Mittwoch, 25. November 2009

Berlin zum Leuchten bringen

Wenn ich es mir so recht überlege: Mit Berlin verbinden mich ausschließlich angenehme und frohe Erinnerungen. Immer, wenn ich in Berlin war, war es schön. Manchmal sogar sehr schön. In diesen Tagen könnte man auf den Gedanken kommen, dass das damit zusammenhängt, dass meine Berlinbesuche – bis auf ein einziges Mal – nichts mit der Eintracht zu tun hatten. Das ist natürlich Quatsch, denn mit ein paar Mal mehr Berlin, wären ja - im Gegenteil - auch einige besonders schöne Eintracht-Erinnerungen dazu gekommen. Trotzdem...

Erinnerungsflash…

Klassenfahrt. Mein erster Besuch in Berlin. Wir wohnten in einem Jugendhotel im Wedding. Meine Freundin Steffi und ich schlichen uns früh morgens aus dem Gebäude, frühstückten in dem kleinen Café auf der anderen Straßenseite Milchkaffee und Croissants und kamen uns dabei sehr weltmännisch vor. Immer, wenn es in diesen, mit offiziellem Programm vollgepackten Tagen eine Lücke mit frei verfügbarer Zeit gab, machte ich mich alleine auf den Weg und erfuhr und erlief mir die Stadt. Mit der U-Bahn nach Wilmersdorf, Charlottenburg, Moabit, zum Wannsee und lief und schaute und lief und schaute. Was kostet die Welt?

Mitte der 80er Jahre. Über Silvester ein spontaner Kurztrip zu einem Freund, der seit kurzem in Berlin studierte und jetzt dort mit seiner Freundin in einer wunderschönen, aber baufälligen Altbauwohnung lebte. Abblätternde Farbe. Nasse Flecken an den Wänden. Nur ein Ofen. Der stand im Wohnzimmer und funktionierte nicht. Es war schweinekalt, so lebten wir Tag und Nacht in dicken Wollpullovern. Martina, die Freundin des Freunds, studierte an der Musikhochschule und spielte spielte spielte den ganzen Tag über Geige. Die Töne schwangen durch die Wohnung, verfingen sich im Hinterhof und hallten durch das abgeschubste Treppenhaus hinaus auf die Straße. Immer irgendwo zwischendrin – die vollkommen neurotische, eisgraue Siamkatze, die Martina von ihrer Vormieterin übernommen hatte. In der Silvesternacht standen wir dichtgedrängt auf dem winzigen Balkon. Funkenregen über den Dächern. Böllernde Kinder im Innenhof. Tiefsinnige Gespräche über den Sinn des Lebens und die Hoffnung auf erfüllte Träume. Wir schliefen, eingemummelt in Schlafsäcken, auf dem Küchenfußboden. In der Silvesternacht lag ich noch lange wach und schaute durch den hohen Fensterbogen in die Schwärze der Nacht. Letzte Lichter glimmten. Gespräche und Lachen von draußen.

Ende der 80er. Pokalendspiel in Berlin. Wir hatten uns an diesem Samstag Ende Mai schon sehr früh auf den Weg gemacht in Richtung Berlin. Dieser Weg führte damals noch durch die DDR – die Straßen, die durch die karge Landschaft führten, sind in meiner Erinnerung eine Kette himmelblauer Trabis. In einer Autobahnraststätte aßen wir Hühnerfrikassee mit Kartoffeln (etwas anderes gab es nicht, aber es war köstlich), regten uns über die Besser-Wessis auf, die damals noch nicht so hießen, aber schon welche waren und sich über die „Primitivität“ mokierten, und wir kauften uns ein Neues Deutschland. Dieses mal übernachteten wir bei meiner leicht durchgeknallten Freundin Uli, auch hier in einer Altbauwohnung, auch hier auf dem Fußboden und auch hier gab es eine Katze, die ein Kater war. Er hieß Nebukadnezar und aß am liebsten grüne Oliven.

Auch mein Vater, von dem ich meine Liebe zur Eintracht geerbt und mit dem zusammen ich mein erstes Spiel im Waldstadion erlebt habe, war an diesem Wochenende in Berlin. Das war erstaunlich, denn er ist in seinem Leben sehr selten „weit weg“ gewesen. Die Umstände waren nicht so. In Berlin war er jedenfalls, zusammen mit einem alten Freund und dessen Sohn, ebenfalls im Auto angereist. Sie übernachteten in einer kleinen Pension. Im Olympiastadion saß mein Vater neben einem älteren Herrn – der Herr mit Bochum-Schal, mein Vater mit Eintracht-Kapp. Nach Abpfiff – so erzählte mein Vater mir später – stand der Bochumer auf, schüttelte ihm die Hand und gratulierte ihm zum Sieg. Seit dieser Zeit hege ich Sympathien für den VFL Bochum.

April 2009. Mein vorerst letzter Besuch in Berlin. Wir waren lange nicht mehr dort gewesen und hatten den ersten Tag unseres Aufenthalts ebenso verbracht wie ich damals als Schülerin: Wir liefen und schauten, liefen und schauten. Abends machten wir uns dann mit der S-Bahn auf den Weg zum Dylan-Konzert, dem eigentlichen Grund unseres Besuches. Auf dem Anmarsch zur Max-Schmeling-Halle mischten sich die Besucher des Dylan-Konzerts mit Fußballfans, die auf dem Weg ins Stadion am Prenzlauer Berg waren, wo Eisern Union damals zwischenzeitlich seine Heimspiele austrug. Und dann - nach dem Konzert, als Bob und seine Band die Bühne endgültig verlassen hatten, die Halle sich nach und nach leerte, da - plötzlich, vollkommen überraschend für meinen Mit-Adler und mich, geschah es. Dabei deutete nichts darauf hin. Sicher, wir hatten einmal mehr ein grandioses Konzert gesehen, wollten uns noch nicht vom Ort des Geschehens trennen, trödelten in der Halle, auf dem Vorplatz der Halle herum. Tagsüber war es sonnig gewesen, jetzt am Abend war der Wind empfindlich kühl. Wir fröstelten, wanderten durch die nur schwach beleuchteten Straßen zurück zur S-Bahn Station. Das Spiel von Union war längst beendet (mit einem 0:0 wir mir ein Mit-Adler gesimst hatte), in den Wohnblocks brannten noch vereinzelt Lichter. Wir hielten kurz inne, schauten uns um. Und da, jetzt plötzlich bemerkten wir es: Berlin leuchtete. Warm und hell. Einfach so, ganz ohne Anlass. Tatsächlich. Nur für uns.

Soll ich erzählen wie der Abend weiter verlief? Nun, nichts besonderes. Wir fuhren mit der S-Bahn zurück zu unserem Hotel in Berlin-Mitte. Hungrig und durstig landeten wir, wie sich das für Berlin gehört, ein paar Straßen weiter in einem fast menschenleeren 24-Stunden-Döner. Wir setzten uns direkt an das große Fenster zur Straße und beobachteten die Trüppchen von Berlin-Besuchern, die vorbei liefen, manchmal auch schwankten, mal ernst, mal albern, laut oder leise. Wir saßen hinter unserer Scheibe, aßen und tranken, lachten und erzählten. Wir lernten die kreativste Raucherzone der Welt kennen (= eine Gruppe von 5 Tischen, die – mitten im Raum – von einem gelben Klebeband auf dem Fußboden eingekringelt wurde), träumten, diskutierten und planten und irgendwann, als wir genug erzählt hatten, liefen wir zurück zu unserem Hotel und fielen todmüde in unsere Betten.

...Erinnerungsflash-Ende

Tja. So ist das mit Berlin. Und es bleibt der Wunsch, dass Berlin auch an diesem Wochenende wieder leuchten möge – und zwar für die Mannschaft der Eintracht, die am Samstag im Olympiastadion auflaufen wird, für einen meiner Mit-Adler, der voller Hoffnung im Stadion sein wird und für all die anderen Adler, die auch an diesem Tag wieder, ob in Berlin oder zu Hause, mit ganzem Herzen für die Eintracht da sein werden. Voll und ganz da sein – das gilt hoffentlich auch für unsere Mannschaft.
Sieg. Und nichts anderes!

Nachtrag:
Der Satz „Berlin leuchtete“ ist eine Reminiszenz an Thomas Manns Erzählung „Gladius dei“. Alle Fotos stammen vom April 2009. Das Foto in den Himmel des Olympia-Stadions wurde im Februar 2008, beim 3:0-Sieg der Eintracht aufgenommen.

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