Montag, 22. Oktober 2012

Menschenskinders.


„Was ist das?“ steht in der SMS, die ich am Samstag ungefähr um fünf vor Vier bekomme. Ich bin im Waldstadion, klar. Vor ein paar Minuten ist das 2:0 gefallen. Dieses unfasslich wunderbar herausgespielte zweite Tor. Was machen die denn da? Noch eine Station. Noch eine. Wie im Zickzack an der Linie entlang – tak, tak, tak,  an der Strafraumgrenze von links nach rechts, one touch, fließend, wie selbstverständlich, filigran , traumwandlerisch sicher und dann – es war so unfasslich – dann war da tatsächlich rechts auch noch Sebi Jung. Dann hat Stefan Aigner ihn tatsächlich gesehen – ach, was – gesehen: er wusste, dass er da kommt. Alex Meier wusste das auch, tritt zurück, so dass Stefan Aigner den Ball durchstellen kann, direkt in den Lauf von Sebi Jung und es ist  klar, dass jetzt nichts mehr schief gehen wird, Sebi wird den Ball nicht vertändeln, Sebi wird  das Ding machen, nimmt ihn, läuft ein paar Schritte, zieht ab. Tor. Tor. Tor. Ein rotundschwarzes Knäuel von Armen, Beinen, Körpern.  Sein hundertstes Pflichtspiel für die Eintracht. Sein erstes Tor in dieser Saison. Und was für eines. Und was für eines.

Die ersten 25 Minuten dieses Spiels waren wie eine Urgewalt.  Da war kein Kraut gewachsen.  Da war nichts und niemand, der sie hätte stoppen können. Sie haben die Hannoveraner einfach überrollt.  Bevor die recht wussten, wie ihnen geschieht, waren die beiden Tore gefallen.  Unwiderstehlich. Bedingungslos. Mutig. Inspiriert. Kraftvoll. „Diese Laufbereitschaft,“ ächzt, staunt, ruft mein DK-Vordermann.  Wie die Dortmunder direkt nach der Pause, wie die Nürnberger, die Freiburger, jetzt also  auch die Hannoveraner –  verdutzt, konsterniert, fast schon paralysiert: „Was ist das?“

Ich muss gestehen:  Manchmal hadere ich ein bisschen, doch - auch in diesen glücklichen Eintracht-Tagen. Mir wird das zu viel – wenn die Eintracht auf einmal von allen geliebt wird, Lob von allen Seiten auf uns niederprasselt und auch die, die bis vor ein paar Wochen eher die Stirn in Runzeln gelegt haben („Eeeecht? Du bist Eintracht-Fan?“), jetzt auf einmal Armin Veh und Alex Meier schon immer geschätzt haben und die Eintracht cool und abgefahren finden. Da regt sich in mir der Trotz, so billig soll sie nicht zu haben sein  - meine Eintracht, in guten wie in schlechten Tagen – und dann merke ich,  dass ich es  fast schon verlernt habe, die Eintracht zu teilen. Ja, und?  So ist das. Wo die Sonne hin scheint, da versammeln sich die Menschen. Es gibt uns, die wir immer da sind und es gibt andere, die kommen und gehen - und manchmal auch bleiben. Dann sollen sie uns loben und hochhypen und hoffieren  und mitfeiern. Das gehört wohl dazu, bei einer Spitzenmannschaft.

Im und ums Stadion ist das sowieso alles egal. Was ist da schon vor dem Spiel  für eine flirrende, verzauberte,  fast schon glitzernde Stimmung. Eine so erwartungsvolle, hoffnungsfrohe Vorfreude. Alles ist heiter (nicht nur weil die Sonne scheint), sprühend, leicht. Die Luft scheint zu vibrieren.  Die ganze Eintracht-Welt auf wenigen Quadratmetern, versammelt um den Bratwurststand.  Frauen, Männer, Jungs, Mädchen. Rotundschwarz. Schwarzundweißwieschnee. Uralt-Eintrachtler (mit beige-farbenen Blousons und Schal), die vielleicht sogar  noch Alfred Pfaff haben spielen sehen,  die Generation Grabowski, die Zeugen Yeboahs, die, die noch wissen, wer Thomas-Zampach-Fußballgott ist, die Jan-Åge, Schui, Zico gegen den FCK, gegen Reutlingen haben siegen sehen,  Funkelianer, Nachwuchs-Adler, die vielleicht heute zum ersten Mal im Stadion sind. Dort drüben steht ein Trupp kräftiger Frankfurter Jungs beim Aufwärmbier.  Kleine Jungs schwenken Fähnchen und kauen auf Bratwürsten, Attilas Kopf nickt aus dem Rucksack eines kleinen Mädchens. Ein älteres Pärchen sitzt auf dem Mäuerchen und lässt sich von der Sonne bescheinen. Vor mir wippt ein Kopf mit einer B-Cap, die über und über mit Pins aller Zweitligabegegnungen bestückt ist. Trikots und Shirts wie Jahresringe: Nickel (tatsächlich: Nickel). Frankfurts Stolz – der Grabi und der Holz.  United Colors of Bembeltown.  Traumatisiert. Übersteiger.  Zico 24.  Aufsteiger 2005.  Amanatidis und (hihi) Caio.  Aufstieg 2012.  Rode. Meier. Meier.

Da ist nichts Überhebliches oder Großkotziges  - es ist eher leise, ein Raunen, Schwätzen, Summen, Lachen -  fast so  etwas wie Rührung, ein großes glückliches Staunen,  das über dem Gelände schwebt.  Wir. Das hier  passiert tatsächlich gerade. Es passiert uns. Das ist unsere Eintracht. Ja, genau - die Eintracht, die so lange  fast ausschließlich vom „früher“ gezehrt hat. Die sich in den letzten…mmh… zehn, zwölf Jahren immer irgendwie durchgehangelt hat, mit der wir immer gehofft und gebibbert und besseren Zeiten entgegen geträumt haben. Klar, da gab es schöne Erfolge, große Siege. Das 6:0 gegen Schalke.  Das Pokalfinale. Die Europa-Cup-Spiele. Die Siege gegen Bayern, gegen Leverkusen,  Dortmund.  Kleine, große Siege – gegen Dresden, der Willenssieg gegen den KSC, das 4:0 gegen Aachen.  Einzelne Momente.  Höhepunkte.  Überlebensnotwendige Siege. Achtungserfolge.  Fast haben wir schon gedacht, dass die Unverbrüchlichkeit unserer Liebe  sich vor allem daraus nährt, dass wir durchhalten, immer weiter durchhalten, egal, was kommt. Vor zwei Jahren ein Trümmerhaufen. Und jetzt ...Kerle, Kerle... Was ist das?

Menschenskinders.

Kommentare:

  1. Was ist das? Lesen wir die Antwort doch einfach nochmal in den Fußballanekdoten von Eckard Hensschied nach. Es ist "die evident hohe Spielkultur der Frankfurter Eintracht". Genau. Gruß, C.

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  2. Einfache Frage, einfache Antwort:

    Was ist das?

    Geil ist das!

    Gruß

    Frank

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  3. Ja geil ist das.

    Fast bekomme ich jetzt Angst, wohin das führt, wenn es so weiter geht...

    Naja, letzte Saison waren wir doch auch beständig oben. Dann fällt mir ein, dass das doch jetzt wieder 1. Liga ist. Huch! Irre alles.

    Weiter oben auf der Wolke. Und wir bleiben da noch ein bisschen, was? Immer weiter, immer weiter...


    LG Nicole

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  4. Danke für diese so passende Momentaufnahme. Auch in mir regt sich ein "Ach, jetzt auf einmal seid ihr alle da", wenn ich die aktuellen Mengen an Begeisterten sehe, um mich dann gleich wieder selber zurückzupfeifen. Es ist doch schön um jeden Fan, ob er nun ein "richtiger" ist oder nur ein momentaner. Sollte es irgendwann (in gaaaanz ferner Zukunft) mal wieder nicht so gut laufen, werden viele wieder gehen, aber vielleicht auch ein paar bleiben.

    Die, bei denen der Adler genistet hat und die ihn nie wieder los bekommen.....

    Lieben Gruß und schreib' bitte noch oft und lange!
    Nicola

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  5. Ein wunderschöner Artikel, der das derzeitige Stimmungsbild prima beschreibt (auch das 'Vorspiel' am GD ist fein beobachtet [die "kräftigen Frankfurter Jungs" sind bestimmt die PFYC-Adler *lach*]). Danke!

    Der 3te Absatz... tja, so ist das, wenn unsere Mannschaft, unser Verein in aller Munde ist. Aber die, die dazukommen, nehmen uns ja nichts weg ;-)

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  6. An solchen Tage scheint die Sonne aus dem Herzen jedes einzelnen. Ungläubig erwarte ich den Herbst & Winter, denn diese Mannschaft strahlt genügend, um die Sonne zu ersetzen.

    Ein wunderbarer Artikel, Kerstin! Danke.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  7. kerle, was ist das? das scheint die kernfrage.

    dank und gruß

    beve

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  8. @Celtix und Frank: Dann ist es wohl so, dass die evident hohe Spielkultur evident geil ist.

    @Nicole: Kann einem schon manchmal schwindlig werden, so hoch oben auf der Wolke. Aber man sitzt auch sehr weich.

    @Nicola: Genau. So muss man das sehen. Die, die sich nur an den Erfolg dran hängen, wird es immer geben. Und bei den anderen, die richtige Adler werden, da muss es ja auch irgendwo anfangen.

    @ Andere Ecke - nicht GD, sondern Black & Hite. Aber die kräftigen Frankfurter Jungs gibt es wohl überall *g

    @ Fritsch: Das können wir dann am Sonntag ja gleich ausprobieren.

    @ Beve: Das erinnert mich an eine andere Henscheid-Anekdote, in der es um (das passt zur aktuellen TzA-Reise) das Halbfinale gegen Glasgow geht. Da sitzt ein alter Herr noch Minuten nach dem Abpfiff auf seinem Platz, schüttelt seinen Kopf und murmelt vor sich hin. "Kerle, Kerle..." :)

    Freut mich, dass euch der Text gefallen hat - danke für die netten Kommentare. Und: Ja, ich schreib sicher noch ein Weilchen - wer weiß, was da noch für Wunder kommen, die muss man doch festhalten (wenn schon nicht in echt, dann zumindest in Worten)

    lgk

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