Donnerstag, 15. Oktober 2009

Vor dem Heimsieg gegen Hannover: Die Weissagung der alten Frikadelle

Zu allen Zeiten haben die Menschen nach Metaphern und Bildern gesucht, die ihnen dabei helfen, die Welt zu erklären und die Zukunft zu deuten. So z.B. auch jener Fernsehpfarrer, von dem mir vor einiger Zeit ein Freund relativ fassungslos erzählte. Der wählte nämlich einen Salatkopf, um das große Ganze zu erklären. "So wie ich diesen Salatkopf in der Hand halte", meinte er und hielt den Salat in die Kamera, "so sind auch wir alle in Gottes Hand." Ob das Bild stimmig ist, sei dahingestellt und keine Ahnung, warum mir das jetzt gerade einfällt, denn eigentlich will ich eine Geschichte von einer Frikadelle erzählen, die ich im März dieses Jahres in Hannover verzehrt habe. Genauer gesagt: die Geschichte einer Frikadelle, die ich nur zum Teil verzehrt habe. Aber ich will dem Ende meiner Erzählung nicht vorgreifen...

Es war spät abends als wir, aus welchem Grund auch immer, durch das Einkaufszentrum in Hannover irrten. Wir hatten einen langen Weg hinter uns, einen großen Bogen, entlang am Maschsee, über dem es kühl und feucht waberte. Wir waren müde, wir waren hungrig und wir waren durstig - allein: Es fand sich keine Kneipe, in die wir hätten einkehren können. Ein Punk, der mit seinem Hund am Rand der Fußgängerunterführung saß und zu dessen Kasse wir zwei Euro beisteuerten, wies uns die Richtung - besser nochmal ein Stück zurück, besser links als rechts, da müsste man selbst hier und selbst um diese Stunde irgendwo eine Kneipe finden. Wir folgten seinem Rat - und wirklich - ein freundliches Licht, eine Stufe, eine Wirtschaft. Drinnen sah es recht trostlos aus. Ein kleiner, fast leerer, verrauchter Schankraum. Hier waren offensichtlich nur die, die immer da sind. Wir traten trotzdem ein, ich zog meine Jacke mit dem Eintracht-Adler etwas fester um mich, drei Augenpaare starrten uns an. Am Tresen auf einem Barhocker ein in sich zusammengesunkener älterer Mann mit Schnurrbart, der schwer über seinem Bier hing. Daneben ein jüngerer mit Lederjacke und Schiebermütze, der am Tresen lehnte, hinter dem eine füllige, ältere Dame stand - geblümte Bluse, blondiertes Haar. Aus dem Lautsprecher tönte Udo Lindenberg. Wir setzten uns. Entdeckten, dass wir einen weiteren Gast übersehen hatten, eine ältere Dame, die an einem Tisch ganz hinten im Eck vor sich hin hustete, eingerahmt von mehreren Plastiktüten, und die jetzt gerade mit schwerer, heiserer Stimme noch einen Schnaps und ein Bier "für den Heimweg" orderte. Auch wir bestellten: Zwei Bier. Gibt's auch eine Kleinigkeit zu essen? Ein Schmalzbrot? Eine Bretzel? Nein. Das gibt es nicht - aber es gibt Frikadellen. Frikadelle? Ok - her damit. Wir bestellen eine. Das Bier kommt, ist gut gezapft und läuft - entgegen früherer Hannoveraner Erfahrungen - kalt und wohltuend bitter den Hals hinunter. Die Frikadelle? Ja, ja, kommt gleich. Und während ich gerade mein zweites Bier ansetze und mich allmählich schon gar nicht mehr hungrig fühle, kommt sie tatsächlich: Die Frikadelle. Sie liegt auf einem rostroten Tellerchen, einer Untertasse, auf deren Rand in weißer schnörkeliger Schrift "Guten Morgen" steht. Die Frikadelle ist nackt und bloß und liegt ziemlich in der Mitte des Tellerchens. Keine Scheibe Brot, keine Serviette, kein Klacks Senf, die von ihrem Anblick ablenken könnten. Die Frikadelle ist von grauer, fast bläulicher Farbe, etwa einen Zentimeter hoch: und sie ist - ich schwöre - quadratisch, eher gleichkantig als rechteckig, fast symmetrisch.

Wir starren das, was da auf dem Teller liegt, an. Ist mir beim Anblick der Frikadelle für einen Moment die Kinnlade nach unten geklappt? "Danke" sage ich. Die Bedienung dreht wieder ab und lässt uns mit dem Frikadellen-Tellerchen zurück. Was soll ich tun? Essen? Unmöglich! Nicht essen? Ebenso unmöglich - schließlich will man ja nicht als mäkeliger Schnösel dastehen, schon dreimal nicht, wenn man hier hier in fremder Stadt eindeutig als Eintrachtler zu erkennen ist. Adlerherz. In meiner Erinnerung gerinnt der folgende Moment zur Zeitlupe. Atemlose Stille. Alle im Schankraum Anwesenden starren mich, starren die Frikadelle mit angehaltendem Atem an. Singt da immer noch Udo Lindenberg? Ich höre nichts, greife das Objekt, führe es zum Mund und - beiße hinein. Ich versuche, möglichst wenig zu kauen und schlucke den Brocken in meinem Mund einfach hinunter. Würg. Schluck. Ok. Unten. Die Musik setzt wieder ein, die beiden Männer am Tresen nehmen ihr Gespräch wieder auf. Schnell ein Schluck Bier hinterher. Geht doch.

Damit ist die Geschichte eigentlich schon zu Ende, denn die entscheidende Hürde hatte ich jetzt genommen, die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste wendete sich wieder von mir ab. Es gelang uns, den Rest des frikadellenähnlichen Objekts unaufällig in ein Taschentuch und dann - zwecks späterer Entsorgung - in eine Jackentasche zu bugsieren. Wir trinken noch zwei (oder drei) Biere und entspannen uns. Na ja, auch gut. Richtig gut. Und Bier hilft bekanntlich gegen Hunger.

Was will uns diese Geschichte sagen? Vielleicht das: Manchmal muss man sich durchbeißen, damit am Ende alles gut wird. Und da ich jetzt schon mal "ausgerechnet" in Hannover in Vorleistung getreten bin, müssen unsere Jungs am Samstag gegen Hannover eigentlich nur noch eins tun: Nachlegen. Kein Aufzählen von Verletzungen, kein Konstatieren fehlender Schnelligkeit, kein Jammern über nicht vorhandene Lincolns - einfach rausgehen, durchbeißen und gewinnen. Heimsieg. Jetzt!

Kommentare:

  1. Sprachlos sitze ich, lese & bin glücklich. Was für ein Moment, was für eine grandiose Geschichte wunderbar erzählt. Ich will es einmal so formulieren: Das ist mir doch die liebste Weissagung. Und jetzt: Heimsieg!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  2. Ich sag's mit Kermit: "Applaus! Applaus!! Applaus!!!"

    Gruß vom Kid

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  3. Klasse ,Kerstin,ja,durchbeissen heisst es und ich bin guter Dinge,dass die Mannschaft,trotz der Ausfälle oder gerade wegen der Ausfälle durchbeissen wird.
    Aber sie darf sich nicht so verstecken und heimlich verschwinden,wie Ihr dass mit der Frikadelle gemacht habt.*lacht*,das käme nicht gut an.
    Dir.morgen einen schönen Spieltag und ich sage ganz mutig,morgen wird der erste Heimsieg der Saison,perfekt gemacht,eingepackt,heimlich still und leise,sodass es keiner bemerkt.*lacht*,wie die Frikadelle.
    LG
    B.C.Willi.

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  4. Kneipen in Hannover - da kann ich nur zustimmend nicken: Ich hab' dort schon einmal (wirklich durstig) das erste Bier des Abends stehen lassen, weil es derart abgestanden und irgendwie muffig geschmeckt hat, daß nicht einmal ein zur Unterstützung georderte Aquavit geholfen hat. Aber auch sonst gibt es eine ganze Reihe schönerer und freundlicherer Städte (mit guten Kneipen, zischenden Bieren und erstklassigen Frikadellen).
    Also schon zwei, die was gut haben; das müsste doch für einen klaren Heimsieg reichen.

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  5. Die Frikadelle muss jetzt öfter herhalten: Heimsieg! Jetzt!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  6. Also, wenn dabei immer ein Heimsieg herausspringt, will ich gerne noch mehr alte Frikadellen essen und Geschichten darüber erzählen:-)

    Ich hab mich sehr, sehr über eure herzlichen Kommentare gefreut. Den Dank dafür hätte ich hier gern eher übermittelt,aber mein Wochenende ist leider etwas anders verlaufen als gedacht. Deswegen etwas spät, aber dafür umso herzlicher: Vielen Dank fürs Lesen, Mitleiden und Mitfreuen :-) und die vorausschauende Bitte für alle Lebenslagen: Esst mehr Frikadellen ,-)

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  7. OK, ...werde ich wohl vor dem Bayern-Weekend
    beherzigen...

    *magenknurr* ...

    LG aus HB...

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  8. So,der erste Heimsieg,ist perfekt.Man muss nur Frikadellen essen und schon klappt es,lacht.
    Nein,war nicht sehr berauschend,dass Spiel,aber Hauptsache wir haben die 3.Punkte,nur dass zählt.
    Jetzt gegen Bayern,zumindestens ein achtbares Ergebnis und wenn es ne knappe Niederlage gibt und im Pokal zuschlagen und weiterkommen.
    Hab noch ne schöne Woche,
    LG
    B.lacht.

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