Sonntag, 5. September 2010

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel im August (Teil 2)

Samstag, 14. August
Wenn Adler feiern. Gestern war das Wetter kühl und regnerisch. Morgen wird das Wetter kühl und regnerisch sein. Aber heute scheint die Sonne und aus allen Richtungen strömen Autos mit Eintracht-Bebbern zum Sommergrillfest eines Forums-Adlers. Ich ströme mit. Der Adler weist uns den Weg und wir kraxeln 65 Stufen nach oben zum Horst. Alle, alle haben etwas mitgebracht, das Büffet quillt über, auf dem Grill bruzzeln Steaks und Würstchen. Nachwuchs-Adler kugeln auf dem Boden. Wir sitzen, schwätzen, trinken, blödeln, fachsimpeln und sind – wie immer, wenn irgendwo Eintrachtler zusammenkommen – in allem und jedem vollkommen einer Meinung. Beispiele? (Zutreffendes bitte ankreuzen!)

Zum Sieg in Wilhelmshaven:
0 Cooles Spiel.
0 Ich hatte mir mehr erwartet.
0 Na ja.

Gekas:
0 Gut, das wir den haben.
0 Hätte mer net gebraucht.
0 Ich mag den net.

Altintop:
0 Gut, dass der geblieben ist.
0 Warum wir den behalten haben, is mir schleierhaft.
0 Ich mag den net.

Und so weiter. Und so weiter. Kleines, kämpferisches hessisches Dorf.

Wim Wenders wird heute 65 Jahre alt.  Überlege, welche Wenders-Filme mir so alles einfallen: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter.***Frankfurt – Texas*** Der Himmel über Frankfurt.*** Der schwarzundrote Buchstabe. ***Der Zement der Dinge. ***Der hessische Freund.*** Same Player Shoots again.*** Ama in den Städten. *** Im Lauf der Zeit. *** In weiter Ferne, so nah! *** (In dieser Aufzählung sind sechs Fehler versteckt. Wer findet sie? ,-)

Sonntag, 15. August
Gerhard Schröder scheitert vor Gericht: Es ist zwar vermutlich nicht richtig, dass er damals, bei der bischöflichen Fahrt im Auto von Frau Käßmann saß, aber es ist auch nicht ehrenrührig, wenn das jemand behauptet.  Schon ok, das Urteil. Immerhin hat ja keiner behauptet, er hätte neben einem Oxxenbächer im Auto gesessen.

Dagobert Duck schwimmt bekanntermaßen gerne  in seinem Geld. Warum also sollte Obama nicht auch im Öl schwimmen? Ein Hauch von Mao durchschwimmt den Jangtsekjang.

Montag 16. August
Die „Zukunftswerkstatt“ , die es seit einiger Zeit bei uns im Ort gibt, lädt zum Sommerfest auf dem öffentlichen Grillplatz. Grillgut und Getränke muss jeder selbst mitbringen. So ist das halt  mit der Zukunft. Wie immer sie aussehen wird - wenn es Suppe regnet, muss man seinen Löffel mitbringen.

Dienstag, 17. August
Street-View bewegt die Gemüter. Böses, böses Google. Böse, böse gläserne Welt. Erste Menschen fangen an ihre Häuser zu verhüllen. Und was ist mit dem Vermummungsverbot?

Hey. Menno. Keine Angst vor neuen Medien. Durch den Mix von alt und neu eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Wir könnten z.b. den – ohnehin vielfach als unleserlich kritisierten – Stadionplan auf der Eintracht-Homepage durch Stadion-View ersetzen. Alle Dauerkarten-Inhaber werden ins Stadion gebeten – dann werden die Aufnahmen gemacht. Später, beim Online-Ticketing, kann man sich nicht nur den Platz, sondern auch den Sitznachbarn aussuchen. Auf dem Stadiondach wird gleichzeitig ein Forums-Mod platziert, der jedesmal wenn Online ein Platz gebucht wurde, ein besetzt Schild in die Höhe hält. Das könnte dann z.B. per Webcam übertragen werden. Der Fortschritt kennt keine Grenzen.

Mittwoch, 18. August
Nachts, bevor ich schlafen gehe, stehe ich immer noch eine Weile am Fenster, schaue, denke, rieche, höre, fühle die Stille - und die Geräusche. Huschen. Flattern. Piepsen. Rascheln. Knarzen. Heute mischt sich in den nächtlichen Kanon ungewohntes Geräusch. Es raschelt und fiepst, dazwischen ein Kratzen, wie an einer Fensterscheibe. Das wird doch nicht….

Früh am nächsten Morgen, beim ersten Tageslicht inspiziere ich im Hof den Luftschacht zum Keller – tatsächlich – dort unten sitzt ein Igel, der wohl durch die Eingriffsöffnung des Abdeckgitters nach unten gepurzelt ist. Was tun? Seitlich vom Keller führt von unten ein kleines Fenster zum Schacht. Wir machen uns also – bewaffnet mit einem Kafeetellerchen voll Katzenfutter – auf den Weg in die Tiefen. Kraxeln über Kaminholz und Gerümpel, befreien das Fenster von Spinnweben und Staub und haben jetzt freien Blick auf das Igelchen, das ängstlich im hinteren Eck kauert. Ein Winzling. Wir stellen den Teller an den äußeren Rand, fürchten, dass wir ihn dadurch weiter erschrecken – aber nix da. Der kleine Kerl reckt sein Näschen in die Luft, schnuppert und kommt eilig nach vorne getrippelt. Hunger. Er stürzt sich kopfüber auf das Katzenfutter, schlabbert, leckt, grunzt – das ganze Gesichtchen ist mit Brei verschmiert. Ach je, ach je – das Kerlchen ist vollkommen ausgehungert, krabbelt jetzt sogar auf den Teller und sitzt mitten im Brei. Das ist unsere Chance. Mein Mit-Adler hangelt nach dem Teller und trägt ihn samt Igel hinaus ins Freie. Der Igel frisst einfach weiter, ich glaube: Er grinst. Gerettet.


Free Eagle.

Donnerstag 19. August
Vor dem Beginn der neuen Bundesligasaison findet heute die Sommereinkaufsversammlung unserer Rheinhessen-Managerliga statt. Unsere 19. Saison – Wahnsinn. Hilfe. Nächstes Jahr feiern wir tatsächlich unser 20-jähriges Jubiläum.

Beschränke mich in dieser Saison auf drei Eintracht-Eckpfeiler – Jung, Ochs und Meier, außerdem Tzavellas und Kittel im Sichtungskader. Mein Mit-Adler kauft für die Abwehr Maik Franz, später dann den Neu-Leverkusener Arne Friedrich . „Ha ha“ tönt es aus der Mainzer Ecke „Das passt ja – Arsch und Friedrich.“ „Ha ha“, töne ich zurück „Lieber Arsch und Friedrich als blondierter Arsch mit Ohren."  Bis weit nach Mitternacht sitzen wir, bieten, kaufen, diskutieren. Am Ende der Nacht bin ich mit meinem Kader gar nicht zufrieden, am nächsten Morgen fest davon überzeugt, dass ich in diesem Jahr Meister werde. Wie im richtigen Leben. (Wie heißt übrigens der Bayern-Trainer, wenn er frisch vom Friseur kommt? Klar: Louis van Kahl).

Freitag, 20. August
Bundesliga-Auftakt. Die Bayern gewinnen in der letzten Minute in Wolfsburg. Reinhold Beckmann berichtet in den Tagesthemen über den Fußball-Boom. Und woher kommt der? „Die WM-Euphorie schwappt über auf die Bundesliga.“ Das wollen wir doch nicht hoffen. (Wo ist eigentlich meine Vuvuzuela?)

Samstag, 21. August
Fröhlich und erwartungsfroh tappere ich durch die Mainzer Innenstadt. Heute. Die ersten Punkte. Muntere Zurufe von den Eintracht-Außenstellen auf dem Mainzer Wochenmarkt. „...e klar Sach wird das...“ „...vom Platz fegen...“ „...zwei, drei Tore Unterschied...“ Na ja. Muss ja nicht gleich ein Kantersieg sein. Jedenfalls sind wir uns einig: Das wird. Eine prima Saison.

Einkauf beim motzigen Metzger unserer Herzen. Vor mir ist ein jovial-gut gelaunter älterer Herr dran „Ich hätte gerne drei Bratwürste,“ trompetet er in die Runde. Und fügt hinzu: „Zum Grillen.“ Metzger: „Des is mir egal, was sie dademit mache.“

Keineswegs egal ist mir, was die Eintracht heute nachmittag macht. Sie verliert.



*** to be continued ***

Kommentare:

  1. Diese Idee mit dem Stadion-View finde ich sehr gut. Das wäre mal eine nette Neuerung *gg*

    Irgendwie wirken die beiden Schnipselteile unterschiedlich auf mich. Hier noch mit viel Humor, am Ende des Monats was davon eingebüßt, schon in Herbststimmung...Oder kommt mir das nur so vor?

    Lieben Gruß
    Nicole

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  2. Stadion-View: Gnihihi. Allein die Foto-Session im Stadion - das hätte was ,-))

    Ich glaub, du hast recht – zum Ende des Monats ist der „Ingrimm“ irgendwie gestiegen. Liegt vielleicht auch daran, dass das, was zuletzt war, beim Schnipsel-Schreiben noch besonders präsent und noch nicht durch den zeitlichen Abstand "gemildert" (*g) ist. Je näher der „Witz“, desto böser ,-)

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  3. Ich bin ja auch ganz besonders klug... habe mich gewundert, dass die Schnipsel nur so kurz sind. Bis ich dann heute mal "versehentlich" weiter nach unten gescrollt hab, siehe da: Teil 1 und 2 :)

    Einen ganz besonders sympathischen Igel hast du da gefunden!

    Und Stadion-View würde ich wirklich nutzen... vielleicht noch mit ausgefülltem Steckbrief dazu:P Ich war jedenfalls sehr gespannt, wer meine Nachbarn auf dem neuen DK-Platz in dieser Saison sind. Nur beim Jubeln/Ärgern/Rumhüpfen,... da möchte ich bitte nicht verewigt werden:)

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  4. Hihi. Ja, der Igel war wirklich besonders liebenswürdig - und so fotogen :-) Vielleicht sollten wir die Geschichte mit dem Stadion-View aktiv vorantreiben, ich sag euch - das ist eine Marktlücke - und am Ende kommen wir noch ganz groß raus - zur Not auch mit Schaum vorm Mund oder im Hüpf-Delirium *g

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  5. Paris - Texas ist der absolute Favorit. Der Film, der mich zum Fotografieren brachte. Der Film, der mir Ry Cooder ans Herz legte. Der Film, der mich durch meine dunkelsten Stunden begleitete. Der Film, der mich nie wieder los liess.

    Danke, danke, danke!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  6. Aaaaaah - daher also. Die Weite. Die Straßen. Die Melancholie. Paris - Texas als Inspirationsquelle für dein Fotoschaffen – und ein Grund mehr, diesen Film zu schätzen und zu mögen.

    Dank zurück!

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