Freitag, 20. März 2015

Ja und Amen.

Wie sich unsereiner über den NSA- oder Handyabhör-Skandal und über ausgeklügelte Überwachungsmechanismen wundern  kann, ist mir vollkommen schleierhaft. Die Geheimdienste müssten doch bescheuert sein, wenn sie mit hochnotgeheimen Methoden für bestimmte Zielpersonen nicht  zumindest ungefähr die Menge und Qualität an digitalen Informationen zutage fördern könnten, die jeder von uns ohnehin mit Freuden und freiwillig täglich öffentlich zugänglich macht. Wir haben ein Google Konto, nutzen Google Drive, Google Maps, Google now. Planen Routen. Shoppen – gerne auch mal per One-Stop-Click. Teilen Inhalte, die uns besonders gut gefallen mit anderen. Sind bei What’s app, Facebook und Twitter, Xing und LinkedIn,  liken, skypen, lesen Zeitungen, organisieren unsere Termine,  teilen anderen gerne mit, wo wir uns gerade aufhalten, schauen Filme und Livestreams, laden uns Software und Guidelines herunter,  markern Favoriten, abonnieren Newsletter, nutzen die Dropbox für unsere Fotos und Dokumente, posten und kommentieren und je besser alles, was wir im Netz machen, miteinander vernetzt ist, umso einfacher wird unser Leben und desto geschlossener und komfortabler ist der Kreislauf, in dem wir uns bewegen, desto enger zurren wir den Kasten, in dem wir sitzen und den wir – cool! - mobil mit uns herumtragen können.  

Was wir gestern geliket, gegoogelt, gebucht  haben, begegnet uns am nächsten Tag als Empfehlung, versorgt uns fortlaufend mit Informationen, jede Seite im Netz, die wir einmal angeklickt haben, verfolgt uns mit Angeboten, Ad ons, Pop ups, Newsbannern.  Egal wohin wir kommen, wir sind schon da.  Wir nutzen Apps, um die wichtigsten Informationen zur Bewältigung unseres Alltags immer griffbereit zu haben: Die  besten Döner in Town, eine nahegelegene öffentliche Toilette, die Stauprognosen zwischen 14 Uhr 12 und 15 Uhr 26 oder die Öffnungszeiten der Imbissbude auf dem Gipfel des Mount Everest. Die Berichte, die wir lesen, sind auf unsere Interessen zugeschnitten. Mundgerecht werden wir  mit den gleichen Inhalten auf wechselnden Content-Kanälen  unterschiedlich „bespielt“. Das Netz weiß, ob wir uns in der Regel eher morgens, abends oder nachts durchs Netz zappen. Wie lange wir uns auf welchen Seiten aufhalten. Welche Bilder, Texte und Videos wir anklicken. Von wo her wir kommen, wo wir landen, wohin wir gehen.

Sollte jemand auf den Gedanken kommen, dass dadurch seine Privatsphäre gefährdet sei, weil er als Individuum, mit allen Facetten seiner Persönlichkeit der Öffentlichkeit ausgeliefert ist, dann kann ich ihn oder sie beruhigen: „Your are invisivible now, you’ve got no secrets to conceal.“  Und überhaupt geht es ja gar nicht um Menschen bzw. „psychische Systeme“ (Luhmann) -  es geht um kommunikative Units. Je kommunikativer und interaktiver wir sind, desto mehr Datenspuren hinterlassen wir, desto besser können wir verortet, versorgt, bedient, mundgerecht beliefert werden. Das ist praktisch. Und so können wir zumindest sicher sein, dass wir, wenn auch nur noch selten da, wo wir sind, zumindest von außen erkennbar „da“ und noch nicht durchs Raster gefallen sind. Teil des Systems, jederzeit anschlussfähig. (Luhmann hätte seinen Spaß daran). 

Letzte Woche ist mein Smartphone gecrasht, vor ein paar Tagen habe ich mein  neues Gerät in Betrieb genommen. Hurra, es geht nichts verloren – alle mein Kontakte, Fotos, Apps sind ja  auf der MicroSim gespeichert, die ich einlege. Einloggen – los. Und ich klicke mich vorschriftsgemäß durch sämtliche Konten, Accounts, AGBs. Authentifzieren. Synchronisieren. Bestätigen. Kompatibilisieren. Zusätzlich herunterladen (noch besserer Service). Aktualisieren. Harmonisieren. Auf X und Y zugreifen. Kopieren. Speichern. Ja. Nein. Nein? Dann geht es hier aber nicht weiter. Ach so?  Ja, dann: Ok. Weiter. Zurück. Klick. Aufklappen. Widget. Wusch.  Mist. Funktioniert doch nicht. Wieder zurück. Zustimmen? Ok. Hurra, geht ja doch. Jetzt nur noch fünf Aussagen respektive fünf Kästchen, denen ich per Klick zustimmen muss, dann ist der Anmelde- und Synchronisierungsvorgang beendet. Aber – hey – ich kann den Weg auch verkürzen, denn da, ganz oben, da steht es, einfach so, schwarz auf weiß  und schörkellos, einfach anklicken und ich bin alle Sorgen los.

⃝  Ja, ich stimme allem zu.

Na, dann – keine weiteren Fragen.

Kommentare:

  1. Ja, ich stimme allem zu. Zu allem, was da oben so steht. ;-)

    Schmeiß dein Smartphone weg. Oder verschenk es. Es macht nicht smart, auch nicht dumm, nur abhängig. "The greatest trick the devil ever pulled was convincing the world he didn't exist", sagt Kevin Spacey in "The Usual Suspects". Und der größte Trick der "Industrie" ist es, die Menschen glauben zu machen, es ginge nicht(s) ohne Smartphone. Doch es geht ohne. Und es fühlt sich gut an. Du kannst es mir glauben. :-)

    AntwortenLöschen
  2. Ob man das Smartphone wegschmeißt oder nicht, mag dem eigenen Frieden hilfreich sein - aufs große Ganze ändert es nichts. Ich habe vor Jahren mit meinem Doktorvater wilde Kämpfe in Sachen Erkenntnisgehalt der Luhmannschen Systemtheorie ausgefochten. Er pro, ich contra. So ganz bin ich auch heute noch nicht bereit zu kapitulieren. Aber ich fürchte: Er könnte mehr recht haben als mir lieb ist. Es gibt kein Außen. So lange wir (im digitalen Zusammenhang klingt das ja wirklich, als ob das Wort zu sich selbst findet) „anschlussfähig“ sind, sind wir drin, wenn nicht, sind wir draußen. Und das bedeutet im Luhmannschen Sinne: Nicht existent. Auch nicht schön.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Luhmanns Sinn ist mir gleich. :-) Ich vertraue lieber auf das, was ich erlebe und empfinde. Und so bin ich lieber draußen als drin, wenn es mir drin nicht gefällt.
      Und was diese Technik mit der „Anschlussfähigkeit“ anstellt, erlebe ich, wenn Menschen in einer Kneipe, einem Konzert oder einer Konferenz mehr mit ihren Smartphones kommunizieren als den Anwesenden.

      Übrigens hast du Recht: Am großen Ganzen ändere ich nichts. Das macht nichts. Wenn ich meinen Frieden finde, reicht mir das allemal. :-)

      Löschen