.

Aber eins hatten wir trotzdem bisher übersehen. „Mensch, das hab ich ja ganz vergessen“, sage ich, “es gibt ja auch noch eine Video-Botschaft.“ „Video-Botschaft? Von wem?“ fragt mein Mit-Adler. „Al Kaida, Ortsgruppe Bockenheim?“ „Nein, Christoph Daum spricht zu uns.“ Klick. Tatsächlich.  Da ist er. Christoph Daum. Mit eindrücklichen Blicken und ebenso eindrücklichen Worten. Professionell in Szene gesetzt (leicht von unten, oben angeschnitten, mittig, im Hintergrund das große weite Stadionrund) – klare Sache: Hier erkennt man auf den ersten Blick die Handschrift des Technik-Experten, ich vermute: Marcel Daum. Zum Abschluss dann noch ein Schwenk auf einen seitlich platzierten Adler. Wahnsinn. Aber ich glaube, das sagte ich bereits.

Jedenfalls hat es mich dann nicht wirklich gewundert, dass auch der spätere Abend noch eine einträchtliche Überraschung für mich bereit hielt: Wie so häufig kommen wir leider erst sehr spät zum Essen. Es gibt Fleischspießchen mit Schafskäse. Und der Schafskäse ist von: Gazi. Gerührt blicke ich auf die Packung und auf dieses Verbundenheit signalisierende, tiefsinnige Zeichen, das uns Christoph sogar heute Abend noch sendet, während er vermutlich vollkommen erschöpft, aber schlaflos über der Taktik brütend, auf seinem Bett im Hotelzimmer sitzt. „Da hast du aber mit traumwandlerischer Sicherheit genau die richtige Packung aus dem Kühlregal gegriffen“, sage ich. Mein Mit-Adler zuckt verlegen mit den Schultern. „Ach, was. Es gab keinen anderen.“

Wahnsinn. Wahnsinn. Wahnsinn. Und jetzt warte ich nur noch auf den krönenden Abschluss dieser Eintracht-Woche: Heute Abend. 5:0 gegen Werder Bremen. Wahnsinn. (Obwohl: Ein einfacher Sieg würde mir auch schon reichen!)

So sei es: Sieg!

Sonntag, 3. April 2011

Hauptkerle

Heute morgen bin ich aufgewacht und das Herz schlug mir von der ersten Sekunde an bis zum Hals. Heute. Es gilt. Ist das erst zwei Wochen her, dass wir im Waldstadion den ersten Rückrundensieg der Eintracht erlitten haben? Was ist seit dem alles passiert...Ich merke, wie fast so etwas wie Angst in mir hoch kriecht. Und schlagartig wird mir klar: ich habe mich zwar in den letzten beiden Wochen jeden Tag mit dem beschäftigt, was draußen im Stadtwald vor sich gegangen ist, aber kann es sein, dass das alles mit der Eintracht gar nichts zu tun hatte. Eintracht. Hilfe.

Die Saison fängt mit dem Spiel gegen Wolfsburg wieder neu an, hat Christoph Daum in der Pressekonferenz zu seinem Amtsantritt gesagt, und für den, der seinen Vitalfunktionen getraut hat, haben sich die letzten beiden Wochen dann auch genau so angefühlt: Neu, befreit, amüsiert, bereit aufzubrechen, belustigt, beeindruckt, manchmal zweifelnd, aber immer zuversichtlich, euphorisiert. Schnips.

Heute morgen, als ich da so im Bett lag, wurde mir bewusst: Es sind genau die elf, zwölf, fünfzehn Jungs von vor zwei Wochen, die heute nachmittag  in Wolfsburg für uns, für die Eintracht auf dem Platz stehen werden. Den Kopf durchgepustet und erhoben, die Brust gestärkt, im aufrechten Gang und mit hoffentlich neuem Zuvertrauen ausgestattet. Aber die gleichen, vertrauten Jungs. Mit all ihren Stärken, aber auch mit ihren Schwächen. Und jetzt ist Fußball, nur noch Fußball.

Felix Magath und Christoph Daum haben ihre Mannschaften zwei Wochen lang intensiv auf Vordermann gebracht. Magath mit Medizinbällen und Bergen, Daum mit Hütchen und Köpfchen. Felix Magath hat schon mal mit seinen Jungs geduscht (weswegen die Welt jetzt weiß, dass Patrick Helmes zwar moppelig aussieht, aber seine Körpermasse bei Licht und unter der Dusche besehen trotzdem noch im sportlich vertretbaren Bereich ist). Christoph Daum hat in den raren Abendstunden, die ihm außerhalb der Eintracht blieben, von seinem Hotelfenster aus über dem glitzernden Main die Frankfurter Skyline betrachtet. (Die Vorstellung gefällt mir).

Früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, durfte ich im Fernsehen manchmal mit meinem Opa einen „Kriminalfilm“ anschauen. Dabei habe ich gelernt, dass es bei einem Krimi am wichtigsten ist, möglichst schnell herauszufinden, wer derjenige ist, welcher: „Des is der Hauptkerl,“ hat mein Opa immer nach einer gewissen Zeit verkündet, und von diesem Moment an konnten wir uns darauf konzentrieren, was und wie es der Hauptkerl anstelle würde, um sein gutes (oder böses) Werk zu vollenden.

Mag sein, dass bis gestern Christoph Daum, wahlweise Roland Koch, der Hauptkerl bei der Eintracht war. Heute nicht mehr. Heute stehen die Hauptkerle auf dem Platz. In Wolfsburg. Sie tragen den Adler auf der Brust. Sie sind stark und mutig. Sie können Fußball spielen. Sie wissen, was zu tun ist. Und sie sind bereit. Ok, dann bin ich es jetzt auch:

Hauptkerle - Auswärtssieg!