Sonntag, 15. Juni 2014

WM-Schnipsel (2): Das fängt ja gut an

Erstaunlich schnell hat die WM im Brasilien  Fahrt aufgenommen und hat sich in den sommerlich geprägten Tagesrrhythmus eingefügt.  Spannende, ansehnliche Fußballspiele, Schiedsrichterfehlentscheidungen, erstaunlich viele Tore, erste Überraschungen. Die Stimmung in den Stadien klingt wie Fußball früher. Aaaah und Oooh und Baaaah und zwischendurch schält sich ein Gesang oder ein Anfeuerungsruf aus der spielbegleitenden Kulisse. Schön.

Erste Verschwörungstheorien greifen um sich.  Sind die Brasilianer zum Sieg gepfiffen worden? Ich denke: Sie hätten am Ende auch so gewonnen. Und es ist nicht der erste falsche Elfmeter – und schon gar nicht der krassesete -,  der gegeben worden ist. Die Brasilianer werden im Turnier – ob mit oder ohne FiFA – weit kommen und die Kroaten hoffentlich trotz Niederlage ebenfalls die Vorrunde überstehen.

Manches ist bei dieser WM neu, vieles hat sich in den letzten Jahren etabliert. Zum eisernen WM-Bestand der jüngeren WM-Zeitrechnung gehört Oliver Kahn, der beim Spiel der Brasilianer gegen Kroatien wohl der einzige ist, der ein „typisches Eröffnungsspiel“ gesehen hat. Wenn man sich die gängigen Plattitüden vorher zurecht legt, muss man sie dann auch sagen, ob es passt oder nicht.  Sehr schön ist die Moderatoren-Kombination mit Oliver Weltke, der Kahn immer mal wieder aus dem Konzept bringt und ihm Dinge entlockt, die wir so noch nicht gewusst haben. „Denke nach und werde reich“  heißt das Buch, dass die Nationalspieler vor der WM 2006 in Deutschland aus motivationsförderlichen Zwecken geschenkt bekommen haben  - der Klinsi, der war halt knitz. Für die die meisten hat das ja dann auch ganz gut geklappt. Da kann der Geburstagstitan manchmal nur noch verkrampft lächeln.

Vollkommen außen vor sind die Spielanalysen, die noch vor einiger Zeit  unabdingbares Markenzeichen des Experten waren. Es wird nicht mehr gezeichnet und eingekringelt und mit Pfeilen gekennzeichnet -  dafür wieder mehr geschwätzt und wer will, kann sich dann ja im Netz das Spiel aus der „taktischen Hintertor-Perspektive“ oder per WM-App eine kritische Abseitsentscheidung aus 525 unterschiedlichen Perspektiven begutachten.

Gekringelt wird stattdessen auf dem Spielfeld, wo das  Freistoß-Spray  zum Einbsatz kommt -  eine höggschd alberne Sache mit einer höggschd albernen Bezeichnung. Leider habe ich immer noch nicht genau identifizieren können, wo genau der Schiedsrichter die Sprühdose herholt. Aus seiner Hosentasche?  Was genau ist das, was er da auf den Rasen sprüht? Was, wenn mehrere Freistöße zeitnah ungefähr an der gleichen Stelle fällig werden? Möglicherweise muss dann mit einer Videokamera die letzte Sprühung lückenlos nachgewiesen werden.  Wäre es perspektivisch vielleicht sinnvoll über einen Werkzeuggürtel für Schiedsrichter nachzudenken? Ihr wisst schon: So zum Umschnallen à la „Hör mal wer da hämmert“, das dann zum "Schau mal, wer da sprüht" werden könnte. Da hätten  „Schiedsrichter auf Weltniveau“ (Schiedsrichterexperte Urs Meier) alles griffbereit, was für nachhaltige Qualität auf dem Platz benötigt wird: Pfeife in mehrfacher Ausfertigung (leise, laut, sehr laut).  Funkgerät zur Verständigung mit denAssistenten. Karten-Set im formschönen Karton in den Farben der jeweiligen Nationalmannschaften.  Und auch eine möglicherweise bald vielfältigere Auswahl an Sprühutensilien wäre einfach und bequem im Gürtel unterzubringen.  Denkbar als Grundausstattung wären  z.B.;  Pfefferspray – zum eventuellen Einsatz gegen randalierende Spieler (oder Fans) - oder  Haarspray, das bei Bedarf auch von Spielern oder Trainern ambulant genutzt werden könnte. Vorsicht, damit nichts verwechselt wird.

Eine WM ist immer auch eine Zeit der Wiederentdeckungen und unverhofften Begegnungen. Tatsächlich: Niko Kovac trainiert die Kroaten. Und bei Kamerum steht Volker Finke am Spielfeldrand und sieht verknitterten Gesichtes zu, wie seine Mannschaft im Regen gegen Mexiko verliert. Beim Spiel Elfenbeinküste gegen Japan stehen "uneser Ivorer" und "unser Japaner" auf dem Platz und kaum  zu glauben, aber wahr:  Theo „maaaaaaaaaaan“  Gekas steht tatsächlich immer noch oder wieder in der Startformation von Griechenland.  Wollen wir hoffen, dass  Bernd Hölzenbein ihn übersieht und nicht etwa auf die Idee kommt, ihn  als Neuentdeckung  zu scouten. Dann vielleicht doch lieber „Eintrachts next Caio“.

Favoriten? Außenseiter? Flops? Auch hier zeigen sich erste Tendenzen. Das  bisher spektakulärste Spiel des Turniers habe ich als Live-Spiel leider verpasst.  Eigentlich wollten wir bei uns im Ort „public viewen“, sind aber stattdessen im Innenhof einer kleinen Weinstube hängen geblieben. Das war wunderbar beschaulich und friedlich und vielleicht der einzige öffentliche Raum, an dem derzeit während der Spiele nicht einmal ein Fernseher läuft. (Darauf kann man im Fall des Falles in den folgenden Wochen möglicherweise noch das eine oder andere Mal zurückkommen). Spielzusammenfassung und Tore gab es  für mich dann also erst hinterher. Wenn Robben orange statt bayernrot trägt, könnte man fast darüber nachdenken, ihn sympathisch zu finden. Und wow:  Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je schon mal einen  so wahnsinnigen  Flugkopfball  aus so großer Entfernung gesehen habe wie den von van Persie.   Mal sehen wie die Spanier das Spiel  wegstecken - „dieses unglaubliche Debakel, das unterm Strich auch ein Fiasko war.“ (Rudi Cerne). Oder um es mit dem Tagesthemenreporter zu sagen: „Ein Trauma, an das die Spanier noch eine ganze Weile zu knabbern haben.“ Abwarten das.

Der Sieg von Costa Rica gegen Uruguay war  ebenfalls eine Riesenüberraschung, wenn auch nicht für mich und all die anderen, die zuvor das WM-Orakel in der FR gelesen haben.  Ein Gürteltier (oder war es eine Krake oder ein Orang Utan?) hat da nämlich längst vorhergesagt hat, dass Costa Rica im Halbfinale stehen wird. Dann war ja klar, dass sie gegen Uruguay damit anfangen.

Eine WM gibt ja häufig auch Hinweise auf Veränderungen in der Spielweise – so gibt es auch fußballerisch es bereits erste Trends und Erkenntnisse  Tiki-Taka aus dem Spiel heraus scheint (nicht nur wegen der Niederlage der Spanier) out.  Das Spiel ist  (es sei denn es herrschen 95% Luftfeuchtigkeit  und Italien spielt gegen England) noch schneller, dafür schnörkelloser und straighter geworden.  Vorab trainierte  Spielzüge und Abläufe, die auf dem Platz perfekt umgesetzt werden:   Lange, sehr harte, flache und platzierte Pässe in die Spitze, die direkt am Mann – hoho, Jogi hat es gewusst – und am Boden mit äußerster technischer Präzision und fußballerischem Können „verarbeitet“ werden. Auffallend  - wirklich auffallend! - viele Distanzschüsse, die – ein vielfach unbeachtetes Detail – mit zwei verschiedenfarbigen Schuhen ausgeführt werden müssen. Das ist zudem sehr praktisch, weil Spieler und Zuschauer auf diese Weise links und rechts besser unterscheiden können.  Neymar ist so etwas wie die Verkörperung dieses neuen Stils. Aber im Ernst:  Wahnsinn, was der kann. Und schön ist er auch noch.

Schon optisch ein Kontrastprogramm: Die Italiener. Als die Kamera  vor dem  Spiel gegen England die Mannschaft „abschwenkt“, sieht sie aus wie ein wild zusammengewürfelter Haufen Aufständischer, der vom verwegen blickenden  Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi (aka Andrea Pirlo) angeführt wird. Dazu passt perfekt die italienische Nationalhymne, die klingt wie aus einer Verdi-Oper.  Jeder Spieler sieht anders aus – vom Iro bis zum wilden Langhaarschnitt, Mähne, rauschende Bärte, Stoppeln – alles dabei. So cool werden die Italiener bei der Vergabe des WM-Titels ein Wörtchen mitreden - und die Engländer hoffentlich zumindest  die Gruppenphase überstehen. Sehr  gespannt bin ich auf  den weiteren Auftritt des kleinen Raheem Sterling, der heiß hin oder her, bei den Engländern 90 Minuten brotlos aber unermüdlich über rechts Druck gemacht hat. .

Morgen wird dann also auch die deutsche Nationalmannschaft ins Turnier starten. Bis dahin überbrücken wir die Zeit immer wieder gerne mit Berichten und Live-Interviews aus dem Camp. Voller Erleichterung nehmen wir nach mehrfacher Nachfrage noch einmal und noch einmal und noch einmal zur  Kenntnis, dass Manuel Neuer wieder mit tun kann. Schweini vielleicht nicht.  Die erblondete Katrin Müller-Hohenstein sitzt in  einem babyblauen  Luftanzug neben  einem sehr erwachsenen und souveränen Poldi am Pool und beinet mit den Baumeln im Wasser. Umgekehrt. Jogi Löw joggt – mal in blau, mal in weiß   – jeden Morgen malerisch am Strand. Während der  PK teilt er uns mit, dass er vollkommen entspannt, die Mannschaft jedoch jederzeit „in höggschder Alarmbereitschaft“ ist, was der Spieler Durm  postwendend bestätigt. Parole: „Wir sind in jeder Minute bereit.“

Auch in näherer Umgebung mehren sich die Vorzeichen auf das bevorstehende nationale  Ereignis. Die Dichte der Deutschlandfähnchen (an den Häusern, an Autos, an den Fenstern und Balkonen) wächst minütlich. Im Schwimmbad sichte ich heute bereits zwei Badetaschen in schwarzrotgold und die Riesenrutsche (es ist kühl und windig und daher ziemlich leer) teile ich mir heute mit einem winzigen kleinen Jungen, der schwarzrotgoldene Schwimmflügel trägt.

Ich sehe das höggschd entspannt.

Kommentare:

  1. So, jetzt weiß ich auch was 'knitz' bedeutet. Glaube ich zumindest.

    Vom Drumherum bei der WM bekomme ich kaum was mit. Ich schalt pünktlich zu den Spielen ein, in der Halbzeitpause um und nach dem Schlusspfiff meist ab. Und die meisten Kommentatoren versuche ich während des Spiels auszublenden.

    "Rasierschaum" auf dem Rasen und den bunten Schühchen der Kicker erinnern mich eher an Halloween als an Fußball, aber veralbert komme ich vor, wenn der Ball für alle sichtbar fast gemächlich über die Linie rollt oder das Netz ausbeult und mir die Torlinientechnik per Animation den Treffer bestätigt. Für die Treffer, die nicht bestätigt werden, obwohl sie regelkonform erzielt werden, gibt es noch keine Technologie. Und für Treffer, die Anerkennung finden, obwohl sie regelwidrig zustande gekommen sind, gibt es zwar die Wiederholung auf den Videoleinwänden im Stadion, doch die darf der Schiedsrichter ja nicht nutzen. Tatsachenentscheidung schlägt Technik, denn es gibt zwar das Video, aber nicht den Videobeweis – auch wenn ihn alle im Stadion sehen können. Da konnten die Spanier noch so protestieren.

    Stichwort Gekas: Als er die hundertprozentige Chance aus wenigen Metern freistehend an die Latte köpfte, musste ich an seinen kapitalen Fehlschuss gegen die Bayern denken. Gelernt ist halt gelernt. Das Auslassen solcher Gelegenheiten hat er sogar noch perfektioniert, denn damals ging der Ball ja nicht in Richtung Tor, sondern glatt vorbei.

    Ach ja: Als Hasebe ging und Djakpa kam, war ich schon eingeschlafen. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste.

    Und Neymar ist ein grandioser Kicker. Und ein Schauspieler. Minuten vor seinem ersten Treffer sieht er im Kopfballduell seinen Gegenspieler kommen, nimmt den Ellenbogen hoch, schaut weg und langt mit Schwung in die Richtung seines Kontrahenten ... Danach mimt er den Unschuldigen und deutet mit zwei Fingern auf seine Augen, so als habe er nichts vom Gegenspieler bemerkt. Neymar kann nicht nur mit den Füßen zaubern, sondern auch mit Gesten lügen. Na ja, zumindest die letzte Begabung haben viele andere auch.

    Heute um Mitternacht spielt Argentinien. Mit einem anderen Zauberer. Mit Messi. Und ich muss um sechs Uhr aufstehen ... Ganz entspannt, versteht sich. :-)

    Liebe Grüße vom Kid

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  2. Zwickau ist wichtig. Und Rostock und Flensburg. Fußball aktuell nur als Nebengeräusch. Gruß aus Ostwestfalen (Bundesligastandort!).

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  3. "Leider habe ich immer noch nicht genau identifizieren können, wo genau der Schiedsrichter die Sprühdose herholt. Aus seiner Hosentasche? " (...) "Wäre es perspektivisch vielleicht sinnvoll über einen Werkzeuggürtel für Schiedsrichter nachzudenken?"

    Gestern habe ich gesehen, dass die Flasche bei einem Schiedsrichter hinten an der Hose hing (Gürtel?). Sieht tatsächlich aus wie das Pfefferspray bei unseren "Freunden" und "Helfern"...

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  4. @Kid: Danke fürs Mitschnipseln. Den freistehenden Latten-Köpfer von Gekas hab ich leider irgendwie verpasst, den Ellbogen-Check von Neymar nicht. Hätte er doch gar nicht nötig.

    Knitz ist ein Mensch im Übrigen dann, wenn er zwar nicht klug, aber auf eine verschmitzte Art clever ist , mmer eine Idee hat, wie er für sich das Beste herausholen kann und denkt, dass ihm die anderen schon nicht drauf kommen. Könnte allerdings sein, dass er sich für cleverer hält als er ist. Irgendwie so. ich muss doch gleich nochmal bei meinem schwäbischen Mit-Adler nachfragen.

    @Owlader: Yep - recht hast du :) Auch wenn es nach dem Spiel heute nicht mehr so ganz einfach sein dürtte, den Lärmpegel der Nebengeräusche zu überhören.

    @Anonym: Echt? An der Hose? Das habe ich noch nicht gesehen. Da gibt es wohl noch keine einheitliche Regelung. Ich bin dafür, dass das umgehend nach §3.754b der FIFA-Sprühverordnung standardisiert wird!

    People are crazy and times are strange. Da bleibt nur eins: Auf nach Zwickau!

    Einträchtlich, K.

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