Sonntag, 11. Februar 2018

21. Spieltag: Närrische Tage im Wald

Für mich ist Fastnacht in seinem Kern weniger laut und krakehlig, sondern rührend und ein bisschen melancholisch. Das erkennt man am besten, wenn man nicht mittendrin ist, sondern am Rande, z.B. gestern als ich mich aus dem rheinhessischen Hinterland auf den Weg in Richtung Waldstadion mache. Im Nachbarort findet heute Nachmittag ein Fastnachtsumzug statt und während ich mit dem Auto Richtung Frankfurt brause, zieht es die Menschen aus den umliegenden Orten zur Fastnacht. Aus allen Himmelsrichtungen laufen kleine kostümierte Trupps durch die kahlen Äcker auf Harxheim zu. Je nach Entfernung leuchten die Kostüme durchs Grau oder zeichnen sich als Silhouette am grauen Horizont ab. Eine Gruppe Indianer mit Federschmuck auf dem Kopf, Schweine, Außerirdische, Hasen, Superman, ein Gardist in Uniform,  kleine Prinzessinnen, im Ort selbst passiert gerade eine ganze Kuhfamilie eine Seitenstraße, im mitgeführten Rollkarren sitzt ein Mini-Fastnachter, ebenfalls als Kuh bzw. Kälbchen verkleidet.
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Aber auch Frankfurt war am Mittwoch und ist heute ein Zentrum närrischen Treibens. Schon beim Anmarsch zum Stadion begegnet mir ein Bär, flankiert von zwei Mädchen mit Krönchen auf dem Kopf, dieses Mal allerdings aus Köln. Vor mir laufen zwei - als Eintrachtler verkleidete?? - junge Männer, die die aktuelle Lage diskutieren. "Letzter der Fairnesstabelle ist die Eintracht." "DIE (!) machen mit ihrem Geholze alles kaputt, was WIR (!) uns in  Europa erarbeitet haben." Hä?? An den Eingangstoren herrscht heute ein massiver Stau und wir stehen fast schon beklemmend eng.  Keine Bewegung in der Schlange, kein Wackler. "Macht doch mal mehr Druck da vorne auf den Waldorfschüler" krakehlt ein Mann mit Eintrachtkapp, der damit  offensichtlich die für ihn ultimativ schlimmste Beschimpfung des Sicherheitspersonals gefunden hat, denn - berauscht von seiner Pfiffigkeit - wiederholt er seinen Ruf im Minutentakt.  "Hey, du Waldorfschüler..." "Immer diese Waldorfschüler..."  Die kräftige Security-Frau, die mich ein paar Minuten später in die Mangel nimmt, entspricht weniger meiner Vorstellung einer Waldorfschülerin, aber auch sie hat närrische Ambitionen. Zerrt an meiner Eintracht-Jacke, Reissverschluss auf, auch meine Sweat-Jacke muss ich öffnen und werde mit rauhem Griff intensivst an Brust, Rücken und zwischen den Beinen abgetastet. Wie es wohl dem Bären hinter mir ergeht?

Überrascht nehmen wir die Aufstellung zur Kenntnis, kein Haller, dafür Jovic  von Anfang an und auch Marco Fabian steht nicht in der Startelf. Spannend, wie Niko Kovac in jedem Spiel mit kleinen Verschiebungen Akzente setzt.

War nicht in den letzten Tagen davon die Rede, dass Marius Wolf angeschlagen, vielleicht sogar überspielt ist und ihm eine Pause mal ganz gut täte? Heute beweist er das Gegenteil. Irgendwie das verkörperte Sinnbild des Eintracht-Fußballwunders. Der Bub ist unermüdlich, rennt, dribbelt, passt, geht lange Wege, das es eine Pracht ist. Mein Held der ersten Hälfte ist aber der mehr als wieder erstarkte Makoto Hasebe, der hinten ausputzt, dazwischen fährt und das Spiel ankurbelt. Überhaupt:  Es sieht gut aus wie wir von hinten heraus spielen. Die kurzen Pässe kommen hart und präzise. Im richtigen Moment der lange Ball über die Außen. Wolf auf Jovic, Flanke. Batsch. Und da fällt auch schon das 1:0 - ungefähr zum gleichen Zeitpunkt wie am Mittwoch. Und auch der Torschütze ist der selbe: Ante Rebic, der Blick in den Gästeblock  wie ein deja vu: Bedröppelte Gesichter, die so gar nicht zur lustigen Maskerade passen.

Überhaupt: Ante Rebic. Was für ein - tschuldigung - Tier. Kompromisslos. Kraftvoll. Dynamisch. Ungestüm. Und nach jeder Pause, die Kovac ihm (wohl aus gutem Grund) verordnet, kommt er wie Venus aus der Muschel noch stärker zurück und will es  erst recht wissen. Nach der Führung  fast direkt im Anschluss noch der zweite Treffer, aber Chandlers Schuss landet am rechten Pfosten und danach verflacht das Spiel , wir machen nicht mehr als wir müssen. Schrecksekunde kurz vor dem Pausenpfiff, aber Hradecky pariert. Alles gut.

Hallo hier, hallo da und Fachsimpeln in der Halbzeit.  Was für ein Glück, dass Lukas das Ding da grade noch erwischt hat. Wäre ein denkbar blöder Zeitpunkt für den Ausgleich gewesen. Lange kein so entspanntes Fußballspiel mehr gesehen wie das Halbfinale am Mittwoch. Hey, echt wahr, Andreas Wellinger hat eine Goldmedaille im Skisprung geholt?  Dortmund noch 0:0, Leverkusen liegt hinten. Na gut, wenn sonst keiner will, dann spielen wir halt Champions League. Werden wir heute in der zweiten Hälfte einbrechen wie gegen Freiburg? Wir sind uns sicher: Nein, heute bringen wir den Sieg nach Hause.

Blöd, dass es dann doch wieder schief zu gehen scheint. Die Kölner machen nach der Pause mehr Druck, wir stehen zuweit hinten. Unübersichtliche Szene am Strafraum War das ein Foul? Oops, war das tatsächlich sogar im Strafraum? Der Video-Assistent entscheidet und Terodde verwandelt. Mist.  Mein Mit-Adler vermeldet per Handy, dass der Elfer seine Richtigkeit hatte. Na ja, macht es auch nicht besser. Aber hey, keine Zeit, um Trübsal zu blasen oder Befürchtungen aufkeimen zu lassen. Direkt im Gegenzug landet ein Freistoß von Wolf auf dem Kopf des heute bärenstarken Marco Russ. "Eintracht Frankfurt: Zwei - Köln: Null" intonieren wir und  "Absteiger, Absteiger" hallt es durchs Stadion.  Ach, weiß leider noch zu gut wie jämmerlich  ich mich selbst vor nicht allzu langer Zeit bei solchen Gesängen gefühlt habe. Viel zu lachen haben die Kölner jetzt in der Tat nicht mehr, stattdessen kommen wir mit dem Jubeln kaum noch hinterher. Die Eintracht spielt wie gedopt. Erst drei, dann vier. Und wir hüpfen und kreischen uns die fiese Kälte aus den Knochen.

Uwe, der neben mir sitzt, vermeldet, dass er 6:2 getippt hat, und - wie um ihn zu bestätigen -  fällt da auch schon das fünfte Tor. Oops, nein doch nicht. Außennetz. Obwohl auch die Stadionregie im Überschwang bereits auf die Tormusiktaste gedrückt hatte.

Der Prinz wird mit Standing Ovations vom Feld geleitet, Chöre für Ante Rebic. Der zweite Treffer der Kölner sorgt auch im eigenen Block nur für leises Schulterzucken. Die Kölner machen auf und die Eintracht erarbeitet sich Chance um Chance - zwei, drei Tore mehr hätten wir locker noch machen können. Aber so what?  Fünf Minuten vor Abpfiff gehen, wie immer in den letzten Spielen, die Schals nach oben. Ein schönes Ritual. Schwarz-weiß olé schwarz-weiß olé. Und dann ist Schluss. Vier zu zwei. Vierter. Helau.

Die Mannschaft geht auf Stadionrunde. David Abraham hat sich dazu gesellt und schlendert mit seinem Kind auf dem Arm über den Platz, zeigt ihm die Kurve. "Kuck, dahin... uiiii..." Marco Russ schäkert mit dem kleinen Kerlchen und hüpft vor ihm auf und ab, während Niko Kovac - noch ganz im Spielmodus -  ernsthaft auf Boateng einspricht und - so scheint es -  die erste Spielanalyse liefert. Der Spieltag hat für mich mit Kühen begonnen und so endet er auch: Auf dem Rückweg läuft vor uns ein Kölner im Ganzkörperkuhkostüm, natürlich schwarzundweiß wie Schnee. Ha, hätte er sich vorher rüberlegen müssen.

Bescheidenheit. Arbeit. Taktische Disziplin. Akribischer Trainerstab. Einstellung. Tolle Einzelleistungen. Kampfbereitschaft.  Ehrgeiz. Motivation. Spieler mit Potenzial. Eine gut besetzte Bank. Ja, das sind so ungefähr die großen und kleinen Bausteinchen für unseren - demütigen - Höhenflug. Sollte mich demnächst jemand nach dem Patentrezept der Eintracht fragen, weiß ich jetzt aber eine noch bessere Antwort. Sie stammt vom TV-Halbzeit-Interview mit Charly Körbel und mein Mit-Adler hat sie mir per Whatsapp geschickt:

"Die, was gut sind, spielen, die, was mal nicht so gut sind, die spielen dann mal nicht." So einfach ist das.

Kommentare:

  1. Oha, Kerstin, ein Bericht, der Freude bereitet. In jeder Hinsicht. Sei bedankt.

    Mag mir jetzt garnicht den Bären vorstellen, sollte er je nach Dir in die Fänge der vierschrötigen Waldörflerin gefallen sein (Rundohren: ab : - (

    Die Wehmut der Fasnetstage, ah ja. Der Verwandlungsmöglichkeit scheinen keine Grenzen gesetzt, aber singende Dachdecker und die Maggit (die gibts ja noch!) lehren: Heile heile Mausespeck, in hunnerd Jahrn is alles weg - was man, wenn man nicht zur Geburt bereits Anwärter auf das Guiness-Rekordbuch ist, wohl einigermaßen ungeschützt behaupten darf. Darauf erstmal einen Schluck, nein, einen Becher Rotwein.

    ...

    Deiner Eintrachtanalyse ist nix, aber auch garnix hinzuzufügen. So isses. Man mag ja Keinen hervorheben ... naja ... Hase B, Russ, Wolf, Rebic ... aber alle anderen auch. Und dann noch: diese Monsterbank!

    Wer hätte das zu Saisonbeginn erwartet? Und dann noch das Durchstarten nach dem kurzen Wintertrainingslager? Niko Kovac ist nicht nur ein Simpatico, er scheint auch ein toller Mensch zu sein und ein verdammt guter Trainer mit allen Ansätzen, ein Großer Trainer zu werden. Weil: nicht nur Fußball.

    Dein Mit-Adler: ein genialer Externally-InternalFeed-Inputler, indeed. Nur: Elfmeter gegen die Eintracht mögen ja durchaus regelgerecht gefällt worden sein - von "Berechtigung" würde ich da dennoch nicht sprechen : - )



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  2. Ein Dank auch an dich für den feinen Kommentar. Ja, in hunnerd Jahr is alles weg... Bären, Kühe, Waldorfschüler, wir. Manchmal geht's auch schneller, wie jetzt bei Schui und Binde. Legenden a.D. und mir fällt auf, dass ich schon länger auch die Zico24-Fahne nicht mehr im Block gesehen habe. Aber da kann ich mich täuschen.

    In Sachen Elfmeter pflichte ich dir bei, über die Wortwahl sollte man nochmal nachdenken. Nichts zu deuteln gibt es dagegen am Resümee von Charly Körbel, das ich direkt in meinen ewigen Fundus von FußballZitaten aufgenommen habe. Das braucht sich hinter "Der Ball ist rund" und "Die Wahrheit ist auf dem Platz" nicht zu verstecken.

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  3. Wohl wahr. Ich sehe auch durchaus ein, dass sich jemand zugleich in die Herzen und in die Notizbücher spielt. Darin eine Winwin Situation zu sehen, mag zwar durchaus betriebswirtschaftlicher Fakt sein, dennoch erlaube ich mir, dies als "degoutant" in den Orkus zu schicken. In meinem Fundus jedenfalls hätte das nix verloren. Was nicht viel besagt, wäre ich doch, hätte ich einen, ein Lederhut.

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