Dienstag, 3. Dezember 2019

Der Zauberlehrling: Walle, walle


Jetzt ist es also passiert. Lange genug haben wir die Choreos gepriesen und den Ultras für die prachtvolle Stimmung im Stadion gehuldigt -  jetzt also keine legitimiert beklatschte, sondern eine außer Kontrolle geratene Pyroshow in Mainz. Und fast vermute ich, dass es  der jetzt allerorten zu lesende und zu hörende Schwall an Ablehnung genau das ist, was erreicht werden sollte. Wir sind nicht wie ihr, wir sind die einzig wahren Fans und wir machen was und wie wir wollen. Das ist die Botschaft.

Vor zwei Wochen hat bereits ein Aushang der Ultras im Stadion für Aufregung gesorgt. Und noch vor zwei Wochen habe ich mich nicht – wie viele andere – darüber aufgeregt, sondern meine Magenschmerzen an der  Eintracht-Entwicklung der vergangenen  Monate in diesem Aushang zum Teil abgebildet gesehen. Bei allem Glück über Pokal, Siege und Europa-Reisen - die Eintracht war und ist kein Friede, Freude, Event-Verein, sondern ein bunter und wilder Haufen,  mit verdammt vielen Ecken, Kanten und, ja, auch mit  unschönen Auswüchsen. Und diese Auswüchse finden sich bei weitem nicht nur bei den Ultras. (Nein, ich habe nicht vergessen, dass auch einige der heutigen Europa-Reisenden vor fünfzehn Jahren Friedhelm Funkel, Alex Meier und Benni Köhler bespuckt haben.)
Jetzt wedelt also der Schwanz mit dem Hund. Und  - mal ehrlich: Wir selbst (also der Verein und wir alle, die im Stadion dabei sind) haben diese Situation in den vergangenen Monaten mit verursacht.  Noch mehr, noch toller, was für eine geniale Choreo, unsere Kurve.  Die Ultras, die Aktivitäten in der Kurve,  waren zu einem verlängerten Arm der Marketingabteilung geworden (und ich war  mir, ehrlich gesagt,  nicht sicher, ob das vielleicht sogar ein ganz bewusst auch von der Kurve gewollter Deal war).  Jetzt haben sie gezeigt, dass das offensichtlich nicht so ist, dass sie sich als unabhängige Fangruppierung sehen und nicht vereinnahmen lassen wollen, sich aber gleichzeitig als Alleinvertreter der hochgelobten Frankfurter Fankultur betrachten.  Das „Verpiss dich!“ zu Seppl Rode verstehe ich als ein „Verpisst euch!“ an uns alle. Ok.  Das ist deutlich und heißt dann also: Ultras gibt es nur als ganzes Paket - mit Choreos und Gesänge, aber auch mit Aussetzern und Allmachtphantasien. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, dass wir (also der Rest des Stadions) uns endlich emanzipieren, uns auf  unsere Eintracht und den Fußball konzentrieren und die Ultras ihr Ding ohne unseren Dauerjubel durchziehen lassen.  Neben- und miteinander, aber eben keine in allen Belangen glücklich-vereinte Wohlfühlgemeinschaft. Ich für meinen Teil kann auf Dauergesänge und Choreogedöns sehr gut verzichten. Den Ball und das im Rhythmus des Spielgeschehens mitgehende Stadion, einzelne Rufe, so kann es auch gehen, oder? Und singen können wir auch alleine.  Kann und will der Verein das auch? Ziemlich sicher hätte „weniger Choreo“ und weniger Stimmung auch eine Auswirkung auf den Zuschauerzustrom und das Marketingkonzept. Mal sehen, wie sich die Verantwortlichen hier positionieren.

Fußball gespielt wurde in Mainz auch, und wie immer in diesem sonst so netten Städtchen leider nicht zum Vorteil der Eintracht. Ein weiteres Kapitel in der Reihe „In Führung gegangen - kurz die Hoffnung gehabt, dass es dieses Mal was wird in Mainz - und dann…“. Das Dröhnen des Narhalla-Marschs im Stadion gibt dem Ganzen dann noch den Rest. Den Beweis der Bundesliga-Alltagstauglichkeit bleibt unsere Mannschaft jedenfalls weiterhin schuldig. Das, was sie in wechselnden Besetzungen auf dem Platz zeigt, ist spielerisch äußerst dünn. Wären da nicht Rönnow, Hinti und Kostic… eieiei. Mein diffuses Anti-Dost-Gefühl findet in diesen Tagen auch wieder reichlich Nahrung, leider scheinen auch Djibril Sow und André Silva sich (vorsichtig formuliert) noch nicht so richtig zu stabilisieren. Und was ist eigentlich mit Joveljic? Na gut, wir haben ja  noch Kamada.

Freuen wir uns an Europa und immer noch einzelnen großen Momenten und hoffen, dass wir irgendwie aufrecht und ohne allzu dicke Blessuren durch die Saison kommen. (Im Hintergrund raunt mein schwäbischer Mit-Adler irgendetwas von ‚ich habe es gesagt…“, „Fredi Bobic“ und „VFB Stuttgart“ in mein Ohr. Ich ignoriere es.)

Kommentare:

  1. Ach, das ist eine Mischung aus Noch-nicht-so-recht-Zueinandergefundenhaben (erste gemeinsame Saison für Sow, Kamada, Dost, Silva), Verletzungen, Pech, vielleicht auch der äußere Druck der immens gewachsenen Erwartungen. Eines ist es nicht: mangelnder Wille. Die Buben wollen, selbst in den schwächeren Spielen. An diesem Willenszopf können und müssen sie sich selber aus dem Sumpf ziehen. Punktuell klappt das schon ganz gut (Bayern, Pillen, Arsenal ...). Das wird noch. Wünsche eine schöne Adventszeit - ak aka adlerkadabra

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  2. An Kraft und Willen mangelt es sicher nicht. Dir auch eine schöne Vorweihnachtszeit.

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