Samstag, 14. Mai 2016

5 von 5: Bremen

Heute also. Viertes Endspiel in Bremen.  Das Wetter ist ebenso wild wie mein Herz schlägt. Wind. Sonne. Regengüsse. Gestern Abend bin ich bei Blitz, Donner und knöchelhohem Kübelregen in Höhe Flughafen über die Autobahn geschlittert und in Richtung eines rotundschwarz glühenden Himmels gefahren. Normalerweise ist es bei mir  so, dass – egal in welcher Lage sich die Eintracht gerade befindet – vor einem Spieltag meine Zuversicht steigt. Normalerweise. In dieser Woche werde ich von Tag zu Tag ängstlicher. Kämpferisch, bereit es mit allem aufzunehmen, hoffnungsvoll – ja! Aber ich will mich nicht von Zuversicht einlullen lassen. Aufpassen. Wach bleiben. Nichts für sicher nehmen. Hochkonzentriert sein. Sich nicht auf irgendwas oder irgendwen verlassen. Selbst durchziehen. Den Klassenerhalt mit eigener Hand bzw. eigenem Kopf und Fuß klar machen.

Schreckliche Visionen  von einem unglücklichen Spielverlauf in Bremen und Last-Minute-Toren in Wolfsburg treiben mir den Schweiß auf die Stirn. Hilfe, Hilfe. Was, wenn es – sagen wir 3:2 – hinten liegen, auf den Ausgleich drängen, Pizarro aus unübersichtlicher Situation schnell hintereinander zwei Tore macht  und es in Wolfsburg fünf Minuten vor Schluss 0:1 steht…  

Wunder stehen in diesen Tagen fast schon inflationär hoch im Kurs und die Frage, ob es tatsächlich statt hat, ist immer auch eine Frage der Perspektive.  Klar, dass es nur ein Wunder – das Eintracht-Wunder geben kann und wird – wir verfügen über mehrfache, einschlägige Wunder-Erfahrung, sind Wunder-bereit, unsere Geschichte ist Wunder-Voll. Das Wunder von Frankfurt, Teil 4, soll heute erzwungen werden. Die Eintracht ist „bereit für das Wunder“. Selbst Charly Körbel ist auf Wunder eingestellt.

Aber auch  andernorts werden irrigerweise potenzielle Wunder beansprucht. In Bremen erwartet uns eine greenwhitewonderwall, im Werder-Shop kann man ein Buch „Wunder von der Weser“ erwerben, in dem gleich 20 Wunder beschrieben sind. Selbst der VFB Stuttgart wartet auf das Wolfsburg-Wunder  und da Warten allein nichts nützt beschwört ein regionaler Radiosender  in einem an Peinlichkeit kaum zu toppenden  Video  das „Wunder von Wolfsburg“ und  wird dabei von Heino, Micaela Schäfer, Costa Cordalis und Jürgen Drews unterstützt. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass der VFB – tschuldigung - auf dem letzten Loch pfeift.

Wie oft hört man nach wichtigen Spielen, die am Ende doch unglücklich verloren werden, den Satz: „Also – man kann ihnen nichts vorwerfen, am Einsatz hat es nicht gelegen.“  Wer am letzten Wochenende das Spiel der Eintracht gegen den BVB gesehen hat, weiß,  was für ein himmelweiter Unterschied zwischen Einsatz und Einsatz liegen kann. Verlieren war keine Option. Und genau  so wird und muss es auch heute sein.

„Wenn es um die Hexe geht, veranstalten wir einen Wurstkessel.“ Hat Axel Hellmann das wirklich gesagt?  Ach so – umgekehrt. Charly Körbel ist sogar der Auffassung:  „Da (also im Spiel gegen Werder) wird ein Feuerwerk abgebrannt.“  Ach so.

Nico Kovac hat – ich bin geneigt zu sagen:mit Bedacht erst – in dieser Woche noch eine weitere Stufe im Endspiel Countdown gezündet:  Alex Meier.  Klar, die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch ohne ihn klar kommt. Wenn einer fehlt, macht ein anderer das, was getan werden muss. Trotzdem. Genau jetzt ist er wieder dabei, keinen Spieltag früher, in exakt diesem Spiel, in dem es darum geht, den magischen Ereignissen der vergangenen Wochen den letzten, entscheidenden Kick zu geben. Zeit,  die letzte Trumpfkarte auszuspielen.  Ob und wie fit Meier schon ist, ob er tatsächlich spielt, für ein paar Minuten aufläuft – mer waas es net, aber schon allein der mögliche Einsatz, steht für Wildentschlossenheit und als Drohung im Raum:  Ha – wer ist Pizarro? Wir haben Meier -  der Fußballgott ist mit uns!

Macht es noch einmal! Sieg in Bremen, Klassenerhalt direkt sichern!

„Let it flow!“ (Nico Kovac)

Kommentare:

  1. Rischdisch, Kerstin, Meier punktgenau eingesetzt, die Fischköpp kriegen Schnappatmung (die ihnen ohnehin auf dem trockenen Land eigen ist), sobald sie des Fußigottes auf unserer Bank auch nur ansichtig werden.

    Ergänze diese Reihe: 5:1 / 6:3 / ..... Yesss

    EINTRACHT !! FRANKFURT !!!

    AntwortenLöschen
  2. Was für ein Elend. Und leider hat Nico Kovac, der bisher alles richtig gemacht hat, heute ein paar Fehler gemacht...

    Ok. Wunder verschoben. Tränen aus dem Gesicht wischen, wieder berappeln und dann mit voller Kraft gegen Nürnberg.

    AntwortenLöschen
  3. Bei einer Tabellensituation wie heute gegen eine alles andere als überragend spielende Bremer Mannschaft die Initiative freiwillig und vollständig abzugeben, ist beschämend. Zum Schluss einer an schwarzen Tagen wahrlich nicht armen Saison noch einen solchen dunkelschwarzen anzuhängen, ihn geradezu noch einzuladen - ich kann nur sagen: mir langt's. Relegation ist mir gerade eben so was von scheissegal.

    AntwortenLöschen
  4. Ich kann an dem was Trainer und Mannschaft in den letzten Wochen geleistet haben nichts, aber auch gar nichts Beschämendes finden.

    Auch ich hatte gehofft, dass wir spätestens nach dem klaren Zwischenstand aus Wolfsburg alles auf eine Karte setzen - die Relegation sicher und mit nur einem Tor den Klassenerhalt direkt sichern. Vielleicht hätte schon das Erscheinen von Meier auf dem Platz den Druck der Bremer etwas relativiert. Kovac hat anders entschieden und das ganz sicher nicht leichtfertig oder unbedacht. Man kann nie sicher sein wie man selbst in der gleichen Situation entschieden hätte - zwei Minuten länger durchhalten und alles wäre gut.

    Mir sind nach Abpfiff die tränen gelaufen und ich nehme mir heute und morgen Zeit, um mich zu berappeln. Wir waren alle vielleicht zu sicher darauf eingestellt, dass es heute vorbei sein würde. Ein Sieg in Bremen wäre (und das habe ich heute morgen so auch beim Aufwachen zu meinem Mit-Adler gesagt) eine größere Sensation gewesen als es der Sieg gegen den BVB bereits war. Und das hat null damit zu tun, dass ich von den Bremern eine überragende Leistung erwartet hätte.

    Jetzt wird alles darauf ankommen, noch einmal den Kopf klar zu bekommen. Irgendwie alle Kraft, inklusive Herzenskraft, mobilisieren und es jetzt eben in der Relegation schaffen. Scheißegal? Ganz sicher nicht!

    AntwortenLöschen
  5. Wenn der Trainer im vornherein ankündigt, man werde in Bremen nicht den Fehler machen, sich hinten reinzustellen, und unterstreicht, wie wichtig es sei, dort mindestens ein Tor zu machen; wenn es dann gegen zwar entschlossen, aber nicht unbedingt sehr inspiriert angreifende Bremer durch Einwechslungen immer defensiver wird und die einzigartige Chance, gegen eine Mannschaft, die gewinnen muss, effektiv zu kontern; wenn es dann in der PK heißt: "Wir haben zu defensiv gestanden, aber es gibt eben Spiele, da geht nach vorne gar nichts" - dann habe ich den Eindruck, irgendwas ist da schief gelaufen, ziemlich schief sogar. Bis auf die ersten 10 Minuten war von einem planvollen Konterspiel aber auch garnichts zu sehen. Die Mannschaft war meines Erachtens weder gut ein- noch gut aufgestellt. Man wisse, auch das wurde im Vorfeld kommuniziert, um die Stärken und Schwächen des Gegners. Wissen wir auch, dass Werder recht stark im Angriff und verwundbar in der Defensive ist. Und haben sie ihre Stärke entfalten lassen, ohne jegliches erkennbares Konzept, ihre Schwäche zu attackieren. Vorrangig hatte Bremen den Druck, nicht wir, auch da hätte sich eine andere Strategie angeboten, auch das eine oder andere Überraschungsmoment.

    Fazit: viele mögliche Ansatzpunkte, von denen keiner wirklich genutzt wurde, selbst nur Versuche dazu waren für mich nicht wahrnehmbar. Und genau das: das weitestgehende Fehlen auch nur der Versuche, vorne was zu reissen - das finde ich beschämend. Werder war nicht wirklich gut, aber couragiert. Das hat heute und gegen uns schon gereicht, um die Liga zu halten.

    AntwortenLöschen
  6. Danke für deine Erläuterungen. Aber wie auch immer man das Spiel analysiert: Das Wort "beschämend" halte ich für absolut fehl am Platz.

    Es ist viel zusammen gekommen. Ich denke mal, Plan war: geordnet stehen, kontern. Das sah in der ersten Viertelsunde m. E. auch gut aus - inklusive Schüssen aus der zweiten Reihe. Hasebe. Fast. Man hat von Anfang an jedem Einzelnen die Nervosität angemerkt, das hat sich im Spielverlauf gesteigert. Das Nullnull zur Halbzeit war perfekt, mit Blick auf Wolsburg dachte ich auch: Jetzt gehen wir aufs Ganze. Aber es lief nicht. Kaum ein Ball kam beim Mitspieler an, die Fehlpassquote war ähnlich hoch wie in Vor-Kovac-Zeiten. Wir haben die Bälle im Mittelfeld zu früh verloren, da war es schon im Ansatz nix mit den Offensivversuchen. Es wurde immer schwieriger die Bremer abzublocken, unsere Defensivordnung ging zunehmend verloren. Es wäre - im Wissen, dass im schlimmsten Fall die Relegation droht - auch aus meiner Sicht richtiger gewesen, jetzt ein Signal zu geben und auf alles oder nichts zu setzen. Kovac hat aus der Situation heraus anders entschieden - wir hatten plötzlich nicht mehr nur etwas zu gewinnen, sondern auch zu verlieren - und es haben nur zwei Minuten gefehlt und seine Entscheidung wäre richtig gewesen. Dann kurz vor Schluss doch noch das Gegentor. Das ist traurig, elend, erstmal niederschmetternd, man kann hadern, hätte, wenn... - aber beschämend? Kovac hat die Mannschaft direkt nach Abpfiff zusammengeholt. Hingefallen. Aufrichten Weitergehen. Das war auch ein Signal!

    In solchen Spielen kann alles passieren. Jeder trainer versucht anders zu agieren als der Gegner erwartet. Normalerweise geht Bremen früher rein, ich hätte Werder - von wegen couragiert - deutlich stürmischer und offensiver erwartet, auch hier spätestens nach dem Ergebnis in Stuttgart. Ein frühes Bremer Tor hätte uns vielleicht in die Karten gespielt. Mer waas es net.

    Mir haben gestern bei uns ein paar andere Dinge auf dem Platz nicht gefallen. Da war viel internes Gerangel, Dispute, Gemeckere. Seferovic tut - so sieht es zumindest aus - der Mannschaft nicht wirklich gut. Gestern hat vor allem auch das allerletzte Fünkchen Gemeinschaftsgefühl und Entschlossenheit gefehlt, mit dem wir den Sieg gegen BVB geholt haben.

    Mir sitzt das alles noch sehr in den Knochen und auf dem Herz. Genug gekämpft, will es in mir denken. Aber wir - die Eintracht und auch ich - sind Stwhaufmännchen. Wir müssen und werden uns berappeln und den Klassenerhalt in der Relegation schaffen. Das wird schwer, aber wir packen das, auch ohne Wunder.

    AntwortenLöschen
  7. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  8. Ja die ersten 10 Minuten. Nicht schlecht, da wollte man offenbar den Spielplan gegen D'mund reproduzieren. Ob das aber eine gute Idee war? Wiederholte Überraschungsmomente sind keine mehr.

    Mir ist ja durchaus auch positiv aufgefallen, gerade im Unterschied zu Veh-Zeiten, dass ziemlich oft die Spieler einander geholfen haben. Hatte sich ein Bremer mal durchgespielt - was leider auf unserer linken Verteidigungsseite nur zu oft der Fall war - , war sofort ein anderer zur Stelle, um den Brand zu löschen. Hat ja auch nicht so schlecht geklappt - zu allzu vielen Torchancen ist Werder nicht gekommen.

    Und genau das ist mein Thema. Bremen war bis in die Haarspitzen hinein motiviert, aber nicht besonders zwingend in seinen Aktionen. Ein übermächtiger Gegner sieht wahrlich anders aus. In der Ausgangssituation lag die Eintracht vor Bremen. Sie wusste, dass deren Schwachstelle ganz klar die Verteidigung ist: 65 Gegentore, zweitschlechteste Defensive der Liga. Und was machen die Adler? Werden immer und immer passiver, haben ganz offenkundig die Hosen voll, kriegen nach vorn nichts, aber auch garnichts auf die Reihe. Die maximale Ballbesitzzeit war im Durchschnitt sicherlich nicht mehr als wenige Sekunden, dann war er wieder weg, der Ball. Spieler, die das hätten ändern können, wurden nicht eingewechselt. Die ganze Mannschaft stand so tief, ich hatte den Eindruck, die hätten sich am liebsten noch hinter dem Tor formiert.

    Und so war es irgendwie völlig klar, dass selbst limitierte Bremer, denen man es freizügig gestattet hat, ihre relative Offensivstärke zu entfalten, den Ball irgendwie und irgendwann noch reindrücken würden.

    Dies alles zusammen genommen finde ich jedenfalls kropfunnötig und eben aufgrund des absoluten Mangels wenigstens von Versuchen, effektiv darauf zu reagieren, kläglich und eben auch beschämend. Räume selbstverständlich gern ein, dass jemand anders das wiederum auch ganz anders sieht, wertet und empfindet. Und damit soll's von meiner Seite auch gut sein.

    AntwortenLöschen
  9. P.S. Wobei dies alles für die Stuttgarter aktuell eher ein Luxusproblem sein dürfte: 3 Profifußball-Mannschaften aus der schwäbischen Metropole abgestiegen, das ist herb. Hoffe, des schwäbischen Mitadlers Herz hängt da nicht zu sehr dran. Wenn doch, muss mer da dorsch.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der schwäbische Mitadler ist von den VFB-Dingen deutlich angeknockt, hofft aber auf einen gründlichen Neuanfang unter Allgöwer. Mit den Kickers hat er nix am Hut, sieht den gesamtschwäbischen Verfall aber doch mit Sorge.

      Löschen
  10. Als un als weider, wie der Middlehesse zu sagen pflegt.

    AntwortenLöschen
  11. Halte mich gerade an einem bedenklichen Ort auf. Guck ich durchs eine Fenster, seh ich gegenüber das Haus, in dem Friedrich Nietzsche etliche Sommer verbracht hat. 6000 Fuß über dem Meer. Durchs andere Fenster das Hotel Alpenrose, ältestes Haus am Ort, wo er häufig sein Mittagessen einzunehmen pflegte. Und jetzt kommts: oft hatte er, auch als Gehstütze, seinen Regenschirm dabei und stellte den im Hotel in den dafür vorgesehenen Ständer. Die Engadiner Bauernkinder, denen der merkwürdige Kauz suspekt war, fütterten den abgestellten Schirm mit einheimischen Steinen (Gneise), die Nietzsche, wenn er im Aufbruch den Schirm öffnete, auf den Kopf fielen. Und jetzt kommts nochmal: genau so habe ich mich, ohne anmaßend sein zu wollen, (mal wieder) nach Spielende Bremen gefühlt: der Himmel fiel mir steinern auf den Kopp. Muss das sein? Laut Eintracht offenbar: ja. Ganz in der Nähe am See: Nietzsches pyramidaler Stein der ewigen Wiederkehr. Auch das noch. Der Mann hat auch über Adler geschrieben. Mir wird das allmählich etwas unheimlich. Ein Glas Roten noch, jedenfalls. Ihne Ihrn ak





























    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und dann hat er ihn vergessen, den Regenschirm und es auch noch notiert. Ein schwerer Regen ging nieder, die nachgeborenen Essayisten wetzten die Federn, die Adler schüttelten das nasse Gefieder und flogen wieder, weiter und höher. Gruß, C. (Und der rote leuchtet im Glas und erleuchtet den stillen Zecher)

      Löschen
    2. Ich lerne aus dem Steingedöns, das erst Herrn Nietzsche und dann dem Adlerkadabra aufs Haupt gefallen ist, vor allem eins: Wir sollten morgen den Schirm zuhause lassen.

      Löschen