Donnerstag, 24. März 2011

Alles so schön bunt hier.

War es tatsächlich erst vorgestern, dass uns Angst und Bange war, vor dem was kommt? Dass wir die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben über das fußballerische Desaster, das wir gerade erlebten? Tatsächlich erst vorgestern, dass Michael Skibbe von seiner Tätigkeit als Eintracht-Trainer beurlaubt wurde? Es ist der Wahnsinn, wie sehr sich alles über Nacht verändert zu haben scheint. Diskussionen. Abstiegsangst. Zweifel an der Qualität der Mannschaft. Schlotternde Knie. Schicksalsergebenheit. Hoffnungslosigkeit. Freier Fall. Pulverisiert, fast wie nicht gewesen. Die Uhren gehen anders. Der Tag hat jetzt 25 Stunden und jeder von uns hat drei Beine.

Mittwoch, 23. März. Der Countdown läuft und auch wir, die wir heute nicht im Waldstadion sein können, sind schon vormittags in dieser merkwürdigen Gickel- und Gackel-Stimmung und auf allen Kanälen dabei. Aha. Bereits um zehn Uhr werden die ersten Fans am Trainingsgelände gesichtet. Aha. Die Ankunft von Christoph Daum im Waldstadion um 10.57 Uhr wird per Foto dokumentiert. Er trägt einen grauen Anzug und ist braun gebrannt. 10 Fernsehanstalten, Radiosender und über 100, ach was: 200, 1000, eine Million Journalisten sind um 12 Uhr vor Ort. Ab 12. 30 Uhr läuft die Pressekonferenz. Die Eintracht ist überall. Kein Entrinnen. Foto-Ticker. Hotlines. Gebabbel. dpa-Meldungen. Kicker, klar. HR-online, klar. Spiegel online. Sport 1. Stern.de . Ein (nur bedingt lustiger) Live-Ticker auf 11 Freunde.

Endlich. 15.30 Uhr. Die Live-Übertragung aus dem Waldstadion beginnt. Ich glotz TV. Natürlich. Menschentrauben ums Trainingsgelände. Blauer Himmel, Sonnenschein. Thomas Berthold. Werner Damm, der vermeldet dass wir so was hier in Frankfurt noch nicht erlebt haben. Nicht mal damals, in den 70ern. Hat Bernd Hölzenbein gesagt, und der muss es wissen.

Im Hintergrund des Bildes, auf dem Rasen, steht eine lebhafte rotundschwarze Gruppe, die lacht, sich umarmt und gegenseitig auf die Schulter klopft. Ist das..., sind das...? Ja. Es sind die Jungs, die am Samstag wie-auch-immer den Sieg gegen St. Pauli ins Ziel gezittert haben, also: der Teil davon, der derzeit in Frankfurt weil, verstärkt durch den talentierten Nachwuchs (doch, wir haben noch welchen ,-). Ich erkenne Erik Wille, den Kapitän der Schui-U17-Meistermannschaft. Da ist Marco Russ. Caio blinzelt verdutzt in die Sonne. Großaufnahme Alex Meier. Er kratzt sich am Kinn.

In der Rückblende sehen wir das neue Trainerteam, das unter dem Beifall der Menge, das Trainingsgelände betritt. Jetzt ist kein Zweifel mehr möglich. Es ist wirklich wahr. Der Mann, der da lächelnd voran schreitet ist unverkennbar Christoph Daum. Er hat einen Adler auf der Brust, auch wenn darunter Gazi steht und die Farbe des Trainingsanzugs irgendwie nicht zu stimmen scheint. Der hoch aufgeschossene Mann im Partnerlook dahinter - ja, der, der aussieht als sei mit ihm nicht gut Kirschen essen – das muss dann wohl Roland Koch sein, Daums treuer Begleiter auf allen Wegen und also unser neuer Co.

Erinnere mich an den Trainingsauftakt von Michael Skibbe vor knapp 2 Jahren, vor der Wintersporthalle. Ein paar hundert Leute waren da. Mann, war das heiß damals. So ein Durst. Aber es gab nichts zu trinken (heute gibt es Bier). Von Aufbruchstimmung war die Rede. Die Last der "Ära Funkel" sei von der Eintracht abgefallen. Wenn ich mir das jetzt hier so anschaue: Wie groß muss dann die Last der "Ära Skibbe" gewesen sein? Wie groß muss unsere innere Not gewesen sein, dass Christoph Daum – „ausgerechnet“ Christoph Daum – eine solche Euphorie auslöst? „Als Eintracht-Fan würde ich mich erschießen“, war die erste Reaktion eines Freundes, der die Geschicke der Eintracht aus der Distanz und dem Blickwinkel eines Ex-Liebhabers verfolgt, „aber aus neutraler Sicht find ich’s großartig – das wird lustig.“ Mmh.

Oder ist alles ganz anders: Skibbe. Daum. Das hat gar nichts miteinander zu tun? Ist das hier ein Zeitpsrung? Kontinuität oder Wandel? Oder Bruch? Muss man sich ändern, um der zu bleiben, der man ist? Ist das der Kern unseres Eintracht-Seins, der sich da nach außen kehrt oder äußerer Schein? Anfang oder Ende? Liegt das, was hier abgeht, an Christoph Daum oder liegt das an uns? Ein kollektives Erwachen. Endlich dürfen wir wieder Eintracht sein. „Subbä,“ war der Mail-Kommentar des oben bereits erwähnten Freundes mit Blick auf die Live-Übertragung des Hessischen Rundfunks: „Subbä. Das is wie annodunnemals beim Stepi.“

Einblendung der Pressekonferenz. Aha. Daum und die Eintracht sind von Anfang an „wir“ und nicht „ich und der Verein“. Mit dem Spiel gegen Wolfsburg beginnt eine neue Saison. „Wir wollen in den letzten sieben Spielen der Spitzenreiter sein.“ Das Wort Abstieg gibt es nicht mehr. Klassenerhalt. Aaaah. Internationales Flair. Aaaahh. Das geht runter wie Öl. „Ich möchte, dass die Menschen den Namen ... dieses Verein wieder mit Stolz nennen.“ Hoppla, ich glaube, da war ihm doch kurz entfallen, wie dieser Verein heißt. Macht ja nichts. Es kommt trotzdem gut.

Wieder live auf dem Trainingsgelände. Heribert Bruchhagen im Interview. Traue meinen Augen kaum. Auf den Fotos der letzten Tage sah der Mann grau und eingefallen aus, um Jahre gealtert. Heute ist er locker, die Gesichtszüge glatt und entspannt. Jungenhaft, fast ein wenig spitzbübisch. Das muss wohl an der Sonne liegen, die über dem Waldstadion strahlt.

Nicht nur dort, auch hier bei uns, im Rheinhessischen Hinterland, ist der Himmel heute blau. Noch ein Blick auf Werner Damm und Thomas Berthold, der als einziger ein wenig griesgrämig wirkt. Was hat er nur? Die Live-Übertragung aus dem Waldstadion geht zu Ende. Mein Mit-Adler und ich haben uns erhoben. Ich führe die Trillerpfeife, die ich seit heute an meinem Eintracht-Bändchen um den Hals baumeln habe, zum Mund. Hey. Hey. Hey. Wir umarmen uns und klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, verstärkend bearbeite ich mit der Faust den Adler auf meiner Brust.

Konstatiere: Ich bin voll motiviert. Die Mission Klassenerhalt kann starten. „Hundert Mann und ein Befehl“ – na ja, da wird uns hoffentlich noch was Besseres einfallen.

Kommentare:

  1. Der schiere Wahnsinn ist das, was die letzten Tage rund um die Eintracht passiert. Von Dir sehr schön beschrieben und zusammengefasst:)
    Am Samstag stand ich mit offenem Mund und ausgebreiteten Armen im Stadion, nach unserem 2-1. Also ähnlich Deiner Reaktion, die du hier ja schon an anderer Stelle schön geschildert hast. Erleichtert - aber immer noch sprachlos - und das nach einem Eintracht-Tor.
    Und jetzt? Trainingseinheiten voller Elan, die mir so neu sind wie meine plötzlich positive Meinung über Herrn Daum (aber vor allem seinen Co), obwohl noch keine Minute unter ihm gespielt wurde.

    PS: Ich finde es sehr schön, dass du jetzt auch im Fan geht vor Deinen Platz gefunden hast!

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  2. Schöne Betrachtung von dir,über die ereignissreichen-letzten Tage.
    Ja,Heribert sah wirklich nicht gut aus-tags zuvor-und beim ersten Training, wirkte er sehr locker und gelöst.
    Will hoffen,dass es die Mannschaft schafft den den besten Motivator-haben sie jetzt in ihren Reihen,-Roland Koch-`lacht.`
    LG
    (B).

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  3. ...mitten im Training auf Pfiff umarmen und Torjubel ?
    Das is ja wie im Block beim 0:4
    in Dortmund vor 2-3 Jahren ... ;-)

    Was DA wohl alles jetzt noch kommt..........?

    Und NUN,zum *Feierabend* der Arbeitswoche habe
    auch ICH 'was zu konstatieren:

    Magendruck und Durchnwindsein seit 2 Tagen besser, Konzentration zurück...,kein Witz.

    AUF NACH WOB ... :-))

    LG aus HB von I. !

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  4. Ob es lustig wird, weiß ich nicht, aber inspirierend finde ich es/ihn jetzt schon. :-)

    Gruß vom Kid, der bunt ganz schön und Nina Hagen sowieso gut findet. :-)

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  5. Ja, es ist bunt, schön bunt!

    Ich habe ein sehr gutes Gefühl. Und das behalte ich auch erstmal. Pooositiv!

    Au revoir tristesse!

    Ich danke dem guten Heribert bereits jetzt, auch wenn es vielleicht verfrüht sein mag. ER hat mich nicht enttäuscht, ich habe an ihn geglaubt und daran, dass er doch noch handelt. Und dann auch noch so. Wow.

    Liebe Grüße
    Nicole

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  6. @Shlomo: „...Trainingseinheiten voller Elan, die mir so neu sind wie meine plötzlich positive Meinung über Herrn Daum...“ Jaaaaa.... Immer wenn ich bei mir an diese Stelle komme, höre ich auf, nachzudenken ,-) Obwohl... naja: Alles hat seine Zeit. Und im Moment ist garantiert nicht die Zeit, um zu zweifeln. – Hey – freut mich, dass du mich in der FGV entdeckt hast. Ja, ab und an und immer mal wieder :-)

    @C-Willi: Kann’s immer noch nicht glauben, dass du ernst machst...

    @Weser-Bembel: Geht mir auch so. Das ist schon der Hammer, unfasslich wie dieser Druck auf einem gehangen hat... Auf nach WOB!

    @Kid: Und es soll ja mal Zeiten gegeben haben, da waren „bunt“ und „schräg“ und „durchgeknallt“ Worte, die einem nicht nur bei Nina Hagen, sondern bei der Eintracht eingefallen sind...

    @ Nicole: Ich war immer ziemlich sicher, dass Heribert – auch wenn es noch so oft kolportiert wird - tief in seinem Innern weder Harsewinkel, noch Zement, noch Oberlehrer ist. Mir fallen wenig andere Beispiele ein, wo jemand mit einem Schlag alle Klischees so sehr auf den Kopf gestellt hat. Yep. Wow. Es kribbelt.

    Danke sehr für eure Kommentare – Adlergrüße von K (die auch ohne Trillerpfeife rennt und fliegt und kämpft, echt ,-)

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