Samstag, 27. Oktober 2018

Bitte recht freundlich!

Europacup, immer noch, noch,  noch gigantischere Choreos, Siege,  Tore, Euphorie allez - trotzdem heute nach einer glücklichen, aber anstrengenden Woche erstmal ausschlafen, dann relaxt in die Stadt, frühstücken, Markt - so war der Plan für den heutigen Samstag.  Aber Mainzer Innenstadt und relaxt - das sind zwei Dinge, die im Moment nicht so richtig zusammen passen. Eine der Hauptverkehrsadern in der Innenstadt ist eine große Baustelle, die Wege durch die Stadt sind verschlungen, die Parkplätze rar. Und ich hasse Parkhäuser.

Dank langjähriger Erfahrung und guter Ortskenntnis haben wir bisher immer noch nach einigem Suchen in einer Seitengasse ein Plätzchen zum Anhalten gefunden Heute nicht. Zusatzproblem: Sobald man das Abbiegen in die letzte Querstraße verpasst, gibt es kein zurück mehr und man muss noch einmal die ganz große Runde über die Rheinstraße drehen und die Innenstadt noch einmal neu ansteuern.

Nach einer dreiviertel Stunde landen wir auf unserer  zweiten großen Runde in einem (mengenmäßig überschaubaren), aber recht lautststarken Marsch von 05-Anhängern, die von der Polizei begleitet durch die Stadt Richtung Stadion zum Spiel gegen die Bayern ziehen. Auch das noch.

Allmählich sind wir entnervt und kapitulieren. Ok, entweder unverrichteter Dinge wieder nach Hause oder Parkhaus? Parkhaus, nützt ja alles nix, aber da drinnen sieht es auch nicht so richtig leer aus. Wir drehen eine Runde, Autos dicht an dicht. Da, eine Lücke, aber trotz Kurbeln komme ich da nicht rein. Wir müssen einen Stock höher. Args. Dann müssen wir erst durch die Schranke. Ob das Ticket jetzt noch ohne Bezahlung funktioniert? Ich fahre bis zur Schranke (Fehler....!) und stecke das Ticket in in den Entwertungsschlitz. Nein. Nix. "Ihre Karte ist nicht erlaubt oder ungültig." O Shit. Hinter uns hat dich schon eine kleine Schlange gebildet und ich kann nicht vor und nicht zurück. Mein Mit-Adler springt aus dem Auto. "Sorry, ich muss kurz zum Kassenautomaten", informiert er die hinter uns Stehenden und hastet los.

Danach beginnen  zehn scheußlich unangenehme Minuten, die mir wie Stunden vorkommen. Die Zeit verrinnt, mein Mit-Adler ist noch nicht zurück (wie ich jetzt weiß, gab es Probleme am Kassenautomaten) und die Fahrer hinter mir werden zunehmend ungeduldig. Ok, verstehe ich, ist ja auch doof, aber ich kann es halt im Moment nicht ändern. Ich sitze wie auf Kohlen, wie peinlich ist das denn. Und die Wortbeiträge um mich herum werden zunehmend unangenehmer und aggressiver.  "Was fällt Ihnen eigentlich  ein?" "Wie kann man nur so idiotisch sein, sich vor die Ausfahrt zu stellen und stehen zu bleiben" (Hä, ich mach das doch nicht absichtlich?) "Wo treibt ihr Mann sich denn rum. Das dauert doch nicht so lange. was ist das für eine Unverschämtheit..."  Ich kann mich nur immer wieder entschuldigen. Gleich. Sorry. Ich mach's doch nicht absichtlich.  Bitte entschuldigen Sie. Fühle mich wie von Feinden umzingelt. Eben noch ein Mitbürger, jetzt als Ärgernis und Depp zur allgemeinen Beschimpfung freigegeben.

Plötzlich inmitten des Gedöns eine freundliche Stimme hinter mir. Eine junge, schwarze Frau in Jeans und Lederjacke. "Lassen Sie sich bloß nicht verrückt machen - das kann jedem von uns passieren. Schlimm, wie die Leute manchmal sind..." Ich bin inzwischen  so fertig, dass mir fast die Tränen kommen. Tatsächlich: ein Mensch.  "Danke, das ist so so so nett von Ihnen..." stammele ich und erkläre ihr kurz die Lage. Just in dem Moment stürmt mein Mit-Adler durch die Tür. Karte in den Automaten. Geht immer noch nicht. Verdammt, verdammt. Nochmal. Jetzt aber. Hurra. Wir bedanken uns bei der netten Frau und klatschen uns mit ihr ab. Danke, danke, danke! Und dann nix wie raus hier. Nie wieder Parkhaus.

Eine halbe Stunde später, ein Parkplatz in einer Seitenstraße, eine Tasse Tee und ein Käsebrötchen  - die Welt sieht wieder freundlicher aus. Und später am Olivenstand im Adler-Gespräch mit dem Eintrachtler, der hier arbeitet, kann ich fast schon wieder über das Parkhauserlebnis lachen. Fast. Man kann nur hoffen, dass man nie in eine wirklich schwierige Lage kommt und auf das Verständnis seiner lieben Mitmenschen angewiesen ist.

"Morgen auf drei Punkte", so hat sich der Adlerkollege auf dem Markt von mir verabschiedet. Yep.  Ehrlich gesagt, kann ich mir im Moment nicht vorstellen, dass wir in Nürnberg nichts holen. Das, was wir  auf dem Platz zeigen, ist erkennbar kein Zufall.  Kein Ende, sondern ein Anfang.
Fast ein bisschen unheimlich, von allen geliebt, erfolgsverwöhnt. Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich mich daran gewöhnen will. Aber diese Spielfreude, dieses Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, und ein Trainer, der ausdrücklich kein Euphorieverbot erteilt und trotzdem ruhig und besonnen weiterarbeitet - das ist unwiderstehlich und macht atemlos.

Überhaupt: Nach ausgiebigem Fremdeln zum Beginn der Saison, fange ich inzwischen an, ihn richtig gern zu haben, den Hütter, Adi. Dieses leise Sprechen, der freundliche und doch sanft distanzierte Umgang mit den Spielern (zu beobachten z.B bei der Limmasol- Pressekonferenz im Gespräch mit dem unglaublich sympathischen und klugen Danny da Costa) – das gefällt mir ebenso wie ich mich über die verschwundene Krieger-Rhetorik freue.

Erst ein Regenspaziergang, dann ein Sieg der Eintracht in Nürnberg, ein Buch und dann ein hoffentlich freundliches Ergebnis der Hessenwahl - das wäre also der Plan für morgen. Und falls ihr noch nicht wisst, wen oder was ihr morgen wählt, dann hört doch einfach mal Radio wie die Eintrachtlerin, die ich am Donerstagabend neben dem Hamburgerstand im Stadion im Gespräch mit ihrer Freundin gehört habe: "Also ich hab ja bis jetzt gedacht, ich wähl Grün, aber vorhin hab ich im Radio einen von der SPD gehört, das hat mir richtig gut gefallen,  was der gesagt hat, ich glaub ich wähl SPD." Ist doch immer gut, wenn man flexibel ist und nicht auf einem Standpunkt beharrt. In diesem Sinne: "Don't follow leaders,  whatch the parking meters."(BD)

Auswärtssieg in Nürnberg und sonst gar nix!

Kommentare:

  1. Immer schon mal gut, liebe Kerstin, dass die Schranke im Parkhaus nur durch mangelndes Kärtsche verursacht war, und nicht durch ein- obacht, extremer Insider - umgekipptes Fahrzeug ; - ) Jedenfalls sieht man mal wieder den Unterschied zwischen Mainz und Frankfurt, wo Dir in nämlicher Situation von den mitwartenden Hinterleuten Äppelwoi zugetragen worden wäre, Handkäs mit Musik, Rippsche mit ... verdammt, jetzt krieg ich Hunger.

    Ja, verständnisvolle Mitmenschen sind ein wahres Vademecum. Sollte man sich stets vor Augen halten. Nicht zuletzt die eigenen.

    Die klaustrophobe Schilderung der Parkhaussituation erinnert mich an eine Episode, die Du - ich glaube im Rahmen einer Dylan-Fahrt, Richtung Luxembourg, jedenfalls Westen? - berichtet hast: nächtlicher Stop auf einem Autobahnparkplatz. Auch nicht gerade besonders heimelig (wenn ich mich nicht täusche),aber da gibts wenigsten noch Raum und Luft drumherum (und weniger Leute).

    An alle Hessen: morsche Adi Hütter wählen!

    Allseits einen angenehmen Sonntag wünschend, gute Wahl und ... AUSWÄRTSSIEG!

    Matthias aka ak






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    1. Umgekipptes Fahrzeug vor der Schranke im Parkhaus? Ojemine... es geht also überall immer noch schlimmer. Der Mainzer an sich ist ja eigentlich auch ein freundlicher Mensch und schätzt den Händkäs, aber ich fürchte mal, diese Art von Team-Spirit entsteht - auch in Frankfurt - nur dann, wenn alle gemeinschaftlich irgendwo eingesperrt sind und nicht, wenn einer der Depp ist, der die Einsperrung verschuldet hat. Hast recht - wie oft ist man selbst genervt und bereit, den der sich gerade anbietet, zumindest innerlich zu verfluchen. Ich hoffe, dass ich bei künftigen cholerischen Anfällen immer an die nette junge Frau denke (mir wird ganz schlecht, wenn ich mir vorstelle, dass sie vermutlich aus eigener, sehr viel schlimmerer Erfahrung weiß, wie es sich anfühlt, wenn man blöd angemacht wird).

      Dein Hinweis auf frühere Parkhaus-Klaustrophobie-Berichte hat mich gerade auf eine kleine Zeitreise geführt. Gesucht. Gezappt. Hängengeblieben. So viel Eintracht, so viel Bob, so viel vergangene Zeit. Es könnte das Parkhaus mit verlängertem Einkaufszentrum in der Rockhal in Esch zur Alzette gewesen sein https://rotundschwarz-kd.blogspot.com/2013/11/waldschwarzermitburgermitmigrationshint.html. Aber ich glaube, du meinst das Riesenparkhaus in Basel, aber den Text finde ich leider gerade nicht.

      Ja, der Adi Hütter, der war auf jeden Fall schon mal eine gute Wahl und vielleicht hat der multikulti Spirit bei der Eintracht, jetzt, wo sie ja von (fast) allen geliebt wird, dann auch inspirierenden Einfluss auf das Wahlverhalten.


      PS: Sorry für die vielen Tipper, die (so ist das leider beim Schreiben am Smartphone) im eingestellten Text waren - hab sie jetzt hoffentlich alle rausgefischt...

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    2. Da ist zum Glück doch noch ein Stück alte Eintracht in der neuen. Und dann doch auch wieder neue Eintracht in der alten. Ein Spiel, bei dem man mit einem Sieg rechnen können sollte, verlieren (alte Eintracht) und dann doch noch in der letzten Minute etwas holen (alt oder noch neu? Jedenfalls im neuen Gewand). Gut so :)

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