Sonntag, 4. Dezember 2016

Fünfter

Zehn Minuten vor Anpfiff des Spiels der Eintracht in Augsburg ruft ein Adler-Freund bei mir an und berichtet völlig aufgelöst vom vielleicht letzten Cure-Konzert in London. Der Vater von Robert Smith war da, und es war wohl das letzte Konzert ever und sie haben jetzt doch noch "Killing an Arab" gespielt und... Ja, hey, Mensch, großartig, wirklich total interessant,  echt, aber jetzt erst mal: "Eintracht!" Da sind wir uns einig.

Also schnell ab vor den Fernseher. "Lala lalalalala, Lala lalalalala..." singen die Augsburger  und sollten sich damit vielleicht mal beim Stadionhymnen-Contest bewerben. Wir spielen in Gelb. Ein kleiner Junge zappelt an der Hand des Schiedsrichters und überreicht Alex Meier als Gastgeschenk eine Augsburger Puppenkisten-Marionette, aber leider kann ich nicht erkennen, um was für eine Figur es sich handelt. Hasebe spielt in der Dreier-Abwehrreihe so etwas wie einen Libero und im Strafraum der Eintracht sitzt eine Taube. "Hradecky spricht mit ihr," vermeldet Fritz von Thurn und Taxis und da macht es auch nichts, dass er im weiteren Spielverlauf schon mal Meier mit Vallejo oder Dominik  mit Daniel verwechselt.

Die Eintracht beginnt wie die Feuerwehr, präzise und straight. Nach zehn Minuten frage ich mich, ob die Augsburger überhaupt schon mal am Ball waren und da fällt auch schon unser Tor. "Rrrrrrrrrrrgotta" ist der Torschütze und wenn wir weiter so und die Augsburger weiterhin nicht mitspielen, fahren wir mit einem 4:0 nach Hause. Europapokal, singt die Kurve. Und ich whatsappe eine Liedzeile, in der der Name "Erik Zabel" vorkommt.

"Wer nicht im Stadion sein kann, der schaut zu Hause Sky und nutzt viele interessante Details, wie z.B. die Fernbedienung."  Das ist gut zu wissen und: Nein, mit dieser Äußerung will Fritz von Thurn und Taxis uns nicht dazu auffordern, jetzt doch wirklich endlich den Ton abzudrehen, sondern er möchte uns auf tolle Sky-Weihnachtsgeschenke in Vereinsfarben aufmerksam machen.  Auf dem Platz ist unterdessen David Abrahahm "fachlich-sachlich" unterwegs, Omar Mascarell trägt Pferdeschwanz und Valle - chchch - o erhält für ein Stürmerfoul von Baier eine gelbe Karte. Tzz.

Von unserer Dominanz aus dem ersten 20 Minuten ist jetzt nichts mehr zu sehen und die Augsburger kommen immer stärker ins Spiel. Fast mit Ansage fällt nach einer Ecke der Ausgleich durch Ji, der vollkommen frei im Rückraum steht und unbedrängt aus 20 Metern einschießt. "Er kann es ja vorne drin, wenn er die Möglichkeit hat."  So ist das wohl und das Spiel wird immer intensiver. "Die bayerischen Schwaben leben wieder."  Martin Hinteregger, der Österreicher, spielt nach seinem Wadenbeinbruch heute mit einer Gesichtsmaske. Sorry, Nasenbeinbruch, das hatte ich jetzt gerade falsch verstanden. Wildes Getümmel vor unserem Tor und das kann doch nicht wahr sein, jetzt bekommen die Augsburger auch noch einen Elfmeter. Nein, doch nicht. Uff.

"Die tipico Halbzeitanalyse wird gestaltet von unserem Reporter Jan." Pause, Papierrascheln. "Henkel."  Ich überlege, ob ich mir schnell noch anschaue, welche supertollen Preise die "Damen und Herren" für den Sky-Adventskalender organisiert haben, z. B. einen 54 Zoll HD-Screen und eine weite Reise nach Amerika. Stattdessen koche ich einen Pausentee und schmiere Salamibrote. Im Halbzeitinterview lerne ich Artur Finnbogason, den Isländer, kennen, der "mit seiner großen schwarzen Brille" aussieht  "wie ein Student", und freue mich über das Wiedersehen mit Armin Reutershahn, den man vor lauter Niko Kovac manchmal fast vergisst.

"Das darf einer Klassemannschaft nicht passieren, dass der Südkoreaner so einen Ball aufs Tor bringt, ist aber auch Qualität,"  fasst Fritz von Thurn und Taxis zum Einstieg in die zweite noch einmal die Ereignisse der ersten Hälfte zusammen und ich vertraue darauf, dass wir wie gewohnt in der zweiten Halbzeit noch einmal richtig nachlegen werden, aber das gelingt uns heute leider nicht. Die Schwaben, die bayerischen, bleiben am Drücker, uns unterlaufen zu viele Fehler und Ji (Südkoreaner) erzielt einen zweiten Treffer. Abseits. Daniel Baier grinst und kaut dekorativ auf seinem Kaugummi und allmählich wird mir ein wenig unbehaglich. Keine Taube mehr in unserem Strafraum, nirgends. Stattdessen "viel in der Luft unterwegs", unser Keeper, der finnische.  Kein Klassespiel, aber ein munterer Schlagabtausch mit vielen Zweikämpfen. Hier in Augsburg "darfst du halt kein Speck-Tackel erwarten, aber das sind die Zuschauer auch gewohnt."

Nach zwanzig Minuten wird das Spiel allmählich wieder ausgeglichener. Wir können zwar keine Dominanz mehr aufbauen, aber wir halten dagegen, das Spiel ist vollkommen offen. Wunderschöne Angriffskombination im Strafraum der Augsburger, der Ball kommt zu Meier, der fast auf Höhe Torlinie links steht, den Ball sauber erwischt und: "Sehr elegant gelöst vom Phänomen", aber auf der Linie steht "Stefanidis, der Grieche", der "hinten der beste" ist und sich "bei Schuster festgespielt hat".

Tja: "Gute Arbeit lohnt sich", aber auch wenn Niko Kovac "täglich bis zu drei Stunden" Spielzüge erklärt, reicht das allein eben auch nicht und muss auf dem Platz immer noch Glück dazu kommen. "Und das hatten sie in den letzten Spielen, die Hessen." Also: Wir.

Immer wieder kommen die Augsburger gefährlich vor unser Tor, Halil Altintop macht ein richtig gutes Spiel und allmählich wäre ich mit dem einen Punkt sehr zufrieden. Rrrrrrrgotttta geht, für ihn kommt Aymen Barkok, schließlich  für Hustzi auch noch Haris Seferovic, der "sich eigentlich in der Stammformation sieht", aber weil's so gut läuft, "auch gerne von der Bank aus hilft".

"Peripheres Sehen wird im Profifußball immer wichtiger." Wohl nicht deshalb wird auch Stefanidis, der Grieche,  kurz vor Schluss noch ausgewechselt, nein, es ist Daniel Baier. Auf jeden Fall kommt stattdessen für ihn Kacar.

Dann ist das Spiel aus. Dirk Schuster und Niko Kovac reichen sich bereits Sekunden vorher die Hände und erwarten den Abpfiff Arm in Arm. "Wenn man ein Spiel nicht gewinnen kann, dann darf man es zumindest nicht verlieren", sagt Niko Kovac.

Genau. Fünfter. "À la longue": Alles gut.

Kommentare:

  1. Lucas der Taubenflüsterer. Wäre doch ein Titel für die Puppenkiste.

    Auf eine merkwürdige Weise mag ich ja den Fritzvon. Und noch seltsamer: das Unentschieden ist okay, hab ich erwartet, eben: wer nicht gewinnt, verliert anständigerweise auch nicht. Konfuzius. Oder Kovac.

    Und gegen die Schmerzen höre ich Mendelssohn/Celebidaches Mittwinternachtstraum. Oder so ähnlich. https://www.youtube.com/watch?v=iTBAzCNjtjA




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  2. Und ein aus Holz geschnitzte Lukas (oder Alex oder Niko) wäre auch ein ziemlich feines Puppenkisten-Geschenk. Ob ich soweit gehen würde Herrn von Thurn und Taxis zu mögen, weiß ich nicht. Sein Unterhaltungselektronik ist jedenfalls hoch, zumal er nicht zu wissen scheint, dass er landauf landab für Erheiterung sorgt und selbst absolut beinhart humorfrei zu sein scheint.

    Schmerzen??? Ich hoffe wirklich sehr, dass es dir gut geht!!

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  3. Dankedanke, Kerstin. Rückenschmerzen, Hexenschuss. Hatte im Frühjahr eine Truhe aus tropischem Holz erworben (fast hundert Jahre alt, daher völlig legal) und hier hochgeschleppt. Völlig legal? Höheres Wesen vulgo Hex sagt: nö, und schießt. Seitdem Aua. Aber ich gebe hiermit zu Protokoll: Hex, wir wissen wo dein Besen steht.
    Schöne Adventszeit noch, freu mich immer, wenns hier was zu lesen gibt. Noch dazu in solchen Zeiten der Frohen Locken (Buch Mascarell) vulgo Frohlockens.
    Gruß, auch an den keltischen Mit-Adler - Matthias

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    1. Und ich freu mich immer, wenn ich dich hier treffe und du einen Kommentar da lässt. Hoffe, dass du die Schmerzen bald hinter dir und jede Menge Grund zum Frohlocken vor dir hast - z.B. über die vier bis sechs Punkte, die wir vor Weihnachten noch holen. Trotz gestrigen Zwischentiefs gehe ich fest davon aus, dass wir in diesem Jahr kein Spiel mehr verlieren.

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    2. Hallo Matthias, ich wünsche ebenfalls gute Besserung und empfehle den Besuch bei einem Osteopathen.

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    3. Danke euch, Kerstin und Rüdiger. Bin zur Zeit bei einem Physiotherapeuten mit gutem Ruf, nicht zuletzt auch nahbei. Es lässt sich ganz gut an, schnellen Erfolg erwarte ich da ohnehin nicht. Der Osteopath ist auf jeden Fall mal notiert, meinem Sohn konnte auf die Weise schon einmal überzeugend geholfen werden. Euch auch alles Gute!

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  4. Gegen die Augenschmerzen von gestern abend hilft eigentlich nur das War Requiem von Britten. Scheinbar geht den Jungs langsam die Luft aus gegen Ende der Hinrunde,sodass sie noch mehr Fouls begehen als sonst und das Gejammer danach erinnert mich an dunkle Zeiten der letzten Vorrunde.

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    1. Ja, ein bisschen weniger "Krieger", dafür mehr FußBall wären nicht schlecht gewesen. Ok, solche Spiele gibt es. Das erste Spiel in diesem Jahr, an dem ich nicht freudig, sondern kopfschüttelnd und schulterzuckend aus dem Stadion gegangen bin. Merkwürdig war, dass dieses Gewürge, Geschiebe und Getrete so ohne Not über die Bühne ging. Der Kampf hat sich nicht aus dem Spiel heraus ergeben oder als nötig erwiesen, sondern jeder ist jedem von Beginn an auf den Schlappen getreten, hat sich in den Gegner gedreht, den Gegner auflaufen oder ein Bein stehen lassen. Fast als hätte jeder versucht, möglichst viele Varianten vorzuführen, um den Gegenspieler über die Klinge springen zu lassen. Ein Spiel konnte so gar nicht aufkommen.

      Die Hoffenheimer waren aus meiner Sicht fallfreudiger als wir, und der Herr Schiedsrichter war nur in der Hinsicht konsequent, dass er konsequent falsch gepfiffen hat. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Abraham-Szene habe ich im Stadion nicht gesehen, aber natürlich danach. Wie strange - ausgerechnet Abraham, das passt so gar nicht. Wohingegen - bei aller fußballerischen Qualität - Fabians Art seinen Gegenspieler permanent zu piesaken, mir anfängt, gegen den Strich zu gehen.

      Unglaublich wie viel Meier läuft und schade, dass er Pech mit seinen Schüssen hatte. Hasebe war aus meiner Sicht gestern unser Bester. Und was für ein erstaunlicher Kurzauftritt von Ante Rebic.

      Ob sie müde werden? Glaube ich irgendwie nicht. Ob wir uns bald wieder auf Normalmaß bewegen oder anfangen uns gegenseitig zu zerfleischen? Aus verschiedenen Kommentaren im Netz kann man unterschwellig heraushören, dass Niko Kovac mehr Feinde - oder sagen wir: Kritiker - hat, als nach dem Jubel um die Vertragsverlängerung zu vermuten wäre. Die ersten Vorboten einer Kovac-Diskussion wären, finde ich, genauso ohne Not wie die Foulerei gestern. Möglicherweise aber auch genauso absichtsvoll.

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    2. An Kovac als Trainer habe ich wenig auszusetzen, einen Vertrag über zwei weitere Jahre hätte ich ihm dennoch nicht gegeben. Aus Erfahrung. Weder Skibbe noch Schaaf oder zuletzt Veh haben das Ende einer solchen Laufzeit bei uns auf der Bank erlebt. Kovac wäre dann über drei Jahre bei der Eintracht. So lange sind aktuell in der 1. Liga nur Streich und Stöger im Amt. Kurz: Das wird teuer. Entweder für die Eintracht oder im besseren Fall für den Klub, der Kovac aus seinem Kontrakt heraus kaufen will.

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  5. Dein Einwand ist nicht von der Hand zu weisen, Kid. Doch die Kovac Brothers plus weiteres Trainerteam plus Bobic machen auf mich einen recht stabilen Eindruck. Den ersten Knackpunkt haben sie bravourös gemeistert: die Umstellung von Rettungsmodus auf Aufbaumodus. In dieser Spielzeit wurden permanent Verbesserungen erzielt, was die einzelnen Spieler, aber v.a. auch, was das Spiel der Mannschaft insgesamt betrifft. Von der kompakten und zugleich flexiblen Ausrichtung auf dem Platz bis hin zur Integration einer Großzahl von Spielern, die zum Einsatz kommen, und so schlüssigen wie erfolgreichen Wechseln. Das sieht für mich doch eher nach langem Atem und ziemlich viel Plan aus. Insofern glaube ich für den Fall einer vorzeitigen Trennung an Deine "oder" Option. Klar, wisse tut mers net.

    Was einen anderen Punkt anbelangt, die immer mal wieder unterstellte überharte Spielweise der Eintracht. Okay, die SGE ziert das Ende der Fairnesstabelle, nicht zuletzt dank einiger unüberlegter, aber keineswegs brutaler Aktionen von Hector, der v.a. anfangs offensichtliche Probleme bei der Feinjustierung seiner Spielweise auf BuLi-Usus hatte.

    Ansonsten aber kann ich im Spiel der Eintracht keine Züge einer Tretertruppe erkennen. Man spielt konsequent und eng am Mann, unvermeidlich kommt es da auch zu ahndenswürdigen Aktionen (das zuweilen körperlose Spiel aus der Zeit davor, das zu weit Wegstehen vom Gegenspieler wurde ja zurecht als eine der Hauptursachen der vergangenen Malaise erkannt). Bei allem Engagement, bei aller Leidenschaft überwiegen aber, wie ich finde, die spielerischen Qualitäten.

    Der Kick gegen H'heim geriet m.E. gelegentlich etwas aus den Fugen, weil die Hoppels und da namentlich Wagner permanent provoziert haben. In der Folge kam es dann auch zu der Aktion von Abraham, über die man nicht zu diskutieren braucht. Die schwache weil inkonsequente Schiedsrichterleistung hat all das noch zusätzlich befeuert. Das war bislang aber eine Ausnahmeerscheinung.

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    1. Alles richtig, was du im ersten Absatz schreibst. Und die Eintracht ist keine "Tretertruppe". Anderseits darf man sich nicht wundern, wenn man auf in der von dir angesprochenen Fairplay-Tabelle Schlusslicht ist und in 16 Pflichtspielen auf 5 Platzverweise kommt, dass die Gegner auf dumme Gedanken kommen und Absicht oder gar Methode vermuten. Ich kann das übrigens verstehen, zumal der "kicker" im Spiel gegen den SC Freiburg zwei Platzverweise gegen die Eintracht gesehen hat, die nicht verhängt wurden. Wie man das alles dann nennt, nennen kann oder darf, dazu lasse ich mich im Internet nicht aus. Das ist mir zu anstregend und kostet zu viel Zeit. Und mir ist im Netz und auch vor Ort viel zu viel Vereinsbrille dabei. Hüben wie drüben. Und die Spieler fabulieren vorneweg. Ist ja fast wie früher im Sandkasten. Der eine ruft, der hat mich gehauen, und der andere schreit, der hat mich aber vorher geärgert. Wer's braucht ... Ich werde zu alt für den Kinderkram.

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    2. Wenn Älterwerden irgendwas Positives hat, mein Lieber, dann die Autorität für den Spruch: "Wir dürfen das" : - )

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