Samstag, 20. Oktober 2018

Die wichtigste Mannschaft Deutschlands

Es ist Freitagabend.  Die Eintracht spielt gegen Düsseldorf und vor dem Stadion stehen Menschen, die Pappschildchen in die Höhe halten "Suche Ticket". Suche Ticket! Wir reden von einem Spiel gegen den Tabellenletzten Fortuna Düsseldorf, nicht etwa von Rom oder Barcelona, Liverpool oder  - hoho - der wichtigsten Mannschaft Deutschlands.  Wie abgefahren ist das denn. Und das ist noch gar nichts gegen das, was sich in den nächsten 90 Minuten im pickepacke vollen Stadion abspielen wird.

Again and again and again. Kaum kommt man noch hinterher mit den Geschichten und Gefühlen, die ein Spiel der Eintracht im Moment auslöst. Toooooor. Toooooooor. Toooooooooooor. Irgendwann weiß ich nicht mehr wohin ich hüpfen, kreischen, abklatschen,  umarmen soll. Kopfschütteln, lachen, feuchte Augen, strahlen, durcheinander, übereinancer, vor mir, neben mir. Unsere langjährige Stadionsitzgemenschaft ist außer sich. Total verrückt. Arrivederci. Europapokal. Frankfurter Jungs. Das gibt's doch gar nicht. Unfasslich. Unglaublich. Wahnsinn. Eins,  zwei (baaaaaah!), drei, vier, fünf. FÜNF. Und sechs. Und sieben. Kann mir jemand mal sagen, warum es den Elfmeter für uns gab? Egal. Schalalala.

Es ist ja nicht nur das Was, es ist das Wie, das einem im Moment von den Socken haut. Diese Spielfreude, diese Leichtigkeit - das ist unwiderstehlich, kaum kann man glauben, was man da sieht. Moderner Fußball hat viele nicht so schöne Seiten, aber immer noch liegt zum Glück die Wahrheit auffem Platz.  Und auf dem Platz ist die Eintracht im Moment einfach nur großartig.  Während bei guten Ligaspielen unter Niko Kovac immer sehr deutlich zu sehen war, dass da streng nach Konzept und einstudierten Spielzügen gespielt wurde, (was ja auch nicht so ganz schlecht, aber eben spielerisch limitiert war), hat die Mannschaft jetzt ihr Korsett abgeworfen. Da ist eine Grundordnung, logisch, da ist Konzentration, aber da ist vor allem Lust am Fußball. Da im Moment die weitgehend gleichen Spieler wie im letzten Jahr auf dem Platz stehen, muss das ja dann zweifelsfrei etwas mit Adi Hütter zu tun haben. Und ich leiste innerlich Abbitte für die nicht wirklich positive Meinung, die ich bis vor Kurzem von ihm hatte.  Die Schere im Kopf ist weg. Leinen los, traut euch,  spielt.  Kombinationsspiel - schnell, präzise, variabel. Lange Bälle? Na sicher und warum nicht, wenn vorne Luka Jovic oder Mijat  Gacinovic in die freien Räume starten und etwas mit dem Ball anfangen können. Hinten regiert Hasebe, der wirklich immer da ist, jede kleine Unachtsamkeit ausgleicht.  Die Außenbahnen mit Danny Da Costa und Filip Kostic sind ein Brett. Und Sebastien Haller ist im Vergleich zum Ende der letzten Saison nicht mehr wieder zu erkennen. Statt Phlegma, schweren Schritten, und fast schon resignierter Körpersprache ist da jetzt Wachheit, Leichtigkeit, fast körperlose Eleganz. Wow.

Vor dem Spiel treffe ich mich mit Ingo-Adler aus Bremen, der total glücklich ist nach mehreren Jahren mal wieder im Waldstadion zu sein. Auf der Waldtribüne interviewen Pia und Beve grad Timothy Chandler.  Ingo und ich haben uns lange nicht gesehen und liegen uns erstmal in den Armen. Mini-Flashback. Wann war das noch gleich als wir uns zum ersten Mal hier im Stadion getroffen haben? Stimmt. 22. Mai 2005....Zweite Liga, entscheidendes Spiel um den Aufstieg gegen Wacker Burghausen.  Für alle Eintrachtler, aber wohl noch mehr für mich, ein sehr emotionaler Tag. Mein Vater, von dem ich die Liebe zur Eintracht geerbt habe, war gerade vor  zwei Monaten gestorben. Unser Trainer? Ja, genau. Damals  schon mit im Team: Alex Meier in seiner ersten Eintracht-Saison. Endergebnis: 3:0. Direkter Wiederaufstieg geschafft. Glück. Tränen....  (Nachtrag: Jubel jubel, aber auch Riesenwirbel wg.des unangemessenen Polizeieinsatzes nach dem Spiel - nachlesen im Eintracht-Archiv.) Flashbackende "Morgen sind die Schlagzeilen voll mit dieser blöden Pressekonferenz der Bayern", sagt Ingo. "Ach was", blödele ich "morgen überschlagen sich alle wegen des grandiosen 10:0 der Frankfurter Eintracht gegen total überforderte Düsseldorfer."

In der Halbzeit bietet mir am Getränkestand ein Eintrachtler ein Pilz an. PilZZZ? Tatsächlich - er hat einen bierbecherhohen Pilz in der Hand, den er wohl im Stadtwald gepflückt hat, und prostet mir damit zu.  I met an old man who gave me a mushroom...

Nach dem Spiel auf dem Weg zum Parkplatz. Hupen. Eintracht, Eintracht schallt's aus dem Wald und über allem hängt ein blitzeklarer zunehmender Mond.  Ein Radfahrer überholt mich, der seinen aufgeregt plappernden kleinen Sohn auf dem Kindersitz vor sich hat. "...in der Luft gelegen...Luca Jovic.."  Ja. Mann. Luka Jovic. LUKA. JOVIC.

Die wichtigste Mannschaft Deutschlands? Mir ist die Eintracht wichtig, so viel weiß ich, und darauf die wichtigste Mannschaft Deutschlands zu sein, kann ich gerne verzichten. Will ich gar nicht sein. Die schrägste,  coolste, bunteste,  chaotischste? Das sind wir sowieso. Und aktuell, da beißt die Maus keinen Faden ab, auch eine der besten. *sing*:"Wir haben den DFB-Pokal und..."

Gestern war einer diese Abende, an denen ich alles für möglich halte.



Kommentare:

  1. ...wasss für 'n epischer Ahmd!?!? ...hab alles bereits mehrfach aufgesogen.. lieben Dank,Kerstin! 1899 Grüße aus dem emotionslosen (??HAHAHA!) Norden... Adlerdank aus HB ... ingo :-))

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  2. ...Waldstadionreise wird trotz vieler Auswärts-(Heim-)spiele im Norden + Berlin DEFINITIV NICHT wieder 2 Jahre dauern... ;-)

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    1. Nein. Solange sollte es mit dem Waldstadion nicht wieder dauern :) schön, dass du da warst und dann auch gerade bei diesem Spiel. Das musste alles genau so sein, inklusive deines Zimmers am Hauptbahnhof neben dem Moseleck ;-)! Danke auch fürs hier im Blog vorbeischauen und Adlergrüße nach Bremen, bis bald!

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  3. Den Elfer gabs für ein glasklares Handspiel eines DüDo Verteidigers im eigenen Strafraum - verwirrenderweise allerdings mit 2 Min. Verzögerung.

    So what ...

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    1. Danke :) - hab ich inzwischen natürlich auch mitbekommen. Im Stadion war in der Situation vor allem "maaaaaan" wg. der knapp vergebenen Jovic-Chance und dann großens Erstaunen als der Schiri enteilte. Mein Vordermann hatte das Handspiel aber auch gesehen. Egal. War (wie ich Jet weiß) tatsächlich glasklar. So oder so - das erste Tor wäre sowieso gleich gefallen.

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  4. Die Eintrachtfestspiele gehen weiter - hoffentlich auch am Sonntag.

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    1. Immer noch und noch ein Sieg. Wir fliegen auch in Nürnberg weiter. Kann mir im Moment nicht vorstellen, dass das abreißt, auch wenn es sich bei allem Glück fast ein bisschen unheimlich anfühlt.

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