Freitag, 13. Dezember 2019

Portugal oder Ägypten. Hauptsache Europa.

Der merkwürdigste Moment beim Spiel gegen Guimares gestern Abend war vielleicht der nach dem Abpfiff. Direkt vor uns standen Gonzalo Paciencia und David Abraham auf dem Rasen, der eine kopfschüttelnd mit gesenktem Kopf, der andere mit eingezogenen Schultern und grimmiger Miene. Gleichzeitig brausten immer lauter die "Europacup"-Gesänge durchs Stadion. Das "Hä" bzw. "no comprende" war beiden ins Gesicht geschrieben. Wieso das? Sind alle verrückt geworden? Ist das Trotz? Wollen die sich und uns trösten? Und dann das allmähliche Verstehen: Hey,warum auch immer, wir sind  weiter, warum auch immer. Wir haben verloren, aber wir sind tatsächlich trotzdem weiter.

Ich denke, keiner im Stadion wusste so recht, ob er lachen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sollte. Natürlich hatten wir im Stadion alle - auch wenn es keine Zwischenstände auf dem Würfel zu sehen gab -  den Spielverlauf in Lüttich verfolgt, wussten dass die Belgier 2:0 gegen Arsenal geführt hatten. Das: Jetzt sind wir  draußen!-Gefühl war irgendwie die konsequente Entwicklung des Spielverlaufs: Erst geschockt über den frühen Rückstand, fast schon dankbar für den dabbischen Fehler des (ansonsten sehr starken) Torwarts der Portugiesen, fast schon beruhigt nach unserem Führungstreffer (na also, geht doch) und immer ungläubiger in der zweiten Hälfte. Die Portugiesen frech, spielstark, unermüdlich - sie wollten gewinnen, hatten das Spiel in keiner Weise als "egal" abgehakt - und wir zunehmend noch konfuser und planloser. Der Ausgleich mit Ansage, das 3:2 dann fast schon folgerichtig.

Draußen, so also  unser Stand als das 2:3 fiel und danach der ungläubige Blick aufs Handy, nein, doch nicht, Arsenal hat ausgeglichen. Arsenal. hat. ausgeglichen. Fünf Minuten Nachspielzeit. Hier bei uns würde kein Tor mehr fallen, zumindest keines der Eintracht, so viel war klar. Aber ob Lüttich sich auch daran hält...  und eine Minute bevor bei uns abgepfiffen wurde, dann die Gewissheit: Wir sind durch. Trotz dieses Katastrophenspiels, Europa geht weiter. Überall reckten sich einzelne Arme in die Luft. Und dann die Gesänge, kein Jubel, aber irgendwie den Frust des Spiels herausschreien. Kopf schütteln. Lachen. Europa und wir. Deal.

In dieser Saison habe ich schon eine Reihe schwacher Spiele der Eintracht gesehen, aber das gestern war wohl das schlechteste  seit der Ära Veh.  Hinten wenig, vorne nix und dazwischen viel Gewurschtel, kaum ein Pass, der ankommt, kaum eine Flanke, die zumindest ungefähr vor dem Tor landet. Die Magie ist weg, war heute überall zu lesen, wenn es doch nur das wäre - Problem ist, dass  wir einfach kein "normal"  mehr können. Und auch die Fähigkeit, sich selbst durch hartes Einsteigen oder wilde Diskussionen mit dem Schiri hoch zu puschen, funktioniert nicht unendlich weiter.

Und jetzt? Rebic im Winter zurückholen, alles gut? Früh-Rückkehrer Dost, der kommen wird, um der Hinrunde zu geben eine Wende? Ich weiß nicht.  Ruhe bewahren - mmh, ob das bei uns geht? Auf die Liga konzentrieren?  Irgendwie glaube ich nicht, dass das ohne Europa gelingen würde in dieser Saison. Ohne dieses Stimulans ist der mögliche Fall vielleicht noch schwerer abzufedern. Wir müssen und können froh sein, dass wir irgendwie doch in die KO-Runde gerutscht sind und uns Europa als Schutzschild gegen den Alltag erhalten geblieben ist. Wenn wir uns gestern aus dem Europacup verabschiedet hätten,  wären - da bin ich mir recht sicher -  noch ein paar Dämme mehr gebrochen. Noch einmal so viel Europa mitnehmen wie geht und daraus irgendwie die Motivation ziehen, uns auch in der Liga irgendwie im gesicherten MIttelfeld zu halten. Jetzt nicht auf Teufel komm raus noch mehr zusammenkaufen, sondern konzentriert mit den Spielern arbeiten, die da sind. War nicht gestern noch davon die Rede, dass unser Kader auch ohne Büffel in dieser Saison (noch) stärker ist als in der letzten? Dann sollten wir damit doch zumindest  in der Lage sein, eine einigermaßen stabile, unaufgeregte Rückrunde zu spielen, irgendwo im gesicherten Mittelfeld zu landen,  um dann die richtigen Schlüsse für die neue Saison zu ziehen. Oder?

Gestern nach dem Spiel auf dem Weg zur S-Bahn. Gespräch einer Gruppe von Youngstern hinter mir: "Geil, dann im Februar nach Griechenland. Piräus wär cool." "Oder nach Portugal." "Oder Ägypten." "Depp, die spielen doch gar nicht in Europa."  Na ja, man kann sich ja mal irren.

Kommentare:

  1. Diese extrem gemischten Momente sind es doch, Kerstin, die uns den Fußball - und namentlich den der Diva-Eintracht - so lieben lassen. Auch wenn es sich erstmal furchtbar anfühlt. Einfach wunderbar. Selbst wenn das Spiel an sich miserabel war und verloren wurde, auf bestürzende Weise.

    Und Ägypten, sei's nun Europa oder Ostasien, ist halt glasklar das Mutterland des Fußballs http://www.ancientpages.com/wp-content/uploads/2017/05/scarabsymb001.jpg Der Scarab oder auch Mistkäfer widmet sich jedenfalls der (Sonnen)Kugel mit mindestens der Hingabe, die unser Mittelfeld aufzubringen vermag.

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  2. Ich seh das ziemlich ähnlich. Dieses sich jubelnd in den Armen liegen und im nächsten Moment die Hände über dem. Kopf zusammenschlagen - das ist die Eintracht. Und das auf und ab ist mir echt und wabrhaftig lieber als Dauerjubeln. Ich fürchte halt, es könnte passieren, dass wie in den nächsten Monaten mehr Anlass zum Gesicht in den Händen vergraben haben werden als uns lieb ist. Und ich hoffe hoffe hoffe, dass wir es schaffen, trotzdem in der Liga irgendwie über dem Strich zu bleiben. Das da am Donnerstag war nämlich echt ziemlich erschütternd. Und da ist ja auch noch der zur Eintracht gehörende Faktor derjenigen Eintrachtler (eine sehr starke Fraktion), die zwar die Diva akklamieren bei ausbleibendem Dauererfolg aber nicht lange gut gelaunt bleiben. Und ich sag mal: auch Credi Bobic gefällt sich sicher besser in der Rolle des Managers des Jahres als in der des Alltagsorganisators.

    @Ägypten: Hihi. Ich dachte mir doch gleich, dass der junge Mann I einem höheren Sinn gedacht hat.

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  3. Der credi ist natürlich ein fredi bobic.

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  4. Main question is whether you give Fredi a credit : - )

    Der junge Mann, der alles andere ist als das, noch rasch zu Ägypten und zum Scarabäus, Mistkäfer. Das ist nämlich wirklich interessant. Der Mistkäfer pflegt im Schlamm des Nilufers ein Loch zu buddeln, seine Eier reinzulegen und dann eine Kugel aus Erde und Mist zu formen und damit den Eingang zum Loch zu verschließen. Das sieht erstmal so aus, als würde er symbolisch die Sonnenscheibe vor sich her rollen.

    Irgendwann schlüpfen inseitig die kleinen Mistkäferle und bahnen sich ihren Weg nach draußen.

    Und sobald sie aus der Erde erscheinen, quasi ex nihilo, rufen die alten Ägypter begeistert: da schaut her, ein Erscheinen aus Nichts, heilig, heilig!

    Und damit steht dem Aufstieg des gemeinen Mistkäfers zum Heiligen Scarabäus nichts mehr im Wege, Symbol für die Auferstehung aus Nichts aus dem Dunkel ins Licht der göttlichen Sonne, ewiges Leben: Ra, Sonnengott.

    Schönstes Beispiel dafür ist das Pektoral des Tut anch Amun, Teil des unermesslichen, von Howard Carter gefundenen Grabschatzes im Tal der Könige. Und dieses Pektoral enthält an zentraler Stelle - einen Scarabäus ... https://thumbor.forbes.com/thumbor/960x0/https%3A%2F%2Fblogs-images.forbes.com%2Fdavidbressan%2Ffiles%2F2018%2F11%2FBODSWORTH_Tutankhamun_breastplate.jpg

    Bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wusste man nicht, woraus dieser Scarabäus geschnitzt war. Heute weiß man es: aus Libyschem Wüstenglas. Und das ist ein Produkt einer unvorstellbaren Explosion eines Asteroiden über dem heutigen Grenzgebiet Ägypten/Libyen, genannt: Die Große Sandsee. Vor einigen Zig-Millionen Jahren. Unter Einwirkung der gigantischen Hitze und Drucks wurde der irdische Sand aufgeschmolzen und hochgewirbelt bis in die Stratosphäre.
    Etliches davon fiel wieder herunter,abgekühlt zu festem Zustand: eben: LDG, Libysches Wüstenglas.

    Äh, jetzt hab ich den Faden verloren. Weiß nur noch: rund / Kugel / Auferstehung / Sonne / Vom Dunkel ins Licht / mit einem Touch von Mistkäfer. ... ... Okay, darin finde ich meine Eintracht sogar wieder. Aber sowas von.

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  5. Der Touch von Mistkäfer...den seh ich im Moment sehr sehr deutlich und aufgewirbelt wird auch einiges, wohingegen die Rolle des heiligen Skarabäus derzeit eher noch unbesetzt ist. Die Kugel vor dem Ausgang scheint zu schwer, aber wer weiß, ob drinnen vielleicht schon der Ausbruch vorbereitet wird?

    Aber im Ernst 1: Das war richtig schlimm gestern. Also richtig. Und meine Angst ist dadurch nicht kleiner, der Fredi Credit nicht größer geworden.

    Im Ernst 2: Vielen Dank für die kenntnisreichen Ausführungen zum Skarabäus. Spannend - Mist oder Heiligkeit - eine Frage des Blickwinkels und/oder von ein paar Wochen. Sicher ist: an Meteoriten führt kein Weg vorbei :)

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  6. Meteoriten - so ist es!

    Mist oder Heiligkeit, all the fucking same. (siehe auch unter -> Schrödingers Katze.) Btw.: wie gehst dem letztmals noch humpelnden Käzzle?

    Gegen Köln und auch zuvor gelegentlich war lausig. Aber: wie oft sind hoch eingeschätzte Vereine in den letzten Jahren in Abstiegszone abgesunken, zumindest temporär: Schalke, Gladbach, Leverkusen, Wolfsburg, glaube sogar Dortmund. Aktuell, mehr noch als wir, die Bremer. Komischerweise bin ich garnicht mal so überrascht davon. Gehört in aller Regel dazu, dünnes Eis. Wir kommen da wieder raus, dafür ist die Mannschaft gut genug, und Hütter ist ein hervorragender Trainer.

    Habt ihr The Pogues hoffentlich bereits auf der Bogensehne liegen?

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  7. Die Pogues sind bereits in der Aufwärmphase, logisch. Und die Erinnerung an Fairytales können wir, wie's aussieht, in diesem Jahr ja auch gut brauchen.

    Dem humpelnden Kätzchen geht es prächtig - danke der Nachfrage. Es hat nur eine kaum merkbare Einschränkung beim Laufen und Abspringen zurückbehalten und geht insgesamt etwas flacher.

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