Sonntag, 5. September 2010

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel im August (Teil 3)

Sonntag, 22. August
Es ist noch einmal heiß. Und doch liegt bereits ein Hauch von Herbst in der Luft. Erste gelbe Blätter am Kirschbaum, die Weinranken haben braune Ränder, Vogelschwärme ziehen.

Montag, 23. August
Über Hessen tobt ein Tornado. Die Eintracht kann es nicht gewesen sein.

Dienstag, 24. August
Die Eintracht bestreitet ein Benefizspiel bei Viktoria Aschaffenburg. Eigentlich hätten wir uns gerne davon überzeugt, ob Heribert Bruchhagen im Internet auf der Homepage von Perm, Tomsk oder „wie der Kas heißt“ tatsächlich Nikola Petkovic entdeckt hat, oder ob der sich vielleicht doch noch unerkannt im Eintracht-Trikot tummelt– wir fahren dann aber doch lieber in das nahegelegene Büttelborn, wo die Eintracht-Traditionsmannschaft gegen die „Old Boys“ des SKV antritt. Ein feiner Abend.

Mittwoch. 25. August
Millionen Liter Öl sind in den Golf von Mexico geflossen. Täglich haben Unterwasserkameras das ins Meer sprudelnde Öl gezeigt. Tiere, Menschen, Vegatation, eine komplette Region für Jahrzehnte, wenn nicht für immer zerstört. Jetzt stellt sich heraus: Alles halb so wild. Mikroben fressen das Öl blitzschnell auf. Wie praktisch.

Oka verletzt sich im Training und fällt für mindestens zwei Wochen aus. In der Wirtschaft würde man sagen: Der Innovationsdruck auf Michael Skibbe steigt.

Donnerstag, 26. August
Kurzbesuch bei Verwandten meines Mit-Adlers, die in einem kleinen Ort am Rand der Schwäbischen Alb leben. Ich füttere Hühner, säge Bretter und lese die Berichte in der SchwäPo zum Pokalbesuch der Schalker im nahegelegenen Aalen. Es handelte sich um eine große Gruppe.

Bei drückender Schwüle fahren wir nach Aalen zum Waldfriedhof. Dort ist es kühl und friedlich und still. Wir wandern vorbei an Gräbern und Erinnerungen. Ein Bekannter, den wir zufällig treffen, erläutert uns: „Nach 18 Jahren läuft die Benutzungsdauer für ein Grab aus, aber es kann verlängert werden.“ Die Ewigkeit ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Freitag, 27.August
Champions League Auslosung. Dortmund erwischt eine schwere Grippe. Gruppe.

Mit der Wetterscheide fahren wir aus Schwaben kommend in nördliche Richtung. Fahren? Meistens stehen wir oder rollen im Zuckeltempo durch eine flimmernde, bedrohliche, grandios-leuchtende Wetterlandschaft. Wolken wie dicke weiße Schwämme auf einem graublauen Grund. Sonnenstreifen blitzen, wehren sich und werden doch verschluckt. Ein schwarzer Wolkentunnel, der in einen weiß schimmernden Horizont mündet. Nur noch schwarz. Regenmassen, die wie Wellen über uns zusammenschlagen. Das Ende der Welt, dann doch: das Ende des Tunnels. Links von der Autobahn immer noch blauschwarze Wolken, überm Tal hängt diesiger Wasserdampf. Rechts ein doppelter Regenbogen.




Samstag. 28. August
Erstes Heimspiel der neuen Saison gegen den HSV. An meiner Eintracht-Jacke hat sich der Adler gelöst. Bevor wir losfahren, nähe ich ihn fest an und komme mir mächtig symbolisch vor. Schnell noch die Frage an die Orakel-Kuh: "Wie viele Tore fallen heute?" "Muh. Muh. Muh." Auf dem Weg vom und zum Stadion zählen wir 23 Vantheman-Trikots, immerhin auch zwei Mal Petric und einmal Trochowski. Am Ende des Tages wissen wir, dass für Orakel das gleich gilt wie für das Spiel heute im Waldstadion: Knapp daneben ist auch vorbei.

Sonntag, 29. August
Zweimal hat M1 05 es – gemäß mündlicher Überlieferung - in seiner Geschichte geschafft, ein 3:0 noch zu drehen. Im Jahr 1932 gegen Mombach 03. Und gestern, in Wolfsburg. Heute gewinnt Gladbach mit 6:3 in Leverkusen. Dortmund führt nach 30 Minuten in Stuttgart mit 3:0. „Die Liga spielt verrückt.“ Bin deprimiert.

„Den hat kein grübelnd Hirn ersonnen,
der ist aus Stoff und Sturm geronnen
zu reinem Flug.
Der ist der Inbegriff des Schwebens,.
des Höher-, Schneller-, Weiterlebens.
und ich karieche."
(Robert Gernhardt, Beim Anblick des Fregattvogels)

Rotundschwarzfußtölpel.

Montag, 30. August
Ein befreundeter Forumsadler ist leidenschaftlicher Pilzsammler und in diesen Tagen voll in seinem Element. Ich bin skeptisch. ist das nicht gefährlich? Per Mail beschreibt er mir die möglichen Folgen einer Pilzvergiftung „Bauchschmerzen, verlangsamter regelmäßiger oder unregelmäßiger Herzschlag, Speichelfluß, Schweißausbrüche, mitunter Pupillenverengung, beschleunigter Herzschlag, Schwindel, Benommenheit, Unruhe, Störung der Bewegungsabläufe, Delirium, Rausch mit Halluzinationen, starker Erregungszustand – schreien, singen, tanzen, Tobsuchtsanfälle, Euphorie, Depression, Muskelkrämpfe.“ Und fügt hinzu: „Also wenn ich mir das nochmal durchlese – klingt fast wie ich im Stadion.“

Mittwoch, 1. September
Langer, anstrengender, produktiver Workshop-Tag in Frankfurt. „Kommen Sie gut nach Hause.“ Überdreht und glücklich steige ich ins Auto, will eigentlich auf dem Heimweg noch eine Kurve über das Eintracht-Museum nehmen, wo heute Abend das Buch „Adler auf der Brust“ vorgestellt wird. Aber im Auto merke ich wie die Anspannung von mir abfällt und meine Stimmung kippt. Bin müde. Nachdenklich. Melancholisch. Nein, die Welt wird nicht untergehen, wenn ich nicht mehr ins Museum fahre. Werde heute den Adler einfach in mir statt vor mir hertragen. „Good as I been to you.“ Mit Bob fahre ich nach Hause.

Freitag, 3. September
Wenn ich den Ortsnamen „Würges“ höre, fällt mir immer folgender Uralt-Witz ein: Ein Schwarm von Ameisen hat einen Elefanten erobert und sitzt jetzt auf dessen Rücken. Der Elefant schüttelt sich, alle fallen herunter. Eine Ameise hält sich wacker oben und krallt sich fest. Die anderen feuern sie von unten an: „Würg ihn, Erwin.“

Justament als wir uns auf den Weg zum Testspiel der Eintracht in Würges machen wollen, klingelt im Büro noch einmal das Telefon. Ich hebe ab. Hinterher ist man immer klüger. Das Spiel in Würges findet ohne uns statt. Aber Beve war da – das ist doch auch was.

Samstag, 4. September
Seit Tagen wälzt sich Kolonne aufrechter Demokraten durch die gängigen Talkshows. Heute kann Vollzug gemeldet werden. Yep. Innerhalb von einer Woche ist Thilo Sarrazin von einem wirrköpfigen Biedermann zum Märtyrer der Meinungsfreiheit geworden. Respekt.

Fußballfreies Wochenende. Auch wir haben den Ball heute im Büro liegen lassen und schlendern stattdessen über das Theaterfest in Mainz. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ein kühles Lüftchen. Musik an allen Ecken der Stadt. Bücherflohmarkt. Die ersten Stände mit Federweißer. Spätsommer. Vor drei Wochen sind wir als Eintrachtler durch die Stadt geschwebt, heute ernte ich überall frozzelnde Bemerkungen. Auch bei unserem Buchhändler. Mein Mit-Adler hat „Das Zimmer“, den ersten Band der Onkel J.-Saga von Andreas Maier zurücklegen lassen. „Großartiger Schriftsteller“, bemerkt der Buchhändler. „Ein Eintrachtler", antwortet mein Mit-Adler triumphierend. Wenn schon keine Punkte, dann zumindest immer noch ein Ass im Ärmel ,-)

Sonntag, 5. September
Heribert Bruchhagen kann zwar kein kyrillisch, aber gut genug deutsch, um gebetsmühlenartig das zu wiederholen, was sowieso keiner mehr hören kann: Dass die Eintracht bis in alle Ewigkeit ihr Dasein auf einem Mittelfeldplatz  der Bundesliga fristen wird. Im Interview mit der Financial Times zieht er den Zementsack (fast ein wenig triumphierend?) noch ein bisschen fester zu: Ha. Es macht überhaupt nichts, wenn die Eintracht im Laufe der Saison zweimal hintereinander verliert. Das wird ihr – statistisch gesehen - noch ein weiteres Mal passieren, einmal werden wir sogar dreimal hintereinander keine Punkte holen – und wir können – ebenfalls statistisch gesehen - trotzdem vollkommen gelassen bleiben: Am Ende landen wir ohnehin dort, wo wir hingehören – auf Platz 9, 10, 11, 12 oder 13.

Argrmpfffffffff. Haaaaaallo Herr Bruchhagen: Zum Mitschreiben! Sie haben da was falsch verstanden. Wir wollen niemanden der uns beweist, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, wo wir gar nicht hinwollen. Da war ja der vollkommen statistikunverdächtige Sepp Herberger schon weiter: Warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie nicht wissen wie das Spiel ausgeht!

Kommentare:

  1. Aber der Heribert hat auch gesagt, dass er natürlich gerne mehr erreichen würde als die Plätze 9-13. Und so rum ist mir das lieber, denn über Hannover und Köln lache ich immer, wenn die was vom UEFA-Cup, äh von der Europa-League, schwafeln.

    Danke fürs Schnipseln:)

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  2. Warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie nicht wissen wie das Spiel ausgeht!

    So ist es. Gruß vom Kid, der sich ganz herzlich für deine Schnipsel bedankt und sehr auf Fortsetzungen hofft!

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  3. Danke für die Schnipsel, liebe Kerstin. Ich lese sie immer sehr, sehr gern.

    Ein bisschen melancholisch lassen sie mich heute fast zurück...

    Liebe Grüße
    Nicole

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  4. @ Shlomo: Zwischen Kölner Größenwahn, Eurobbabogaal und „verdammt in alle Ewigkeit“ müsste sich doch eine Lücke finden lassen ,-) Obwohl – wenn ich mir die Meldungen des heutigen Tages ankucke, steigt die Chance, dass HB auch am Ende dieser Saison recht behält – vielleicht hören wir bald etwas über den statistischen Zusammenhang von Mittelmaß und Kniebeschwerden?

    @ Kid: Einmal mehr: Danke!

    @Nicole: „Ein bisschen melancholisch“… das tut mir leid und trotzdem freut es mich, dass die Schnipsel auch das mittransportieren. ... Ein bisschen melancholisch darf, muss vielleicht sogar sein.?! Aufrecht, grimmig und – gerade deshalb – manchmal auch einfach nur frei und froh. Wer in diesen Zeiten nicht ab und zu melancholisch ist – der hat, glaub ich, irgendetwas nicht verstanden.

    „Man is a giddy thing…“

    Herzlichen Dank fürs Schnipsel-Lesen und Kommentieren - einträchtliche Grüße in alle Richtungen!

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  5. Ein wenig spät,trotzdem danke für die Schnipsel,wie immer sehr schön.
    Danke-Kerstin.

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