Dienstag, 12. August 2014

Die Kirche im Dorf? Papperlapapp.

Also eigentlich gehöre ich eher zur „Lass den Heribert, der ist halt wie er ist und irgendwie ist das doch auch ganz lustig“ – Fraktion. Am Sonntag, im Interview in der Halbzeitpause des Spiels gegen Inter Mailand, bin ich jetzt aber doch beinahe vom Glauben abgefallen. Du liebes bisje. Was geht in dem Mann bloß vor? Gerade habe ich mich noch darüber aufgeregt, dass Thomas Berthold den Eintracht-Scouts den guten Rat gibt, sich mehr in Südamerika umzusehen, zum Beispiel in Costa Rica. (Ach? Echt? Costa Rica? Ob er diesen Tipp wohl auch schon vor der WM parat gehabt hätte?) Aber Heribert Bruchhagen wird noch für weitere Höhepunkte sorgen. War es ein gutes Gefühl mit Marc Stendera endlich mal wieder einen Eintracht-Spieler als Europameister zu ehren?  Ralf Scholt traut sich tatsächlich unserem Vorstandsvorsitzenden eine dermaßen absurde Frage zu stellen. Ehren? Was heißt hier ehren. Da muss man die Kirche doch im Dorf lassen. Ein Schulterklopfen, ein Blumenstrauß. Mehr nicht. Was hat er denn schon erreicht? U19-Europameister? Pah. Okay, okay, lenkt Ralf Scholt ein. Man muss sich ja nicht gleich vor Euphorie überschlagen. Aber so ganz schlecht ist U19-Europameister ja auch nicht… Ach was. Der muss jetzt erst mal zeigen, ob er was kann. Die Bundesliga ist ein ganz anderes Pflaster. Alles klar. Okay. Anderes Thema: Wie ist es denn mit dem neuen Trainer. Ist es nicht bemerkenswert, wie engagiert er an der Seitenlinie coacht und bei der Sache ist? Ach was. Papperlapapp. Ein Trainer wie alle anderen. Alle unsere Trainer waren engagiert. Schon immer.   Ei verdammt, steht im Gesicht von Scholt geschrieben. Was frag ich bloß?  Er hebt an: Und… ähem… die Neuzugänge… das…ähem… das sah doch schon ganz gut aus… von wegen Dynamik in der Spitze....ähem…?  Papperlapapp. Hat doch nichts zu sagen. Testspiele ohne Aussagekraft. Ist mir sowieso unverständlich wie wir das gemacht haben, drei Tore zu schießen.   Na dann. Ist ja schon gut, Herr Bruchhagen. Tschuldigung, dass wir sie mit unseren dummen Fragen und einem Hauch von Euphorie belästigt haben.

Schnitt.

Montagabend.  Patti Smith gibt ein Konzert,  hier in Mainz auf der Zitadelle. Wir sind dabei und ich frage mich zwischendurch kurz  wie das wohl wäre, wenn Patti – statt auf der Bühne ein grandioses Fest zu feiern – einfach mal die Kirche im Dorf lassen würde. Johnny Winter würde dann wohl nicht mit wehenden weißen Haaren über uns am Himmel  schweben, wo ihm von unten die Gitarren der Band entgegenjaulen. Patti würde wohl kaum den "Perfect Day" von Lou Reed besingen.. Auch das Gedicht über  Jerry Garcia, das sie mit ungebremster Emphase deklamiert, wäre wohl nicht geschrieben worden. Und ob Patti uns, wenn sie die Kirche im Dorf gelassen hätte, hier und jetzt und heute mit  ihrem Lied über den Rhein und „Babe Gutenberg“ erfreut heute?  Zum Glück denkt sie gar nicht daran, mal halblang zu machen. Im Gegenteil. Da steht sie mit ihrer Gitarre und improvisiert.  Sie steht am Fenster, blickt auf den Rhein und denkt darüber nach, was der Fluss alles schon erlebt und gesehen hat. Blut, Tränen, Krieg, Liebe und philosophiert darüber, was für eine Welt das war, in die damals, vor vielen hundert Jahren,  das  kleine Baby Gutenberg hier in Mainz hinein geboren wurde? Little Babe Gutenberg, geschützt und behütet von seiner Mutter, die noch nicht wusste, dass das kleine Geschöpf, das sie da an der Brust hielt, geboren war, um  die Welt zu revolutionieren. Bücher waren nur wenigen Menschen zugänglich. All the books were hidden - und dann, dann kam little Babe Gutenberg, einfach so,  und erfand die moving  types. Yeah. Bücher voller Gedanken und Liebe und Inspiration. Yeah. Gutenberg. Und jetzt, während Patti ihre Arme und ihr Herz  weit öffnet und wir hier zusammen mit ihr  G – L – O –R  - I – A Gllllllllllooooria in den Nachthimmel schreien, da treibt seine Seele vielleicht vorbei – unten am River Rhein. Und Janis Joplin hinterher.

So ist das mit der Kirche, wenn man sie nicht im Dorf lässt, sondern träumt und lebt und vibriert und hofft und sich lebendig fühlt. People have the power. Alive. Fucking alive. Wie hoffentlich auch die Eintracht. (Wenn Mannschaft und Trainer sich das Sonntagshalbzeitinterview mit Heribert Bruchhagen nicht anschauen, bin ich da eigentlich ganz zuversichtlich.)

Kommentare:

  1. Sehr schön, auf einen Bogen von Herrn Bruchhagen zu Frau Smith muss man erstmal kommen!

    Auch ich habe gerade am 1. August ein fantastisches Konzert von Patti Smith auf dem Burg Herzberg Festival erleben dürfen, direkt am Bühnenrand, ohne Babe Gutenberg aber mit Gloria.Vorher war sie über das Festival geschlendert und fand, dass dieses Festival so ist, wie früher und wie Festivals sein sollten.

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    1. Du warst auch bei Patti? Heeey. So verbinden sich die Welten von der Eintracht über Herrn zu Frau Schmidt :) Mein Eindruck ist, dass es Patti wirklich und wahrhaftig wichtig ist, die Orte, an denen sie spielt und die Menschen, vor denen sie spielt, zu begreifen - etwas mitzunehmen, hinzuzufügen, zu verstehen, eine persönliche Beziehung herzustellen. Vor ein paar Jahren in Frankfurt hat sie über ihren Besuch im Goethehaus gedichtet, in Bonn hat sie sich - wie du es aus Herzberg schilderst - vor dem Konzert unters Publikum gemischt, fotografiert, ein paar Worte gewechselt, in Mainz hat sie (wie ich heute der AZ entnehme) wohl am Montagnachmittag einen Mainzbummel gemacht und dann vor den verschlossenen Türen des Gutenberg-Museums gestanden.

      PS: Der Sprung von Heribert zu Patti war ungefähr so organisch wie der von Gutenberg zu Janis Joplin.

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    2. PS: Nach dem Konzert waren wir übrigens noch am River Rhein und haben gespäht, ob Babe Gutenberg gerade vorbeitreibt. Yeah :)

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  2. Ich bin ja auch dafür, die Kirche im Dorf und den Ball schön flach zu halten. So wie die Eintracht gegen Inter. Sah 25 Minuten lang ganz gut und Inter ganz schön alt aus. Wobei ich mir nicht sicher bin, was nun davon für das andere verantwortlich war.

    Und neben dem Lassen und Halten, darf man sich immer wieder auch freuen. Über das Erreichte. Auf das Kommende. Über Ansätze.

    Man kann sich aber auch als Mahner gefallen. Da ist und war, gerade in den letzten Wochen, wenn auch nicht hier bei dir, Bruchhagen nicht alleine. Der kann – wie andere auch – nicht aus seiner Haut. Das ist nach über einem Jahrzehnt, in dem er sich ständig wiederholt hat, ermüdend. Wie fast alles nach so langer Zeit ermüdend wird, wenn es sich immer und immer wieder nur wiederholt.

    2016 soll ein anderer kommen. Dann wird es anders. Vielleicht unterhaltsamer, vielleicht erfolgreicher, vielleicht auch keines von beiden. Man wird es sehen und erleben. So wie du Patti Smith. :-)

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    1. "Und neben dem Lassen und Halten, darf man sich immer wieder auch freuen. Über das Erreichte. Auf das Kommende. Über Ansätze." -

      Und manchmal auch einfach darüber, dass es - die Welt, das Leben, die Eintracht - so ist wie es ist. Die zweite Hälfte der ersten Halbzeit - yep. So könnte es gehen - auch, wenn das dann wohl die Loslösung der Eintracht von der "Lebensversicherung Meier" wäre. Das könnte sich am Ende als Verdienst von Schaaf herausstellen - ich bin mir noch nicht sicher, ob mir das gefällt.

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  3. Vor dem Rathaus zu Harsewinkel findet sich ein Denkmal, das einer so staunenswerten wie exemplarischen Ausprägung westfälischer Mentalität die Referenz erweist: dem Spökenkieker
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sp%C3%B6kenkieker#mediaviewer/Datei:Spoekenkieker.jpg

    Heißt soviel wie Spuk-Gucker, also: Geisterseher. Was, so frage ich mich nun, wenn unser VV gut harsewinklisch ein SK vulgo GS wäre? Was, wenn nicht Hase Lu die wahre Ursache des Hockerfalls zu Frankfurt gewesen wäre? Und was, so frage ich weiter, mag Heribert Bruchhagen wirklich hinter Herrn Scholt gesehen haben, was sonst niemand außer ihm zu sehen verflucht war? Was, so insistiere ich, sieht der Harsewinkler, wenn alle außer ihm nur einen Stendera, einen Trainer, eine Bundesliga sehen? Man muss sich das mal vorstellen!

    Im Grunde bleibt da nur die eine, die einzige Hoffnung: dass nämlich Eintracht Frankfurt sich die wirklichen, die großen, die gewissermaßen Kracher-Geister garnicht leisten kann.

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    1. Endlich. Da ist sie die Erklärung. So ist es. Der Mann ist dazu verdammt, Dinge zu sehen, die uns Normalsterblichen dankenswerter Weise verborgen bleiben. Er muss, er muss sich den bösen Geistern mit aller Kraft entgegenstemmen. Er trägt die Last, die uns erspart bleibt. Er hält die Kracher-Geister fern, die - wehe wehe - bereits am Horizont erscheinen. Danke :)

      Vielleicht sollten wir mal - wie damals zum Abschiedsraum im Frankfurter Hauptbahnhof - eine Pilgerfahrt nach Harsewinkel anberaumen. Zeit wär's.

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    2. Nach Harsewinkel zum Spökenkieker sind es von Mainz 335km. Danach noch ca 200km bis zum Dorf des Sehers in der Südheide: das gäbe sicherlich eine sinnvolle und gelungene Pilgerfahrt.

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    3. Das klingt perfekt :) Ich denke ernsthaft darüber nach.

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    4. Pilgern nach Harsewinkel, yeah. Niederwerfungen, yeah. Zirkumambulation der Hlg. Reliquen: ein Zinken von der Apfelkuchengabel, yeah; ein Bröckelchen Zement, yeah; ein Span vom HaseLu-Hocker, yeah : - )

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    5. That's the spirit. Babe Bruchhagen - yeah :)

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  4. Südbahnhof. Es war der Südbahnhof!

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    1. Args. *stirnpatsch* Südbahnhof. Natürlich. Wie konnte ich?

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  5. Um noch mal auf das Interview zurück zu kommen: ist schon sehr traurig, auf welche Art Bruchhagen die Leistung Stenderas "würdigt". Okay, ist keine Herren WM gewesen, allerdings auch kein Fairness-Pokal oder Antalya-Cup, sondern eine U18 EM mit, in diesem Alter, hohen technischen und taktischen Ansprüchen. Ich glaube nicht, dass Stendera so eine Form der Erdung nötig hat, Nein, sogar umgekehrt, denn so ein Triumph bereichtert die emotionale Basis, aus der auch die Motivation für die Bewältigung kommender Aufgaben gezogen wird:" Geil, so ein Sieg, und dieses Gefühl will ich wieder haben und dafür tue ich alles!" Mir tun die Jungs leid, die vom Mannschaftsstamm wegen eigentlich dazugehören, aber von den Bundesligisten nicht abgestellt wurden oder sogar WM-Mitfahrer waren, denen ist dieses Gefühl verwehrt worden,"etwas geschafft zu haben" was andere auch wollten. Andere Fachleute (z.B. Bruchhagen?) behaupten ja, dass man nur aus Niederlagen etwas lernen könne, aber ich sage: Siegen will auch gelernt sein!

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    1. Genau so. Du hast vollkommen recht. Gibt's da nicht so einen Werbespot mit Jürgen Klopp... von wegen: Die Lust zu gewinnen muss größer sein als die Angst zu verlieren. ... diesen Spaß, diesen Erfolg, den muss man ihm doch gönnen, ihn mitnehmen, darauf aufbauen. Der hebt schon nicht ab.

      Speziell bei Bruchhagens Äußerungen zu Stendera haben sich auch bei mir die Nackenhaare gestellt. Kann sonst mit Bruchhagen eigentlich (immer noch) ganz gut leben, aber so eine trotzige und halstarrige Freudlosigkeit. Wie wenn man jemandem einen Eimer kaltes Wasser überschüttet. Baah. Nicht schön.

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