Freitag, 18. September 2009

Die Linke kommt, die Kerb geht, die Eintracht bleibt

Mainz, 15. September. Heute findet hier eine der zentralen Wahlkampfveranstaltungen der Linken statt. Oskar Lafontaine kommt. Könnte man sich eigentlich mal ankuckenhören? Könnte man eigentlich. Also los. Vor dem Theater ist eine Bühne aufgebaut, der Platz davor eingezäunt, ein Infostand. Eine relativ große Zahl von Flugblattverteilern und Wahlhelfern und eine relativ größere Zahl von Polizisten sind im Einsatz. Das Zuschauerinteresse hält sich noch in Grenzen. Allmählich füllt sich der Platz. Das Wetter ist gut, graumilchigmild. Die Menschen verteilen sich auf den Stufen vor dem Eingang des Staatstheaters. Wir auch. Um den Getränkestand und vor der Bühne bilden sich kleine Grüppchen. Der Mainzer Spitzenkandidat outet sich als 05er; ich freu mich, dass ich meine Eintracht-Jacke anhabe. Bühne frei für die Berliner Band Polkaholics, die getragen von polterndem und schepperndem Bläsersound von Döner Kebap und von Berliner Pflanzen singt. Der Dom bildet die Kulisse. Mein Mit-Adler kaut an einem Hamburger und ich lasse den Blick in die Runde schweifen. Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft, der hier versammelt ist, aber nicht gerade ein typischer. Auffallend viele junge Menschen sind da, um die zwanzig oder jünger – ungefähr ebenso viele nicht mehr ganz junge ab 40 und eine erstaunlich große Gruppe von Älteren und Alten. Kaum vertreten: Die Gruppe der 20 bis Mitte/Ende Dreißigjährigen, entsprechend auch nur ganz vereinzelt kleine Kinder. Die Linke als Aufbruchsbewegung, als Stachel im Fleisch, als Sammelstelle anders Denkender? Mag sein – der Aufbruch hat heute jedenfalls ein erkennbar anderes Gesicht als etwa zu den Anfangszeiten der Grünen. Das hier ist keine alternative Szene, wenig buntes, kaum Freaks. Keine Westen, Pullover, Hunde, Blumen, Stricknadeln. Keine grellen Outfits, Punks, Stirnbänder, Ketten, Bärte. Wenig Drop-Outs. Es überwiegt das Unauffällige und Solide. Anoraks und Turnschuhe. Jeans und Jackett. Erkennbar viele Alt-Linke, die sich schon optisch den Bewegungen zuordnen lassen, denen sie wohl mal angehörten. DKPler: Solides Schuhwerk, Frauen mit kurzen Haaren, Rücksäcken. Ehemalige K-Gruppen: Brille, Jeans, Jackett, die Männer häufig mit längeren, inzwischen ergrauten Haaren, zum Zopf gebunden. Die Frauen eher in Röcken als in Jeans. Friedensbewegte: Schmal, ernsthaft, T-Shirt, Strickjacke. Mütze. Alt-Sozialisten: Die Frauen mit grau gelockten Haaren, flachen Schuhen, Popelin-Mänteln. Die Männer mit Blousons, viele mit Hut auf dem Kopf, Zeitung unter dem Arm. Auch bei den Youngstern: Wenig „Szene“, eher ernsthafte junge Menschen.

Hinter der Bühne parkt das Oskar-Mobil und dort steht jetzt auch schon Oskar, der gleich seine Rede halten wird. Wahlhelfer postieren sich mit roten und blauen Fahnen unterm Publikum. Ca. drei- oder vierhundert Menschen werden es sein, hätte mehr erwartet, gedacht, dass der ein oder andere einfach auch aus Lafontaine-Neugier kommt. Die hält sich offensichtlich in Grenzen. Lafontaine spricht. Hartz 4 (Nein, kein Aufruf, die Signale zu hören). Mindestlohn. Finanzkrise. Afghanistan.

Witzigerweise habe ich mich in den vergangenen Tagen mit der Analyse von Reden beschäftigt und kann jetzt meine Kenntnisse testen. Alles da. Anapher. Epipher. Klimax und Antiklimax. Exclamatio. Hyperbel. Ironie. Sarkasmus. Interjektion. Paradoxie. Pluralis auctoris. Rhetorische Frage. Imperativ. Nochmal: Rhetorische Frage. Imperativ. Beifall. Winken. Abgang. Noch einmal die Polkaholics. Die Menge löst sich auf.

Schnitt. Zurück im rheinhessischen Hinterland. Die Dämmerung hängt bereits über dem Ort. leichter Wind. Erstaunlich viel los ist heute noch auf den Straßen. Na klar: Am Wochenende war Kerb, heute ist der letzte Tag. Kerbebeerdigung. Kenne natürlich dieses jährlich stattfindende Ritual, war aber noch nie dabei. Überall kleine Trupps von Menschen, die Richtung Ortsmitte unterwegs sind. Wir zögern einen Moment. Verständigen uns kurz. Ok. Wir strömen mit. Der Kerbeplatz ist rund um die alte Schule aufgebaut, die heute als Ortsverwaltung dient. Am Bratwurststand sind (T-Shirts können sprechen) die Kerbevädder und Kerbemüdder im Einsatz. Ein Bierstand. Eine Schießbude, davor ein kleines Karussell, links ein Stand mit Süßigkeiten, das war’s. Im eingezäunten ehemaligen Schulhof stehen Biertische und Bänke unter Kastanienbäumen. Bunte Lichterketten. Am Wochenende war es hier gerammelt voll, jetzt sind nur noch vereinzelte Tische besetzt. Da hinten sitzt der letztjährige Kerbejahrgang – auch er (logisch!) erkennbar an den entsprechenden T-Shirts. Dort zwei Kids, die sich eine Currywurst teilen. Das Gros der Leute hat sich um den Bierstand gruppiert, Anwohner haben sich Stühle vor ihre Häuser gestellt, sitzen dort und beobachten das, was der Kerbejahrgang als „Kerbespiele“ angekündigt hat. All das könnte grotesk oder „tümlich“ sein, vielleicht sogar peinlich - ist es aber nicht. Irgendwie scheint es richtig, so wie es ist. Wir grüßen hier und da einen Bekannten, trinken unser Bier bzw. unseren Sauergespritzten, essen unsere Wurst. Lachen. Stimmengewirr. Wem ist die Kerb? Unser. Ich klettere auf das Mäuerchen, das den Schulhof einfriedet, halte mich an dem verschnörkelten Eisengitter fest und habe alles bestens im Blick. Der Kerbejahrgang rennt, robbt und trinkt. Die Kerbegäste nehmen lebhaft Anteil. Klatschen, feuern an. Das letzte Spiel. Aus.

Zeit für ein paar informelle Dankesreden, die trotz schwerer Zunge einigermaßen fehlerlos durch die Yamaha-Lautsprecher auf uns hernieder schallen. Die Mütter des Kerbejahrgangs werden herbei gerufen und mit Blumen beschenkt. Mit dumpfen Paukenschlägen nähert sich der Kerbe-Beerdigungszug. Die Kerb wird an den nächsten Kerbe-Jahrgang weitergegeben. Aufgereiht stehen sie jetzt dort oben, neben dem Karussell, gickeln und kündigen an, dass im nächsten Jahr die Kerb noch viel schöner werden wird. Letzter Auftritt auch für die diesjährigen Kerbemüdder: Sie tragen große Bleche mit Riwwlkuchen, die der ortsanssässige Bäcker hat – wie jedes Jahr – gestiftet hat und der jetzt an alle Beerdigungsgäste verteilt wird. Schön war’s. Wir machen uns auf den Heimweg.

Schnitt. Der nächste Abend. Der Tag, die letzten beiden Wochen waren anstrengend, holprig, aufreibend. Trotzdem. Meine Karte für den Eintracht-Film „Träume in schwarz und weiß“ habe ich mir letzte Woche schon im Museum besorgt, setze mich also um zwanzig nach sieben in mein Auto und fahre in Richtung Frankfurt. „Fahr vorsichtig!“ „Klar, mach ich!“ Trotz IAA sind die Straßen relativ leer. Alles easy! Um Punkt 8 bin ich in Frankfurt – um viertel nach 8 soll es losgehen. Kein Problem. Eigentlich. Es ist schon dunkel als ich am Museumsufer vorbei über die Brücke Richtung Innenstadt fahre. Joe Strummer singt. „Somewhere in my soul – it’s always Rock’n Roll.“ Die Skyline hebt sich gegen den graublauen Himmel, erste Lichter blinken, der Main glitzert. Wow.

Bilde mir ein, dass ich mich eigentlich ein bisschen auskenne in Frankfurt (Eschenheimer Anlage. Weiß doch jeder. Ist mitten in der City. Das werde ich schon finden.) Aber jemand, der sich, wie ich, wenn’s drauf ankommt sogar in seiner nächsten Umgebung schon mal verirrt, sollte mit solchen Aussagen vorsichtig sein. Nachdem ich also zum dritten Mal die Kaiserstraße, die Mainzer Landstraße und den Rossmarkt gekreuzt habe und die Uhr 8.20 zeigt, verfalle ich in leise Resignation. Biege hier ab, dort ab – kreuze durch – huch! - vollkommen verlassene finstere Ecken, ein japanisches Paar huscht über die Straße, ein Mann in Jogging-Hose mit großem Hund, eine Kneipe mit dämmrigem Licht, davor ein paar leere Tische. Plötzlich wieder erleuchtete Ladengalerien. Links? Rechts? Entscheide mich für links. Fahre wieder ins Dunkel und lande wieder am Main-Ufer. Obwohl ich jetzt heute schon zum vierten Mal hier vorbei komme, überwältigt mich dieses Mal der Anblick - der Eiserne Steg, das erleuchtete Museumsufer auf der anderen Main-Seite, die Lichter blinken auf dem Wasser. Überlege ob ich einfach aussteige, entschließe mich doch noch einmal Richtung Hauptbahnhof zu fahren. Wieder die Mainzer Landstraße. Rechts bin ich vorhin schon mal abgebogen. Richtung Messe ist falsch, ganz sicher. Halte mich halbrechts und finde mich auf einer Ausfallstraße wieder. Fünf nach halb neun. Jetzt gebe ich auf und fahre einfach weiter. Fast habe ich vergessen, warum ich eigentlich hier bin. Zubringer zum Rebstockbad, zur Messe. Menschenleer. Hochhäuser mit erleuchteten Fensterreihen.

Richtung Höchst, Grießheim? Egal. Fahren. Fahren. Fahren. Merke wie ich eine Art konzentrierte Entspanntheit falle. Keine Musik mehr. Nur ich, das Auto und die Nacht um mich her. Straßen und Lichter. Häuserreihen. Zwei knutschende Teenies neben einer Ampel. Wolkenformationen. Gefühl als sei da nichts mehr zwischen mir und der Nacht; es ist nicht das Auto, es bin einfach nur ich, die da durch die Schwärze der Nacht fliegt. Der Verkehr um mich herum wird wieder lebhafter. Autobahnzubringer, fädele ein. Passiere den Flughafen. Schemenhafte Gebäude, links und rechts. Hell erleuchtet das Steigenberger. Oder ist es ein Hyatt? Blinkende Lichter von den Masten. Abfahrt Rüsselsheim. Wie lange war ich nicht mehr hier? Warte auf das bekannte wehe Gefühl, das mich jedesmal einholt, wenn ich mich der Stadt nähere, in der ich aufgewachsen bin. Nichts. I can stand it. Vorbei am Friedhof. Hell leuchtet die Mauer. Fahre durch vertraute Straßen. Life - statt Live-Stream. Halte kurz an. Weiter. Auto wieder anlassen. Rechts, rechts und wieder links. Schön langsam. Hier wird überall geblitzt. Fahren. Fahren. Fahren. Wieder eine Brücke, dieses mal über den Rhein. Vorbei am Industriegebiet. Die schnurgerade Rheinhessenstraße. Wieder zu Hause. Halb 11. Steige aus und merke, dass mir die Beine ein wenig wackeln. Bin hungrig und müde wie ein Stein. Mir fällt ein, dass ich eigentlich losgefahren war, um mir den Eintrachtfilm anzusehen. Manchmal muss man aufbrechen, um zu bleiben. Taste nach der Eintrittskarte in meiner Hosentasche. Träume in schwarz und weiß. Irgendwie hat das Ticket auch ohne Kino seine Funktion erfüllt. Und den richtigen Film, den schau ich mir später auf DVD an.

1 Kommentar:

  1. Ja meine liebe Kerstin - fuer uns hat man das Navi erfunden.

    Und noch ne Frage zu den Linken, konnte dich oskar ueberzeugen?

    LG
    Ralf

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