Dienstag, 17. Februar 2015

Tröööt.

 „Hast du schon die Adler App?“  fragt mich am Freitagnachmittag eine liebe Adler-Freundin, die weiß, dass ich am Samstag gegen Schalke nicht im Stadion sein kann.  Nö, hab ich noch nicht – was macht die? „Na ja, so allerlei. Viele Infos,  Zugriff aufs Forum und aufs Tippspiel, Live-Ticker – und wenn die Eintracht ein Tor schießt, dann trötet sie.“ Das klingt witzig – am Freitagabend lade ich mir also die App herunter.  

Am Samstagabend um viertel nach Sechs stößt mein Smartphone einen mir bis dato unbekannten Tröt-Ton aus.  Die Adler-App?  Ein Tor kann ja noch nicht gefallen sein.  Vielleicht hat sie mir etwas anderes wichtiges mitzuteilen? Nein, keine besonderen Vorkommnisse. Dann war das wohl einfach eine Übung für die kommenden Ereignisse. 

Um kurz nach Sieben fährt der Überlandbus, der uns über die Dörfer Rheinhessens in Richtung Mainzer Innenstadt bringt.  Dort sind wir – außerfastnachtlich – mit lieben Freunden aus WG-Zeiten verabredet. Während ich mich umziehe und meine sieben Sachen zusammenpacke, witsche ich immer wieder ins Wohnzimmer, wo das Spiel jetzt bereits läuft, um zumindest ein paar Live-Eindrücke mitzunehmen.  So richtig gut sieht das nicht aus. Sonny Kittel foult Uchida.  Trotzdem wildentschlossene Gesichter. Haris Seferovic in Großaufnahme. und: Keviiiiin.

Es nützt nichts – wir müssen los. Und wir sind nicht die einzigen, die heute Abend mit dem Bus nach Mainz wollen. An jeder Haltestelle (und es gibt viele) steigen kleine oder auch mal größere Trupps zu: Indianer, Bären, Engel, Maikäfer, Schafe. Ein Mexikaner. Ein Maler Klecksel mit Palette und Leinwand.  Besonders im Trend: Das wollige Ganzkörpertierkostüm, mit dem man es auch bei kälteren Temperaturen gut draußen aushalten kann (ojeminie - erinnere ich mich an eines meiner ersten Kinderkostüme   - „Holländermädchen“ - , bei dem ich beim Draußen spielen immer eine warme Trainingshose unter den Rock ziehen musste). Das lustigste Kostüm trägt ein junger Mann, der mir schräg gegenüber sitzt: Er hat einen blauen Schal um den Hals und geht offensichtlich als Schalker. Wie ich, ist auch er während der ganzen Fahrt mit seinem Handy beschäftigt. In der 65. Minute ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Ich : Yeaaah! Er: sackt schweigend in seinem Sitz zusammen.  

Durch die Gaustraße führt unser Weg zu Fuß bergab in Richtung Innenstadt. Vereinzelte Narrentrupps sind unterwegs. Unterm Wintermantel Tüll. Fastnachtschals.  Die Sky-Kneipe ist gerammelt voll mit allerlei Bemützten. Ich spähe durch die Scheiben. 79. Minute. Stefan Aigner ist rechts durch. Ein Schalker klärt. Ecke. Weiter.

Am Schillerplatz ist bereits die Bühne für die Rosenmondnacht aufgebaut. Vor uns läuft ein Ritter neben einem Teufel: „Stell dir vor", sagt er , "fragt die mich doch wirklich, warum ich am Montag net zur Arbeit komm. Das ist doch unverschämt.“ Der Teufel nickt zustimmend. „Gehst du am Dienstag?“ „Des sehe die dann schon.“

In Facebook hat jemand bereits Bilder von der Choreo gepostet. Bahh. Wahnsinn. So genial die Leuchtbuchstaben aussehen, irritieren sie mich. Ist so viel Technik noch Choreo? Ist die Alfa Romeo Werbung an der Bande hinter den Leuchtbuchstaben Zufall? Das sind so Fragen…

Das ExtraBlatt am Schillerplatz und das Partyzelt gegenüber sind gerammelt voll. Die Fensterscheiben sind beschlagen, dahinter schemenhaft buntes Gewoge. Vor den Eingängen kleine Menschentrauben. Selfies. Gelächter. Am Theater ist schon die Bühne für den Rosenmontagszug aufgebaut. Jugendliche mit allerlei Getränken flanieren  untergehakt über die Ludwigstraße. Der Trend geht zum gruppenimmanenten Einheitskostüm. Dort vier Clowns. Hier drei Skelette. Ein einzelner Hippie (oder war der gar nicht verkleidet?). Das Gutenbergdenkmal ist wie in jedem Jahr bereits narrenbemützt. Gejohle und Gesänge. Am Höfchen sitzt ein Trupp Bären und Schafe um einen Tisch. Die Meenzer Fastnacht ist in diesem Jahr glasfrei. Vielleicht deshalb  klirren und rollen überall Flaschen und knirschen Glasscherben. Über allem strahlt der hellerleuchtete Dom.

Unser Ziel ist  mitten in der Mainzer Altstadt, dort verteilt sich die Fastnacht in die Gässchen und Winkel.  Dicht getränkt stehen kostümierte Menschen vor  erleuchteten Wirtschaften. Laute Musik. Rauchschwaden. Schunkeln. Von irgendwo her tönt das Tschingderassa einer Garde, die am Horizont zu sehen ist. (Aus. Aus. Abpfiff im Waldstadion. Wir haben das 1:0 tatsächlich über die Ziellinie gebracht.)  Ein Gardist fotografiert ein Hochzeitspaar. Verkleidet oder echt? „Des is meiner.“ Na, dann.

Stunden später machen wir uns auf den Heimweg. Eine merkwürdige, fast ein wenig gespenstische Atmosphäre. Weite Teile der Altstadt liegen still. Wie aus dem Off wanken in einigem Abstand  von links oder rechts Kostümierte durchs Bild. Auf einem Blumenkübel sitzt ein Pärchen und knutscht. Am Bordsteinrand ein rauchender Tiger.  Von fern immer noch das Tschingderassa der Garde. Vor einer Kneipe stehen ein paar einsam diskutierende Raucher.  Verrutschte Mützen, wippende Ohren, Lackstiefel, Federboa.  Fünf untergehakte Gardisten schwanken uns entgegen. Mit „helau, helau“ dürfen wir passieren.  Wir tappern durch eine dunkle Seitenstraße und mir fährt für einen Moment der Schreck in die Glieder, Hinter einer Säule taucht ein baumlanger Mann auf, Kopf gesenkt, Hut nach vorne übers Gesicht gezogen.  Hi-hi-hilfe? Aber nein, der Pirat lauert niemandem auf. Er steht und schläft.

Nachts um halb vier sind wir Zuhause. Voll von Gesprächen, Bildern, Gedanken, Erinnerungen. Nachdenklich. Melancholisch.  Froh und vor allem eins: Steinmüde. Aber es hilft nichts: Ich muss, ich muss, mir jetzt nochmal kurz den Spielbericht anschauen. Lucas, mein Lucas.

Kaum im Bett schlafe ich ein und schieße wenige Minuten später wieder in die Höhe. Trööööt. Die Adler-App vermeldet, dass die Eintracht gerade ein Tor geschossen hat. Aber das muss ich wohl geträumt haben.

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