Montag, 27. September 2010

Butter aufs Brot statt Wurst vom Teller

Walstadion, Samstag, 25. September, 17. 15 Uhr.
Die Jungs in rotundschwarz bilden einen Kreis, in der eigenen Hälfte, die in der zweiten Halbzeit vor der Ostkurve war.  Ich lehne an der Bande. Juble nicht. Hüpfe. Nicht. Mir ist immer noch flau. Bin erleichtert, still, fast ein wenig apathisch.  Stadiongeräusche wie durch einen Lärmfilter aus ganz weiter Ferne.  Stütze den Kopf in die Hände.
Mann o Mann. Wir haben es tatsächlich geschafft und das Ding nach Hause gebracht. Durchschnaufen. Uff. Dieses Mal nicht eingeknickt. Dieses Mal nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Schwer gewankt, gezittert, fast wieder das Spiel weggegeben und dann doch ins Ziel gerettet. In der zweiten Halbzeit der Faden komplett gerissen. Zweikämpfe im Mittelfeld verloren. Nur noch einzelne Konter gefahren. Latte. Pfosten. Wildes Tumummel im Strafraum abgewehrt und überstanden.  Richtig ein- und ausgewechselt.  70. Minute, Sonny Kittel kommt:  Hey - wir wollen uns nicht nur gegen den Ausgleich wehren, wir wollen gewinnen, wollen das Ding nicht über die Zeit retten, auf Standards warten, sondern noch ein Tor machen. Zehn Minuten vor Schluss – Ama für Gekas. Ama, der in der Halbzeit schon am Spielfeldrand stand, jeden Einzelnen, der vom Platz  kam, abgeklatscht hat. Kommentar in der Reihe vor mir: „Ama kommt. Jetzt gewinnen wir.“ Genau so scheint es auch die Mannschaft zu empfinden. Noch mal die letzten Reserven mobilisieren. Dagegenhalten. Kittel über rechts. Köhler über links, er zieht den Ball nach Innen. Der kommt, der kommt.  Da steht Chris. Und der macht ihn. Jawohl, der macht ihn.
Ein einziger großer Schrei, eine Jubelwelle schwappt übers Stadion. 2:0. Tatsächlich. 2:0. Sack zu. Gewonnen. Die Freude der Mannschaft - wie eine Explosion. Chris, der sein Glück in den Himmel schreit. Sonny Kittel, der als erster bei Ihm ist. Maik Franz mit der gereckten Faust.  Geschafft. Knoten durchschlagen. Geschafft. Geschafft. 
Lehne immer noch an der Bande und realisiere erst jetzt, dass es heute kein Jubeln vor der Kurve gegeben hat. Sehe, wie die Jungs auf dem Platz kurz in die Runde winken, abdrehen, im Spielergang verschwinden. Huch. Bin irritiert und fühle eine merkwürdige Verbundenheit ob diesem leisen Abgang. Das war ernst heute. Kein Spaß.  Die Jungs haben für uns gewonnen und für die Eintracht.  Aber vor allem auch für sich. Für sich als Team, das gezeigt hat, dass es sich als Einheit versteht und auch als Einheit verstanden werden will.
Mein Mit-Adler stubbst mich. „Hey – was hängsten da so trüb?  Wir haben gewonnen.“ Ja. Wir haben gewonnen. Gut so. Butter dieses Mal auf dem Brot geblieben – jetzt wollen wir doch mal sehen, ob nächste Woche in Stuttgart auch  noch Wurst dazu kommt.

Donnerstag, 23. September 2010

Momentan deprimiert.

Früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, war ich viel mit meinem Opa unterwegs. Meine Oma war mein Zuhause - und mit meinem Opa entdeckte ich die Welt. Er war Schreiner und arbeitete (wie alle Rüsselsheimer) „beim Opel“. Den Sommer verbrachten wir beide (ohne Oma) in Opas Heimatdorf im Odenwald. Nach seiner Pensionierung war Opa täglich geschäftig mit dem Fahrrad in Rüsselsheim unterwegs – und ich saß (die Fußstützen heruntergeklappt) auf seinem Gepäckträger. Samstags hörten wir die Radiokonferenz und kuckten die Sportschau und die Eintracht. Und Sonntags fuhren wir mit dem Bus ins Stadion, zu den Oplern – dem SC Opel Rüsselsheim. Mein Opa brachte mir das Lesen und die Musiknoten bei. Aber auch sonst habe ich viel von ihm gelernt. Übers Leben. Und über Fußball.

Vorm Fernseher und vor allem im Stadion gehörte mein Opa zur Spezies der Knotterer. Er schwätzte mit seinen Rentnerkollegen, winkte ab, schimpfte, wollte nie wieder ins Stadion und war doch jeden Sonntag bei Wind und Wetter dabei. Für die Beurteilung von immer wiederkehrenden Situationen während eines Spiels hatte er ein festes sprachliches Repertoire. Z.B. galten die Opler – wie die Eintracht - als besonders spielstark, aber abschlussschwach. „Die wolle middem Ball ins Tor laafe“ hieß das bei meinem Opa, wenn wir im Stadion bei den Oplern waren. Vor dem Fernseher (Eintracht) wurde es noch weiter verkürzt: „Wie die Opler“.

Wie das so ist, haben wir nicht selten unglückliche Spielverläufe erlebt – ein Tor direkt nach dem Anpfiff, ein Gegentor kurz nachdem die Opler (oder die Eintracht) in Führung gegangen war. Dann dauerte es in der Regel eine Weile bis die Mannschaft sich wieder berappelt hatte, nichts lief mehr, Fehlpässe, Konzentrationsmängel. Das war dann die Zeit der Erklärungssuche. „Die sin jetzt momentan debrimiert“ hieß das bei meinem Opa. Und da die Worte „momentan“ und „deprimiert“ nicht zu den Wörtern zählten, die wir im alltäglichen Leben ständig verwendeten, hatten sie für mich ein besonderes Gewicht und einen ganz eigenen Klang: M o m e n t a n   d e p r im i e r t.

„Wie die Opler“ und „momentan deprimiert“ – diese Sätze sind für mich zu Redewendungen geworden. Sie haben sich verselbstständigt und begleiten mich durch mein Leben. Im Fußball (Beispiel: Die Eintracht liegt 0:3 hinten,nichts läuft. Kommentar Mit-Adler: „Klar, die sind jetzt momentan deprimiert.“), aber auch im richtigen Leben. Beispiel: Blöder Tag, alles dumm gelaufen. Frage: „Wie geht’s dir?“ Antwort: „Momentan deprimiert.“ – meist muss ich an dieser Stelle grinsen und die Welt sieht gleich ein bisschen freundlicher aus.

Seit dem Spiel der Eintracht gestern Abend bin ich „momentan deprimiert“ und leider will sich im Moment noch kein noch so schiefes Lächeln einstellen. Bin deprimiert – über den Spielverlauf, das dabbische Ende und darüber, dass es kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz war. Oder doch nicht? Hadere mit der Situation, in der wir jetzt wieder stecken. Will es nicht wahrhaben. Hätte. Wenn. Müsste. Sollte. Habe es vorher gewusst und ärgere mich, dass ich es überhaupt gewusst haben will. Hoffe, zweifle, bin sicher, dass wir doch noch die Kurve kriegen. Will das alles nicht so hoch hängen und fühle mich trotzdem wund und weh. Hasse es, dass jeder weiß woran es liegt. Dass alle anderen alles anders und besser machen. Bin wütend auf Skibbe. Auf Bruchhagen. Auf Ochs. Auf den Schiedsrichter. Auf alle. Wäh. Wäh. Wäh.

Momentan deprimiert. Und ganz, ganz vorsichtig – das erste Anzeichen eines schiefen, trotzigen Lächelns. Immerhin.

Prognose: Morgen wieder kämpferisch. Versprochen. (Hallo, Opa!)

Mittwoch, 22. September 2010

O wie schön ist Panama!

Dienstag, 21. September 2010.
Heute ist der 150. Todestag von Arthur Schopenhauer. Gerade haben die 05er mit 2:0 gegen den FC aus Köln gewonnen, bleiben weiterhin ungeschlagen und stehen mit 15 Punkten an der Tabellenspitze der Bundesliga. Die Eintracht dümpelt am Tabellenende. Bevor bei mir die Schnappatmung einsetzt, nehme ich einen großen (sehr großen) Schluck Apfelwein und blättere in der Zeitung.

"Wenn schon der Wurm des blinden Willens durchs Lebendige kriecht, so kann es sich der Mensch in seiner grundsätzlich misslichen Lage doch trotzdem ein bisschen wohnlich machen (wenn er Lärm und Fußball meidet)."

Mmh. Das wäre zu überlegen. Ich lese weiter:

"Wer Verstand hat, sollte ihn auch nutzen, das heißt, er sollte erkennen, dass Glücksstreben Illusion ist und unsere Möglichkeiten allenfalls zur Unglücksvermeidung reichen."

Mmh. Langsam komme ich wirklich ins Grübeln, ob es hier um die Eintracht oder immer noch um Schopenhauer geht. Egal. Weiter:

"Zufriedenheit erlangt der Mensch nur im Pessimismus und das heißt: Wenn er Distanz zu allen Verheißungs- und Erlösungsmodellen hält."

Endlich. Jawohl. Da entdecke ich ihn - zum Glück gerade noch rechtzeitig: den unkontrollierbaren Lebensimpuls.

Deswegen jetzt und hier zum Mitschreiben:

Schon klar. Anderswo sind die Talente talentierter, die Transfers spektakulärer, das Training erfolgsorientierter, der Vorstand mutiger, der Rasen grüner, die Zielvorgaben motivierender, die Steilpässe steiler. Anderswo haben die Trainer einen Plan. Ist mir vollkommen egal. Wir sind Eintracht Frankfurt. Und wir lenken unseren Lebensimpuls hier und jetzt auf das Spiel in Leverkusen.

"Ihren Wille könne Sie gar net wolle." Das sagt Babba "Arthur" Hesselbach.

Doch - wir können. Heute in Leverkusen.

Punkten!

Samstag, 18. September 2010

Desperately seeking football oder: Sau Mist das.

Die Stunden, der Abend nach einer Niederlage sind nicht schön. Nein, wirklich nicht. Richtig schlimm ist aber der Morgen danach. Abends - da geht man durch ein Wechselbad der Gefühle. Ist fassungslos. Enttäuscht. Niedergeschmettert. Zornig. Hadert. Diskutiert. Analysiert. Motzt. Trinkt zwei, drei Biere oder Ebbler. Entwickelt Galgenhumor. Hahaha. Wird irgendwann stumpf und müde. Schläft. Morgens, beim Aufwachen, gibt es kein Entrinnen mehr, nur noch die Gewissheit: Verloren.

Freitag, 17. September 2010. Flashback ins Waldstadion. Ein kühler, windstiller Spätsommerabend. Hat das Spiel schon angefangen? Doch, doch. Die ersten zehn Minuten sind bereits vorüber, aber wir sind uns noch nicht sicher, ob wir das, was wir da sehen, glauben wollen. Während vor dem eigenen Strafraum Dreiecke gebildet werden und gepasst wird, steht der Rest der Mannschaft in der gegnerischen Hälfte und schaut interessiert zu. Na ja, mach mal Halblang. Sind erst zehn Minuten. Die kommen schon noch ins Rollen.

Als zur Halbzeit gepfiffen wird, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Tatsachen ins Auge zu schauen: Das ist nichts, gar nichts. Die Innenverteidigung eine Katastrophe. Russ merkwürdig hüftsteif (hat er zugenommen?), Maik Franz, der mit dem immer gleichen Trick versucht, seine mangelnde Schnelligkeit auszugleichen. Vergeblich. Immer wieder mit einfachen Spielzügen auseinandergenommen - steiler Pass aus der Abwehrbewegung, ablegen auf Cissé – Drehung, weg ist er - , läuft durch, bekommt den Ball zurück, zieht selbst ab oder legt den Ball einem Kollegen in den Lauf. Ganz einfach. Sebi Jung auf rechts von der Rolle. Altintop auf der 6 (huch!) vollkommen wirkungslos, Meier im Slowmotion-Modus, Schwegler konfus, Köhler – ja was? – lustlos? Gekas – ok, der bewegt sich, versucht eine Anspielstation zu sein. Und Ochs. Der ist auf rechts – wie immer – eifrig bemüht, versucht Tempo zu machen. Das war’s aber auch schon.

Klein, klein. Kein Pass in die Spitze, kaum Angriffsversuche, schon gar nicht über die Außen. Keine Idee, kein Impuls, kein Gar-Nichts. Rückpässe. Dreiecke. Ballverluste. Kein Druck nach vorne. Im 1:1 immer einen Schritt langsamer. Hatten wir überhaupt eine Torchance? Doch stimmt. Da war der Schuß von Ochs. Da war der Tzavellas-Freistoß und der Gekas-Kopfall. Da war...weißnichtmehr... Aber das, was die Freiburger machen, sieht deutlich kompakter und deutlich gefährlicher aus. Systematisches Verschieben. Räume eng machen. Aufrücken. Vor dem Tor blitzschnell und beweglich. Danke Oka, dass du uns bisher im Spiel gehalten hast. Was zur Hölle ist das? Was ist los mit dieser Mannschaft?

Wir entschließen uns, kämpferisch in die zweite Halbzeit zu gehen. Ok. Schlechten Tag erwischt. Die werden jetzt anders aus der Kabine kommen. Wechsel sind angesagt. Meier (so leid es mir tut) und Köhler müssen raus – Caio, Ümit – vielleicht ja auch Sonny Kittel oder Marcos Alvarez rein. Einfach mal was probieren. Hey Eintracht Frankfurt. Aufwachen!

Die Eintracht kommt unverändert aus der Kabine, in jeder Hinsicht. Und das heißt: Wir passen weiter. Irgendwann wird sich schon ein Freiburger erbarmen und dazwischen spitzeln. Es ist, als ob wir uns selbst einschläfern. Jeder individuellen Fähigkeit, jeder individuellen Initiative beraubt. Ins Koma systematisiert. Lost in system. Desperatly seeking football.

Die 336 Fans im Gästeblock sind inzwischen lauter als das gesamte restliche Stadion. Die freuen sich über das Unentschieden. Wir nicht. In der 60. Minute wechselt Michael Skibbe – Caio kommt für Meier. Er wird geben dem Spiel eine Wende. Bitte. Eintracht. Eintracht. Der Bub ist kaum zehn Sekunden im Spiel als der heute links neben mir sitzende Herr (mit Riesen B-Cap auf dem Kopf) mir erklärt, dass „der“ sowieso net in die Mannschaft gehört. Sehnse. Der geht net mit zurück. Sehnse. Des is dem sei Problem. Sehnse. Sehnse. Sehnse. Caio pflückt kurz vor der Außenlinie einen hohen Ball schön nach unten, blitzschneller Antritt, scharfe Flanke nach innen. Baumann ist da. Der Herr hält kurz inne. Aber beim nächsten Ballverlust von Schwegler ist er gleich wieder obenauf. Sehnse. De Caio. Schon widder.

Ich finde: Caio macht seine Sache gar nicht so schlecht. Er wirkt nicht ganz so leblos wie der Rest der Mannschaft. Die rechte Seite ist inzwischen abgetaucht, aber dafür entdecke ich jetzt auf links zumindest noch einen aufzuckenden Lebensimpuls: Georgios Tzavellas. Ja, er hat ein schlechtes Stellungsspiel. Ja, er rückt zu weit auf. Aber dem Himmel sei Dank, dass der Junge sich offensichtlich an keine taktischen Weisungen hält. Er macht irgendwas, aber er macht. Die langen Bälle auf rechts segeln zumindest in Richtung Freiburger Strafraum. Ein Hauch von Gefahr. Fast sieht es aus, als ob wir so etwas wie Druck aufbauen können. Auch die West, auch das Stadion zuckt noch einmal. Sollte dieses Trauerspiel tatsächlich noch ein gutes Ende nehmen? Ecke. Wir stehen. Eintracht. Eintracht. Aber nein. Die Freiburger sind durch, es war eigentlich klar. Abseits? Ja, kann sein. Egal. Verdient. Vollkommen verdient ist die Freiburger Führung.

Die noch verbleibenden drei Minuten verbringen wir mit – na was wohl - Kurzpasskombinationsspiel in der eigenen Hälfte. Kommt da wirklich Chris? In der 90.? Tatsächlich. Das nenne ich zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Impuls setzen. Abpfiff. Der Caio-Basher ist bereits verschwunden, deswegen sehe ich etwas, das ich im Waldstadion lange nicht mehr gesehen habe: Zwei Sitze weiter sitzt ein pausbäckiger, schwarzer Junge. Er hat die Hände vors Gesicht geschlagen und weint. Wirklich wahr: Er weint. Hey, du! Weltgehtnichtunter. Kommen auch wieder andere Spiele.

Auf der Heimfahrt im Auto. Genug geschimpft und diskutiert, niedergeschmettert, müde. SMS eines Mit-Adlers, der heute nicht mit im Stadion sein konnte: „Sau Mist das.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.  Nur noch einmal ein Blick auf den heutigen Morgen, auf das Aufwachen und auf den Moment, an dem es kein Ausweichen mehr gibt: Verloren. Zuhause. Gegen Freiburg. Himmel auf den Kopf gefallen. So fühlte ich mich - wie sich wohl die Spieler heute morgen gefühlt haben? Wie fühlt sich Köhler? Meier? Schwegler? Altintop? Wie fühlen sich Marco Russ, Maik Franz? Ich weiß es nicht. Besser so.

Nachtrag:
Der Maler Emil Nolde wurde einmal von einem jüngeren Kollegen gebeten, ein Urteil über seine Kunstwerke abzugeben. Nolde sah sich die Bilder nachdenklich an und fragte: „Wat soll dat sein?“ Der junge Mann antwortete: „Das ist Surrealismus.“ Nolde kratzte sich am Kopf: „Mein Junge – dat is kein Surrealismus. Dat is Scheiße.“ Und ich ergänze: Das, was wir da im Moment spielen, das ist kein System. Das ist... Genau!

Freitag, 17. September 2010

Grün oder nicht grün? Das ist hier die Frage!

Das Oktoberfest gibt es ja längst nicht mehr nur in München – Oktoberfeste gibt es überall, zum Beispiel auch in Mainz, wo man ohnehin gerne lustig ist und das Oktoberfestfeiern als Anlass nutzt, um sich bereits vor dem Beginn der neuen Fastnachtskampagne nach Herzenslust zu verkleiden. Die Mainzer Kaufhäuser sind derzeit überflutet mit „Bavarian wear“ (= Lederhosen und Dirndl) und es ist allerorten ein fröhliches Anprobieren.

So beobachtete ich vor ein paar Tagen eine kräftige, junge Dame, die mit einem Kleid über dem Arm in einer Umkleidekabine verschwand und kurz darauf wieder herauskam. Sie trug jetzt ein bauschiges, rotkariertes Dirndl, mit großzügigem Decolleté, Rüschen und rosageblümter Schürze. Schade, es war ein wenig zu eng – deswegen wurde eine Verkäuferin herbeigewinkt, um das Kleid in anderer Größe herbeizuholen. Doch die hatte schlechte Nachrichten: „Tut mir leid - in rot hammer des net mehr da." Pause. "Aber dasselbe in grün.“

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass die junge Dame in der Umkleidekabine sich von dem Traum in Rot hat abbringen lassen. Aber ich – ich lass mit mir darüber reden. Denn ich weiß ja: Das Spiel der Eintracht gegen Freiburg , das wird – sagt Benny Köhler – vermutlich kein Feuerwerk. Stattdessen ein zäher Kampf. Die Freiburger wollen ein Zeichen  setzen. Die werden sich – vorangepeitscht von 336 Fans - so richtig reinhängen. Die haben Cissé und wir keinen Grund überheblich zu sein. Und, nein Herr Dutt, wir werden auch nicht gleich unzufrieden sein, wenn es spielerisch nicht so läuft. Alles recht, macht gar nichts. Kann ruhig alles ganz anders laufen als vor einer Woche in Gladbach, müssen auch keine vier Tore sein – aber am Ende dann bitte:  Dasselbe in grün!

Sieg!

Dienstag, 14. September 2010

IgeBoMWaSt

Also: Der Henni Nachtsheim, der macht ja immer so lustige Sketche. Gerade jetzt auch wieder - für die Frauen-Fußball-WM in Frankfurt. Obwohl er in Wirklichkeit selbstverständlich  überhaupt nichts gegen Frauenfußball hat, gründet er als Mattes - zusammen mit dem Batscher - eine "Initiative gegen kickende Weiber im Stadion" (IgeWiS), um zu verhindern, dass der "heilische Rasen" im Waldstadion durch fußballspielende Frauen entweiht wird. Dank Charly Körbel besinnt er sich eines Besseren und die IgeWiS ist vom Tisch.

Also, ich kann den Henni-Mattes und den Batscher gut verstehen. Die Idee ist ausbaufähig, mehr noch: sie ist überfällig. Wie es der Zufall so will, kenne ich nämlich ein paar ganz reale Bedrohungen, denen unser "heilischer Tempel" ausgesetzt ist, was sag ich; Ausgesetzt wird. Also in echt. Und dagegen sollten wir in echt etwas unternehmen. Wie wäre es z.B. mit einer "Initiative gegen boxende Männer im Waldstadion" (IgeboMWaSt)? Ich bin dabei. Definitiv! Und jetzt entwerfe ich erstmal eine Liste, auf die ihr euch dann alle eintraaacht...



PS: In Wirklichkeit habe ich selbstverständlich überhaupt nichts gegen Boxen *g.

Samstag, 11. September 2010

Wir sind am Zug!

Das jetzt anstehende Wochenende ist in dem kleinen rheinhessischen Ort, in dem ich lebe, ein Festwochenende. Es ist Kerb – wie jedes Jahr am zweiten Wochenende im September. Das hat zunächst mal mit der Eintracht nichts zu tun und dann wieder doch. Denn am Samstagnachmittag zieht der Kerbeumzug durch die Straßen. Er startet um 16 Uhr und ungefähr dann, wenn die Bundesligapartien in die entscheidende Phase gehen, wenn im Radio die Schlusskonferenz beginnt – dann kommt der Zug hier bei uns vorbei. Im letzten Jahr war das ungefähr der Moment, in dem Maik Franz das 1:0 beim Spiel in Freiburg erzielte.

Hier im Ort gibt es ein paar aufrechte und lautstarke Adler. Es gibt ca. zwei Schalker (hihi), viele 05er und noch mehr Lauterer. Und es gibt einen Borussia Mönchengladbach-Fanclub, die „Selztal-Fohlen“, die immer mit einem eigenen Wagen beim Kerbeumzug mitfahren. Dumm, dass ihre Stimmung heute nachmittag nicht so besonders gut sein wird – spätestens dann, wenn sie um ca. fünf Uhr hier an unserer jubelnden und hüpfenden  Eintracht-Kolonie vorbeikommen.

Weg vom Tabellenende!
Auswärtssieg!

Donnerstag, 9. September 2010

Email-Tausendschönchen

Auch außerhalb dieses Blogs verbringe ich viel Zeit mit Schreiben (und Lesen und Hören). Nur folgerichtig, dass ich – wie Esau Matt, der Held in Erwin Strittmatters „Der Laden“ „empfindlich uff die Wörter“ bin - und in dieser Woche gab es viele, auf die man (so oder so) empfindlich sein konnte.

Der “ Erotikikone“ begegnete ich (wo sonst? ,-) in der Boulevardpresse. Sie ist kein Schreibfehler, sondern sie ist: erotisch. Den Begriff „Email-Tausendschönchen“ entdeckte ich in einem alten Kinderbuch. Es wird nicht elektronisch verschickt, sondern baumelt als Anhänger an einer Kette um den Hals. Ein „Geschichtszeichen“ sieht mancher am Horizont dräuen – vielleicht ist es aber auch ein Menetekel? „Was macht der kleine Caio?“ fragte HR-Moderator Volker Hirth im Heimspiel und ließ Michael Skibbe ähnlich hilflos aus der Wäsche schauen wie einst Jürgen Klinsmann, als er während der WM 1990 gefragt wurde: „Warum steht der Kaiser 90 Minuten?“

Auch Heribert Bruchhagen war in dieser Woche im Fernsehen, im DSF Doppelpass. Er sagte: Wir haben Gekas geholt, er zählte in Leverkusen nicht zum Kader der besten 18 Spieler. Wir haben Altintop geholt, er zählte in Schalke nicht zum Kader der besten 18 Spieler. Trotzdem sind wir der Auffassung, dass uns diese Spieler verstärken.“ Diese Aussage kann man eigentlich nicht missverstehen und sie bedeutet (zumindest ungefähr), dass die Eintracht – ähnlich wie die Bundesregierung – auf „Brückentechnologie“ setzt, um mittelfristig Perspektiven für erneuerbare Energien zu schaffen – allerdings lehnen wir uns dabei finanziell aus dem Fenster, während die Bundesregierung - ähem -  für die nächsten 40 Jahre alles solide finanziert.

Da haben wir sie also, die „Revolution“ – und beinahe hätten wir nichts davon gemerkt. Da mir das alles am Ende dann doch zu „epochal“ geworden ist, bin ich froh, dass ich dieser Tage aus der Zeitung zumindest einen auch ganz pragmatischen Tipp mitgenommen habe.  Ich weiß nämlich jetzt, was zu tun ist, wenn sich einmal zufällig eine Fledermaus in mein Schlafzimmer verirren sollte (was, man glaubt es kaum, gar nicht so selten vorkommt): Abwarten. Oder vorsorglich immer eine Dose mit Deckel bereithalten. Fledermaus (in der Regel: mit dem Kopf nach unten hängend) in die Dose. Deckel drauf. Fertig.

Mit den Fledermäusen ist es also wie im Fußball: Entweder abwarten bis die Chance da ist  – oder rechtzeitig den Sack zumachen! (Und nicht vergessen: Nie ohne Zweitschlüssel aus dem Haus gehen!)

Sonntag, 5. September 2010

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel im August (Teil 3)

Sonntag, 22. August
Es ist noch einmal heiß. Und doch liegt bereits ein Hauch von Herbst in der Luft. Erste gelbe Blätter am Kirschbaum, die Weinranken haben braune Ränder, Vogelschwärme ziehen.

Montag, 23. August
Über Hessen tobt ein Tornado. Die Eintracht kann es nicht gewesen sein.

Dienstag, 24. August
Die Eintracht bestreitet ein Benefizspiel bei Viktoria Aschaffenburg. Eigentlich hätten wir uns gerne davon überzeugt, ob Heribert Bruchhagen im Internet auf der Homepage von Perm, Tomsk oder „wie der Kas heißt“ tatsächlich Nikola Petkovic entdeckt hat, oder ob der sich vielleicht doch noch unerkannt im Eintracht-Trikot tummelt– wir fahren dann aber doch lieber in das nahegelegene Büttelborn, wo die Eintracht-Traditionsmannschaft gegen die „Old Boys“ des SKV antritt. Ein feiner Abend.

Mittwoch. 25. August
Millionen Liter Öl sind in den Golf von Mexico geflossen. Täglich haben Unterwasserkameras das ins Meer sprudelnde Öl gezeigt. Tiere, Menschen, Vegatation, eine komplette Region für Jahrzehnte, wenn nicht für immer zerstört. Jetzt stellt sich heraus: Alles halb so wild. Mikroben fressen das Öl blitzschnell auf. Wie praktisch.

Oka verletzt sich im Training und fällt für mindestens zwei Wochen aus. In der Wirtschaft würde man sagen: Der Innovationsdruck auf Michael Skibbe steigt.

Donnerstag, 26. August
Kurzbesuch bei Verwandten meines Mit-Adlers, die in einem kleinen Ort am Rand der Schwäbischen Alb leben. Ich füttere Hühner, säge Bretter und lese die Berichte in der SchwäPo zum Pokalbesuch der Schalker im nahegelegenen Aalen. Es handelte sich um eine große Gruppe.

Bei drückender Schwüle fahren wir nach Aalen zum Waldfriedhof. Dort ist es kühl und friedlich und still. Wir wandern vorbei an Gräbern und Erinnerungen. Ein Bekannter, den wir zufällig treffen, erläutert uns: „Nach 18 Jahren läuft die Benutzungsdauer für ein Grab aus, aber es kann verlängert werden.“ Die Ewigkeit ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Freitag, 27.August
Champions League Auslosung. Dortmund erwischt eine schwere Grippe. Gruppe.

Mit der Wetterscheide fahren wir aus Schwaben kommend in nördliche Richtung. Fahren? Meistens stehen wir oder rollen im Zuckeltempo durch eine flimmernde, bedrohliche, grandios-leuchtende Wetterlandschaft. Wolken wie dicke weiße Schwämme auf einem graublauen Grund. Sonnenstreifen blitzen, wehren sich und werden doch verschluckt. Ein schwarzer Wolkentunnel, der in einen weiß schimmernden Horizont mündet. Nur noch schwarz. Regenmassen, die wie Wellen über uns zusammenschlagen. Das Ende der Welt, dann doch: das Ende des Tunnels. Links von der Autobahn immer noch blauschwarze Wolken, überm Tal hängt diesiger Wasserdampf. Rechts ein doppelter Regenbogen.




Samstag. 28. August
Erstes Heimspiel der neuen Saison gegen den HSV. An meiner Eintracht-Jacke hat sich der Adler gelöst. Bevor wir losfahren, nähe ich ihn fest an und komme mir mächtig symbolisch vor. Schnell noch die Frage an die Orakel-Kuh: "Wie viele Tore fallen heute?" "Muh. Muh. Muh." Auf dem Weg vom und zum Stadion zählen wir 23 Vantheman-Trikots, immerhin auch zwei Mal Petric und einmal Trochowski. Am Ende des Tages wissen wir, dass für Orakel das gleich gilt wie für das Spiel heute im Waldstadion: Knapp daneben ist auch vorbei.

Sonntag, 29. August
Zweimal hat M1 05 es – gemäß mündlicher Überlieferung - in seiner Geschichte geschafft, ein 3:0 noch zu drehen. Im Jahr 1932 gegen Mombach 03. Und gestern, in Wolfsburg. Heute gewinnt Gladbach mit 6:3 in Leverkusen. Dortmund führt nach 30 Minuten in Stuttgart mit 3:0. „Die Liga spielt verrückt.“ Bin deprimiert.

„Den hat kein grübelnd Hirn ersonnen,
der ist aus Stoff und Sturm geronnen
zu reinem Flug.
Der ist der Inbegriff des Schwebens,.
des Höher-, Schneller-, Weiterlebens.
und ich karieche."
(Robert Gernhardt, Beim Anblick des Fregattvogels)

Rotundschwarzfußtölpel.

Montag, 30. August
Ein befreundeter Forumsadler ist leidenschaftlicher Pilzsammler und in diesen Tagen voll in seinem Element. Ich bin skeptisch. ist das nicht gefährlich? Per Mail beschreibt er mir die möglichen Folgen einer Pilzvergiftung „Bauchschmerzen, verlangsamter regelmäßiger oder unregelmäßiger Herzschlag, Speichelfluß, Schweißausbrüche, mitunter Pupillenverengung, beschleunigter Herzschlag, Schwindel, Benommenheit, Unruhe, Störung der Bewegungsabläufe, Delirium, Rausch mit Halluzinationen, starker Erregungszustand – schreien, singen, tanzen, Tobsuchtsanfälle, Euphorie, Depression, Muskelkrämpfe.“ Und fügt hinzu: „Also wenn ich mir das nochmal durchlese – klingt fast wie ich im Stadion.“

Mittwoch, 1. September
Langer, anstrengender, produktiver Workshop-Tag in Frankfurt. „Kommen Sie gut nach Hause.“ Überdreht und glücklich steige ich ins Auto, will eigentlich auf dem Heimweg noch eine Kurve über das Eintracht-Museum nehmen, wo heute Abend das Buch „Adler auf der Brust“ vorgestellt wird. Aber im Auto merke ich wie die Anspannung von mir abfällt und meine Stimmung kippt. Bin müde. Nachdenklich. Melancholisch. Nein, die Welt wird nicht untergehen, wenn ich nicht mehr ins Museum fahre. Werde heute den Adler einfach in mir statt vor mir hertragen. „Good as I been to you.“ Mit Bob fahre ich nach Hause.

Freitag, 3. September
Wenn ich den Ortsnamen „Würges“ höre, fällt mir immer folgender Uralt-Witz ein: Ein Schwarm von Ameisen hat einen Elefanten erobert und sitzt jetzt auf dessen Rücken. Der Elefant schüttelt sich, alle fallen herunter. Eine Ameise hält sich wacker oben und krallt sich fest. Die anderen feuern sie von unten an: „Würg ihn, Erwin.“

Justament als wir uns auf den Weg zum Testspiel der Eintracht in Würges machen wollen, klingelt im Büro noch einmal das Telefon. Ich hebe ab. Hinterher ist man immer klüger. Das Spiel in Würges findet ohne uns statt. Aber Beve war da – das ist doch auch was.

Samstag, 4. September
Seit Tagen wälzt sich Kolonne aufrechter Demokraten durch die gängigen Talkshows. Heute kann Vollzug gemeldet werden. Yep. Innerhalb von einer Woche ist Thilo Sarrazin von einem wirrköpfigen Biedermann zum Märtyrer der Meinungsfreiheit geworden. Respekt.

Fußballfreies Wochenende. Auch wir haben den Ball heute im Büro liegen lassen und schlendern stattdessen über das Theaterfest in Mainz. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ein kühles Lüftchen. Musik an allen Ecken der Stadt. Bücherflohmarkt. Die ersten Stände mit Federweißer. Spätsommer. Vor drei Wochen sind wir als Eintrachtler durch die Stadt geschwebt, heute ernte ich überall frozzelnde Bemerkungen. Auch bei unserem Buchhändler. Mein Mit-Adler hat „Das Zimmer“, den ersten Band der Onkel J.-Saga von Andreas Maier zurücklegen lassen. „Großartiger Schriftsteller“, bemerkt der Buchhändler. „Ein Eintrachtler", antwortet mein Mit-Adler triumphierend. Wenn schon keine Punkte, dann zumindest immer noch ein Ass im Ärmel ,-)

Sonntag, 5. September
Heribert Bruchhagen kann zwar kein kyrillisch, aber gut genug deutsch, um gebetsmühlenartig das zu wiederholen, was sowieso keiner mehr hören kann: Dass die Eintracht bis in alle Ewigkeit ihr Dasein auf einem Mittelfeldplatz  der Bundesliga fristen wird. Im Interview mit der Financial Times zieht er den Zementsack (fast ein wenig triumphierend?) noch ein bisschen fester zu: Ha. Es macht überhaupt nichts, wenn die Eintracht im Laufe der Saison zweimal hintereinander verliert. Das wird ihr – statistisch gesehen - noch ein weiteres Mal passieren, einmal werden wir sogar dreimal hintereinander keine Punkte holen – und wir können – ebenfalls statistisch gesehen - trotzdem vollkommen gelassen bleiben: Am Ende landen wir ohnehin dort, wo wir hingehören – auf Platz 9, 10, 11, 12 oder 13.

Argrmpfffffffff. Haaaaaallo Herr Bruchhagen: Zum Mitschreiben! Sie haben da was falsch verstanden. Wir wollen niemanden der uns beweist, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, wo wir gar nicht hinwollen. Da war ja der vollkommen statistikunverdächtige Sepp Herberger schon weiter: Warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie nicht wissen wie das Spiel ausgeht!

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel im August (Teil 2)

Samstag, 14. August
Wenn Adler feiern. Gestern war das Wetter kühl und regnerisch. Morgen wird das Wetter kühl und regnerisch sein. Aber heute scheint die Sonne und aus allen Richtungen strömen Autos mit Eintracht-Bebbern zum Sommergrillfest eines Forums-Adlers. Ich ströme mit. Der Adler weist uns den Weg und wir kraxeln 65 Stufen nach oben zum Horst. Alle, alle haben etwas mitgebracht, das Büffet quillt über, auf dem Grill bruzzeln Steaks und Würstchen. Nachwuchs-Adler kugeln auf dem Boden. Wir sitzen, schwätzen, trinken, blödeln, fachsimpeln und sind – wie immer, wenn irgendwo Eintrachtler zusammenkommen – in allem und jedem vollkommen einer Meinung. Beispiele? (Zutreffendes bitte ankreuzen!)

Zum Sieg in Wilhelmshaven:
0 Cooles Spiel.
0 Ich hatte mir mehr erwartet.
0 Na ja.

Gekas:
0 Gut, das wir den haben.
0 Hätte mer net gebraucht.
0 Ich mag den net.

Altintop:
0 Gut, dass der geblieben ist.
0 Warum wir den behalten haben, is mir schleierhaft.
0 Ich mag den net.

Und so weiter. Und so weiter. Kleines, kämpferisches hessisches Dorf.

Wim Wenders wird heute 65 Jahre alt.  Überlege, welche Wenders-Filme mir so alles einfallen: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter.***Frankfurt – Texas*** Der Himmel über Frankfurt.*** Der schwarzundrote Buchstabe. ***Der Zement der Dinge. ***Der hessische Freund.*** Same Player Shoots again.*** Ama in den Städten. *** Im Lauf der Zeit. *** In weiter Ferne, so nah! *** (In dieser Aufzählung sind sechs Fehler versteckt. Wer findet sie? ,-)

Sonntag, 15. August
Gerhard Schröder scheitert vor Gericht: Es ist zwar vermutlich nicht richtig, dass er damals, bei der bischöflichen Fahrt im Auto von Frau Käßmann saß, aber es ist auch nicht ehrenrührig, wenn das jemand behauptet.  Schon ok, das Urteil. Immerhin hat ja keiner behauptet, er hätte neben einem Oxxenbächer im Auto gesessen.

Dagobert Duck schwimmt bekanntermaßen gerne  in seinem Geld. Warum also sollte Obama nicht auch im Öl schwimmen? Ein Hauch von Mao durchschwimmt den Jangtsekjang.

Montag 16. August
Die „Zukunftswerkstatt“ , die es seit einiger Zeit bei uns im Ort gibt, lädt zum Sommerfest auf dem öffentlichen Grillplatz. Grillgut und Getränke muss jeder selbst mitbringen. So ist das halt  mit der Zukunft. Wie immer sie aussehen wird - wenn es Suppe regnet, muss man seinen Löffel mitbringen.

Dienstag, 17. August
Street-View bewegt die Gemüter. Böses, böses Google. Böse, böse gläserne Welt. Erste Menschen fangen an ihre Häuser zu verhüllen. Und was ist mit dem Vermummungsverbot?

Hey. Menno. Keine Angst vor neuen Medien. Durch den Mix von alt und neu eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Wir könnten z.b. den – ohnehin vielfach als unleserlich kritisierten – Stadionplan auf der Eintracht-Homepage durch Stadion-View ersetzen. Alle Dauerkarten-Inhaber werden ins Stadion gebeten – dann werden die Aufnahmen gemacht. Später, beim Online-Ticketing, kann man sich nicht nur den Platz, sondern auch den Sitznachbarn aussuchen. Auf dem Stadiondach wird gleichzeitig ein Forums-Mod platziert, der jedesmal wenn Online ein Platz gebucht wurde, ein besetzt Schild in die Höhe hält. Das könnte dann z.B. per Webcam übertragen werden. Der Fortschritt kennt keine Grenzen.

Mittwoch, 18. August
Nachts, bevor ich schlafen gehe, stehe ich immer noch eine Weile am Fenster, schaue, denke, rieche, höre, fühle die Stille - und die Geräusche. Huschen. Flattern. Piepsen. Rascheln. Knarzen. Heute mischt sich in den nächtlichen Kanon ungewohntes Geräusch. Es raschelt und fiepst, dazwischen ein Kratzen, wie an einer Fensterscheibe. Das wird doch nicht….

Früh am nächsten Morgen, beim ersten Tageslicht inspiziere ich im Hof den Luftschacht zum Keller – tatsächlich – dort unten sitzt ein Igel, der wohl durch die Eingriffsöffnung des Abdeckgitters nach unten gepurzelt ist. Was tun? Seitlich vom Keller führt von unten ein kleines Fenster zum Schacht. Wir machen uns also – bewaffnet mit einem Kafeetellerchen voll Katzenfutter – auf den Weg in die Tiefen. Kraxeln über Kaminholz und Gerümpel, befreien das Fenster von Spinnweben und Staub und haben jetzt freien Blick auf das Igelchen, das ängstlich im hinteren Eck kauert. Ein Winzling. Wir stellen den Teller an den äußeren Rand, fürchten, dass wir ihn dadurch weiter erschrecken – aber nix da. Der kleine Kerl reckt sein Näschen in die Luft, schnuppert und kommt eilig nach vorne getrippelt. Hunger. Er stürzt sich kopfüber auf das Katzenfutter, schlabbert, leckt, grunzt – das ganze Gesichtchen ist mit Brei verschmiert. Ach je, ach je – das Kerlchen ist vollkommen ausgehungert, krabbelt jetzt sogar auf den Teller und sitzt mitten im Brei. Das ist unsere Chance. Mein Mit-Adler hangelt nach dem Teller und trägt ihn samt Igel hinaus ins Freie. Der Igel frisst einfach weiter, ich glaube: Er grinst. Gerettet.


Free Eagle.

Donnerstag 19. August
Vor dem Beginn der neuen Bundesligasaison findet heute die Sommereinkaufsversammlung unserer Rheinhessen-Managerliga statt. Unsere 19. Saison – Wahnsinn. Hilfe. Nächstes Jahr feiern wir tatsächlich unser 20-jähriges Jubiläum.

Beschränke mich in dieser Saison auf drei Eintracht-Eckpfeiler – Jung, Ochs und Meier, außerdem Tzavellas und Kittel im Sichtungskader. Mein Mit-Adler kauft für die Abwehr Maik Franz, später dann den Neu-Leverkusener Arne Friedrich . „Ha ha“ tönt es aus der Mainzer Ecke „Das passt ja – Arsch und Friedrich.“ „Ha ha“, töne ich zurück „Lieber Arsch und Friedrich als blondierter Arsch mit Ohren."  Bis weit nach Mitternacht sitzen wir, bieten, kaufen, diskutieren. Am Ende der Nacht bin ich mit meinem Kader gar nicht zufrieden, am nächsten Morgen fest davon überzeugt, dass ich in diesem Jahr Meister werde. Wie im richtigen Leben. (Wie heißt übrigens der Bayern-Trainer, wenn er frisch vom Friseur kommt? Klar: Louis van Kahl).

Freitag, 20. August
Bundesliga-Auftakt. Die Bayern gewinnen in der letzten Minute in Wolfsburg. Reinhold Beckmann berichtet in den Tagesthemen über den Fußball-Boom. Und woher kommt der? „Die WM-Euphorie schwappt über auf die Bundesliga.“ Das wollen wir doch nicht hoffen. (Wo ist eigentlich meine Vuvuzuela?)

Samstag, 21. August
Fröhlich und erwartungsfroh tappere ich durch die Mainzer Innenstadt. Heute. Die ersten Punkte. Muntere Zurufe von den Eintracht-Außenstellen auf dem Mainzer Wochenmarkt. „...e klar Sach wird das...“ „...vom Platz fegen...“ „...zwei, drei Tore Unterschied...“ Na ja. Muss ja nicht gleich ein Kantersieg sein. Jedenfalls sind wir uns einig: Das wird. Eine prima Saison.

Einkauf beim motzigen Metzger unserer Herzen. Vor mir ist ein jovial-gut gelaunter älterer Herr dran „Ich hätte gerne drei Bratwürste,“ trompetet er in die Runde. Und fügt hinzu: „Zum Grillen.“ Metzger: „Des is mir egal, was sie dademit mache.“

Keineswegs egal ist mir, was die Eintracht heute nachmittag macht. Sie verliert.



*** to be continued ***

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel im August (Teil 1)

Donnerstag, 5. August
Das Leben ist kein Kinderspiel, nicht einmal für Kinder. Die Supernanny empfiehlt ein Wut-Zelt. In Marburg hat ein Elternpaar für seinen 14-jährigen Sohn eine andere, pflegeleichte Lösung gefunden: Ein Kifferzimmer. „Die Eltern sollen selbst auch Haschisch besessen haben.“ Das hätte ich jetzt nicht gedacht.

Am übernächsten Wochenende spielt die Eintracht zum Bundesliga-Auftakt in Hannover. Am Mittelkreis des Stadions in Hannover werden merkwürdige Vorkehrungen getroffen. Nützt alles nichts. Den ersten Höhepunkt in dieser Saison - den haben wir.

Freitag, 6. August
Spontanausflug nach Speyer. Wir brausen durch die Spätsommersonnenlandschaft und landen vor Ort mitten in den Vorbereitungen für ein Straßenfest. Aha – die Kaisertafel. Zu unterschiedlichen Zeiten kommen wir an der Festmeile vorbei - Eindrücke vom "making of...": 11 Uhr – die ersten Wagen rollen an, Tische werden abgeladen, Klappstühle, Aufsteller werden mit Angeboten und Preisen beschriftet. 15 Uhr: Vereinzelt steht bereits Blumenschmuck auf den Tischen. Menschen auf Leitern befestigen Girlanden und Lichterketten. 17 Uhr – die Würste schmurgeln, die Gläser klirren, alles fein. Beim Einmarsch der Wirte treten wir aus der Kulisse und nehmen im Rang Platz. Körper in Cafés.

Samstag, 7. August
Seit Tagen wird in der Mainzer Lokalzeitung von einer Wildsau berichtet, die in der Mainzer Innenstadt auf- und wieder abtaucht. Die Wutz ist los. Wie in Österreich, wo die Eintracht heute gegen Udinese ihr erstes Vorbereitungsspiel verliert.

Eine amerikanische Studie kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis: Bücher Lesen verbessert die Lesefähigkeit. So wird das wohl sein. Mindestens ebenso spektakulär ist, was rotundschwarz in mühsamen und jahrelangen Studien herausgefunden hat: Mit Ball spielt man besser Fußball.

Sonntag 8. August
Die Spannung war kaum noch zu ertragen, aber jetzt ist es endlich auf dem Tisch - das Ziel, das die Eintracht sich für diese Saison gesteckt hat. 50 Punkte sollen es sein. Zappe mich durch die letzten zehn Jahr der Bundesligadatenbank. Aha. Mit 50 Punkten werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit Achter (50%). Vielleicht Sechster (30 %), eventuell Siebter oder sogar Fünfter (jeweils 10%).

Aha - Mindestens Achter also - sagt das doch gleich! 50 Punkte = Geheimcode, damit Heribert nichts merkt.

Bei uns im Ort gastiert der Zirkus Danielo. Das Zelt ist auf dem Platz hinter der Turnhalle aufgeschlagen. Ein paar Wohnwagen. Ein Kamel. Ein Lama. Ein Pferd mit einem Püschel auf dem Kopf. Wir kommen zufällig vorbei – drei kleine Hunde umkreisen uns, laut kläffend. Ob die auch auftreten? Mein Mit-Adler spricht einen der kleinen Kläffer direkt an: „Wie viele Punkte gibt es für einen Sieg?“ Der Hund hört auf zu kläffen, stutzt – rennt weg. Hab ich’s doch gewusst: Der Hund kann gar nicht sprechen. Doch. Wohl. Kann er. Der hat nur die Frage falsch verstanden.

Montag 9.August
„Ein Lothar Matthäus gehört in den Sportteil der Zeitung und nicht auf die Klatschseiten.“ Ich weiß mindestens noch einen weiteren Ort, von dem ein Loddar Maddäus sich so fern wie möglich halten sollte.

Jim Knopf wird heute 50 Jahre alt. Von ihm kann man einiges lernen. Zum Beispiel, dass Dinge von Fern manchmal schwieriger aussehen als von Nahem. Was von weitem aussieht, wie ein Riese ist aus der Nähe ein ganz normal großer Mensch. Und wenn etwas aussieht wie Zement, kann man mit Lukas Lokomotive einfach durchfahren.

Dienstag, 10. August
Das österreichische Zweit-Trainingslager der Eintracht neigt sich dem Ende entgege. Allmählich, ganz allmählich wird es wieder ernst. Das merkt man auch daran, dass Uli Höneß darüber klagt, dass er seinen Mietwagen (Arjen Robben) zerkratzt zurückbekommen hat. Karl-Heinz Rummenigge wünscht sich ein Zugriffsrecht auf Spieler, die für die Nationalmannschaft abgestellt werden: „Wenn ich eine Wohnung vermiete, darf ich ja auch ab und zu nach dem Rechten sehen.“

Hausmeister, Telefon!

Donnerstag 12. August
Fährmann oder Oka? Heute will Michael Skibbe eine Antwort auf die T-Frage geben. Bei Nieselregen brausen wir Richtung Frankfurt zum Stadion im Wald und kommen gerade rechtzeitig zum Trainingsbeginn. Sollte ich je daran gezweifelt haben, dass man die Gefühlslage eines Menschen an seiner Körpersprache erkennen kann – spätestens sei t heute weiß ich es besser. Wer ist die Nummer 1? Schon von weitem erspähen wir Ralf Fahrmann, der bei Andi Menger steht und wissen: Er nicht.

Freitag, 13. August
Die Eintracht startet in Wilhelmshaven in die neue Saison. Wir sitzen (leider nur) vor dem Fernseher und garnieren unsere televisionären Beobachtungen mit Kurzmitteilungen von vor Ort. „Superschöne Stimmung im Stadion.“ „Ich bin Teil der Choreo. SEHT IHR MICH?“ „Bier im Stadion ist alle.“ „Sonne versinkt grade hinter dem Stadiondach. Traum-Auswärtsfahrt.“ Wir freuen uns an den vier Toren und am tätschelnden Tzavellas. Das ist doch auch ganz schön!

Die Handkäs-Mafia kenne ich aus Mainz. Jetzt lese ich in der Zeitung über einen Handkäs-Mörder. Ein Mann hat versucht, seine Frau mit einem Harzer Käse umzubringen. Der Anschlag scheiterte. Vermutlich hat der Mann gedacht, wer so was ißt, fällt sofort tot um?


*** to be continued ***

Donnerstag, 2. September 2010

Anders vorgestellt

Was für eine merkwürdige Woche, was für ein Nebeneinander von Allem und Jedem. Wie jede Woche, wie keine Woche. Roland Koch geht - niemals so ganz. Wir hadern mit der Eintracht, lecken unsere Wunden und diskutieren uns einen Wolf. Selbiger spricht prompt abends mit Ochs im häsischen Rundfunk - über Flaschen und als Gegenleistung bekommt er als Geschenk einen Kapitän  Umgekehrt. Natürlich. Die Eintracht backt kleine Brötchen und gewinnt in Haibach, ganz ohne in der zweiten Halbzeit einzubrechen, im Gegenteil, woran wir einmal mehr merken, dass sich gute Trainingssteuerung auszahlt. Schalke klotzt statt zu kleckern – ebenso wie Herr Sarrazin, der die öffentliche Meinung bedient und genügend aufrechte Demokraten findet, die bereitwillig von Talkshow zu Talkshow wandern, um die kruden Thesen noch ein bisschen breiter zu treten (Ich frage mich ernsthaft, ob es irgendwo ein Klon-Archiv gibt, aus dem die verschiedenen TV-Sender täglich eine neue junge, attraktive und unglaublich gebildete Wissenschaftlerin mit Migrationshintergrund hervorzaubern). Im Eintracht-Museum werden alte Geschichten bewahrt und erzählt  und neue erlebt. „Was genau ist das – der vierte Fall?“ lautete am Sonntagabend die Frage an einen Quiz-Kandidaten. Er antwortete: „Vierter Fall? Das ist 2 hoch 4.“ Wenn ich es recht überlege: Warum eigentlich nicht?

Anders vorgestellt, haben sich Markus Steinhöfer und Marcel Heller ihren Verbleib bei der Eintracht. Anders vorgestellt, haben sich Ümit Korkmaz, Michael Skibbe und wir die ersten beiden Spieltage der Saison. Und ganz sicher anders vorgestellt haben sich Marcos Alvarez und seine Familie den gestrigen Fußballabend mit der U23 beim KSV Hessen Kassel. Unfasslich.

Sollte es wirklich ein paar Leser geben, die auf die nächste Schnipsel-Ausgabe warten – i did my very best, aber ich habe es einfach nicht geschafft, den angekündigten Termin zu halten. Die nächsten Schnipsel kommen – ich hoffe noch vor, spätestens an diesem Wochenende.

„I can’t be good, honey – cause this world’s gone wrong.“ (Mississippi Sheiks)
„Karamba, die Welt ist schön.“ (Manolito)