Sonntag, 5. April 2015

Wir machen Musik

Nach einem Spiel wie gestern ist es für mich fast eine Befreiung, dass ich noch ein gutes Stück mit dem Auto nach Hause zu fahren habe. Schon auf dem Rückmarsch zum Auto nehmen der erste jähe Zorn und die Enttäuschung meist eine andere Färbung an. Die erste Luft ist in der nach-dem-Spiel-Diskussion abgelassen, fürs erste ist alles geschwätzt. Es ist wie es ist. Je nach Situation wird aus brennender Enttäuschung vielleicht Melancholie, aus Ärger Galgenhumor, aus Frust müde Mattigkeit. Gestern, als ich  nach dem Spiel  zum Auto zurückgetappert bin, ist  nichts abgeklungen, sondern es hat sich von Schritt zu Schritt verstärkt.  Eben im Stadion war es stockfinster,  Regen, kalt. Jetzt strahlt die Sonne vom blitzeblauen Himmel. Schääfchenwolken.  Bin ich müde? Melancholisch? Nix da – ich bin nur eins: Stinkwütend.

Mal sehen, nach welcher Musik mir jetzt der Sinn steht. Ich wühle in der CD-Kiste auf dem Rücksitz, erwische Rio Reiser - yep – und  fahre los  „Alles Lüge!“ singt Rio auf Höhe Sachsenhausen in voller Lautstärke  und „Alles Lüge!“ singe, schreie  ich in voller Stärke mit und erinnere mich dankenswerterweise daran, dass die Erde um die Sonne und nicht um einen Fußball kreist. „Das alles und noch viel meeeeeeeeeeeeehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär“,  schreien Rio und ich – inzwischen am Frankfurter Kreuz -  gemeinsam in die Welt und ich fuchtele dabei mit der Faust.  Bei “Doch es tut nicht mehr weh, alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh…“ stehen Rio und ich  an der Ampel in Mainz-Hechtsheim.  Das ist  - wie alles – eine Lüge, denn in mir ist nichts stumm und es stürmt weiter. Wahr jedoch  ist: Als ich vor unserer Haustür stehe, fühle ich mich besser.

Stunden später

Abends, spät abends, und nach einigen kühlen und belebenden Getränken bin ich so weit, dass ich das, was ich beim Spiel gegen Hannover im Stadion gesehen habe, in Worte fassen kann:

Es ist, als ob ein Orchester ein Konzert zu geben hat, aber die Musiker haben keine Ahnung, welches Stück sie spielen sollen. Manch einer hat eine Melodie im Kopf –  im einfachsten Sinn vielleicht so etwas wie:  Rausgehen und Fußball spielen -, aber keiner kennt die Noten.  Andere haben ihre Stärken ohnehin nur in den brummenden Tönen. Vom Dirigent ist nichts zu sehen. Die Partitur ist verloren gegangen und so versucht jeder auf seinem Instrument irgendeinen Ton anzuschlagen und hofft, dass er ihn trifft oder zumindest bei einem anderen einen Widerhall findet.  Leider spielt jeder in einer anderen Tonlage. Manche können keine Noten, andere haben sogar  ihre Instrumente verwechselt. Sonny Kittel  zum Beispiel ist als Sologeiger besetzt, wäre aber viel besser auf der linken Seite im Ensemble aufgehoben. Stefan Aigner hört die Musik nur von fern. Er hat die Hoffnung aufgegeben, dass ihn ein Ton erreicht und versucht sich als Stehgeiger (hat er in der ersten Halbzeit überhaupt einen einzigen Ball bekommen? Hat er?)  Alex Meier hat sein Cello gleich ganz zu Hause gelassen und versteckt sich lieber  im Orchestergraben. Haris Seferovic hat seine Trompete zwar  dabei, stößt aber aus Versehen immer ins gleiche Horn. Makoto Hasebe versucht, die Töne, die zu ihm durchdringen, aufzunehmen und probiert immer mal wieder,  mit Stefan, Haris, Sonny oder Alex ein Duett, Trio oder Quartett zusammen zu bekommen. (Gab es überhaupt einen einzigen langen oder kurzen Offensiv-Pass, der nicht direkt beim Gegner gelandet ist? Gab es?) Bastian Oczipka grübelt darüber nach, wie das Stück hieß, bei dem er früher immer mit seinem Klarinetten-Solo glänzen konnte, kommt aber nicht mehr auf den Namen. Kevin Trapp hat den Überblick über seine Schlaginstrumente verloren und drischt nur noch auf die Pauke  (Gab es einen, nur einen einzigen Abschlag der beim eigenen Mann angekommen ist? Einen einzigen?)  Takashi Inui hat seine Harfe dabei und versucht ihr, im allgemeinen Gewoge, ein paar zarte Töne zu entlocken. Timothy Chandler will lieber nichts falsch machen und versucht den einen, immer gleichen Ton zu halten, was ihm auch gelingt (du liebes bisschen: Ein Pass aus drei Metern zum direkt vor ihm stehenden Gegner, das muss man auch erst mal hinbekommen). Carlos Zambrano spielt sowieso immer sein eigenes Stück und setzt kräftige Akkorde.  Marc Stendera scheint eine Seite der Partitur gefunden zu haben, aber er setzt an der verkehrten Stelle ein.  Alexander Madlung weiß als alter Haudegen, dass es am besten ist, sich nicht beirren zu lassen, beherrscht auf dem Kontrabass aber nur die einfachen Töne.  Da kommt auch noch Lucas Piazon, kann aber mit seiner Ukulele inmitten der allgemeinen Kakophonie auch nichts ausrichten.

All das erinnert mich an eine Anekdote, die ich mal irgendwo gelesen habe:  

Für die kommende Woche ist bei den Wiener Philharmonikern ein Konzert mit einem berühmten Gastdirigenten geplant. Der erste Geiger wird  von einem Journalisten zu dem anstehenden Ereignis befragt: „Hat der Maestro Sie schon informiert, welches Stück er mit Ihnen einstudieren  wird?“  Der Geiger antwortet: „ Keine Ahnung, was er spielt -  wir spielen die Eroica.“

Guter Tipp: Falls unsere Mannschaft die Eroica drauf hat, sollte sie es vielleicht mal damit probieren.

Glückliche Fans nach dem Spiel. Mehr, wir wollen mehr!

Kommentare:

  1. "Wir machen Musik, da geht euch der Hut hoch." Stimmt.

    Schöne Vergleiche, Kerstin!

    Und durchaus möglich, dass sich Orchester und Dirigent nicht auf ein Stück einigen können. Wie es möglich ist, dass wir gar kein Orchester (mehr) haben. Und was, wenn es im Orchestergraben bereits zu Kämpfen gekommen ist? Die sehen dann allerdings nur die deutlich, die den Einblick haben. Wir auf den billigen Plätzen können dagegen nur vermuten, was sich dort abspielt.

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  2. Ja, die Vergleiche passen, finde ich auch. Wobei sich, gewichtiger Unterschied wiederum, ein philharmonisches Orchester nur selten mit einem gegnerischen philharmonischen Orchester auseinanderzusetzen hat (glücklicherweise : - ) Aber die gruppendynamischen Prozesse sind sehr ähnlich, bis hin zum komplexen und oft nicht unheiklen Verhältnis zwischen Team und Maestro. Gestern hatte man gar den Eindruck, die Mannschaft hätte den Anpfiff des Schiris als Kammerton a genommen und erstmal angefangen zu stimmen. Und damit nicht aufgehört, bis es eher schaurig als schön vorbei war. Übrigens, neben dem Dirigenten und quasi als Verbindungsmann zur Mannschaft gibts da noch den Konzertmeister. Wir sehen es ja nur von außen, aber irgendwie habe ich den Eindruck, wir haben einen solchen nur auf dem Papier, nicht aber auf und womöglich auch nicht neben der Bühne. So, es reicht. Nur eines noch: es gibt Niederlagen, die deutlich weniger melancholisch stimmen als dieses gestrige Unentschieden. Saludos - ak

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    1. Schade, adlerkadabra, dass es schon gereicht hat. Ich hätte gern noch mehr gelesen. Doch zum einen soll man ja aufhören, wenn es am schönsten ist, und zum anderen hattest du das Wesentliche wohl schon gesagt. Und deinem Schlussakkord sind keine weitere Töne hinzuzufügen. Die wären ohnehin in Moll.

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  3. Der Konzertmeister ist abgängig, das sehe ich auch so. Orchestergrabenkriege? Möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Wenn schon kein Kammerton, dann pfeifen wir doch trotzdem - wie ich inständig hoffe - noch nicht auf dem letzten Loch.

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