Sonntag, 8. Januar 2017

Winter-Schnipsel

Das neue Jahr beginnt ohne Schnee, aber mit Minustemperaturen. Beim Neujahrsspaziergang glitzert die Welt und das rheinhessische Hinterland sieht aus wie ein Zauberwald. Dicker Reif überzieht Bäume und Büsche und malt bizarre, geheimnisvolle Formen.

Vor vier Jahren um die Weihnachtszeit ist uns unser Kater Jensbär zugelaufen und bei uns eingezogen, es war kalt und es lag Schnee. Jetzt haben wir wieder einen Besuchskater, von dem wir noch nicht wissen, ob er ein Zuhause hat. Er sieht gepflegt und gut genährt aus, kommt nicht immer, aber immer öfter und scheint ein Kumpel von Jensbär zu sein. Er frisst ein wenig, ruht sich ein bisschen aus und dann geht er wieder. Wir haben ihm schon mal einen Namen gegeben: Besuka.

Am zweiten Wochenende des Jahres legt der Winter noch einmal zu. Minus sieben Grad ist ganz schön kalt. Wir trauen uns am Samstag trotzdem zum Einkaufen in die Stadt. Der Markt auf dem Domplatz ist fast leergefegt, die Marktstände verschwinden unter Zeltplanen, aus denen die Heizöfen dampfen.

Sobald Silvester vorbei ist, beginnt in Mainz die – in diesem Jahr sehr lange – Fastnachtskampagne. Zuuugblaggetscher. Zuuugblaggetscher. Aus dem Lautsprecherwagen schallt Margit Sponheimer: Gell, du hast mich gelle gern. Um die Ecke kommt eine kleine Gruppe Kostümierter -  ach, das sind ja gar keine Fastnachter, sondern mehrere Mannschaften von Heiligen Drei Königen, die sich hier versammeln. Unter ihren Pappmaché-Kronen tragen sie: Mützen. Black Facing ist out – kein Balthasar nirgends, stattdessen weht der Wind die eine oder andere Krone vom Kopf.

Vor C und A sitzen zwei Jungs auf Decken, zwischen sich einen Gettoblaster, aus dem laute Musik (nicht Margit Sponheimer!) schallt, vor sich vier Pappbecher, vor denen jeweils ein Schild steht. Die Beschriftung von links nach rechts: Reisen – Gras – Zimmer – Bier. Wo darf ich meine 2 Euro einwerfen? „Zimmer, das ist im Moment am wichtigsten.“

Alle, wirklich alle Menschen tragen heute Mütze, auch mein Mützen-resistenter Mit-Adler lässt sich überzeugen und trägt das schwarze Rapper-Keppi, das ich ihm zu Weihnachten untergemogelt habe. Bei Männern besonders im Trend: Einfarbige, schlichte Wollmützen, die tief in die Stirn gezogen werden, alternativ wird die Kapuze eines Kapuzenshirts hochgezogen.  Warm geht vor schön. Frauen wollen beides. Sie tragen bunt mit Püschel.* Ebenfalls gern genommen: Voluminöse Parka-Kapuzen mit Fell, dazu üppige Schals, mehrfach um den Hals gewunden. Unter die Kategorie „originell“ fallen Mützen mit Ohrenklappen, die es als Modell „Trapper“ in Tarnfarben oder bunt geringelt gibt, dann auch gerne mit zusätzlichem Zopf am Hinterkopf.

Eine Frau steht mit ihrem kleinen, dünnen Pinscher an der Ampel. Der Hund hat einen einfarbigen Pullover in seiner Fellfarbe. an. Und: Auch er trägt Mütze - mit neckischen Ausstülpungen für die Ohren. 

Folgender Dialog zwischen meinem Mit-Adler und mir.

Mit-Adler: Dann treffen wir uns in einer Stunde vor der Postbank.
Ich (geistesabwesend): Ok.
Mit-Adler: Weißt du, wo die Postbank ist?
Ich: Nein.

Merke: Es kann nicht schaden, wenn man genau hinschaut und –hört. Auch im Winter.

*Troddeln und Püschel selber machen – wie war das noch gleich…?  Zwei runde Schablonen aus Pappe ausschneiden und aufeinanderlegen, Loch in die Mitte schneiden, von Innen nach Außen kreisförmig dicht mit Wolle umwickeln, längs des äußeren Randes der Kreisschablone die Wollfäden aufschneiden, die jetzt offenen Fäden mit einem Faden um Mittelpunkt herum fest zusammenschnüren, Pappschablonen herausziehen und Püschel zurechtstutzen bis er die gewünschte Größe und Dichte hat.  Muss ich nachher gleich mal ausprobieren – rotundschwarze Wolle werde ich sicher noch irgendwo haben.

Kommentare:

  1. Klasse, da bin ich mit meiner uralten Bretagne-Strickmütz marineblau ja unversehens mitten in den Mainstream reingeschlittert. Die hat bei bis zu minus 20 hierzulande zur Grundausstattung gehört. Zumal im Dunstkreis der alemannischen Fastnet die wärmenden Stimmen von Maggit und Ernst Neescher fehlen. Nicht nur die: es fehlt alles, keine Fastnacht, nirgends. Das kommt erst ganz punktuell Ende Februar.
    Danke fürs schöne Wintergeschnitzelte. Bassd bloß uff, eines schönen Tages sitzt der neue Kater Besuka mit vier Pappbechern vor sich im Garten: "Mäuse", "Miezen", "Kissenlager" und nochmal "Miezen".

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  2. Man muss es Sach nur lang genug aufheben, dann wird es wieder modern. Hat meine Oma immer gesagt. So ist es mit der blauen Wollmütze, so mit den Blümelkleidchen meiner Oma, die ich jahrelang gegenläufig als Sommerkleider getragen habe und die jetzt - aufgepeppt mit Hut:) - vintagemäßig wieder top angesagt sind.

    Es is wie überall im Leben: Durchhalten. (Und für alle Fälle Pappbecher bereithalten).

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