Dienstag, 3. März 2015

Peter Pan, Sterne, Flüsse, Erdbeereis: Element of Crime in Frankfurt

Der Weltgeist hat zugeschlagen. Wo? Gestern Abend, in der Jahrhunderthalle in Höchst, wo wir ein mitreißendes, schwebend schönes Konzert von Element of Crime gesehen haben.

Um Acht soll es losgehen und da wir (überflüssig zu erwähnen) spät dran sind, reicht die Zeit gerade noch,  um in der Halle  ein verhältnismäßig kleines Paar Frankfurter Würstchen für verhältnismäßig viel Geld zu verzehren. Mit dem Gong schwappen wir in die Halle. Vor drei Jahren haben wir Element of Crime schon einmal in kleinem, fast intimen Rahmen in Mainz im KUZ gesehen, das hier heute ist eine ganze Nummer größer. Die weitgehend bestuhlte Jahrhunderthalle ist ausverkauft. Vor der Bühne ein schmaler Streifen Stehplätze, dicht gedrängt. Dort stehen auch wir. Sven Regener selbst sagt die Vorgruppe an. Apples in Space, zwei junge Musiker aus Berlin und Norwegen, sie am Keyboard, er mit Gitarre, die sich stimmlich wunderschön ergänzen. Ein bisschen folky und knapp neben dem Trend klingen sie und sind mit ihren englischsprachigen Texten von Blättern, die fallen, fast ein bisschen rührend. Sven Regener hat ihre erste CD produziert, spielt bei einem Stück auf der CD auch Trompete.  „Wir sind Apples in Space.“ Freundlicher Applaus und dann kommt Element of Crime.

Mitten vor der Bühne hat sich ein baumlanger Herr aufgepflanzt und falls wir nichts sehen, können wir uns das Geschehen auf der Bühne ja auf dem hocherhobenen Screen seines Tablets ansehen, mit dem er unaufhörlich filmt. Da wird Sven Regener sich sicher freuen.

Eine hinreißende Mischung aus Melancholie und Unerschütterlichkeit, aus Witz und Nonchalance, aus Traurigkeit und Unerschrockenheit, die Element of Crime mit ihrer Musik und Sven Regener nicht nur in seinen Liedtexten, sondern auch in seiner Bühnenpräsenz und seinen Zwischenmoderationen ausstrahlt. Er traut sich, sentimental zu sein, kitschig, albern. Ein Realitätsschnipsel, ein Gedanke wird zum Aufhänger für eine Kette aus Assoziationen, die immer neue Spiralen und Kreise zieht.  Nie mehr so rein, nie mehr so weiß wie weißes Papier. Immer da, wo du bist, bin ich nie. Und alles, was lustig ist, ist immer auch ein bisschen traurig und umgekehrt und manchmal weiß man nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen oder auch nicht. Und falls nicht, dann erst recht. Am Ende denk ich immer nur an dich.  Hauptsache Liebe, Hauptsache du. Und vielleicht ist ja wirklich alles Delmenhorst. Zumindest in der Straßenbahn des Todes.

Das Lied „Ich hab dich immer nur geliebt“ hat die Band – so erzählt Regener – vor über 15 Jahren für ein Theaterstück geschrieben, die Abschiedsinszenierung von Leander Haußmann in Bochum. Die Band hat das Stück live bisher nie gespielt. Denn: „Theaterstück – Kontext – wichtig.“ Aber da es sich bei dem Theaterstück um Peter Pan handelte und Sven Regener die Handlung als „irgendwie überschaubar“  beschreibt (Peter Pan kämpft für die Unschuld und die Liebe und besiegt am Ende seinen Intimfeind den bösen Kaptiän Hook), spielen sie  es auf dieser Tour also zum ersten Mal auch live.  Auch ohne Peter Pan ein wunderschönes, verzweifeltes Lied und ein spannender Gedanke, dass das Gute nur deshalb gut sein kann, weil ein anderer sich die Mühe macht, den allseits präsenten Bösewicht zu geben. Was wäre Peter Pan ohne Kapitän Hook?  Ein Tierfilmkucker und Schnittchenschmierer, ein Bodenturner, ein Sitzendpinkler

Lieblingsfarben und Tiere.  Unter diesem Label läuft die Tour und so heißt die neue CD, die auch das Kernstück der Setlist bildet. Sven Regeners Lieblingsfarbe ist grün. Oder rot. Aber blau ist auch ganz schön, obwohl der Kater zu faul ist, um im Hof die Ratten zu jagen. Mitreißend. Träumerisch. Ein strömender Wirbel aus Rhythmen und Gitarren. Und wenn die Trompete so weh und sehnsüchtig strahlt, ist es als ob man abhebt. Kaffee und Karin kommt als überdrehter Polka, eingerahmt von einem fast schon waschechten Hilbilly-Rock.  („Tja, wir können auch anders.“)  Es ist wie anhalten und sich treiben lassen, wie die Flüsse und das Meer, von denen in  Sven Regeners Texten so oft die Rede ist. So oft, dass er – so sagt er auf der Bühne -  die nächsten 15 Jahre brauchen wird, um darüber nachzudenken, warum. Nur die Goldfische bleiben auf dem Bildschirm und das Handy klingelt, während jedes Sandkorn am Strand wie ein Blick von dir ist.  Zwischendurch nimmt er einen Schluck aus seiner Bierflasche und manchmal tanzt er. Ein bisschen wie ein tapsiger Bär, der dabei mit den Armen rudert.

Was hat Element of Crime mit Rainer Werner Fassbinder zu tun? Eigentlich nichts, aber zumindest so viel, dass die Band für ein Lied auf der neuen CD einen Faßbinder-Filmtitel geklaut hat.  Liebe ist kälter als der Tod. Und es war die Fassbinder-Darstellerin Margit Carstensen, die das Käptn Hook-Lied damals in Bochum auf der Bühne gesungen hat. So schließt sich der Kreis und der Weltgeist hat zu geschlagen. 

Aus, es ist aus. Nein, ist es nicht. Die Halle trampelt, johlt. Ganze vier Mal kommt die Band für eine Zugabe zurück auf die Bühne. Über dir, über mir diesselben Sterne. Vielen Dank, vielen Dank, ihr Lieben. Und dann ist es wirklich und endgültig vorbei. 

Will ich ein Tour-Shirt? Ja, ich will. Im Foyer der Jahrhunderthalle, neben der Garderobe, bildet sich ein kleiner Pulk von Menschen vor der Tafel mit Daten und Big Names aus der über 50 jährigen Geschichte der Halle.  Die Liste startet mit dem Jahr 1963. Wahnsinn, wer hier schon alles gespielt hat. Kuck mal – Frank Sinatra. Rory Gallagher. King Crimsen. Miles Davies. Frank Zappa. Jeder sucht nach den Konzerten, bei denen er selbst dabei war. Da, da war ich, da waren wir. Van Morrison. Patti Smith. Bob, natürlich. Im April 1972 ist zu lesen:  25.4 – Roy Black. 26.4 – Grateful Dead. 29.4. – The Doors. Du liebes bisje. Und wir fragen uns, was bei diesem Zusammentreffen wohl aus dem Weltgeist gesprochen hat und dabei vielleicht trotzdem überhört worden ist.

Glücklich und erfüllt, fast ein wenig benommen von Musik  und Gedanken brausen wir durch die verregnete Nacht zurück nach Mainz, wollen die gesperrte Schiersteiner Brücke umgehen und landen dann – keine Ahnung, warum – trotzdem genau dort, kurven kichernd durch die Nacht und landen schließlich – logisch - doch zu Hause. Es ist jetzt schon nach Mitternacht.  Die Nacht ist mild und zieht feine Fäden. Bei kaltem Bier sitzen wir, schwätzen und hören auf den Wind, der braust. Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür. Nur, wenn ich lache, tut es noch weh. Und wenn es hier geht, dann komm mit mir woanders hin, ich weiß noch einen Weg. Wir sind steinmüde und heute Nacht führt unser Weg nur noch in eine Richtung: Ins Bett.

Und tatsächlich. Am Morgen danach wachen wir wieder auf,  zwar ziemlich übernächtigt, aber kein Zweifel:  Wir sind immer noch, immer noch da.

*Alle kursiv gesetzten Stellen sind Zitate aus Liedtexten.

Kommentare:

  1. Vor der Bühne mit einem Tablet zu filmen, das ist eine Unsitte, die mich rasend macht. Geht auch mit Handy. Macht mich auch rasend. Nichts gegen ein Foto, aber die Spezialisten, die permanent mit den Geräten vor meiner Nase rumfuchteln laufen Gefahr, attackiert zu werden. Element of Crime. Immer noch klasse.

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    1. Es ist einfach nur unverschämt und ignorant. Förschderlisch!

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  2. Lange hatte ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, mir doch eine Karte für das Konzert in der Jahrhunderthalle zu besorgen. Nachdem wir Element of Crime vor Jahren im vergleichsweise intimen Capitol in Offenbach gesehen hatten, schien mir die Jahrhunderthalle für die Band einfach die falsche Wahl zu sein. Nun, wenn ich deinen Eintrag lese, könnte es auch sein, dass ich die falsche Wahl getroffen habe. :-)

    PS: Beve, geht mir ähnlich wie dir.

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    1. Das Konzert war einfach nur überwältigend schön und großartig. Wegen der Hallengröße hatten wir im Vorfeld ähnliche Zweifel wie du - Sven Regener hat über das Setting auch ein bisschen gestaunt - von wegen Hand über die Augen und "Huch - wo seid ihr denn?" Ich kann nicht sagen, wie sich das Ganze von einem der oberen Parkettränge angehört und angefühlt hat - in dem schmalen Stehstreifen vor der Bühne war es so wie es sein sollte.

      Da du ja gerade auf "Konzerttour" bist und ich weiß, dass du Element of Crime magst, hatte ich ja fast ein bisschen damit gerechnet dich (oder auch Beve) vor Ort zu treffen. Dann halt... another timer, another place :)

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  3. Danke für den schönen Bericht. Das habe ich leider verpasst - obwohl ich EOC schon ewig bewundere. Sven Regner ist großartig.
    Schade.
    Apropos 'verpasst': Das hätte ich wohl lieber mit dem heutigen Eintrachtspiel getan...
    Seufz.

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