Sonntag, 13. März 2011

Wieder mit dem gleichen Fleiße...

Samstagvormittag, vor dem Spiel der Eintracht auf Schalke
Eigentlich sollte ich aufgeregt sein, bin ich aber nicht. Im Gegenteil: ich bin auf merkwürdige Art ruhig. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich bin gefasst. Und zwar auf alles. Liegt diese ungewöhnliche Stimmungslage etwa daran, dass am anderen Ende der Welt selbige gerade untergeht? Oder dass hier, bei uns, heute die Vorstellung vom Weltuntergang sehr fern und stattdessen die Sonne scheint und die Welt nach Frühling riecht?

Weder noch. Ich habe in den letzten Tagen so viel im Kreis gedacht und diskutiert, so viel Kluges und Dummes, so viel Wut und Weh beim Gedanken an die Eintracht hin und her gewendet, dass ich ruhiggestellt bin. I made up my mind. Ich warte nicht auf ein Fußballspiel, ich warte auf ein Urteil. Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass bereits vor dem Spiel gegen Schalke hätte gehandelt werden müssen. Dies ist nicht geschehen. So ist es nun mal und jetzt wird halt nach diesem Spiel der Cut erfolgen, unvermeidlich,  und wir können leider erst nächste Woche wieder  anfangen, nach vorne denken. Vielleicht schaffen wir es sogar einen Punkt – (drei?) – aus Schalke mitzubringen. Jeder Punkt gegen den Abstieg ist ein wichtiger Punkt. Aber der Cut wird folgen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. „Die“ sind ja auch nicht blind. „Die“ wollen die Eintracht ja auch nicht sehenden Auges in den Abgrund schlittern lassen.

Sky-Interview mit Felix Magath vor dem Spiel: „Können Sie sich vorstellen, dass Sie nächste Woche nicht mehr Trainer auf Schalke sind?“
Magath: „Nein, kann ich nicht.“

Samstagnachmittag, direkt nach dem Abpfiff
Es ist vollbracht. Wir haben auch das noch durchgestanden. Das letzte Spiel unter Michael Skibbe. Wir haben verloren. Kurios verloren. Anders als gedacht (Merke: Fußball ist immer anders als gedacht). Der Fährmann. Der Tzavellas. Der Charisteas. Nicht zu fassen.

„Also, so wie das gelaufen ist, hätten wir den einen Punkt eigentlich auch mitnehmen müssen...“ Sage ich. „Eigentlich hätten wir vor dem Ausgleich schon drei null hinten liegen müssen...“ Sagt mein Mit-Adler. Und wir haben beide recht und sind froh, dass wir dieses Spiel hinter uns haben und dass es jetzt, endlich, ernst wird mit dem Kampf gegen den Abstieg. Verdammte Axt, nur noch zwei Punkte bis zum Relegationsplatz. Aber jetzt. Rumms. Ruck. Wir werden das schaffen. Wir alle. Gegen Pauli. Eintracht. Eintracht.

Samstagabend, zwei Stunden nach dem Abpfiff
Vorbei ist es mit der Fassung. Vorbei mit dem kämpferischen Ausblick. Habe Interviews und Statements gehört. Im Netz nachgelesen. Schwarz auf Weiß. Weiß jetzt, was sich bei der Eintracht ändern wird: Nichts. Bin konsterniert. Müd. Weh. Fühle mich hilflos und verfasse folgenden Eintrag für meinen Blog:

Kehraus!

Da Eintracht Frankfurt de facto aufgehört hat, sich ernsthaft am Spielbetrieb in der Bundesliga zu beteiligen und offensichtlich nicht vorhat, den Abstieg in die zweite Bundesliga aktiv zu verhindern bzw. sich überhaupt am Abstiegskampf zu beteiligen, beantrage ich hiermit, dass die Verantwortlichen der Eintracht uns den Rest der Saison ersparen mögen. Ich schlage vor, dass Eintracht Frankfurt in einem offiziellen Schreiben an die DFL erklärt, dass der Verein sich entschlossen hat, freiwillig in die zweite Liga zu gehen und zu den restlichen Spielen der laufenden Saison nicht mehr antritt. Hierbei handelt es sich um eine reine Formsache, da – wie gesagt – de facto ohnehin bereits kein ernsthafter Widerstand mehr geleistet wird. Durch die offizielle Einwilligung in den Abstieg können unnötige Kosten, hohes Verkehrsaufkommen und öffentliche Gefühlsaufwallungen aller Art (Wut, Trauer, Melancholie, Depression) vermieden werden. Außerdem könnte der Verein den Eintrachtlern unter uns, also denen, die den Adler im Herzen tragen, denen, die immer da sind, weil sie gar nicht anders können - zumindest eine kleine Gunst erweisen. Uns bliebe erspart, dass wir in einem nicht existenten Abstiegskampf zur „Fankulisse“ von „Eintracht Frankfurt“ funktionalisiert werden.

Hochachtungsvoll!

Ich sehe davon ab, den Eintrag zu veröffenlichten. Und trinke stattdessen lieber ein Bier. Zwei. Drei.

Sonntagvormittag
Bin wütend. Traurig. Resigniert. Habe einen Kloß im Hals. Klar. Selbstverständlich werde ich gegen St. Pauli im Waldstadion sein. Selbstverständlich werde ich, werden wir uns die Seele aus dem Hals brüllen, um zu retten, was zu retten ist. Selbstverständlich werden wir gegen St. Pauli gewinnen. Und irgendwie, irgendwie werden wir es schaffen, das Schlimmste zu verhindern. Wir werden nicht absteigen. Ich, wir werden auch diesen Weg mit der Eintracht gehen, sehenden Auges, aber wie auch immer es ausgeht – das, was jetzt gerade passiert bzw. nicht passiert, das ist falsch. “You are wrong, Mr. Bruchhagen!”

Wir werden die Herde trotzdem nach Missouri bringen. Klar. Selbstverständlich. Was sonst?

Und jetzt alle: Eintracht! Eintracht! Eintracht!

Kommentare:

  1. Stampede! Die Herde sollte durchgehen, denn unserem Ted Dunson fehlt ein Zögling wie Matthew Garth, den er irgendwann als gleichwertigen Partner ansehen wird. Nicht einmal einen Steve Leech sehe ich, der (in "The Big Country) wenigstens versucht, seinen Major Henry Terrill aufzuhalten, in dem er ihm - wenn auch nur vorübergehend - die Gefolgschaft verweigert, weil er den eingeschlagenen Weg als falsch erkennt.

    Gruß vom Kid, der sich fühlt wie ein einsamer, alter Cowboy

    PS: Eben erst ist mir aufgefallen, dass Dimitri Tiomkin die Melodie von "My Rifle, My Pony and Me" aus "Rio Bravo" bereits in "Red River" verwendet hat.

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  2. In dem späten Western Monte Walsh sagt Lee Marvin als einsamer, alter Cowboy: "Ich spucke doch nicht auf mein ganzes Leben." Ist doch ein Motto für Eintrachtler, die sich gerade sehr müde fühlen. Sie müssen deswegen ja nicht gleich eine Bank überfallen. Also dann: Bringen wir sie nach Missouri, egal wie. C.

    Dimitri Tiomkin: Gute Künstler sind gute Diebe (bei sich selbst und anderswo) und gute Mehrfachverwerwerter. Siehe auch unter Bach und Shakespeare.

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  3. @Kid: Wenn sich bei der Eintracht keiner findet, der entgegentritt und Entscheidungen in Frage stellt, dann bleib uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, den Schaden zu begrenzen. Auch in Red River wird die Stampede gestoppt, ok mit hohen Verlusten, aber sie wird gestoppt. Unsere läuft bereits, wir müssen die Herde jetzt dazu bringen, Kurs auf den Canyon zu nehmen, die immer weitere Beschleunigung stoppen.

    Wg. "My Pony..." - ging mir genauso.

    @Celtix: Nein, sicher wirs du, und werden auch wir nicht auf unser Leben spucken, ganz gewiss auch nicht Kid. Leider können wir nie sicher sein, dass es vielleicht andere versuchen...

    Auf nach Missouri! Ruuuuuuuummmmms!

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  4. Sooo, dank WIFI gratuit im Hotel kann ich nun auch von hier aus direkt weiter mit leiden. Sehenden Auges. Ich will mich nicht drücken. Gehe da durch.

    Was war das denn am Samstag? Höllenritt. Erneut. Da gibt es nichts zu beschönigen. Leider machen sich in mir böse, böse Gedanken und Gefühle breit. Ich könnte schreien. Ich verstehe es nicht. HB, HB, was tust du? Oder warum tust du nichts???

    Ob wir wirklich vor dem Abgrund anhalten können?

    Grüße aus Frankreich!
    Nicole

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  5. Wir werden nur mit-Viel Glück-das Desaster vermeiden können und dass heisst für mich,dass andere Mannschaften-für uns mitspielen-und ich *dachte*,dass hätten wir hinter uns.
    Danke Kerstin,einmal mehr,wunderbar getroffen.:-)))*ggg*
    LG
    (B).

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  6. Man fühlt sich wirklich wie im falschen Film. Vollkommen surreal. Immer das Gefühl - irgendwann kommt einer um die Ecke und sagt "ätschbätsch - stimmt ja gar nicht". Aber leider.... jeden Tag unverändert...vielleicht müssen wir NOCH lauter schreien?

    Hab gestern abend auch grad zum x-ten Mal unsere noch ausstehenden Spiele und die von Pauli, Lautern, Wolfsburg, Gladbach, Bremen angestiert (den VFB nicht, ich glaub die ziehen jetzt einfach weg...), und dann dachrte ich: Was tust du hier eigentlich...? Maaaaaaaaaaan... WIR PACKEN DAS!

    Grüße an Attilas Töchter in nah und fern :-)
    K.

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