Mittwoch, 1. Juni 2011

Ilmeditsch

Dass die Eintracht einen  neuenTrainer hat, habe ich gleich am Montag Abend noch mitbekommen. Es war ein heißer, ein schwüler Tag. Jetzt wird es allmählich dunkel. Wir sitzen draußen, auf dem Bänkchen hinterm Haus. Leichter Wind in den Bäumen, auf dem höchsten Baum, einer gakeligen Tanne , tiriliert eine Amsel ihr Abendlied. Die beiden kleinen Kätzchen, die den ganzen Tag im Haus gedöst haben, werden allmählich munter. Gähn. Streck. Hüpf. Hosser. Wir sitzen und schauen in den Himmel, trinken Wein, knabbern Oliven, reden über die Welt und die Eintracht. Heute hat sich wieder nichts getan. Eieiei. Wir üben uns in Bruno-Sprech. Da musst du durch. Da kenne ich mich aus. Ich weiß wie der Hase läuft. Da brauchst du Ruhe und Gelassenheit. Und einen guten Torwart. Da musst du mal nach vorne gehen und schnell wieder zurücklaufen. Da musst du vorbereitet sein.

Eine unserer Katzen läuft von links durchs Bild. "Magst du noch einen Schluck Wein?" Ich mag. Der Wind weht.

Von der Eintracht sind wir beim lang, lang ists her und bei Geschichten aus der Schulzeit gelandet. Mein Mit-Adler kennt eindeutig die lustigsten. Zum Beispiel die vom höchst verwirrten Klaus Z., der durch sein merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit der anwesenden Lehrkraft erweckte. Ganz normales Klassenzimmer, Holzstühle, Holzbänke. Nur eine Schulbank sieht anders aus, die Oberfläche ist mit einer Art weißem Resopal überzogen. Dort sitzt Klaus. Der Unterricht hat bereits begonnen. Klaus sitzt, sichtlich aufgeregt, fast aufgewühlt, hinter seinem Tisch, streicht über die Oberfläche und murmelt etwas vor sich hin. Lehrer: „Klaus, was ist los mit Ihnen?“ Klaus (aufgeschreckt, stammelnd, gestikulierend, auf den Tisch zeigend): „Bank verwechselt, Bank verwechselt.“ Lehrer: „Und das beunruhigt Sie?“

Ich kann Klaus gut verstehen. Auch mich beunruhigen manchmal die merkwürdigsten Dinge.  Und da sind wir doch schon wieder bei der Eintracht, während justament in diesem Moment wieder eine Katze durchs Bild läuft, dieses Mal von rechts. Aufrechter, federnder Gang, vorbildliche Körpersprache. Was hat sie denn da im Maul? Das ist doch… ? Sie legt einen Zahn zu und verschwindet im Wohnzimmer. Mein Mit-Adler hechtet hinterher, um zu sehen, ob noch etwas zu retten ist, während ich – eher routinemäßig und ohne ernsthaft mit Neuigkeiten zu rechnen, nach dem neben mir liegenden Handy greife. Mal kurz checken, ob sich nicht doch vielleicht doch irgendwas getan hat. Da ist doch… Huch… Tatsächlich… Mein Mit-Adler erscheint in der Tür, eine miesmotzig vor sich hin fiepende Katze im Schlepptau: Die Maus ist gerettet. Und die Eintracht hat einen neuen Trainer.

Dienstag. Über Nacht habe ich vorsichtig damit angefangen, mich mit dem neuen Trainer anzufreunden. . Hey. Er ist jetzt unser Trainer. Das passt schon. Klares Erstliga-Signal. Es hätte besser, aber es hätte auch schlimmer kommen können. Dann die Pressekonferenz. Da sitzen sie also, dort, wo vor drei Wochen noch Christoph Daum den Kasper gemacht hat. Da sitzen sie nebeneinander: Armin Veh, Heribert Bruchhagen, Bruno Hübner. Ein kompetenter, freundlicher, sichtlich ein wenig melancholischer Trainer. Ein merkwürdig unscheinbar wirkender Vorstandsvorsitzender. Und ein Sportdirektor, der vor allem eins zu sein scheint: Unglaublich wichtig. Und auf einmal überfällt mich eine große Niedergeschlagenheit. Wie sehr hatte ich mir Lebendigkeit gewünscht. Aufbruch, Energie, Mut.  Wieder eine Chance liegen lassen. Das hier ist alles so staatstragend. Merkwürdig fremd, fast schon parodistisch. Wenn ich für eine Tragikkomödie mit dem Titel „Das Bayern München der zweiten Liga“ (arrgrmpf) die Besetzung hätte casten müssen – kann gut sein, dass sie so ähnlich ausgesehen hätte.

Armin Veh sagt, dass er bei uns vor allem auch Spaß haben will. Heissa. Fast ein bisschen traurig klingt auch das. Und, ja klar: Ich bin sicher. Wir werden Spaß haben. Wir werden uns noch eine Weile gegenseitig täglich neu versichern wie absurd, wie unglaublich komisch  oder wie e n t s e t z l i c h langweilig das alles ist. Wir im „Unterhaus“. Gähn. Ist die Zeit stehen geblieben? Uhren zurückgedreht? Sind wir, was wir waren oder werden wir, was wir sind? Manchmal werden wir uns vorkommen wie im falschen Film, aber dann wird der Funke springen, bei Heimspielen werden wir aus voller Kehle das Europa-Lied singen und bei der Mannschaftsaufstellung voller Hoffnung und Überzeugung „Caio“, „Gekas“, „Meier“ und „Köhler“ schreien. Vermutlich werden wir aufsteigen. Das wird dann der Hauptspaß.

Keine Ahnung, warum mir gerade jetzt, in diesem Moment eine weitere Schulgeschichte meines Mit-Adlers einfällt. Und zwar die von Dietmar „Ille“ L., dem Erfinder des Ilmeditsch. Ille hatte sich dieses Wort ausgedacht und es war zum running gag und zum Synonym für alles und jedes geworden. Dann kam die Klassenarbeit in Erdkunde. Südamerika. Und dabei die Frage: „Was weißt du über die Tierwelt am Amazonas?“ Ille schreibt: „Im und am Amazonas leben viele exotische und seltene Tiere: Piranhas. Amazonasdelphine. Tapire. Ilmeditsch.“ Die Klasse wartet gespannt auf die Rückgabe der Arbeit. Ille schlägt sein Heft auf, liest und - neu-sprech –:  rofl. Was ist passiert? Was steht denn da? Der Lehrer hat das Wort „Ilmeditsch“ rot unterkringelt und es kommentiert: „Unleserlich.“

Kann also gut sein, dass es Ilmeditsche am Amazonas tatsächlich gibt. Bei Eintracht Frankfurt derzeit jedenfalls nicht.

PS: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, ihn aber auch nicht zu früh beklagen. Abends fahren wir zu einem Patti Smith-Konzert nach Frankfurt. Mousonturm. Patti kommt auf die Bühne. Sie ist krank, krächzt, bekommt kaum ein Wort heraus. Sie wird es trotzdem versuchen. Und sie versucht es nicht nur: Sie macht es. Zart. Wild. Mutig. Rockig. Anrührend in ihrer Schwäche und mit ihrer Kraft. Witzig. Charmant. Zwischendurch nimmt sie manchmal ein paar Minuten eine Auszeit, kauert am Bühnenrand, trinkt Tee. Helpless. Die Band hilft ihr, wir helfen ihr. Lalala. Und zum Schluss schafft sie, schaffen wir zusammen tatsächlich sogar noch ein G l o r i a.

Nach zwei Stunden ist das Konzert zu Ende. Wir treten auf die Straße. Kühler Wind. Frische Luft. Es regnet. Was für ein großartiger Abend. Und dank Patti bin ich gerade wieder daran erinnert worden, dass auch auf mich, auf uns, auf Eintracht Frankfurt,  irgendwo noch etwas Wunderbares und Glückverheißendes wartet. Auch dann, wenn weit und breit gerade einmal kein Ilmeditsch in Sicht ist.




Nachtrag am 2. Juni: 
Patti hören? Zwei Mitschnitte vom Dienstagabend - Birdland - Rock'n Roll Nigger

Kommentare:

  1. Ilmeditsch sehr schöne Geschichten aus der Schulzeit und von euren zwei Rabauken,*Lacht.*
    Wir werden dass Jahr schon meistern und ich freue mich ehrlich gesagt auf die -zweite- Liga.
    Warum?!,kann ich selbst nicht beantworten aber für- mich-ist dass auch nochmal ein-Neuanfang-und ich werde,wenn ich es zeitlich einrichten kann,so oft wie möglich-bei Heimspielen-anwesend-sein.
    Danke,für deinen Ilmeditsch ;-)-wie immer sehr unterhaltsam.
    Hab ne schöne Zeit.
    LG
    (B).

    AntwortenLöschen
  2. Ilmeditsch? Sofort verpflichten den Mann!

    Oder noch besser einen wie Patti Smith. Kämpfen, nicht aufgeben, durchhalten und überstehen. Wille und Herz.

    Gruß vom Kid, der sich an einem traurigen und grauen Tag für deinen Eintrag sehr bedankt.

    AntwortenLöschen
  3. Ilmeditsch. Neues Wort gelernt. Danke :)

    Nun habe ich mich mal einen einzigen Abend nicht um die Eintracht gekümmert, stehe am Morgen auf, arbeite meine üblichen Pflichten als 3-fache berufstätige Mutter runter, setze mich mit Rosa ins Auto und höre im Radio, als wäre es schon tagelang Fakt, dass Armin Veh der neue Trainer ist. Rosa, das arme Kind, hört mich schreien: Ohhhh neeee, net der!!!

    Ich versuche mich zu erklären und Rosa meint: "na, warten wir mal ab, vielleicht ist er nicht so schlecht..."

    Ich warte also ab. Fährmann, ja der geht. Kein Problem.
    Wir sitzen im falschen Block, kein Eintritt zum ersten Heimspiel. Kein Problem, haben wir ja Geld gespart, toll. Schnäppchen 2. Liga...

    Ich sage nur: Ilmeditsch. Sehr schönes Wort irgendwie.

    Werde ich nicht vergessen.

    Patti Smith im Mousonturm? Davon wusste ich gar nichts. Aber sie war da, sie hat gekämpft. Das Mousongelände war mal Unterrichtsort für die Schüler der Herderschule meiner Generation, sicher verseucht alles damals ganz am Anfang der Achtziger Jahre, 3 Jahre Oberstufe dort. Alle waren wir Kämpfer. Wie Patti, wie Rosa, hoffentlich wie die Eintracht.

    Komisch, ich bin nicht mehr so emotional. Ganz kurze Aufregung nur. Ganz kurz. Hübners Bruno, Armin Veh da. Fährmann weg, Franz sicher auch. Keine großen Emotionen. Ich warte ab.

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
  4. Die negative Stimmung derzeit macht mich schon richtig depressiv. Ist denn wirklich alles so schwarz oder bin ich einfach zu naiv? Ich kann's nicht beantworten. Mit der 2. Liga habe ich mich angefreundet, freue mich wieder auf Fußball, auf die Eintracht. Der größere Horror ist die Sommerpause.

    Mit den derzeitigen Personalien kann ich gut leben. Wenn man mal so im Umfeld von Wehen und Duisburg sich umhört und liest, hat Hübner dort einen guten Job gemacht. Auf mich macht er einen bodenständigen Eindruck und scheint sehr fleißig zu sein. Außerdem hat er nach eigenen Aussagen ein Eintracht in sich. Veh fand ich auch immer sehr symphatisch und authentisch.? So wohltuend anders wie die Tuchels und Klopps der Welt. Das Rad wurde und wird nicht neu erfunden werden, auch nicht im Fußball. Heute ist jung und wild modern, morgen wieder erfahren und abgeklärt. Die Bayern sind doch auch hier wieder einen Schritt weiter. Vor 3 Jahren den ach so innovativen Klinsi, um jetzt zum Heynckes zurück zu kehren.

    Was die Mannschaft betrifft, bin ich sehr gelassen. Hauptsache Rode, Jung, Clark und Kittel bleiben. Alles andere ist Schall und Rauch. Ich wünsche mir wieder Typen, so jemanden wie Kyriakos. Man weiß, dass er ein Söldner ist, aber ein ehrlicher.

    Was Bruchhagen betrifft,ein Kommentar im Blog-g trifft's da auf den Punkt: "Bruchhagen ist der einzige der Selbstkritik übt. Von keinem Spieler oder Ex-Trainer war ähnliches zu hören".

    Ich hoffe, dass wenn so Gott will die ersten Spiele gewonnen sind, diese gruselige Stimmung in positive Energie umschlägt.

    AntwortenLöschen
  5. @C-Willi: Kraft und Mut für einen Neuanfang - das ist immer gut. Freu mich sehr, dass du dabei bist.

    @Kid: Ja. Ilmeditsch meets Patti. Das wär’s.

    @Nicole: Oooh, was für ein schöner Streifzug durch deinen progressiven Alltag... Vielen Dank für deine Geschichten und Gedanken, grade auch für die Frankfurter Stadtgeschichten am Rande (du bist im Mousonturm zur Schule gegangen? Das is ja witzig...) Ich frag mich ja sowieso immer, wie du das alles schaffst. Und dann noch die Eintracht. Auf das Patti-Konzert sind wir zufällig aufmerksam geworden, war wohl nicht so groß angekündigt und eher kurzfristig. Es war großartig. (Hab oben jetzt noch zwei Links ergänzt, zum Mal Reinhören!)

    Kämpfen können wir. Alle. Wären wir sonst Eintrachtler. Und ansonsten: Wohl dem, der eine Rosa hat – so ein Glück!

    @Mark: Oooch. So depressiv find ich den Text hier gar nicht, ein bisschen nachdenklich, ein bisschen traurig, manchmal, aber doch auch kämpferisch.

    Ich bin – wie man oben lesen kann – mit den Personalentscheidungen nicht ganz so glücklich wie du. Nicht, weil ich unbedingt auf jung und wild gesetzt hätte (obwohl...*g) , sondern weil mir das alles in zu eingefahrenen Bahnen läuft. Weil die letzte Saison gezeigt hat, dass wir mehr ändern müssen als wir glauben. Weil das, was wir jetzt machen, aus meiner Sicht nicht mutig und entschlossen und „wir sind Eintracht“-mäßig ist, sondern gravitätisch und hausbacken und ein bisschen pseudo. Weil mich – ein klitzekleines bisschen nur – die Vorstellung gruselt, dass in der neuen Saison die erste Mannschaft mit ein, zwei Änderungen ziemlich genau die sein wird, die ich am Ende der letzten Saison, sagen wir mal, nicht mehr ganz so gern habe auflaufen sehen.

    Das alles ist, wie wenn jemand einen Anzug trägt, der schon ein bisschen angeschubst ist, hinfällt, sich umkuckt, ob es auch keiner gemerkt hat, den Staub abklopft, sich ein wenig Parfüm aufs Haupt träufelt und weitergeht. Statt: Hinfallen, aufstehen, sich schütteln, und merken: Ach, du Scheiße. Wo bin ich denn gelandet? Erstmal Klamotten runter, duschen, dann das Fenster gaaaaanz weit aufmachen, durchatmen – boah, da ist die Welt –sich daran erinnern, dass man im Kleiderschrak auch noch so ein paar ganz abgefahrene, bunte Kleidungsstücke hat. She’s like a rainbow. Muss kein Lipgloss und müssen keine Ohrring sein. Eher gar keine Schminke. Vielleicht eher ein B-Cap und Sneakers. Brust raus, Kopf hoch – seht her: Ich bin gefallen. Na und? Jetzt komme ich wieder, blitzwach, sprühend vor Energie – mal sehen, ob ich am Ende nicht bunter und schöner werde als ich jemals war.

    Was mich ebenso stört wie dich, ist die vielerorts zelebrierte Langeweile, dieser Haut Gout, alles unter unserer Würde und so. Ich finde die zweite Liga nicht langweilig, ich glaube, dass die kommende Saison sehr spannend und witzig und abwechslungsreich und vielleicht ja auch, zumindst ein bisschen, schräg und - ja - "cool" wird. Traurig sein - Ich glaub, das gehört dazu - und dann wieder aufstehen, Ärmel aufkrempeln, zupacken.

    PS: Rode, Jung, Kittel müssen bleiben. Ja. Hauptsache. Und Heribert Bruchhagen mag und schätze ich nach wie vor und ich gehöre zu denen, die froh sind, dass er uns auch in dieser neuen Konstellation erhalten bleibt.

    Vielen herzlichen Dank für die bunten, vielfältigen Kommentare und lg in alle Richtungen. Eintracht!

    AntwortenLöschen