Dienstag, 8. Dezember 2009

Aus gegebenem Anlass

Den Text, der jetzt gleich folgt, habe ich am Sonntagvormittag verfasst, noch ohne links und rechts zu schauen, noch direkt unter dem Einfluss des Spiels der Eintracht gegen die 05er.. Wollte ihn in meinen Blog stellen, habe ihn dann erst einmal "ruhen" lassen. Dann stöberte ich im Netz, las hier und dort, stieß auf Lesenswertes und auf weniger Lesenswertes und dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Die unsägliche Maik-Franz-Geschichte nahm Fahrt auf. Die Diskutanten waren aller Ort. Der beleidigte Tuchel aus dem Sportstudio vom abend davor. Eben war noch das Spiel - es war Glück und Leichtigkeit - es war Fußball - und schon ging es wieder weiter. Ach, lass es - dachte ich. Mach den PC aus. Wir haben gewonnen. Wir haben gewonnen. Wir haben gewonnen. Und: Heute ist der zweite Advent.

Zwei Tage später. Mürbe vom Diskutieren. Für mich vorerst letzter Akt ein Mail, das ich gerade an einen Freund geschrieben habe, der – ja so ist nun mal – bedauerlicherweise ein 05er ist. Überlege, wie ich das, was mir durch den Kopf geht, in einen Text fassen kann und da – stoße ich bei Kid Klappergass auf einen Eintrag über
„Das Gefühl“ . Ja, genau. So war das. Das war Fußball. Und das können sie uns auch jetzt im Nachhinein nicht mehr mies machen! Nein, das können sie nicht.

Jetzt wusste ich auch, wie ich das, was mir nach den letzten zwei Tagen durch den Kopf geht, am besten in Worte fassen kann: Indem ich dem noch einmal Raum gebe, was ich, was wir am Samstag im Stadion erlebt haben. So war es nämlich – und nicht anders. "Aus gegebenem Anlass" also jetzt hier im Original-Wortlaut der Text vom Sonntag:

Back home

Was für ein Gefühl war das, gestern im Stadion? Jubel? Erleichterung? Glück? Ich würde es so beschreiben: Es war ein klitzekleines bisschen wie nach Hause kommen. So, wie wenn man lange unterwegs war. Sehr lange. Auf der Reise war es nicht nur angenehm. Im Gegenteil: Es war häufig garstig, kalt, traurig. Es herrschte Feindseligkeit, sogar Hass. Zerplatzte Träume, Enttäuschungen. Und jetzt also: Wieder zurück. Wieder zu Hause.

Passenderweise regnete es gestern, es war kalt und eklig. Auf dem Weg zum Stadion platschten wir durch Pfützen, der Schlamm spritzte. Den ganzen Tag über war meine Stimmung sehr angespannt gewesen. Jetzt, hier im Stadion, bin ich auf einmal regelrecht entspannt. Klar: Erwartungsvoll, kribbelig, aber auf eine angenehme Weise. Froh. Lichter glitzern. Im Stadion ist es hell. Fahnenmeer. Bekannte Gesichter. Abklatschen. Europa-Lied. Los geht’s. Und dann vollzieht sich so etwas wie ein Wunder. Nein, kein Fußballwunder. Kein Zauberfußball. Kein Mega-Hype. Einfach nur Fußball. Was immer passiert ist, seit dem Spiel gegen Gladbach – es muss etwas sehr Grundsätzliches gewesen sein. Vor zwei Wochen ist hier an gleicher Stelle ein Hühnerhaufen über den Platz geirrt - heute steht da eine Mannschaft. Elf bzw. 13 Jungs, die kämpfen, die Fußball spielen, die dieses Spiel gewinnen wollen. Alex Meier scheint in den vergangen Wochen noch einmal ein Stück gewachsen zu sein. Auf ganz neue Weise gehört er plötzlich zur Mannschaft, mehr noch: ist in ihr Zentrum gerückt. Und das sieht man nicht nur während des Spiels, auch in der Jubeltraube. Alex immer mittendrin. Er läuft und erobert sich Bälle, denkt meistens richtig, will es manchmal zu genau machen und macht vieles genau richtig. Raum gewinn. Flügelwechsel. Flach. Präzis. Pirmin Schwegler, der nicht mehr die Last des Chefs tragen muss und wieder Fußballer sein darf. Chris, der hellwach grätscht und köpft und auch mal geht. Marco Russ, der überall ist. Doppelt. Absichert. Patrick Ochs, der in seiner neuen Rolle nicht nur Dampf macht, sondern auch denkt und lenkt. Den Blick für das Spiel hat. Das Spiel öffnet. Genaue Flanken und Ecken schlägt. Bajramovic, der im Laufe des Spiels zunehmend stärker wird, zwei, drei Mal für überraschende Momente sorgt. Ümit der wuselt und den Ball verliert und wieder zurück holt und wuselt und geht und sich fest läuft und wuselt und Räume schafft. Oka, der auf der Linie brilliert. Maik Franz, der überall hingeht wo’s weh tut, der sich in das Spiel hinein beißt, nachsetzt, nicht locker lässt, das Tor, das Tor macht. Christoph Spycher, der versucht, auch auf der linken Seite Druck aufzubauen. Liberopoulous, der... also: Der sich müht. Und abrackert. Gestern leider meistens vergebens.


Noch verblüffender die Situation auf den Rängen. Ich kann mich wirklich kaum noch darin erinner, wann das zum letzten Mal so war. Kein Skibbe-Funkel-Gekeife. Keine Weltuntergangsstimmung. Kein permanentes auf dem Qui-Vive sein, Lauern darauf, dass es schief oder gut geht. Kein– wirklich drumherum kein einziges – pöbelndes Wort gegen eigene Spieler. Kein Meier-oder-sonst-wen-Gebashe, kein Caio-Gejammere. Aber auch kein Gänsehaut- wie-nie-Derby-es-muss-immer-noch-besonderer-und-geiler-und-cooler-und-abegefahrener-Hype-Spiel sein. Auch außerhalb des Platzes: Einfach ganz normaler Fußball. Anfeuern. Kreischen. Haare raufen. Schwätzen. Käsen. Diskutieren. Aufspringen. Schreien. Schreien. Schreien. Meckern. Fachsimpeln. Jubeln. Hüpfen. Zähneklappern. Dummschwätzen. Anfeuern. Nervenkasper („Als die da hinnerum Kombiniererei. Schlach den Ball doch einfach emol weg.“) Jubeln.

Zur wieder gewonnenen Normalität gehört auch, dass dieses Spiel gegen einen der drei Aufsteiger nicht – wie von vielen erwartet – unentschieden ausgegangen ist. Wir haben es gewonnen. Und ich behaupte: Wir haben es relativ klar und „einfach so“ gewonnen. Klar hatten die 05er ein paar 100%ige Chancen, die sie machen können, eigentlich müssen. Aber, mal ehrlich: Insgesamt waren wir doch die überlegene Mannschaft. Der Sieg war verdient. Basta.

Ach ja – und noch etwas, dass darauf hindeutet, dass die Zeichen im Spiel gestern wirklich auf „total normal“ standen. Es war nämlich gestern nicht die ach-so-böse-Eintracht, sondern es waren die Mainzer, die den bösen Buben gegeben haben. Bengalos zünden, Stinkefinger zeigen, die Hose (doch, das hat er gemacht, der Amri) herunterlassen und den Fans den Hintern zeigen. Auch wenn es hinterher keiner gemerkt haben will und es ja auch einfacher ist, der Eintracht die A.-Karte zuzuschieben: Willkommen im Club. Vielleicht schaffen es ja sogar die 05er irgendwann nochmal ein normaler Fußballverein zu werden.

Eigentlich hätte ich diesen Post ja auch mit „Football is coming home“ überschreiben können. Nein – das hätte ich nicht. Denn das wäre dann doch eine Nummer „too much“ für diesen Abend gewesen. Man will ja schließlich zu gegebener Zeit auch noch mal etwas draufpacken können. Back home. Das muss erst mal reichen. Und das ist ja auch schon verdammt viel. Vielen Dank dafür.

Und an dieser Stelle gerne noch einmal: Danke Kid :-)

Kommentare:

  1. Das kenne ich gut. Ich schreibe und veröffentliche es dann nicht ...

    Aber alles muss 'raus! :-) Und dieser Blogeintrag ganz besonders! Gut, dass er jetzt 'raus ist. Schön! Sehr schön!

    Gruß vom Kid

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  2. Na, weiß nicht, ob es raus musste. Die (Eintracht)-Welt hätte wohl darauf verzichten können ,-). Aber da steht es halt nun.

    Danke fürs Lesen und Schön finden :-)

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  3. Nachdem sich der mediale Pulverdampf verzogen hat, bleibt das, was wir im Waldstadion gesehen haben. Und das war doch was! Und ist hier sehr schön festgehalten!

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  4. Subber Text ! Hat mir sehr gut gefalle. Weider so. Ist doch besser wie so Nachrischde ausm Fännseh. Des hier machd Schbass.

    Bis bald
    de Karl

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  5. Ei Karl-wer-immer-du-auch-bist - des freut misch ,-)

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  6. Liebe Kerstin,
    nun komme ich endlich mal zu einem Kommentar: Du bist wie immer mein Sprachrohr. Alles habe ich genauso erlebt. Nur nie kann ich das so niederschreiben.
    Unsere Verzweiflung nach dem Gladbach Spiel haben wir geteilt. Und seit Berlin das Wunder: es steht wieder eine Mannschaft da unten, die will gewinnen, zeigt das und tut es. Ein wunderbares Gefühl. Endlich wieder. Und weiterhin interessiert mich nicht, ob das "schön" gespielt ist. Es ist mit Herz und Willen und dem Adler auf der Brust entstanden. Das ist meine Eintracht.

    LG Nicole

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  7. Wir sitzen im Stadion zwar ein ganzes Stück auseinander, aber offensichtlich sehen wir tatsächlich immer das gleiche Spiel. Freu mich sehr - darüber, dass das so ist und über deinen Kommentar.

    Adler auf der Brust und im Herzen - und genau so jetzt in Hoppenheim auftreten. Dann gegen Wolfsburg die Rückkehr von Christoph Preuß und einen Heimsieg feiern - und dann, ja dann kann Weihnachten kommen... Aber eins nach dem anderen :-)

    Sieg!

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