Freitag, 30. Dezember 2011

Rotundschwarze Jahresschnipsel 2011 (April bis Juni/Juli)

Teil 2 - und damit auch der letzte Teil meines Jahresrückblicks. Habe in den letzten Tagen das erste Halbjahr noch einmal durchlitten und werde es vor Jahresende nicht schaffen, den Rest des Jahres aufzuarbeiten. Das zweite Halbjahr nehmen wir als Hoffnung mit ins neue Jahr - und führen es dort zu einem guten Ende!

Tipp: Im Eintracht-Forum gibt es einen kompletten Zeitraffer-Jahres-Rückblick von Bernie.
- Teil 1
- Teil 2

Und hier also die rotundschwarz geschnipselten  Monate April bis Juni 2011 - immer noch unfasslich und also nichts für schwache Nerven:

April

Die Saison fängt mit dem Spiel gegen Wolfsburg wieder neu an, hat Christoph Daum bei seiner ersten Pressekonferenz gesagt. Und – schnips – wir fühlen uns wie wiederbelebt. Im ersten Spiel unter Daum spielt die Eintracht innerhalb von drei Wochen zum zweiten Mal gegen die Mannschaft von Felix Magath, die zwischenzeitlich Wolfsburg („Herzensache.“) heißt. Die Eintracht holt einen Hoffnungspunkt und wir tauchen staunend ein in den Daumschen Kosmos: Videoanalyse. Professionelle Trainingskiebitze.Videobotschaften in Facebook. 

Ein weiteres Lebenszeichen im hoch-emotionalen Heimspiel gegen Werder Bremen. Bremen führt durch ein Eigentor von Halil Altintop, aber heute lässt die Mannschaft sich nicht aus der Spur bringen. Heute wollen sie sich nicht in eine Niederlage fügen. Maik Franz als Kapitän vorne weg. Marco Russ - ach, Mensch - Marco Russ also erkämpft in der 83. Minute am eigenen Strafraum, in einer wahnwitzigen Aktion den Ball und bereitet damit den Ausgleich vor, er geht, schickt Jung, der flankt – Maddin ist da. Ausgleich. Wir hoffen wieder. 33 Punkte. Ein einziger Sieg aus den noch ausstehenden 5 Spielen und wir sind durch.

Der wunderbare Toni Hübler ist zu Gast im Eintracht Museum und erzählt Geschichten aus seinen über 40 wildbewegten Eintracht-Jahren. Das Spiel in Hoffenheim ist weniger wild, auch weniger bewegt und vom gerade erst wieder zart aufgekeimte Pflänzchen Hoffnung bleibt nicht mehr viel übrig. Gestern war Skibbe. Heute ist Daum. Nichts hat sich geändert, gar nichts. Vorne steht die „winkende 21.“  Die Eintracht verliert mit 1:0. Freunde und Bekannte fangen an, mich mit mitleidigen Blicken zu betrachten. „So ein Absturz…“ „Das gibt’s doch gar nicht…“ „Sieht nicht gut aus…“ Mach Sache.

Sonny Kittel erleidet einen Kreuzbandriss, Maik Franz bricht sich den Fuß und Marco „Jeder spielt für sich“ Russ findet, dass so einer wie Maik Franz, „der auch mal übers Limit hinausgeht“ nicht so leicht zu ersetzen ist. Christoph Daum will nicht immer nur den Li-La-Laune-Bär geben, wahrscheinlich weil er weiß, dass das Gesicht des Trainers der Spiegel des Zustands seiner Mannschaft ist.

Die nächste Chance auf ein Lächeln: Der Smartmob gegen das Karfreitags-Tanzverbot vor dem Römer. Quatsch: Das Heimspiel gegen die Bayern. Ostersamstag, 23. April, 85. Minute. Die Eintracht führt 1:0. Das ist der Befreiungschlag, auf den wir so lange gewartet haben. Damit sind wir rausrausraus aus dem Gröbsten. Die Bayern drängen auf den Ausgleich. Konzentriert bleiben. Nicht nach lassen. Nach vorne spielen. Sebi Jung geht. Da ist Gekas, ein, zwei Meter vor dem Tor. Da ist Gekas. Das ist, das muss die Entscheidung sein. Gekas trifft. Nicht. In der 89. Minute Foulelfmeter für die Bayern. Gomez trifft. Mitten ins Herz.

Christoph Daum „glaubt“ „noch“ daran, zumindest „solange wir es noch aus eigener Kraft schaffen können.“  Hilfe. Willi Windsor heiratet seine Kate und die Royal-Adler-Force macht sich auf den Weg nach Mainz.

Vor dem Spiel: Die Stadt ist rotundschwarz getupft und von einer blauen Eskorte umsäumt. Unten am Rheinufer ankern die Schiffe, deren Ankunft ein Mainzer Adler-Freund bereits auf der Brücke in Kostheim winkend erlebt hat. Auch ich stehe am Ufer. Böller. Rauch als das zweite Schiff anlegt.  „Die wolle unser Meenz in verwüste,“ sagt eine ältere Dame zu ihrem Begleiter. Ach,verwüstet wird heute ganz etwas anderes

Fassungslos sehen wir, was sich da am Bruchweg vollzieht. Obwohl die drei fast identischen Tore erst in der 26., 38. und 45. Minute  fallen, ist das Spiel bereits nach zehn Minuten entschieden. Die Eintracht ist nicht anwesend. Die Mainzer haben Mitleid mit uns und sehen in der zweiten Halbzeit davon ab, den toten Hund noch weiter zu treten.

Nach dem Spiel. Interview mit einem unserer Spieler. Falls irgendetwas in ihm brodelt, an ihm nagt, ihn fertig macht. Er kann es gut verbergen. Fast unbeteiligt. Vielleicht ist es der Schock? Ein Gesicht, dem weder Kampf, noch Leid, noch Enttäuschung anzusehen ist. Hat er überhaupt geschwitzt? „So kann man im Abstiegskampf nicht bestehen.“ Nein, kann man nicht. Christoph Daum findet, jetzt muss man der Tatsache ins Auge schauen, dass die Frankfurter (wen meint er? Ach, so: Uns), bestenfalls noch um einen Relegationsplatz spielen. "Wir dürfen uns jetzt nichts mehr vormachen". Ach. Keine Sorge. Wir machen uns schon lange nichts mehr vor. „Das war’s für die SG Eintracht Frankfurt.“ Sagt der Sky Reporter.

Im Stadion-Wurst-Ranking landet die Eintracht-(Aramak!)-Wurst auf dem letzten Platz, auch die Gurken sind auf dem absteigenden Ast. „Wir müssen jetzt Vollgas geben.“ Sagt Patrick Ochs.

Das Training nach dem Mainz-Spiel findet unter Polizeischutz statt. 5 Polizisten auf einen Trainings-Kiebitz. Von Randale keine Spur. Wir sind einfach nur fertig. Fix und fertig.

Mai

Letzter Akt eines Dramas, das eigentlich schon vorbei ist. Eine wirre, verquälte Woche – voller Diskussionen, Hader. Raus, raus alle raus. Wider besseres Wissen hoffen wir auf das Heimspiel gegen Köln. Immer noch gilt: Ein einziger Sieg und zumindest die Relegation wäre gesichert. Die Eintracht bezieht ein Kurztrainingslager in Bitburg; durch ein peinliches Versehen tickert der bevorstehende Wechsel von Patrick Ochs zum VFL Wolfsburg bereits vor dem Spiel gegen Köln über seine eigene Homepage.Und wer dachte, das Spiel gegen Mainz sei bereits der Tiefpunkt gewesen, wird eines Besseren belehrt: Schlimmer geht immer. Rauch. Trümmer. Hundertschaften von Polizisten. Das Waldstadion im Ausnahmezustand. Ein Meer voller Tränen. Rotz und Wasser. Arsch ab.

Nicht einmal 5 Minuten hat es gedauert, dass Patrick Ochs sich entschieden hat, das Angebot aus Wolfsburg anzunehmen. Nicht einmal 5 Minuten dauert es, sich die knappe Handvoll Tore anzuschauen, die Eintracht Frankfurt in der Rückrunde der Saison 2011/12 geschossen hat. In einem traurigen, pathetischen Moment erheben wir tief in der Nacht unsere Gläser und stoßen an – auf die Eintracht, die mehr ist als die 11 Hansel, die heute auf dem Platz standen.

It’s allright Ma, I’m only bleeding. Der große Bob wird am 24. Mai unfassbare 70 Jahre alt. Die Eintracht hat inzwischen auch ihr letztes Erstligaspiel in Dortmund verloren. 34 Punkte. Abgestiegen. Gladbach hat in der Rückrunde 26 Punkte geholt und sich – dank unserer tätigen Mithilfe – via Relegation den Verbleib in der Bundesliga gesichert.

Keine Zeit, Wunden zu lecken. Bereits in zwei Wochen beginnt die Vorbereitung auf die Zweitligasaison. Wer geht? Wer kommt? Je fieser die Zeiten, desto ausgelassener die Stimmung. Im Eintracht-Forum wird Walter Ceklfiz als Heilsbringer ausgemacht. Mit ihm hätte der Abstieg verhindert werden können. Hinter jedem Baum und Strauch wird der neue Trainer gesichtet. Peter Neururer? Stepi? Haha. Ich lach mich tot.
„We are ugly but we have the handcheese.“ Kommentiert ein Leser einen Eintrag in meinem Blog. Stimmt. Aus- und abgestunken.

Juni

Heribert Bruchhagen sieht sich in der Pflicht, die Eintracht wieder in die Bahn zu bringen. Dabei hilft ihm jetzt ein Sport-Direktor. Der heißt Bruno Hübner und ich muss mich erst daran gewöhnen nicht zu erschrecken, wenn er ins Bild kommt und in der Unterzeile „Eintracht Frankfurt“ steht. Der gehört jetzt also zu uns. Genauso wie der neue Trainer, der heißt Armin Veh, trägt als Erkennungszeichen eine Eintracht-Kapp und will bei der Eintracht vor allem auch eins: Spaß haben, was aus seinem Mund einen irgendwie melancholischen Unterton hat. Ansonsten hat er natürlich recht. Heissa, wir sind ein lustiges hessisches Völkchen. Der Hauptspaß ist dann hoffentlich am Ende der Aufstieg. Auch im Netz grooven wir uns allmählich ein. Wir versichern uns täglich wie absurd, wie unglaublich komisch oder wie entsetzlich langweilig das alles ist. „Unterhaus“. Wir.

Die Fußball-Frauen WM sorgt dafür, dass immer neue Euphorie-Wellen durchs Land schwappen. Unser lieber kleiner Kater verschwindet und die Welt hat fortan einen Schatten mehr.  In Oberursel findet der Hessentag statt und auch das erste Pokalrundenspiel der Eintracht soll stattfinden - und zwar in Halle. Das geht aber nicht, weil der Platz zu klein ist. Der Hallescher FC macht sich deutschlandweit auf Stadionsuche – alle lehnen dankend ab.

Ioannis Amanatidis wird "nicht unehrenhaft" von der Eintracht entlassen un die Neugestaltung des Kaders schreitet voran. Überraschend viele „Tasmanen“ verbleiben und aus allen Richtungen komme neue Spieler hinzu.  Erwin Hoffer. Gordon Schildenfeld. Stefan Bell. Dominik Schmidt. Thomas Kessler. Matthias Lehmann. Constant Djakpa. Wie es aussieht, wird Marco Russ den Verein wohl noch verlassen. Was noch fehlt sind ein (oder zwei?) Stoßstürmer. Sehr fremd schaut das alles aus, ein bisschen beliebig – und bekommt doch allmählich wieder ein Gesicht. Wir. Armin Veh hat Pirmin Schwegler für unverkäuflich erklärt und ihn zu seinem, zu unserem Kapitän gemacht.

Die DFL veröffentlicht den Hinrundenspielplan der zweiten Liga und wir können uns gar nicht genug darüber mokieren, mit welchen exotischen Städten und Vereinen wir uns vorläufig auseinanderzusetzen haben. Paderborn. Man stelle sich vor: Paderborn. Die Eintracht verbringt ihr Trainingslager in Österreich. Ganz, ganz allmählich setzt fast so etwas ein wie Vorfreude auf die neue Saison. Wir kommen wieder. Wir werden es allen zeigen. Egal wie, Hauptsache gleich wieder aufsteigen. Neue Blogs schießen wie Pilze aus der Erde, tausend Eintracht-Facebook-Initiativen. Der Bebber des  Eintracht-Museums bringt es auf den Punkt: Atomaufstieg jetzt!

Mit dem Spiel in Fürth fangen wir an.... aber das ist schon ein neues Kapitel ,-)

Kommentare:

  1. Oje, oje, die ganze Leidenszeit prägnant und unsentimental zusammnegefasst. Hoffentlich wird der Rückblick nächstes Jahr ein angenehmerer Job. Gruß, einen guten Rutsch und ein für uns alle schönes und erfolgreiches neues Jahr. Carsten

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  2. Unsentimental? Ich? Das wüsst ich abber ,-) Doch, nächstes Jahr WIRD besser. Es muss.

    Danke dir fürs Vorbeischauen und Kommentar da lassen - auch dir einen guten Start in ein hoffentlich gutes Jahr!

    lgk

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  3. Sehr schön aufgearbeitete Jahresschnipsel von Dir.
    Sehr schöne bewegende und auch unerfreuliche Dinge-super -auf den Punkt gebracht.

    Wünsche Dir und deinen Mitadlern-sowie den Lesern deines Blog:

    Ein glückliches-gesundes Jahr-2012!
    LG
    (B).

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  4. Faszinierend, was alles in einem Jahr passiert und man dann nicht mehr auf dem Schirm hat. Absolut faszinierend.
    Gelungener Jahresrückblick wie ich finde. Ich warte gespannt auf den 3. und letzten Teil...

    Gruß und guten Rutsch...

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  5. dank dir für die rückschau und die links zu beveswelt. gott, was war das alles für eine sche..e im letzten jahr. naja, irgendwann bleiben nur noch die anekdoten :-)

    guten rutsch wünscht

    beve

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  6. Geschafft, Teil 2 gelesen, damit haben wir doch die schlimmste Zeit 2011 hinter uns. Ich hatte so einiges schon verdrängt.
    Von all den unsäglichen Ochs-Zitaten wußte ich nur noch die Hälfte, aber das reichte ja bereits, um meine Meinung diesen Spieler betreffend, komplett zu revidieren. Was für ein mieser Abgang.

    Danke Kerstin. So war das wohl alles. Aber wir sind immer noch da.
    Guten Rutsch! Und auf ein erfolgreiches Eintrachtjahr 2012!
    Nicole

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  7. @C-Willi: Dir auch, liebe Barbara, alles Gute fürs neue Jahr (und hoffentlich nicht allzuviel Schrecken heut nacht für Emma)

    @stay cold: Es ist wirklich erstaunlich, was da alles wieder nach oben kommt. Und es sind oft die Details, die besonders tief pieksen

    @Beve: Gerne. Und ja: Ein schwieriges Jahr. Große und kleine Verluste. Enttäuschungen. Fragen. Und doch bleibt am Ende doch auch immer etwas, dass dazu gekommen ist und gut ist und bleibt. Und über die Anekdoten kann man dann vielleicht sogar lachen. Irgendwann.

    @Nicole: Wenn man etwa ins Wanken käme, ob er vielleicht doch wieder zurück kommen sollte - man muss sich das nur nochmal alles vergegenwärtigen und weiß: Nein. No go.

    Wir sind immer noch da. So isses. Ich bin neugierig auf das neue Jahr und freu mih darauf. Doch. Wirklich.

    Guten Rutsch und alles Gute euch allen! lgk

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