Dienstag, 13. Juni 2017

Noch einmal: Berlin

Bleibt Hradecky oder bleibt er nicht? Und wenn er bleibt, wollen wir ihn überhaupt noch? Jesus Vallejo hätten wir alle gern behalten, aber er muss zurück nach Spanien. Wie viel Geld haben wir jetzt eigentlich tatsächlich zum Einkaufen? Steht der Sponsor, der aufs Trikot kommt, schon fest und kommt er aus den USA, wo die Eintracht, indeed, ihr Trainingslager abhält?  Das alles und noch viel mehr sind die Fragen, die die Eintracht-Welt im Moment beschäftigen. Und während nicht nur in England der Mai vorbei ist und Emanuel Macron in Paris demnächst zum Kaiser der Franzosen gekrönt wird, steht auch der Erstrundenpokalgegner der Eintracht  schon fest: TUS Erndtebrück, Oberliga Westfalen,

Ja, so geht es weiter, immer weiter. Hier jetzt erst nochmal ein Zwischenstopp -  als Nachklapp ein paar (vielleicht auch ein bisschen mehr als ein paar ,-)  Impressionen von unserem Pokalausflug nach Berlin.

Wir fahrn, fahrn, fahrn.

Samstag. 27. Mai,  5 Uhr 45. Vorratskiste und Tasche sind gepackt und stehen in der Hofeinfahrt bereit, überpünktlich um kurz vor 6 bremst das Adler-Auto vor der Tür und unser Vierer-Reisetrupp ist vollständig. Es kann losgehen – wir starten in den noch angenehm kühlen rheinhessischen Morgen. Die Sonne liegt über den Feldern, der Himmel ist blau mit ein paar fluffigen Wolken, kaum Verkehr. Hinter  Frankfurt mehren sich die Adlerspuren – hier ein vollgepackter PKW, dort ein Bus, an den Raststätten von Adlern umlagerte Autos und Busse. Kannister mit Ebbler. Thermoskannen Kaffee. Belegte Brote.  Schals flattern an den Autos. Banner in der Rückscheibe. Eine riesige Adlerkarawane. Vorbei an Lederhose und Großkopf. Da, da ist der Bus des EFC Sinnlos. Wir verschicken „Berlin wir kommen“-Selfies  und überholen laut kreischend ein knallrotes Feuerwehrauto mit großem Adler im Anflug-Aufkleber.


Ruhe vor dem Sturm

Früher als erwartet sind wir da: 12 Uhr 30. Zeuthen. Kleiner Ort im Südosten Berlins, fast schon Spreewald, idyllisch und mit S-Bahn-Anschluss in Richtung Berlin. Unsere sehr nette airbnb-Gastgeberin begrüßt uns (ihr kleiner Sohn ist weder Eintracht-, noch BVB-, sondern Bayern-Fan).  Gerne würde ich nochmal kurz Innehalten, der Tag wird lang, aber den Rest der Truppe zieht es ins Zentrum des Geschehens. Jetzt, sofort, alla gut, alla fort. Etwas Wasser ins Gesicht, das durchgeschwitzte T-Shirt wechseln, Bier für heute Nacht in den Kühlschrank und ab geht der Adler.  Ein Park +  Ride Parkplatz unter Bäumen, direkt am S-Bahnhof, ein liebenswert verschnarchtes Bahnhofsgelände. Hohe Bäume. Die Haltestellen klingen nach Wanderung durch die Mark Brandenburg.  Königswustershausen, Treptow…. . Es ist heiß. Keine Spur von Getriebe. Je näher wir Berlin kommen, desto mehr Anzeichen. Hier steigt ein Dortmunder zu, dort ein Eintrachtler.


14.00
Ostkreuz. Einmal umsteigen bitte.  Die S-Bahn ist brechend voll. Nein, jetzt geht wirklich keiner mehr rein. Doch. An jeder Station schwappen immer neue Wellen von Adlern in den Waggon, nicht ohne ihr Eintreffen lautstark kund zu tun: Hurra, hurra die Frankfurter sind da. Hüpfen. Die S-Bahn wackelt. Rhythmisches Schlagen an die Decke. Schepper, klirr.  So merkt auch der letzte verirrte Dortmunder, der sich erdreistet die gleiche- S-Bahn zu nehmen,  dass er besser daran tut, Land zu gewinnen. Wir sind am Alex, der in glühender Hitze da liegt. Die Bühne irgendwo am Horizont ist von einem großen Pulk umlagert, einzelne Fahnen wehen. Musik. Adler, überall Adler. Die beiden Nachwuchsadler wollen schnell shoppen – eine kurze Hose muss her, ein Bikini für morgen.  Okeh. Schatten, Schatten oder ich fall um. Überall wird fotografiert. Whatsapps aus allen Richtungen. Wir sind da. Wo seid ihr? Brandenburger Tor. Im Anmarsch zum Alex. Schon auf dem Weg ins Stadion.

Adler am Netz.
Treffpunkt Saturn. Die Handyaufladestadion  ist von Adlern besetzt – jeder will sein Smartphone um noch ein paar Prozent aufladen, damit es den Abend durchhält. Wir sitzen verkabelt im Kreis. Rechts neben mir ein junger in Berlin lebender Japaner im Eintracht-Trikot, der mir glücklich erzählt, dass er in letzter Minute noch ein Finalticket – nur wenig teurer als im Originalpreis – ergattert hat. Links von mir zwei Frauen mit Adler im Anflug-Shirts, die eigentlich schon wieder bei ihrer Adler-Gruppe sein müssten („nur noch 10 Prozent“), in meinem Rücken ein Herr im Anzug,  Frankfurter, Eintrachtler, der gerne beim Finale dabei gewesen wäre, kein Ticket mehr bekommen hat und ausgerechnet heute dann auch noch geschäftlich in Berlin zu tun hatte. „Zum Public Viewing bin ich wieder in Frankfurt.“ Am anderen Ende des Ladens hat sich ein kleiner Adler-Trupp postiert. Im Herzen von Europa schallt es durch die Räume – wir singen mit.

Vor dem Olympiastadion.
Wildes Getriebe. Vorne links, direkt am Eingang wird ein Blindenfußball-Match ausgetragen. Vor zwei Tagen war hier die Auslosung für die Blinden-EM. Nein, keine dämlichen Witze. Wir schauen einen Moment zu und bestaunen die Dribbelkünste der Akteure. Überall Bühnen, Moderatoren, Musik. Torwandschießen.  Der Moderator auf der ARD-Bühne sucht einen Eintrachtler, der sich fit genug fühlt, um in einem Quiz ein paar Eintracht-Fragen zu beantworten. (Hey, wir suchen doch selbst nach Antworten).  Am Himmel ist kein einziges Wölkchen. Dort werden Papp-Pokale verteilt, Programmhefte. Nichts wie raus aus dieser Hitze. Die Schlangen am Eingang sind überschaubar. Wir erwarten verschärfte Sicherheitskontrollen. Tatsächlich: Nix.  Kurzes Abtasten. Ein Blick in den Rucksack: „Sie haben da kein Deo drin?“ Nein, hab ich nicht und schon sind wir durch.

Das Olympiastadion ist wirklich beeindruckend – das große Olympiator, die massive Bauweise, die Säulen und breiten Aufgänge. Mein Herz schlägt schneller. Auf der Wiese vor unseren Blocks sind Tische und Bänke aufgebaut,  Bratwurst und Getränkestände, nirgends muss man lange anstehen. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen auf den Treppenstufen zwischen den Säulenbogen. Kurz vor 6 verabschieden sich meine Mit-Adlerinnen ins Stadioninnere – wir sind in verschiedenen Blocks,  ich sitze noch ein wenig und schaue ins Getriebe. Bin fast schon unheimlich ruhig, ein bisschen wie in Trance, ein Schwapp von Melancholie.  Bin ich hier? Ist das echt? I don’t know if I am really real.  

„Mit dem Jürgen“
Die Choreo und Live-Performance sind akribisch und perfekt vorbereitet. Über jede Stuhllehne ist ein T-Shirt gespannt, dazu ein Fähnchen – Shirts, Fähnchen, schwarzweißrot so weit das Auge reicht. Gigantisch - was für eine Mühe, was für ein Aufwand. Und wow. Mein Platz ist nahezu perfekt – ziemlich weit unten, halbschräg hinterm Tor. Die Mannschaftsaufstellung zirkuliert. Echt jetzt? Medejovic? Kein Alex nirgends.

Da, unten rechts, da sind sie: 
Der Grabi und der Holz. Und der Charly.
Tankard kündigt sich an. Stadionsprecher André Rothe hat das Mikrofon ergriffen, spricht ein paar Worte, schildert den Weg nach Berlin. Bevor Gerre loslegt, werden direkt vor unserer Kurve die Protagonisten vergangener Eintrachtsiege nach vorne geholt und bejubelt. Charly, Holz und – tatsächlich – der Jürgen, den wir im Endspiel gesehen haben und der dann gleich mit uns gemeinsam ein Endspiel ansehen wird. Charly im Jackett, Grabi und Holz in feierlichen Anzügen und mit Krawatte. Da stehen sie aufrecht in einer Reihe, während Gerre um sie herum rockt und sich die Seele aus dem Hals singt – wie ein Sinnbild für alles, was nicht mehr ist, wie es einmal war, und trotzdem bleibt und überdauert. Mir kullern ein paar Tränen. Schwarz und weiß wie Schnee.

Albernheiten
Was für eine kuriose und dämliche Zeremonie vor Spielbeginn. Merkwürdig gekleidete Frauen in Ballonkleidern scheinen irgendwie übers Spielfeld zu rollen, alles dauert ewig, noch ein Trupp, der von irgendwoher kommt, in sinnfreien Formationen über den Rasen läuft und Banner mit Pokalen enthüllt.  Maaaan. Wann geht es denn endlich los? Die Pokalbotschafterin Kati Witt darf auch noch herein trippeln. Was für ein Gedöns.  Wenn das der Preis ist, um in einem Finale dabei sein zu dürfen, ist es vielleicht gar nicht so unbedingt erstrebenswert daran teilzunehmen?

Im Block (erste Halbzeit)
Bis zum Anpfiff ist unser Block rappelvoll,  der ganze Treppenaufgang mit kräftigen Youngstern geflutet, die mit ihrer Präsenz wohl den Support sicherstellen sollenwollen. Choreo-T-Shirts und – der Hitze geschuldet – im Laufe der Halbzeit zunehmend nackte Oberkörper. Wir stehen spack an spack. Die Sonne brennt schräg vor unserem Block und kommt immer von vorn. Heruntergerutschte Hosen, schwitzende Hintern vor und neben, nackte tätowierte Arme, Hände und Fahnen über mir.  Das frühe Tor der Dortmunder. Zwischen den gemeinschaftlich skandierten Gesängen und Rufen werden die Dortmunder beschimpft (ähem…Wixxer ist dabei das absolut Harmloseste).  Da unten spielt die Eintracht. Pokal. Finale. Wir können es schaffen. Und mir – mir kommt genau hier und jetzt das Spiel und fast sogar - hilfe -  die Eintracht abhanden. Alles in mir wehrt sich dagegen,  gemeinschaftlich die Arme in die Luft zu recken, im gleichen Takt zu klatschen und auf Kommando wahlweise „Eintracht“ oder  „Was wir scheißen, müsst ihr fressen“ zu rufen. In diesem Leben  wird kein Ultra mehr aus mir. Durch die Arme sehe ich ab und zu einen Spieler, einen Ball. „Wer von euch war schon 2006 dabei?“ „Ich schon 1988.“  Stutz.  Und nein, ich bin noch keine hundert Jahre alt. Vielleicht ja doch.

Das Tor
Nach dem frühen Treffer der Dortmunder haben wir – soweit ich das sehen konnte – klug und ruhig weitergespielt, immer mehr Passsicherheit, immer mehr Zugriff aufs Spiel. Die Dortmunder wirken fahrig und unkonzentriert. Klar, sie sind die bessere Mannschaft, aber der Angriffsschwung verpufft immer mehr, wir halten dagegen, sind am Drücker. Wenn wir nur jemanden hätten, der in der Lage ist, ein Tor zu schießen.. Und dann fällt es –  Ante Rebic, tatsächlich – es fällt. Toor, Toor, Toor. Jetzt, jetzt. Wir können sie packen. Sie wanken. Wir.  Ich stehe mit hochgerissenen Armen, fassunglos, eine Glückswelle überschwappt mich und ich finde niemanden, tatsächlich niemanden, der mein Glück mit mir teilt, jeder hüpft für sich allein. Greife den neben mir Stehenden, umarme ihn. Um mich herum tobt das wilde Inferno, alle trampeln, rempeln sich an springen auf die Stühle oder treten sie aus der Verankerung. Hinter mir strauchelt ein junger Mann, kippt nach vorne, landet auf meinem Kopf. Er rappelt sich wieder auf, ich stehe in einer Bierlache. „Sorry, so ist das halt beim Fußball.“ Schon klar. Es ist vor allem dieses wunderbare Gemeinschaftserlebnis. Bis zum Halbzeitpfiff wedeln wir mit unseren Fähnchen Echos von Block zu Block. Das sieht im Fernsehen und von der anderen Seite des Stadions bestimmt super genial aus. 

Die Halbzeitpause
Ich sitze auf einem Bänkchen auf der Wiese vor unserem Block. Außer mir sind hier nur ein paar vereinzelte Adler unterwegs. Eine kalte, sehr kalte Cola. Aus den Stadionlautsprechern höre ich ab und zu einen Wortfetzen, mit dem Helene Fischer versucht, gegen das gellende Pfeifkonzert anzusingen. „Gib’s doch zu“ whatsappt mir ein Freund aus Mainz. „Du bist doch nur wegen Helene in Berlin.“  Ich muss lachen und gleichzeitig kullern mir schon wieder die Tränen. Keine Ahnung, warum, eindeutig zu heiß hier. Eintracht, ach Eintracht. My heart is not weary, it's light and its free. Am  Nachbartisch hängt ein gestrandeter Adler auf der Sitzbank, Kopf auf der Tischplatte. Er schläft.

Die zweite Halbzeit
Ich mag mich nicht mehr zu meinem Platz nach vorne kämpfen, bleibe oben, ganz hinten im Block stehen und endlich, endlich ist da auch ein Stück Fußball. Am Rande statt nur mittendrin. Wir sind wieder einzeln und deshalb zusammen. Fachgesimpel. Zurufe. Händeringen. Wir können sie packen. Wir. Können. Sie. Wirklich. Packen. Der überflüssige Elfer. Das Tor. Vielleicht doch noch einmal zurückkommen. Nein, heute nicht. Aus.

Nach dem Spiel
Der Dortmunder Jubel in der Kurve gegenüber fällt merkwürdig aseptisch und künstlich aus. Ein bisschen hüpfen, ein bisschen singen. Wir haben verloren, aber geben uns nicht geschlagen. Alle Schals gehen nach oben. Das Europalied. Eintracht aus Frankfurt, du schaffst es wieder Deutscher Meister zu sein. Und keiner in der Kurve, der diesen Satz im Moment nicht aus voller Überzeugung singt. Ein schöner, echter Moment.

Die Ehrung der Mannschaften. Die Dortmunder bilden ein Gasse – Jubel und Gesänge. Nein, den offiziellen Dortmunder Pokalsiegerjubel müssen wir uns nicht mehr antun – der Block leert sich zügig.

Die Stimmung draußen ist nicht euphorisch (wieso auch?), aber auch nicht übermäßig gedrückt. Unser Support war besser.  Unsere Stimmung. Unsere Kurve. Wir sind die großartigsten Fans. Das macht uns keiner nach. Mag sein. Dann isses ja halb so schlimm, dass die Dortmunder den Pokal mitnehmen. Doch? "Wir hätten wenigstens richtig gefeiert."

Berliner Nacht
Noch irgendwo hin zu einem der Adler-Treffpunkte? Dazu haben wir keine Lust, aber Hunger und Durst haben wir. Am Zoologischen Garten steigen wir aus. Der Abend ist kühl, vielleicht meinen wir das aber auch nur, weil der Tag so heiß war. So sehr heiß. Wind. Lichter. Currywurst oder Asia Wok? Ein Trupp Dortmunder kreist mich ein. Johlt. Singt. Looser. Looser. Ich grinse schief.  Gebackene Nudeln mit süßsaurer Soße. Einzeln werden wir aufgerufen, wenn die Portion fertig zubereitet ist. Kelsti. (lauter): KELSTI. Stimmt ja - das bin dann wohl ich.

Müde Krieger
Vorhin führte unser Weg von der Stille in den Trubel, jetzt ist es umgekehrt. Die S-Bahn, die uns zurück zu „unserer“ Wohnung  führt, leert sich von Station zu Station. vorne sitzen zwei Dortmunder, die ihre Beine hochgelegt haben und  jetzt von einer älteren, sehr kräftigen Berlinerin angesprochen werden. „Ick bin Hertha-Fan“, sagt sie (da sie ein Hertha-Trikot trägt, wäre sonst kein Mensch darauf gekommen) und lässt sich auf den Sitz fallen. „Wat wird denn jetzt dem Tuchel?“  Schulterzucken. Mer waas es net, mer munkelts nur.  Dann ist nur noch ein Dortmunder in der Bahn. Und wir. Der Bahnhof in Zeuthen liegt still und stumm. Der Dortmunder hat sein Auto am Straßenrand geparkt. „Schlaft gut“, ruft er uns zu. Du wahrscheinlich besser als wir.

Auf dem Balkon
Halb zwei Uhr nachts. Meine Mit-Adlerinnen sind schon im Bett, ich sitze noch auf dem kleinen Balkon, der vor der Küche wie in eine Nische gebaut ist. Habe heute den ganzen Tag noch keinen Tropfen Alkohol getrunken und genieße das kalte Bier. Sternenhimmel, Blick  über die Dächer. Das war es also. Berlin. Kein Pokal. Eine Amsel zwitschert (merkwürdig, dass immer mehr Vögel auch nachts singen).

Der Morgen danach
Der Tag war lang, die Nacht kurz, trotzdem sind wir relativ früh auf den Beinen.  Der Blick aus meinem Fenster zeigt ins idyllisch Grüne. Nicole sitzt mit einem Kaffee auf dem Balkon ich mache mir einen Tee zum Müsli.  Morgeeeen. Uns zieht es an den Zeuthener See. Wir wollen ans und ins Wasser, mich zieht es aber vor allem zu Fontane. Hier, in Zeuthen, spielt „Irrungen, Wirrungen“, hierher machen Lene und Botho ihren ersten und einzigen gemeinsamen Ausflug, hier erleben sie zwei innige und glückliche Tage, über denen schon so etwas wie ein Wissen des nahenden Abschieds hängt.  Alle Straßen in Zeuthen sind, so scheint es, von hohen Bäumen gesäumt. Je weiter wir nach draußen kommen, desto höher werden die Bäume, desto größer die Häuser und Grundstücke. Der See glitzert durch die Bäume, aber wir finden keinen öffentlichen Zugang zum Wasser – alles Privatgelände. Das Wasser glitzert durch die Bäume. An langen Stegen, die ins Wasser führen, sind kleine Boote verankert.


Wir parken und ich mache mich zu Fuß auf den Weg zum Fontane-Platz. „Einfach da lang“, bescheidet mich eine ältere Dame, die gerade ihre Rosen schneidet. Und dann bin ich da. Ein kleiner Seitenpfad führt  zum  Fontane-Denkmal, ein schmaler Streifen grün am Wasser, ein paar Bohlen, ein Steg. Hier sitze ich, baumele mit den Füßen im Wasser und fühle mich froh und leicht. Ein Herr mit Hund gesellt sich zu mir, der für seinen Hund Stöckchen ins Wasser wirft. Die Hundedame ist nicht mehr ganz jung, aber liebt das Schwimmen. Sie heißt Kira und ich erzähle von einem lieben Adlerfreund (hallo Kid), dessen leider bereits verstorbene Hündin den gleichen Namen hatte. Mein neuer Bekannter erzählt mir, dass seine Mutter eine große Fontane-Liebhaberin ist, Mitglied der Fontane-Gesellschaft hier in Zeuthen, letztes Jahr war sie bei einem Keller-Fontane-Kongress in Zürich und nächste Woche wird sie in Fontane-Dingen nach Schottland reisen. Jenseits des Tweed.  „Hab’s gefunden“,  whatsappe ich meinen Mitreisenden. „Wir auch“, whatsappt es zurück. Ich drehe mich um – da stehen sie zu dritt hinter mir und lachen sich scheckig. 

Ein junges Pärchen zeigt uns den Weg zu einem nahegelegenen Badeplatz. Das kalte Wasser ist herrlich, am Imbiss „Purzelchen“ gibt es leckeren hausgemachten Kartoffel- und Nudelsalat.

Wir stehn, stehn, stehn.

Die Heimfahrt wird zu einem Erlebnis der besonderen Art. Für die ersten 100 Kilometer benötigen wir 4 Stunden, für die restlichen 480 noch einmal 8. Sage und schreibe 12 Stunden zwischen Hysterie, Auflehnung, Zorn und Apathie.  Baustellen. Staus. Autos. Baustellen. Absperrungen. Autos. Autos. Autos. Ob überhaupt irgendein Mensch zuhause ist oder sind tatsächlich alle, alle heute hier, genau auf dieser Strecke. Kommen vom Kirchentag, vom Pokalfinale, vom Feiertagsausflug. Sind es 35 Grad oder 40? Auch schon egal.  An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit, schallt es aus dem Radio. Und das ist so fein platziert, dass es fast schon wieder komisch ist. Von überall her Adler-Nachrichten, die entweder vor oder hinter uns im selben Stau stehen. Um 23 Uhr vermelden die ersten: Wir sind zuhause. Wir fahren immer noch, raten Autokennzeichen und bilden Sätze. PC – RG. Peter campt richtig gerne. GI – MN. Gisela isst manchmal Nüsse.  ML – RS. Manchmal läufts richtig  scheiße. Aber wir schaffen es, logisch. Zoë und Nicole fahren konzentriert und sicher und bewahren die Nerven. Nachts um halb eins setzen meine Adler-Freundinnen mich vor der Haustür ab, sie müssen noch eine viertel Stunde weiter ins Hinterland. Mein Mit-Adler hat Bier kalt gestellt und schmiert mir jetzt noch ein Brot. Salami odrrcKäse?  Käse! Die schwarzundweiße Katze streicht um meine Beine. Habe ich wirklich gerade zwölf Stunden im Auto verbracht?  Wir sitzen auf dem Bänkchen hinterm Haus und ich rede, rede, rede bis mir die Augen zufallen. Morgen ist ein neuer Tag. So viel ist sicher.




Kommentare:

  1. Warum singen die Amseln so spät nachts? Ist doch klar: die schrägen Vögel haben Pokal geguckt und das Abendliedsche dann nachgeholt.

    Wunderbare Exkursions-Impressionen, Kerstin. Das Wandeln auf markbrandenburgischen Fontane-Spuren am "Tag danach", einfach erfrischend.

    Btw. wer ein Buch mit Titel "Irrungen, Wirrungen" geschrieben hat, hätte füglich der Eintracht die Daumen gedrückt. Die Amseln, obwohl schwarz-gelb, auch - für Dortmund singen sie einfach zu gut. Aber sie haben keine. Daumen.

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    1. Irrungen, Wirrungen deutet auf eine Eintracht-Affinität hin. Da stimme ich dir bei. Aber was machen wir mit "Unwiederbringlich"???

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    2. Wir versenken die Erstausgabe auf der Höhe von Conz in die Mosel.

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    3. Und werden danach Deutscher Meister.

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    4. Hernach versenken wir die Erstausgabe von 'Zauber-Berg' : -(

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    5. Im Marianengraben ^^

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  2. Ja, morgen ist ein neuer Tag und das Leben - das walte Hugo - ist ein ewiges Wiederanfangen. Und wie schön, dass du Kiara nicht vergessen hast. Danke.

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    1. ... und hier, an diesem Ort, passierts, lieber Kid: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/25/Nietzsche-Stein_01.jpg/1024px-Nietzsche-Stein_01.jpg
      Der pyramidale Block am Silvaplanersee bei Surlej (nähe Sils Maria), wo Friedrich Nietzschen den Gedanke der Wiederkehr des Immergleichen fasste.
      Der Eintrachtbezug liegt gleich mit auf der Hand: der Philosoph philosophierte nach eigener Einschätzung "mit dem Hammer" - jenes Instrument, das wenig später Bernd Nickel einen akademischen Titel bescherte.

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    2. @Kid: Nein, ich vergesse Kiara nicht und auch nicht, wie viel sie euch bedeutet hat. Leider hat mich das offensichtlich nicht daran gehindert, sie mit einem falschen Namen in Verbindung zu bringen...

      @Aka: nächstes jahr einfach wieder ins pokalfinale einziehen, wäre ein äußerst erfreulicher Aspekt des wiederkehrenden Immergleichen. Mehr noch: es wäre der Hammer.

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    3. Nicht grämen! Wir sind bei Kiara geblieben, weil wir sie mit diesem Namen vom Tierschutzverein bekommen haben. Später haben wir dann in ihrem Impfpass gesehen, dass dort - unter einem Fettfleck etwas unleserlich - Kiera stand. Ich bin mir sicher, dass du diese Geschichte bei mir gelesen und behalten hast. :-)

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