Sonntag, 27. September 2015

Standardsituation - "Was e Ähnlichkeit..."

Heute also gegen Hertha. Die Sonne scheint von einem blitzeblauen Himmel, ein leichtes Lüftchen weht, bestes Fußballwetter, aber auch bestes Wetter für den Garten, fürs Radfahren oder um mit einem Buch in der Sonne zu sitzen. Nach einer durcheinandergewirbelten Woche, die mir mehr als eine Überraschung gebracht hat, war ich einmal mehr durchaus in Versuchung, einfach mal alles Baumeln zu lassen, aber nichts da: Der Berg bzw. das Waldstadion ruft.

Siebter Spieltag und so ganz allmählich stellen sich zumindest die Tendenzweichen in der Liga.  In der Mitte – so kann man vermuten – wird es auch dieses Jahr wieder eng zugehen: Ein Sieg bedeutet Anschluss nach oben, bei einer Niederlage droht das Abrutschen nach unten. So ähnlich ist die Situation für sechs, sieben Mannschaften und so ähnlich wird sie vermutlich  für diese Mannschaften auch während der ganzen Saison bleiben, Eintracht inklusive. Das ist inzwischen in der Liga fast Standard. Wenn man dann im richtigen Moment mal einen verwandelt (= außer der Reihe punktet) kann - nach dem Motto "Einer kam durch" - auch der Coup nach oben gelingen. Dumm nur, dass wir bei Standardsituationen - nicht nur auf dem Platz – so unsere Probleme  haben.

Das Fazit nach zwei Auswärtsspielen fällt, wenn man so herum hört, überwiegend positiv aus. Nur ein Punkt, aber gut gespielt. Mmh… Auf Schalke unglücklich verloren, das lässt hoffen. Och joh…  „Wir haben ein Konzept…Wir spielen Eintracht-Fußball...Das Veh-Gen… der erkennbare Spielstil…“  Fast schon gebetsmühlenartig wird das so – oder ähnlich – überall betont. Es ist ein bisschen als ob Jeder die Presseinfos der Eintracht gut studiert hat und wiedergibt.  Im Marketingsprech: Die Neupositionierung in den Köpfen ist zumindest schon mal gelungen. 

So richtig will ich mich dem (noch?) nicht anschließen. Trotz einiger (nein, nicht vieler) guter Chancen hatte ich z. B. am Mittwoch nie das Gefühl, dass wir gewinnen könnten. Nicht konsequent, zu wenig druckvoll, ein bisschen ängstlich. „Des war nix Genaues…“ (Zitat Papa bei diesen und vielen anderen Gelegenheiten) War das 6:2 gegen Köln vielleicht nur ein Traum? Dann zumindest ein wunderschöner.

Hertha hatte ich vor der Saison eher als Abstiegskandidat auf der Rechnung. Derzeit sieht das – trotz überdurchschnittlich vielen Verletzen – nicht so aus. 10 Punkte, vier davon auswärts - das ist eindeutig "Mitte". Immer noch nicht daran gewöhnt habe ich mich, dass Vedad Ibisevic (sprich: Ibisewitsch) jetzt in Berlin spielt – und dort auch wieder trifft.

Die Eintracht-Pressekonferenz vor dem Spiel: Merkwürdig verdruckst, uninspiriert und ungewohnt einsilbig - nicht nur von Armin Veh, sondern auch von journalistischer Seite. Wir reden nicht übers Spiel, nicht mal über Jerry, sondern über die Welt und den Fußball an sich. Haris Seferovic fällt sicher aus, Stefan Reinartz vielleicht – und es könnte sein, dass seine ruhige und konsequente Spielweise uns beim Spielaufbau fehlen wird. Waldschmidt oder Aigner? So leid es mir für Aigner tut, plädiere ich für Waldschmidt. Übereifrig, bemüht, aber fruchtlos – so sah das bei Aigner (leider) gegen Schalke aus.

Kein so richtig gutes Gefühl also und ich werte das einfach mal als gutes Zeichen. Wenn ich wenig erwarte, schießen wir sechs Tore. Wenn ich ein gutes Gefühl habe (wie gegen Schalke), verlieren wir. Dann kann das „Ich weiß nicht“-Gefühl von heute also nur etwas Gutes bedeuten. (Hurra, ein Untentschieden?)

Vorgestern habe ich im Kicker gelesen, dass das Verfahren gegen Marco Reus  - von wegen „Fahren ohne Führerschein“ – eingestellt worden ist. Es lässt sich nicht eindeutig feststellen, wie oft Reus tatsächlich selbst gefahren ist, denn er hat das Auto öfter mal an Freunde ausgeliehen, die „ihm zum Teil ähnlich sehen.“

Mir fällt dazu wieder einmal die Oma meiner Freundin Elli ein, die in hohem Alter ein wenig verwirrt war, und jedesmal, wenn sie mich gesehen hat, vollkommen überrascht war, dass ich tatsächlich ich bin: „Was e Ähnlichkeit…“

Bin ichs oder bin ichs nicht? Diese Frage lässt sich also nicht immer eindeutig beantworten...

Sollten wir nachher virtuos kombinieren,  Hertha durcheinander wirbeln und mindestens 25 Tore schießen – klare Sache: Das ist dann unverkennbar das neue Veh-Gen und der neue Eintracht-Stil. Falls die Eintracht aber nur irgendwie spielt, kein Konzept erkennbar sein sollte oder keine Tore fallen, dann kommt uns das zwar irgendwie bekannt vor, aber wir sollten uns trotzdem nicht an Ellis Oma, sondern lieber an Marco Reus erinnern: Das war gar nicht die Eintracht – nur eine Mannschaft, die so ähnlich aussieht.

Heimsieg und sonst gar nix!

Kommentare:

  1. Bin ichs oder bin ichs nicht? Das ist auch die zentrale Frage in dem grandiosen Bilderbuch 'Der Bär, der nicht da war' von Oren Lavie, kongenial übersetzt von Harry Rowohlt (seine letzte Übersetzung) und ebenso kongenial illuminiert von Wolf Erlbruch (Verlag Kunstmann). Alles beginnt mit einem Juckreiz im Wald, der sich kratzt, aber dennoch ständig zunimmt, und dann: "Eine Minute später begann Pelz den Juckreiz zu bedecken. Und aus dem Pelz wuchsen Arme und Beine und eine Nase ... Nicht lange, und der Juckreiz sah sehr aus wie ... ein Bär.“ Ein Bär, der bald darauf aus seiner Felltasche einen Zettel hervorkramt, auf dem steht: "Bist Du ich?" Später stellt er fest: „Ich hatte doch gleich das Gefühl, dass ich ich bin“. Aber damit ist es freilich nicht getan, die Fragen gehen so rasch nicht aus.„’Bin ich der Erste?’, dachte er. ‚Bin ich der Letzte?’, und er fragte sich, ob es besser war, der Erste oder der Letzte zu sein, wenn man alleine war.“ Etc.

    Ja und heute? Veh-Gen? Jerryismus? Erste HZ fand ich gut, vom Unorthodoxen Lukas (muss ein naher Verwandter des Vorletzten Vorzeigepinguins aus dem Bärenbuch sein) bis vor zum notorisch Famosen FG - wie langweilig: Innenrist, Tor. Berlin bissig im Griff gehabt, fleißige Ballgewinne im Mittelfeld, ziemlich sicheres Kurzpasspiel.

    2. HZ - was war los? Die alte Dame alias Harte Nuss legte beachtlich zu und die Eintracht ab, Engagement und Courage nämlich. Sodass man über das endliche Endergebnis Unentschieden (Bingo, Kerstin) schwerlich meckern kann. Erkenntnisse gab es aber schon, wie ich finde. Z.B.: VornedenBallFestmacher und Immerdraufgeher Seferovic fehlt. Der Häufiggeforderte Kadlec, ja, schwierig - engagiert war er schon, siehe sein beherzt eingesprungener Kopfball, aber ansonsten lief das Spiel eher an ihm vorbei, oder um ihn herum, oder er um das Spiel, wer weiß das schon. Der für ihn gekommene Lucas mit c hatte nicht den allerbesten Tag erwischt, das kann er besser, ist ja noch verdammt jung. Aber: nach einer halben Stunde wieder raus, war's denn wirklich so schlimm? Castaignos - braucht den Haris, ganz klar. Wobei, den schön vorlegten Lupfer hätte er auch ohne ihn reinmachen können. Hat er nicht, 1 Punkt, basta. Obwohl mich das Altedamentor nach Rumgeflippere, das eben doch auch ziemlich glücklich war (für die annern), immer noch wurmt.



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  2. Die Atmosphäre im Stadion hat ja immer eine verstärkende Wirkung - das Schöne ist noch ein bisschen schöner, das Elend noch ein bisschen elender. Die zweite Halbzeit gestern war überaus deprimierend. Die Stimmung im Rund ohnehin merkwürdig apathisch und gedämpft und dann dümpelte die zweite Halbzeit so vor sich hin. Jeder sah, dass das nicht gut gehen kann, dass das 1:0 auf keinen Fall reichen würde. Statt konzentrierter wurde das Spiel immer konfuser, die Wechsel waren alle daneben. Auch diejenigen, die in der ersten Hälfte noch einigermaßen gut dabei waren (vorneweg Stendera) bauten ab und dann passierte, was passieren musste. Noch gestern Nacht vorm Einschlafen habe ich den immer gleichen - hilf- und einfallslosen - Spielzug gesehen. Ignijovski über rechts, zieht zu früh nach Innen, langer Flankenball irgendwo da vors Tor , wo man Meier vermuten konnte. Hertha war uns einfach auch konditionell und körperlich in der zweiten Hälfte absolut überlegen, wir sind regelrecht eingeknickt. Zu Beginn der zweiten Hälfte - als wir noch gekonnt hätten, wollten wir nicht bzw. haben die Auswechslungen den ohnehin nur spärlichen Spielfluss weiter unterminiert. Und als wir dann gemusst hätte, ging gar nichts mehr.

    Die Auswechslung von Luca Waldschmidt nur eine halbe Stunde nach seiner Einwechslung finde ich - wie du - vollkommen daneben. Das macht man nicht. Und die Äußerung des Trainers danach - von wegen "Ich bin Profi-Trainer und kein Jugendtrainer" macht es nicht gerade besser. Luca hatte keinen guten Tag - aber das hatte er mit den meisten seiner Kollegen gemeinsam, die fünf hätten sie gemeinsam schon noch über die Bühne gebracht. Falsches Zeichen - passt aber in mein - nach wie vor sehr schwankendes - Veh-Bild.

    Das schlimmste in den Minuten nach Abpfiff: Das Gefühl, genau zu wissen, wie es jetzt weitergeht. Fast hatte ich das Gefühl, die Kommentare von Armin Veh schon vorab zu wissen. Deja vu. Von wegen "doch noch nicht so weit" etc. etc. Insofern trifft die "Was e Ähnlichkeit"-Überschrift auch im Nachhinein den Nagel auf den Kopf...

    Vielen Dank für den Bilderbuch-Hinweis und auf Harry Rowohlt. Großartig - er und seine Übersetzungen. Auf längeren Autofahrten höre ich ihm immer gerne dabei zu, wie er ein Kapitel aus "Pu" vorliest. Habe mir den Bären, der nicht da war, gleich bestellt - zumal ich zu allen Arten von Bären ohnehin ein seeeehr enges Verhältnis habe. Freu mich schon drauf!

    Bin ich's oder bin ich's nicht: Kennst du die Novelle "Ich" von Schnitzler. Eine sehr befremdliche, kleine Geschichte, in der ein Mann eines Tages damit anfängt, die Dinge seiner Umwelt mit Zetteln zu beschriften. "Baum", "Tisch", "Mantel", "Hut" und so weiter. Ganz zum Schluss: "Ich".

    Wer klebt wohl zum Schluss den Zettel auf die Eintracht?

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  3. Danke für den Hinweis, 'Ich' kenne ich nicht, aber ohne Ich-Zettel giltet das nicht : - ) Egal, das sollte sich ändern. Immerhin, das beschriebene Verfahren schützt davor, seine Frau mit einem Hut zu verwechseln. (Der ist jetzt auch tot, der Oliver Sacks.)

    Wer klebt zum Schluss? Ich denke, Jerry ist ein guter Mann für letzte Dinge. Aber wohin kleben? Die Geschäftsstelle? Attila? Ich zweifle sehr an der Flugfähigkeit eines bebäbbten Adlers ...

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