Mittwoch, 30. Oktober 2013

Herbst.

Es ist zunächst das Geräusch, das mir auffällt. Es surrt, nein, eigentlich rauscht es. Als ob ganz weit weg eine Maschine schnurrt und jammert. Nein, eigentlich nicht wie eine Maschine, wie ein fern grollender Wind. Ein kontinuierliches Rauschen. Es schwillt an, wieder ab. Wird lauter, leiser. Krächzt. Ächzt. Jauchzt. Was ist das? Ich öffne weit die Flügel des Fensters, schaue in den blitzeblauen Himmel und da sehe ich es. Vögel. Unendlich viele Vögel.  Ein nicht enden wollender Strom, der sein Ziel genau zu kennen scheint und  in eine Richtung ins Weite fliegt. Into the great wide open. Es ist kein einzelner Schwarm, der da über das Dach fliegt, es sind hunderte und aberhunderte Schwärme. Kaskaden von Flügeln und Körpern, die Muster in den Himmel zeichnen. In unterschiedlichsten Formationen. Keilförmig. Breitgefächert.  Scheinbar wild durcheinander, zielstrebig, wie von einem geheimen Band gezogen. Viele kleine Keilformationen.  Übereinander. Hintereinander. Frei. Wild. Planvoll. Größere Vögel (wenn auch keine Adler). Sehr kleine Vögel.  Mittelgroße Vögel. Schwirrend. Flatternd.  Gleitend. Der Himmel ist schwarz, voller Vogelleiber. Tupfen. Kreise. Streifen. Dann nur ein schmales schwarzes, fein ziseliertes Band. Dicht gestaffelt, locker gruppiert. Aufgereiht. Im Zickzack, in Kurven. Konzentrische Kreise. Es flattert und surrt. Ab und zu  hebt ein einzelner Vogel aus der Nähe ab, so als hätte er auf ein Kommando gewartet, ein Signal empfangen. Fällt, flattert von einem auf den anderen Moment wie  zufällig  von einem Dach, einem Baum, reiht sich ein. Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Ich stehe, schaue, staune. Bin Teil eines Wunders, das ich nicht verstehe. Verschwimme selbst im Himmel. Gehe. In ein anderes Blau. Immer neue flatternde, surrende Flügel. Wellen, die den Himmel überfluten. Mehr, mehr. Scheinbar unendlich. Dann werden die Schwärme kleiner. Doch noch einmal eine rauschende, schwarze Woge. Wie aus dem Nichts direkt vor mir, ein Vogel auf dem Dach, hebt ab, flattert wild, steigt. Schnell, schnell. Nichts wie hinterher.  Die letzten Vögel  gleiten vorüber. Schwarze, kleiner werdende Punkte am Horizont.


Dann ist es vorbei. Kein Rauschen, kein Surren mehr. Stille. Blauer Himmel. Über zehn Minuten habe ich jetzt hier gestanden. Fast ein wenig benommen schließe ich das Fenster. 

Kommentare:

  1. Sehr schöne Momentaufnahme in Wort und Bild. Die scheinen zu wissen, wo's lang geht. Hoffen wir mal, dass auch die Adler Kurs halten. Gruß, C.

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  2. Danke :)

    Und ja, die Adler. Vielleicht machen wir es ja wie der Nachzügler-Kollege vom Dach: Grade noch rechtzeitig mitkriegen, dass die Post abgeht, kurz schütteln, wild und heftig flattern, um hinterher zu kommen, Anschluss gewinnen, Kurs aufnehmen und dann die Richtung halten.
    .
    Herbstgrüße, K.

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  3. Natürlich war kein Adler zu sehen, da Adler nun mal keine Zugvögel sind, sie bleiben auch im Winter hier. (Es sei denn, sie sind zu einer Stippvisite in Israel, um dort Beute zu schlagen).

    Die Herbststimmung mit der gewissen Wehmut beim Anblick der Zugvögel hast du sehr schön wiedergegeben. Danke für diese Momentbeschreibung.

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  4. Dein Blog lädt immer zum Verweilen ein, Kerstin. Und dieses Mal ganz besonders.

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  5. Echte Adler (Aquila) sind – so ist es in Wikipedia zu lesen - in allen Klimazonen verbreitet.. Affenadler werden immer häufiger, Einsiedleradler immer seltener beobachtet. Der Elsteradler klaut gerne Punkte, was aber sehr stark von seiner Tagesform abhäng. Würgadler sind nicht sehr beliebt, wohingegen Fischadler sich in den letzten Jahren im Hessischen besonders viele Freunde gemacht haben (der ischadler ist übrigens ein Zugvogel – wie ich seit letztem Jahr weiß, als wir im Forum unseren eigenen Fischadler-Horst in Pflege hatten ,-) Ein Kampfadler steckt in jedem Adler, auch wenn er es manchmal vergisst. Morgen hoffentlich nicht!

    Danke, ihr Adler, dass ihr hier einen Zwischenstopp eingelegt habt :)

    lgk

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