Donnerstag, 1. Juli 2010

Unterwegs: Mit Bob in Dornbirn

Mag ja sein, dass der Begriff „Sommerloch“ irgendwann mal seinen Sinn hatte – wer aber heute noch immer die Mär desselben verkündet und über die Leere unausgefüllter Zeit klagt, der hat sie nicht mehr alle. Wenn sie doch bloß irgendwann mal ein wenig still stünde, die Zeit – aber sie tut es nicht, es gibt keine Pausen. Siege. Niederlagen. Leben. Tod. Events. Feiern. Termine. Besuche. Katastrophen. Glücksmomente. Eine Meisterschaft. Ein neuer Bundespräsident. Immer weiter, immer neu, was war noch gleich gestern? Schnee. Im Versuch, den Dingen, wenn schon keine Zeit oder Dauer, dann zumindest Raum zu lassen, jetzt hier: Ein Bericht über eine Reise, die vor langer Zeit (= am vorletzten Wochenende) statt gefunden hat.

Jedes Jahr, wenn Bob Dylan auf seiner neverending Tour in Europa vorbeikommt, klinken wir uns ein und fahren ein Stück mit ihm an seiner Tour entlang. Eins, zwei, drei, viele Konzerte – Berlin, Gelsenkirchen, Frankfurt, Freiburg, Lille, Worms, Wetzlar, Erfurt, Hannover, Hamburg, Basel, Straßburg – wie eins doch rumkommt. Dieses Jahr für uns leider nur einmal Bob – in Dornbirn, einem Ort, von dem wir bisher nicht einmal wussten, dass es ihn gibt.

Dornbirn liegt im Vorarlberg, unser Hotel steht mitten im Ort, davor erheben sich hohe Berge, die wir leider nur ahnen können, denn es regnet in Strömen und die Berggipfel sind von Nebelschwaden umhüllt. Bus zur Messehalle? Um die Ecke, alle zwanzig Minuten. Das klingt gut.

Als wir anfangen zu ahnen, dass der Bus wohl heute nicht mehr kommen wird, ist es kurz nach 7. All right. Dann also los. Der Regen fällt gleichmäßig und in Strömen. Wir laufen. Immer gerade aus an der Hauptstraße entlang. Autos zischen vorbei, Wasser spritzt. Weiter. Immer noch Häuser mit Blumenkästen – das sieht nicht aus wie kurz vor Messegelände. Hilfe. Gleich halb acht – und Bob startet pünktlich. Bei Toni Hämmerles Traffique (tatsächlich: Hämmerle wie Humba) zieht sich eine Frau gerade ein Päckchen Zigaretten. Zur Messe? Mindestens noch zwanzig Minuten. Kurzes Entsetzen. Aber es nützt ja nix. Weiter. Es regnet. Wir laufen. Und dann tatsächlich am Horizont. Ein Schild. Eine Halle und Menschen. Einmal um das Gelände herum – um zehn vor acht stehen wir am Eingang.

Die Halle ist auf eine sorglose Art altmodisch, so wie alle Hallen einmal waren, funktional, ein bisschen abgeschubst. Security? Gibt es nur pro Forma, ein paar angerostete Schilder von wegen „Bitte nicht rauchen“, kein Foyer – wir betreten die Halle und stehen direkt in der Halle im Pulk, rechts hinter uns der Getränkestand, links schräg vor uns die Bühne. Toiletten? Aah ja – auf der anderen Seite der Halle – durch die Menschen durch, rechts die Empore nach oben und dann um die Halle herum. In der dunklen Halle sind am oberen Hallenrand vereinzelt Schattenrisse von Menschen zu erkennen, die es bis zur anderen Seite geschafft haben. Wie im Höhlengleichnis.

Die Halle wartet auf Bob. Rauchschwaden. Hey, hey. Klatschen, rufen. Aus dem Lautsprecher im Hintergrund die Stimme eines Vorlesers. Wir mutmaßen: Sean Penn, der aus den Chronicles liest. Nein, nicht zu fassen: Der Text, der da vorgelesen wird ist aus „On the road“. Cut. Dunkel. Die bekannte Stimme aus dem Off, die den Meister ankündigt: „Please welcome.... Columbia Recording Artist – Bob Dylan“ – und da ist er: Klein, schmal, mit Hut, heute in hellgrauem Anzug mit dunklen Paspeln an der Hose, aus der Zeit gebeamt, wie einer, der aus einer anderen Welt herab herabsteigt. „Times have changed,“ sagt Pat Garett. „I have not“, sagt Billy, the Kid.

Dylan-Konzerte sind wie ein Sog. Nur Bob und die vier, manchmal auch fünf Musiker seiner Band. Keine Special Effects auf der Bühne, eine nur sparsame Andeutung von Lightshow, kein Schnickschnack. Die Band taucht aus dem Dunkel auf, spielt ein Stück. Dann wird es wieder dunkel, Flash on – das nächste. Jeder Abend eine eigene Geschichte, ein Kosmos, eine eigene Dramaturgie, die sich in der täglich wechselnden Setlist wiederspiegelt. Ein Hineintauchen in eine Woge aus Musik und Worten. Rock und Blues. Folk und Rap. Shuffle, Walzer, Groove, Country. Einsamkeit. Wahrhaftigkeit. Würde. Schicksal. Kraft. Tod. Liebe. Wut. Treue. Es ist, als ob man Picasso dabei zuschaut, wie er sein Wohnzimmer streicht, hat mal jemand über ein Dylan-Konzert geschrieben. „Some people say i’ve got the blood of my land in my voice.” Yep. Alles. Genau. So.

In diesem Jahr gehört Charlie Sexton, der vor Jahren bereits mit auf Tour war, wieder zu „his Band“ – der Sound ist also deutlich gitarrenlastiger, satter. Bob wechselt häufiger zwischen seinem an der rechten Bühnenseite versteckten Keyboard und der Bühnenmitte hin und her. Swingt, tänzelt, stakst, krümmt sich, greift zur Harp, spielt Gitarre.

Lasse mich fallen in die Geschichte, die Bob heute erzählt. Rockig und ruckelnd geht es los mit Leopard-Skin Pill-Box hat. Don’t think twice: Nein, es hat keinen Zweck seinen Namen zu rufen. "I gave her my heart, but she wanted my soul", ächzt Bob und versucht den Refrain zu verstecken. "Just like a women" hält die Halle dagegen und Bob echot, über sein Keyboard gebeugt, zurück. Mein Highlight des Abends ist High Water. Dylan steht in der Bühnenmitte am Mikrofon – in der linken Hand die Harp, die rechte Hand am Mikrofon und erzählt vom Untergang - eindringlich, fast diabolisch. „It’s rough out there, high water e v e r y w h e r e." Er betont jede Silbe. Die Harp jault. Charlie Sexton kniet auf der Bühne.

Hattie Carroll. Gibt es eine vernichtendere Abrechnung mit Hohlheit und Ignoranz? Der trockene, harte Schlag der Drums von George Recile betont das Stakkato. Now. Ain’t. No. Time. For. Your. Tears. Hinaus gepresst, fast gezischt. Desolation road. Jeder Satz wie ein ganzes Leben. Everyone is making love or else expecting rain. Beim Working Man Blues ist es fast andächtig still. Bei Thunder on the mountain hebt die Halle ab. Rock vom Feinsten. Kreischen. Jubel. Bobbie. Do you Mr. Jones? Auf der hellerleuchteten Fläche im Hintergrund der Bühne erscheint überdimensional der Schatten von Dylan. Mit ausgebreiteten Armen steht er da, wie ein Moritatenerzähler, der sich in den Gitarrenklängen wiegt.

Aus. Dunkel. Jubel. Vorbei, aber Hey…hey..hey…hey…. ja… er wird noch einmal kommen. Wie immer. Like a Rolling Stone ist seit einiger Zeit als Zugabe gesetzt. Was dann weiter? Der Blowing-in-the-wind-Polka aus dem vorletzten Jahr? Oder All along the watchtower, das in jedem Jahr apokalyptischer wird? Keins von Beidem: Heute setzt Bob den Schlusspunkt mit Forever young. Leise. Rauh. Abweisend. Fast geflüstert. May your heart always be joyful. Tränen kullern. Aus. Noch einmal Licht, noch einmal die sechs Männer, die unbeweglich vorne an der Rampe stehen. Sich verneigen. Ein leichtes Nicken von Bob – und weg sind sie.

Jubeln. Trampeln. Erfüllt von Musik, von Worten, von allem. Dieses Mal wird er noch einmal kommen. Ganz sicher. Ganz sicher nicht. Nicht nach dieser Version von Forever young. Sitzt wahrscheinlich schon im Bus und schreibt am zweiten Band seiner Chronicles. Zögernd verlassen wir die Halle, noch einen Moment nachwirken lassen. Einfach stehen bleiben. Schauen. Fühlen. Stelle mir vor, wie Bob es irgendwann doch noch einmal tut: Allein auf die Bühne kommen, nur mit Gitarre. Was wird er singen? Tambourine Man. Mississippi. It ain’t me, Babe. Der Pulk schwappt uns nach draußen.

Cut. Es regnet immer noch. Nein, jetzt sind wir genug gelaufen. Bus fährt keiner mehr. Ein Taxi witscht vorbei. Noch eines. Das nächste stoppen wir einfach, ein Cab. Aus dem Dunkel taucht ein Herr im Business Outfit auf, mit Aktenkoffer, hinter ihm eine langhaarige, blonde Dame in High-Heels mit schmalem Kostüm. Was machen die denn hier? Waren die auch bei Bob? Das Taxi ist groß genug – vielleicht könnten wir ... zusammen? „´S’macht uns goar nix aus, wenn Sie uns unser Daxi wegnehmen“, raunzt der Mann. Kurzes Zwiegespräch mit dem Taxifahrer. Gleiche Richtung…genug Platz für alle… Ok – wir steigen alle ein. Mein Mit-Adler vorne, wir zu dritt hinten.

"Wo willst sitzen?“ fragt die Dame ihren Begleiter. „Is mir egal, solang i nix redn muas...“ raunzt der Herr. An mir solls nicht liegen. Der Herr sinkt auf die Polster nieder, schmeißt seine Tasche auf die gegenüberliegende Sitzreihe, links und rechts davon quetschen die Dame und ich uns. Unterdrücke meinen Lachreiz und werfe aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Herrn im Anzug. Er leidet, greift nach seiner Tasche, kramt ein Päckchen mit Pillen heraus, wirft eine ein. „Dös wird Konsequenz’n hab’n...“ röchelt er. „Dös wird mer alles z’viel....“ Der Taxifahrer gibt Gas – Ruckzuck sind wir im Ort. Klar, dass wir die Kosten bis hierher übernehmen. Aufstöhnen. „Um Gott’s willen...“ Nix da. Der Taxifahrer fragt, ob wir eine Quittung...? Nein, brauchen wir nicht. „A Quittung.“ Ächzt der Herr und greift sich an die Schläfe. „Dös dauert mer z’lang...“ Is ja schon gut.

Und schon stehen wir wieder auf der Straße, schauen dem davonbrausenden Taxi hinterher und können uns gar nicht mehr einkriegen vor Lachen. Muhahaha. Wie in einem Stück von Thomas Bernhard. Es regnet immer noch, aber dort hinter den Scheiben einer Gaststube leuchtet ein freundliches Licht. Durst. Und kurz darauf stehen zum hellen Glück meines Mit-Adlers zwei Halbe vor uns auf dem Tisch. Das es so was noch gibt. Richtige Halbe.

Cut. Zurück im Hotel. Auf dem Weg in unser Zimmer stolpern wir in eine Szenerie, die dem Abend noch einen ganz besonderen Glanz aufsetzt. Im Foyer findet eine Familienfeier statt. Silberne Hochzeit? 60igster Geburstag? Wir stoppen auf ein, zwei Absacker an der Hotelbar und lauschen dem Alleinunterhalter, der seine Zwischenmoderationen vor sich hinnuschelt. „Noch a letztes Lied, ihr seids a großartiges Publikum…. Noch a letzter Tanz…“ Er quetscht die Töne aus seinem Akkordeon. Rehbraune Augen hat mein Schatz. Schenk mir diese eine Nacht. Sierra, sierra madre del sur. Herren in weißen Hemden und Krawatte. Leicht derangierte Damen in bunten Blusen mit Perlenkette. Die Paare schwenken sich auf der Tanzfläche herum. Lost. Anrührend. Sentimental. Peinlich. Melancholisch. Weißgedeckte Tische, heruntergebrannte Kerzen, verwelkte Blumendekoration. Helles Licht, rote Köpfe, Nüsschen. Wie aus einem Film von Faßbinder. Oder wie am Ende von Renaldo and Clara. "In the morning of my live.“



Der nächste Morgen. Mit Bob können wir in diesem Jahr nicht weiter ziehen, aber wir werden auf dem Rückweg eine Kurve über Zürich zu fahren. Weiter auf Tour. Im Volkshaus spielt heute abend Flogging Molly und wir rollen ihnen mit Rolling Thunder durch Tunnel und über Straßen entgegen. Machen einen Zwischenstop, stehen staunend am Rand der Autobahn und blicken hinunter auf den Bodensee, der unter uns im Horizont versinkt und matt leuchtet. Die Berge sind in Nebelschwaden getaucht. Auf dem Bodensee schaukelt ein einsames kleines Segelboot.

Zürich. Unser Hotel ist zwischen engen Häuserreihen in den Hang geklebt. Eine gehobene Jugendherberge, mit winzigem Bad und Ikea-Duschvorhang. Ein schmaler Balkon auf einen begrünten Hinterhof. Der Preis des Zimmers hat leider gar nichts von einer Jugendherberge. Übernächtigt und hungrig sind wir. Tappern durch die Innenstadt, machen Halt in einer „Spagetti-Factory“ und verzehren jeder einen großen Teller heiße, köstliche Nudeln. Auf der Leinwand flimmert das WM-Spiel Paraguay gegen die Slowakei und wie in Deutschland sind auch in der Schweiz die Autos ach-so-lustig mit Fähnchen und Spiegelwärmern dekoriert. „Mir zeige alle Spieli.“ Per SMS erhalte ich die Info, dass die U17 der Eintracht auch in Berlin gewonnen hat. Finale. Yep.

Mit der Tram (ah - wenigstens etwas, das in der Schweiz richtig billig ist: Öffentliche Verkehrsmittel) fahren wir den Zürichberg hinauf – dort wo der Zoo und gleich nebenan die FIFA-Zentrale ist. Aber uns zieht es woanders hin, wir laufen ein Stück zurück zum Friedhof Fluntern, der grün und still und ehrwürdig da liegt und uns mit einem Zauber umfängt. Wir stehen am Grab von James Joyce und spüren wie alles jenseits von Zeit und Raum miteinander zusammen hängt. Joyce hätte sicher auch seinen Spaß daran gehabt, dass eine der Seitenstraßen zum Friedhof den Namen einer Frauenrechtlerin trägt, die für alkoholfreie Wirtschaften kämpfte. Finnegans Wake.


Am frühen Abend wandern wir zum Volkshaus, das schon lange vor Konzertbeginn gefüllt ist. Im Foyer im ersten Stock flimmert Brasilien gegen die Elfenbeinküste auf einer Großbildleinwand. Was für eine merkwürdige Melange von Menschen sich hier versammelt hat – alle Altersstufen, viele Youngster, Freaks, Punks, aber auch ganz adrette junge Menschen im Twinset und mit Föhnfrisur. Auf der Bühne schrammelt als Vorgruppe eine drittklassige Country-Punk-Band, die Kids sitzen auf dem Hallenboden und zeigen sich gegenseitig ihren iPod-Touch. Aaarrrrrrrrrrg. Gibt es noch jemanden, der keinen hat?

Um kurz vor zehn legen die Mollys los. Wild. Laut. Schräg. Das fordert den Mann resp. die Frau – hopsen, hüpfen, tanzen oder zumindset das tun, was der Ire dafür hält. Drunken Lullabies. Nass geschwitzt, wackelig, ausgepowert. Die letzte Zugabe findet heute abend ohne uns statt. Wir laufen durch das nächtliche Zürich, das an diesem Sonntagabend nicht brennt, sondern schläft. Die Luft ist kühl und klar. Bei McDo kaufen wir uns noch ein paar Dosen Carlsberg, die wir mit auf unser Hotelzimmer nehmen. Die Tür zum Balkon ist geöffnet, leichter Wind weht, letzte Regentropfen. My heart is not weary, it’s light and it’s free.

CU.

Kommentare:

  1. Hoffe,ihr hattet viel Spass und habt dass Konzert genossen.
    Zürich ist eine schöne Stadt,aber auch sehr teuer und Frankfurt ist schöner.:-)
    Schöner Erlebnisbericht von dir und ich konnte mir ein paar Mal-das Lächeln nicht verkneifen.
    Hab weiter hin eine schöne Zeit,bis demnächst.
    LG
    (B).

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  2. Ja, wir hatten Spaß - war einfach nur schön, voller Erlebnisse und Eindrücke und Musik. Und das allerbeste: unser "Rock'n Roll Summer" ,-) geht noch weiter....yep... Mal sehen, vielleicht dann hierzu demnächst auch nochmal das ein oder andere :-)

    Danke fürs Lesen, Lächeln, Mitfreuen und Kommentieren! lgk

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