Donnerstag, 23. September 2010

Momentan deprimiert.

Früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, war ich viel mit meinem Opa unterwegs. Meine Oma war mein Zuhause - und mit meinem Opa entdeckte ich die Welt. Er war Schreiner und arbeitete (wie alle Rüsselsheimer) „beim Opel“. Den Sommer verbrachten wir beide (ohne Oma) in Opas Heimatdorf im Odenwald. Nach seiner Pensionierung war Opa täglich geschäftig mit dem Fahrrad in Rüsselsheim unterwegs – und ich saß (die Fußstützen heruntergeklappt) auf seinem Gepäckträger. Samstags hörten wir die Radiokonferenz und kuckten die Sportschau und die Eintracht. Und Sonntags fuhren wir mit dem Bus ins Stadion, zu den Oplern – dem SC Opel Rüsselsheim. Mein Opa brachte mir das Lesen und die Musiknoten bei. Aber auch sonst habe ich viel von ihm gelernt. Übers Leben. Und über Fußball.

Vorm Fernseher und vor allem im Stadion gehörte mein Opa zur Spezies der Knotterer. Er schwätzte mit seinen Rentnerkollegen, winkte ab, schimpfte, wollte nie wieder ins Stadion und war doch jeden Sonntag bei Wind und Wetter dabei. Für die Beurteilung von immer wiederkehrenden Situationen während eines Spiels hatte er ein festes sprachliches Repertoire. Z.B. galten die Opler – wie die Eintracht - als besonders spielstark, aber abschlussschwach. „Die wolle middem Ball ins Tor laafe“ hieß das bei meinem Opa, wenn wir im Stadion bei den Oplern waren. Vor dem Fernseher (Eintracht) wurde es noch weiter verkürzt: „Wie die Opler“.

Wie das so ist, haben wir nicht selten unglückliche Spielverläufe erlebt – ein Tor direkt nach dem Anpfiff, ein Gegentor kurz nachdem die Opler (oder die Eintracht) in Führung gegangen war. Dann dauerte es in der Regel eine Weile bis die Mannschaft sich wieder berappelt hatte, nichts lief mehr, Fehlpässe, Konzentrationsmängel. Das war dann die Zeit der Erklärungssuche. „Die sin jetzt momentan debrimiert“ hieß das bei meinem Opa. Und da die Worte „momentan“ und „deprimiert“ nicht zu den Wörtern zählten, die wir im alltäglichen Leben ständig verwendeten, hatten sie für mich ein besonderes Gewicht und einen ganz eigenen Klang: M o m e n t a n   d e p r im i e r t.

„Wie die Opler“ und „momentan deprimiert“ – diese Sätze sind für mich zu Redewendungen geworden. Sie haben sich verselbstständigt und begleiten mich durch mein Leben. Im Fußball (Beispiel: Die Eintracht liegt 0:3 hinten,nichts läuft. Kommentar Mit-Adler: „Klar, die sind jetzt momentan deprimiert.“), aber auch im richtigen Leben. Beispiel: Blöder Tag, alles dumm gelaufen. Frage: „Wie geht’s dir?“ Antwort: „Momentan deprimiert.“ – meist muss ich an dieser Stelle grinsen und die Welt sieht gleich ein bisschen freundlicher aus.

Seit dem Spiel der Eintracht gestern Abend bin ich „momentan deprimiert“ und leider will sich im Moment noch kein noch so schiefes Lächeln einstellen. Bin deprimiert – über den Spielverlauf, das dabbische Ende und darüber, dass es kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz war. Oder doch nicht? Hadere mit der Situation, in der wir jetzt wieder stecken. Will es nicht wahrhaben. Hätte. Wenn. Müsste. Sollte. Habe es vorher gewusst und ärgere mich, dass ich es überhaupt gewusst haben will. Hoffe, zweifle, bin sicher, dass wir doch noch die Kurve kriegen. Will das alles nicht so hoch hängen und fühle mich trotzdem wund und weh. Hasse es, dass jeder weiß woran es liegt. Dass alle anderen alles anders und besser machen. Bin wütend auf Skibbe. Auf Bruchhagen. Auf Ochs. Auf den Schiedsrichter. Auf alle. Wäh. Wäh. Wäh.

Momentan deprimiert. Und ganz, ganz vorsichtig – das erste Anzeichen eines schiefen, trotzigen Lächelns. Immerhin.

Prognose: Morgen wieder kämpferisch. Versprochen. (Hallo, Opa!)

Kommentare:

  1. Sehr schöne Beschreibung-deiner Gefühlslage und nicht nur -Deiner.
    Ja,man ist deprimiert und schaut gleichzeitig -trotzig-nach vorne,am Samstag kommt Nürnberg,das müssen wir packen.
    Wie nennt man sowas.Sekundentod-zweimal kurz vor Schluss-die Niederlage eingefangen oder ich drücke es ein wenig drastischer aus-nicht böse sein,
    kurz vorm abee in die Hos geschisse.
    Meine Hoffnung ist die,dass dieses Jahr die -Novenberkrise ausfällt-und die Jungs-sich jetzt ihre Krise nehmen-was sich sehr fatal auswirken kann und ich hoffe auf einen Sieg am Samstag,und sollte da dass Spiel auch verloren gehen,dann fange ich an-mir wirklich ganz ernsthafte Sorgen zu machen.
    Habe vor der Saison gesagt,dass es dieses Jahr-sehr schwer werden wird-aber so einen Fehlstart-deprimiert ungemein.
    LG
    (B).
    Kondition und Kopf frei bekommen von den ersten Negativserie.

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  2. Ich habe das Spiel zusammen mit Freunden in einer Kneipe gesehen und das war wirklich nicht mehr lustig. Jetzt fürchte ich auch, dass, sollte es gegen Nürnberg auch schief gehen, alle Dämme brechen. (Noch) ziemlich depri (aber das ändert sich gerade), Carsten

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  3. Hast recht Barbara, manchmal kann man die Dinge nicht drastisch genug ausdrücken ,-)

    Nix da, Carsten, gegen Nürnberg geht nix schief. Basta.

    Weder "Wie die Opler" noch "momentan deprimiert" werden am Samstag zum Einsatz kommen, stattdessen (**pfeifenimdunklenwald**) hüpfundjubel - aber im Ernst: das Interview mit Patrick Ochs heute in der FR ist doch schon mal eine...ähem... Ansage in die richtige Richtung ,-)

    Hätte mir (ganz geheim ,-) gewünscht, dass die "Geschichte meines Opas" *g trotz Eintracht-Depri und gruseligem schöne-neue-Welt-Rote-Zelt-Skandal in Leverkusen etwas mehr Ressonanz findet - schad - deswegen ein umso herzlicheres Dankeschön für eure Kommentare!

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  4. Welch ein schöner Blogeintrag. Wunderbar, Kerstin, wunderbar! Gruß vom Kid

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  5. Kerstin, so ein schöner Beitrag!!
    Du weißt ja, ich kann nur noch vom Büro aus kommentieren, da bin ich immer verspätet, wenn überhaupt. Das finde ich sehr schade...

    Morgen um 17.15 Uhr sind wir hoffentlich ganz weit weg von "momentan deprimiert"... Hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich...

    Ich habe jedenfalls schon mal optimistisch auf einen klaren Sieg getippt ;-).

    Liebe Grüße
    Nicole

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  6. Über das Spiel letzten Mittwoch gibt es wohl nicht mehr viel zu sagen. Es war wie es war, halt deprimierend. Sobald ich daran denke, gehts schon wieder los, deswegen lieber nicht daran denken, auch nicht, was sein könnte, wenn ....
    Nein, da denke ich doch lieber an deinen Opa, der dir viel über das Leben, den Fußball, das Lesen und die Noten, die Eintracht und die Opler beigebracht hat. Und vor allem wußte er eins: jeder kann mal momentan deprimiert sein. So ist das Leben.
    Frl. A.

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  7. Versuche mir gerade vorzustellen, was mein Opa gestern nach dem Sieg gesagt hätte... Mmh... Vielleicht so was wie "Des is grad noch e mal gut gegange..."

    Danke für das überaus nette Feedback - freu mich :-)

    Einträchtliche Grüße in alle Richtungen (hey - liebes Fräulein Adler - hab mich sehr gefreut dich hier und gleich drauf dann nach längerer "Sehpause" auch prompt im Stadion wieder zu treffen - Zufälle gibt's. So ist das Leben :-)

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