Samstag, 1. April 2017

Zwischen-den-Spielen-Schnipsel

Freitag , 17.3.2017
Vor dem Spiel gegen den HSV schaue ich mir das Video der Pressekonferenz an – das heißt: Ich versuche es, es klappt aber nur mit gewissen Einschränkungen. Das Video startet: „Herzlich willkommen zu unserer Pressekonferenz…“,  läuft dann 1 Minute und 25 Sekunden, stoppt, buffert und: Startet wieder von vorne: „Herzlich willkommen zu unserer Pressekonferenz“  Dieses Mal komme ich bis zu Minute 5, weiß dass die Magen-Darm-erkrankten Stendera und Tawatha wieder an Bord sind, ebenso wie Marius  - und bevor ich mir darüber im Klaren bin, wer genau „Marius“ denn nun ist, stoppt das Video wieder, buffert und… hiiilfe… „Herzlich willkommen zu unserer Pressekonferenz“ Auf diese Weise arbeite ich mich mit insgesamt neun Versuchen bis zur 13. Minute vor, weiß, dass Marco Fabian lebensfroh ist und mit dem HSV ein schwerer Gegner auf uns wartet, wir aber die Punkte hier behalten wollen. Dann habe ich keine Lust mehr.

Samstag, 18.3.2017
Das Spiel ist aus. Punkt. Ich brause zornentbrannt durch Regen, Nacht und Wind wieder nach Hause und kann mich gar nicht wieder einkriegen. Mir geht es wie dem Rentner, der früher im F-Block hinter uns stand: „Ich bin gar net zufridde.“  Wie ich dann im Sportstudio erfahre: Niko Kovac schon. Auch Axel Hellmann ist der Auffassung, dass der Punkt Gold wert war. Ich aber habe keine Ahnung, warum ich mich darüber freuen soll, dass wir zum Glück in der Hinrunde so viel Punkte geholt haben, dass uns eine mögliche Tasmanenrückrunde nicht in den Abgrund stürzt.

Sonntag, 19.3.2017
Der Wind stürmt und ich mache einen langen Spaziergang durch die Äcker, ich renne und hopse, stehe mitten im Feld und lasse mich durchpusten.

Chuck Berry ist tot. Hail, Hail, Rock’n Roll. Und ein Lied für die Eintracht hat er auch geschrieben: "Sweet little 118“


Beim SPD-Parteitag wird der Kanzlerkandidat gekürt. Martin Schulz erhält 100 % der Stimmen. Mit-Adler: „Das ist Demokratie. In einer Diktatur hätten sie sich da nie getraut – da wären es maximal 98 %.“   Die Delegierten machen Selfies von sich mit Martin-Pappfigur und rotem Rahmen.

Ich zappe mich durch die letzte Folge von Germanys Next Top Modell. Heidi Klum ist mit der Performance eines der Nachwuchsmodells nicht zufrieden. „Du bist nicht konzentriert. Was geht dir bloß im Kopf rum?“ Antwort: „Nichts.“ Was irgendwie zu erwarten war.

Montag, 20.3.2017

Unserer Lokalzeitung entnehme ich, dass der Wiedehopf, eine vom Aussterben bedrohte Tierart, wieder da und in diesem Frühjahr nach Rheinhessen zurückgekehrt ist. Mehr noch: „Der mit seiner charakteristischen Federhaube sehr auffällige Vogel wurde am 7. März zwischen Mainz und Gau-Algesheim gesichtet.“ Like.

In Norwegen leben die glücklichsten Menschen – vielleicht deshalb, weil sie sich nie nicht über die Eintracht ärgern müssen?

Dienstag, 21.3.2017
In der Länderspielpause soll bei der Eintracht nochmal so richtig rangeklotzt werden, um gut vorbereitet in die letzten Spiele zu gehen. Schade, dass kaum jemand da ist. Immerhin: Marco Fabian verzichtet auf sein Länderspiel. Alex Meier ist krank. Aber das macht ja nix, denn Fredi Bobic blickt weit und bastelt bereits am Kader für die neue Saison. Niko Kovav freut sich über Beistand von oben und gibt ein Autogramm auf eine Bibel  (wer gibt hier wem die höheren Weihen?)  und auch Hasebe ist „ein kluger Kopf mit philosophischem Hintergrund“, weswegen er seine lange Verletztungspause gelassen nimmt. Ommm.

Forscher sind zuversichtlich, dass sie schon bald das erste Foto eines schwarzen Lochs präsentieren können. Mmh. Wo ist das Problem?

Aber vielleicht entdecken sie mit der Spezialkamera dann dort auch die verschwundenen Detari-Millionen?

Mittwoch, 22.3.2017
Mein Mit-Adler beschäftigt sich derzeit mit dem römischen Kaiser Valerian. Ich bin nicht so besonders geschichtskundig und frage mal nach, was es mit ihm so auf sich hat. Ca. 250  nach Christus. 7 Jahre im Amt. Christenverfolgung. Danach verschollen.  Und sonst? „Mmh. Also. Der hat aus Gründen, die man nicht so richtig nachvollziehen kann, Menschen verfolgt. Dabei hat es viele Tote gegeben. Dann war alles wieder vorbei.“ Pause. Nachsatz: „Also alles wie bei fast 95% aller geschichtlichen Ereignisse.“

Donnerstag, 23.3.2017
Ich bin mit dem Auto unterwegs zu einem Besuch im Odenwald. Gestern war es kalt und nass, heute ist die Welt voller Frühling, der Himmel blau, die Sonne scheint. Ich höre Radio und erfahre allerlei mehr oder weniger Wissenswertes.  Was ist der Unterschied zwischen Winter und Sommer? „Im Winter kann man drinnen chillen, im Sommer draußen cruisen.“ Und ich fürchte, das kommt der Wirklichkeit sehr nahe.  Coole Neuerscheinung: Die neue (!) Single von Chuck Berry „Big Boys“   und direkt danach die  Stones: „Let’s spent the night together.“ Momentemol, momentemol – heute IST doch der 23.März 2017, oder? In Kassel ist ein vorgeblich islamischer Verein wegen salafistischer Umtriebe verboten und die entsprechende Moschee geschlossen worden. „Da werden die Salafisten in Nordhessen aber heute Nacht bitterlich in ihre Kopfkissen weinen,“ meint der Moderator und leitet über zu einer Reportage, die sich mit Felix Magath und seiner Trainertätigkeit in China beschäftigt.  Was heißt wohl Medizinball auf Chinesisch? Ich überlege und  dann bin ich da.

Freitag, 24.3.2017
Die Eintracht bestreitet in Alzenau ein Testspiel gegen die Würzburger Kickers und verliert erwartungsgemäß mit  0:1. Testspiele sind nicht wichtig, wobei sich mir nicht recht erschließt, warum sie dann überhaupt stattfinden.

In der Frankfurter Neuen Presse findet sich ein Interview mit dem Eintracht Finanzvorstand Oliver Frankenbach. Demnach steht es wohl irgendwie schon fest, dass das Waldstadion ab dem Jahr 2020 der Eintracht gehören wird.  Gut so. Zusätzliches Geld ist trotzdem nötig, z.B. durch Verkäufe, aber das wird Fredi Bobic schon richtig machen. Wichtiges Zukunftsthema: Digitalisierung. So soll das Customer Relationship Management (= das Handling mit uns) durch entsprechende Systeme weiter verbessert werden. Auch die Internationalisierung kann z.B. durch virtuelle Bandenwerbung besser unterstützt werden.

Virtuelle Bandenwerbung? Das heißt dann wohl: Bei Spielübertragungen - sagen wir mal in Japan oder China – wird dann an den Banden für andere Produkte geworben als in Deutschland. Alternativer Fake ,-)

Auch holographische virtuelle Bilder sind ja längst eine reale Option. Vielleicht kann man dann in naher Zukunft auch die Spielberichte länderspezifisch variieren: Im mexikanischen Fernsehen spielt Fabian, im japanischen (verletzt oder nicht) Hasebe und im chinesischen Meier (weil ihn dann ein potenzieller Investor sieht und kauft) Startformation. Dann ist die Wahrheit nicht nur nicht an der Bande, sondern nicht mal mehr auf dem Platz.

Martin Schulz macht die Hundert nochmal voll und wird einstimmig zum Spitzenkandidaten der SPD in NRW gewählt. Im Online-Shop der SPD kann man jetzt – für 49 Euro 90 - eine Martin Schulz-Pappfigur käuflich erwerben. „Lebensgroßer Pappaufsteller, mit Rückenstütze für den Einsatz im Innenbereich. Durch die Zweiteilung kann der Aufsteller für den Transport einfach zusammengeklappt werden.“ Der Papp-Martin To Go ist ab 3. April lieferbar. 

Samstag, 25.3.2017
Frühling, Sonne, Wind. Frühstücken gehen und dann auf den Mainzer Wochenmarkt, der sich bunt, vielfältig und wunderbar rund um den Dom ausbreitet, aber in den letzten Wochen immer größere Lücken aufzeigt. Ich kaufe Salatpflänzchen fürs Frühbeet und komme ins Gespräch mit einer Marktbeschickerin. Manche Bauern haben altersbedingt aufgehört, erzählt sie,  für andere lohnt es sich nicht mehr.  Die Leute kommen zwar auf den Markt, aber sie kaufen Gemüse und Käse nicht hier, sondern im Bio-Laden, wo der Salat zwar aus Ecuador importiert wird, aber echt Bio ist.  Auf dem Markt hoch im Kurs steht dagegen das Marktfrühstück am Fischtor. Dort gibt es Secco, Wein, Käsewürfel, Fleischwurst, Small Talk. Chillen, sehen und gesehen werden  – schick und schön. Ein älterer Mainzer mischt sich in unser Gespräch. „Forschbar ist des. Die Leut bringe sich schon ihr Wasserkäste zum Spritze mit. Da is kein Durchkomme mehr. Da isses so voll – entschuldische se – da kannste kaan Forz mer lasse.“

Sonntag, 26.3.2017
Im Saarland wird gewählt. Ein Kopf an Kopf-Rennen von CDU und SPD wird erwartet, vielleicht wird es am Ende für rot-rot reichen – dann gewinnt doch die amtierende CDU-Ministerpräsidentin deutlich dazu, die SPD bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Das ist der Schulz-Effekt.

Lässt sich aus dem Wahlergebnis ein Trend für den Bund ableiten? Wenn verloren wird: Nein. Wenn gewonnen wird: Sicher. Das haben Wahlen mit Testspielen gemeinsam. Die SPD-Kandidatin kommt später am Abend zu einer eigenen Einschätzung. 5% Verlust gegenüber der Wahl von vor vier Jahren, aber auch 5% mehr als in den Umfragen vor einigen Monaten. „Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen.“ Auch das habe ich irgendwo schon mal gehört.

Montag, 27.3.2017
In der NZZ berichtet Slavoy Zizek über das „Affirmative Consent Kit“, das ein Kondom, Pfefferminztabletten und einen Vertrag enthält, mit dem zwei Menschen einvernehmlich bestätigen, dass sie einvernehmlich Sex haben. Das kleine Päckchen wird in den USA vertrieben und kostet 2 Dollar. Um ganz sicher zu gehen, wird empfohlen, dass beide „Parteien“, bevor sie zur Tat schreiten, außerdem ein gemeinsames Foto machen, auf dem sie den von beiden unterschriebenen Vertrag in die Kamera halten.

Wie es heißt, ist die Eintracht an einer Rückholung von Pirmin „feiner Kerle“ Schwegler interessiert. Jetzt verstehe ich endlich unsere Transferpolitik: Wir geben die richtig guten Spieler ab und wenn sie sich dann andernorts nicht durchgesetzt haben, holen wir sie wieder zurück, denn dann können wir sie uns leisten.

Dienstag, 28.3.2017
Nachdem in den letzten Wochen an allen Ecken die Götterdämmerung von Alex Meier beklagt und damit seine Demontage gleichzeitig vorangetrieben wurde, nutzt Bruno Hübner jetzt die Vorlage, um klar zu stellen, dass „Alex Meier für uns eine echte Alternative“ wird, wenn er „körperlich ineinem guten Zustand ist und auch mental fit wird.“   Ok. Das war’s dann wohl.

Mittwoch, 29.3.2017
Wimmelbuchwetter: Der Himmel ist blau. Die Sonne scheint. Der Hund ist braun und bellt. Drei kleine Mädchen mit Rollschuhen überqueren die Straße. Die getigerte Katze miaut aus dem Gebüsch. Die Nachbarin gegenüber harkt im Garten. Der kleine Junge schießt einen Ball an das Garagentor. Sein Papa klopft den Putz von einem Mäuerchen. Der Frosch plumpst in den Teich. Die ältere Dame schiebt einen Rollstuhl, in dem eine sehr alte Dame sitzt, die auf dem Schoß ihre Handtasche festhält. Der Junge mit dem blauen Kapuzenshirt fährt freihändig auf seinem Rad. Nachbarkater Sam rennt eilig über den Weg. Ich blinzle in die Sonne.

Donnerstag, 30.3.2017
Donald Trump erlässt ein Dekret, mit dem er ein Dekret von Barack Obama widerruft, das noch nicht umgesetzt wurde. Interessenverbände kündigen an, gegen die Schäden zu klagen, die durch die Verschlechterung der Bedingungen entstehen, die bisher noch gar nicht verbessert wurden. Hä? 

Exakt – also EXAKT - den gleichen Bericht, den ich zu diesem Thema am Donnerstagabend in der Tagesschau sehe, habe ich am Abend vorher bereits im Nachtmagazin gesehen. Doppel-Hä!

Zum ersten Mal in diesem Jahr: Abends wieder lange draußen sitzen. Zum Abschluss des Tages noch eine WhatsApp aus der Ferne: Das verloren gegangene Katerle Max ist nach zwei Wochen mager und hungrig, aber glücklich wieder zuhause eingetroffen. Die Frühlingssterne glitzern.

Samstag, 1. 4. 2017

Kommentare:

  1. Kid Groupie sagt bisweilen, dass jemand "stinkt wie ein Wiedehopf". Ob ich mich da jetzt freuen soll, wenn der jetzt wieder gesichtet wird? ;-)

    Im Schwarzen Loch wird man die Detari-Millionen nicht finden. Die sind nämlich nicht versteckt, sondern verprasst. Alte Frankfurter Schule, sozusagen. :-)

    Das Waldstadion würde ich geschenkt nehmen, aber das vor mehr als zehn Jahren errichtete Bauwerk nicht kaufen: Das Müngersdorfer Stadion hat keine 30 Jahre gestanden ... Die Eintracht will das Ding betreiben, wenn ich es richtig verstanden habe. Und anstelle von Lagadère vermarkten, wenn die nicht die Kosten senken und mehr ranschaffen. Oder so. Weil es ist ja kein Geld da. Die 12 Millionen TV-Gelder mehr reichen ja in der nächsten Saison gerade mal für eine schwarze Null.

    Wann es wiedermal für ein Tor oder gar einen Sieg reicht, werden wir sehen. Das, was da gestern gut gelaunt verblasen wurde, macht ein mental mieser Meier vor dem gemeinsamen Frühstück rein. Wenn er gesund und fit ist. Ist er leider nicht (mehr).

    Bobic erzählt derweil von „nicht einmal ansatzweise“ veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, doch sein für Finanzen zuständiger Vorstandskollege muss daraufhin einräumen, dass das „nicht ganz stimmt“. Da bleibt Frankenbach nur die Vermutung, dass der Kollege „vielleicht den einen oder anderen im Umfeld da auch etwas wachrütteln wollte.“ Während Sportdirektor Hübner sich wünsche würde, dass jemand aus dem dermaßen wachgerüttelten Wirtschaftsumfeld in Frankfurt sagt: „Ich fühle mein Geld bei der Eintracht gut aufgehoben, sie haben in den vergangenen Jahren mit bescheidenen Mitteln viel erreicht. Jetzt will ich ihnen helfen, es macht viel Spaß mit der Eintracht, jetzt will ich was zurückgeben.“ Mir macht die Eintracht nicht ganz so viel Spaß, wie es Hübner gerne hätte, doch ich habe auch die Kohle nicht, von der sie bei der Eintracht weiter träumen wie von dem, der ihnen diese Kohle in den Schoß legt. Was ja eine gewisse Tradition hat. Auch im Umfeld. Wegen Skyline und so. Oder so.

    Spaß hatte ich beim Lesen deines Blogeintrags! Der ist klasse.

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  2. Vielen Dank für deine Anmerkungen, lieber Kid. Ehrlich gesagt, würde ich in die Eintracht in heutiger Zeit nicht investieren, auch wenn ich das Geld hätte. Dazu ist sie mir (trotz und alledem) viel zu wichtig. Wer heute in Fußball investiert, investiert in ein Unternehmen und nicht in den Sport und schon gar nicht in die Seele eines Vereins. Ganz abgesehen davon, gefällt mir das Konzept - oder soll ich sagen: der Marketingplan - der derzeitigen Führungsmannschaft nicht. Dann vielleicht doch lieber einfach verprassen? :)

    Die von dir hier zusammengefasste Rechnung, bei der oben die Millionen stehen und unten die schwarze Null herauskommt, finde ich wie du äußerst befremdlich. Klingt als sei die schwarze Null dem schwarzen Loch gar nicht mal so unähnlich.

    Mein Mit-Adler nutzt den Wiedehopf-Vergleich eher visuell: "Frisur wie ein Wiedehopf." Keine Ahnung, wen z.B. er damit meinen könnte. Ich halte jedenfalls Ausschau, ob ich ihn (den Hopf) hier im Garten sichte (Selzen liegt ja irgendwie irgendwo ebenfalls zwischen Gau-Algesheim und Mainz. Ab sofort achte ich nicht nur auf Püschel auf dem Kopf, sondern auch auf strenge Gerüche.

    PS: So viele Schnipsel und doch so vieles, das ich unterbringen wollte und danm doch vergessen habr. Die rotundschwarze Wand. Charly Körbels Gehirn. Und - am wichtigsten: Wolfgang Solz, der gestern vor dem Spiel gewürdigt wurde.

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