Sonntag, 16. November 2014

Frankfurt – Hin oder Weg?

Zufällig bin ich neulich über den Hinweis auf ein kleines Bändchen mit Texten aus und über Frankfurt gestoßen, dessen Titel mich neugierig gemacht hat. Die Bestellung dauerte etwas länger, da nur direkt beim  Verlag – Waldemar Kramer, Frankfurt – zu haben. Seit ein paar Tagen liegt es vor mir:


„Übermenschliche Kräfte scheinen nötig, um sich in einer Stadt wie Frankfurt eine Heimat zu schaffen.“ Dieser Satz von Botho Kirchhoff ist dem Band als Motto voran gestellt. „Dich will ich loben Hässliches, du hast so was Verlässliches“ hat Robert Gernhardt mal (wenn auch nicht mit Blick auf Frankfurt) gedichtet und hätte mir besser gefallen als Motto für ein Buch aus Frankfurt, das – wie ich vermute – am Ende ja doch nur so etwas wie eine verdeckte Liebeserklärung sein kann. Oder?

Das Buch enthält auf gut 200 Seiten rund 40 kleine Texte, ideal zum zwischendurch immer mal wieder reinlesen. Die Texte sind manchmal nur eine, manchmal 6-7 Seiten lang  und wurden von unterschiedlichen Autoren verfasst sind, die alle einen persönlichen Frankfurt-Bezug haben. Sie sind hier geboren, schauen öfter mal in Frankfurt dabei, haben eine Weile hier gelebt oder leben hier. Schriftsteller, Journalisten, Künstler, Wissenschaftler, Titanic-Autoren. Persönliche Betrachtungen und Kindheitserinnerungen mischen sich mit Gegenwartsbeobachtungen. Auch der Altmeister Eckhard Henscheid beschimpft  ganz am Ende des Buches noch einmal aus voller Seele alles, einfach alles.

Beim ersten Blättern bin ich erleichtert, dass sich im Buch anscheinend kein einziger Text über die Eintracht findet, obwohl kleine Eintracht-Sprengsel - natürlich! - häufiger vorkommen. Zu den Wegsehenswürdigkeiten  haben wir es also – hurra, hurra – noch nicht gebracht (auch wenn der eine oder andere hier vielleicht widersprechen würde ,-).

Die Sprache vieler Texte steht (oder kommt mir das nur so vor?)  in der Nachfolge der neuen Frankfurter Schule.  Sie  ist posierlich und häufig ein wenig selbstverliebt, aber geistreich. So finden sich vielerlei literarische Reminiszenzen von Goethe über Hölderlin zu Schopenhauer – die Kombi glückt mal mehr, mehr weniger.  

Insgesamt blättere ich mit Vergnügen, lese mich  hier und da fest, amüsiere mich – aber, leider, relativiert sich dieses Gefühl mit Blick auf das Ganze. Ich  liebe Frankfurt, bin aber beileibe kein ausgewiesener Frankfurt Kenner – trotzdem  scheint mir  (ich mag mich täuschen) das Frankfurt-Bild, das in der Textfolge entsteht, unterm Strich deutlich zu klischeehaft. Es gibt wenig zu entdecken, stattdessen wird vieles reproduziert,  was man von Frankfurt kennt oder zu kennen glaubt. „Typisch Frankfurt“ – das würde mich nicht stören,  aber manches wirkt unspezifisch und beliebig oder wird ein wenig zwanghaft und nicht immer plausibel unter das Label „wegsehenswürdig“ gepackt. Warum z.B. die „Balkone“, insbesondere der  Römer-Balkon, besonders wegsehenswürdig sein sollen, erschließt sich mir auch nach nochmaliger Lektüre nicht. Manches Wegsehenswürdige, das geschildert wird – nehmen wir z.B. die Baustellen – hat weniger mit Frankfurt, sondern mit der Welt an sich zu tun. In jeder Stadt gibt es jede Menge hässliche Gebäude und Plätze. Ja, und?  Nach   meinem Empfinden werden viel zu häufig gängige Klischees – Banker, Glas, Beton  – kolportiert, statt einen anderen und trotzdem „heimatlichen“ Blick  auf Frankfurt zu werfen. Irgendwann is mal genug  mit der bösen Bankenwelt – auch wenn ich z.B. den Andrea Dieners Gang durchs Europa-Viertel, in dem eine  „wachsende städtische Zielgruppe“ Mainhattan spielt, im „Parkend“ wohnt und in der „Urban Lounge“  „Spinat-Rauke-Suppe mit Kichererbsen und saurer Sahne“ verzehrt und dazu  Fritz-Limonade trinkt und die von Jess Jochimsen beobachteten Banker, die  in winterlicher Kälte im feinen  Zwirn und mit Smartphones vor einem Gebäude stehen, auf das „Punk is not dead“ gesprüht ist, sehr witzig finde.

Bei einigen Autoren  vermischt sich der Blick auf das, was ist, mit dem auf das, was war. Das glückt nicht immer, kann aber sehr reizvoll sein – z.B. bei Elsemarie Maletzke, die auf Streifzug durchs  Nordend geht und dabei auch die Spuren von Henscheids „Vollidioten“ (in denen sie ja selbst keine ganz unerhebliche Rolle spielt) aufnimmt.

 „Was ist (in Frankfurt) zugleich hässlich, abscheulich, hat aber nicht wirklich Erregungspotenzial? Oder anders gesagt: Was ist zum einen völlig unwichtig, und zum anderen so, dass man sich dennoch gerne darüber echauffiert, einfach aus Spaß an der Freude?“ Das fragt sich im Buch Andreas Maier. Und die Liste der Wegsehenswürdigkeiten, die von den Autoren des Bandes in den Blickpunkt gerückt werden, ist ebenso lang wie vielfältig.  Der nicht vorhandene Platz vor dem Hauptbahnhof: Hässlich. Der kahle Roßmarkt: Hässlich. Beim Kauf eines LAN-Kabels wird  „My Zeil“ zum Danteschen Inferno. Müsste die U-Bahn in Frankfurt nicht eigentlich O-Bahn heißen? Und was ist eigentlich los mit der Linie 11? Wie  Ex-Titanic Redakteur Stefan Gärtner, der (so steht es in Wikepedia) im Jahr 2014 in Frankfurt den ersten und einzigen Eckhard Henscheid-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hat, berichtet, sitzt mitten in Frankfurt an einer Haltestelle seit vielen Jahren ein Besucher vom Land, der mit einer Straßenbahn dieser Linie fahren will, die nie vorbeikommt. Die Zeit wird zusätzlich zur Qual, da er sich dabei auch noch die Kommentare eines "rotbenasten" Einheimischen anhören muss. Nach vielen Jahren, als er sich schließlich entschließt zu Fuß zu gehen, kommt - kaum, dass er außer Laufweite ist - die 11 und folgt damit dem großen Gesetz, das wir alle nicht kennen. Kafka lässt grüßen. Esst ihr gerne Zunge mit Kraut? Nehmen die Kellner und Bedienungen im Gemalten Haus tatsächlich regelmäßig an Kursen teil, in denen sie lernen, so richtig hessisch unfreundlich zu sein? Und stimmt das wirklich, dass der Satz „Es ist reserviert“ beim Atschel  nur ein Vorwand ist, um den Laden möglichst schon abends um 7 rappelvoll zu bekommen?

Andreas Maier, Wetterauer Heimatdichter und Eintracht-Fan, lässt sich nicht nur bei Reisen ins Ausland von den Apfelweinengeln mit Apfelwein versorgen, sondern isst – wie ich jetzt aus erster Hand weiß – täglich zum ca. Preis von 2,80 Euro einen Handkäs -  beim Wagner, in der Buchscheer oder im Gemalten Haus. Ein Handkäs verdient es nur dann Handkäs genannt zu werden,  wenn er  am Ende seiner Reife, mithin so richtig stinkig ist,  mit Essig und Öl eingelegt (von beidem keineswegs zu viel), mit handgeschnittenen Zwiebeln angerichtet  und zimmerwarm serviert wird.   Es gibt viele Methoden aus dieser Delikatesse, die „dem Paradies sehr nahe kommt“,  eine Wegsehenswürdigkeit zu  machen (= einen Gegenstand, dem Maiers „Verachtung gilt“, ohne dass er einen besonderen Grund hätte, sich „gegen ihn aufzulehnen“. ) Wegsehenswürdig ist ein Handkäs z.B. dann, wenn man ihn zu zweit  (oder gar zu dritt!) auf einen Teller legt, ihn mit Kresse bestreut oder direkt aus dem Kühlschrank auf den Tisch bringt. Oder wenn man ihn in einem noch unreifen, innen weißen Zustand serviert – also so, wie z.B. ich ihn fast noch lieber als stinkig esse, bekennender Handkäs-Barbar, der ich bin.

Soweit so schön, jetzt zum (für mich) größten Ärgernis des Bändchens – einem Text,  der sich mit der „Commerzbank-Arena“ beschäftigt und unter dem Titel „Geschichts- und bedenkenlos" einen Blick auf das alte Waldstadion wirft. An und für sich kein schlechter Ansatz, aber der Text des Soziologen Detlev Claussen  – einem Bremer Werder-Fan, der in den 1960er und 1970er Jahren in Frankfurt studiert hat und wohl damals häufig im Waldstadion war - atmet doch eine gewisse Fremdheit gegenüber seinem Gegenstand. Im Waldstadion kann er in den letzten Jahren  jedenfalls kaum noch einmal gewesen sein. Sonst könnte er nicht darüber berichten, dass der Text der  „sogenannten Eintracht-Hymne“, die eigentlich ein „postnationalsozialistisches Heimatlied“ (ui) ist, auf dem „Videowürfel eingeblendet"  (Hilfe!) und dann von einem „Karaokepublikum gegrölt“ wird. Aha.

Viel besser gefällt mir da die freundliche Reminiszenz an die Eintracht, die ich  ganz am Ende der Geschichte finde, die Otto A. Böhmer erzählt und die bezeichnenderweise den Titel „Frankfurter Jungs“  trägt. Böhmers Geschichte erzählt vom  Puppentheater Donniwettis Kleine Denkerbühne, das „Richard Windsheimer, Adorno-Schüler a.D.“  einst in Frankfurt Griesheim betrieben habe.  Er erinnert sich, wie Goethe, Schopenhauer und Theo W. Zenga dort dereinst diskutierten und sich Hegel-Witze erzählten. Der Autor, der ja eigentlich über Wegsehenswürdiges berichten wollte, lässt seinen Blick von Griesheim aus Richtung Niederrad und Odenwald, hin zur Frankfurter Skyline schweifen und schließt seinen Text stattdessen  mit einer kleinen Hommage an Frankfurt: „… eine Stadt, in der sogar die Wegsehenswürdigkeiten etwas Sehenswürdiges haben – was im Übrigen auch für Frankfurts führenden Fußballverein gilt, der schon immer besser war als sein Ruf.“

Dies gilt es fest zu halten.

Kommentare:

  1. ich habe ebenfalls das buch gekauft, allerdings noch nicht zu ende gelesen, und finde es bisher sehr gelungen. deine bewertung bezüglich der baustellen oder hässlicher gebäude und plätze erschließt sich mir nicht ganz. irgendwo ist immer alles besser, schlechter - oder eben genauso, was ändert das an der hiesigen situation? wichtig ist doch, dass es hier so ist.

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  2. Ich finde das Buch, vor allem auch die Idee, ja ebenfalls weitgehend gelungen (und hoffe, dass das - bei aller leisen Kritik - auch deutlich wird). Viele Texte sind ganz wunderbar!, aber eben nicht alle. Bei den Baustellen stört mich, dass sie zwar hier, aber eben auch überall andernorts nervig sind und für mich nicht als spezifisch frankfurterische Wegsehenswürdigkeit durchgehen.

    Gebäude und Plätze, ja, stimmt, die sind ganz konkret und eindeutig hier häßlich und nicht dort.... Bahnhofsvorplatz, Roßmarkt, Schlips... ja!!! Ich bin, wie gesagt, kein Frankfurter bzw. nur im Geiste, schaue also leicht von außerhalb und hoffe einfach mal, dass ich nicht allzusehr danebenliege. Freu mich sehr über korrigierende Anmerkungen und Ergänzungen!

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  3. Danke für den Hinweis, Kerstin. Das Kirchhoff-Motto kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Kam als Fünfjähriger in den späten 50ern mit meinen Eltern aus der fränkischen Provinz nach Frankfurt, mitten im Winter, kurz vor Weihnachten ins damals noch sehr periphere und fast noch ländliche Preungesheim, Habe mich ein paarmal verkloppen lassen von "meinen Anderen" uff de Gass, weil ich anders sprach, "Bayrisch" ihrer Ansicht nach (was natürlich nicht stimmte ;-). Ich blieb aber zäh, es ging dann auch recht schnell richtig gut. Jetzt im Nachhinein glaube ich, dass die Lücken in den Häuserfronten eine wichtige Rolle dabei gespielt haben. Ich sah sie aus der Tram Linie 13 heraus, wenn wir in die Stadt fuhren, so um die Haltestellen Scheffeleck/Schäfer- Alte Gasse herum. Es war sicherlich nicht bewusst, aber von dem Schrecken, der in diesen Lücken nachbebte und von den Nachbarhäusern als Leere Stelle eingerahmt wurde, empfing ich so etwas wie den Impuls, dass wir alle zusammen es jetzt gut machen sollten. Ein großer Dichter, von Dir aus gesehen noch etwas weiter den Rhein entlang geboren, hat es in seinen späten Jahren in anderem Kontext so gesagt: "Und so geloben wir, glücklich zu sein." Ich habe dieses Diktum eigentlich nie gemocht, es kam mir etwas zähneknirschend vor. Aber jetzt, wo ich dies schreibe, denke ich, es war das unbewusste Programm dieser Wirtschaftswunderjahre, wie ich sie in Frankfurt erlebt habe. Es hat miteinander verbunden.

    Bestens grüßend - Matthias
    P.S. Es heißt Bobbe nach Rheinhessen tragen, kann mir kaum vorstellen, dass der Text an Dir vorbeigegangen ist, aber, da man nie weiß: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/bob-dylans-basement-tapes-komplett-ediert-13264747.html

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    1. Vielen Dank für diese deine Frankfurt-Geschichte, von der ich gerne mehr lesen würde... Das trotzige Zähneknirschen, dieses "nicht, weil, sondern trotzdem" höre ich auch - und ich finde, es passt zu Frankfurt. Uffrescht wie die Sparschel und es alle zusammen gut machen. Und dabei keineswegs das Knoddern vergessen. Dann wird's schon werden und wird ja auch immer. Irgendwie.

      Wenn ein Franke mit einem Bayer verwechselt wird, ist das vermutlich ähnlich absurd, wie wenn man einem Schwaben sagt, dass Badensich genauso klingt wie schwäbisch...

      Nicht nur der Text ist nicht an mir vorübergegangen, sondern selbstverständlich auch nicht die Basement Tapes - einfach großartig. Trotzdem einen sehr herzlichen Dank für den Hinweis und dafür, dass du beim Lesen an mich gedacht hast!

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  4. Neugierig hast du mich auf das Büchlein gemacht, liebe Kerstin. Und bei den Baustellen stimme ich dir jetzt schon zu. :-)

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  5. Falls du das Bändchen liest, wäre ich gespannt auf deine Leseeindrücke!!

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