Mittwoch, 30. Dezember 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel vom 18. bis zum 30.Dezember (Zwischen-den-Jahren-Edition)

18. Dezember
Schnee Schnee Schnee. Heute abend soll die Weihnachtsfeier unserer Rheinhessenliga stattfinden – in Alzey. Das wird schwierig. Während einer unserer Mitspieler seit Stunden in der Mainzer Innenstadt feststeckt, werden wir im rheinhessischen Hinterland sanft von den Flocken eingehüllt. Es hilft nix: No way out - Zum ersten Mal seit 15 Jahren muss unser gemeinsamer Jahresabschluss ausfallen. Winter Wonder World. Essen müssen wir trotzdem etwas. Ein bisschen traurig stapfen und schlittern wir durch unseren kleinen rheinhessischen Ort. Im Landgasthof leuchtet freundliches warmes Licht durch die Butzenscheiben. Das Jägerschnitzel dampft.


Spät abends steht im ZDF eine verfilmte Operninszenierung mit Anna Netrebko als Mimi auf dem Programm – La Bohème von Giuseppe Verdi. **stutz** La Bohème? Verdi? La Bohème ist doch von Puccini? Ja klar. Das weiß ich, das weiß mein Mit-Adler. Das weiß eigentlich fast jeder. Nur der Redakteur der Fernsehzeitung nicht. Aber der muss es ja schließlich nicht wissen, ist ja nur der Experte.

19. Dezember
Es hat aufgehört zu schneien, aber es ist kalt an diesem letzten Samstag vor Weihnachten. So kalt, dass die Nase weh tut, wenn man sie zur Tür hinaus steckt und dass nicht einmal die Nachbarkatze, die gerne auf eine Zwischenmahlzeit bei uns vorbeikommt, ihre dicken Pfötchen vor die Tür setzt. So kalt ist es.

Uns aber kann das nicht schrecken – oder doch: Vielleicht so ein klitzekleines bisschen schreckt es uns schon – allerdings nicht ab: Um ein Uhr brechen wir auf in Richtung Waldstadion. „Sind alle warm verpackt?“ Einer meiner Mit-Adler besitzt keine Handschuhe und hat jetzt auch noch seinen Eintracht-Schal zu Hause vergessen, der bzw. die andere behauptet, drei paar Socken übereinander und mehrere Pullover zu tragen, sieht aber jetzt bereits reichlich verfroren um die Nase herum aus.

Die Kälte ist im und ums Stadion nicht nur fühl-, sondern auch sichtbar, die Stimmung fast ein wenig traumverloren. Dick verpackte unförmige graue Figuren mit rotundschwarzen Schals und Mützen stapfen Richtung Stadion. Mir geht’s eigentlich ganz gut – eingedenk des guten Rates, den mir meine Oma für die Kälte des Lebens mit auf den Weg gegeben hat („Von unne ruff muss mer warm sei.“), habe ich nicht nur eine Strumpfhose unter den Jeans an, sondern auch selbstgestrickte Mama-Woll-Socken an den Füßen. Über drei Lagen Eintracht-Shirts, einem Eintracht-Trikot und einem Eintracht-Fleece ist heute außerdem zum ersten Mal meine Eintracht-Steppjacke im Einsatz, die ich mir neulich (von wesche runnergesetztefermewaache) für 19.90 Euro im Eintracht-Shop gekauft hab. Zwei Nummern zu groß, viel zu warm – abber heut: Genau richtig! Mein Mit-Adler ist derweil auf der Suche nach zusätzlicher Wärmedämmung – Handschuhe gibt’s nirgends mehr, aber dafür jede Menge Schals. Wir erstehen außerdem zwei Stadionmagazine - zum Draufsetzen. Es wird sich herausstellen, dass sie zu diesem Zweck nicht taugen.

Der Trupp unserer DK-Nachbarn ist schon versammelt als wir in unserem Block einlaufen. Vertraut. Lustig. Erwartungfroh. Trotz Kälte ist auch der kleine Sohn des rechts sitzenden Nachbarn ist dabei. Er trägt eine dicke Steppjacke und ist zusätzlich unter einer dicke Decke eingemummelt. Die Eintracht-Ente, die ich ihm zu Weihnachten mitgebracht habe, darf natürlich mit darunter.

In der Halbzeit treffe ich mich mit einem lieben Forums-Adler – zwei Mal hinschauen, wer oder was sich unter Mützen und Schals verbirgt – doch – hallo, hallo – ich, du, er ist’s, wir sind‘s. „Heut darf mir nix passieren im Stadion“, meint er. „Bis man mich aus den 25 Pullovern und Hosen rausgeschält hat, is alles zu spät.“ Der zweite Vorname des Adler-Freundes ist Skepsis. Hat er einen Tipp wie das Spiel ausgeht? „2:2.“ Gesagt, getan. . Nach dem Spiel leert sich das Stadion so schnell wie nie. Wir machen trotzdem noch einmal Halt am Fantreff Black & White für die obligatorische Currywurst danach. „Ich steh hier schon e paar Jahr“ sagt die nette Frau hinterm Bratwurstand „Abber ich kann mich net erinnern, des es beim Spiel schon mal so kalt war.“ Wir auch nicht.

Abends, vor dem Kamin, trinken wir einen Schluck auf die Eintracht, auf uns und auf Keith Richards, der heute 66 Jahre alt wird. Kein Zweifel: He had it all.





20. Dezember
Der Teich im Garten ist gefroren, die Welt von einer dicken Schneedecke überzogen. Ich backe Plätzchen – Sterne, Herzen, Kringel. Gibt es eigentlich Adler-Ausstechformen?


Gestern ist – einen Tag später als geplant – in Kopenhagen das Show-Event, das „Klimagipfel“ genannt wird, zu Ende gegangen. Ohne konkreten Beschluss. Ob die Welt deswegen tatsächlich untergeht oder ob ein Abkommen wahrhaftig dazu beitragen würde, ihr und den Menschen, die sie bevölkern, zu helfen - das darf bezweifelt werden. Vorerst ist jedenfalls keine Rettung in Sicht. Und sicher ist: So es einer bedarf - von Politikern wird sie ganz gewiss nicht kommen.

Am Telefon erzählt mir ein Mit-Adler eine Geschichte, die sich gestern im Stadion abgespielt hat. Ort der Handlung: Damen-Toilette im Waldstadion. Halbzeit Ein Trupp weiblicher Teenies hält sich dort zum Aufwärmen auf. Folgender Dialog:

Erster weiblicher Teenie:
"Also - der Torwart von den Bochumern, der sieht schon ziemlich gut aus."

Zweiter weiblicher Teenie:
"Der Torwart von den Bochumern? Die spielen heute doch gar nicht gegen Bochum, sondern gegen Werder Bremen."

Sache gibt’s.

21. Dezember
„We are all free“ sprach Patti Smith im Juli, als sie ein großartiges Konzert in der Jahrhunderthalle Höchst gab. Mag sein, dass das in einem höheren Sinn seine Richtigkeit hat – für mich gilt es heute nicht. Was für ein blöder, verbumfidelter Tag. Eigentlich ist unser Geschäft heute schon zu – aber dann überrollt uns noch einmal die Arbeit. Erst nur ein Mail, das dringend noch beantwortet werden muss, dann noch eins, dann Korrekturen, Rückfragen, ein langes Telefonat, ein Text, ein noch längeres Telefonat – irgendwann um 6 bin ich entnervt und hibbelig,mir ist kalt, bin missgelaunt, unzufrieden. Draußen schmilzt der Schnee. Mein Mit-Adler hat Nudelsuppe gekocht, ich setze mich an den Tisch, löffele. Ein Kerzchen brennt. Mir wird warm. Wie war das noch gleich bei Theodor Fontane: "Fast dachte ich, es gehe mir schlecht. Dabei fühlte ich mich nur so."
Jetzt noch einmal zu „Must be Santa“ um den Tisch gehopst – ok ok – hab's ja verstanden.

22. Dezember
Weihnachtseinkäufe und auch in den Herzen der Menschen im goldigen Mainz hat weihnachtlicher Geist Einzug gehalten. An der Ecke des Marktplatzes sitzt ein Punk mit seinem Hund im leise rieselnden Schnee. Vor sich hat er eine Blechbüchse stehen, in der sich einige rote Münzen befinden.

Eine ältere Frau kommt vorbei, hält an, schaut sich demonstrativ um, wirft dem jungen Mann etwas in die Büchse und kommentiert lautstark:
„Aber gell - des is für de Hund!“ Sie schaut sich beifallheischend um.
Der Punk, bemüht ernst zu bleiben: „Ok – geht klar.“
Ich krame in meiner Hosentasche, finde 2 Euro-Münzen, werfe sie ebenfalls in die Büchse: „Und das is net für de Hund, sonder einfach für dich.“
Der Punki kuckt hoch, grinst mich an. Daumen hoch – ich grinse zurück.

Jetzt schnell noch in der Tier- und Samenhandlung Katzenstreu besorgen. Eine ältere Frau stürmt in den Laden.
„Habbe sie noch von dene junge Hunde?“
Die Verkäuferin ist genauso erstaunt wie ich. „Junge Hunde? Wir haben doch hier im Geschäft keine kleinen Hunde. Wenn Sie einen Hund wollen, sollten Sie zu einem Züchter gehen, kleine Hunde müssen bei ihrer Mutter bleiben… oder noch besser Sie holen sich einen älteren Hund, im Tierheim gibt es so viele…“
„Ach, was“ fällt ihr die Frau ins Wort, „Das is mir alles viel zu umständlich. Und Tierheim? Da müsst ich ja extra hinfahren. Ich will den Hund jetzt gleich mitnemme…“

Hilfe!

23. Dezember
Dr. Seeger, der neun Jahre lang Mannschaftsarzt der Eintracht war, wird zum Ende des Jahres seine Tätigkeit für die Eintracht beenden.
Künftig wird ein hauptamtlicher Arzt die Eintracht-Spieler betreuen. Es ist zu befürchten, dass auch er genug zu tun haben wird.

Die Frankfurter Rundschau zieht eine Halbzeit-Bilanz und bescheinigt fünf Musterschülern überdurchschnittliche Leistungen: Alex Meier, Pirmin Schwegler, Patrick Ochs, Maik Franz und Ioannis Amanatidis haben die Klassenziele mehr als erfüllt. Oka, Chris, Vasi und Wuschu sind gut dabei. Auf der Hinterbank nehmen Ümit Korkmaz, Marco Russ, Zlatan Bajramovic , Benni Köhler, Liberopoulos, Caio und T-Bär Platz, während Steinhöfer, Heller und Petkovic einen blauen Brief erhalten, und Sebastian Jung ein Sonderlob. Kann man das so stehen lassen? Man kann. Und jetzt erstmal ab in die Weihnachtsferien.

24. Dezember
Bevor Patrick Ochs sich in die Weihnachtsferien verabschiedet, bekundet er, dass Mittelmaß auf Dauer keine Perspektive ist.
Also gut – abgemacht: Dann lass uns einfach in der Rückrunde oben mit spielen.

Heute ist Heilig Abend. Morgens noch einige letzte Einkäufe….Gemüse vom Markt, Brot, Metzger… Die Welt wird still. Noch ein kleiner Imbiss in einem Café – dann fahren wir nach Rüsselsheim, um dort Oma, Opa, Vater und Tante zu besuchen. Der Waldfriedhof ist ein würdiger, schöner Ort mit hohen Bäumen und wuselnden Eichhörnchen. Frieden. Es ist glatt und wir rutschen und schlittern durch den still daliegenden Park. Melancholisch, traurig, froh, einsam, stark. Alles durcheinander. Ein Gefühl von Verlorenheit und doch Aufgehoben sein, von Dankbarkeit und Verbundenheit. Nassgeregnet und aufgewühlt tapern wir zurück zum Auto. Im Dämmer fahren wir nach Hause. Shane MacGowan singt nur für uns in den Nachthimmel. And the bells are ringing out. Frohe Weihnacht.


25. Dezember
„I’ll be home for Christmas.“ Singt Bob auf seiner wundervoll schrägen, knarzigen, sentimentalen, lustigen Weihnachts-CD „Christmas in the heart. „Das klingt wie eine Drohung.“ Befand ein Kritiker. Viele andere fanden das zum Glück nicht. Der Reinerlös der CD geht an Feeding America - ü
ber eine Million Menschen konnten davon bereits profitieren.

Während unser Weihnachtsessen auf dem Herd schmurgelt, blättere ich in Weihnachtsbüchern. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen:

„Diese wahre Geschichte bestimmt euch jedoch
zu Opfern einer Wertkrise, denn die neue Macht, die von uns allen
gemeinsam geschaffen worden ist, hat jede bisherige Kultur zerstört,
um ihre eigene Kultur zu errichten, die aus nichts anderem
als Produktion und Konsum besteht und daher aus falschem Glück.
Weil euch alle Werte geraubt wurden, lebt ihr in einer Leere,
in der es keine Orientierung und keine Würde mehr gibt.
Die wenigen Eliten unter euch ersticken zum einen am Konformismus,
zum anderen an Verzweiflung.“
Pier Paolo Pasolini, 1975

„There IS happiness.“
Jane Austen, ca. 1800

Mmh.

26. Dezember
Wer an den Weihnachtsfeiertagen auf die Idee kommt, den Fernseher ein und in den Hessischen Rundfunk zu schalten, könnte einmal mehr auf den Gedanken kommen, die Welt sei ein einziger großer Bembel, der von Heinz Schenk und seinen lustigen Kumpanen bewohnt wird. Und wer weiß? Vielleicht ist es so – und irreal sind nur wir, die wir hier draußen sitzen und zukucken? Zur Überprüfung der Sachlage rät mein Mit-Adler zum Dr. Johnson-Prinzip. „Ist die Welt wirklich real?“ Einfach gegen einen Stein treten. „Aua!“

Weihnachtsfeier bei und mit Freunden. Wir sitzen und trinken und schwätzen und am Ende gibt es noch einmal eine Bescherung. Ich erhalte eine selbstgemachte Caio-Figur, zum Aufstellen, aus Pappmaché, die ganz wunderbar zu der Caio-Zeichnung passt, die ich im vergangenen Jahr bekommen habe. Nein, von der Figur gibt es kein Foto ,-)

27. Dezember
Als weihnachtlichen Gruß aus der Ferne habe ich von einer lieben Bekannten ein Mitbringsel aus New Orleans geschenkt bekommen: Eine winzig kleine, handgemachte Voodoo-Kuh, die Glück und Zufriedenheit bringen soll. Da weiß ich ja, was ich tun muss, falls die Drei-Muh-Eintracht-Orakel-Kuh irgendwann doch einmal eine Antwort schuldig bleiben müsste.

28. Dezember
Wie wohl die Eintracht-Spieler die Weihnachtsfeiertage verbracht haben? Schaut man sich ihre Steckbriefe auf der Eintracht-Homepage an, könnte das in etwa so aussehen: Oka isst Nudeln, kuckt im Fernsehen Batman und King of Queens, während er an einem Cola light schlürft und zwischendurch mal mit dem Hund rausgeht. Patrick Ochs zappt sich ein wenig durch Boerse-Online, schlendert mit seinem Hund durch Frankfurt und gickelt über Bart Simpson. Bei Maik Franz gibt es Schnitzel mit Kartoffelbrei und Erbsen oder vielleicht doch – in Anlehnung an seinen Lieblingscomic – Spinat. Marco Russ macht sich ein Omelette, lacht mit Sebastian Jung, der sich mit Ümit Korkmaz eine Pizza teilt, über Homer Simpson und trifft Caio, der in diesem Jahr erstmals seine Weihnachtsferien in Deutschland verbringt und jetzt – nachdem er ein Steak verzehrt und ein Cola dazu getrunken hat – ebenfalls grade mit seinem Hund eine Runde dreht. Sebastian Jung zieht sich anschließend die letzte Staffel GZSZ rein, während sich Alex Meier bei einem Döner eine weitere Folge von „Verbotene Liebe“ ansieht und nebenbei ein wenig in “Alvin and the Chipmunks“ blättert. Oder so ähnlich.

Na ja, Hauptsache es vergisst keiner, dass bei 2 Kilo Übergewicht nach der Winterpause 3.000 Euro fällig werden. Sonst landet man ganz schnell auf der Hinterbank der Frankfurter Rundschau.

29. Dezember
Die Winterpause, die in diesem Jahr gar keine ist, neigt sich fast schon wieder dem Ende entgegen. Am Wochenende ist Trainingsauftakt, nachmittags bereits das Hallenfußballturnier in Höchst, Montag Abfahrt ins Trainingslager. Mit oder ohne neuem Stürmer, das ist die Frage? Michael Skibbe hat das Thema abgehakt, findet, es „macht keinen Sinn zu Hause zu warten, wenn doch nichts mehr passiert“ und startet zu einem Kurzurlaub in die Türkei.

Markus Steinhöfer hat unterdessen tatsächlich so etwas wie einen Blauen Brief erhalten. Er wird bis zum Ende der Saison ausgeliehen und kämpft in der Rückrunde mit dem FCK um den Wiederaufstieg.

30. Dezember
Die Zeit zwischen den Jahren war schon als kleines Mädchen für mich eine besondere Zeit. „Zwischen den Jahren“ – eine Strecke Zeit, die aus der Zeit fällt und anhält. In dieser Zeit war – nichts. Einfach Zeit, die man sozusagen obendrauf dazu bekommen hatte und die noch nicht mit Welt gefüllt war. Zeit die still steht, wird zum Raum. Und nur was Raum hat, hat eine Chance wiedergefunden und bewahrt zu werden. Das war die Botschaft, die ich damals mehr fühlte als begriff. Denn es sind die Räume, die bleiben, auch wenn die Zeit unaufhörlich vergeht.

„We are all free.“ Patti Smith wird heute 63 Jahre alt. Wollen wir hoffen, dass sie am Ende recht hat und dass frei sein auch glücklich sein bedeutet.




**Ein Jahr rotundschwarze Eintracht-Schnipsel**
Fortsetzung folgt im nächsten Jahr
Möge es glücklich und froh beginnen!

Mittwoch, 23. Dezember 2009

And now it is Christmas

Allen, die in diesem Blog mitlesen, kommentieren, regelmäßig vorbeischauen oder nur ab und zu oder zufällig hier sind: Ein frohes und friedliches Weihnachtsfest.

"I can see a better time, when all our dreams come true."



Nachtrag am 25.12.2009:
Shane MacGowan wird heute 52 Jahre alt. Wir erheben ein Glas auf ihn - nein, keinen Gin, ein kaltes Bier soll reichen. Und wir schicken Grüße durch die Nacht in sein Land, nach Irland. Möge es ihm gelingen, das Leben noch eine Weile aus- und durchzuhalten. Kirsty MacColl ist dies leider nicht mehr möglich. Sie wurde beim Baden von einem rücksichtslosen Motorbootfahrer überrollt und starb mit 41 Jahren - im Jahr 2000, am 18. Dezember. And the bells are ringing out - manchmal leider vergebens.

Freitag, 18. Dezember 2009

Vor dem Spiel der Eintracht gegen Wolfsburg: Heulende Wölfe? Fliegende Fische!

Was mir zu Wölfen alles einfällt: Howling Wolf **Rotkäppchen und der Wolf ** Reinhard Mey **singan** Bevor ich mit den Wölfen heule, wird ich lieber harzig, knarzig grau **singaus** ** Das „Wolferl“ ** Das wunderbare Buch „Großvater und die Wölfe“ von Per Olov Enquist * Robert Gernhardt und der „Wolf von Gubbio“ ** Ror Wolf und seine großartigen Hör-Collagen vom Training am Riederwald ** Wolf Biermann** Wolfgang Wolf (was macht der eigentlich gerade?) ** Christa Wolf und ihr „Paulinchen war allein zu Haus“, ach nein, das ist ja von Gabriele Wolfmann…ähem… Wohmann, natürlich! ** Wolf Maahn ** Der Kleine und der Große Wolf (wichtig: der eine mit roter, der andere mit blauer Latzhose) ** Der Wolf und die sieben Geißlein ** Hessens bekannteste Persönlichkeit: Johann Wolfgang Goethe (da kann er richtig froh sein, der Geheimrat, dass er es bei der Umfrage des Hessischen Rundfunks vor Sebastian Vettel, Bodo Bach, Susanne Fröhlich u.a. auf Platz 1 geschafft hat) ** Hugo Wolf (so schwermütig, so schön) ** Jakob „Jockel“ Wolf ("der große Wolf") – ein Freund meines Vaters ** Rasenmäher ** Jack London ** Raimund Harmstorf als „Seewolf** Wolfsblut** „I saw a new born baby with wild wolves around it“ (Hard Rain, Bob Dylan) ** der Wolf im Schafspelz ** Lupo** Tom Wolfe und das „Fegefeuer der Eitelkeit“ ** „Schau heimwärts Engel“ von Thomas Wolfe** Friedrich und Konrad Wolf ** Mein Freund und RHL-Mitstreiter Wolfgang aus Limburg** Wolf Schmidt, der Babba Hesselbach ** das „Hotel Wolf“ in Salzburg (in dem wir während der EM 2008 zwei wundervoll schwebende Tage mit Fußball, Dylan, Ama und vielen, vielen Schweden verbracht haben)** Hunger wie ein Wolf haben ** Wolf Wondratschek (oje)** Wolfgang Overath (mit dem hab ich vor ein paar Monaten bei einem Promi-Kick in unserem Nachbarort ein paar Worte gewechselt – sehr nett)** Der große Soziologe und Historiker Wolf Lepenies ** Wolf-Dieter Po… nein, der fällt mir nicht ein**Wolfsmilch (eine sehr schöne Staudenpflanze, leider giftig)**

Ach ja – und dann gibt es noch einen Fußballverein, der mitunter als „die Wölfe“ bezeichnet wird. Der tritt morgen im Waldstadion gegen die Eintracht an. Einen gereizten Vorbericht gibt es hier, Interessantes rund um Spiele gegen die Eintracht, über den Verein und die Stadt (doch, wie ich letztes Jahr beim Schreibe ngemerkt habe: da gibt es tatsächlich einiges) aus dem Vorjahr hier und einen Rückblick auf die Pokalbegegnungen zwischen der Eintracht und dem VFL Wolfsburg hier.

Und da fällt mir zum VFL Wolfsburg doch noch etwas ein, sogar mit Wölfen. Und zwar ein Film: Der mit dem Wolf tanzt. Und das ist genau das, was morgen nachmittag im Waldstadion abgehen wird: Die mit den Wölfen tanzen, wird es dann heißen. Und vielleicht, vielleicht wird auch Christoph Preuß mit dabei sein. Sieg, 26 Punkte, fliegende Fische - und dann kann Weihnachten kommen!





Is ja schon gut - morgen kannst du weiterheulen (wobei: wenn ich im Moment aus dem Fenster schaue, könnte die Aufnahme fast hier in der Gegend entstanden sein...**gg)

Der Titel des Eintrags ist eine Anlehnung an Robert Gernhardts Gedicht "Der Wanderer"

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel 4. bis 17. Dezember (Vorweihnachtsedition)

4. Dezember
Noch zwanzig Tage bis zum Heilig Abend. Auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt wird aus der großen Weihnachtspyramide eine Holzfigur geklaut, die ein Trikot von Mainz 05 trägt – neben der Mainzelmännchen-Figur bleibt nur ein Beinchen in der Verankerung zurück. Abends sitzen wir zuhause vor einem flackernden Kaminfeuer. Zufall. Was auch sonst?


Ein an einer deutschen Universität absolviertes
Architekturstudium berechtigt nicht mehr dazu, den Beruf des Architekten auszuüben. Der Studiengang umfasst 6 Semester, die EU-Norm sieht dagegen eine mindestens 8-semestrige Ausbildung vor. Besser kann man das Thema „Bildungsreform“ nicht auf den Punkt bringen. Welcome, Bachelor!

5.Dezember
Heute abend spielt die Eintracht gegen „die 05“, wie die 05er von alteingesessenen Mainzern, aber auch von Zahnarztgattinnen gerne genannt werden. Bin morgens zum Einkaufen in der Innenstadt. Mit Eintracht-Schal, logisch.
„ Ei, sie habe de falsche Schal um“, meint der ältere Herr beim Bäcker.
„Ich glaub net,“ antworte ich.
„Sie sin in de falsche Stadt,“ vermutet der Gemüsebauer auf dem Markt.

"Wie mer’s nimmt..."

100 Prozent mit dem richtigen Schal am richtigen Ort sind wir dann abends. Die Eintracht spielt Fußball, richtigen Fußball, und gewinnt gegen Mainz 05 mit 2:0. Noch Fragen?

Frohe, strahlende, zufriedene Gesichter rund herum. Hey – da ist sie wieder, unsere Eintracht. Abmarsch durchs nächtliche Stadion. Das Stadiondach glitzert und glänzt. Rotundschwarze Menschentrauben. Gesprächsfetzen („ Hey… der Maik Franz.. des is aaaner“). Gesänge. Ein Trupp Eintrachtler trägt einen Galgen vorbei, an dem ein Mainzelmännchen baumelt. Rauchschwaden und Bratwurstduft hängen im Nachthimmel. Daneben auch die ein oder andere Geige.

Abends im Sportstudio… ach, lassen wir das!

6. Dezember
Nikolaustag. Zweiter Advent. Ein federleichter, froher Tag. Bin mit mir, mit der Eintracht, mit den Dingen und Menschen, die mich umgeben, in Einklang. Wache mit einem Lächeln im Gesicht auf und bin für einen Sonntag schon erstaunlich früh auf den Beinen. Trödele herum. Schreibe ein bisschen, Werkele hier und da. Tannenzweige. Nachbarkatzenbesuch. Apfel, Nuss und Mandelkern. Voll von Gedanken und Ideen. Backe Plätzchen (Nussmakronen und Buttergebäck), lese, träume, klimpere Weihnachtslieder auf dem Klavier. Adeste fideles. Abends noch ein Gang durch den Ort, Lichter plinken.

Soll ich oder soll ich nicht? Mmh…Kann dann doch nicht wiederstehen und setze mich ans Laptop. Adrenalinstoß. So, so. Eigentlich hätten die Mainzer das Spiel gewinnen müssen. Bancé beschuldigt Maik Franz. Ausgerechnet. Ok. Bin dann mal wieder weg.

7. Dezember
Heute beginnt der Klimagipfel in Kopenhagen, der sicher unglaublich umweltverträglich ist. Bereits vor Beginn der zweiwöchigen Veranstaltung steht fest: Was immer in der Welt Schreckliches geschieht – es liegt am Klimawandel. Das ist praktisch. Da braucht sich doch keiner mehr Gedanken zu machen über Diktaturen, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Korruption, Macht, Klassenunterschiede, Gewalt – den Emissionsausstoß um ein halbes Prozent verringern – und alles wird gut. Möglicherweise liegt es auch am Klimawandel, dass die Eintracht in den letzten Jahren nicht mehr so richtig oben mitspielt? Darüber muss ich nochmal genauer nachdenken.

8. Dezember
Bruce Springsteen ist, zusammen mit anderen Stars und Hollywoodgrößen zu Gast bei Barack Obama. Die Begrüßung fällt herzlich aus. „Ich bin zwar der Präsident – aber Sie sind der Boss.“ Yes, he is . Wo Obama recht hat, hat er recht.

Gedöns vorher, Gedöns hinterher. Maik Franz wird heute vom DFB "frei gesprochen".

10.Dezember
Friedhelm Funkel wird heute 55 Jahre alt, ein gutes Alter für einen alten Fassenachter.

Barack Obama nimmt in Oslo seinen Friedennobelpreis entgegen und wir sehen uns im Mainzer Staatstheater das diesjährige Weihnachtsmärchen „Peter Pan“ an. Wie beides miteinander zusammenhängt? Ganz einfach: Das eine hat nichts mit Frieden, das andere hat nichts mit Weihnachten zu tun.

Statt Elif und Nik gewinnen Vanessa und Leo die aktuelle Staffel von Popstars. Das neue Duo hat auch schon einen Namen: Some & Any. Noch besser wär vielleicht „Arsch und Friedrich“.

11. Dezember
Wenn man an, welchem Tag auch immer zu später Stunde nochmal auf den Gedanken kommt, auf HR3 zu zappen, kann man fast sicher sein: Da ist er. Fröhlich eingeschenkt. Blaue-Bock-Jubiläum. Potpourri. Jahrestag. Irgendeine allerlustigste von vielen ach-so-unglaublich-lustigen Sendungen läuft bestimmt gerade. Dabei ist der Mann eigentlich längst nicht mehr aktiv und noch dazu Meenzer, aufgewachsen im Schatten der Quintinskirche und deshalb eigentlich für das geistliche Amt vorgesehen. Der damalige Pfarrer der Quintinskirche brachte ihn auf den rechten Weg: „Was soll der Bub wern? Pfarrer?? Im Leeeebe net – der wird Schauspieler.“ Und so ähnlich ist es dann ja auch gekommen.

Unser David Bowie wird heute 85 Jahre alt.

12. Dezember
Verbringe den Vormittag in der Küche und schneide Berge von Rotkraut, schäle und schnibbele Äpfel – heute abend treffen wir uns, wie in jedem Jahr, bei Freunden zum Gansessen und ich bin für die Klöße – hahaha, war en Spaß – ich bin natürlich für das Rotkraut zuständig. Auch ein 05er ist dabei. Bin gewappnet für heiße Diskussionen – aber nix da – das Thema Fußball wird eher schmal-lippig umgangen. So sind sie halt die Meenzer, na ja auch recht. Rotkraut bleibt Rotkraut und Brautkleid bleibt Brautkleid. Und Eintrachtler bleibt Eintrachtler. Das ja sowieso.

Was heute wirklich schwierig war, war die Sache mit dem Kuh-Orakel. 1:1 haben wir – yepyyep!! - in Hoffenheim gespielt und das Orakel antwortet bekanntermaßen und grundsätzlich mit drei Muh. Endgültig ausgeorakelt? Mitnichten.

Welche Frage habe ich dem Kuh-Orakel also vor dem Spiel gestellt? Ganz einfach – die Frage lautete: "Im wievielten Spiel hintereinander bleibt die Eintracht heute ungeschlagen?" Das glaubt ihr nicht? Hey…Leute…. Es ist Weihnachten!!!

13.Dezember
Dritter Advent. Es schneit, es schneit. An der Weihnachtsfeier von Mannschaft und Fans, die heute im Waldstadion stattfindet, darf ich leider nicht teilnehmen. Na gut. Umschwirrt von Schneeflöckchen stapfe ich durch den Garten und baue Vogelhäuschen auf. Das ist auch sehr schön.

Die Frankfurter Rundschau berichtet über einen 12 jährigen Klimaschützer, der Bäume pflanzt, fünf Mitarbeiter hat, die Welt bereist, altkluge Reden hält und morgens den Pressespiegel liest. „Was willst du – Klima schützen? Geh lieber ma ans Kiosk un hol für dein Vadder zwei Flaschen Bier und e Päcksche Zigarette.“ Jetzt mal ganz ehrlich – manches war doch früher wirklich besser.

Das Jugendwort des Jahres heißt „hartzen“ und bedeutet „abhängen“. Oh, Mann. Cool...

Der VFB spielt am Bruchweg und Bancé rasselt heute mit Lehmann zusammen. Also, um es mal so zu sagen: Ich würd mir als Mainzer schon überlegen, welches ..ähem.. A.loch ich als A.loch bezeichne.

14.Dezember
Maaaaan. Nur noch zehn Tage bis Weihnachten und noch keinerlei vorweihnachtlicher Friede in Sicht. Hektik. Abgabetermine. Bin müd und ausgepowert. Das Mail eines Lieferanten heitert mich auf: Er teilt uns mit, dass er umzieht und zwar „klimaneutral“. Aaaaaah ja. Das wär doch vielleicht auch eine Idee für die Eintracht. Wir deklarieren den Transfer unseres neuen Stürmers einfach als „klimaneutral“ – das wird dann bestimmt von der EU-gefördert. Da können wir uns richtig was leisten, vielleicht ja sogar… Ach nö. Den will ich nicht!

Draußen ist es winterlich kalt. Endlich.

Die IHK teilt mit, dass durchschnittlich 20-25% Schülerjahrgang nicht richtig lesen und schreiben können. Mmh. Irgendwie passt es da wieder, das Jugendwort des Jahres. Und das ist weniger cool.

Tagesthemen-Interview zum Klima-Kongress in Kopenhagen. Wie stehen die Chancen für ein Klima-Abkommen? Wir wissen nicht, was der freundliche Herr vor Ort antwortet. Wir halten es jedenfalls mit Henni Nachtsheim und stimmen vorm Fernseher ein in den Ruf der hessischen Futurologen: Mer waas es net!

15. Dezember
Wir wohnen in der Schillerstraße 6. Es klingelt. Aaah, ja - schon wieder ein neuer Postbote:
Postbote: „Ich hab ein Päckchen für Herrn Müller.“
Ich: „Da sind Sie hier leider falsch.“
Postbote: „Nö, nö… ich bin richtig. Hier auf der Adresse steht’s: Goethestraße 6.“
Ich, grinsend: „Ei,da sehnses doch - sie sind falsch. Mir sin doch der anner.“
Postbote stutzt: „???“ (und ab).

Fahre auf der Rheinhessenstraße. Milchiggrauer Himmel, kahle Bäume. „I keep my eyes wide open all the time“, singt Johnny Cash und ich mit ihm. Vor mir der Wagen eines Paketdiensts, mit beschrifteter Rückansicht: „Damit es sich rentiert.“ *stutz** Hey… das kann man ja auch ganz anders lesen..rentier-t. *kicher* Ob die das wohl extra für Weihnachten so formuliert haben?

Telefon. Korrekturen. Bin entnervt und müd und hungrig und immer noch nicht fertig. Um halb elf endlich PC aus. Leberwurstbrot mit Gurke. Kurzer Blick über die Tageszeitung, nochmal durchs Fernsehprogramm gezappt. Grad läuft der Trailer für „Menschen bei Maischberger“. Thema heute: „Macht Bier glücklich?“ Das ist gut möglich, denke ich und nehme einen großen Schluck. Aber leider. Hab mich verhört. Bei Maischberger diskutieren sie natürlich nicht über Bier, sondern über.. ja, genau1

Michael Skibbe lässt vorsorglich schon mal wissen, dass es ärgerlich wäre, wenn wir Gekas nicht bekämen…

16.Dezember
Die Eintracht hat 23 Punkte. Die letzten Spiele waren richtig, richtig gut. Man hat gesehen - hey – wir haben mehr als einen Wackler nach vorn getan. Die Jungs wachsen zusammen. Das neue „System“ funktioniert, der Ball läuft gut. Da steckt noch einiges drin. Ja, ok… vorne fehlt‘s. Wir brauchen noch einen Stürmer. Aber Mensch… Das wär’s, wenn Jung, wenn Titsch-Riveiro sich wirklich durchsetzen könnten.

Alle sind froh und erwartungsvoll, freuen sich aufs letzte Hinrundenspiel. Nur unser Trainer – rabährabäh – ist schon wieder beleidigt. Naja. Kann man ja verstehen. Der knauserige Onkel Heribert hat dem kleinen Michael nicht nur keinen Lincoln, sondern auch keinen Gekas gekauft. Das ist nicht leicht zu verkraften. Schon klar – der Heribert könnte ruhig auch mal lernen, über seinen Schatten zu springen. Bisje mehr Mut, bisje mehr Phantasie. Doch, doch, das könnt nicht schaden. Aber – immerhin – der Mann hat einen Standpunkt. Das ist mehr als andere von sich behaupten können. Und immer wieder dieses, tschuldigung, Genöle – das ist doch bei Licht besehen nur eins: Doof. Richtig doof.

Rabäh. Rabäh. Dann ist die Eintracht halt selber schuld, für immerimmerimmer wird sie im Mittelmaß stecken bleiben. Und wenn ich den Gekas net kriege, dann will ich überhauptüberhaupt keinen Stürmer. Das ihr’s nur wisst. Und als krönender Abschluss:„Ihr werden schon sehen, wohin das führt. Dann spielen wir halt mit Alvarez und Tsoumou.“

Ääächt?? Abgemacht!!!

17. Dezember
Und was willst DU hier? **Fortsetzung folgt**

Samstag, 12. Dezember 2009

Vor dem Spiel der Eintracht in Hoppenheim: Tell me a story

Weihnachtszeit – Zeit der Märchen, Geschichten und Lieder. "Peter Pan" heißt das Weihnachtsmärchen, das es in diesem Jahr im Staatstheater Mainz zu sehen gibt. Was dort zu sehen ist, ist zwar nicht besonders zauberhaft, aber bunt und laut und lustig. Schräg gegenüber zu Füßen des Domes, befindet sich der Weihnachtsmarkt , an dessen Eingang sich eine prächtige Weihnachtspyramide dreht. Auch sie hat eine Geschichte zu erzählen. „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, könnte man sie überschreiben. Oder „Wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut.“

Und da es so kurz vor Weihnachten ist, mag es nicht weiter verwundern, dass auch über das Spiel der Eintracht gegen die 05er, das in der vergangenen Woche im Waldstadion ausgetragen wurde, allerlei Geschichten und Legenden überliefert sind – im Mainzerischen und im Hessischen jedoch ganz unterschiedlich. Während in der beschaulich-närrischen Mainzer Provinz die Mär vom „Goldköpfchen und dem bösen Maik“ erzählt wird, klingt aus dem wilden Hessistan „Hey hey my my Rock’n Roll will never die“ herüber.


Welche Geschichte wird wohl das Spiel der Eintracht in Hoppenheim erzählen? Wir werden sehen. Aber einen Titel für die Geschichte, den habe ich jetzt schon: „Nieder mit dem Gurkenkönig.“


In diesem Sinne: Out oft he blue! Sieg!

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Must be Santa


Normalerweise trifft man die Jungs in rotundschwarz vorwiegend im und ums Waldstadion. Aber alle Jahre wieder geschieht es, und auch im rheinhessischen Hinterland tauchen sie überall auf: lustige rotundschwarze Männer.

Sie strahlen aus dem Bauch heraus und tragen Bommelmützen auf ihrem Kopf. Wenn man Glück hat, haben sie drei Punkte dabei. Und manchmal kommt es sogar vor, dass sie hüpfen.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Aus gegebenem Anlass

Den Text, der jetzt gleich folgt, habe ich am Sonntagvormittag verfasst, noch ohne links und rechts zu schauen, noch direkt unter dem Einfluss des Spiels der Eintracht gegen die 05er.. Wollte ihn in meinen Blog stellen, habe ihn dann erst einmal "ruhen" lassen. Dann stöberte ich im Netz, las hier und dort, stieß auf Lesenswertes und auf weniger Lesenswertes und dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Die unsägliche Maik-Franz-Geschichte nahm Fahrt auf. Die Diskutanten waren aller Ort. Der beleidigte Tuchel aus dem Sportstudio vom abend davor. Eben war noch das Spiel - es war Glück und Leichtigkeit - es war Fußball - und schon ging es wieder weiter. Ach, lass es - dachte ich. Mach den PC aus. Wir haben gewonnen. Wir haben gewonnen. Wir haben gewonnen. Und: Heute ist der zweite Advent.

Zwei Tage später. Mürbe vom Diskutieren. Für mich vorerst letzter Akt ein Mail, das ich gerade an einen Freund geschrieben habe, der – ja so ist nun mal – bedauerlicherweise ein 05er ist. Überlege, wie ich das, was mir durch den Kopf geht, in einen Text fassen kann und da – stoße ich bei Kid Klappergass auf einen Eintrag über
„Das Gefühl“ . Ja, genau. So war das. Das war Fußball. Und das können sie uns auch jetzt im Nachhinein nicht mehr mies machen! Nein, das können sie nicht.

Jetzt wusste ich auch, wie ich das, was mir nach den letzten zwei Tagen durch den Kopf geht, am besten in Worte fassen kann: Indem ich dem noch einmal Raum gebe, was ich, was wir am Samstag im Stadion erlebt haben. So war es nämlich – und nicht anders. "Aus gegebenem Anlass" also jetzt hier im Original-Wortlaut der Text vom Sonntag:

Back home

Was für ein Gefühl war das, gestern im Stadion? Jubel? Erleichterung? Glück? Ich würde es so beschreiben: Es war ein klitzekleines bisschen wie nach Hause kommen. So, wie wenn man lange unterwegs war. Sehr lange. Auf der Reise war es nicht nur angenehm. Im Gegenteil: Es war häufig garstig, kalt, traurig. Es herrschte Feindseligkeit, sogar Hass. Zerplatzte Träume, Enttäuschungen. Und jetzt also: Wieder zurück. Wieder zu Hause.

Passenderweise regnete es gestern, es war kalt und eklig. Auf dem Weg zum Stadion platschten wir durch Pfützen, der Schlamm spritzte. Den ganzen Tag über war meine Stimmung sehr angespannt gewesen. Jetzt, hier im Stadion, bin ich auf einmal regelrecht entspannt. Klar: Erwartungsvoll, kribbelig, aber auf eine angenehme Weise. Froh. Lichter glitzern. Im Stadion ist es hell. Fahnenmeer. Bekannte Gesichter. Abklatschen. Europa-Lied. Los geht’s. Und dann vollzieht sich so etwas wie ein Wunder. Nein, kein Fußballwunder. Kein Zauberfußball. Kein Mega-Hype. Einfach nur Fußball. Was immer passiert ist, seit dem Spiel gegen Gladbach – es muss etwas sehr Grundsätzliches gewesen sein. Vor zwei Wochen ist hier an gleicher Stelle ein Hühnerhaufen über den Platz geirrt - heute steht da eine Mannschaft. Elf bzw. 13 Jungs, die kämpfen, die Fußball spielen, die dieses Spiel gewinnen wollen. Alex Meier scheint in den vergangen Wochen noch einmal ein Stück gewachsen zu sein. Auf ganz neue Weise gehört er plötzlich zur Mannschaft, mehr noch: ist in ihr Zentrum gerückt. Und das sieht man nicht nur während des Spiels, auch in der Jubeltraube. Alex immer mittendrin. Er läuft und erobert sich Bälle, denkt meistens richtig, will es manchmal zu genau machen und macht vieles genau richtig. Raum gewinn. Flügelwechsel. Flach. Präzis. Pirmin Schwegler, der nicht mehr die Last des Chefs tragen muss und wieder Fußballer sein darf. Chris, der hellwach grätscht und köpft und auch mal geht. Marco Russ, der überall ist. Doppelt. Absichert. Patrick Ochs, der in seiner neuen Rolle nicht nur Dampf macht, sondern auch denkt und lenkt. Den Blick für das Spiel hat. Das Spiel öffnet. Genaue Flanken und Ecken schlägt. Bajramovic, der im Laufe des Spiels zunehmend stärker wird, zwei, drei Mal für überraschende Momente sorgt. Ümit der wuselt und den Ball verliert und wieder zurück holt und wuselt und geht und sich fest läuft und wuselt und Räume schafft. Oka, der auf der Linie brilliert. Maik Franz, der überall hingeht wo’s weh tut, der sich in das Spiel hinein beißt, nachsetzt, nicht locker lässt, das Tor, das Tor macht. Christoph Spycher, der versucht, auch auf der linken Seite Druck aufzubauen. Liberopoulous, der... also: Der sich müht. Und abrackert. Gestern leider meistens vergebens.


Noch verblüffender die Situation auf den Rängen. Ich kann mich wirklich kaum noch darin erinner, wann das zum letzten Mal so war. Kein Skibbe-Funkel-Gekeife. Keine Weltuntergangsstimmung. Kein permanentes auf dem Qui-Vive sein, Lauern darauf, dass es schief oder gut geht. Kein– wirklich drumherum kein einziges – pöbelndes Wort gegen eigene Spieler. Kein Meier-oder-sonst-wen-Gebashe, kein Caio-Gejammere. Aber auch kein Gänsehaut- wie-nie-Derby-es-muss-immer-noch-besonderer-und-geiler-und-cooler-und-abegefahrener-Hype-Spiel sein. Auch außerhalb des Platzes: Einfach ganz normaler Fußball. Anfeuern. Kreischen. Haare raufen. Schwätzen. Käsen. Diskutieren. Aufspringen. Schreien. Schreien. Schreien. Meckern. Fachsimpeln. Jubeln. Hüpfen. Zähneklappern. Dummschwätzen. Anfeuern. Nervenkasper („Als die da hinnerum Kombiniererei. Schlach den Ball doch einfach emol weg.“) Jubeln.

Zur wieder gewonnenen Normalität gehört auch, dass dieses Spiel gegen einen der drei Aufsteiger nicht – wie von vielen erwartet – unentschieden ausgegangen ist. Wir haben es gewonnen. Und ich behaupte: Wir haben es relativ klar und „einfach so“ gewonnen. Klar hatten die 05er ein paar 100%ige Chancen, die sie machen können, eigentlich müssen. Aber, mal ehrlich: Insgesamt waren wir doch die überlegene Mannschaft. Der Sieg war verdient. Basta.

Ach ja – und noch etwas, dass darauf hindeutet, dass die Zeichen im Spiel gestern wirklich auf „total normal“ standen. Es war nämlich gestern nicht die ach-so-böse-Eintracht, sondern es waren die Mainzer, die den bösen Buben gegeben haben. Bengalos zünden, Stinkefinger zeigen, die Hose (doch, das hat er gemacht, der Amri) herunterlassen und den Fans den Hintern zeigen. Auch wenn es hinterher keiner gemerkt haben will und es ja auch einfacher ist, der Eintracht die A.-Karte zuzuschieben: Willkommen im Club. Vielleicht schaffen es ja sogar die 05er irgendwann nochmal ein normaler Fußballverein zu werden.

Eigentlich hätte ich diesen Post ja auch mit „Football is coming home“ überschreiben können. Nein – das hätte ich nicht. Denn das wäre dann doch eine Nummer „too much“ für diesen Abend gewesen. Man will ja schließlich zu gegebener Zeit auch noch mal etwas draufpacken können. Back home. Das muss erst mal reichen. Und das ist ja auch schon verdammt viel. Vielen Dank dafür.

Und an dieser Stelle gerne noch einmal: Danke Kid :-)

Freitag, 4. Dezember 2009

Vor dem Spiel der Eintracht gegen M1: Auftakt mit Henni Nachtsheim

"Ich sitz am Meer,
Schau in die Wellen.

Und sehne mich nach Frikadellen."

Nein – dieses Gedicht stammt nicht von mir, sondern von Hennes, dem Metzgerssohn. Der hat dereinst mit Henni Nachtsheim in der B-Jugend gekickt und sozusagen als Gegenschlag zum Pseudopolit-Gequake der „intellektuelleren“ Mannschaftskameraden („Ey, de Che Guevara, supä. Middem Moped war der unnerwegs, bei de Leprakranke.“) die Gedichtkeule ausgepackt. Die Geschichte von Hennes ist nur eine von vielen, die Henni Nachtsheim uns am Dienstagabend im Unterhaus in Mainz erzählt hat. Ja, genau – das war am 1. Dezember, also vier Tage vor dem Spiel, das sie in M1 schon mal gerne „Derby“ nennen und das für uns so unwichtig ist, das z.B. im Eintracht-Forum der - wie immer wunderbar gereizte - Vorbericht zum Spiel (Stand: 4.12., 19.32 Uhr) 6573 Klicks und 55 Posts zu verzeichnen hat (zum Vergleich: Vorbericht Hertha – 21 Posts, 1824 Klicks) und außerdem noch flankiert wird von „Wie geil seit ihr auf das Spiel gegen die Mainzer?“ (= 63/3856), „Das denkt der Gegner“ (244/30.117) und „Aufstellungen und Tipps gegen Mainz“ (112/7229). Nun gut.

Als wir am Dienstagabend im Unterhaus einliefen, hatten wir, ehrlich gesagt, etwas mehr Eintracht-Präsenz im Publikum erwartet – aber immerhin: Außer mir - in meinem Henni-Ankündigungsplakat-affinen-Grabi-und-Holz-Shirt - sichten wir doch noch einige – dort ein Schal, dort eine Kapp, hinter mir höre ich zwei junge Männer über die Eintracht schwätzen, na also.

Nein, macht Henni gleich zu Beginn seines Programms deutlich, nein: Bei dem, was er hier auf der Bühne veranstaltet, handelt es sich um keine Lesung aus seinem Buch. Trotzdem wird es sich nicht vermeiden lassen, dass auch mal von Fußball und in diesem Zusammenhang auch von der Eintracht die Rede ist – aber natürlich ist dieser Abend auch 05er verträglich. Ach wirklich? Schade.

Aber was interessiert den Hessen an sich sein Dummgeschwätz von eben? Er weiß ja, dass ihm als geborenem Futurologen („Wie sieht die Zukunft aus?“ – abwägendes Hin- und Herbewegen der nach vorne gestreckten Hand – Schulterzucken), in der Welt sowieso nicht die Anerkennung zuteil wird, die ihm eigentlich zustünde. Und trotzdem lässt er sich nicht davon abhalten, immer weiter zu babbeln, selbst wenn er naggisch und mit Helm auf dem Fahrrad mitten in der Nacht ein Rennen austrägt . Henni Nachtsheim ist zwar heute abend nicht nackt, trägt auch keinen Helm, stattdessen erhält er als Geschenk eine überdimensionale, selbst gestrickte rotundschwarze Unterhose - aber er ist Hesse. Und so schwätzt und babbelt er nicht nur den Engel, der ihm vor ein paar Monaten erschienen ist, in Grund und Boden, sondern auch sich fast ohne Atem zu holen durch sein zwei-stündiges Programm.

Live-Mitschnitte an der Leinwand im Hintergrund der Bühne zeigen, dass Henni Nachtsheim nicht nur schwätzen, sondern auch Fußball spielen kann. In den größten Stadien der Welt hat er gespielt, wichtige Tore geschossen. Ächt wahr? Das fragt sich vielleicht der junge Mann in der ersten Reihe, der – oops - leider noch nie etwas von Uwe Seeler gehört hat. Falls ihm auch Jürgen Grabowski nicht bekannt gewesen sein sollte – nach diesem Abend kennt er ihn und weiß, warum der Anblick des in der Hölle schmorenden Lothar Matthäus ein überaus erfreulicher ist. Warum die B-Jugend von Rödermark in ihrer Kabine vor jedem Spiel einen Esel schlachtete – das bleibt dagegen im Dunkeln. Ebenso wie Oli, der Freund von Hennis Tochter, der auf HipHop steht und Hennis Musik „old school“ findet. Weswegen es auch nur recht und billig ist, wenn er den nächtlichen Nachhauseweg durch den dunklen Wald - ganz „old school“ - zu Fuß zurück legt.

Zum Abschluss des Abends basteln wir alle gemeinsam eine Stadiongeräuschkulisse. Johlen. Jubeln. Rhythmisch klatschen. Schwätzen (Männer im Publikum: „Ei Gude Renate.“ – Frauen im Publikum: „Ei Guude Kall-Heinz“). Wir spielen Attila – Flügelflattern durch „Flattern“ mit der Unterlippe . Und wir buhen den Schiedsrichter aus (Henni: „Und alle – buuhhhh.“ Alle: „Buuuuuh.“ Einzelner Ruf aus dem Publikum: „Drecksau.“ Henni: „Also Drecksau war jetzt grad net gefordert.“) Aber wie sieht’s aus mit Singen? Henni meint: „Mir könne ja ganz neutral summe…“ Alle: „Mm mmmmm m m m m m - m mmmmmm…“ Summen? Ach, was. Zunächst noch leise, aber dann ganz deutlich und immer lauter schält sich aus dem Summton Gesang heraus: „Steht auf, wenn ihr Adler seid…“ singen wir – mein Mit-Adler, ich, die Dame mit Adler auf ihrem Shirt hinter uns, der neutral gekleidete junge Mann neben mir, der ältere Herr rechts. Und spätestens ein paar Minuten danach, als wir das Unterhaus verlassen, da hat es auch der letzte der möglicherweise anwesenden Mainzer verstanden. Da schallt es nämlich auch durch die Lautsprecher: Hennis, mein, unser Herz schlägt für Eintracht Frankfurt.

Kommen wir noch einmal auf Hennes, den Metzgerssohn zurück. Genauer gesagt: Auf das allererste Gedicht von Hennes. „Erst ess isch Worscht, dann hab ich Dorscht.“ - so lautet es. Und getreu diesem Motto beenden wir den Abend in der 05er-Kneipe gleich um die Ecke. Ebbelwoi gibt es hier keinen. „Aus dem Schlauch – in de Bembel – ins Geribbte – in de Härbärt.“ – für derart feine Rituale hat man hier keinen Sinn. Meenz bleibt halt Meenz. Und wir, wir sind Adler. Auch wenn das Spiel morgen so, ähem, unwichtig ist, wie schon lange keins. Sieg.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel 19.November - 2.Dezember

19. November
Meine Besuche bei Eintracht-Veranstaltungen standen in diesem Jahr unter keinem besonders guten Stern. Ich habe mich verfahren, kam gar nicht an, war zu spät, musste in letzter Minute absagen. Aber heute klappt es: Charly Körbel ist zu Gast im Eintracht-Museum und ich bin dabei. Hallo hier, hallo da. Aaaah da ist ja auch… Das Museum ist gut gefüllt. Leider finde ich im Gewirr nur einen Teil der Forums-Mitadler, die ich heute hier treffen wollte. Schnell noch etwas zum Trinken holen. Würstchen werden über den Tresen gereicht. Stimmengewirr. Stühle scharen. Die Reihen sind schnell besetzt, wir bleiben im Hintergrund stehen. Und da ist er auch schon: Charly Körbel, der zur Eintracht gehört wie die Musik zum Handkäs. Der schon immer da war und (hoffentlich) sein wird. Beve sagt in einer seiner Zwischenmoderationen: „Ich hatte immer das Gefühl – so lange Charly Körbel bei der Eintracht spielt, kann nichts schiefgehen.“ Genau so ist es.

Der Abend selbst ist eine merkwürdige Erfahrung aus Nähe und Ferne. Ich kenne Charly Körbel nur als Fußballer – und trotzdem ist es ein Gefühl, als ob da vorne ein naher Verwandter sitzt und Geschichten erzählt. So vertraut, so sehr auch mit den eigenen Erinnerungen verknüpft. Manche Anekdote hat man schon öfter gehört. Einiges ist verblüffend und neu. Noch anderes weiß man zwar irgendwie, hört es aber zum ersten Mal live und aus Charlys Mund.

Charly spricht und erzählt und holt aus – und bis in die Wortwahl ist alles genau so wie früher bei seinen Interviews nach dem Spiel: „Das ist die Qualität, wo eben…“ Bin gerührt, lächele, freue mich. Einem Blumenstrauß für Mama Körbel ist es zu verdanken, dass der junge Charly sich damals schlussendlich für die Eintracht entschieden hat. Erich Ribbeck trug auf seinen Kontrollgängen einen langen schwarzen Mantel. Bum Kun Cha wurde deutsche Kultur in Form einer Schweinshaxe verabreicht und als der evangelische Charly seine (katholische) Verlobte heiratete, gab es nur eine Lösung: Eine „ökonomische“ Hochzeit. Kommentar eines neben mir stehenden Adler-Freundes: „Aha - da gab’s nur Käsbrote.“ Wir gickeln wie die Teenies. (Sollt mer net, ich weiß. Aber es war halt auch ein sehr putziger Versprecher *g)

Mit viel Applaus wird Charly Körbel nach gut 90 Minuten verabschiedet und hat in der Nachspielzeit noch jede Menge Trikots, Bücher und Autogramme zu signieren. Ich schlendere noch ein wenig auf dem nachtdunklen Stadiongelände herum, genieße die frische Luft, atme die Stadionatmosphäre. Schön war’s. Ich komme bestimmt wieder. Pünktlich, versteht sich.

20. November
Arbeit. Arbeit. Arbeit. Bin damit beschäftigt, die wichtigsten Inhalte einer Präsentation aufzubereiten. Überschrift auf der ersten Seite: „Motiviert, aber orientierungslos.“ Um was geht es hier? Um die Eintracht?

Zwischendurch schnell zum Einkaufen in die Stadt. Woran merkt man in M1, dass die Fastnachtssaison wieder begonnen hat. Klar - Klaus, der Zuuuchplakettscheverkäufer ist wieder in der Innenstadt unterwegs und sammelt für die Finanzierung des Rosenmontagszugs. Momentemal momentemal – schon wieder ein Spruch, den man nahtlos auf die Eintracht übertragen kann: „Jedes Jahr die selbe Leier – das Geld ist rar, die Spieler deier.“ Bumbaaf. Bumbaaf. Bumbaaf.

Am Blumenstand ein altes Ehepaar. Er bemerkt, dass ihr Blick an den Mistelzweigen hängen bleibt. „Kauf dir doch einen.“ Sie, fast schüchtern: „Soll ich wirklich…?“ Er: „Ja, natürlich.“ Sie wählt einen aus, lächelt. Er: „Freust du dich.“ „Ich freu mich sehr,“ sagt sie und strahltstrahtlstrahlt ihn an. So einfach kann Glück manchmal sein. Ich wünsche beiden eine frohe Vorweihnachtszeit und hüpfe nach Hause.



21. November
Heute spielt die Eintracht gegen Gladbach. Über Norddeutschland ist in den letzten Tagen das Sturmtief Jürgen hinweggefegt - der Trümmerhaufen ist heute aber leider in Frankfurt. Auch die Anwesenheit des Städels im Stadion kann hier keine künstlerisch wertvolle Aufbauarbeit leisten. Vor dem Spiel gibt es eine Schweigeminute – für Robert Enke und für die in der Nacht verstorbene Ute Hering, die ich persönlich leider nicht kannte und die für viele ein Herzstück der Eintracht war. Stille, traurige Momente.


30 Minuten nach Anpfiff ertappe ich mich bei etwas, dass mir im Waldstadion noch nie passiert ist: ich starre aufs Spielfeld und frage mich, was das, was sich da vorne abspielt, eigentlich mit mir zu tun hat. Planlos. Uninspiriert. Überfordert. Bin zunächst sprachlos. Komme dann doch mit dem netten Dauerkartennachbar rechts von mir ins „Dischbediere“. Hadere mit Michael Skibbe. Alle und alles doof.

Dietrich Weise wird heute 75 Jahre alt und auch mein lieber Mit-Adler hat heute Geburtstag. Wir fahren nach Hause, sperren die Welt nach draußen und sitzen und trinken und reden und trinken und hören Musik. Die Sterne blinken und die Katze maunzt. May you stay.

22. November
Im Eintracht-Forum wird ein altes
Interview mit Heribert Bruchhagen aus der FAZ wieder heraus gekramt. Dort spricht er z,.B. über die Veränderungen im Profi-Fußball von früher bis heute. „Damals wurde über Frauen und Skat gesprochen, heute hören die Spieler (im Mannschaftsbus) Musik und verfolgen die Börsennachrichten, sie haben feste Freundinnen und ernähren sich alle vernünftig.“

Möglicherweise ist genau das das Problem?

23. November
HR-Heimspiel. Vor dem Spiel gegen Hertha – ein Interview mit Friedhelm Funkel. Der kennt die Eintracht aus dem FF. Wie auch sonst?


24. November
Mc Donalds wechselt die Farbe und ist künftig grün statt rot. Das ist dann also grade umgekehrt wie bei den Trikots von Hannover 96.


25. November
Marschroute für das Spiel in Berlin: Möglichst lange das 0:0 halten. Ach so.

26. November
Heute steht in der Zeitung, was einige andere und ich schon lange wissen:
Alex Meier ist für die Eintracht unersetzlich.

27. November
Wir lassen Forum, Eintracht und Arbeit hinter uns und fahren zu einem lange geplanten und immer wieder verschobenen Familienbesuch ins Schwäbische. Die letzten Tage waren anstrengend und zäh. Nichts bleibt wie es war. Alles ändert sich. Vorbei. Vorbei. Am Himmel türmen sich graue Wolken. Beim Zwischenstopp an einer Autobahnraststätte merke ich, wie die Melancholie allmählich aus meinem Körper weicht. Hey. Die Welt. Da ist sie. Garstig. Flüchtig. Laut. Aber immerhin: Lebendig. Der Kaffee ist heiß. Das Käsebrötchen pappig. Nach Überwinden des vollautomatisierten Technoparcours zum Betreten der Toilette vernehme ich zarte Geräusche aus den Lautsprechern: Vogelzwitschern. Yep.


„Das Schöne schwindet, scheidet, flieht.
Fast tut es weh, wenn man es sieht.
Dich will ich loben Häßliches.
Du hast so was Verlässliches.“

(Robert Gernhardt, „Nachdem er durch Metzingen gegangen war“)

Hallo Welt!

28. November
Verbringe die Nacht frierend mit einer nur dünnen Decke und einem Eintracht-Schal um den Hals auf einer bockelharten Bettcouch. Erst gegen Morgen schlafe ich ein. Vielleicht liegt es daran, dass sich auch mit dem Näherrücken des Anpfiffs in Berlin nicht der gewohnt gnadenlose Vor-dem-Spiel-Optimismus einstellen will. Die Eintracht gewinnt trotzdem. Nicht nur das – sie spielt sogar Fußball. Auf diesen Verein ist eben niemals Verlass. Zum Glück.

Wir erleben das Spiel auf der Autobahn am Radio bzw. in der Raststätte per - dankedankedanke - SMS Live-Ticker mit. In dem Moment, in dem wir an der an die Autobahn geklebten „SAP-Arena“ vorbeifahren, vermeldet der Reporter im Radio den Ausgleich der Hoppenheimer. Ich lasse die Scheibe des Autos herunter und höre die Lautsprecherdurchsage gleichzeitig im Radio und aus dem Stadion. Strange.

29. November
Die neue Bundesregierung möchte schnellstmöglich das Wachstumsbeschleunigungsgesetz weiter auf den Weg bringen. Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Kann man sich so ein Wort ausdenken, ohne das einem unmittelbar danach der Kopf abfällt? Erinnere mich an ein Gespräch mit einem alteingesessenen Mainzer Buchhändler, von dem mir mein Mit-Adler erzählt hat: „Wissen Sie“, sagte der mittlerweile recht betagte feinsinnige, alte Herr, „Wissen Sie: Während meiner Buchhändler-Lehre haben wir über Orwell gelacht. Und jetzt ist alles viel schlimmer gekommen.“

Heute feiern wir den ersten Advent. In einer Volksabstimmung entscheidet sich die Mehrheit der Schweizer „Stimmbürger“ dafür, den Bau neuer Minarette künftig zu verbieten. Im Mainzer Staatstheater steht in dieser Saison „Andorra“ von Max Frisch auf dem Spielplan.

30. November
Hauptversammlung der Eintracht. Erstmals ist auch der Trainer der Profi-Mannschaft anwesend. Zunächst hält Heribert Bruchhagen
eine emotionale Rede und fordert Solidarität. Dann erhält Michael Skibbe für seine Vision viel Applaus. Solidarische Visionen. Visionäre Solidarität. Schon wär's.

Eine schwere Zeit hat er hinter sich. Wirkt Bescheiden. Zurückhaltend. Witzig. Seine Augen funkeln. Der Bub ist „knitz“, würde man im Schwäbischen sagen: Ümit Korkmaz ist heute zu Gast im HR-Heimspiel. Wär das genial, wenn er sich bei der Eintracht doch noch durchsetzen würde! Wir werden sehen - vorerst sitzt er jedenfalls hier auf der Heimspiel-Interview-Couch. Und das ist so spannend, dass er seine Zeit dazu nutzt, um SMSe mit Andreas Ivanschitz auszutauschen.

1. Dezember
Zur Einstimmung auf das Spiel am Samstag verbringen wir den Abend mit Henni Nachtsheim im Mainzer Unterhaus. Wie’s war? Aaaaalso… (mehr dazu schon bald hier in diesem Theater ,-)

2. Dezember
Der Friedensnobelpreisträger Barack Obama verkündet, dass die USA
30.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken wird und erklärt in der gleichen Rede den Krieg quasi für beendet. „The beat goes on."

Am vergangenen Sonntag hat Christoph Preuß im Spiel der U23 beim SSV Ulm zum ersten Mal nach seiner Verletzung wieder 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Am nächsten Sonntag wird er wahrscheinlich beim Heimspiel gegen Großasbach am Bornheimer Hang auflaufen. Es geht immer weiter. Kick it!

**to be continued**

Samstag, 28. November 2009

Voodoo Child

Ich sammele schwarzundweiße Kühe und von Freunden, die das wissen, bekomme ich deswegen mitunter eine Kuh geschenkt. So auch vor dem Spiel der Eintracht gegen Hannover 96. Da hat mir ein Adler-Freund eine Kuh mitgebracht, die einen selbstgestrickten Eintracht-Schal um den Hals trägt. Allein diese Tatsache macht die Kuh natürlich zu etwas Besonderem. Aber diese spezielle Kuh trägt noch ein besonderes Geheimnis mit sich, das mir bei der Übergabe anvertraut wurde: Sie ist ein Orakel und kann sprechen. Wenn man ihr vor einem Eintracht-Spiel eine Frage stellt und dann auf ihren Bauch drückt, dann gibt sie die richtige Antwort - es ertönen nämlich drei Muhs.

„Drei Mal Muh? Hahaha – das kann ja gar nicht funktionieren!“ Ich höre förmlich, wie der ein oder andere Leser dieser Zeilen diesen Satz eben ausgerufen hat. Jede Woche drei Mal Muh – das würde ja bedeuten: Die Eintracht gewinnt jede Woche – und dass das nicht stimmt, wissen wir ja leider alle.

Allein – wer das Orakel und seine Fähigkeiten so schnell abtut, der zeigt möglicherweise, dass er etwas von der Eintracht versteht, aber er macht gleichzeitig deutlich, dass er vom Wesen eines Orakels nicht die allerleiseste Ahnung hat. Denn: Ein Orakel irrt niemals. Allerdings gibt es nur dann die richtige Antwort, wenn man ihm die richtige Frage stellt. Immer die gleiche Frage – z.B. „Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?“ – das wäre ja albern. Kein Orakel der Welt würde das auf Dauer mitmachen, im Gegenteil: Es würde - wie jeder einigermaßen Orakelgeübte zu sagen weiß - höchst ungemütlich reagieren. Wenn es nämlich merkt, dass es ausgetrickst werden soll, dann reißt so einem Orakel ratzfatz und ohne großes Vertun blitzgeschwind der Orakel-Geduldsfaden. Und dann? Ausge-orakel-t. Und wer will so etwas schon riskieren? Ich jedenfalls nicht.

Seit dem Spiel gegen Hannover hat das Kuh-Orakel also jede Woche eine andere Frage von mir beantworten müssen. Aber lest selbst:

Erstes Spiel im Zeitalter des Kuhorakels: Eintracht Frankfurt – Hannover 96
Frage vor dem Spiel: Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?
Ergebnis: 2:1


Zweites Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Bayern München – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen heute?
Ergebnis: 2:1


Drittes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Eintracht Frankfurt – VFL Bochum
Frage vor dem Spiel: Wie viele Punkte holt die Eintracht heute?
Ergebnis: 2:1


Viertes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Bayer 04 Leverkusen – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen in den ersten 11 Minuten?
Mmh. Genau.


Fünftes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Eintracht Frankfurt – Borussia Mönchengladbach
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore fallen heute?
Ergebnis: 1: 2


Sechstes Spiel im Zeitalter des Kuh-Orakels: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt
Frage vor dem Spiel: Wie viele Tore schießt die Eintracht heute?
Ergebnis: 1: 3 **hüpfhüpfhüpf**

Seid ehrlich: Wer, wenn nicht ein waschechtes Orakel, hätte vor dem Spiel in Berlin diese Antwort geben können? Na? Na also!

Und deswegen bin ich mir sicher, dass ihr jetzt von mir wissen wollt, welche Frage ich dem Kuh-Orakel am nächsten Samstag vor dem Spiel gegen die 05er stellen werde? Aber das verrate ich natürlich nicht! Denn - pssst! - mit den Orakel-Fragen ist es wie mit den Sternschnuppen-Wünschen: Wenn man sie laut ausspricht – dann gehen sie nicht in Erfüllung. Aber ich verspreche hiermit feierlich: Damit bei der Fragerei garantiert nichts schiefgeht, werde ich vor dem Spiel zur Sicherheit zusätzlich auch noch eine Frikadelle essen.

Mittwoch, 25. November 2009

Berlin zum Leuchten bringen

Wenn ich es mir so recht überlege: Mit Berlin verbinden mich ausschließlich angenehme und frohe Erinnerungen. Immer, wenn ich in Berlin war, war es schön. Manchmal sogar sehr schön. In diesen Tagen könnte man auf den Gedanken kommen, dass das damit zusammenhängt, dass meine Berlinbesuche – bis auf ein einziges Mal – nichts mit der Eintracht zu tun hatten. Das ist natürlich Quatsch, denn mit ein paar Mal mehr Berlin, wären ja - im Gegenteil - auch einige besonders schöne Eintracht-Erinnerungen dazu gekommen. Trotzdem...

Erinnerungsflash…

Klassenfahrt. Mein erster Besuch in Berlin. Wir wohnten in einem Jugendhotel im Wedding. Meine Freundin Steffi und ich schlichen uns früh morgens aus dem Gebäude, frühstückten in dem kleinen Café auf der anderen Straßenseite Milchkaffee und Croissants und kamen uns dabei sehr weltmännisch vor. Immer, wenn es in diesen, mit offiziellem Programm vollgepackten Tagen eine Lücke mit frei verfügbarer Zeit gab, machte ich mich alleine auf den Weg und erfuhr und erlief mir die Stadt. Mit der U-Bahn nach Wilmersdorf, Charlottenburg, Moabit, zum Wannsee und lief und schaute und lief und schaute. Was kostet die Welt?

Mitte der 80er Jahre. Über Silvester ein spontaner Kurztrip zu einem Freund, der seit kurzem in Berlin studierte und jetzt dort mit seiner Freundin in einer wunderschönen, aber baufälligen Altbauwohnung lebte. Abblätternde Farbe. Nasse Flecken an den Wänden. Nur ein Ofen. Der stand im Wohnzimmer und funktionierte nicht. Es war schweinekalt, so lebten wir Tag und Nacht in dicken Wollpullovern. Martina, die Freundin des Freunds, studierte an der Musikhochschule und spielte spielte spielte den ganzen Tag über Geige. Die Töne schwangen durch die Wohnung, verfingen sich im Hinterhof und hallten durch das abgeschubste Treppenhaus hinaus auf die Straße. Immer irgendwo zwischendrin – die vollkommen neurotische, eisgraue Siamkatze, die Martina von ihrer Vormieterin übernommen hatte. In der Silvesternacht standen wir dichtgedrängt auf dem winzigen Balkon. Funkenregen über den Dächern. Böllernde Kinder im Innenhof. Tiefsinnige Gespräche über den Sinn des Lebens und die Hoffnung auf erfüllte Träume. Wir schliefen, eingemummelt in Schlafsäcken, auf dem Küchenfußboden. In der Silvesternacht lag ich noch lange wach und schaute durch den hohen Fensterbogen in die Schwärze der Nacht. Letzte Lichter glimmten. Gespräche und Lachen von draußen.

Ende der 80er. Pokalendspiel in Berlin. Wir hatten uns an diesem Samstag Ende Mai schon sehr früh auf den Weg gemacht in Richtung Berlin. Dieser Weg führte damals noch durch die DDR – die Straßen, die durch die karge Landschaft führten, sind in meiner Erinnerung eine Kette himmelblauer Trabis. In einer Autobahnraststätte aßen wir Hühnerfrikassee mit Kartoffeln (etwas anderes gab es nicht, aber es war köstlich), regten uns über die Besser-Wessis auf, die damals noch nicht so hießen, aber schon welche waren und sich über die „Primitivität“ mokierten, und wir kauften uns ein Neues Deutschland. Dieses mal übernachteten wir bei meiner leicht durchgeknallten Freundin Uli, auch hier in einer Altbauwohnung, auch hier auf dem Fußboden und auch hier gab es eine Katze, die ein Kater war. Er hieß Nebukadnezar und aß am liebsten grüne Oliven.

Auch mein Vater, von dem ich meine Liebe zur Eintracht geerbt und mit dem zusammen ich mein erstes Spiel im Waldstadion erlebt habe, war an diesem Wochenende in Berlin. Das war erstaunlich, denn er ist in seinem Leben sehr selten „weit weg“ gewesen. Die Umstände waren nicht so. In Berlin war er jedenfalls, zusammen mit einem alten Freund und dessen Sohn, ebenfalls im Auto angereist. Sie übernachteten in einer kleinen Pension. Im Olympiastadion saß mein Vater neben einem älteren Herrn – der Herr mit Bochum-Schal, mein Vater mit Eintracht-Kapp. Nach Abpfiff – so erzählte mein Vater mir später – stand der Bochumer auf, schüttelte ihm die Hand und gratulierte ihm zum Sieg. Seit dieser Zeit hege ich Sympathien für den VFL Bochum.

April 2009. Mein vorerst letzter Besuch in Berlin. Wir waren lange nicht mehr dort gewesen und hatten den ersten Tag unseres Aufenthalts ebenso verbracht wie ich damals als Schülerin: Wir liefen und schauten, liefen und schauten. Abends machten wir uns dann mit der S-Bahn auf den Weg zum Dylan-Konzert, dem eigentlichen Grund unseres Besuches. Auf dem Anmarsch zur Max-Schmeling-Halle mischten sich die Besucher des Dylan-Konzerts mit Fußballfans, die auf dem Weg ins Stadion am Prenzlauer Berg waren, wo Eisern Union damals zwischenzeitlich seine Heimspiele austrug. Und dann - nach dem Konzert, als Bob und seine Band die Bühne endgültig verlassen hatten, die Halle sich nach und nach leerte, da - plötzlich, vollkommen überraschend für meinen Mit-Adler und mich, geschah es. Dabei deutete nichts darauf hin. Sicher, wir hatten einmal mehr ein grandioses Konzert gesehen, wollten uns noch nicht vom Ort des Geschehens trennen, trödelten in der Halle, auf dem Vorplatz der Halle herum. Tagsüber war es sonnig gewesen, jetzt am Abend war der Wind empfindlich kühl. Wir fröstelten, wanderten durch die nur schwach beleuchteten Straßen zurück zur S-Bahn Station. Das Spiel von Union war längst beendet (mit einem 0:0 wir mir ein Mit-Adler gesimst hatte), in den Wohnblocks brannten noch vereinzelt Lichter. Wir hielten kurz inne, schauten uns um. Und da, jetzt plötzlich bemerkten wir es: Berlin leuchtete. Warm und hell. Einfach so, ganz ohne Anlass. Tatsächlich. Nur für uns.

Soll ich erzählen wie der Abend weiter verlief? Nun, nichts besonderes. Wir fuhren mit der S-Bahn zurück zu unserem Hotel in Berlin-Mitte. Hungrig und durstig landeten wir, wie sich das für Berlin gehört, ein paar Straßen weiter in einem fast menschenleeren 24-Stunden-Döner. Wir setzten uns direkt an das große Fenster zur Straße und beobachteten die Trüppchen von Berlin-Besuchern, die vorbei liefen, manchmal auch schwankten, mal ernst, mal albern, laut oder leise. Wir saßen hinter unserer Scheibe, aßen und tranken, lachten und erzählten. Wir lernten die kreativste Raucherzone der Welt kennen (= eine Gruppe von 5 Tischen, die – mitten im Raum – von einem gelben Klebeband auf dem Fußboden eingekringelt wurde), träumten, diskutierten und planten und irgendwann, als wir genug erzählt hatten, liefen wir zurück zu unserem Hotel und fielen todmüde in unsere Betten.

...Erinnerungsflash-Ende

Tja. So ist das mit Berlin. Und es bleibt der Wunsch, dass Berlin auch an diesem Wochenende wieder leuchten möge – und zwar für die Mannschaft der Eintracht, die am Samstag im Olympiastadion auflaufen wird, für einen meiner Mit-Adler, der voller Hoffnung im Stadion sein wird und für all die anderen Adler, die auch an diesem Tag wieder, ob in Berlin oder zu Hause, mit ganzem Herzen für die Eintracht da sein werden. Voll und ganz da sein – das gilt hoffentlich auch für unsere Mannschaft.
Sieg. Und nichts anderes!

Nachtrag:
Der Satz „Berlin leuchtete“ ist eine Reminiszenz an Thomas Manns Erzählung „Gladius dei“. Alle Fotos stammen vom April 2009. Das Foto in den Himmel des Olympia-Stadions wurde im Februar 2008, beim 3:0-Sieg der Eintracht aufgenommen.

Montag, 23. November 2009

Chefsache

...heißt es im Comic "Asterix bei den Goten" . Stellt sich die Frage, wer bei der Eintracht heute möglicherweise ebenfalls Grund hat, diesen Seufzer auszustoßen:
- Heribert Bruchhagen
- Michael Skibbe
-
Pirmin Schwegler
Möge bitte jeder den aus seiner Sicht zutreffenden Namen ankreuzen!
,-)

Freitag, 20. November 2009

Vor dem Spiel der Eintracht gegen Borussia Mönchengladbach

Zum Sturme drängt, am Sturme hängt doch alles ,-)

Sieg! (Und falls - ich sage: falls - das morgen trotzdem schief geht, dann ist noch längst nicht aller Tage Abend. Dann verpflichten wir einfach Theodor Sturm...)

Donnerstag, 19. November 2009

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel (6. November bis 18. November)

6. November
Der Herbst nimmt Fahrt auf. Kehre, kehre, Kehre. Fünf Säcke voller Blätter.
Ob die Eintracht heute auch in Leverkusen den Sack zu machen wird? War die ganze Woche skeptisch, aber je näher das Spiel kommt, desto sicherer bin ich mir: Doch, irgendetwas Zählbares werden wir schon mitnehmen. Adler fällt aus gegen die Adler. Auch das muss für uns kein Nachteil sein. Huch, wir spielen mit Caio. Und während ich noch überlege, ob ich das mutig oder dumm finde, steht es bereits 1:0. Ein Mit-Adler steckt im Bus fest und konnte nicht rechtzeitig zum Anpfiff zu Hause sein. Ich halte ihn per SMS auf dem Laufenden. 2:0. 3:0. Jetzt fährt der Bus wieder. Prima.


Tom Bayer, der die Fernsehübertragung kommentiert, erläutert, dass die Eintracht in der ersten Halbzeit ein 4-4-2 und jetzt in der zweiten ein 4-3-3 spielt. Vielleicht sollten wir es einfach mal mit Fußball spielen probieren? Michael Skibbe weiß nach dem Spiel, woran es gelegen hat –an unserem unterdurchschnittlichenKader und der mangelnden Qualität. Ich finde: Hier mangelt es an etwas ganz anderem.

7.November
Samstagseinkäufe. Mit Eintracht-Schal und Jacke in der M1er Innenstadt. Jetzt erst recht. Uffrescht wie die Sparschel und wie der Sprüche mehr sind. Wie gewohnt, erweist sich der Eintracht-Schal taktisch als günstig, wenn es darum geht, im Kampf 1 gegen 1 einen Parkplatz zu erobern. Ein Eintrachtler? Da fürchten sich die Leut hier in Meenz und zucken zurück. Es regnet. Melancho-Stimmung. Zwischenstopp. Trinke eine Tasse Kaffee, aus dem Lautsprecher klingt „I did it my way“. Muss grinsen. Is ja gut, Kerstin. Jetzt mach mal halblang.


Ein kleines Trüppchen von vielleicht 100 „Gegnern der Jagd“ zieht mit einem Demonstrationszug durch die Innenstadt, wird von Polizisten auf Motorrädern eskortiert. Seitlich stehen einige Zuschauer, ein junger Mann telefoniert. „Stell dir vor“, berichtet er aufgeregt, „Bin hier in Mainz. Hier ist grad voll die Demo...“ Welche Demo?

Guillermo de Hollanda hält in Mexico in, nun ja, fast perfektem Spanisch eine Rede und wird dabei aus Versehen ganz unköniglich ordinär. Da merkt man es mal wieder: Qualität ist manchmal auch eine Frage der Wortwahl.

8. November
Anruf eines befreundeten, verheirateten Adlers, der mir die Geschichte eines Bekannten erzählt. Folgender Dialog:
A:
“Stell dir vor, den hat seine Frau verlassen. Er kam abends heim – sie war weg und hatte den PC, den Fernseher und den Kühlschrank mitgenommen.“
I: „Gibt‘ so was wirklich? Du liebes bisschen....“
A: „Yep. Da wo vorher der PC war, stand eine Flasche Bier. Da wo der Fernseher war, stand eine Blumenvase. Wo der Kühlschrank war, war ein weißer Fleck.“
I: „Ach du scheiße....“
A:
„Mir passiert so was nie…“

9. November
Wir warten aufs Christkind oder doch zumindest auf so etwas ähnliches: Michael Skibbe ist heute abend zu Gast im Heimspiel des Hessischen Rundfunks und es wird erwartet, dass er dort weitere Qualitätsvisionen ...ähem... hat. Der Auftakt der Sendung ist verheißungsvoll. Der Trailer zu Beginn ist hinterlegt mit „Pussy“ von Rammstein. Dabei ist die Sendung doch gar nicht jugend- sondern nur nervengefährdend.


Aber nicht nur Michael Skibbe, auch andere haben etwas zu verkünden. Z.B. die Universität Halle, die in ihrem Infoletter berichtet, dass sie im „Shanghai-Ranking“ als zweitbeste ostdeutsche Universität auf Platz 302 geführt wird. Die Freuden der Globalisierung. Je nach Standpunkt und Standort kann es sich hierbei um eine gute oder um eine nicht ganz so gute Nachricht handeln. Alles eine Frage des Blickwinkels. Was schrieb mir meine Klassenlehrerin in der Grundschule dereinst in mein Poesiealbum: „Denn wer sich kann im Kleinen freuen, der kann sich freuen oft und viel.“ Sie hatte recht.

10.November
Jetzt ist es raus. Unser (doch, doch!) Kapitän Ioannis Amanatidis muss noch einmal am Knie operiert werden und fällt wohl für den Rest der Saison aus. Michael Skibbe sagt, dass die Eintracht durch den Ausfall von Ama 20% schwächer wird. Wie war das noch gleich? Durch den Kauf von Lincoln wären wir auf einen Schlag um 20-30% besser geworden. Die müssen wir dann also auch noch abziehen und sind dann nur noch bei gut 50%. Der Kader des aktuellen Bundesligatabellenführers Bayer Leverkusen entspricht, wie wir seit letzten Freitag wissen, noch zu etwa 80% dem Kader, den seinerzeit Michael Skibbe zusammengestellt hat. Vor diesem Hintergrund sind wir natürlich ohnehin nur Durchschnitt – damit halbiert sich die Qualität noch einmal, wären wir also bei 25%. Wenn wir jetzt noch bedenken, dass wir hauptsächlich Luschen scouten (-10%), unsere Nachwuchsspieler uns derzeit noch nicht weiterhelfen können (-5%) und auch unser junger Brasilianer dazu wenig Anstalten macht (noch einmal -10%) - dann stehen wir also praktisch bei Null. Darauf kann man aufbauen.


All diese Überlegungen sind schlagartig nicht mehr so wichtig. Verbringe einen langen und anstrengenden Workshoptag in Frankfurt. Komme nach Hause. Bin müde, hungrig. Ein Anruf. Robert Enke ist tot. Stille.

11.November
Auch wenn die (Fußball)-Welt derzeit in einer Art Schockstarre liegt, geht und schnipselt das Leben weiter.


Helau. Pünktlich um 11 Uhr 11 wird in Meenz mit viel Dschingderassa die neue Fastnachtskampagne eröffnet. Bereits im Vorfeld wurde – wie in jedem Jahr – das Kampagnenmotto ermittelt. Dabei wird ein aktueller Bezug vorgegeben , jeder kann sich mit einem Vorschlag beteiligen – eine Jury entscheidet. Das diesjährige Motto heißt: „Bei uns in Meenz gilt die Devise. Die Fassenacht kennt keine Krise.“ Aber ich krieg gleich eine.

Apropos Krise: Das goldische Meenzer Mädsche Margit Sponheimer, das eigentlich aus Frankfurt stammt, wird ausgeliehen ins Hessische und fungiert in diesem Jahr als Sitzungspräsidentin bei der HR Prunksitzung. Sag noch mal einer, dass die Frankfurter kein gutes Scoutingsystem haben. Ob allerdings die Qualität der Sitzung durch diesen Transfer um 5% gesteigert wird, bleibt vorerst noch offen.

„Es war kalt in Bogotá.
Alle Restaurants hatten Ruhetag
in Mindelheim an der Mindel.
Auf Fidji strömender Regen.
Helsinki war ausgebucht.
In Turin streikte die Müllabfuhr.
Überall Straßensperre
in Bujambara. Die Stille
über den Dächern von Pécs
war der Panik nahe.
Noch am ehesten auszuhalten
war es unter dem Birnbaum
zu Hause."


(„Kleiner Abgesang auf die Mobilität“ von Hans Magnus Enzensberger. Er wir heute
80 Jahre alt.)

12. November
Der
wahren Tabelle der Fußballbundesliga kann, wer will, entnehmen, dass die Eintracht sich in dieser Saison in (fast) allen Belangen verschlechtert hat. Weniger Ecken. Weniger Flanken. Weniger Torschüsse. Weniger gewonnene Zweikämpfe. Mehr Ballbesitz. Aha – das liegt am Kurzpasskombinationsspiel. Da wäre es ganz schön uncool, wenn Friedhelm Funkel tatsächlich auch noch Ümit Korkmaz nach Berlin holen würde. Obwohl : Statistisch wird das ja nicht weiter auffallen.

Der Löwe ist los. In Wuppertal wird aus Versehen ein Löwe
gestohlen und wiedergefunden . Ähnlichkeiten mit Leoparden bzw. tatsächlich existierenden Filmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Bring it up, Baby!

13. November
Lost in translation? Das ist noch gar nichts gegen „Lost in security“. Wir fahren zu dritt zu einem geschäftlichen Termin nach Frankfurt. Bevor wir das Firmengelände betreten dürfen, müssen wir uns einen Security Film ansehen und anschließend einen Test absolvieren = 4 Fragen zum Film richtig beantworten. Wir stehen nebeneinander und stieren jeder auf einen Touchscreen, auf dem nacheinander verschiedene Szenen ablaufen.. Ein Arbeiter auf dem Werksgelände will sich eine Flasche Bier öffnen – hurtig eilt eine adrett gekleidete Dame herbei und erklärt ihm – „Nein, nein!“ – das geht nicht. Ein Herr im Anzug schlendert über das Firmengelände, will gerade auf seine Kamera klicken – da ist schon wieder die freundliche Dame: „Nein, nein.“ Auch das ist nicht erlaubt. Jetzt erscheinen auf dem Bildschirm zwei Menschen in einem Büro. Durch das Fenster hinter ihnen sieht man, wie eine dicke schwarze Wolke aus einem Schornstein quillt. Und jetzt? Duck and cover?

Ich ertappe mich dabei, dass ich vor mich hin gickele wie ein Teenie. Mal ehrlich: Wär so ein Film mit anschließendem Test nicht was für die Eingangskontrollen am Stadion? 50.000 Menschen, die nacheinander... Hilfe. Jetzt hab ich auch schon Visionen.

14. November
Michael Skibbe verstärkt an diesem Wochenende das Scouting-Team der Eintracht und reist irgendwo ins Europäische. Für
Christoph Preuß liegt dagegen das Gute heute nicht in der Ferne, sondern ganz nah: Bei strömendem Regen steht er beim Freundschaftspiel in Eschersheim heute zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder mit dem Eintracht-Trikot auf dem Platz. Freu mich für ihn. Und für uns.

Spät abends sehen wir uns einen alten Western mit Paulette Godard und Gary Cooper an. Die ersten Bilder flimmern, das Logo der Produktionsfirma – ein Adler. Dann der Titel: "Die Unbesiegten." Seufz.

15. November
In Hannover findet heute die Trauerfeier für Robert Enke statt. Wirrwarr an Gedanken und Gefühlen. Nein, die Trauerfeier schaue ich mir nicht an, ich will raus. Laufe durch den Regen. Die Wege sind matschig, der Himmel grau, Wolken ziehen.
Abends schweigt Dittsche.

16. November
Ich leiste. Du leistest. Er leistet. Wir leisten. Ihr leistet. Sie leisten. Apropos Leisten. Martin Fenin wird heute wieder an selbigen operiert. Was e Elend.

17. November
Nein, (noch) ist uns der Himmel nicht auf den Kopf gefallen. Trotzdem wird es heute den ganzen Tag über nicht hell. Die Welt dampft und wabert. Es schüttet ohne Unterbrechung. Der Bildungsstreik geht in die nächste Runde. So gesehen - nichts Neues: Die künftigen Bachelor stehen jetzt schon im Regen.


18. November
Beim Aufwachen blinzelt die Sonne durch die Jalousie.


WM-Qualifikation auf der Zielgeraden. Vor dem fast aussichtslosen Spiel der Griechen in der Ukraine meint Angelos Charisteas, dass „unser Trainer uns schon zeigen wird, wie wir das meistern.“ Und tatsächlich. Otto zeigt es. Die Griechen gewinnen in der Ukraine und fahren im nächsten Jahr nun doch zur WM. Bis dahin wird es sich dann auch bis zum dümmsten Reporter herumgesprochen haben, dass die Griechen während der Quali grundsätzlich mit 3 Stürmern gespielt haben. Die Iren scheitern gegen die Franzosen in letzter Minute doch noch. Und die deutsche Nationalmannschaft spielt in aller Freundschaft auf Schalke 2:2 gegen die Elfenbeinküste. Poldi rennt, dribbelt, schießt und spielt sich frei. Ein nachdenklich-stiller, anrührend, ja, erwachsener Per Mertesacker im Interview nach dem Spiel. Wege finden.

In gut vier Wochen ist Weihnachten. Das ultimative Weihnachtsvideo gibt es aber jetzt schon. **singanundhüpf** Ho ho ho –
Must be Santa, must be Santa, must be SantaSanta Boooooooob **singausundhüpfweiter**
(Und auch beim Anschauen dieses Videos nicht vergessen: Wer ist Bob Dylan? Immer der mit dem Hut!)


*To be continued*