Sonntag, 5. Oktober 2014

Ein bisschen wie fliegen

Reden wir zunächst über Alex Meier. Als er  vor gut einem Jahr sein  50. Bundesligator für die Eintracht erzielt hat, habe ich mir alle 50 Meier-Tore unter statistischen Gesichtspunktenangeschaut und dabei z.B. festgestellt (ich zitiere):

Alle Tore sind wichtig, manche sind noch ein bisschen wichtiger. Alex Meier ist häufig derjenige, der mit seinen Toren den Bann bricht. Immerhin 20 seiner Tore waren erste Tore, die die Eintracht häufig, fast kann man sagen - in der Regel - auf die Siegerstraße brachte bzw. zumindest die Weichen in Richtung Punktgewinn stellte.
Und:

14 Meier-Tore waren spielentscheidend, d.h.: Alex erzielte den entscheidenden Treffer zum Sieg oder Punktgewinn. Wenn Meier trifft, ist die Chance ohnehin sehr groß, dass die Eintracht als Sieger den Platz verlässt oder punktet. Nur bei 8 (von 43) Spielen mit Meier-Toren stand die Eintracht am Ende mit leeren Händen da, in der Saison 2012/13 kein einziges Mal.

Wie man sieht: Statistik lügt nicht ;)

Endlich wieder Fußball, ist vielfach zu hören und zu lesen, wenn es um das Fazit des gestrigen Spiels geht.
„Endlich wieder Fußball“ – das ist für mich die Bilanz der gesamten bisherigen Saison. Das, genau das, ist Fußball:  Auf und Ab. Hoffnungen. Zweifel. Merkwürdig farblose irgendwie-Spiele, die halbwegs glücklich enden. Katastrophen-Spiele, die so schlecht sind, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Dramatische Spielverläufe.  Fehlentscheidungen. Unglückliche Punktverluste. Errumpelte Siege. Glanzvolle Momente. Überraschungen. Tiefschläge und Verletzungen (die nicht immer nur physisch sein müssen.)  Typen.  Spieler, die sich überraschend in den Vordergrund spielen. Fast schon abgehakte Spieler, die plötzlich zeigen, was wirklich in ihnen steckt.  Ein Fußballgott, der sich nachdrücklich behauptet und zeigt, dass er in den Jahren bei der Eintracht gerade auch an den Momenten gewachsen ist, in denen es nicht so gelaufen ist. Ein Kapitän. Spielerische Ansätze, die erst zögerlich und dann immer deutlicher werden. Kampf. Eine Mannschaft, die auch an schlechten Tagen und nach Rückständen die Punkte nicht hergibt. Gemeinsam herausfinden, was geht und wohin es am Ende führt. Letzte, atemberaubende Minuten. Eine neu zusammengewürfelte Mannschaft, die sich immer besser aufeinander und auf ihren Trainer einstellt  Coole Jungs, die hungrig auf Erfolg sind und hart dafür arbeiten. 

In der Halbzeitpause bin ich mir sicher, dass wir die Punkte heute hier behalten. Erstens verlieren wir (s.o.) äußerst selten Spiele, in denen Meier trifft. Und zweitens war in der ersten Pause so offensichtlich, dass wir „eigentlich“ alles richtig machen, es mitunter „nur“ noch an der Umsetzung hapert. Die – zum Glück seltener werdenden -  Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, individuelle Fehler wären weniger folgenreich, wenn das Umschalten in die Rückwärtsbewegung geschmeidiger funktionieren oder durch besser gestaffeltes Aufrücken abgefedert würde. Inui wirbelt und macht, wenn er jetzt auch noch früher abgibt... Oczipka zieht auf der Außenbahn zu früh nach Innen, generell: Die Außen konsequenter besetzt halten, um auch Meier – an dem das Spiel noch zu häufig vorbeiläuft – besser ins Spiel zu bringen und siehe da – yep -  all das setzt die Mannschaft  nach Wiederanpfiff, in den ersten zwanzig Minuten fast schon brilliant, um.  Die Defensive steht höher und dichter gestaffelt.  Auch das Mittelfeld wird jetzt spielend überbrückt. Mit schnellem, direkten Spiel und klugen „letzten“ Pässen in die Gasse. Das zweite Meier-Tor: Folgerichtig. (Merke: Meier-Tore  in der zweiten Halbzeit  fallen entweder innerhalb der nächsten zehn Minuten nach der Pause oder ungefähr zehn Minuten vor Abpfiff ,-)

Die letzten zehn Minuten des Spiels. Kaum auszuhalten vor Spannung und gleichzeitig wie Abheben, ein bisschen wie fliegen. Das ganze Stadion steht, klatscht, singt.  Sogar der „Als der Inui“-Knodderer schräg hinter mir ist es jetzt zufrieden: „Zum Schluss war er besser.“ Ja dann.  Drei Wechsel in den letzten fünf Minuten. Standing Ovations für Haris Seferovic. Für Alex Meier. Aigner kommt, agil, einsatzfreudig.  Pfeif ab. Pfeif ab.  Er tut es.  Endlich. Hände fliegen in die Luft. Ja, ja, ja. Sieg. Drei Punkte. Fünfter. Umarmungen. Abklatschen. Lehnen an der Bande. Hey. Hey. Hey. Der wunderbar lässige und straighte Haris Seferovic, der direkt auf uns zuläuft und sein Trikot in die Menge wirft.  

Die Momente nach dem Spiel, rund ums Stadion. Bunt, ausgelassen, abgedreht. Tatsächlich: Ein freundlicher Polizist, der  mit seinem Motorrad anhält und den doch recht dichten Verkehr stoppt, um einem stattlichen Adlertrupp den  Übergang zum Parkplatz im Wald zu erleichtern.  Nein, doch nicht.  Er hält nur an, um uns zu beschimpfen. Von wegen Ampel und so, die jedoch weder weit noch breit zu sehen ist. Buuuh.

Die fast ein wenig unwirkliche Stimmung  auf den Wegen und Parkplätzen am und im Wald, das Glück des eben  Erlebten schwebt zwischen den Bäumen, am Himmel steht ein großer, gelber noch nicht ganz runder Mund. „Ihr Geister der Lüfte mit euren sanften Stimmen versammelt euch hier in diesem Wald.“  So heißt es in „The Fairy Queen“, die ich am Donnerstag im Theater gesehen habe. Und hier sind nun:  Rotundschwarze Hobbits, Elfen und Trolle. Muntere,  sanft singende – völlig  irrigerweise oft als gröhlend bezeichnete – fliegende Adlergemeinschaften. Leises Lachen.  Rufe.  Hier ist an einem Auto die Hecktür  hochgeklappt und es wird auf den Sieg angestoßen. Dort haben Zwei es sich auf einem Baumstamm gemütlich gemacht. Ein einzelner, leicht schwankender Adler steht am Wegrand und prostet mit seiner Bierflasche in den Himmel. Scheinwerfer irrlichtern durch die Bäume.

Frohgemut  zurück Richtung Rheinhessen. Ich fahre und  singe, singe, singe, lauthals während ich über die Autobahn brause. Eric Burdon.  Good Times.  We gotta to get out of this place. Bin einfach nur froh und leicht im Hier und Jetzt,  denke an eine liebe Adler-Freundin, die Burdon sehr mag und an Rosa, die heute eine Adlerfahne mit im Stadion hatte, die fast doppelt so groß war wie sie selbst.  Sinne darüber nach, warum beim Namen von Lucas Piazon  auf dem Videowürfel immer noch ein ´ auf dem o steht?  Mmh. Und: Wie betont man Haris Seferovic eigentlich richtig? SefeROvic? Oder doch SeFERovic? Das sind so Fragen.

Zuhause angekommen begrüßt mich die schwarzundweiße Katze maunzend schon vor der Haustür. Drinnen revidiere ich umgehend einen Fehler, zu dem ich nach Lage der Dinge nun einmal stehen muss, den ich mir aber ohne die jetzt durchgeführte Korrektur nicht verzeihen würde: Ich verpflichte für unser Rheinhessenliga-Managerspiel  per Poolkauf den Spieler Alex Meier Fußballgott, dessen Vertrag ich  – zum Zeitpunkt unserer Einkaufsversammlung – mit schlechten Gewissen, aber am Ende eben doch , nicht verlängert hatte. Wie konnte ich? Schwamm drüber.

Kommentare:

  1. Da ist sie ja die Statistik. Und dein Optimismus zur Halbzeit war absolut berechtigt. Und dieses Spiel gab uns Recht, was den generellen Optimismus und das Gefühl von Vertrauen betrifft. Von wegen: Das wird schon. Das war gestern ein klares Zeichen, dass "es" wird.
    Wie konntest du den Vertrag von AM nicht verlängern? Jesses... Aber du konntest das korrigieren? Was ein Glück.

    Ich denke weiter positiv. Das hat sich bewährt. Mein Gefühl sagt mir, dass hier etwas zusammenwächst. Trainer und Mannschaft, neu und alt. Das wird. Ich vertraue darauf. Unser neuer Trainer Thomas Schaaf ist kein Selbstdarsteller, keiner der rumjammert. Er geht in seiner neuen Aufgabe auf. Und ich glaube an ihn und die Mannschaft. Eintracht!

    Ich bin für SeFERovic übrigens.

    LG Nicole

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    1. Ja, wie konnte ich. Unsere Einkaufsversammlung war zu der Zeit, als nicht klar war, ob AM 14 FG bei Schaaf einen Stammplatz haben würde. Und da ich in unserer RHL letztes Jahr einmal mehr abgestunken war und auf Stammspieler angewiesen bin, bin ich schwach geworden...

      SeFERovic, ja, so isses wohl. Mir ist auf der Heimfahrt aufgefallen, dass ich beim Mitschreien der Mannschaftsaufstellung immer asynchron bin und dass das wohl irgendeine höhere Bewandnis haben muss ,-) Witzig, dass Durstewitz und Kilchenstein im FR Video über das gleiche "Problem" sinnieren *g

      Auch meine Gefühl war, ist und bleibt positiv. Mir gefällt das Zusammenraufen, immer besser ineinandergreifen - und dann zeichnet sich ja auch ab, dass Schaaf vielleicht der erste Trainer seit langem sein könnte, der tatsächlich ernst damit macht, Talente zu fördern und junge Spieler in die Mannschaft einzubauen....Hach.... wo das wohl hinführt ,-)) *

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  2. "Tiefschläge und Verletzungen (die nicht immer nur physisch sein müssen.)" Fein beobachtet und beschrieben. Und der Eindruck, dass das Spiel an Meier häufig vorbei läuft, entsteht auch bei mir. Und wird bleiben. Das Los des Stürmers, der im Zentrum auf Bälle lauern muss. Denn sich hinten die Bälle zu holen und dann zu verteilen, bevor er sich in den Angrif schleicht, das ist passé für ihn. Anweisungsgemäß.

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    1. Das ist nicht sein Spiel und mir fällt es auch schwer zu akzeptieren, dass er da einiger seiner fußballerischen Stärken beraubt wird. Aber - hab das ganz zu Beginn der Saison geschrieben und es verdichtet sich - dadurch werden wir, wird unsere Spielweise auch unabhängiger von dem einen. Er hat seinen Platz, er macht seine Tore, er ist - anders als bisher, aber trotzdem - zumal als Kapitän ein wichtiger Angelpunkt auf dem Platz. Sollte er im Laufe der Saison einmal verletzungsbedingt ausfallen, kann z.B. Seferovic in die Spitze rücken, vielleicht Kadlec die Seferovic-Rolle übernehmen - und wir werden auch dann unsere Tore machen. Glaube ich... Dann hätte Schaaf tatsächlich einen Spagat geschafft: Alex Meier als wichtige und torgefährlichste Konstante in unser Spiel integrieren und unser Spielsystem unabhängiger von gemacht.

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  3. Habe mir eben mal Zusammenfassungen des letzten Heimspiels gegen Köln angeschaut: Saison 2010/11, 33. Spieltag, die Eintracht mit Skibbe-Nachfolger Daum. Ergebnis 0:2, vor dem abschließenden Auswärtsspiel in Dortmund war der Abstiegsdrops im Grunde schon gelutscht.

    Vergleiche ich mit dem aktuellen Spiel, komme ich zu dem Schluss: von damals nach heute: ein Quantensprung, gepowert by Hübner, Veh, Daum. Da eine verunsicherte, plan- und konditionslose Mannschaft, die sich zwar verzweifelt bemüht hat, aber im Grund mit sich allein gelassen war - hier ein Team, dem sicherlich noch nicht alles gelingen mag, das aber sehr wohl eine Vorstellung von seinen Möglichkeiten, seinem Spiel hat und dieses so hartnäckig wie kraftvoll nach vorne trägt. Gewiss nicht die eleganteste, im Grund jedoch die stabilste Eintracht, an die ich mich erinnere.

    Sollte sich, was Thomas Schaaf in der PK sagt, als zutreffend erweisen, sinngemäß: dass noch jede Menge Luft nach oben sei - dann, ja dann sehe ich nicht allzu viel, was in dieser Saison nicht möglich wäre. Zu meinem allergrößten Erstaunen. Zu meiner gespannten Erwartung und allergrößten Freude.

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    1. Ein echt krasser Kontrast. Das "Apokalypse now"-Spiel gegen Köln in der Abstiegssaison und das Spiel am Samstag. Das alles ist umso erstaunlicher, da ich die letzte Saison unter Veh - nicht nur wegen der vielen Abgänge - als Bruch empfinde. Veh hat uns zwar keinen Trümmerhaufen hinterlassen, aber viel hat nicht gefehlt. Eine - durch eigene Versäumnisse - nur noch für den Klassenerhalt zugerüstete und verstärkte Mannschaft, eine ganze Reihe perspektivloser Spieler, kein Nach-Vorn-Denken in der Zusammenstellung der Mannschaft, sondern alles auf Schadensbegrenzung (auch wenn er uns das als ultima ratio und das beste, was möglich war, verkauft hat. (...beim Aufschreiben merke ich grade, wie wütend mich das immer noch macht...)

      Jedenfalls: Sieht wirklich so aus als könnte da viel mehr als erhofft und vielleicht sogar (fast) alles.... Langsam, gaaaanz langsam.... Deiner gespannten Erwartung und allergrößten Freude schließe ich mich vollumfänglich an.

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  4. Herrje: "gepowert by Hübner, Veh, S C H A A F " ! Freudianer wollte ich gewiss nie sein - und dann dies : - /

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  5. Da warst du wohl aus Versehen mit dem Kopf auf dem dritten Bein gelandet :)

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  6. Oh ja, direkt mit den Hypophyß auf den annern Physs zu einem sehr schrägen Stand gekommen!

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