Montag, 11. April 2011

Smells like Team Spirit*

Freitag abend. Es ist zehn vor Acht als der Hessische Rundfunk live ins Walstadion schaltet. „Eine großartige Atmosphäre, das Stadion brodelt“, vermeldet Dirk Schmitt und bei uns im Auto macht sich Verzweiflung breit. Kann das wahr sein? Es ist zehn Minuten vor Acht und wir sitzen immer noch im Auto, stehen seit knapp einer Stunde im Stau, mittendrin, kein Ende in Sicht, alles dicht und wir sind noch nicht einmal vorbei am Rüsselsheimer Dreieck. Bis eben hatten wir uns noch mit Galgenhumor gerettet, herumgeblödelt („Cool, dass wir in letzter Sekunde noch eine fehlende Karte aufgetrieben haben..." (vielen, vielen Dank lieber Forums-Adler :-), "da haben wir jetzt noch eine mehr, die verfällt...“) aber jetzt blicken wir unerbittlich den Tatsachen ins Auge: Wir werden es tatsächlich nicht pünktlich ins Stadion schaffen. Zweite Halbzeit - vielleicht. Scheiße. Scheiße. Große Scheiße. Es wird still. Fast apathisch. Verdammt. Und da, plötzlich. Es ist wie ein kollektiver Ruck, der durch unser Auto geht. „Nein. Nein. Nein.“ Das kann es nicht gewesen sein. So nicht. Wir bleiben jetzt nicht hier stehen, fügen uns ergeben in unser Schicksal und warten bis Bewegung in die Kolonne kommt. Lieber mit fliegenden Fahnen untergehen. „Ich fahr jetzt hier runter“, sage ich, „keine Ahnung wie, aber irgendwie werden wir schon durch kommen.“ Einstimmiges „Yeah“ – wir brausen los.

Abenteuerfahrt. Flaches Land. Wie von Geisterhand gelenkt. Traumwandlerisch. Über die Dörfer. Menschenleer. Links nach Mörfelden? Links! Willi’s Pub mit Sky-Übertragung. „Vielleicht sollten wir hier...?“ Hihi. Nix da. Rechts. Links. Wo lang? Da lang. Und wieder zurück zur Autobahn. Alles frei. Gib Stoff. Acht Uhr und Siebzehn Minuten. Wir halten. Am Stadion. Irgendwo seitlich im Wald. Kaum zu glauben, tatsächlich. Wir sind da.

Der Weg vom Auto zum Stadion dauert im normalen Tempo locker eine halbe Stunde. Mein junger Mit-Adler und ich bilden die rasende Vorhut – auf halbem Weg hinter der Haupttribüne umschwirren uns zerrupfte Rudimente der Mannschaftsaufstellung. „Ralf....“ „.... Fährmann“, hecheln wir. „Marco...“ „....Russ“. Japs. „Und auf der Bank...“ Die Worte verhallen in der Luft. „Hast du was von Ama gehört?“ Im Moment höre ich nur das Rauschen in meinem Ohr und sehe wie das Stadiondach bei der Begrüßung des neuen Trainers fast abhebt. „Daum.“ Es braust ein Ruf wie Donnerhall.

Wir sind nicht die Einzigen, die zu spät sind und jetzt noch Richtung Stadion wuseln. Einige sind - huch - ganz gemächlich unterwegs, kleine Trupps im Laufschritt. Vereinzelte Gruppen scharen sich um die Getränkestände. Ein kleiner Junge mit Werder-Schal an der Hand seines weit ausschreitenden Papas. „Spielen die schon?“ Mir fällt auf, dass ich noch nie, während des laufenden Spiels auf dem äußeren Stadiongelände war. Wieso auch? Obwohl: Man könnte fast ins Überlegen kommen. Ein Zauber hängt in der Luft. Das leuchtende, flirrende Oval. Die wogenden Stadiongeräusche, ein Abbild des bereits angepfiffenen Spiel. Auf- und abschwellende Geräuschkulisse. Aufstöhnen. Gedämpfte Gesänge. Einzelne, ganz deutlich heraus hüpfende Rufe. Umgestülptes Außen des Innen. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.  Fast möchte man inne halten, aber wir hecheln natürlich weiter, immer weiter. 20 Uhr 34. Nicht zu fassen. Fast pünktlich, jedenfalls: Genau rechtzeitig. Wir sind da. An unserem Platz.

Die Eintracht ist es auch. Endlich, endlich wieder. Wir sehen eine Mannschaft, die spielt und kämpft. Die sich endlich nicht mehr selbst einschläfert, sondern aktiv auf das reagiert, was auf dem Platz abgeht. Wach. Hellwach. Wenn die Wege nach vorne zugestellt sind, dann spielen wir  halt hinten herum. Wenn die Bremer weit aufgerückt sind, spielen wir mit öffnenden langen Bällen, wechseln die Seiten. Und wenn Platz ist, sich Lücken auftun, kombinieren wir uns nach vorne. Ausputzen. Nachsetzen. Aushelfen. Die Seite wechseln. Laufwege verkürzen. Dazwischen grätschen. Sich anbieten. Die Lücke suchen. Sich mit letzter Kraft dazwischen werfen. Den Ball grade noch vom Fuß spitzeln. Torschüsse. Knapp. Gehalten. Drin, der ist drin - nein, doch nicht. Eine Hand. Den Kopf. Ein Bein dazwischen bekommen. Alles da. Alles da.

Die rechte Seite lebt wieder. Jung, Rode, Kittel  (boah, eine Szene in der ersten Halbzeit, die Ballführung, die Körpertäuschung, so was hab ich lange nicht mehr gesehen von einem Eintrachtler). Die drei Jungs bilden ein spiel- und lauffreudiges Dreieck. Bereits die Reihe der Namen klingt hell und weit und zeigt in die Zukunft. Ralf Fährmann, der heute alles hält, auch das, was physisch gar nicht haltbar ist. (Wie hat er das Ding noch über die Latte gelenkt? WIE?) Maik Franz, der als Kapitän endlich (fast) ganz ohne Mätzchen wieder das zeigt, was ihn ausmacht. Kampf. Teamspirit. Einsatz bis zur letzten, zur allerletzten, zur allerallerletzten Minute. Trost. Zuspruch. Marco Russ, der sich in einer einzigen, wahnwitzigen Sekunde mit seinem unbändigen Willen fast schon einen Platz in der Eintracht-Hall of Fame erspielt. Martin Fenin, der das Tor macht. Wie oft schon unglücklich, knapp, dann leider doch nicht. Heute: Drin. Tor. Punkt. Doch noch. Es bleibt schwer. Es wird noch schwer. Aber heute: Ein Punkt. Was für ein Glück. Wir packen das. So packen wir das.

Erschöpft, aufgewühlt, froh tappern wir gemächlich zurück zum Parkplatz. Mir tut alles weh. Spüre jeden Knochen meines Körpers. Fühlen. Atmen. Die Nacht leuchtet. Jetzt ist endlich auch Zeit für eine Bratwurst. Uff. Leggä.

Heute war das letzte Spiel in dieser Saison, das wir in unserer kompletten Adler-Besetzung erlebt haben. Zeit zum Aufbruch. Internationaler Flair. „Den Rest müsst ihr jetzt ohne mich hinkriegen“, sagt mein junger Mit-Adler und wir tun alle so, als ob wir keinen Kloß im Hals hätten. „Machen wir!“ Für die Eintracht. Für uns. Für dich.

Flieg, Adler, flieg!



* Die Überschrift ist - natürlich ,-) - eine kleine Reminiszenz an den Titel von Nirwana. Und an das congeniale Cover von Patti Smith.

Kommentare:

  1. Auch dir ein herzliches Danke,für deinen Bericht von eurem abendteuerlichen-Ritt-bis zum Stadion,lacht.
    Kerstin,ich hatte dass schon oft,dass ich erst die letzten 10.Min.zu meinem Platz ging und glaube mir,selbst wenn wir mal früh da waren,das Flair-am Stadion-Waldparkplatz -vor und nach dem Spiel,möchte ich nicht missen,war immer sehr schön.
    Du lernst Menschen-aus allen Schichten kennen,die eines verbindet-Eintracht Frankfurt-und dass ist gut so.
    Danke,nochmals für deine Nachlese und hab ne schöne Woche.
    1:1-war nicht schlecht,lacht und hätte ich gestern statt 3:1,ein 2:1 getippt,wären es 2.Punkte mehr und dass Gladbach gewinnt,habe ich gehofft,aber nicht so hoch.
    LG
    (B).
    Hoffentlich hat die Wurscht geschmeckt-Lacht.

    AntwortenLöschen
  2. Wieder sehr schön. Beim Lesen sitze ich im Auto und zittere mit, um dann mit euch schwitzend zum Stadion zu hetzen. Deshalb lese ich Blogs so gerne. Deinen sowieso. :-)

    Ja, Patti Smiths Live-Cover ist gelungen. Wie auch das ganze Album "Twelve Songs", das ausschließlich aus Cover-Songs besteht. Benjamin Fuchs kritisiert auf laut.de, dem Werk würden Weltschmerz und Energie fehlen. Das ist nicht falsch, übersieht aber, so glaube ich, dass es etwas Wichtigeres hat als Energie: Seele.

    Gruß vom Kid

    AntwortenLöschen
  3. Wunderschön geschrieben. Wie immer, Kerstin. Vielen Dank dafür. (Wir sind übrigens in Rüsselsheim/Nord wieder auf die Autobahn :) ).

    Schwarz-rote Grüße
    Simone

    AntwortenLöschen
  4. Sehr schön zu lesen, Kerstin! Da habe ich echt die Luft angehalten, ob ihr das noch schafft. Meine persönliche Horrorvorstellung ist das ja, erst zur 2. HZ oder so zum Spiel zu kommen. Gruselig, Alptraum. Ich vermeide es auch tunlichst, während eines Spiels meinen Platz zu verlassen. Auch bei größtem Leid verharre ich.

    Wir waren auch positiv gestimmt, schon vorher, die Mädels und ich. Und nach dem Tor von Martin Fenin fühlte sich das fast wie ein Sieg an. Das war endlich mal wieder mitreissend, packend, spannend.

    Ich bin sicher, wir schaffen den Klassenerhalt.

    Am Samstag werde ich vielleicht sicherheitshalber früher nach Sinsheim aufbrechen... Man weiß ja nie ;-)

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
  5. Klasse geschrieben, liebe Kerstin :-) Ich kann verstehen, dass Du draußen fast innehalten wolltest, es hängt auch in meinen Augen tatsächlich ein besonderer, irgendwie surrealer Zauber in der Luft, wenn man das Ganze nur von außen mitbekommt. Mir ist es auch schon einmal vor Jahren so gegangen, als ich während der Mannschaftsaufstellung noch durch den Wald gerannt bin.
    Trotzdem freut es mich natürlich, dass Ihr es noch fast pünktlich geschafft habt. (Den "Daum"-Schrei von außen hätte ich aber auch gerne gehört ;-))

    LG, Kine

    AntwortenLöschen
  6. Wahnsinn...Gänsehaut!

    Sehr schöner Bericht, da wäre man gerne dabei gewesen. Vielen Dank dafür!

    AntwortenLöschen
  7. @C-Willi: 3:1 hatte ich bei Leverkusen/Pauli auch getippt und beim 0:1 hab ich schon die Hände zum Himmel gerungen, und das nicht wegen dem Tippspiel... boah... was für ein Glück, dass dieser Kelch noch an usn vorbeigegangen ist.

    @Kid: Ich liebe Patti Smith - vor zwei Jahren, beim Konzert in Frankfurt, hat sie von "Twelve" leider nur "Are you experienced" gesungen - überwältigend. Genau wie die ganze Frau, wie das ganze Konzert.

    @Simone: Hey... das freut mich, dass du hier mal vorbeischaust :-)... Wart IHR rechtzeitig????

    @Nicole: Ihr fahrt nach Sinsheim? Nimm auf jeden Fall Zoe mit, dann kann ja gar nichts schiefgehen. Poooooooooooooooositiv....ommm...

    @Kine: "Surrealer Zauber" - das trifft es ziemlich gut. Und wenn bei "Daum" das Dach weggeflogen wäre, hätte es mich fast nicht gewunder ,-)

    @Holginho: Danke schön - freut mich!!!

    Danke euch allen fürs Vorbeischauen, lesen, kommentieren, ergänzen - lg in alle Richtungen - Auswärtssieg!!!

    AntwortenLöschen