Sonntag, 20. November 2016

Honigkuchenpferd (schwarzundweiß)

Vor  einigen Jahren habe ich mal drei Tage als Standbesetzung auf einer Messe in München verbracht. Am Stand gegenüber war tägliches Entertainment-Programm angesagt und immer um 11, um 13 und um 15 Uhr hatte Deutschlands schlechtester Bauchredner seinen Auftritt. „Hey, Sie, Ihre Zähne sehen ja aus wie ein Piano?“ ließ er seine Puppe sagen. „??“ „Schwarz, weiß, schwarz, weiß.“ Und  „Heeey, Sie erinnern mich an ein Atomkraftwerk… -  sie strahlen so.“ Ha, ha!

Auch wenn Niko Kovac bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Werder einen ähnlichen Vergleich gewählt hat, ist nicht zu vermuten, dass er diesen Bauchredner kennt.  Richtig ist: Die Eintracht strahlt  - zwar nicht wie ein Reaktor, sondern aus allen Knopflöchern und wie ein Honigkuchenpferd. Und die Ähnlichkeit mit einem Piano ist auch ohne Zähne und sowieso unverkennbar.

Ganz klar: Wenn es in der aktuellen Mannschaft der Eintracht einen Star gibt, dann heißt er Niko Kovac (ob er das nun will oder nicht).  Fan-Fotos mit Spielern haben im Moment in Facebook eher Seltenheitswert (liegt wahrscheinlich auch an der mangelnden Gelegenheit ein Foto zu machen), Fotos mit  unserem Trainer  sieht man dagegen relativ oft. Am Flughafen, irgendwo in Frankfurt, am Bus. Niko strahlt. Niko ist souverän. Niko hat einen Plan. Niko ist authentisch. Niko schätzt Disziplin, hat trotzdem seinen Spaß und: Niko weiß Bescheid. Alles ist besser geworden bei der Eintracht. Und das Beste daran: Es ist tatsächlich so.  

Ob eine Stunde im Matsch (wie vor dem Spiel gegen Köln), ob in Hitze oder Kälte, ob gegen Bayern oder Köln – das Spiel, das wir im Stadion (oder vor dem TV) zu sehen bekommen, macht alles wett. Es ist Fußball, es macht Spaß, dieser Mannschaft zuzuschauen.  Keine Spur mehr von Lethargie oder Apathie ("najasoisseshaltwaswillmermache"). Die Aufregung vor dem Spiel ist jetzt keine Angst mehr, sondern Neugier und Vorfreude und auch sonst hat vieles ein neues Gesicht. Dinge, über die wir uns vor – sagen wir – einem Jahr noch aufgeregt hätten, sind heute keine Diskussion mehr wert. Das Training ist nicht mehr öffentlich,  der Trainerstab ist groß,  die Mannschaft zusammengekauft, Eigengewächse in der Mannschaft gibt es nicht, Alex Meier spielt oder er spielt eben nicht und unser Blick geht in Richtung China. „Ei, was ist denn bei euch los?“ Auch diese wohlbekannte Frage befreundeter Fußballfans (Gladbacher, 05er, Kölner, Bremer) hat jetzt eine neue Bedeutung und erfordert neue Antworten. Statt mit betretener Miene ratlos mit den Schultern zu zucken, lächeln wir wissend. „Ei, der Kovac…“ Die Eintracht ist nicht mehr chaotisch, bedauernswert oder zementen: Sie ist professionell und wenn das der Wahrheitsfindung bzw. dem Spiel auf dem Platz dient soll es uns recht sein (chaotisch sind wir selber).

 „Ich lebe nicht in der Vergangenheit, ich lebe in der Gegenwart bzw. sehe die Zukunft vor mir,“ sagt Niko Kovac.  Richtig ist, dass durch den Glanz der Gegenwart auch die Vergangenheit wieder stärker ins Bewusstsein rückt und uns wieder ein bisschen mehr gehört. DFB-Pokalsiege. Jörg Berger. Uwe Bein. Charly Körbel. Fußball 2000. Ralf Falkenmeyer. Dietrich Weise. Alfred Pfaff. Jürgen Grabowski. Lautern. Reutlingen. Glasgow. UEFA-Cup. Meisterschale. Sogar die Namen Friedhelm Funkel und Caio kann man jetzt wieder unfallfrei in eine Gesprächsrunde werfen.

Waren wir eben noch unverbesserliche Romantiker, Nostalgiker, Rückwärtsgewandte, die nicht begreifen wollten, dass die ruhmreichen Zeiten endgültig vorbei sind,  darf man jetzt wieder selbstbewusst auf vergangene Erfolge rekurrieren.  Die Vergangenheit hat wieder einen Platz, sie ist uns sozusagen näher gerückt. Die vielen dunklen Punkte der letzten Jahre waren – wie die Relegation im vergangenen Jahr – eine Etappe auf dem Weg in die Zukunft. Vielleicht notwendig, um uns nach vorn zu bringen. Sagt Niko Kovac. Und auch das wollen wir sehr gerne glauben.

Heute also bei Werder. Mit grüner Wand, Gnabry  und wohl auch mit Claudio Pizarro (mit und gegen den Niko Kovac noch höchstpersönlich gespielt hat) und ich halte den Tipp aufrecht, den ich seit Wochen bei jedem Spiel abgebe: Heute verlieren wir nicht.

Kommentare:

  1. Zeit ist relativ, wie wir durch Einstein wissen. À propos Stein: die Eintracht ist natürlich kein Piano. Sie ist ein (und hat) Flügel. Steinway mindestens.

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  2. Logisch. Flügel. Hauptsache schwarzundweiß.

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  3. Und ich korrigiere mich: eigengewächse/Nachwuchstalent: Doch. Haben wir.

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    1. Haben wir. Und eines hat heute sogar den Siegtreffer geschossen. Mit einem tollen Treffer. Wiedwalds Weitschussschwäche spielte da keine Rolle.

      Niko Kovac hat die richtigen Schlüsse aus der ersten Halbzeit gezogen und bei den Einwechslungen zudem ein glückliches Händchen gehabt. Ein Glück, das allerdings nicht dem Zufall entspringt, sondern dass sie sich erarbeitet haben.

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    2. Ich weiß, wie viel Arbeit und Akribie unser Trainerteam in die Spielvorbereitung steckt. Trotzdem ist es immer wieder verblüffend, wie genau Niko Kovac, seine Mannschaft und die Spielsituation einschätzen kann, wie er sieht, wo er ansetzen muss. Diese Einwechslungen - fast traumwandlerisch. Es ist ja kein Einzelfall - ja, er macht auch Fehler, ja (z.B. in der letzten Saison in Bremen) - aber er macht sie kein zweites Mal. Nicht nur die Mannschaft, auch Kovac lernt von Spiel zu Spiel. Ich bin jedes Mal nach Anpfiff verblüfft wie straight und konsequent wir spielen. Das sind tatsächlich wir, die da so auftreten. Kraftvoll, ballsicher. Wie jeder einzelne auf dem Platz vor Energie strotzt. Das ist unfassbar. Und dann gestern noch diese Spieldramaturgie. Erst Alex. Und dann tatsächlich dieser frisch ins Team geholte Youngster. In seinem ersten Spiel in der Bundesliga. Und was für ein Tor. Es war ein ellenlanger Zeitlupenmoment. Da war ja vorher diese wilde Straufraumszene. Dann schien sie geklärt und als Kruse den Ball verlor dachte ich: Das sind genau die Nachlässigkeiten, die spielentscheidend sein können. Und als der Ball zu Barkok kam blieb die Uhr einen Moment stehen. Was macht er denn da? Legt ihn sich rüber, er wird doch nicht, er wird. Zieht ab. Stille. Drin. Tatsächlich, der Ball ist drin. Wilder Tanz um den Tisch. Das. gibt. es. nicht. DOCH!

      PS: Es wird wirklich Zeit, dass ich - wenn ich schon große Töne über unseren Trainer schwinge - wenigstens auch seinen Namen richtig schreibe, das ist das mindeste. Niko. Niko. Niko. (Als ich den Eintrag geschrieben habe, war das sozusagen eine doppelte Schraube - ich dachte: Denk dran, du schreibst ihn immer falsch mit k und habe mich dementsprechend dann für das c rückentschieden. Jetzt ist es wieder korrigiert. DANKE!

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