Mittwoch, 9. September 2009

Stippvisite in Bruchköbel

Nach Bruchköbel ist es nicht weit, es liegt irgendwo im Hanauischen. Trotzdem kann der Weg dorthin manchmal länger sein als man denkt. Zum Beispiel dann, wenn man nicht den direkten Weg wählt, sondern – wie in der Anfahrtsbeschreibung vorgesehen – immer Richtung Hanau-Nord fährt. Das ist nämlich überall. Zumindest kommt es uns so vor, nachdem wir drei mal im Kreis gefahren sind, ohne anzukommen. Aber als es uns dann endlich gelingt, aus dem Kreis auszuscheren, ist alles eigentlich ganz einfach. Niederau. Bruchköbel. Das Stadion liegt mitten in einem Wohngebiet, die direkte Zufahrt zum Stadion ist abgesperrt. Wir parken, wo wir noch einen Platz finden, Stadiongeräusche hängen in der Luft und wir hasten – sagte ich bereits das wir zu spät sind? – den Geräuschen und dem Bratwurstgeruch nach. In den Vorgärten, an denen wir vorbeikommen, herrscht Feierabendstimmung, hier wird ein Schwätzchen gehalten, dort das Blumenbeet geharkt. Nett hamses hier.

Endlich. Wir sind da. Nein, auf dieser Seite ist der Eingang für Menschen mit vorbestellten Karten. Also schnell auf die andere Seite. Uff. Das Spiel des Bezirksligisten SG Bruchköbel gegen die Eintracht hat natürlich längst begonnen. So verpassen wir also leider, leider auch die auf der Homepage angekündigte Premiere der eigens zum Jubiläum komponierten Vereinshymne. Schade. Immerhin sind wir noch rechtzeitig genug, um zu erleben, dass in Bruchköbel auch bei den Eintrittspreisen liebgewordene Traditionen gepflegt werden. Hier gilt noch das Motto „Frauen, Kinder, Greise, zahlen halbe Preise.“ Und so sind wir - obwohl noch nicht im Greisenalter - zu dritt für 23 Euro dabei. Der kleine Sportplatz ist ziemlich überfüllt und wir kommen gerade rechtzeitig, um – aus der zweiten Reihe – (huch, schon 25 Minuten gespielt und jetzt erst?) das 2:0 der Eintracht mitzubekommen. Ziemlich gleich danach verlässt Paddy Ochs frühzeitig das Spielfeld. Nochmal huch.

Wir sind hungrig und durstig. Die Bratwurst schmeckt. Bier, Äppler, Limo gibt es vermutlich im VIP-Zelt, aber auch an allen vier Ecken des Stadions. Die Toiletten befinden sich im Vereinsheim, wer sich auf der verkehrten Seite der Absperrung befindet, die so etwas wie den „Spielertunnel“ bildet, muss außen um das Gelände herum. Macht ja nix. Nahezu jeder im Stadion trägt ein Eintracht-Trikot, ein Shirt, einen Schal. Trotzdem spricht der Stadionsprecher hartnäckig und merkwürdig distanziert von „der Eintracht Frankfurt“. Auch die Spielernamen scheinen ihm nicht so recht geläufig: Medivakia, Koomas, Tsaumau. Peinlich? Man kann ja schließlich nicht jeden kennen. Zumindest wird später, kurz vor Ende des Spiels, beim 10:2 für "die Eintracht Frankfurt, ein allen geläufiger Name als Torschütze genannt: Manni Kaltz. Wie bitte? Na ja. Das lassen wir dann einfach mal so stehen.

Auf der Suche nach der Lücke, die uns einen besseren Blick auf das Spielfeld gewährt, umkreisen wir während des Spiels das Stadionrund und sehen also nicht alles, aber doch immerhin genug, um Spaß am Spiel zu haben und einen Eindruck der Spieler zu gewinnen. Die meisten der auf dem Platz befindlichen Stammkräfte – z.B. Marco Russ, Alex Meier – zeigen eine gute und engagierte, wenn auch nicht übermäßig aufgedrehte Leistung. Caio ist ebenfalls einer derjenigen, die bis zur 90. Minute durchspielen – obwohl wir uns Mitte der zweiten Halbzeit fragen, ob wir seine Auswechslung verpasst haben. Nein, nein. Er steht noch auf dem Platz. Leider im wahren Wortsinn.

Das Spiel läuft flüssig. Die, die zuletzt nicht zur Stammformation gehörten, sind bemüht, sich durch individuellen Einsatz in den Vordergrund zu spielen. Das gelingt dem einen mehr, dem anderen weniger gut. Benny Köhler z.B. bietet sich – wie zuletzt in der Liga – durch geradliniges, mannschaftsdienliches Spiel an. Sehr agil, immer anspielbar. Auch Üüüüüüümit zeigt eine starke Leistung, insbesondere in Einzelsituationen, schöne Dribblings, immer mit dem Versuch, den Angriff durch einen Torschuss abzuschließen. Weniger gut wirkt Marcel Heller. Fast schon überengagiert, trotzdem irgendwie glücklos. Wiederum erfreulich: Juhvel Tsoumou, der in der zweiten Halbzeit eingewechselt wird. Von ihm hatte ich zuletzt gelesen, dass er wegen Formschwäche auch bei der U23 auf der Bank saß. Hier agiert er sehr konzentriert, zielstrebig, bemüht, erzielt er zwei Tore – eines davon wunderschön aus schwieriger halbrechter Position. Wir beobachten ihn bereits eine Weile vor seiner Einwechslung beim Aufwärmen. Ernst wirkt er, der Bub, viel ernster jedenfalls als wir ihn vor seiner Verletzung schon erlebt haben. Aber vielleicht täuschen wir uns.

Fußball is – wie jeder weiß - auffem Platz - die schönste, aber auch die unschönste Szene in Bruchköbel fand für mich jedoch am Rande des Spiels statt.

Fangen wir mit dem weniger Schönen an: Nach dem Spiel. Der übliche Sturm auf die Spieler. Trauben auf dem Platz und danach um den Bus herum, der hinter dem Vereinsheim parkt. Eifrig wuselnde kleine Kinder, aber auch viele Halbwüchsige, der ein oder andere Erwachsene. Geschrei. Geschubse. Gedränge. Das ist nicht jeder Manns bzw. jeder Spielers Sache. Muss vielleicht auch nicht. Manche nehmen es geduldig und lächelnd, der andere wirkt genervt und angespannt, manch einer aber auch regelrecht panisch und gehetzt. Und man kann nicht sagen, es gäbe keinen Grund dafür. Nach dem Duschen kommen die Spieler direkt aus dem Vereinsheim durch eine dichte Traube von Menschen; rund um den – abgesperrten Bus – stehen Kids und andere Blick-auf-die-Spieler-Erhaschen-Woller – die Stimmung scheint lustig und entspannt und hat doch fast etwas – ja - latent aggressives. „Hey“ schreit einer von hinten als Mahdavikia kommt, „du Millionär – schreib ma hier was hin.“ „Los – Franz. Hier. Unterschreiben“, kreischt es von hinten, als Franz, der eigentlich schon im Bus sitzt, noch einmal herauskommt und Foto- und Autogrammwünsche erfüllt. „Der Bushido, der Penner, der kommt bestimmt net raus.“ Meckert es von hinten. „Hey, die Sch... Millionäre. Sollen sich net so anstellen“, wiegelt einer den neben ihm Stehenden auf.“ Wir sind doch diejenische, die diefinanziere...“ Bis gestern habe ich über Prölls Flucht vor den Autogrammjägern und die Umstände des Unfalls irgendwie auch ein bisschen gegrinst – seit gestern bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Und jetzt die schönste Szene. Rückblende. Halbzeit. Die Spieler gehen durch das bereits erwähnte abgezäunte „Gängelchen“ ins Vereinsheim. Am Rande der Abgrenzung drängeln sich die Zuschauer, vorne vor allem Kinder. Fotos. Autogramme. Auch hier: Einige der Spieler haben es eilig in die Kabine zu kommen, andere nehmen sich Zeit, reagieren auf die Zurufe. Caio, Russ, Mehdi, Maik Franz lächeln, schreiben, winken noch, während Juhvel und die anderen Youngster schon wieder aus dem Vereinsheim zurückkommen, um sich aufzuwärmen. Maik Franz bleibt bei einem winzig kleinen Mädchen stehen, das – bekleidet mit einem Eintracht-Trikot - direkt hinter der Absperrung in einem Rollstuhl sitzt. Er beugt sich zu ihr hinunter, unterschreibt das mitgebrachte Eintracht-Magazin, knuddelt sie, spricht mit ihr, ganz natürlich, lieb, freundlich. Dann richtet er sich auf, streift sich spontan das Trikot über den Kopf – und schenkt es ihr. Das Gesicht des kleinen Mädchens. Vollkommen überrascht. Strahlend. Wie in Glück gebadet sitzt sie da, hält das Trikot ganz, ganz fest. Franz grinst noch einmal, strubbelt ihr über den Kopf – und weg. Spontanes Klatschen aller Umstehenden. Sehr, sehr anrührend.

Voll von Eindrücken tuckern wir nach Hause. Ach, da ist ja schon wieder so ein Schild: Hanau-Nord. Aber - nö, nö - wir fallen nicht mehr darauf rein: Diesmal lassen wir es einfach links liegen und fahren weiter. Immer geradeaus.

1 Kommentar:

  1. Sehr einfühlsamer Bericht,vor allem über den Spieler,Maik Franz,Klasse,der Spieler.

    Wie du selbst schon in diesem Bericht erwähnt hast,ich verstehe es schon,dass die Spieler teilweise flüchten,denn auch wenn sie viel Geld verdienen,brauchen sie sich nicht alles bieten lassen und man kann mit ihnen auch respektvoll und Namen nennend ansprechen.

    Ich hatte bisher noch nie ein Problem gehabt,ein Autogramm zu bekommen,auch von Herrn Pröll nicht,anständig gefragt und ich hatte eines.

    Weiter so,macht Spass.
    LG
    B(C.Willi.)

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